10

Im Treppenhaus hörte Gerald ein merkwürdiges Geräusch, das aus dem Stockwerk darüber kam. Ein hoher, sirrender Ton, der entsteht, wenn Glas oder Porzellan heftig angestoßen wird.

»Das könnte in der Wohnung von Alexander Faden sein«, sagte er.

Batzko und er stiegen die Treppe hoch. Tatsächlich war die Tür zu Alexanders Apartment halb geöffnet. Am Treppengeländer lehnten mehrere gefaltete Umzugskartons, aus der Wohnung drang ein Geruch von Reinigungsmitteln. Wieder erklangen diese hohen Töne, die Gerald nun dem Badezimmer zuordnen konnte. Er erinnerte sich: Da stand dieses Regal aus Glas mit zahlreichen Schalen, in denen kleine Steine und Sand lagen, vermutlich Mitbringsel von diversen Urlauben, und ein Sortiment aus Shampoos, Rasierwasser etc.

Gerald klopfte an die Wohnungstür. Die Geräusche aus dem Badezimmer hörten abrupt auf, gleichzeitig waren Schritte, langsame, schlurfende Schritte, aus dem Wohnraum zu hören. Dann wurde die Tür geöffnet. Vor den Kommissaren stand ein vielleicht sechzigjähriger, recht klein gewachsener Mann. Er hatte weiße, nach hinten gekämmte Haare, die über den Kragen seines Hemdes fielen. Er war nicht rasiert, die weißen Stoppeln schimmerten im Halbdunkel der Diele. Dennoch machte er auf Gerald keinen ungepflegten Eindruck, dazu waren die Augen zu klar und die Kleidung zu ordentlich, obwohl sie leicht abgetragen waren; eine braune Hose mit Bundfalten, die der Mann vielleicht früher in einem Büro getragen und nun für gröbere Arbeiten umgewidmet hatte.

»Verzeihung, sind Sie der Vater von Alexander Faden?« Gerald erinnerte sich an das Foto des jungen Mannes, und tatsächlich erkannte er in beiden Gesichtern die genetische Verwandtschaft und den Abstand von circa dreißig Jahren Leben.

Statt zu antworten, tratt der Mann zur Seite und gab dadurch den Blick auf das Badezimmer frei, in dem eine Frau seines Alters putzte. Sie trug einen knielangen Kittel, ein Kopftuch und grüne Plastikhandschuhe. In der einen Hand hielt sie eine Flasche mit Reinigungsmitteln, in der anderen einen Lappen. Sie war noch etwas kleiner als ihr Mann, mit einer schmalen, länglichen Nase und verkniffenen Gesichtszügen, die den misstrauischen Blick sekundierten, mit dem sie die beiden Kommissare anschaute.

Gerald stellte sich selbst, dann Batzko vor. Daraufhin ließ die Frau den Kopf sinken, biss sich auf die Unterlippe und schloss die Badezimmertür. Der Mann schüttelte den Kopf, murmelte etwas Unverständliches und zupfte Gerald am Ärmel, um ihn ins Wohnzimmer zu bitten. Er ging langsam und stark nach vorne gebeugt.

»Meine Frau … Sie kann nicht mehr so richtig nach Alexanders Tod. Verstehen Sie?«

Batzko gab Gerald ein Zeichen, dass er außerhalb der Wohnung mit ihm reden wolle. Im Treppenhaus sagte er: »Hör zu, mach du das hier. Du bist bekanntlich der weltbeste Tröster in Polizeiuniform. Ich gehe ins Präsidium und schreibe den Bericht über die Kattowitz.«

Er griff in die Tasche und drückte Gerald den Autoschlüssel in die Hand. »Ich nehme die Straßenbahn, und du weißt, wie ich öffentliche Verkehrsmittel hasse«, fügte er hinzu, als wäre damit von seiner Seite ein Gleichgewicht hergestellt.

Der Mann saß mit gebeugtem Rücken auf dem Sofa im Wohnzimmer. Auf dem Tisch vor ihm die gerahmten Urkunden, die Alexander Faden als Design-Student gewonnen hatte. Sie waren so präzise angeordnet, als wollte er sie fotografieren. Ein Staubtuch lag daneben.

»Er war so talentiert. Ich sage das nicht, weil er mein Sohn war. Ich kann das beurteilen, weil ich selbst als Grafiker gearbeitet habe. Bis vor zwei Jahren. Da haben sie mich nach zwei schweren Herzinfarkten in die Frührente verabschiedet.«

Seine Stimme war leise und sanft. Es war, als hätte er eher zu sich selbst gesprochen. Gerald bemerkte nun, dass die Kleidung des Mannes um mehrere Nummern zu groß war. Vermutlich hatte er nach den Infarkten viel Gewicht verloren. Er strich, wie in einer Abschiedsgeste, langsam über das Glas einer Urkunde und lehnte sich zurück.

»Zeichnen können viele. Einen Baum, das Meer oder eine Rose schön finden auch. Aber Alexander hatte diesen besonderen Blick für Dinge. Er hat nie wie andere Kinder die Sonne gemalt, Wolken, darunter eine Wiese oder ein Gebirge. Immer nur Gegenstände. Da war schon immer eine Art Zärtlichkeit in ihm gewesen für Dinge, die andere uninteressant und ausdruckslos fanden. Er konnte sich stundenlang mit einer Lampe beschäftigen oder einem Telefon oder einem Türgriff. Und dann hat er gezeichnet, und er hat die Objekte, die ihm gefielen, verwandelt, ihre Form und ihre Farben variiert. Es war fast so, als entdeckte er in jedem Ding eine Seele, verstehen Sie? Er war schon als Student in Fachkreisen bekannt. Er wäre sicher ein berühmter Designer geworden. Das haben viele gesagt.«

Dann schaute er Gerald an und sagte: »Aber ich weiß jetzt gar nicht, warum Sie da sind. Es war doch … kein Verbrechen, meine ich. Oder ist da noch was? Hatte er vorher irgendwie mit Ihnen zu tun? Doch nicht mein Alexander, oder?«

»Nein. Absolut nicht. Ich hatte in einer anderen Angelegenheit hier im Haus zu tun und habe zufällig die Geräusche in der Wohnung gehört. Es ist reine Routine, wissen Sie, ein Automatismus, obwohl es keine Indizien für ein Verbrechen gibt und der Fall für uns eigentlich abgeschlossen ist. Aber ich fühle mich wohler, wenn Sie mir bestätigen, dass Alexander sich nicht bedroht gefühlt hat, dass er keine Feinde hatte.«

Als hätte nur das Stichwort gefehlt, setzten die Geräusche aus dem Bad wieder ein. Es lag eine Regelmäßigkeit in ihnen, ein bizarrer Rhythmus, in dem jemand jeden einzelnen Gegenstand auf dem Glasregal hochhebt, über die Glasfläche wischt und ihn wieder hinsetzt. Die Frau gab sich augenscheinlich keine Mühe, das leise zu tun – als legte sie es darauf an, ihre Tätigkeit gleichsam zu Protokoll zu geben. Oder, aus welchen Gründen auch immer, das Gespräch im Nebenzimmer zu stören.

