Kapitel 12

I

»Hier gibt es keine Grauzone, Leute«, sagte der Geistliche. »Viel eindeutiger als mit den Zehn Geboten geht es nicht. Es ist keine Interpretation nötig, um Christi goldene Regel zu verstehen: ›Und wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!‹ Wir brauchen keinen Literaturgelehrten aus Harvard, der uns sagt, was Jesus eigentlich meinte, als er auf dem Berg sagte: ›Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.‹ Das Wort Gottes ist einfach. Es ist wie beim Reiskochen. Hält man sich an die Anleitung auf dem Beutel, dann funktioniert es. Gottes Wort funktioniert auch, unser Problem ist nur, dass wir nicht richtig zuhören. Wir versuchen es vielleicht oder reden uns ein, dass wir es tun, aber in Wirklichkeit tun wir es nicht, weil wir als Menschen fehlerbehaftet sind. Im Schatten unserer Sünden sind wir unwürdig ...«

Collier fühlte sich während der gesamten Messe gehemmt und so fehl am Platz wie ein Piranha in einem Badeteich. Der Geistliche erinnerte ihn an den Skipper aus Gilligans Insel, obwohl der Mann kahl wie Telly Savalas war. Er vermischte Feuer und Schwefel auf interessante Weise mit halbherzig guter Laune. »Wir alle sind vorsätzliche Sünder, die nur der Hölle würdig sind, aber Gott ist ein cooler Typ, der nachsichtig mit uns ist, wenn wir es verdienen. Er weiß, dass wir alle verkorkst sind, aber er liebt uns trotzdem! Er will nicht, dass sich im Himmel nur langweilige Pilger und Mönche mit steinernen Mienen rumtreiben, die in ihrem ganzen Leben keinen einzigen Witz gerissen haben!« Collier fand, der Himmel wäre wohl wirklich ein öder Ort, wenn er ausschließlich von einem solchen Menschenschlag bevölkert würde.

Dominique hielt den gesamten Gottesdienst hindurch seine Hand, abgesehen von Unterbrechungen während der Lieder. Wie beinahe alle anderen lauschte sie dem Geistlichen mit derselben Aufmerksamkeit, die Collier Werbespots mit erotischem Touch schenkte – gebannt und ehrfürchtig. Vielleicht war das der Unterschied.

Der Geistliche zeigte mit dem Finger wie ein Ankläger auf die Gemeinde, dann richtete er ihn langsam auf sich selbst. »Meine Freunde, es gibt wirklich sieben Todsünden: Zorn, Wolllust, Hochmut, Habgier, Neid, Trägheit und – mein persönlicher Favorit – Völlerei ...« Er trat vom Pult zurück und präsentierte einen beachtlichen Wanst unter seinen Roben, womit er Gelächter von den Kirchbänken hervorrief.

»Aber unlängst kam mir der Gedanke, dass Gott die Woche vielleicht deshalb mit sieben Tagen versehen hat – ein Tag für jede Sünde. Warum reservieren wir uns nicht jeden Tag, um Buße für eine bestimmte Sünde zu tun, und bleiben dabei? Der Montag könnte für Hochmut sein, der Dienstag für Neid, der Mittwoch für Trägheit und so weiter. Und heute? Sonntag? Lasst uns dem Sonntag die Habgier zuweisen und den Tag des Herrn dafür verwenden, uns von dieser Sünde reinzuwaschen. Erinnern wir uns an Jesu Geschichte vom Opfer der Witwe – eine bettelarme Frau legte ihre zwei letzten Scherflein in den Gotteskasten ein, nur den Bruchteil eines Cents. Das ist nicht viel Geld, aber für Christus war das selbstlose Opfer der Frau mehr wert als ein Berg von Gold.«

Collier wurde misstrauisch. Jetzt kommt’s. Öffnet die Herzen und die Brieftaschen ...

»Erinnern wir uns daran, dass wir jeden Dollar, den wir geben, geistig hundertfach zurückbekommen. Besinnen wir uns der Worte des Jakobus: ›Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab.‹ Und der Worte des Matthäus: ›Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.‹ Gehet hin und gebt – lasst uns heute das tun, statt fernzusehen oder das Auto zu waschen ...«

Jetzt geht gleich die Kollekte rum, dachte Collier.

»... und für die Schlaumeier unter euch, die glauben, ich bereite euch bloß auf die Kollekte vor: Ich fordere euch auf, dieser Kirche heute keinen Cent zu geben. Gebt stattdessen jemand anderem ...«

Collier runzelte die Stirn.

»Und wenn ihr kein Geld habt, dann gebt eure Zeit. Oder vielleicht können wir guten Beispielen folgen.« Er deutete auf jemanden auf einer der Kirchbänke. »Wie dem von Mr. Portafoy, der jeden Freitagabend Zeit im Hospiz verbringt, um Patienten im Endstadium zu helfen. Oder dem von Janice Wilcox, die unsere örtliche Altkleidersammlung leitet. Oder dem von Dominique Cusher, die jeden Sonntag, bevor ihr Restaurant öffnet, einhundert Mahlzeiten zubereitet und sie nach Chattanooga ins Obdachlosenasyl bringt ...«

Collier sah Dominique an ... und überlegte unwillkürlich, ob er selbst je etwas aus rein wohltätigen Motiven getan hatte ...

»Lasst uns wie diese wunderbaren Menschen sein und an die Worte der Korinther denken: ›Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.‹«

Der Geistliche entfernte sich erneut vom Pult und präsentierte seinen Wanst. Er schien Collier direkt anzusehen, als er sagte: »Und für die Skeptiker unter euch, die sich fragen, was ich geben werde: Ich werde heute nichts essen und stattdessen hundert Dollar für Pizzen ausgeben, die ich zur Volksküche in Fayetteville bringe. Die Jungs bei Dominos Pizza werden ausflippen vor Freude ... und ich werde nicht ein einziges Stück für mich selbst abzweigen. Versprochen!«

Weiteres Kichern von der Gemeinde.

»Geht ins Krankenhaus und spendet Blut! Geht zur Unterführung und verteilt ein paar Burger an die Obdachlosen! Geht online und bemüht eure Mastercard für das Rote Kreuz oder füllt ein Organspenderformular aus und werft es in den Briefkasten. Ihr braucht eure Leber schließlich nicht mehr, wenn ihr tot seid, oder? Geht hin und tut es!« Sein Finger wanderte über die Kirchbankreihen, und er rief wie der Moderator einer Gameshow: »Und bis nächste Woche, geht hin in Frieden und dient dem Herrn!«

Ein kollektives »Amen« ertönte vermischt mit weiterem Lachen, dann setzte fröhliches Orgelspiel ein, um das Ende der Messe zu verkünden.

