7
Das ganze Wochenende dachte er an das Telefonat mit seiner Mutter, ohne es Nele gegenüber zu erwähnen. Es hatte keinen Sinn, Öl ins Feuer zu gießen. Nach einem gemeinsamen Kaffee in der Küche badete er Severin und brachte ihn dann ins Schlafzimmer. Er legte sich neben ihn ins Bett und erzählte ihm etwas, keine Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende, er erzählte vielmehr einen Mischmasch aus seiner Arbeit, dem Wetter und den Tieren im Dschungel. Severin strahlte ihn an und versuchte mit allen Kräften, wach zu bleiben. Aber seine Lider wurden schwerer und schwerer. Drei-, viermal öffnete der Kleine noch die Augen und hielt den Daumen seines Vaters fest umschlossen. Dann schlief er endgültig ein.
Nele saß im Wohnzimmer, eine Art Gesundheitsknabberteller (Karotten, Gurken, Oliven, Käsestückchen, ein Klecks Joghurtdressing) auf dem Schoß.
»Hast du bemerkt, dass Sevi so viele Haare verloren hat?«, fragte sie.
Gerald senkte den Kopf, als hätte er einen Schlag auf den Nacken bekommen.
»Ich dachte, das wäre normal in der Phase. Wenn ich diesen bescheuerten Wachstumskalender in der Küche richtig gelesen habe, verlieren sie in dieser Phase den Flaum. Wenn hier jemand die Haare verliert, bin ich es, weil ich den Schwachsinn nicht länger aushalte, den du jeden Tag inszenierst.« Er schrie beinahe.
Sie zuckte zusammen, als fürchtete sie, dass das Baby aufwachen könnte. Aber die Tür zum Schlafzimmer war nur einen Spalt geöffnet; außerdem wachte Severin von Geräuschen in der Wohnung nicht auf.
Nele begann zu essen. Gerald hatte keinen Hunger. Die Wut auf Nele krampfte ihm den Magen zusammen, der Anblick der Rohkost auf ihrem Teller ließ sein Hungergefühl verstummen. Er stand, vielleicht zwei, drei Minuten lang, unschlüssig im Türrahmen, doch Nele beachtete ihn nicht, sah nicht von ihrem Teller auf. Schließlich sagte er: »Du weißt, ich habe an zwei Abenden in der Woche diese dienstliche Geschichte. Lange wird es aber nicht mehr dauern.«
Sie hörte auf zu kauen und sagte, ohne ihn anzuschauen: »Dann amüsiere dich mal schön bei deiner dienstlichen Geschichte. Ist sie wenigstens hübsch und nett?«
Gerald verließ die Wohnung. Grußlos.
Bis auf Dr. Chateaux saßen alle bereits auf ihren Stühlen, als Gerald den Raum betrat. Sie schwiegen, und die Luft schien ihm so schwer und drückend wie bei einem Trauergottesdienst. Instinktiv suchte er Franziskas Blick, und tatsächlich lächelte sie ihm zu. Es war ein schnelles, aber deutlich wahrnehmbares Lächeln, bevor sie wieder, wie die anderen, auf den Fußboden schaute. Es war ein Augenblick von Geborgenheit, den sie ihm schenkte, und Gerald wurde bewusst, wie oft er in den letzten Tagen an sie gedacht hatte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, waren es jene Momente gewesen, in denen er besonders frustriert von seinem Zusammenleben mit Nele war und sich nach einer Umarmung und Zärtlichkeit gesehnt hatte.
Lutz trug ein ärmelloses T-Shirt, das den Blick auf die farbigen Tätowierungen an beiden Oberarmen freigab. Die Hände waren zu Fäusten geballt und lagen auf den Oberschenkeln. In seiner nach vorne geschobenen Unterlippe zeigten sich Trotz und Kampfbereitschaft.
Arno sah angegriffen und übernächtigt aus, noch blasser und schmächtiger, als er von Natur aus schon war. Er schien gar nicht wahrzunehmen, dass Gerald das Zimmer betreten hatte, ebenso wenig wie die übergewichtige Frau, die in ihrer linken Hand ein zerknülltes Taschentuch hielt. Im Winkel ihrer Lippen klebte etwas, das wie Butter aussah, so als hätte sie in aller Eile vor der Sitzung noch ein belegtes Brot gegessen. Der Schweiger, dessen Vornamen Gerald vergessen hatte, schwieg. Beide trugen dieselbe Kleidung wie bei der vorigen Sitzung.
