9

Gerald wartete bereits seit zehn Minuten in der Ebersberger Straße und lief vor dem Hauseingang auf und ab. Er hatte die U-Bahn und dann den Bus genommen, weil Batzko mit dem Dienstwagen kommen würde. Aber Batzko verspätete sich; wahrscheinlich sorgte er noch in der Dienstbesprechung für Karrierepunkte.

Gerald beschloss, einen Blick in den Garten zu werfen. Er ging weiter um das Haus herum als beim ersten Mal und sah nun, nahe an der Terrasse, die mit weißen Marmorplatten ausgelegt war, eine Kinderschaukel, daneben ein großer rechteckiger Sandkasten. Die bunten, vom Sand halb verdeckten Formen, wirkten wie die Funde von Ausgrabungen.

Beim Swimmingpool konnte Gerald keinerlei bauliche Fortschritte feststellen. Die Innenverkachelung schien nicht weiter fortgeführt zu sein; um den Rand herum standen an derselben Stelle wie in der Woche zuvor die Zementmischmaschine und weitere Gerätschaften. Besonders die Schaufel, deren Ende in der Mischmaschine steckte wie ein Löffelstiel in einem Eisbecher, war Gerald im Gedächtnis geblieben.

Als er zum Vordereingang zurückkehrte, stieg Batzko gerade aus dem Dienstwagen, den er auf der gegenüberliegenden Seite geparkt hatte, und blinzelte in den Himmel. Die Wolken vom Vorabend hatten sich verzogen, die Sonne brannte bereits zu dieser Uhrzeit. Batzko trug ein orangefarbenes Hemd mit kurzen Ärmeln, perfekt abgestimmt auf seine Sonnenstudiobräune. Bevor er die Straße überquerte, griff er in die Hemdtasche, schaute nach links und rechts, zog eine verspiegelte Sonnenbrille hervor, setzte sie auf, ging über die Straße, durch den Vorgarten zur Eingangstür, wo Gerald bereits wartete, und nahm die Brille schließlich wieder ab.

Gerald klingelte. Es war Dr. Chateaux selbst, der nach nur wenigen Sekunden die Tür öffnete. Gerald trat zur Seite, um Batzko – den er nicht auf das Aussehen des Psychotherapeuten vorbereitet hatte, die volle Breitseite des Anblicks zu gewähren: zwei von simplen Haushaltsgummis gehaltene Zöpfe, der sauber gestutzte Bart, ein hellrotes Seidenhemd, die bunte Patchwork-Strickjacke, eine beige Leinenhose und abgetragene, graue Hausschlappen. Jedes Einzelteil passte nur zu sich selbst, nichts passte zusammen.

»Herr van Loren? Was machen Sie denn hier? Und wer ist …« Dr. Chateaux blickte Gerald und Batzko verdutzt an. Batzko ergriff sofort die Initiative.

»Darf ich vorstellen? Kriminalkommissar Gerald von Loren. Ich bin Kriminalhauptkommissar Batzko. Wir ermitteln in einem Mordfall und müssen uns mit Ihnen unterhalten.« Dr. Chateaux schaute Gerald verunsichert an, als hoffte er, dass sich alles nur als ein großes Missverständnis herausstellen würde. »Wir können in mein Büro gehen«, sagte er schließlich, senkte den Kopf und ging voraus. Es war nichts mehr geblieben von der ironischen Souveränität, die Chateaux normalerweise ausstrahlte.

»Was hat das zu bedeuten, Herr van Loren? Soll ich daraus schließen, dass Sie nicht als Privatperson zu mir kamen, sondern undercover in einer Gruppentherapie ermittelten? Ist einer meiner Patienten in einen Mord verwickelt? Ist etwas anderes passiert?«, sagte Chateaux, der mittlerweile Platz genommen hatte. Unwillkürlich schaute Gerald auf die Kinderzeichnungen über seinem Kopf.

»Bewahren Sie bitte Ruhe. Tatsächlich bin ich in Ihre Gruppentherapie gegangen, weil der Tod von Alexander Faden uns noch gewisse Rätsel aufgibt.«

»Rätsel? Welche Rätsel? Warten Sie, ich erinnere mich jetzt. Ich hatte mit Ihnen telefoniert, nicht wahr«, sagte Chateaux in einer ungewohnten Schärfe, den Blick auf Batzko gerichtet. »Ich habe mich über meine berufliche Schweigepflicht hinweggesetzt, in der Annahme, es handele sich um eine pure Formalität. Ich habe Ihnen, über die strengen Regeln meiner Berufsethik hinaus, helfen wollen. Und das danken Sie mir, indem Sie, Herr van Loren, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einen Platz in meiner Gruppentherapie einnehmen und damit meine therapeutische Arbeit boykottieren. Wie können Sie das verantworten? Es handelt sich schließlich nicht um einen Volkshochschulkurs in Weihnachtssternbasteln, das dürften auch Sie erkannt haben. Meine Herren, ich weise Sie darauf hin, dass ich Ihr Vorgehen von meinem Berufsverband juristisch überprüfen lassen werde.«

»Dem sehen wir gelassen entgegen«, entgegnete Batzko, der sich einfach einen Stuhl gegriffen hatte und nun neben Gerald auf der anderen Seite des Schreibtisches saß. »Wir möchten mit Ihnen zunächst über die Ermordung von Arno Reuther sprechen.«

Gerald beobachtete sein Gegenüber genau. Der Arzt schlug die Augen nieder und legte die Hände an die Schläfen. Er wirkte angestrengt, geradezu gequält. Gerald hatte den Eindruck, dass Chateaux nicht von der Nachricht überrascht worden war. Doch er schien erst in diesem Moment zu realisieren, dass der Mord etwas mit ihm selbst und mit dem Todesfall von Alexander Faden zu tun haben könnte und dass es folglich für ihn keine Möglichkeit geben würde, sich den Fragen der beiden Polizeibeamten zu entziehen.