»Wow«, flüsterte Collier. »Die Kirche hat sich verändert.«

»Wann warst du denn das letzte Mal?«

»Ach, dass du das fragen musst. Ich schäme mich richtig, darauf zu antworten. Wann hat Oliver North noch mal Dokumente für Reagan vernichtet?«

Dominique kicherte. »Dass du hier bist, ist doch ein Anfang, oder? Und ja, Pater Grumby wird manchmal ein wenig übereifrig, aber er ist ein großartiger Pfarrer.«

Colliers Kehle fühlte sich wie zugeschnürt an, als er zwei junge Mädchen in weißen Kleidern bemerkte, die hinter ihren Eltern die Kirche verließen. Das können sie nicht sein, dachte er. Tatsächlich war er immer noch nicht sicher, ob er die Mädchen wirklich gesehen oder ob es sich um eine alkoholschwangere Fantasie gehandelt hatte.

Dann krampfte sich sein Magen zusammen, als er sich an die andere Fantasie erinnerte – an die vier kleinen Hände, die mit ihm gespielt hatten ... und an den Hund ...

»Lass mich dir eine Frage stellen«, sagte er. »Gibt es irgendwelche Nachkommen von Harwood Gast?«

»Nein.« Sie lächelte ihn an. »Warum fragst du?«

»Ich habe von Mr. Sute ein paar Bücher gekauft, sie aber noch nicht gelesen. Ist es nicht irgendwie merkwürdig, dass die Gasts nie Kinder hatten?«

»Oh, sie hatten Kinder, zwei sogar. Zwei Mädchen.«

Collier verspürte einen Stich. »Aber du hast doch gerade gesagt, dass es keine Nachkommen ...«

»Keine Nachkommen, nein, das stimmt.« Sie schien bei einem Gedanken zu zögern. »Seine zwei Töchter starben im Teenageralter während ... während des Kriegs.«

Collier schaute den beiden Mädchen nach. Eines war schmutzig-blond, das andere brünett. Genau wie ...

Bevor sie das Kirchenschiff verließen, drehten sie sich einen Moment lang um und winkten einigen anderen Kindern zu. Collier sah, dass sie es eindeutig nicht waren.

»Hatten ... Gasts Töchter einen Hund?«

»Justin, woher soll ich das wissen?«

»Na ja, du weißt eine Menge über die Legende. Wie genau sind die beiden Mädchen gestorben?«

Sie stupste ihn. »Ich glaube kaum, dass die Kirche der richtige Ort ist, um sich über Tennessees Version von Iwan dem Schrecklichen zu unterhalten. Wenn du dich unbedingt weiter in das Thema hineinsteigern willst, dann geh und frag deinen Freund J. G. Sute. Er kann dir alle Fakten und allen Unsinn erzählen, den du hören willst. Wenn jemand noch besessener von diesem Zeug ist als du, dann er.«

Unvermittelt fühlte sich Collier albern, doch ihre Worte stachelten ihn an. Vielleicht mache ich das heute – ich rufe Sute an. Er verspürte den plötzlichen Drang, etwas über Gasts beide Kinder zu erfahren.

Collier folgte Dominique hinaus. Unterwegs unterhielt sich Dominique kurz mit Bekannten. Draußen meinte er: »Wenn ich das richtig verstanden habe, bist du heute Morgen beschäftigt.«

»Ja. Wie der Pfarrer sagte, das mache ich an Sonntagen vor der Arbeit.«

»Das ist eine ziemlich noble Geste.«

»Nein, ist es nicht – es ist keine große Sache. Ich nehme alle Beilagen, die vom Samstag übrig geblieben sind, und bereite dann ein Fleischgericht aus Überschussware oder Tagesgerichten zu, die sich nicht gut verkauft haben. Tatsächlich macht es Spaß. Einmal habe ich Chimichurri-Schweinefilet mit Bananen-Paprika-Soße und Wasabi-Kartoffelbrei für hundert Obdachlose gekocht.«

»Ich möchte wetten, das hat ihnen den Tag versüßt«, sagte Collier.

»Sie waren hin und weg davon. Ein anderes Mal wollte mein Lieferant eine Ladung Jakobsmuscheln loswerden. Ich habe einige davon mit Mengenrabatt gekauft und habe sie mit Penne und getrüffelter Pomodoro-Rahm-Soße zubereitet. Es wurde ein Festschmaus. Der einzige wirkliche Aufwand ist die Fahrt nach Chattanooga und zurück.«

Collier verspürte einen Anflug von Pflichtgefühl. »Lass mich dir helfen. Ich habe heute nichts Großartiges vor.«

»Nein, das ist etwas, das ich alleine tun muss. Du hast Pfarrer Grumby gehört – du musst deinen eigenen Weg finden, etwas Gutes zu tun.« Sie grinste. »Dir wird schon etwas einfallen.«

Collier fühlte sich samt seiner Falschheit erleichtert. Das Letzte, was er wirklich tun wollte, war, für Obdachlose zu kochen, die mehrere Stunden entfernt lebten. Aber wenigstens kam er sich nicht wie ein Arschloch vor, weil er es zumindest angeboten hatte.

Er zog an ihrer Hand und ließ sie innehalten. »Ich hoffe, wir können uns später noch sehen.«

»Klar. Ab fünf im Restaurant, aber jetzt muss ich mich sputen. Heute bringe ich Marsala-Hühnchen und Safranreis ins Asyl.« Dominique küsste ihn kurz, dennoch lang genug, um mit der Zungenspitze über seine Lippen zu streichen. Collier versuchte, sie für einen innigeren Kuss an sich zu ziehen, aber ihre Arme drückten ihn zurück.