Dr. Chateaux kam herein, schloss die Tür und setzte sich auf seinen Platz. Er lächelte allen aufmunternd zu, verzichtete aber auf eine Begrüßung. Er war in seinem üblichen Stil gekleidet – weißes Hemd, Fliege und eine bunte Strickjacke –, die langen Haare zu zwei klassischen Mädchenzöpfen gebunden, die von schlichten Haushaltsgummis zusammengehalten wurden.
Niemand wollte das Gespräch eröffnen. Nur Lutz fragte, wann im Sommer Therapieferien sein würden. Er müsse in seiner Firma den Urlaub rechtzeitig beantragen. Chateaux antwortete, Lutz schob eine weitere Frage nach Formalitäten hinterher, die bei den anderen bald zu Unmutsäußerungen und Füßescharren führte. Ein lähmender Druck legte sich wie eine Käseglocke über die Gruppe. Es war offensichtlich, dass Lutz die banalen formalen Detailfragen auswalzte, um die Gruppe zu dominieren. Gleichzeitig zeigte niemand die Initiative, um Lutz zu stoppen.
Als der endlich schwieg, verteilte der Therapeut sein Dauerlächeln wie das Licht eines Leuchtturms in die Runde, aber niemand sagte etwas. Schließlich wandte er sich Gerald zu. »Wie geht es Ihnen? Wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?«
Gerald zeigte sich von der Direktheit der Frage überrascht. »Eigentlich wie immer«, begann er zögerlich, »das heißt, Nele und ich haben nicht viel miteinander geredet, jedenfalls nicht über das Organisatorische hinaus. Mir ist nach der ersten Therapiestunde bewusst geworden, dass wohl auch sie sehr unglücklich ist. Dennoch schaffen wir es nicht, darüber zu reden. Wahrscheinlich, weil wir zu schockiert darüber sind und uns auch im Grunde dafür schämen, so gestresst und gereizt zu sein, wo wir doch unser Wunschkind bekommen haben.«
»Du redest nicht mit deiner Partnerin und weißt doch, was sie denkt?«, fragte Franziska.
»Was?« Gerald musste im Geiste noch einmal die Frage wiederholen. Er war zu überrascht, dass Franziska ihn direkt angesprochen hatte, und anstatt sich auf ihre Frage zu konzentrieren, hatte er nur wahrgenommen, wie anziehend er sie fand. »Also, ich nehme es an. Ich vermute es einfach.«
»Ich will dich nicht angreifen«, sagte Franziska in einem ruhigen, freundlichen Tonfall. »Es ist nur – versteh mich bitte nicht falsch – ein sehr beliebter Anfängerfehler, dass wir Aussagen über unsere Gefühle mischen mit Hypothesen über die Gefühle und Gedanken von anderen. Das verwischt die Grenzen zwischen dir und ihr. Du erkennst weder deine eigene Position mit der nötigen Klarheit noch ihre. Vielleicht ist es ja gerade ein Grund für das Nicht-Sprechen zwischen euch, dass ihr zu wissen glaubt, wie der andere fühlt und denkt. Frag sie doch einfach mal.«
Der Therapeut kniff ein Auge zu. »Ein Fleißpunkt für meine Assistentin. Aber ich möchte noch etwas hinzufügen: Junge Familien stehen unter einer Art Glücksdiktat. Sie haben ein gesundes Kind zum gewünschten Zeitpunkt, leben in materiell gesicherten Verhältnissen und sehen sich plötzlich mit dem Druck konfrontiert, ihr Leben als Familienalbum präsentieren zu müssen. Sie müssen hundertmal am Tag ihren Eltern und Freunden bestätigen, in einem Dauerglück zu leben. Sie dürfen übermüdet sein, besorgt, auch mal gestresst, aber die Seele muss leuchten wie ein malerischer Sonnenaufgang. Das ist der äußere Druck – schlimm wird es nur, wenn die Partner sich selbst gegenseitig nicht von diesem Glücksdiktat befreien, wie mir das bei Ihnen der Fall zu sein scheint. Paare gehen durch ein tiefes Tal der Verunsicherung, die vertrauten Rollenverteilungen stehen auf dem Prüfstand, sie haben nur noch Minuten für sich, wo sie vorher Stunden hatten. Alle Aufmerksamkeit scheint absorbiert von diesem kleinen, schreienden Wesen zwischen ihnen. Frauen müssen die körperlichen Veränderungen einer Schwangerschaft und Geburt verarbeiten. Manche fühlen sich wie ein plötzlich um ein Jahrzehnt gealtertes Muttertier in der Herde und fürchten die Konkurrenz mit den jungen, agilen Weibchen. Weiß Ihre Frau eigentlich, dass Sie in eine Gruppentherapie eingestiegen sind?«