»Feinde? Setzt das nicht voraus, dass überhaupt jemand da ist?«

»Ich verstehe nicht ganz, Herr Faden.«

»Nun, da gab es niemanden in seinem Leben. Eigentlich hat es nie jemanden gegeben.« Die Stimme war voller Trauer. »Er war immer allein. Keine Freunde. Keine Freundin. Er hat sich auch niemals mit jemandem gestritten. Schon als kleiner Junge nicht. In der Schule war er bekannt für seine Karikaturen gewesen, die er von den Lehrern gezeichnet hat. Alle haben ihn gemocht, aber wirklich gekannt hat ihn kaum einer. Wussten Sie, dass er schon damals Geld mit dem Zeichnen verdient hat? Er hat nach Fotos Zeichnungen angefertigt, wenn ein Mitschüler zum Beispiel ein Geburtstagsgeschenk gebraucht hat. Aber Freunde oder später Mädchen – die gab es einfach nicht. Es schien mir immer so, als würde er eine schwere Last mit sich schleppen, über die er mit niemandem reden konnte oder wollte.«

»Haben Sie eigentlich noch weitere Kinder?«

»Es wäre sicher gut für ihn gewesen, Geschwister zu haben, aber …« Er führte den Satz nicht zu Ende.

»Haben Sie ihn oft hier in seiner Wohnung besucht? Oder fuhr er an den Wochenenden zu Ihnen nach Hause?«

»Anfangs ja, da kam er regelmäßig. Aber während sich seine ehemaligen Schulkameraden in Kneipen getroffen haben, blieb er zu Hause in seinem Jugendzimmer. Er hat gezeichnet oder im Internet gesurft. Für jemanden wie ihn war es leichter, über Internet mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, als wenige Meter weiter in einer Kneipe seine Kommilitonen zu treffen und mit ihnen die Nacht zum Tag zu machen. In der letzten Zeit blieb er aber an vielen Wochenenden hier in seiner Wohnung. Mir war das recht – so konnten meine Frau und ich uns einreden, er hätte Freunde gefunden oder sogar eine Freundin. Gefragt haben wir nie.«

»Wo leben Sie und Ihre Frau eigentlich?«

»In Dachau. Ein Bekannter hat uns mitgenommen. Ich fahre kein Auto mehr, seit ich den Infarkt hatte. Wir wollten uns nur einen Überblick verschaffen, was überhaupt hier ist und was wir alles zurücknehmen müssen. Wir brauchen sicher noch ein paar Kartons. Wir machen das ja zum ersten Mal.«

Er legte plötzlich die Hand vor die Augen und schluchzte. Die Schultern zuckten, als würden sie von Stromschlägen getroffen. Einen Moment lang befürchtete Gerald, dass Alexander Fadens Vater die Kontrolle verlieren würde. Aber er fing sich bald wieder und atmete mehrfach tief ein und aus.

»Wissen Sie, obwohl wir ihn beerdigt haben, kann ich es nicht begreifen, dass der Alexander nicht mehr da ist. Man zieht sich zurück in seine Erinnerungen, in denen er noch weiterlebt. Es gibt so viele Erinnerungen an seine Kindheit. Ich habe mir eingeredet, er wäre nur irgendwie verreist und würde bald wieder vor der Haustür stehen. Oder diese ganze Geschichte hier wäre nur ein böser Traum. Und dann kommt man in die Wohnung und sieht diese vielen Dinge. Sie kommen einem so kalt vor. Und man versteht, dass er nie mehr wiederkommen wird.«

Die Geräusche aus dem Bad veränderten sich. Die Klospülung wurde zweimal hintereinander betätigt, dann schien Alexanders Mutter ihre Aktivitäten auf die Duschkabine zu übertragen; man hörte ein Quietschen, das durch Reibung eines Lappens auf Glas entsteht. Irritiert drehte Gerald seinen Kopf in Richtung Badezimmer. Herrn Faden war diese Bewegung nicht entgangen. Er hüstelte etwas, bevor er sagte: »Meine Frau – sie putzt den ganzen Tag, zu Hause oder hier. Selbst während der Fahrt im Auto eines Bekannten hat sie ein Tuch herausgeholt und die Türgriffe von innen abgewischt. Sie kann über Alexander nicht reden, wissen Sie. Wenn sie nicht von morgens bis abends putzen würde, würde sie zusammenbrechen.«

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. »Verzeihen Sie. Das müssen Sie sich nicht anhören. Sie haben sicher anderes zu tun. Muss ich irgendetwas machen? Etwas unterschreiben?«

»Nein«, sagte Gerald. »Ihre Äußerungen bestätigen, was wir ermittelt haben. Werden Sie von Ihrem Bekannten wieder abgeholt?«

Herr Faden schüttelte den Kopf. »Er hat uns nur hier absetzen können. Wir werden später den Zug nehmen.«

»Ich fahre Sie gerne zurück, wenn Sie nicht mehr lange zu tun haben.«

»Geht das wirklich? Meinen Sie?« Die Erleichterung, die Rückfahrt nicht selbst organisieren zu müssen, belebte für einen Moment die müden Augen. »Ich frage nur kurz meine Frau. Ich selbst kann einfach noch nichts einpacken. Das geht über meine Kräfte.«

Als er aufstand, schien er um zwei Jahrzehnte gealtert. Er schlurfte mehr, als dass er ging, den Kopf tief gesenkt. Gerald konnte nicht verstehen, was Herr Faden zu seiner Frau sagte – auch deshalb nicht, weil es von den Quietschgeräuschen überlagert wurde. Die Frau hörte auch während des Dialogs nicht auf zu putzen.

Gerald stand schließlich auf, und die beiden Männer trafen sich im Flur. »Wenn Sie uns noch ein paar Minuten geben könnten. Meine Frau will ein paar persönliche Dinge von Alexander einpacken.«

»Ich warte unten im Wagen auf Sie. Es ist ein weißer Golf, er steht direkt vor dem Haus.«

Herr Faden nickte und legte seine Hand kaum spürbar unter Geralds Ellbogen. Gerald konnte seinen Atem spüren, der nach Pfefferminze roch. Herr Faden dirigierte ihn vor die Wohnungstür und zog sie von außen zu.