»Sie wissen also bereits davon? Wann und von wem haben Sie es erfahren?«

»Das ist schrecklich! Dann war er es also doch. Ich bin gestern nach dem Mittagessen nach Nürnberg gefahren, um einen ehemaligen Studienkollegen zu treffen. Im Radio wurde durchgegeben, dass in einem Geschäftshaus am Isartor ein Mann zu Tode gekommen ist, jedoch ohne nähere Angaben. Mir fiel ein, dass Herr Reuther dort für seine Firma Büroräume angemietet hatte. Aber ich habe die Assoziation sofort wieder verworfen, weil ich mir kein Motiv vorstellen konnte. Wenn er Juwelier oder meinetwegen Antiquitätenhändler gewesen wäre – aber eine Software-Firma? Das schien mir absurd.«

»Ein Raubmord ist nicht auszuschließen«, sagte Batzko, »aber wir gehen von einem persönlichen Hintergrund aus.«

Dr. Chateaux seufzte, richtete sich in seinem altmodischen Arztstuhl mit der gepolsterten Lehne auf und verschränkte die Hände ineinander, als bereite er eine Yoga-Übung vor. Batzko schaute seinen Kollegen mit einem Blick an, der zu sagen schien: Wenn der Psychoklempner meint, wir verlassen jetzt den Raum, weil er ein paar Mantras in die laue Sommerluft ablassen will, täuscht er sich aber gewaltig.

»Ist es richtig, dass Arno Reuther zu einer Operation an seinem Rückenmark entschlossen war und Sie das Geschäftliche mit einer Klinik im Ausland abwickeln wollten, wie Sie es schon bei Alexander Faden getan haben? Für zwanzigtausend Euro? Oder dreißigtausend? Oder noch mehr?«, fragte Gerald.

Zu seiner Überraschung suchte der Arzt keinerlei Ausflüchte. »Das ist im Wesentlichen zutreffend«, sagte Chateaux leise. Er fixierte Gerald mit einem intensiven Blick, als müsse er seine Vorstellung von ihm revidieren und sich langsam auf ein neues Gegenüber einstellen. Auf ein Gegenüber, das innerhalb kürzester Zeit Dinge in Erfahrung gebracht hatte, die nicht in der Gruppentherapie zur Sprache gekommen waren.

»Und was ist im Wesentlichen nicht zutreffend?«, bohrte Batzko nach. »Die Summe? Liegt ja ein paar Euro über dem monatlichen Beitragssatz der Krankenkasse, oder?«

Der Arzt lächelte in der Art, wie sie Gerald schon vertraut war: mit geschlossenem Mund, in einer einzigen schnellen Bewegung. »Wegen der komplizierten Operation mit hohen Risikofaktoren waren es vierzigtausend Euro, die Arno Reuther mir gegeben hatte. Aber warum fragen Sie mich das? Wo ist der Bezug zu diesem fürchterlichen Verbrechen?«

»Wir wissen nicht, ob es einen Bezug gibt. Aber Alexander Faden und Arno Reuther litten an derselben Erkrankung und waren beide bei Ihnen in Behandlung. Das ist eine Parallele, die wir nicht außer Acht lassen dürfen. Es liegt uns daran, möglichst viel über dieses Krankheitsbild zu erfahren. Herr Reuther hat Ihnen also für eine Behandlung Geld gegeben, deren Kosten unsere Krankenkassen nicht übernehmen, weil BIID noch nicht im offiziellen Krankenatlas aufgenommen ist.«

»Respekt, meine Herren. Sie haben gut recherchiert. Aber ich bin mit der Mehrheit meiner Kollegen, die sich mit dieser Erkrankung enger befassen, der Meinung, dass in vielen Fällen eine Operation die einzige erfolgversprechende Behandlungsmöglichkeit darstellt. Auch wenn es gewissermaßen die Kapitulation eines klassisch therapeutischen bzw. medikamentös-neurologischen Ansatzes bedeutet, indem wir den Wunsch des Patienten realisieren, anstatt ihn zu ändern oder in seiner Dringlichkeit abzumildern.«

»Seltsam nur, dass sich diese Erkenntnis noch nicht bis zu den Krankenkassen durchgesprochen hat«, konstatierte Batzko.

»Nun, das hat nicht zwingend rein medizinische Gründe«, antwortete Chateaux und fand langsam zurück zu seinem melodiösen, leicht belehrenden Tonfall. »Da sind zunächst einmal die zeitraubenden bürokratischen Hürden in unserem Gesundheitssystem. Erschwerend wirken generelle Vorbehalte, weil BIID oberflächlich betrachtet mit modischen Veränderungen unseres Körperbildes einhergeht.

»Verstehe ich nicht. Geht es etwas konkreter?«, unterbrach Batzko.

»Sehen Sie, meine Herren, die Zeiten verlangen sehr viel von uns. Viele Menschen fühlen sich den Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft hilflos ausgesetzt. Sie wissen nicht, wie lange sie noch ihre Arbeit haben, wie belastbar ihre Beziehungen sind, ob sie morgen schon ihre Koffer packen müssen, weil die neue Arbeitsstelle nicht mehr dort ist, wo sie leben. Unser Leben wird anonymer, austauschbarer. Wir fühlen uns Dingen und Kräften ausgeliefert, die wir nicht kontrollieren können. Der Körper erscheint vor diesem Hintergrund vielen als ein Rückzugsort, als das Einzige, worüber sie noch eine Verfügungsgewalt haben. Er gehört ihnen und nur ihnen. Sie lassen sich tätowieren, piercen, manche lassen sich Metallplatten unter die Stirnhaut schieben, andere wiederum fügen sich ständig neue Verletzungen zu, weil sie sich nur mit einer Wunde als sie selbst fühlen. Der Körper wird zu einem Blatt Papier, auf dem wir Auskunft geben über unsere Biografie, unsere Sehnsüchte und Hoffnungen. Das alles gehört zum freien Willen des Menschen und muss natürlich aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Wenn die Krankenkassen eine Amputation als anerkannte Therapie bei einer BIID-Erkrankung akzeptieren, sehen sie die Gefahr, dass jemand eine BIID-Erkrankung simulieren könnte, um sich einen Eingriff bezahlen zu lassen, den er anderenfalls selbst finanzieren müsste.«