Gerald spürte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte und eine Hitze in ihm aufstieg, als hätte er Fieber. »Nein. Ich habe es nicht geschafft, ihr das mitzuteilen. Vorgestern Abend hatte ich es mir fest vorgenommen. Ich hatte im Badezimmer vor dem Spiegel die ersten Sätze eingeübt. Severin war schon im Bett, Nele hatte den Fernseher eingeschaltet und zappte sich durch die Programme. Wir kennen uns noch nicht einmal zwei Jahre, müssen Sie wissen. Das ist nicht viel, ich weiß. Am Anfang hat mich ihr Schwung mitgerissen. Sie war so hungrig auf das Leben, so direkt. Aber sie wollte bald ein Kind. Ich auch, obwohl ich offen gestanden lieber noch ein paar Jahre ohne irgendwelche Verpflichtungen mit ihr gelebt hätte. Aber als ich sie vor zwei Tagen ansah, erkannte ich sie nicht wieder. Ich meine, die Nele, in die ich mich verliebt hatte, war nicht die Frau, die dort saß. Diese Frau dort war eine Fremde, als hätte sie an meiner Wohnungstür geklingelt und sich dann ins Wohnzimmer gesetzt. Der Gedanke hat mich so deprimiert, dass ich, ohne ein Wort zu sagen, ins Bett gegangen bin.«
Lutz lachte hämisch, dann schob er den ausgestreckten rechten Zeigefinger durch den Ring, den er mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand gebildet hatte. »Hauptsache, ihr redet noch so miteinander?«
Franziska stöhnte auf. »Wir danken für deinen überaus sensiblen Diskussionsbeitrag, Lutz. Was wären wir nur ohne dich?«
»Lauter Nonnen und Mönche«, antwortete der Motorradfahrer und grinste angriffslustig in die Runde.
Dr. Chateaux hatte sich während Geralds Antwort Notizen gemacht. Nun wandte er sich ihm direkt zu. »Jeder darf in dieser Runde jeden alles fragen. Aber es gibt keinen Antwortzwang. Wollen Sie sich dazu äußern?«
Gerald schaute zu Boden und murmelte: »Wir haben auch auf diesem Gebiet ziemliche Probleme.«
»›Problem‹ ist der Name für etwas, das wir nicht als Bestandteil unseres Lebens akzeptieren wollen«, sagte der Therapeut. Und da war es wieder, dieses blitzschnelle Lächeln, mit dem er seine zitatreifen Aussprüche begleitete. »Damit isolieren wir nur das vermeintlich Negative und entwickeln Angst und Abwehr. Aber warum eigentlich? Probleme sind wie Regen – niemand mag ihn, und doch wächst nichts auf dieser Erde ohne ihn. Ohne Probleme gibt es keine persönliche Weiterentwicklung, keine Selbsterkenntnis, keinen Fortschritt. Es wird Zeit, uns die so genannten Probleme zu Freunden zu machen, uns ihrer Dynamik zu bedienen. Sie bewusst in unser Leben zu integrieren. Warum säßen wir sonst hier?«
»Integration ist ein gutes Stichwort«, sagte Lutz, drückte seinen kräftigen Rücken tiefer in die Stuhllehne und spreizte die Beine. »Ich hatte doch beim letzten Mal von der Frau erzählt, die ich neulich kennengelernt habe. Wir haben uns letzten Freitagabend wieder getroffen. Zuerst in einer Disco, dann sind wir zu mir gefahren. Sie ist noch verdammt jung, aber schon gut dressiert. Sie weiß, worauf Männer stehen.«
Lutz’ Macho-Attitüde hatte zur Folge, dass die übergewichtige Frau anfing zu weinen. Sie schluchzte auf, hielt das Taschentuch vor die Augen, dann kullerten die Tränen.