»Sie dürfen es nie meiner Frau erzählen, versprechen Sie mir das?«, flüsterte er und bohrte seinen Blick in Geralds Augen. »Das würde sie niemals verkraften.« Er holte tief Luft, bevor er mit leiser, verschwörerischer Stimme fortfuhr: »Ich glaube, dass der Alexander … also, dass mein Sohn … dass er homosexuell war. Aber er hat sich nicht dazu bekennen können, glaube ich. Das war die Last, die immer so auf ihm gelegen hat. Die war letztlich größer als er. Ich hatte gehofft, hier, in einem anonymen Umfeld, könnte er es schaffen. Er musste doch keine Angst haben, vor seinen Eltern nicht, vor niemandem. Aber er hat es nicht geschafft, nur der Himmel weiß, warum nicht. Aber kein Wort zu meiner Frau, bitte. Ich verlasse mich auf Sie!«

Gerald nickte und ging langsam die Treppe hinunter. Im Auto rief er von seinem Handy aus Batzko an und sagte, dass er Alexanders Eltern nach Hause fahren werde.

»Erhoffst du dir neue Erkenntnisse oder spielst du Heilsarmee?«

»Ich fahre, um dich zwei Stunden weniger ertragen zu müssen. Hast du schon Kontakt mit Steinhaus aufgenommen?«

»Er kommt gegen fünf ins Präsidium, schließlich brauchen wir seine Fingerabdrücke. Ich werde gleich den Staatsanwalt anrufen, um Konteneinsicht für Apanatschi zu beantragen. Ich bin extrem gespannt darauf, wie er mit seinen Einnahmen als Vermittler an die Metzger im Ausland umgegangen ist.«

»Ist der Bericht von der Spurensicherung schon da?«

»Soll heute noch kommen.«

»Okay. Da kommen Alexander Fadens Eltern. Wir sehen uns später im Büro.«

»Man dreht den Zündschlüssel nach rechts, um den Wagen zu starten. Der erste Gang ist oben links«, spottete Batzko und legte auf.

Alexander Fadens Vater stieg vorne ein. Gerald warf einen Blick in den Rückspiegel. Alexanders Mutter trug einen grauen Haushaltskittel, der im bizarren Kontrast stand zu einer großen Altmänner-Sonnenbrille. Sie gehörte wohl ihrem Mann, der sie ihr geliehen hatte, damit sie ihre verheulten Augen verbergen konnte. Die überproportionale Brille verstärkte den Eindruck des Verschlossenen, Verkniffenen in ihrem Gesicht. Um ihre Mundwinkel lagen tiefe Falten.

»Es ist sehr nett, dass Sie uns diese Freundlichkeit erweisen«, sagte Alexander Fadens Vater, während sie am Olympiapark vorbeifuhren.

Gerald kurbelte das Seitenfenster etwas herunter. Es war weniger die Hitze, die sich in dem Wagen angestaut hatte und die Gerald zu schaffen machte, als vielmehr das Bedrückende, das von Alexanders Mutter ausging. Sie blickte starr auf die Straße, die Hände ineinander verkrampft. Sicher würde sie diese Position auch konsequent beibehalten, wenn wir einmal den Äquator umkreisen würden, dachte er.

»Kennen Sie Dachau eigentlich?«, fragte Alexanders Vater. »Ich meine, abgesehen von der Gedenkstätte?«

»Nein. Ich glaube nicht. Es ist ja außerhalb meines Dienstbezirks, und privat war ich dort noch nie.«

Während der Fahrt erzählte Alexander Fadens Vater nahezu ohne Unterbrechung von seiner Heimatstadt. Er übergoss Gerald mit seinem Wissen wie ein Reiseführer eine Touristengruppe. Gerald nickte lediglich bestätigend oder antwortete einsilbig. Als hätte er Angst, dachte er, dass ich ihn etwas über seinen Sohn fragen könnte.

Er schaute in den Rückspiegel, aber Alexanders Mutter saß, zu einer Schaufensterpuppe erstarrt, in unveränderter Position. Neben ihr auf der Rückbank erkannte Gerald die Aktentasche des Studenten, in der sich wohl die amtlichen Unterlagen befanden, mit denen ein Ableben bürokratisch besiegelt werden musste.

»Wir wohnen im Osten von Dachau«, sagte Herr Faden. »Gleich hinter dem Kanal biegen Sie rechts ab, Herr Kommissar, dann die nächste wieder rechts, danach die zweite links, und dann sind wir auch schon da.«

Gerald folgte den Anweisungen, bis Herr Faden auf ein Haus auf der rechten Seite zeigte.

»Da wären wir. Eigentlich darf man hier nicht halten, aber Ihnen verpasst man sicher kein Knöllchen, oder?« Herr Faden versuchte ein Lächeln, das sofort wieder erstarb. Seine Mimik zeigte die ganze Anspannung eines Menschen, der nicht in haltloses Weinen ausbrechen wollte. Gerald reichte ihm die Hand. »Ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Herr Faden nickte stumm, presste die Lippen zusammen und stieg aus dem Wagen. Es waren nur wenige Schritte bis zur Haustür, wo er stehen blieb und nach seinem Schlüssel suchte. Plötzlich fühlte Gerald eine Hand, hart wie eine Kralle, an seiner Schulter.

»Ich war so lange im Bad«, sagte sie mit einer Stimme, die in Geralds Ohren scharf und mitleidslos klang. Vielleicht kam es ihm auch nur so vor, weil die Frau bisher noch kein einziges Wort gesagt hatte. »Ich habe alles genau angeguckt, aber da war nichts. Solche haben doch immer was, irgendwelche besonderen Cremes und diese Sachen.«

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte er. Seine Schultern schmerzten unter Frau Fadens festem Griff.

Sie schaute kurz zu ihrem Mann, der in diesem Moment die Tür öffnete, sich aber noch nicht umgedreht hatte.

»Der Alexander war nicht wie wir, wie Sie und ich. Eine Mutter spürt das, von Anfang an. Da war was seltsam mit ihm. Ich kann das nicht erklären. Irgendwie war er so verstockt. Mein Alex, der muss vom anderen Ufer gewesen sein, und das hat ihn kaputtgemacht, oder ein Mann hat ihn kaputtgemacht, irgendwie. Die meisten sind doch so sensibel, Künstler eben, wie Alexander. Das darf nur sein Vater niemals erfahren. Niemals. Sonst habe ich zwei, die an was kaputtgehen.«

Sie krallte ihre Fingerkuppen tief in Geralds Schulter. Dann griff sie die Aktentasche und verließ, ohne ein weiteres Wort, den Wagen. Ihr Mann wartete vor der Haustür.