»Wenn du weiterhin mit mir rummachst, wird’s nur damit enden, dass du beleidigt und gekränkt bist.«

Er wusste bereits, was sie damit klarstellen wollte. »Woher weißt du, dass ich nicht gern beleidigt und gekränkt bin?«

Ihr Lächeln verblasste ein wenig. »Justin, ich hab’s dir ja schon gesagt, ich werde nie außerehelichen Sex mit dir haben. Das meine ich völlig ernst. Verstanden?«

»Tatsächlich habe ich diesen Eindruck schon gestern Abend sehr deutlich bekommen ...«

»Wenn du darauf aus bist, jemanden flachzulegen, dann hast du die falsche Frau erwischt.«

»Woher weißt du, dass es mir nicht gefällt, keinen Sex zu haben?«

Belustigt schüttelte sie den Kopf. »Was ich damit sagen will: Ich würde es verstehen, wenn du heute Abend nicht aufkreuzt.«

»Prima. Dann sehen wir uns heute Abend.«

Sie küsste ihn noch einmal, bevor sie sich von ihm löste. »Bis dann ...«

Er beobachtete, wie sie im morgendlichen Licht beschwingt davonging und war dabei sprachlos. Selbst aus der Ferne strahlte sie Schönheit aus. Collier schaute ihr nach, bis sie um die Ecke verschwand.

Er grübelte über sein Dilemma nach. In den vergangenen paar Tagen habe ich mich in einen reinrassigen, perversen Lustmolch verwandelt ... und mich in eine Frau verliebt, die nie Sex mit mir haben wird.

»Ach, was soll’s«, murmelte er. Damit kehrte er zur Pension zurück, um die Telefonnummer von Mr. J. G. Sute zu suchen.

II

Lottie hatte geträumt, dass sie auf dem Erdboden von Soldaten in grauen Uniformen vergewaltigt wurde. »Passt auf ihren Bauch auf«, hatte einer von ihnen lachend gemeint. In dem Traum war Lottie sehr dünn und sehr schwanger. »Lasst das Baby in der Schlampe, bis wir sie den Hügel raufschaffen ...«

Ihr war in einer seltsamen Scheune voller Kochkessel die gesamte Körperbehaarung abgeschoren worden, und wenngleich sie nicht sicher sein konnte, glaubte sie, seit mehreren Monaten nackt gewesen zu sein. Draußen wechselten sich die Männer dabei ab, sie zu vergewaltigen, während der Rest der Gefangenen zurück in den Wagen gepfercht wurde. »Gebt dem Bastard in ihrem Bauch Tennessee-Samen zu schlucken!«, rief einer der Männer grölend und zog seine Hose hoch. »Milch wird keine auf ihn warten, wenn er rausschlüpft!«

Alle Soldaten lachten. Als sie fertig waren, steckten sie Lottie zurück in den stinkenden Wagen zu den Dutzenden anderen. Durch die Schlitze des Gefährts konnte sie erkennen, dass sie einen gewundenen Weg entlang einen großen, rauchenden Hügel hinauffuhren.

Die Geräusche, die aus dem Wagen drangen, waren ein Gemisch aus verzweifelten Gebeten und dem Schluchzen von Kindern. Lottie blickte an sich hinab und sah, dass sie kaum mehr als ein mit Haut überzogenes Skelett darstellte, von dem ein dicker, praller Bauch abstand. Sie konnte spüren, wie das durch Vergewaltigung entstandene Kind darin verängstigt um sich trat. Viele der anderen Frauen sahen ähnlich wie sie aus, doch den schlimmsten Anblick boten die Kinder, die wie kleinere Versionen von Lottie wirkten; einige waren ebenfalls schwanger.

Vom Hügel hallten Gewehrschüsse herab. Was mochte vor sich gehen? Zwischen den Salven hörte sie Gebrüll, gefolgt von weiteren Salven. Die Gewehre feuerten eine ganze Zeit lang, dann wurde es allmählich ruhig.

Der Wagen hielt an.

Lottie und die anderen Gefangenen wurden hinausgeschleift und gezwungen, eine Linie zu bilden. Sie standen vor einer Anlage, die ein großer Holzzaun umgab. Darüber zeichnete sich ein Gebilde aus vermörtelten Ziegelsteinen ab, das sich nach oben hin wie ein Tipi verjüngte und mindestens zwölf Meter hoch sein musste. Lottie wusste, dass es sich um einen Hochofen handelte, allerdings hatte sie noch nie einen so großen gesehen.

»Schickt die da noch nicht rein«, befahl ein Soldat. »Wir müssen warten, bis Mr. Gasts Männer fertig sind ...«

Fertig womit? Und wer war Mr. Gast? In dem Traum wusste es Lottie nicht ...

Dann befahl ein Soldat, der das Kommando zu haben schien: »Schickt ein paar von denen rein, um die Stiefel und Kleider einzusammeln.« Lottie und mehrere der Frauen, die dem Tod nicht ganz so nah waren, wurden von weiteren Soldaten mit Bajonetten durch das Tor des Zauns gescheucht.

Im Inneren der Anlage verstand sie nicht, was sie sah. Der Sockel des Hochofens musste um die dreißig Meter breit sein, und schwarze Männer schaufelten Kohlen in die verschiedenen Öffnungen. In den offenen Bereichen der Anlage jedoch lagen Dutzende und Aberdutzende Schwarze stöhnend auf dem Boden, während ihnen die Kleider und Stiefel von anderen Sklaven ausgezogen wurden. Die Hitze war so höllisch, dass Lottie beinahe das Bewusstsein verloren hätte.

Lottie und den anderen wurden Körbe in die Hände gedrückt. »Sammelt alles ein und stapelt es neben dem Tor«, wurde ihnen befohlen.

Der Boden der Anlage glich einem Feld von Sterbenden – allesamt schwarze Sklaven. Lottie konnte sehen, dass sie erschossen worden waren, und an der gegenüberliegenden Mauer standen mehrere Dutzend Weiße mit langen Gewehren. Allerdings handelte es sich nicht um Soldaten. Vielmehr sahen sie wie Bahnarbeiter aus.

Lottie stapfte zwischen den gefallenen Sklaven umher und sammelte deren Kleider ein. Irgendwann bemerkte sie einen fein gekleideten Mann mit Frack, der das Geschehen zusammen mit den Bahnarbeitern beobachtete. Die Augen all der Männer wirkten irgendwie gelblich.

Dann brüllte jemand: »Da flieht einer! Lasst ihn nicht entkommen!« Mehrere Soldaten rannten zu einem Fenster. Lottie erhaschte einen flüchtigen Blick nach draußen, als sie mit dem Korb vorbeiging. Sie sah einen Schwarzen, der in der Ferne wegrannte. Ein Knall ertönte. Ein berittener Soldat hatte ihn mit einem Pistolenschuss zu Fall gebracht.