»Führt das nicht ein paar Kilometer weit weg von unserem Fall, Herr Doktor?«, provozierte Batzko. »Und mal im Ernst: Wer lässt sich schon zum Spaß oder weil’s modisch ist, ein Bein oder einen Arm amputieren oder was weiß ich noch alles? Dass so jemand krank in der Birne ist, ist doch eh klar.«

Chateaux drehte sich in seinem Stuhl etwas zur Seite und holte Atem, wie ein Lehrer, der den Einwurf eines Schülers unpassend findet. »Sie haben mich nach den Hintergründen gefragt, ich habe geantwortet. Im Übrigen ist eine extreme physische oder ästhetische Aufmerksamkeit für den Körper nur eine Seite der Medaille. Die einen wollen durch ihren Körper ihre Verwundungen ausdrücken, die anderen den Drang nach Perfektion und Unbesiegbarkeit. Denken Sie an die vielen Schönheitsoperationen, die neuerdings schon Minderjährige durchführen lassen, an die Menschen, die in Bodybuilding-Centern ihren Körper modellieren, als wäre er eine Kampfmaschine. Einige, so heißt es, würden dadurch auf aggressive Weise eine latente Homosexualität unterdrücken. Nun, wie dem auch sei, Sie haben gefragt, ich habe geantwortet.«

Die letzten Sätze hatte Chateaux direkt an Batzko gerichtet. Dann schnappte sein Lächeln zu, diesmal begleitet von einem Hochziehen der Brauen und einem konspirativen Augenzwinkern.

Gerald konnte aus den Augenwinkeln beobachten, wie Batzko mit dem Kopf zuckte, als hätte er eine Ohrfeige erhalten. Doch nach nur einem Bruchteil einer Sekunde fuhr er aus dem Stuhl hoch und stemmte beide Arme mit geschlossenen Fäusten auf den Schreibtisch.

»Jetzt passen Sie mal sehr gut auf«, sagte er, so zischend leise, dass es umso lauter ins Gehör fuhr, »ich bin Kriminalbeamter, ich vertrete die Exekutive dieses Staates. Sie werden mir mit dem nötigen Respekt begegnen und persönliche Beleidigungen dieser Art unterlassen, oder mein Kollege könnte kurz vergessen, dass er sich hier im Raum befindet. Ist das deutlich genug?« Batzko nahm einen der beiden Zöpfe von Chateaux in die Hand, drehte ihn um den Zeigefinger und sagte mit zuckersüßer Stimme: »Apanatschi!«

Während er sich wieder setzte, schaute Chateaux zu Gerald. Er wirkte noch schmaler, so unendlich filigran wie Arno Reuther. Dann sagte er: »Ich verstehe viele Ihrer beruflichen Schwierigkeiten besser als je zuvor, Herr van Loren, auch wenn Sie sie in gewisser Weise abstrahiert haben. Einer so elementaren Kraftentfaltung gegenüber …« Er führte den Satz nicht zu Ende. Gerald wich seinem Blick aus; er wollte Batzkos Ausraster nicht dadurch bestätigen, indem er ihn kommentierte. Er räusperte sich kurz: »Hatte Herr Reuther Ihnen das Geld bereits gegeben, Herr Dr. Chateaux?«

»Ja, vor wenigen Tagen erst.«

»In bar oder per Überweisung?«

Chateaux nahm einen Stift in die Hand, drehte ihn nervös zwischen den Fingern und fing an zu husten. Obwohl der Bart wie ein Teppich über seiner Gesichtshaut lag, bemerkte Gerald, dass er leicht rot wurde.

»Verzeihung, spielt diese Information für Ihre Ermittlungen eine Rolle?«

»Das werden Sie gefälligst uns überlassen«, bellte Batzko.

»Also gut. Ich hatte ihn gebeten, mir die Summe in bar zu geben. Im Kontext der verschiedenen Leistungen und Überweisungen … Es ist ja alles ziemlich kompliziert … Auch auf Wunsch der ausländischen Mediziner, ich muss in finanzielle Vorleistung eintreten … Sie verstehen doch.«

»Ausgezeichnet. Die internationale Medizin ist doch ein Heimspiel für uns. Wir beschäftigen uns bekanntlich mit nichts anderem«, sagte Batzko gereizt. »Vielleicht stecke ich das einem Kollegen vom Finanzamt, diese Geldübergabe unter dem Tisch. Hat was von Medizin in der dritten Welt, finden Sie nicht? Bei der Gelegenheit könnte man ja auch die Nervosität Ihres Kindermädchens erwähnen, das, sobald mein Kollege nur ›Guten Tag‹ sagt, wie ein Sprechautomat auf ihre angeblich korrekten Papiere verweist. Aber das überlasse ich dann lieber den Kollegen, die für eine transparente Buchführung zuständig sind.«

Batzko, der Angeber, dachte Gerald, hat sich festgebissen. Aber wir brauchen unseren Arzt noch lebend. Er räusperte sich und fragte betont höflich: »Hatte Arno Reuther zu diesem Zeitpunkt bereits mit seiner Frau gesprochen? Und kennen Sie Katja Reuther eigentlich persönlich?«