Es war gewiss nicht leicht, sich so nahe an der Hauptstraße zu verfahren. Aber Gerald kurvte tatsächlich orientierungslos durch die Anliegerstraßen und fand erst nach endlosen Minuten zur Bundesstraße zurück. Er öffnete das Seitenfenster, als könne der Fahrtwind die Niedergeschlagenheit vertreiben, die sich in seinem Kopf eingenistet hatte. Die Einsamkeit in der Familie Faden – jeder schuf sich sein eigenes Gefängnis aus Schweigen und Scham –, deren Mauern so dick waren, dass nicht einmal Alexanders Operation etwas geändert hatte. Welche Erklärung wird er seinen Eltern für die Operation gegeben haben? Warum hatten sie sie Gerald gegenüber nicht einmal erwähnt? Waren sie so sehr in ihren eigenen Deutungen gefangen, dass sie diesen gravierenden Einschnitt nicht einmal in ihre Überlegungen einbezogen hatten?

Gerald schloss das Fenster wieder. Es war ein warmer Tag, unter klarem Himmel, aber nicht so heiß wie in der vergangenen Woche. Als er sich München näherte, beschloss er spontan, zuhause eine Pause einzulegen. Er hatte noch Zeit, bis Steinhaus eintreffen würde. Außerdem lag es auf dem Weg. Aber der eigentliche Grund, das wurde ihm nun deutlich, war ein Schuldgefühl, das sich seiner bemächtigte.

Er überlegte, ob er sich ankündigen sollte. Als er am vorigen Abend ins Bett gekrochen war, hatte er Neles Atem gespürt. Sie hatte am äußersten Rand ihrer Seite der Matratze gelegen, gleichmäßig und tief geatmet; dennoch hatte er keine Sekunde gezweifelt, dass sie sich nur schlafend stellte. Er hatte sich im Badezimmer gründlich gewaschen, weil er befürchtete, sie könnte einen fremden Geruch an ihm bemerken. Am nächsten Morgen waren sie sich in der Küche und im Flur begegnet, aber sie hatten kein Wort miteinander gesprochen, sie hatten sich nicht einmal mehr darauf verständigt, wie sie den Tag organisieren sollten. So eine Sprachlosigkeit hatte zuvor noch nie zwischen ihnen geherrscht.

Er hatte das Handy bereits in der Hand, als ihm einfiel, dass Severin um diese Zeit bestimmt schon schlafen würde. Also kein Anruf. Gerald hielt an einer Bäckerei entlang der Bundesstraße, aß im Stehen eine belegte Semmel und überlegte, ob er zwei Stücke Kuchen mitnehmen sollte, entschied sich aber dagegen, weil Nele es vielleicht als Provokation auffassen könnte. Sie hatte vor der Geburt ihren gesunden Appetit durch regelmäßigen Sport ausgeglichen. Nun fühlte sie sich zu müde, um auch nur den Trainingsanzug aus dem Schrank zu holen, und er hatte aufgegeben, ihr zu beteuern, dass ihm die Auskunft der Waage ziemlich gleichgültig war. Sie glaubte ihm nicht, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass er anders auf sie blickte als sie auf sich selbst.

Sie stand in der Küche, als er die Wohnung betrat. Severin lag in seinem blau-weißen Strampler in der Babywippe auf dem Küchentisch, die Augen geschlossen. Es war also doch gut, dass ich nicht angerufen habe, dachte er.

Nele schaute überrascht, sagte aber nichts. Sie war dabei, sich einen Tee zuzubereiten. Er nickte ihr zu, versuchte ein Lächeln und war in diesem Moment froh, dass Severins Schlaf ihm die Möglichkeit gab zu schweigen. Gerald war sich der Probleme, die sie seit der Geburt ihres Sohnes hatten, erst seit der Therapie wirklich bewusst geworden. Und trotzdem wusste er nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. Sobald er Nele sah, hatte er einen riesigen Frosch im Hals und bekam keinen Ton heraus.

Er stellte eine zweite Tasse neben ihre, hängte einen Beutel mit Vanilletee hinein und kontrollierte, ob das Wasser im Wasserkocher für zwei Tassen ausreichen würde. Als er sich mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte lehnte, berührte er Nele leicht an der Schulter, doch sie reagierte nicht, sondern setzte sich wortlos an den Küchentisch.

Gerald blieb zunächst stehen; als das Wasser sprudelte, füllte er die beiden Tassen, stellte sie auf den Tisch und setzte sich Nele gegenüber. Sie nahm das Glas Honig, das neben den Gewürzen am anderen Ende des Tisches stand, und verrührte einen Teelöffel davon in seinem Becher. Die Geste rührte ihn, dennoch fühlte er sich unwohl. Severin atmete ruhig und gleichmäßig.

Er nahm seinen ganzen Mut zusammen. »Sollen wir den Tee im Schlafzimmer trinken?«

Sie schüttelte den Kopf, schaute ihn fragend an.

»Im Wohnzimmer?«

»Nein«, sagte sie leise, aber bestimmt.

Gerald versuchte, sich in ihre Lage zu versetzen. Nele ahnte zwar, dass er eine Affäre mit einer anderen Frau hatte. Sie wusste aber nicht, was es für ihn bedeutete, ob diese Frau eine ernsthafte Konkurrentin für sie war und wann die Affäre begonnen hatte. Ihm war klar, dass es sie an jenem Abend zutiefst gekränkt haben musste, als sie plötzlich Franziskas Stimme im Ohr hatte, wenngleich Gerald Nele zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht mit Franziska betrogen hatte. Nun wartete sie vermutlich auf eine Erklärung, eine Entschuldigung, ein Geständnis, das Gerald ihr nicht wirklich geben konnte, wusste er doch selbst nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Dennoch sagte er:

»Es ist nicht das, was du vielleicht denkst.«

Nele reagierte zunächst nicht. Sie verrührte den Honig in ihrer eigenen Tasse und schüttelte dann kaum merklich den Kopf. Ihre Haare wirkten, obwohl sie so kurz waren, ungekämmt und leicht verschwitzt. Vermutlich hatte sie Severin für eine Weile aus dem Wagen genommen, mit ihm gespielt, ihn in die Luft geworfen oder war mit ihm ein paar Schritte gelaufen. Nele trug die kurzärmelige, blau-weiß karierte Bluse, die sie am Tag zuvor schon angezogen hatte, trotz eines Spuckfleckens am Kragen. Ihr Gesicht war unnatürlich gerötet, wie immer, wenn sie unter Stress stand.