Als alle Kleider eingesammelt waren, half Lottie dabei, alles nach draußen zu schaffen, wo ein anderer Wagen wartete.

An der Stelle hörte sie die Schreie.

Sie klangen nicht menschlich, eher wie die von wilden Tieren.

Lottie und einige der jüngeren Frauen wurden erneut von weiteren Soldaten vergewaltigt. Mittlerweile wünschte sie sich, sterben zu können, doch sie spürte, dass da etwas war – etwas, das in der Luft lag –, das dies nicht zulassen würde.

Dann packte sie ein Soldat von hinten. »Da hast du ein wenig Rache für Fort Donelson«, sagte er und begann, sie anal zu schänden. Lottie fiel in Ohnmacht.

Als sie einen Hauch von Bewusstsein zurückerlangte, befand sie sich wieder innerhalb der Anlage. Ihr fiel auf, dass die getöteten Sklaven verschwunden waren. Ein Kreischen und Kichern umflatterte sie wie Vögel. Dann fiel ihr Kopf zur Seite. Ihre Augen weiteten sich, und sie dachte: Ich bin in der Hölle ...

Mit Heugabeln und Bajonettgewehren beförderten Soldaten die anderen nackten Gefangenen in den Hochofen. Einem jungen, schwangeren Mädchen wurde eine Heugabel in den Bauch gerammt, dann wurde sie daran hochgehoben und anschließend mit dem Rücken voraus in eine der lodernden Öffnungen geschleudert. Mehrere andere Soldaten schlachteten blutige Babys mit ihren Bajonetten ab, bevor sie die kleinen Leichen in den Ofen warfen. Als taube Finger ihren Bauch berührten ... war er nicht mehr da. Da bemerkte Lottie, dass ihr der Bauch aufgeschlitzt, der Fötus herausgerissen und ebenfalls verbrannt worden war.

»Da kommt die nächste Ladung«, rief eine Stimme. »Vergesst die da nicht.«

Dampf, sengende Hitze und ein Geruch, der an Schweinebraten erinnerte, hingen wie Nebel über der Anlage. Zwei Finger stießen in Lotties Augäpfel, hakten sich in die nun leeren Höhlen und schleiften sie auf den Ofen zu ...

Da erwachte sie in ihrem Bett, zitternd und schweißüberströmt. Hatte sie beim Verlassen des Albtraums gebrüllt? Sie glaubte, auch aus Jiffs Zimmer einen Schrei vernommen zu haben.

Ja, hin und wieder hatte sie Albträume, die abgrundtief schrecklich waren. Sie kannte die Geschichte der Ortschaft und Harwood Gasts Legende, und sie hatte auch eine Vorstellung davon, was die Kraft der Suggestion vermochte. »Jeder hat mal schlechte Träume«, hatte ihre Mutter schon öfter zu ihr gesagt. Doch der Traum, den Lottie in der vergangenen Nacht durchlitten hatte, war eindeutig der schlimmste von allen.

Sie fühlte sich, als wäre ihr gesamter Körper von etwas Abscheulichem verschlungen worden; sogar ihr Schweiß fühlte sich böse an. Verzweifelt duschte sie, schrubbte sich die Haut wund ...

»Was zum Geier is’ los mit dir?«, fragte Jiff sie später. Sie saß niedergeschlagen auf ihrem Bett und zitterte immer noch ein wenig.

»Hm? Du siehst aus, als hätt’ jemand dein’ Hund abgeknallt, und dabei haste nich’ mal ’n Hund.«

Ihre Augen fühlten sich blutunterlaufen an, als sie ihn ansah. Schlimmer Traum, formte ihr Mund.

Jiffs gute Laune geriet ins Stocken, als er ihr die Worte von den Lippen ablas. »Tja, willkommen im Club. Ich hatt’ letzte Nacht den Schlimmsten überhaupt.«

Lottie fand nichts dabei, nackt vor ihrem Bruder zu sitzen. Warum sollte sie auch, so schwul wie er war ... solange er nicht geil war und sich keine Bilder von gut aussehenden Männern in der Nähe befanden. Das liegt am Haus, formte ihr Mund.

»Wie?«

Das Haus. Manchmal hasse ich dieses Haus!

»Ich weiß, Schwesterchen. Wie Ma schon vor Langem gesagt hat. Jeder hat hier manchmal schlimme Träume. So war’s schon immer, seit ... seit damals.« Die bedrückte Atmosphäre im Raum fühlte sich so dicht an wie die sommerliche Schwüle draußen. »Aber schau mal.« Jiff versuchte, die Stimmung zu heben. Schwungvoll zog er einen Scheck hervor. »J. G. hat mir ’n Hunderter gesteckt. War zwar die bis jetzt abgefahrenste Nummer überhaupt, aber scheiß drauf ...«

Lottie saß schlaff im Lotussitz da und zuckte mit den Schultern.

»Haste Mr. Collier heut Morgen gesehen?«

Lottie schüttelte den Kopf.

»Weiß immer noch nich’, was ich von dem halten soll. Gestern schüttet er sich mit der Hälfte meiner Kunden im Nagel zu, und jetzt sagt mir Ma, dass er sich ihren Wagen geliehen hat, um Dominique auszuführen ...«

Lottie grinste.

»Bin immer noch nich’ sicher, ob er bi, schwul oder hetero is’.« Jiff kicherte. »Aber das mit Dominique wird er sich wohl noch mal überlegen. Der arme Teufel würd’ K.-o.-Tropfen und ’n Brecheisen brauchen, um in ihr Christenhöschen zu kommen.«

Lottie wanderte wahllos mit den Fingerspitzen über das Bettlaken. Ist mein freier Tag, formten ihre Lippen. Was hast du heute vor?

»Ma hat mir aufgetragen, im ganzen verfluchten Garten hinten Unkraut zu jäten.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Wie wär’s, wenn du dein’ Bruder dabei zur Hand gehst?«

Setz dich auf ’nen Igel, formte ihr Mund.

»Unheimlich witzig. Komm schon, ich geb dir auch ... zehn Mäuse.«

Friss Scheiße, du Homohure!