Arno nahm im selben Moment seine Brille ab und schloss die Augen. Nun sah er noch angegriffener aus als sonst. Doch das alles kümmerte Lutz offensichtlich wenig. Er erzählte, wie er seine neue Freundin in seine Wochenendbeziehung integrieren wollte. Dabei machte er mehrfach kleinere Pausen und schaute auffordernd in die Runde, aber niemand reagierte. Es schien die Übereinkunft zu herrschen, dass jede Zwischenfrage aus der Runde Lutz’ prahlerische Selbstdarstellung nur verlängern würde. Franziska beobachtete Arno. Sie schien zu wissen oder zumindest zu ahnen, was in ihm vorging. Plötzlich erhob sie sich von ihrem Platz, setzte sich neben ihn und legte den Arm um seine Schulter. Das irritierte Lutz sichtbar. Er betrachtete Franziska mit einem Blick, den Gerald erschreckend fand, weil sich in ihn nicht nur Wut, sondern auch Verlorenheit mischte, die ihn unangenehm berührte. Es passte nicht zu seiner stumpfen Bierzeltphilosophie.
Tatsächlich hatte ihm Franziskas Geste den Wind aus den Segeln genommen. Er setzte seine Unterleibsprahlereien fort, aber niemand beachtete ihn. Der Schweiger schwieg. Die übergewichtige Barbara nässte das dritte Taschentuch. Gerald schaute auf Franziska und Arno und verspürte einen heftigen Stich der Eifersucht. Während der letzten halben Stunde hatten sich seine und Franziskas Blicke mehrfach gekreuzt. Außerdem hoffte er, dass sie später noch ein Glas zusammen trinken würden. Der Gedanke, dass sie möglicherweise keine Zeit haben könnte, löste augenblicklich Gefühle der Verlassenheit in ihm aus.
Noch während Gerald seinen Gedanken nachhing, räusperte sich Arno. Er setzte seine Brille wieder auf, bewegte kaum wahrnehmbar seine Schulter, was Franziska zum Anlass nahm, ihre Hand zurückzuziehen.
»Ich finde es auffällig«, sagte sie, »dass immer dann, wenn sich jemand wirklich öffnen will, ein gewisser Teilnehmer aus unserer Gruppe den Holzhammer herausholt. Das ist extrem destruktiv.«
Chateaux hob den rechten Unterarm. Der Stift zeigte in die Höhe wie der Stock eines Dirigenten. »Wir wollten in dieser Gruppe keine Urteile formulieren, sondern persönliche Empfindungen. Außerdem haben wir uns verpflichtet, einen Teilnehmer nur mit seinem Namen anzureden bzw. ihn zu bezeichnen und nicht mit distanzierenden, abwertenden Platzhaltern wie ›jemand‹ oder ›ein gewisser‹ oder was auch immer. Jeder in der Gruppe hat das Recht auf eine direkte Reaktion und Konfrontation. Franziska, möchten Sie Lutz jetzt Ihre Empfindungen über sein Gruppenverhalten mitteilen?«
Franziska biss sich auf die Lippen und schüttelte stumm den Kopf, wobei sie den Blickkontakt sowohl zum Therapeuten als auch zu Lutz vermied.
»Ich habe am Wochenende mit meiner Frau gesprochen«, begann Arno, sehr langsam, die Augen zu Boden gerichtet. »Sie war am Boden zerstört und ist es eigentlich immer noch. Sie kann nichts essen, nichts trinken. Sie liegt nur im Bett und heult. Manchmal schlägt sie mit der Faust gegen die Wand, und in solchen Momenten wäre es mir fast lieber, sie würde mich schlagen. Sie wollte immer eine Familie, mindestens zwei Kinder, ein einfaches Haus mit Garten, ein ganz normales Leben eben. Aber wenn ich mich zu dem Schritt entschließe, wäre es kein normales Leben mehr. Ich will ich selbst sein, aber warum ist der Preis dafür so hoch? Es ist schrecklich, einfach nur schrecklich.«
Arnos Stimme brach weg. Er nahm seine Brille wieder ab, rieb über die Lider. Jeder im Raum, bis auf Gerald, schien zu wissen, wovon er sprach, auch wenn niemand etwas sagte. Lediglich Lutz schüttelte den Kopf, trommelte mit den Fingerspitzen auf seine Oberschenkel und lächelte abschätzig.