»Dass eine Ehe keine Fahrt auf dem Vergnügungsdampfer ist, muss mir niemand sagen. Aber dass du mir diese jämmerliche Phrase jemals auftischen würdest, hätte ich nicht gedacht«, sagte sie schließlich, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Gerald hob müde die Schultern. »Ich wollte nicht originell sein. Ich wollte nur etwas sagen, damit wenigstens einer von uns etwas sagt.«

Er trank einen Schluck, verbrannte sich fast die Lippen. Ihm wurde bewusst, dass er nicht über Franziska reden, sie nicht einmal erwähnen wollte. In seinen Augen war Franziska nicht die Ursache seiner Eheprobleme, sondern deren Folge. Wenn er mit Nele über Franziska sprechen würde, würden sie ihre eigenen Probleme nicht erkennen und auch nicht lösen. Im Gegenteil, sagte er sich, dann hätten sie zwei riesige Problemklumpen, an denen sie ersticken würden. Also beschloss er, diese Dinge zu trennen. Vorläufig zumindest.

Nele hielt ihre Tasse mit beiden Händen umschlossen, dann schaute sie Severin an, der ruhig schlief. »Was ist nur mit uns passiert?«, fragte sie.

Er hatte keine Antwort parat. Aber er war unendlich dankbar, dass sie ihn nicht attackierte, sondern einfach eine Frage stellte.

»Ich weiß es nicht«, sagte er schließlich. »Ich weiß nur, dass ich mich selbst nicht mehr wiedererkenne. Ich habe keine Kontrolle mehr über mich. Es ist, als ob alles unter mir wegrutschen würde. Ich weiß nicht mehr, was morgen passieren wird. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich möchte, das morgen passiert.«

Sie rührte in ihrem Tee. »Gerald, das alles sind doch nur Zitate. Sprüche. Ausflüchte. Plattitüden. Das mit uns ist doch kein zweitklassiger Film.« Sie setzte die Tasse abrupt auf dem Küchentisch ab und schaute ihn böse an. »Ist es, weil Sevi mir meine Brüste hässlich trinkt? Weil ich meinen Hintern nicht wieder in Form kriege? Weil die Schwangerschaftsstreifen aussehen wie eklige, tote Würmer? Weil ich seit Sevis Geburt keinen Mann in mir ertrage und dir nicht einmal Abhilfe verschaffe, wie du das vielleicht von mir erwartest, weil es, wie du findest, zu den ehelichen Pflichten gehört? Weil dein prallvoller Schwanz bald explodiert? Ja? Ist es das am Ende? Dein pochender Schwanz?«

Jeder einzelne Satz riss einen Fetzen aus dem hauchdünnen Fell, das er sich seit Monaten zugelegt hatte. Jeder einzelne Satz stimmte, und mit ihrer Anklage konnte er sogar irgendwie fertigwerden. Aber da war eine tiefere Wahrheit, die ihn quälte und die diese pfeilschnellen Sätze nicht trafen.

»Ja. Auch darum geht es. Ich möchte wieder mit dir vögeln. Ich will einen ganzen Sonntag mit dir im Bett verbringen wie früher. Aber es ist nicht nur das. Ich möchte wieder existieren, verstehst du? Ich möchte wahrgenommen werden. In unserem Leben geht es vierundzwanzig Stunden lang, in jeder Minute, in jeder beschissenen Sekunde an sieben Tagen die Woche nur um unser verdammtes Kind. Das ist krank. Ich werde meinen Sohn irgendwann hassen deswegen.« Er schluchzte plötzlich, sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, gleich würde er anfangen zu weinen.

»Bist du jetzt völlig durchgedreht?«, zischte Nele. Sie nahm Severin vorsichtig aus der Wippe, obwohl er ruhig schlief und Geralds Ausbruch über ihn hinweggegangen war wie weit entfernter Flugzeuglärm. Nele streichelte vorsichtig über den Kopf ihres Sohnes, legte ihn in ihren Schoß, als wolle sie ihm die Brust geben. »Du selbstgerechtes, selbstgefälliges Schwein. Du fickst eine andere, und Severin soll auch noch daran schuld sein? Du bist krank, nicht die Situation. Du brauchst eine Therapie, wenn dir nichts Besseres einfällt, als einem Baby die Schuld zu geben.«

Er musste lächeln. Es lag ihm auf der Zunge, von der Gruppentherapie zu erzählen, aber instinktiv spürte er, dass es das Gespräch nur auf ein anderes, ein falsches Gleis bewegen würde. Nein, wenn ihm überhaupt etwas klar geworden war in den zwei Therapiestunden, dann war es die Tatsache, dass er nicht länger mit Schuldgefühlen auf Dinge reagieren wollte, die andere in sein Leben getragen hatten: sein Vater durch sein Verschwinden, sein Schulfreund, der sich angeblich umgebracht hatte, seine nervige Mutter, Neles Distanz.

»Ich soll also krank sein? Ich allein? Das ist reichlich bequem, oder? Du hast dich so verändert, Nele, ich weiß gar nicht mehr, wer du bist. Vielleicht weißt du es ja selbst nicht mehr, mag sein. Aber du bist mit Sicherheit nicht mehr die Frau, die ich einmal kannte, du bist nur noch eine düstere Wolke aus Sorgen, Ängsten, Kümmernissen.«

»Es reicht! Ich höre mir diese Beleidigungen nicht länger an.«

»Oh. Du machst Fortschritte. Ich hätte eigentlich erwartet, dass du sagst: Wir hören uns solche Beleidigungen nicht länger an, nicht wahr, mein lieber Severin

Sie antwortete nicht. Sie legte eine Hand unter Severins Hinterkopf, stand auf und verließ die Küche.

»Das ist extrem hilfreich«, rief er ihr hinterher. »Weiter so, zeig mir, dass Severin zu dir gehört. Dass er nur dir gehört und niemandem sonst. Es wäre ja auch erstaunlich, wenn du dich mit etwas anderem als ihm beschäftigen würdest.«

Keine Reaktion. Es blieb vollkommen still in der Wohnung, und diese Stille lärmte in ihm, dass er Angst hatte, sein Schädel könne explodieren. Er konnte nicht länger in der Wohnung bleiben.