Jiff schleuderte ihr einen finsteren Blick zu. »Ja, ja, schon gut – und Lottie, red nich’ so laut. Jemand könnt’ dich sonst hören.« Jiff stimmte grölendes Gelächter an, verließ den Raum und schlug die Tür hinter sich zu.

Arschloch!, dachte Lottie.

III

»Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, Mr. Sute. Ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen«, sagte Collier und legte auf. Aus unerfindlichem Grund schwenkte sein Blick gehetzt durch das Zimmer, und ihm wurde unvermittelt kalt. Die Kälte verstärkte sich, als er das Bett ansah und sich nicht nur an die abscheulichen Albträume erinnerte, die er darauf gehabt hatte, sondern auch an die obszöne Halluzination von vergangener Nacht. Nergie, erinnerte er sich, hatte der widerliche Köter geheißen.

»Oh, hi, Mr. Collier«, grüßte Jiff in dem Moment, in dem Collier den Flur betrat. »Wie war’s mit dem Inline?«

»Inline?«, fragte Collier gereizt.

»Der Inline 235 von meiner Ma – ihr alter Chevy. Sie hat mir gesagt, dass Sie ihn sich geborgt haben. Ich wett’, die Karre hat ’ne Million Meilen aufm Tacho. Möchte mal sehen, wie die Japse das mit ein’ von ihre Toyotas schaffen.«

»Das Auto hat prima funktioniert, Jiff.«

»Irgendwas, womit ich Ihnen helfen kann?«

»Nein, danke. Ich bin gerade auf dem Weg zu Mr. Sute ...«

Jiff bedachte ihn mit einem merkwürdigen Blick.

»... um mir eines seiner Buchmanuskripte anzusehen«, beendete Collier den Satz. Er hatte Sute absichtlich erwähnt.

»Ach, Sie mein’ eins seiner Bücher über Harwood Gast.«

»Genau. Keine Ahnung, warum, aber die Legende des gesamten Ortes macht mich richtig neugierig. Ich hatte sogar ein paar Albträume darüber.«

Ein weiterer merkwürdiger Blick. »Echt wahr? Tja, so komisch, wie’s sein mag, ich hatt’ selbst schon ’n paar und meine Schwester auch. Liegt wohl hauptsächlich da dran, dass dieses Haus viel unheimlicher zu sein scheint, wenn man all die Geschichten gehört hat.«

»Da haben Sie bestimmt recht«, gab Collier zurück. »Aber ich bin immer noch regelrecht fasziniert davon. Was wissen Sie über Harwood Gasts Kinder?«

»Äh, seine Kinder? Nix.« Doch die Frage hatte Jiff unübersehbar aus dem Konzept gebracht. »Ich weiß insgesamt nich’ so viel über die Sache. Muss jetzt los, um hinten Unkraut zu jäten ... aber haben Sie noch ’n tollen Tag«, sagte er und eilte davon.

Collier lächelte über die Reaktion, mit der er mittlerweile gerechnet hatte.

Ein gemächlicher Spaziergang führte ihn durch die Stadt, in der sich mehr Touristen denn je zu tummeln schienen. Unterwegs ging ihm viel durch den Kopf – die Träume, die Mysterien der Legende um Gast, seine unfassbaren sexuellen Fantasien ... aber die meisten seiner Gedanken kehrten unweigerlich zu Dominique zurück.

Gott ... was würde ich dafür geben ...

Sie verkörperte einen krassen Widerspruch zu seiner offensichtlichsten Motivation – die im Wesentlichen aus Lust bestand. Oder konnte es sein, dass Sutes kryptische Äußerungen eher zutrafen? Dass etliche Leute, die in der Pension übernachteten, eine gewaltige Steigerung der Libido erfuhren? Kann nicht stimmen. Das ist einfach lächerlich, dachte er. Wenige Minuten später verglich er die Adresse auf der Visitenkarte mit den Angaben auf dem Querbalken eines hübschen Reihenhauses aus der Föderiertenzeit mitten in der Number 1 Street.

»Bitte, kommen Sie rein«, begrüßte ihn der kugelförmige Mann mit einem Händeschütteln. Sute trug ausgerechnet eine rote Smokingjacke und eine weiße Hose. »Achten Sie nicht auf das Chaos. Ich bin nicht gerade für meine Ordnungsliebe bekannt.«

»Das gilt für viele Schriftsteller«, erwiderte Collier und sah sich um. »Faszinierende Wohnung.« Das Wohnzimmer präsentierte sich staubig und ein wenig unaufgeräumt, aber voller Antiquitäten, Wandteppiche und polierter Steinbüsten.

»Oben ist es etwas schöner. Dort habe ich meine Manuskripte und allerlei Sonstiges.«

Collier folgte dem Mann hinauf und fragte sich, wie viele männliche Prostituierte diesen Weg bereits beschritten hatten. Vor ihm ließ Sutes Hinterteil, das sich beinahe in derselben Höhe wie Colliers Gesicht befand, zu beiden Seiten des Treppenhauses kaum Platz übrig.

Die Räumlichkeiten oben bestanden in der Hauptsache aus dem Schlafzimmer, in dem dicke Teppiche auf dem Boden lagen und dessen Wände Bücherregale säumten. Weitere Steinbüsten auf Podesten zierten den großen Raum ebenso wie prächtige alte Ölgemälde.

»Möchten Sie etwas zu trinken?«, fragte Sute und öffnete einen Spirituosenschrank.

»Nein, danke. Dem habe ich mich in letzter Zeit etwas zu sehr hingegeben, aber lassen Sie sich nicht aufhalten.«

Sute schenkte sich etwas in ein kleines Kognakglas ein. »Stört es Sie, wenn ich rauche?«

Collier lachte. »Natürlich nicht – es ist ja Ihr Zuhause.« Bald bedauerte er seine Antwort, als Sute eine große Pfeife hervorholte und begann, sie zu stopfen. »Am Telefon haben Sie sich nach Gasts Töchtern erkundigt – ich vermute, ich habe verabsäumt, sie zu erwähnen, als wir zusammen gegessen haben.« Nach einigen paffenden Zügen an der Pfeife reichte er Collier einen offenen Karton voll Papier. »Das ist eines meiner unveröffentlichten Bücher, das sich mit den Kindern befasst. Wie der Großteil dieser Geschichte ist es ein höchst unangenehmes Thema, seien Sie also gewarnt. Seite 33.«