»Ihre Gefühle sind sehr gut nachzuvollziehen«, sagte Chateaux leise. Gerald fiel auf, dass die Stimme des Therapeuten ebenso streng und zurechtweisend klingen konnte wie auch sanft und empathisch. Das irritierte ihn, weil er die Person hinter dieser Stimme nicht wirklich greifen konnte. Seine Stimme war wie seine Art sich zu kleiden: eine Verbindung von maskulin und feminin, von förmlich und exaltiert. »Sie haben sich zu einem Schritt entschlossen, der Ihnen inneren Frieden bringen soll – und auch wird –, aber nun werden Sie mit der Tatsache konfrontiert, dass Sie Opfer werden bringen müssen. Große, vielleicht auch sehr große Opfer. Ich kann Ihnen aus meiner therapeutischen Erfahrung versichern, dass Sie diese erste Reaktion Ihrer Frau nicht überbewerten dürfen. Sie ist so extrem, weil Ihre Frau nichts anderes sieht als die einschneidenden und einschränkenden Veränderungen, mit denen sie fertigwerden muss. Sie stellt nicht den Wert Ihrer Beziehung in Frage. Nicht nur wir brauchen Geduld und Zeit, auch unsere Partner. Wenn Sie Ihrer Frau nur ein Zehntel der Zeit gewähren, die Sie für sich selbst gebraucht haben, dann empfinden Sie die augenblickliche Situation nicht mit dieser tragischen Absolutheit.«
Chateaux räusperte sich und schaute auf die Uhr. »Oh! Ich sehe gerade, nun habe ich mit meinem Wort zum Sonntag doch tatsächlich auch das Schlusswort gesprochen. Wir haben bereits leicht überzogen. Bleiben Sie alle am Leben, zumindest bis Donnerstag.«
Er lächelte sein Blitz-Lächeln, stand auf und ging in sein Sprechzimmer.
Gerald fand sich plötzlich alleine auf dem Bürgersteig. Hans und Barbara waren, jeder für sich, Richtung Prinzregentenplatz gegangen, Franziska und Arno standen neben Arnos Wagen. Lutz wurde erwartet: Eine junge, üppige Frau in eng sitzenden Jeans und Lederjacke saß auf dem Motorrad. Sie rauchte und drehte gleichzeitig eine Zigarette, die sie Lutz reichte, nachdem er sie geküsst und dabei mit seinen Händen in ihren langen Haaren gewühlt hatte. Den Helm hängte er an diesem Abend an den Lenker. Er zündete seine Zigarette an, startete die Maschine, gab einige Male im Leerlauf Vollgas und fuhr mit seiner Eroberung davon.
Franziska umarmte Arno. Er legte, wie unter dem Gewicht tiefer Müdigkeit, seinen Kopf auf ihre Schulter. Sie streichelte über seinen Rücken und sagte etwas, das Gerald nicht verstehen konnte. Kurz darauf lösten sie sich voneinander, und Arno stieg in seinen Wagen.
Gerald überquerte die Straße und wartete, bis Arno weggefahren war.
»Kann ich dich mitnehmen, Franziska? Trinken wir noch etwas?«
Sie nickte, schien aber mit den Gedanken noch bei Arno zu sein.
Als sie sich wenige Minuten später der Gastwirtschaft näherten, sagte sie: »Hör zu, mir ist heute Abend nicht nach einer überfüllten Wirtschaft. Würdest du mich einfach nur ein Stück mitnehmen? Ich lade dich auch gerne zu mir ein, wenn du noch Zeit hast.«
Sie nannte ihre Adresse. Während der Fahrt in Richtung Ostbahnhof schwiegen sie. Gerald spürte, dass er nervös wurde. Er hatte die Vorstellung, Franziska nach der Therapiestunde nicht mehr zu sehen, kaum ertragen können. Nun fühlte er sich dem Alleinsein mit ihr kaum gewachsen. Er hatte Angst vor sich selbst, Angst vor seinen Gefühlen für sie. Auch Franziska wirkte unruhig. Nach knapp zehn Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht. Gerald fand jedoch zunächst keinen Parkplatz in der Nähe ihres Hauses in der Sedanstraße in Haidhausen und musste einmal um den ganzen Block fahren.
Die kleine Zweizimmerwohnung lag im vierten Stock. Das verwohnt wirkende Haus mit grauer Fassade hatte keinen Aufzug. Sie gingen nebeneinander die Treppe hoch, ihre Hände berührten sich mehrmals. Als sie vor der Wohnungstür standen und Franziska den Schlüssel ins Schlüsselloch steckte, hielt sie für einen Moment inne, so als wollte sie Gerald bitten, doch besser wieder zu gehen. Aber dann öffnete sie die Tür.