Die Erleichterung, sich wieder Gerald zuwenden zu können, schwang in der Stimme des Therapeuten mit. »Er sagte mir, dass er mit ihr gesprochen habe. Das müssten Sie, Herr van Loren, aus der letzten Therapiestunde, an der Sie teilgenommen haben, eigentlich bestätigen können. Katja Reuther kenne ich, ja. Die beiden hatten mich vor einiger Zeit als Paar konsultiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Arno Reuther weder ihr noch mir gegenüber seine Erkrankung erwähnt. Aber sie stellte für seine Ehe eine große Belastung dar, weil Arno einen sehr wichtigen Teil seiner Persönlichkeit einfach verschwieg. Diese Paargespräche sind allerdings schon, warten Sie, über ein Jahr her. Sie werden sicher nicht nutzlos gewesen sein, wenngleich das Outing von Arno Reuther erst im Zuge der Gruppentherapie geschah. Das hatte zweifelsohne auch mit den anderen BIID-Patienten Alexander Faden und Franziska Grittmann zu tun.«

»Hatten Sie nach der Paartherapie Kontakt zu Frau Reuther?«

»Nein. Das heißt, wir sind uns in der Innenstadt mal über den Weg gelaufen. Zweimal sogar, wenn ich mich recht erinnere. Jeweils beim Einkaufen. Wir haben einen Kaffee getrunken und zwanglos geplaudert. Ich hatte für beide viel Sympathie übrig.«

»Wann haben Sie den letzten Kaffee, wie Sie sagen, getrunken?«

»Das weiß ich nicht mehr.« Chateaux schien nach einer möglichst unverbindlichen Antwort zu suchen. Die blasierte Sicherheit, die er bei seinen medizinischen Ausführungen an den Tag legte, war schlagartig gewichen. Er begann zu taktieren, und unglücklicherweise war ihm das deutlich anzumerken. »Warum sollte ich diese Zufallsbegegnungen in meinem Gedächtnis abspeichern? Vielleicht vor einigen Wochen. Ich weiß es wirklich nicht.«

In diesem Moment drang Lärm aus der Diele in das Sprechzimmer. Gerald erkannte die aufgeregte Stimme des Au-pairs. Kinder – ein Junge und ein Mädchen, vermutete Gerald – antworteten der jungen Frau, untermalt von den Geräuschen, die entstehen, wenn Schultaschen eilig auf den Boden abgestellt und Kleidung von der Garderobe genommen wird. Aber da war noch ein weiteres, merkwürdiges Geräusch: ein Klappern, wie von Krücken, die an eine Wand gelehnt wurden, rutschten, zu Boden fielen, unter Flüchen wieder aufgenommen wurden. Schließlich fiel die Haustür ins Schloss. Die drei gingen am Sprechzimmer vorbei in die Garage. Gerald schaute nach draußen, konnte jedoch von seinem Platz aus nichts sehen, weil der Vorgarten tiefer lag als das Haus.

»Meine beiden Kinder«, kommentierte Chateaux. »Eigentlich müssten sie längst in der Vorschule bzw. in der Schule sein, aber die erste Stunde fällt heute aus, wie so oft. Wie soll dieses Land konkurrenzfähig bleiben, wenn der einzige Rohstoff, den wir haben, nicht im Erdboden liegt, sondern in den Köpfen der Bevölkerung? Eine kollektive Verdrängung erster Ordnung, wir sehen immer nur die Materie, die aus Wissen, Bildung und Kompetenz hervorgeht, wie Autos, Computer, Flugzeuge, aber nicht das Wissen an sich. Das ist tückisch, wissen Sie?«

Batzko trommelte mit den Fingern auf der Stuhllehne. »Ist ja ungemein interessant und lehrreich, dieser Ausflug in die Kulturphilosophie, nur fehlt mir der Bezug zu unserem Fall. Sie sind verheiratet, Herr Dr. Chateaux?«

Wieder griff der Arzt zu einem Stift und ließ ihn zwischen den Fingerkuppen rotieren. »Meine Frau ist vor einem Jahr ausgezogen. Seitdem unterstützt mich ein Au-pair-Mädchen aus St. Petersburg, das bereits Ihre Neugierde in meldepolizeilicher Hinsicht geweckt hat, wie ich feststellen durfte. Sie wohnt, zu Ihrer Information, hier im Haus.«

»Hat sie auch gestern die Kinder zur Schule gebracht? Wo waren Sie zwischen halb neun und halb elf?«

Der Arzt dachte nach. »Gestern … Nein, gestern habe ich meine Kinder selbst zur Schule gebracht, weil ich noch Verschiedenes in der Innenstadt erledigen wollte. Meine Sprechstunde begann erst um elf.«

»Haben Sie dafür Zeugen? Vielleicht Quittungen von Ihren Einkäufen?«

Chateaux nickte. »Ich war im Kaufhof am Marienplatz. Ich habe eine elektrische Obstpresse gekauft. Bei dem Wetter gibt es ja nichts Besseres als frisch gepresste Säfte. Es kann sein, dass ich die Quittung vergessen habe, aber die Originalverpackung liegt vielleicht noch in der Küche oder im Abfall.«

»Weitere Einkäufe?«

»Nein. Ich bin durch verschiedene Abteilungen gebummelt, ohne etwas gekauft zu haben. Dann bin ich zum Viktualienmarkt gegangen.«

»Ein Katzensprung vom Isartor entfernt«, kommentierte Batzko.

Chateaux hob irritiert den Kopf. »Ja. In der Tat.« Dann, nach einem Moment, in dem er selbst eine Verbindung zum Mord an Arno Reuther zu ziehen schien: »Sie meinen doch nicht etwa …?«

»Reine Routine«, sagte Gerald begütigend. »Wir werden Ihre Aussagen nachprüfen müssen. Für heute habe ich keine weiteren Fragen mehr.«

Chateaux schaute auf seine Armbanduhr. »Das ist gut. Verzeihen Sie, aber bald kommt mein erster Patient. Ich brauche noch ein paar Minuten, um mich zu sammeln. Der Tod von Arno Reuther …«

Batzko erhob sich von seinem Platz. »Wir kommen wieder, Herr Doktor. Ich gehe davon aus, dass Sie ständig erreichbar sind?«

Chateaux nickte und trat einen Schritt zurück. Er hat wahrscheinlich Angst, dass Batzko ihm alle Knochen seiner Hand zermalmt, dachte Gerald.