»Gibt es auch Bilder von ihnen? Fotos?«, fragte Collier, während er durch den Stoß blätterte. »Haben Sie nicht erwähnt, dass Sie einige alte Fotos haben? Ferrotypien, oder wie auch immer das heißt?«

Sute nahm auf einem übergroßen Lesestuhl Platz und paffte die Pfeife, die einen Übelkeit erregend süßlichen Geruch verströmte. »Ich fürchte, von den Töchtern sind keine Fotografien erhalten. Es gibt nur einige Daguerreotypien von Mrs. Gast.«

»Ist das nicht seltsam? Dass Gast beträchtliche Kosten auf sich genommen hat, um seine Frau fotografieren zu lassen, nicht jedoch seine Kinder?«

»Normalerweise wäre das seltsam. Allerdings mochte Gast seine Töchter nicht. Die beiden waren extrem mutterbezogen und kamen ausschließlich nach Penelope, und ich meine damit in bedauerlicher Weise.« Bevor Collier Genaueres dazu fragen konnte, fuhr Sute fort: »Und man muss hinzufügen, dass Gast den beiden äußerst argwöhnisch gegenüberstand.«

»Argwöhnisch in welcher Hinsicht?«

Sute schürzte die Lippen. »Gast hegte den Verdacht, dass keines der beiden Mädchen von ihm gezeugt worden sein könnte.«

Collier nickte. »Die Liederlichkeit seiner Frau. Das hätte ich fast vergessen.«

Paffend lehnte sich Sute zurück. »Wenn ich mir die Frage gestatten darf, warum interessieren Sie sich für Gasts Töchter?«

Collier lachte kurz und freudlos. »Wenn ich Ihnen das sage, Mr. Sute, halten Sie mich für einen typischen Irren aus Kalifornien.«

»Bitte. Ich bin Ihnen doch auch entgegengekommen, nicht wahr?«

Der Mann hatte recht. Ich bin ohnehin nicht mehr lange hier, was macht es also für einen Unterschied, was er denkt? »Na schön. Seit ich in der Pension wohne, habe ich einige ... Dinge ... erlebt, die zu beschreiben mir schwerfällt.«

»Ich habe Ihnen ja schon bei unserem gemeinsamen Essen gesagt, dass es vielen Gästen der Pension so ergeht.«

»Ja, schon, aber ... Ich werde es Ihnen einfach erzählen. Sie können mich ruhig auslachen, und das würde ich auch verdienen, nur ...«

Die fleischige Masse von Sutes Gesicht runzelte sich zu einem Lächeln. »Ich höre.«

»Ich könnte schwören, ein paar Mal Kinderstimmen in der Pension gehört zu haben – Stimmen von zwei jungen Mädchen.«

»Und laut Mrs. Butler wohnen derzeit in der Pension keinerlei Kinder«, mutmaßte Sute.

»Haargenau.«

»Und wenn sie die Stimmen der Kinder gehört haben, dann müssen Sie auch den Hund gehört haben.«

Collier hatte das Gefühl, dass seine Züge soeben genauso starr wie die der Büste von Caesar geworden waren.

»Der Hund wird in der Pension öfter gehört als die Kinder.«

»War das Tier braun? Die Farbe von dunklem Schlamm?«

»Farbe, Fell oder Rasse werden nie erwähnt. Der Hund war das Haustier der Mädchen. Er hieß Nergal.«

Nergie. Nergal. Collier suchte eine Verbindung, die sich logisch erklären ließ, fand jedoch keine.

»Merkwürdiger Name für einen Hund, aber wenn man berücksichtigt, dass die äußersten Extreme der Legende um Gast auf Dämonologie wurzeln, relativiert sich das. Der Name ›Nergal‹ bezieht sich auf einen mesopotamischen Dämon. Eine Kreatur des Verderbens und der Perversion, wenngleich ich dem wenig Glauben schenke.«

Collier musste seine nächste Frage unverzüglich stellen. »Hießen die Mädchen Mary und Cricket?«

»Ja.«

Er lügt. Er macht sich einen Spaß daraus, mich zu verscheißern.

»Aber natürlich könnte Ihnen jemand anderer die Namen gesagt haben«, fügte Sute hinzu.

»Hat aber niemand.«

»Sind Sie da absolut sicher?«

»Ich schwöre es.«

Sute deutete auf den Karton mit Papier. »Schauen Sie auf Seite 33.«

Collier tat, wie ihm geheißen, und las die Überschrift.

Kapitel 2

Töchter der Finsternis:
Mary und Cricket Gast

»Cricket war natürlich ein Spitzname. Auf der Geburtsurkunde steht Cressenda. Sie wird als dunkelhaarig und leicht zurückgeblieben beschrieben. Als sie starb, war sie vierzehn. Mary war pummelig – gedrungener – und blond. Vier Jahre älter als Cricket. Übrigens starben beide am selben Tag. Am 30. April 1862. Und ja, sie wurden von Harwood Gast ermordet. Ihre Leichen wurden am 3. Mai vom Marschall der Stadt entdeckt.« Sutes Augen verengten sich zu Schlitzen. »Wo haben Sie die Mädchen gesehen? In der Pension?«

»Ich habe nie gesagt, dass ich sie gesehen habe«, entgegnete Collier und spürte, wie ihm übel wurde.

»Wenn Sie gestatten, spreche ich frei heraus, Mr. Collier. Ich habe den Eindruck, dass Sie ein sehr intuitiver Mann sind ... Allerdings ist es einfach, in Ihren Zügen zu lesen.«

»Na toll.«

»In der Pension werden die Geister der Mädchen in der Regel nur gehört, draußen hingegen für gewöhnlich nur gesehen. Wo haben Sie die beiden gesehen?«

Collier konnte den Mann nur anstarren. »Sie reden über Geister, als würden Sie persönlich daran glauben.«

»Oh, das tue ich. Sehr sogar. Und wenngleich ich bei unserem Essen womöglich nicht ganz ehrlich zu Ihnen gewesen bin, ich bin überzeugt davon, dass es in Mrs. Butlers Pension – im ehemaligen Haus der Gasts – von Geistern nur so wimmelt. Ich glaube, dass es von den Schrecken seiner ursprünglichen Besitzer durchdrungen ist. Noch vor wenigen Augenblicken dachten Sie, ich würde Sie auslachen, aber wie Sie sehen, lache ich keineswegs.«

Collier rieb sich die Stirn. »Na ja, wenigstens komme ich mir jetzt nicht mehr so idiotisch vor.«

»Dafür gibt es auch keinen Grund. Wissen Sie, Mr. Collier, das entspricht der menschlichen Natur. Selbst die Menschen, die es nicht zugeben, lieben gute Geistergeschichten.« Sute lächelte. »Das einzige Problem besteht darin, dass manche wahr sind.«

Collier seufzte vor seltsamer Erleichterung.