Er kippte den restlichen Tee in die Spüle, atmete tief ein und zwang sich, an seine Arbeit zu denken. Dieser Steinhaus würde um fünf kommen, danach müsste er gemeinsam mit Batzko den Bericht schreiben und den kommenden Tag planen. Gerald wurde bewusst, dass er diesen Abend weder mit seinem Kollegen noch in seinen eigenen vier Wänden verbringen wollte. Und Franziska konnte und durfte er nicht sehen. Die Vorstellung, alleine in einer Kneipe zu sitzen oder ins Kino zu gehen, löste einen tiefen Widerwillen in ihm aus. Da fiel ihm ein, dass das Schwimmbad an diesem Tag bis zehn Uhr geöffnet war. Das wäre doch erst einmal ein Anfang.

Er ging ins Schlafzimmer und nahm die Sporttasche aus dem Schrank, die noch ausgerüstet war für den Fitnesscenter-Abend mit Batzko. Nele lag mit Severin im Bett, aber mit dem Gesicht zur Wand. Während er die Sporttasche umpackte, hörte er Neles Stimme vom Bett her: »Soll ich ihr irgendwas sagen, wenn sie anruft?«

Gerald zog den Reißverschluss zu.

»Was? Ich verstehe nicht.«

»Wenn sie anruft. Batzko.«

»Es wird niemand anrufen.«

»Trefft ihr euch im Fitnesscenter? Ist sie eine von Batzkos Schlampen mit knackigem Hintern und Titten so fest wie Kanonenkugeln? Treibt ihr es zu viert?«

Zu seiner eigenen Überraschung blieb er vollkommen ruhig. Entweder hatten ihm die Gedanken an die Arbeit zur nötigen Distanz verholfen, oder sein Reservoir an Wut und Verzweiflung war für diesen Tag aufgebraucht. Er fühlte eine Art Gelassenheit, die neu für ihn war. Vielleicht hatte auch sie ihren Ursprung in den Therapiestunden. Er sah, dass er und Nele sich gegenseitig Unrecht taten und es vermutlich noch eine Zeit lang tun würden. Es brauchte Geduld, all das abzutragen, was sie in Monaten aufgeschichtet hatten. Aber nicht einmal das konnte oder wollte er ihr jetzt sagen.

Wortlos verließ er die Wohnung.

Batzko war nicht im Büro. Auf dessen Schreibtisch lag der Bericht der Spurensicherung. Gerald warf einen flüchtigen Blick auf die Fotos und wandte sich dem Bericht zu, der mit keinen Neuigkeiten aufwarten konnte. Es gab zwei verschiedene Fingerabdrücke auf dem Wasserglas: die von Arno Reuther und einer unbekannten Person. Vermutlich Steinhaus, dachte Gerald und schaute auf die Uhr. Es war kurz nach fünf. Wenn Steinhaus pünktlich gekommen war, war er in diesem Moment wohl mit Batzko im Erdgeschoss, beim Erkennungsdienst.

Er las weiter. Keine verwertbaren Hinweise, keine Auffälligkeiten, nichts. Der Täter hatte wahrscheinlich die hinteren Räume nicht einmal betreten. Gerald hatte im Stillen gehofft, es wäre ein Seziermesser gefunden worden. Es hätte eine Verbindung zwischen den beiden Morden geschaffen und ihre Ermittlungen auf einen Täter und ein Motiv fokussiert. Aber so einfach war das Leben leider nicht, nicht das Eheleben und nicht das Kriminalistenleben.

Es klopfte an der offenen Zimmertür. Batzko zwinkerte Gerald zu. Hinter ihm betrat ein Mann das Büro, der Gerald zunächst durch sein Alter überraschte. Er schätzte ihn auf Anfang, höchstens Mitte dreißig. Seine Garderobe war konservativ und lag, zurückhaltend geschätzt, auf der Ebene von Geralds monatlichem Bruttogehalt: dunkler Westenanzug, Krawatte und Einstecktuch mit demselben Muster, weißes Hemd mit besonders gestärktem Kragen, edles Schuhwerk. Die Armbanduhr war von einer Art, die man eher beim Juwelier als beim Uhrmacher kaufte.

»Ich kann Ihren Gedankengängen nicht folgen«, sagte Batzko und wies Steinhaus den Besucherstuhl an seinem Schreibtisch zu. »Ich habe Sie freundlich gebeten, Ihre Fingerabdrücke nehmen zu dürfen. Wir vergleichen sie mit denen, die wir auf dem Wasserglas gefunden haben. Reine Routine. Sie haben doch Wasser getrunken und Herr Reuther Kaffee?«

»Ja«, sagte Harald Steinhaus unwillig.

»Wenn wir lediglich Ihre Abdrücke auf dem Glas finden, wissen wir zumindest, dass sich der Täter oder die Täterin nicht damit aufgehalten hat, sich mit einem Schluck Wasser Mut anzutrinken. Ihre erkennungsdienstliche Behandlung dient also allein unseren Ermittlungen, sie ist kein Indiz dafür, dass ein Tatverdacht gegen Sie vorläge.«

Steinhaus fixierte Gerald und nickte ihm in knapper Geste zu. Er hatte ein gut geschnittenes, intelligentes Gesicht. Die Nase war lang und schmal, das Kinn etwas vorspringend, was ihm, verbunden mit einer schmalen Kerbe in der Mitte, etwas Dynamisches verlieh. Die Augen hingegen wirkten müde und überreizt. Mit einem Taschentuch rieb er wiederholt über seine Fingerspitzen, obwohl die keine Restspuren von Tinte aufwiesen. Dann blickte er nervös an Batzko vorbei. Er schien etwas zu suchen, bis Batzko die erkennbare teure Aktentasche hinter seinem Schreibtisch hervorholte und sie Steinhaus reichte. Der stellte sie so akkurat neben den Stuhl, als säße er in der Straßenbahn. Anschließend putzte er weiter mit dem Taschentuch seine Finger.

»Wie und wann haben Sie Herrn Reuther eigentlich kennengelernt?«

Steinhaus zögerte seine Antwort ein wenig hinaus. »Das war vor gut einem Jahr, in Düsseldorf, auf einer Messe für innovative Existenzgründungen. Herr Reuther hat sein Konzept für Datenverschlüsselungen im Internet vorgestellt. Wir haben uns danach noch mehrmals getroffen, und ich habe beschlossen, ihm zu helfen. Das ist alles. Reine Routine«, ergänzte er mit einem Seitenblick auf Batzko.