»Diese Squaw ist doch von vorne bis hinten nicht echt«, maulte Batzko und ließ den Sicherheitsgurt einrasten. »Ich werde beim Staatsanwalt Konteneinsicht beantragen. Vierzigtausend Euro in bar auf die Kralle! Ich fresse einen Besen, wenn die Summe in den Büchern des Schwätzers auftaucht.«

Batzko startete den Motor und fuhr mit quietschenden Reifen los. An der Kreuzung Innstraße machte er eine Vollbremsung.

»Jetzt komm mal langsam runter, du verdammter Adrenalin-Junkie«, rief Gerald, der sich vor Schreck tief in den Sitz gedrückt hatte. »Bist du dir im Klaren darüber, dass du einem Zeugen überdeutlich Gewalt angedroht hast? Dass du ihn begrabscht hast? Das ist unprofessionell und idiotisch. Wir haben zwei Mordfälle zu lösen. Ich habe keine Lust, mich zusätzlich mit deinen Unbeherrschtheiten herumzuschlagen, Batzko!«

»Wir waren zu zweit, er alleine«, antwortete Batzko ungerührt.

»Dann muss ich also dankbar sein, dass du ihm nicht noch ein paar Zähne ausgeschlagen hast, oder?«

Batzko antwortete nicht und schaltete einen Gang zurück. Lange fiel kein Wort zwischen den Kollegen. Dann nahm Gerald den Faden wieder auf. »Das Geld müsste er nun eigentlich an Katja Reuther zurückzahlen. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass er von der Ermordung Reuthers nicht durch die Medien erfahren hat. Vielleicht liegt ja das letzte Kaffeetrinken mit Katja Reuther nicht erst Wochen, sondern gerade mal einen Tag zurück.«

»Du meinst, die beiden hatten etwas miteinander und der Ehemann war im Weg?«

»Ich weiß nicht. Arno Reuther liebte seine Frau, das war überdeutlich in den Therapiestunden. Jedenfalls schien mir das so. Bei ihr bin ich mir allerdings nicht ganz so sicher. Ich kann es nicht begründen, aber ich habe da so ein Bauchgefühl.«

»Chateaux vögelt wahrscheinlich mit Frauen, Männern und Kleintieren, weil er für alles eine schöne Befreiungstheorie hat. Den Typen haben wir jedenfalls an den Eiern, darauf kannst du dich verlassen. Ich weiß nicht, wie du den ausgehalten hast. Mir rollen sich die Fußnägel auf, wenn ich den nur angucken muss.«

»Mag ja sein. Aber deshalb musst du ihm nicht bei der ersten Unterredung mit den Füßen ins Gesicht springen.«

»Tut aber gut«, grinste Batzko. »Wenigstens renne ich nicht in eine Therapie wie du.«

Sie näherten sich dem Prinzregentenplatz. Batzko musste langsam fahren, weil vor ihm ein Lastwagen mit Anhänger tuckerte. Ebenso unruhig wie vergebens wartete er auf eine Möglichkeit zum Überholen. Gerald schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Erst Alexander Faden, dann Arno – und dann Franziska? Gab es doch eine Spur, die zu ihr führte und die er nur noch nicht erkannt hatte? Auch wenn Arno und Franziska ihre wahre Identität in dem Forum nicht preisgegeben hatten – irgendjemand, zumindest der EDV-Administrator, würde sie kennen bzw. ermitteln können. Hatten sie es mit einem Serientäter zu tun? Ein Seziermesser war jedenfalls nicht am Tatort gefunden worden. Zumindest nicht bei der ersten Begehung. Der abschließende Bericht der Spurensicherung müsste im Lauf des Tages eintreffen.

»Fahren wir jetzt gleich zur Kattowitz?«, fragte Batzko unvermittelt.

»Was? Ach so. Ja, warum nicht?«

Batzko bog links ab in die Prinzregentenstraße in Richtung Friedensengel. Es war bereits so heiß, dass sich das Licht in den Schaufenstern spiegelte. Batzko hatte beide Seitenfenster halb heruntergelassen. Dennoch kroch der Geruch seines markanten Deodorants in Geralds Nase. Batzko war stark behaart und schwitzte leicht und neigte im Sommer zu einem übertriebenen Einsatz von Deodorants.

Zehn Minuten später standen sie vor dem Haus in der Lindwurmstraße. Gerald wollte gerade auf die Klingel drücken, als Batzko ihm auf den Unterarm schlug.

»Stopp!«

»Was?«

Batzko hängte die Sonnenbrille in ein Knopfloch seines Hemdes und schaute plötzlich so verlegen wie ein Schüler, der seine Hausaufgaben auf dem Küchentisch liegen gelassen hat. »Scheiße. Manchmal stehe ich wirklich auf der Leitung.«

»Mit einem Fuß stehst du immer drauf. Manchmal auch mit beiden. Muckis und Testosteron für eine ganze Armee, aber so wenig Grips wie ein Heißluftballon. Deshalb musst du mir trotzdem nicht gleich den Arm zertrümmern.«

»Diese Schlägerei in der Kneipe hier um die Ecke, am Abend vor dem Tod von diesem Alexander Faden.«

»Ja, und?«

»Der Fernfahrer, der sich mit einem anderen wegen seiner Lebensgefährtin geprügelt hat, hat diese Adresse hier angegeben. Volker Pollinger hieß der.«

»Der Name steht auf keiner Klingel«, sagte Gerald nach einem Moment. »Entweder gehört er zur Kattowitz, oder wir fragen den Hausmeister. Er kennt alles und jeden hier im Haus, aber am besten seinen eigenen Biervorrat.«

Gerald klingelte bei Marleen Kattowitz. Wie nicht anders erwartet, musste er dreimal auf den Knopf drücken, bevor eine müde Stimme aus dem Lautsprecher kam. »Ja? Was ist denn?«

»Frau Kattowitz, hier ist noch einmal Hauptkommissar van Loren. Ich hätte noch zwei, drei Fragen, Herrn Faden betreffend.«

Es dauerte eine Weile, bevor sie mit demonstrativem Unwillen fragte: »Muss das unbedingt jetzt sein?«

»Ich fürchte ja.«

Sie öffnete die Haustür nicht sofort. Bis zum Ertönen des Summers dauerte es so lange, dass Batzko nervös auf dem Bürgersteig wippte und an der Hausfront hochschaute. Will er klettern?, dachte Gerald.