»Und manche Menschen sind empfänglicher als andere – Sie zum Beispiel. Aber jetzt bin ich neugierig. Ich vermute, Sie haben die beiden irgendwo außerhalb des Gebäudes gesehen, richtig?«

»Im Wald«, gestand Collier. »Dort gibt es einen Bach. Der Hund war auch da. Aber ich war ziemlich betrunken, deshalb ...«

»Deshalb haben Sie an Ihrer Wahrnehmung gezweifelt – eine normale Reaktion, würde ich sagen.«

»Die Frage, die ich unbedingt stellen wollte ...« Collier konnte sich nicht mehr zurückhalten. »War das Zimmer, in dem ich wohne, das einer der Töchter?«

Sute nickte. »Es war das Zimmer beider Kinder.«

Ich wusste es. »Aber wenigstens sind sie nicht dort gestorben«, meinte Collier erleichtert.

»Ich denke, ich sollte Ihnen jetzt erzählen, was ich zuvor bewusst nicht erwähnt habe. Die Leichen von sowohl Mary als auch Cricket wurden am 3. Mai 1862 in genau dem Zimmer gefunden.«

Collier wurde wütend. »Sie haben gesagt, dass dort niemand gestorben ist!«

»So ist es auch. Gast hat sie am 30. April auf seinem Grundstück ermordet und die Leichen anschließend von einigen seiner Männer in ihre Betten legen lassen.« Ein leises Kichern. »Keine Sorge. Das Bett, in dem Sie schlafen, ist keines davon. Die ursprünglichen Betten hat man verbrannt.«

Collier wurde sowohl von Übelkeit als auch von Verwirrung gepackt. »Warum hat Gast sie irgendwo anders getötet und die Leichen in ihre Betten bringen lassen? Und wo genau hat er sie umgebracht?«

Erneut deutete Sute auf das Manuskript. »Das ist der mit Abstand schlimmste Teil der Geschichte, Mr. Collier. Sie können ihn da drin lesen. Blättern Sie zu dem Bericht in Kursivschrift. Er stammt vom Marschall. Aber wenn Sie sicher sind, dass Sie es tun wollen ... dann lassen Sie mich Ihnen raten, doch einen Drink zu nehmen. Und zwar etwas Stärkeres als Bier.«

Collier ließ die Schultern hängen. Es ist noch nicht mal Mittag ... »Na gut.«

»Was möchten Sie?«

»Scotch mit Eis.«

Sute watschelte zum Schrank, während sich Colliers Blick auf das staubige Manuskript senkte. Nach einigen Absätzen auf Seite 33 entdeckte er eine Zwischenüberschrift: Auszug aus dem persönlichen Tagebuch von Mathias C. Braden, Stadtmarschall, 3. Mai 1862. Doch bevor er zu lesen beginnen konnte, brachte Sute ihm seinen Drink.

»Danke«, sagte Collier nach dem ersten kühlen Schluck.

»Das Papier in Ihrer Tasche sieht wie alkalisches Papier aus«, bemerkte Sute.

Collier hatte keine Ahnung, was er meinte.

»In der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bestand viel Druckpapier aus Hadernhalbstoff mit Holzfasern. Bei der Herstellung wurde eine alkalische Natronlauge verwendet. Dadurch entstand eine unverwechselbare Anmutung.«

»Ach, die hier.« Collier fasste in seine Brusttasche und zog die Schecks heraus, die er in dem Schreibtisch gefunden hatte. »Ich habe sie mitgebracht, um sie Ihnen zu zeigen. Davon habe ich ein ganzes Bündel in der Pension gefunden. Sehen wie Lohnschecks aus – von Gasts Bahnunternehmen.«

Sute begutachtete jene, die Collier dabeihatte. »Oh ja. Mrs. Butler hat einen davon in einer Vitrine, oder?«

»Genau.«

»Und Sie sagen, Sie haben eine ganze Menge davon gefunden?«

»Ja – fünfzig, vielleicht sechzig. Sie waren in einem alten Schreibtisch verstaut und wurden wohl all die Jahrzehnte lang übersehen.«

»Ich bin sicher, so ist es. Ich muss Mrs. Butler fragen, ob ich sie mir ansehen darf, um die verschiedenen Namen zu recherchieren.«

»Sie meinen Gasts Mitarbeiter?«

»Richtig. Um sie mit den anderen Quellen in meinen Archiven abzugleichen.« Er hielt einen Scheck hoch. »Sehen Sie, dieser Mann hier – N. P. Poltrock: Er war Gasts Bauleiter. Und Beauregard Morris – der Mannschaftsleiter. Diese beiden Männer haben wahrscheinlich am 2. oder 3. Mai Selbstmord begangen. Gast selbst war zu dem Zeitpunkt bereits durch eigene Hand gestorben – am 30. April –, aber es ist möglich, dass Morris und Poltrock ihre eigenen Selbstmorde hinausgezögert haben, um Gasts letzte Anweisungen auszuführen und sich noch einmal in der Stadt zu vergnügen. Sie sind beide in einem der Salons gestorben.«

Collier versuchte, die Chronologie zusammenzusetzen. »Gast hat sich also am letzten Apriltag erhängt ...«

»Nachdem er seine Frau, sein Hausmädchen, Taylor Cutton und seine Kinder ermordet hatte.«

In Colliers Magen brodelte die Übelkeit weiter. »Wissen Sie, wie sich die beiden Ersteren umgebracht haben? Morris und der andere Typ?«

»Das steht in demselben Bericht des Marschalls.« Wieder zeigte Sute auf das Manuskript. »Morris hat sich selbst die Kehle durchgeschnitten, und ich glaube, Poltrock hat sich in den Kopf geschossen.«

Die Erkenntnis stampfte wie ein träger Herzschlag in Colliers Adern. Er erinnerte sich an seinen Albtraum, jenen, in dem er eine Prostituierte namens Harriet gewesen war. Der Kerl, der mich vergewaltigt hat ... War sein Name nicht Morris? Der Traum war ihm nur allzu lebendig im Gedächtnis geblieben. Harriet hatte sich das Geld nie zurückgeholt, das er ihr schuldete. Sie hatte seine Leiche im Salon gesehen. Mit durchschnittener Kehle.