Sobald Gerald sein Jackett in der Diele aufgehängt hatte, kroch der Geruch von Katzenfutter in seine Nase. Die Tür zur Küche, die zum Innenhof hin über einen winzigen Balkon verfügte, stand offen. Franziska ging hinein und schloss sie hinter sich. Dann hörte Gerald das Miauen einer Katze und Geräusche, die auf das Nachfüllen der Wasserschale und des Napfes mit Trockenfutter schließen ließen. Eigentlich war er es gewohnt, dass Bekannte mit Haustieren, deren Wohnung er zum ersten Mal betrat, dafür sorgten, dass sich der Hausgast und das Haustier beschnupperten. Nun stand er wie bestellt und nicht abgeholt in der Diele. Die Tür zum Abstellraum war halb geöffnet. Im Halbdunkel – es drang lediglich etwas Licht von der Küche und dem Wohnzimmer hinter ihm in die Diele – erkannte er die Umrisse eines Staubsaugers und etwas, das aussah wie eine Leiter. Er trat einen Schritt näher. Es war keine Leiter, es waren zwei Krücken, aus Holz mit einem Handgriff in der Mitte und einem länglichen Lederwulst an der Spitze, den man unter die Armbeuge schob. Zuerst dachte er an ein Theaterrequisit, an alte Filme, weil kein Mensch mehr mit diesen Apparaten herumlief, doch dann musste er plötzlich an Alexanders kunstvoll gearbeitete Narbe denken. Nein, bitte nicht, flüsterte er, bitte nicht.
Franziska schloss die Küchentür rasch hinter sich.
»Meine Katze ist unheimlich scheu. Wenn sie spürt, dass ich nicht alleine bin, verkriecht sie sich in der Küche. Ich mache lieber die Tür zu, damit sie sich sicher fühlen kann. Ich habe sie aus dem Tierheim geholt – weiß der Himmel, welche Erfahrungen sie mit Menschen gemacht hat.«
Sie ging vor ihm ins Wohnzimmer, einen kleinen Raum mit zwei Fenstern zur Sedanstraße, spärlich möbliert: einfache Bücherregale an den Wänden, eine Musikanlage, aber kein Fernseher, eine Vitrine mit Gläsern und Getränken, ein runder Tisch aus Holz, ein einfarbiges Sofa mit Stoffbezug und ein schwarzer Sessel, dessen Lederbezug deutliche Kratzspuren zeigte. Eine schlichte Studentenbude, im Gegensatz zu Alexander Fadens Wohnung. Er musste, dachte Gerald, als Grafiker nebenbei so manchen Euro verdient haben.
»Du bist Biertrinker, oder? Ich habe leider keines im Haus. Ich trinke vor dem Schlafengehen gerne einen Whiskey. Magst du auch einen?«
»Eigentlich gerne. Aber ich muss noch fahren.«
»Du musst wissen, ob es dir der Abend wert ist«, sagte sie und lächelte frivol.
Gerald gab ihr durch ein Handzeichen zu verstehen, dass sie ihm einschenken konnte. Sie trug eine hellblaue, kurzärmelige Bluse, die oberen zwei Knöpfe waren geöffnet. Ihre Schultern waren in Relation zu ihrer schlanken Gestalt gut ausgebildet, wie bei einer Schwimmerin. Sie war etwas größer und graziler als Nele. Und sie bewegte sich mit einer Leichtigkeit, die er erregend fand.
Franziska schaltete das Deckenlicht im Wohnzimmer nicht an. Eine Glaskugel auf der Vitrine gab gerade so viel Helligkeit ab, dass er die Konturen ihres Gesichts klar erkennen konnte. Nichts in ihrem Gesicht war dominant, zu klein oder zu groß geraten. Es wirkte wie aus einem Guss, so wie sie selbst, dachte er. Und wieder stellte er, gleichsam gegen seinen Willen, einen Vergleich mit Nele an. Neles Gesicht war anders. Die kurzen Haare und dichten Augenbrauen verliehen ihm etwas leicht Maskulines, zumal ihr Mund eher schmal war. Deshalb hatte sie als junge Frau oft Angst gehabt, nur als Kumpeltyp wahrgenommen zu werden. Das war auch der Grund, warum sie, wie sie ihm einmal erzählte, auch viel Bestätigung von Männern gesucht hatte. Von mehr Männern, dachte er verbittert, als ihr letztlich gutgetan hatte. Und nun ist der einzige Mann, der ihr wirklich etwas zu bedeuten scheint, vier Monate alt.