»Sie haben ihm also Kapital für eine Firmengründung zur Verfügung gestellt. Eigenes Kapital oder haben Sie zwischen Herrn Reuther und anderen Geldgebern wie Banken oder bestimmten Fonds vermittelt?«

»Eigenes Kapital. Ausschließlich.«

»Also auch Ihr eigenes Risiko. Ausschließlich«, sagte Batzko und drehte sich so, dass er Steinhaus frontal gegenübersaß.

»No risk no win«, sagte Steinhaus knapp.

»Börsen-Sprüche verstehe ich auch, vielen Dank«, sagte Batzko. »Aber ich hätte gerne gewusst, wie Sie in relativ jungen Jahren so viel Spielgeld zusammenbekommen haben. Gehören Sie zur glücklichen Erbengeneration?«

Steinhaus blickte sich wieder im Zimmer um, stand dann plötzlich auf und warf das Taschentuch in den Papierkorb unter dem Waschbecken.

»Ich habe über zehn Jahre in Frankfurt und London als Broker gearbeitet. Wie Sie sicherlich wissen, verbringt man als Broker achtzehn Stunden am Tag vor dem PC mit einem Berg an Pappbechern und Pizzakartons, weil die Zeit so knapp bemessen ist, dass man nicht einmal zum Essen den Arbeitsplatz für ein paar Minuten verlassen kann.«

»Sie haben mein tief empfundenes Beileid«, sagte Batzko knapp.

Steinhaus ignorierte die Bemerkung. »Die Kunst in dieser Beschleunigungsmaschine namens Börse liegt darin, rechtzeitig aufzuhören und die eigenen Millionen von der Spielfläche zu nehmen. Andernfalls stapelt man für den Rest seines Lebens Pizzakartons, weil man sich anderes nicht mehr leisten kann. Das Timing für den rechtzeitigen Absprung muss man im Urin haben.«

»Ich zweifle keine Sekunde daran, dass Sie den perfekten Moment erwischt haben«, sagte Batzko.

Steinhaus schob den Unterkiefer vor und kniff die Lippen zusammen. Sein Blick verlor sich im Raum. Batzko hatte seine selbstgewisse Performance ins Leere laufen lassen, und nun sah Gerald einen noch sehr jungen Mann in einem zu eleganten Anzug, der mit diesem Widerstand nicht souverän umgehen konnte.

»Hören Sie«, sagte Steinhaus schließlich, »ich tanze bei Ihnen zum für mich frühestmöglichen Zeitpunkt an, ich mache mir die Finger schmutzig, im wahrsten Sinne des Wortes, ich kooperiere, ich beantworte Ihre Fragen. Sie müssen weder mich noch meinen früheren Beruf mögen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre abschätzige Art einen konstruktiven Beitrag zur Lösung eines Verbrechens darstellt.«

Batzko drückte sich gegen die Rückenlehne, seine Augen wurden schmal. Gerald beschloss, seinem Kollegen die Chance zu geben, sich erst einmal abzukühlen.

»Ist die Firma von Arno Reuther die einzige, die Sie mit Kapital versorgt haben?«

»Nicht die einzige«, antwortete Harald Steinhaus und wandte sich demonstrativ Gerald zu, »aber die einzige in dieser Größenordnung. Ein beträchtlicher Teil meines Vermögens ist dort festgelegt.«

»Ich vermute, dass Sie als Kapitalgeber die Geschäftspolitik mitbestimmen konnten?«

»Nun, ich zahle das Saatgut, also möchte ich auch angemessen an der Ernte beteiligt werden. Es wäre aber unklug gewesen, mich zu stark in das operative Geschäft einzumischen. Herr Reuther war absoluter Experte auf dem Gebiet der Verschlüsselungstechnologie. Und er war ein Softwaregenie. Davon gibt es einige, aber bei denen wissen Sie nie, ob die nicht morgen ausflippen, Anarchist oder Schafzüchter in Griechenland werden. Herr Reuther war hochintelligent und verfügte über eine gewisse Nüchternheit und Ausdauer, die man braucht, wenn man in einem extrem umkämpften Markt seinen Claim abstecken will.«

»Wie haben Sie Ihr Kapital abgesichert? Kann ich mir das so vorstellen, dass Herr Reuther sich vertraglich verpflichten musste, die Patente in der Firma zu lassen, selbst wenn es zwischen Ihnen zum Bruch gekommen wäre?«

»Es gibt nur eines, gegen das Sie sich nicht absichern können, und das ist der Misserfolg. Gegen alles andere habe ich vorgesorgt. Die Patente bleiben in der Firma, sie bilden das, wenn Sie so wollen, intellektuelle Kernkapital von Intersafe. Herr Reuther und ich saßen im selben Boot, und auf hoher See empfiehlt es sich nicht, das Boot zu verlassen.«

»Das gilt also auch für den Todesfall, wie er jetzt eingetreten ist?«

Steinhaus zögerte mit einer Antwort. Seine rechte Hand umschloss, als suchte sie Halt, den Griff der Aktentasche. Der Handgriff war so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Dann nickte Harald Steinhaus und senkte den Blick.

»Gab es eigentlich einen besonderen Grund für das letzte Treffen im Büro von Herrn Reuther?«

»Nein«, sagte Steinhaus schnell, »reine Routine. Es ging um Neueinstellungen, die personelle Entwicklung, die Frage eines Börsengangs zu einem bestimmten Zeitpunkt. Nichts Besonderes also.«

»Welchen Eindruck hatten Sie von Herrn Reuther an besagtem Vormittag? War er vielleicht nervös? Sprach er möglicherweise von seiner Gesundheit, einer möglichen Operation?«

»Operation? Wieso Operation? War er etwa krank? Davon hat er nie etwas gesagt. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber natürlich hätte ich ganz andere Überlegungen bezüglich einer Finanzierung angestellt, wenn ich gewusst hätte, dass Herr Reuther ernsthaft erkrankt ist. Er hätte mich unbedingt darüber informieren müssen.«

»Sie haben ihn also nicht anders erlebt als sonst?«

»Nein. Ganz und gar nicht. Herr Reuther war wie immer. Introvertiert zwar, aber das schien mir seine Grundstimmung zu sein. Dabei hatte er einen subtilen Humor. Es war bestechend und intellektuell herausfordernd, mit ihm zu arbeiten, auch an diesem Vormittag. Ich wiederhole: eine Routinebesprechung, wie zahlreiche zuvor.«

»Und es gab keinen weiteren Besucher? Keiner, der sich in der Tür geirrt hätte? Keine Putzfrau? Kein Paketdienst? Nicht einmal ein Telefonat?«

»Das habe ich Ihrem Kollegen doch bereits gesagt«, antwortete Steinhaus, ohne Batzko anzuschauen.