Gerald wusste nicht, warum Marleen Kattowitz so lange gezögert hatte, bis sie die Haustür öffnete. Sie hatte die Zeit aber definitiv nicht genutzt, um sich anzuziehen, denn sie trug denselben ausgewaschenen Bademantel wie beim ersten Besuch. Die nackten Füße steckten in Hausschlappen. Sie war nicht geschminkt, die Haare unfrisiert. Mit ihrer linken Hand hielt sie den Bademantel hoch vor der Brust geschlossen. Als sie Batzko sah, löste sich ihre Hand unmerklich und gab einen Teil ihres Dekolletés preis. Der Missmut wich aus ihrem Gesicht, ihr Blick gewann eine gewisse hungrige Neugierde, und Gerald musste registrieren, dass Marleen Kattowitz Batzko in diesen wenigen Sekunden intensiver betrachtet hatte als ihn selbst während des gesamten Gesprächs zwei Tage zuvor.

Beim Reingehen warf Gerald unauffällig einen Blick in die Küche, die so aussah, als hätte Frau Kattowitz gerade eben noch gefrühstückt. Er nahm an, dass sie die Arbeit am Computer regelmäßig für eine Kaffeepause unterbrach.

Frau Kattowitz betrat vor den beiden Kommissaren das Wohnzimmer. Der Computer in der Ecke war eingeschaltet, die Webcam lag auf der Tastatur.

»Nun kommen Sie also zum zweiten Mal. Hat sich denn was Neues ergeben? Sie wissen, ich arbeite um diese Zeit. Es wäre mir sehr recht, wenn wir das Gespräch kurz halten könnten. Sie kriegen Ihre Miete doch auch nicht geschenkt, nehme ich an.« Sie zog eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch und zündete sie an, indem sie gleichzeitig ihre Beine anwinkelte und den Sitz des Bademantels korrigierte. Die Trägheit und Selbstvergessenheit ihrer Bewegungen erinnerte Gerald an Menschen in Krankenhäusern, die ganze Vormittage in Bademänteln in der Raucherecke verbrachten, Illustrierte lasen oder Karten spielten.

»Ich hoffe, von Ihnen etwas Neues zu erfahren, Frau Kattowitz.«

»Von mir?« Sie lachte kurz auf und blies den Rauch in Richtung Zimmerdecke.

»Kennen Sie einen Mann namens Volker Pollinger?«, fragte Batzko.

»Was? Ist etwas mit ihm? Ist ihm etwas passiert?« Sie wirkte plötzlich wie elektrisiert. In ihrem müden Blick wurden Angst und Unruhe sichtbar.

»Nicht, dass ich wüsste. Aber das war nicht meine Frage.«

Sie beugte sich vor, um die Asche abzustreifen, in einer fahrigen, unkontrollierten Bewegung, die den Ansatz einer schweren Brust erkennen ließ. Batzko schnaufte ganz kurz. Er hatte natürlich gemerkt, wie Marleen Kattowitz ihn an der Wohnungstür mit ihren Augen gescannt hatte. Gerald hatte eigentlich vermutet, dass sein Kollege einen höheren Standard für seine Eroberungen anlegte. Aber wie Batzko neben ihm saß, die Unterarme auf die mächtigen Oberschenkel gestützt, das Kreuz durchgedrückt, die Sonnenbrille lässig in den obersten Hemdknopf gehängt – das sah geradezu gefährlich sprungbereit aus.

»Volker ist mein Mann. Also, korrekt gesagt, mein Lebensgefährte. Aber er wohnt nicht offiziell hier. Er ist noch verheiratet. Er hat drei kleine Kinder und will das Sorgerecht nicht verlieren. Er liebt sie. Das weiß seine Frau, und deshalb macht sie ihm Probleme, wo es nur geht. Sie schreibt alles auf, was gegen ihn sprechen könnte. Niemand kann so hinterfotzig sein wie eine Frau, die sich rächen will. Sie wussten das vielleicht schon, ich weiß es erst seit kurzem. Die Liste hat sie im Flur aufgehängt, damit er sie immer sieht, wenn er zur Arbeit geht. Irgendwie wartet die Schlampe nur darauf, dass ihm die Hand ausrutscht.«

»Was macht Herr Pollinger beruflich?«

»Er ist Fernfahrer. In der Regel fährt er am Montag los und kommt Donnerstag oder Freitag wieder. Zuerst kommt er zu mir und holt sich, was er zum Leben braucht. Wenn er danach zu seinen Kindern fährt, schnüffelt seine zukünftige Ex an seinen Klamotten und zieht über mein Parfüm her. Ich bin überzeugt, dass sie noch ganz anders über mich herzieht, aber das verrät er mir nicht, aus Angst, ich könnte ausrasten.«

In den Computer kam plötzlich Leben. Ein seltsames Geräusch erklang, wie ein Pochen oder Anklopfen, obwohl der Bildschirm abgedunkelt blieb. Marleen Kattowitz registrierte das Geräusch, drehte sich aber nicht um.