»Zum Wohl!« Franziska hob ihr Glas und schaute Gerald dabei direkt in die Augen. Seltsam, dachte er in diesem Moment, bei Nele und mir ist alles zu einem Kampf geworden, und hier scheint alles so leicht, fast schwerelos.
»Sag mal«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Ist Lutz immer so wie in den letzten beiden Sitzungen? Ich warte nur darauf, dass er seine Hose runterzieht und uns sein Prachtstück zeigt. Außerdem habe ich den Verdacht, dass er sich absichtlich von seiner Freundin oder, genauer gesagt, von einer seiner Freundinnen abholen lässt, weil er glaubt, uns damit beeindrucken zu können.«
»Den Eindruck hatte ich heute auch.«
»Mir fehlt vielleicht die nötige Erfahrung und Distanz, aber ich kann einfach nicht von meinen Problemen erzählen, wenn so ein Typ neben mir sitzt und nur darauf wartet, andere in der Gruppe bloßzustellen. Und dazu noch mit der Vorgabe von Chateaux, dass ich meine Probleme ab heute Abend offenbar gar nicht mehr als ›Probleme‹ bezeichnen darf.«
»Vielleicht will Chateaux ja eine Art Provokateur in der Gruppe. Man darf sich in ihm nicht täuschen. Er ist ziemlich gerissen, was solche Sachen betrifft, trotz seiner honigsüßen Stimme. Ist dir schon aufgefallen, dass er nie die Kontrolle verliert, dass er seine Linie konsequent durchzieht? Er ist ein erfahrener, effektiver Therapeut, das kannst du mir glauben, und ich habe schon eine kleine Weltreise auf diesem Gebiet hinter mir. Manche denken, so eine Gruppentherapie sei eine Art Whirlpool. Man sitzt dort und wird von allen bemitleidet und getröstet, und alle haben sich lieb. So ist es eben nicht. Chateaux will die Verteidigungslinien, die jeder um seine wahre Identität legt, durchbrechen, und da kommt ihm ein Prolo-Rammbock wie Lutz gar nicht mal ungelegen.«
»Aber wenn ich mir Barbaras Reaktion anschaue …«
Sie nickte. »Ich komme da auch an meine Toleranzgrenze. Barbara trägt ja im wahrsten Sinne des Wortes schwer an ihren Problemen. Ihr Mann zwingt sie, sich täglich zu wiegen. Wenn sie nicht abgenommen hat, muss sie vor ihm niederknien, und er sagt dann so was wie: ›Böses Mädchen, du hast wieder zu viel gegessen. Du musst mehr trinken; ich habe da etwas für dich, das hat ganz wenig Kalorien und viele Proteine und Nährstoffe.‹ Dann öffnet er seinen Reißverschluss … Muss ich weitersprechen?«
»Danke. Kann es mir vorstellen.« Gerald nahm einen Schluck Whiskey. Er brannte in seiner Kehle. Normalerweise trank er nichts Hochprozentiges, weil er nicht riskieren wollte, die Selbstkontrolle zu verlieren. Nun spürte er, dass er hier und jetzt nichts dagegen hätte, wenn genau das geschähe.
»Hatte eigentlich – wie hieß er noch gleich? – dieser Alexander Faden auch Schwierigkeiten mit Lutz?«
Sofort veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Ein tiefer Ernst legte sich über ihre Züge.