Gerald trank einen Schluck Kaffee. »Verzeihung, möchten Sie vielleicht auch etwas trinken?«

Steinhaus schüttelte entschieden den Kopf, als fürchtete er, damit seine Anwesenheit zu verlängern.

»Wie geht es jetzt eigentlich in der Firma weiter, Herr Steinhaus?«

»Nun«, antwortete Steinhaus, »allein aus juristischen Gründen muss dieser Fall ja für den Vertrag mitgedacht werden. Es kann schließlich jedem passieren, im falschen Moment die Straße zu überqueren. Als Fachmann ist Arno Reuther schwer von jemand anderem zu ersetzen. Es wird wohl darauf hinauslaufen, seine überragenden Kompetenzen auf mehrere Schultern zu verteilen. Herr Reuther hatte bereits die ersten Personalgespräche geführt und mich darüber unterrichtet. Es gibt einen engen Bewerberkreis, den ich kenne. Ich fange also nicht bei null an. Und die Patente bleiben, wie erwähnt, in der Firma, also bei mir.«

»Wie lange reicht Ihr finanzieller Atem?«

Steinhaus zögerte. Wieder umfasste er den Griff seiner Aktentasche, als wollte er aus dem Büro flüchten. Er wirkte nervös, als er mit auffallend lauter Stimme fortfuhr: »Ich rechne nicht in Tagen oder Wochen oder Monaten. Der Kalender ist die Denkweise der Verlierer. Wer nach vorne auf das Ziel schaut, wird es erreichen. Wer den Blick senkt auf die Mühen des Weges, wird scheitern.«

»Amen«, blaffte Batzko.

Und Gerald sagte: »Für heute habe ich keine Fragen mehr. Halten Sie sich bitte in der nächsten Zeit zu unserer Verfügung.«

Steinhaus stand auf. Er nickte den Kommissaren zu und verließ den Raum, ohne ihnen die Hand zu schütteln.

»Freunde fürs Leben, nicht wahr?«, sagte Gerald trocken.

Batzko drückte sich tief in die Lehne und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Du hättest ihn beim Erkennungsdienst erleben müssen. Er hat so getan, als würde er anschließend dreißig Jahre Hochsicherheitstrakt erleiden müssen. Außerdem mag ich solche Typen nicht, die vor einem Computer hocken, auf Tasten drücken, irgendwelche virtuellen Aktienpakete von links nach rechts verschieben und am Ende eines einzigen Tages mehr verdienen als ein Handwerker in einem ganzen Jahr.«

»Höre ich da etwa Neid heraus?«

»Ach, leck mich. Der Typ stinkt doch wie sein Rasierwasser.«

Gerald stand auf und öffnete das Fenster. Auf Batzkos Tisch lag die aufgeschlagene Tageszeitung. MORD AN COMPUTERGENIE BLEIBT MYSTERIÖS. STECKT EINE INTERNET-MAFIA DAHINTER? lautete die Schlagzeile. Die Pressesprecherin hatte sich also an die Vereinbarung gehalten, nichts über den BIID-Hintergrund des Opfers verlauten zu lassen und damit die Privatsphäre von Katja Reuther vor dem Voyeurismus der Medien zu schützen. Es war zudem im Sinne der Ermittlungen, wenn die Spekulationen wild ins Kraut schossen und der Täter sich zunächst sicher fühlte.

»Jedenfalls glaube ich, dass Steinhaus, was Reuthers Operation angeht, lügt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Reuther seiner Frau reinen Wein eingeschenkt hat und Steinhaus gegenüber business as usual praktiziert. Reuther ist ein systematischer Kopf. Er denkt eine Sache bis zu Ende und handelt dementsprechend. Außerdem halte ich ihn für einen aufrechten Charakter. Ohne Steinhaus gäbe es seine Firma nicht. Arno Reuther würde ihn nicht hinters Licht führen.«

»Das könnte bedeuten, dass sich unser Börsenfuzzi gewaltig verarscht gefühlt hat. Eine Operation dieses Kalibers mit Reha und allem Drum und Dran hätte den Aufbau der Firma um Wochen zurückgeworfen, wenn nicht sogar um Monate. Und das hätte die Kapitaldecke enorm belastet. Was ist, wenn Steinhaus doch zu lange Pizzakartons vor dem PC gestapelt hat und seine finanziellen Ressourcen zu knapp sind, um eine solche Verzögerung zu stemmen? Mir sind seine Sprüche ganz gewaltig auf den Zeiger gegangen. Das sind genau die Texte, die die Möchtegern-Erfolgreichen aus Ratgebern auswendig lernen oder bei Ein-Tages-Seminaren von Selfmade-Millionären in Fünf-Sterne-Hotels mitschreiben. Aber man weiß bei den Typen nie, was wirklich dahintersteht.«

»Wir werden es überprüfen.«

»Siehst du das?« Batzko hielt ein Blatt Papier in die Luft. »Ein netter Schrieb vom Staatsanwalt. Morgen Vormittag sitzen wir in der Bank von diesem Apanatschi und werfen einen Blick in sein Zelt, da, wo er sein Geld tief vergraben hat. Wenn er welches hat. Dasselbe werden wir bei Steinhaus tun.«

Gerald sah auf die Uhr. »Was können wir heute noch schaffen?«

»Du schreibst den Bericht, und ich werde mir den Volker Pollinger vornehmen. Er ist meine Gewichtsklasse. Ich werde noch einmal nachbohren, da, wo es besonders weh tut. Bei seiner Eifersucht, zum Beispiel. Er verlässt seine Frau und Kinder, hat jede Menge Stress und finanzielle Probleme, und seine Freundin erholt sich von den Perverslingen am Telefon beim einfühlsamen Studenten unterm Dach. Für eine Tat im Affekt würde es allemal reichen.«

»Okay. Aber prügele dich nicht mit ihm. Denk an die Warnung von Marleen Kattowitz.« Gerald zwinkerte Batzko zu.

»Sie muss dich gemeint haben, Schwächling. Treffen wir uns danach noch auf ein Bier?«

»Geht nicht. Ich habe die Schwimmtasche im Kofferraum.«

Batzko legte den Kopf schräg. »Der kleine Feigling zieht sich also vor mir ins Planschbecken zurück. Und nach dem Schwimmen?«

»Geht nicht. Ich muss …«

»… das Baby wickeln?«

»Du nervst, Batzko.«

»Logo. Womit fangen wir also morgen an?«

»Wir fahren zu einer Frau, die uns wahrscheinlich einiges verschwiegen hat.«