»Letzte Woche, am Sonntag, also einen Tag vor dem Tod von Alexander Faden, hat Volker Pollinger sich auf eine Prügelei eingelassen in einer Kneipe hier in der Nähe. Wissen Sie davon, Frau Kattowitz?«, fragte Batzko.

»Wie denn nicht? Ich habe ihn im Krankenhaus besucht. Er hat schon ab Montag bei mir geschlafen, nur tagsüber musste er noch in die Klinik. Hören Sie, ich habe Ihnen doch gerade gesagt, dass diese Tussi ihn auf hundertachtzig treibt. Da reicht eben manchmal ein falsches Wort am falschen Ort. Aber jetzt muss ich wirklich weiterarbeiten. Wenn ich Sie also bitten dürfte …«

»Ist es richtig«, fuhr Batzko fort, ohne ihren Einwand überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, »dass es in der Auseinandersetzung um Sie ging, Frau Kattowitz? Dass der andere Streithahn Sie beleidigt und in Ihrer Ehre gekränkt hat?«

Sie zuckte wieder träge mit den Schultern und zündete sich eine neue Zigarette an. »Und wenn schon? Mir macht das nichts. Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt. Das habe ich Volker voraus. Aber was soll das jetzt alles? Ich war doch nicht dabei. Was fragen Sie mich? Wenn Volker provoziert wird, brennen ihm schon mal die Sicherungen durch. Er ist eben so gebaut, dass er zur Not Sie beide durch die Tür haut.«

Batzko räusperte sich hörbar.

»Ist es richtig, dass die Provokation auf Ihre berufliche Tätigkeit zielte?«, fragte Gerald geduldig, aber bestimmt, »und dass diese Tätigkeit nicht darin besteht, Banküberweisungen an Ihrem PC durchzuführen?«

Marleen Kattowitz lächelte flüchtig. Es war ein trauriges, resignatives Lächeln. Nicht von der Art, als wäre sie überführt oder bloßgestellt worden, sondern als löste sich eine Anspannung in ihr. Zum ersten Mal schaute sie Gerald direkt in die Augen.

»0901666999. Ich heiße Cora. Wir reden über alles, was du willst. Was du gerne mit Frauen machst. Was sie mit dir machen sollen. Vielleicht 69, wie in unserer Telefonnummer? Wenn du willst, zeige ich dir mit der Webcam meinen Körper, für dich ganz allein. Sie fährt über meine Haut, überall dort, wo du mit deiner Zunge und deinem Prachtkerl hinmöchtest.« Marleen Kattowitz sprach ohne Betonung, als würde sie einen Text, den sie nicht einmal verstand und der ihr vollkommen gleichgültig war, von einem Blatt Papier ablesen.

Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort. »Ich habe ein schulpflichtiges Kind. Ich brauche Geld. Volker und ich brauchen das Geld. Ja, und? Keiner sieht mein Gesicht. Keiner kennt meinen wahren Namen. Keiner begrabscht mich. Wollen Sie jetzt Moralapostel spielen?«

»Natürlich nicht«, antwortete Gerald, »es ist auch verständlich, dass Sie bei unserem ersten Gespräch eine Schutzbehauptung gewählt haben. Was uns mehr interessiert, ist die Frage …«

»Am Anfang«, unterbrach ihn Marleen Kattowitz, und es schien, als habe sie Gerald gar nicht zugehört, »stand der PC in meinem Schlafzimmer. Aber ich konnte nicht mehr schlafen. Ich hatte das Gefühl, tausend Kameraaugen wären überall in meinem Bett, feuchte, glupschige Augen, die in meinen Körper kriechen, die mich überall befingern. Nach jedem Gespräch muss ich unter die Dusche, um mich nicht übergeben zu müssen.«

Bei den letzten Sätzen sah sie zu Batzko, der mit verschränkten Armen auf der Couch saß. Eine Pause entstand. Es war spürbar, dass Marleen Kattowitz das loswerden wollte und dass sie gleichzeitig sicher war, keine Reaktion darauf zu bekommen.

»Ich bin überzeugt, dass Alexander Faden nicht so war«, sagte Gerald schließlich, um den Moment ihrer Verletzbarkeit und Offenheit auszunutzen.

Frau Kattowitz wich seinem Blick aus, biss sich auf die Lippen, dann liefen Tränen über ihr Gesicht. Sie kamen so plötzlich, als lägen sie seit langem dort und hätten nur auf das Stichwort gewartet, um zu fließen. Marleen Kattowitz machte keinen Versuch, sie zu verbergen. Es schien Gerald, als sei sie geradezu erlöst, endlich nichts mehr verbergen zu müssen.

»Hatten Sie ein Verhältnis mit Alexander Faden?«, fragte Batzko mit der Direktheit eines Wurfgeschosses.

Wieder lachte sie kurz auf. Es war ein trotziges und verzweifeltes Lachen. Dann machte sie eine träge, wegwerfende Handbewegung. Sie schaute Batzko direkt an. »Das käme Ihnen recht, nicht wahr? So denken Sie doch! Anders können Sie vermutlich gar nicht denken, oder? Ich ficke mit dem schüchternen Alexander, diesem netten, hübschen Jungen, der so süß und weltfremd ist wie Harry Potter, und Volker kriegt es raus, geht in seine Wohnung und schmeißt ihn wie eine Abfalltüte vom Balkon. Jemanden, der sich nicht wehren kann. Na? Das wollten Sie doch hören, geben Sie es ruhig zu.«

»Ich bin über Alexander Fadens Erkrankung informiert«, sagte Gerald.

Keine Reaktion.

»Frau Kattowitz, Alexander war BIID-Patient und hat deshalb eine Amputation vornehmen lassen.«

Marleen Kattowitz suchte in den Taschen des Bademantels nach einem Taschentuch. Doch sie fand keines. Gerald half ihr aus, und zum ersten Mal entdeckte er eine Art von Wärme und Dankbarkeit in ihrem Blick.

»Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihren Unterstellungen. Wir, also Alex und ich, haben nur geredet. Wir haben uns ja über das Babysitten kennengelernt. Mit der Zeit haben wir uns angefreundet. Ich habe von meinen Problemen erzählt, er von seinen. Es stimmt, ich wusste von BIID. Es hat mich anfänglich geschockt, dann – wie soll ich sagen – irgendwie beschäftigt. Er hat durch die Krankheit so viel über seinen Körper gewusst, wie ich das eigentlich nur von Frauen kenne. Er hatte ein intensives Gespür für seinen Körper, eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Verstehen Sie das denn nicht? Das war so anders für mich, dass ein Mann so sensibel und einfühlsam ist. Für die Männer, mit denen ich zu tun habe, besteht der Körper doch nur aus ihrem Schwanz. Die wollen nur wissen, dass er noch größer und stärker und schöner ist als die der anderen. Für die beginnt ein guter Tag mit einer Morgenlatte, das ist alles, weiter denken die überhaupt nicht.«

Es klingelte plötzlich an der Haustür. Sie schaute erschreckt auf die Uhr, als hätte sie den Zeitpunkt verpasst, an dem ihre Tochter von der Schule kam. Aber Marleen Kattowitz schüttelte nur den Kopf und sagte: »Egal. Werbung. Oder ein Nachbar. Ich mache nicht auf.«

»Hat Volker Pollinger das auch so gesehen? Oder hat er sich geprügelt, weil er befürchtet hat, da wäre doch noch mehr? Hat er sich vielleicht, in einem gewissen Sinne, Alexander Faden unterlegen gefühlt, nicht nur intellektuell, sondern auch emotional, weil da diese besondere Nähe zwischen Ihnen bestand? Eine Nähe, an die er mit seiner ganzen Kraft und Männlichkeit nicht heranreichte?«, fragte Batzko und beugte sich nach vorne.

Sie fuhr mit der Hand durch das ungekämmte Haar. »Eifersüchtig? Nicht direkt. Ich habe ihm jedenfalls keinen Anlass dazu gegeben. Glauben Sie, wir würden das alles gemeinsam durchstehen, wenn wir uns nicht lieben würden? Volker hat ihn ja auch gekannt. Manchmal hat Alexander bei uns ferngesehen. Da war mein Lebensgefährte ganz normal zu ihm, freundlich eben, wie er zu jedem ist. Obwohl sie sich natürlich nicht so viel zu sagen hatten. Ein paar Worte über Fußball, aber das war auch schon alles, was sie wirklich verband. In der Kneipe neulich … Er hatte was getrunken. Es ging gar nicht um Alexander. Es ging um einen idiotischen halb besoffenen Tresenhocker, der irgendwie von meinem Job erfahren hat und Volker angemacht hat, ob ich nicht auch mal für besondere Freunde die Wohnungstür öffnen würde. So was in der Art, Sie wissen schon.«

»Frau Kattowitz, wo war Volker Pollinger am Montagabend der letzten Woche?«

»Hier. Habe ich doch gesagt. Wir haben ferngesehen.«

»Bei unserem ersten Gespräch«, sagte Gerald, »haben Sie nur von Ihrer Tochter gesprochen.«

»Ich weiß. Aber ich habe nicht gelogen. Ich habe das nur verschwiegen. Ich wollte Volker aus der Sache raushalten. Er weiß doch nicht mehr, wie es weitergeht und ob er wegen der Prügelei seinen Job verliert. Es ist ja leider nicht das erste Mal gewesen. Das müssen Sie doch verstehen, dass ich ihn da raushalten wollte. Ich habe nicht gewusst, dass Sie noch einmal kommen würden. Ich habe gedacht, Sie stellen Ihre Fragen zu Alexander und gehen dann wieder.«

»Können Sie bezeugen, dass Volker Pollinger diese Wohnung in der fraglichen Zeit nicht verlassen hat? Haben Sie vielleicht mal geduscht? Den Abwasch erledigt? Sich mit Ihrer Tochter beschäftigt? Es braucht nicht viel Zeit, um ein Stockwerk nach oben zu gehen, Frau Kattowitz.«

Sie schloss die Augen. »Er war immer mit mir zusammen, in jeder einzelnen Minute«, sagte sie mit müder Stimme. Es sollte sicher überzeugend klingen, aber es klang so, als versuchte sie, sich selbst davon zu überzeugen.

»Wir werden ein Protokoll anfertigen, das Sie unterschreiben müssen, bei uns im Präsidium. Ich gebe Ihnen telefonisch Bescheid. Es kann auch sein, dass Sie Ihre Aussage vor Gericht werden beeiden müssen. Ich muss Sie nicht über die Konsequenzen einer Falschaussage unter Eid aufklären, oder?«

Batzko erhob sich. Es gehörte zu seiner Strategie, mit einem Szenario dieser Art das Gespräch zu beenden. Marleen Kattowitz blieb zunächst mit geschlossenen Augen sitzen. Dann stand auch sie auf und ging barfuß voraus in den Flur, als wäre ihre Kraft für ein Gespräch verbraucht. Ihre massigen, nackten Unterschenkel wirkten auf Gerald noch schwerer und ungelenker.

»Was ist eigentlich mit dem Vater Ihrer Tochter?«, fragte er neugierig, während sie die Wohnungstür öffnete.

Wieder lachte sie auf, ein seltsam hohes, verzweifeltes Lachen. »Als ich nach der Entbindung aus dem Krankenhaus kam, war er nicht mehr da. Einfach weg. Mit all seinen Sachen. Mit seinem Geld und mit meinem Geld und meinem Schmuck. Ich konnte nicht einmal das Taxi bezahlen, mit dem ich gekommen war. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört.«

Aus dem Wohnzimmer drangen leise und zugleich fordernde Klopfgeräusche.