»Alexander«, sagte sie langsam, »hatte so viele Schwierigkeiten mit sich selbst und seinem unmittelbaren Umfeld, dass ein Metzgertyp wie Lutz nur eine Randerscheinung war. Er litt unter schweren Depressionen, hatte sich völlig isoliert – bis zur Operation. Danach wurde er ein anderer Mensch. Als ob man einen Käfig aufmacht und plötzlich eine ganze Schar bunter Vögel herausfliegt, so hat er es einmal genannt.«
»Ich habe in den letzten Tagen etwas über diese Krankheit gelesen, von der du mir erzählt hast.«
»Dann wirst du auch gelesen haben, dass letztlich nur eine Operation Heilung, um nicht zu sagen Erlösung bringt. Alexander war am Ziel, nach vielen Jahren endlich am Ziel.«
Gerald gab sich nicht überzeugt. »Ich weiß nicht. Wenn man sich alleine die beruflichen und sozialen Nachteile überlegt. Hast du nicht erwähnt, dass er Grafik-Design studierte?« Er stockte, weil er nicht mehr sicher war, ob sie oder Arno es tatsächlich in der Kneipe erwähnt hatten. Aber Franziska wirkte nicht irritiert, also fuhr er rasch fort. »Wie geht das, mit nur einem Arm? Wie kann man da gut zeichnen, Objekte und Modelle basteln? Wie fährt man Auto? Wie wickelt man ein Baby?«
Sie lächelte mit der Wehmut einer Person, die in ihrer Gedankenwelt sehr weit entfernt ist. »Natürlich. Das sind Fragen, vollkommen berechtigte Fragen, aber es sind Fragen, die du dir stellst. Es sind die Fragen eines Außenstehenden. Ich weiß nicht, was du gelesen hast, aber wer an BIID erkrankt ist, empfindet das Leben vor der Operation als Qual. Die Alltagsprobleme danach mögen dir gravierend erscheinen, aber glaub mir, selbst für Alexander, der ein begnadeter Grafiker war, waren sie nicht einmal der Hauch eines Problems.«
»Du siehst also keinen Grund für einen Selbstmord?« Er spürte, wie sich seine Stimme gegen seinen Willen veränderte, distanzierter und professioneller klang.
Ihre Miene verdüsterte sich. »Glaub mir, ich kannte ihn sehr gut. Nie im Leben hat er sich umgebracht, und vor allem nicht auf diese Weise und zu diesem Zeitpunkt. Er hätte ganz sicher mit mir gesprochen. Wir standen uns sehr nahe …« Sie führte den Satz nicht zu Ende.
»Hatte er denn Feinde? Gab es irgendwelche Auseinandersetzungen in seinem privaten Umfeld?«
»Feinde? Umfeld? Wovon sprichst du? Alexander lebte vollkommen isoliert. Er hatte weder Freunde noch Feinde. Er war zwar Student, aber lebte in keinem Umfeld, wie du es genannt hast.«
Beide schwiegen. Von der Straße drangen gelegentlich undeutliche Verkehrsgeräusche in die Wohnung. In der zunehmenden Dunkelheit fühlte Gerald sich ihr noch näher. Sie saßen dicht nebeneinander. Als sie beide im selben Moment zu ihren Gläsern griffen, musste sie lächeln, aber sie wich seinem Blick aus. Gerald wollte sie berühren, sie küssen. Die Zeit, in der er und Nele an den verrücktesten Orten Zärtlichkeiten ausgetauscht hatten, in der Nele, wenn sie sich zum Beispiel allein in einem Aufzug befanden, spielerisch den Reißverschluss seiner Hose geöffnet und seinen Schwanz gestreichelt hatte, schien ihm unendlich lange her; schlimmer noch, er glaubte nicht mehr, dass sie jemals wiederkehren würde. Er war ausgehungert, verunsichert, und hier saß unmittelbar neben ihm eine Frau, die er anziehend fand und begehrenswert. Warum probierte er es nicht wenigstens? Was hatte er schon zu verlieren?
Gerald konnte Franziskas Atemzüge hören. Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinandergesessen hatten, stellte sie schließlich ihr Glas, ohne daraus getrunken zu haben, auf den Tisch zurück und sagte: »Nimm es mir bitte nicht übel, aber ich bin müde, und morgen ist ein anstrengender Tag an der Uni.«
Enttäuscht erhob er sich.
»Ja, also …«, begann er langsam.
Sie hob ihre rechte Hand und streichelte kurz über seine Wange, als müsste sie sich in der Dunkelheit orientieren. Dann küsste sie ihn direkt auf den Mund. Sie hielt ihre Lippen geschlossen, aber es war kein flüchtiger Abschiedsallerweltskuss. Sie ließ ihm die Zeit, um den Kuss zu erwidern. Doch in dem Moment, als er die Lippen öffnete, löste sie sich von ihm.
»Es wäre nicht richtig«, sagte sie leise.
Gerald wollte antworten, aber sie legte ihm die Fingerspitzen auf den Mund. Dann öffnete sie die Wohnungstür.