Das kann ich Sute nicht erzählen, das kann ich einfach nicht!

»Diese Dinger sehen wie Lohnschecks aus ...«

»Damals funktionierte das System ein wenig anders – die Arbeiter wurden immer bar bezahlt, oft direkt an der Baustelle, aber ja, im Wesentlichen sind es Schecks. Bei Einlösung wurden sie zu einer Zahlungsbestätigung. Ich bin sicher, der Kassenverwalter der Firma hat sie aufbewahrt, um eine präzise Buchhaltung führen zu können. Das war übrigens dieser Mann hier ...« Sutes dicker Finger tippte auf den unteren Rand des Schecks. »Windom Fecory.«

»Der Mann, nach dem die örtliche Bank benannt ist.«

»Ja.« Ein Ausdruck der Belustigung trat in Sutes Züge. »Ich vermute, wenn der aktuelle Vorstand der Bank mehr über den echten Windom Fecory gewusst hätte, dann hätte er sich für einen anderen Namen entschieden.«

»Warum?«

»Bestimmt erinnern Sie sich an die abstrakteren Aspekte unserer Unterhaltung ... das Element des Übernatürlichen ...«

Collier bemühte sich, nicht zu grinsen. »Sie meinen, dass Gast seine Seele dem Teufel verkauft haben soll.«

»Nicht unbedingt dem Teufel, aber möglicherweise einem Gehilfen dieser Wesenheit. Das wäre dann Fecory. Er sorgte für einen scheinbar unerschöpflichen Geldfluss, ohne je Gasts persönliches Konto zu leeren. Zumindest besagen das die weiter hergeholten Extreme der Geschichte.«

»Sie haben zuvor gesagt, dass Sie an Geister glauben. Glauben Sie auch daran?«

»Kann ich nicht sagen«, antwortete Sute, der nach wie vor die Schecks betrachtete. »Allerdings muss ich erwähnen, wenn auch nur flüchtig, dass der Name ›Fecory‹ eine verdächtige Ähnlichkeit mit einem Wesen aufweist, das man sich als dämonischen Gefolgsmann oder Leibeigenen vorstellen könnte. Der Erzdämon, der Luzifers Schätze der Unterwelt bewacht, heißt Anarazel, und der Name seines Gehilfen lautet Fecor.«

»Fecor ... Fecory.« Collier verstand. »Aber diesen Dämonenkram glaube ich nicht, das ist zu konstruiert.«

»Da stimme ich Ihnen zu. Trotzdem, sagen wir mal, es wäre wahr. Windom Fecory war Gasts Zahlmeister; seine Aufgabe bestand darin, Leistungen mit Bargeld zu vergüten. Der Dämon Fecor kann als Anarazels Zahlmeister beizeichnet werden, der ... jene Menschen, die dem Satan dienen, mit dessen Schatz belohnt.«

Collier schüttelte den Kopf. »Klar.«

»Und ich möchte hinzufügen, dass sich Fecorys Spur nach dem 30. April völlig verliert. Das war nicht nur der Tag, mit dem all diese Schecks datiert sind, sondern auch jener, an dem die Eisenbahn offiziell fertiggestellt wurde und an dem Harwood Gast zum letzten Mal nach Hause kam.« Sutes Interesse an den Schecks schien ungebrochen zu sein. »Ah, und hier ist einer für Taylor Cutton, den Vorarbeiter.«

»Jetzt sagen Sie bloß, er hat sich auch selbst ausgeknipst ...«

Ein weiteres Lächeln stahl sich in Sutes Gesicht. »Sie passen nicht richtig auf, Mr. Collier. Ich habe Ihnen bereits mitgeteilt, dass Taylor Cutton in dem Haus ermordet wurde ...«

Die Erinnerung regte sich. »Der Mann, den Gast in der Sitzwanne ertränkt hat.«

»Ja. Ebenfalls am 30. April 1862.«

Unwillkürlich musste Collier an das Gurgeln aus dem Badezimmer vergangene Nacht denken, und an das nagende Geräusch ... Ich lege die Karten einfach offen. Was soll’s? »Hören Sie, Mr. Sute, seit ich in der Pension wohne, habe ich ein ...«

Sute fiel ihm ins Wort. »Ein gesteigertes sexuelles Verlangen, ja. Das haben Sie bereits angedeutet. Bestimmte Leute, die dort übernachteten, haben dasselbe erfahren.«

Wahrscheinlich errötete Collier. »Ja, aber ich hatte auch mehrere Albträume, in denen ich jemand anderes war. Vor zwei Nächten habe ich geträumt, ich sei ein Wachmann der Konföderierten. Ich bewachte Gefangene, die in einer umgebauten Scheune entlaust wurden. Mir kam dabei der Gedanke, dass diese Leute – Zivilisten – für irgendetwas vorbereitet wurden ...«

Sute schien nicht überrascht zu sein. »Das wurden sie tatsächlich. Sie wurden für ihre Vernichtung vorbereitet.«

Das Wort schlug eine schwarze Saite in Collier an. »Vernichtung in Form von Verbrennung?«

»Bevor ich darauf antworte, möchte ich, dass Sie mir genau erklären, wieso Sie das fragen.«

»Wegen des Albtraums«, erwiderte Collier. »Die Gefangenen waren alle nackt und unterernährt, und ihnen wurden sämtliche Haare abgeschnitten. Dann wurden sie in einen Gefangenenwagen gepfercht – einen Wagen, der von einem nahen Eisenbahndepot losfuhr – und einen Hügel hinaufgebracht. In dem Traum konnte ich nicht sehen, was sich auf der Kuppe befand, sehr wohl hingegen sah ich Rauch, eine stete, endlose Rauchsäule, als wäre dort oben ein großes Feuer.«

»Das war kein Feuer, sondern die ehemalige Gewehrfabrik von Maxon, einst der größte Hochofen im Süden. Das Werk wurde in den 1820ern geschlossen, nachdem in North und South Carolina bessere Einrichtungen gebaut worden waren, aber davor wurden in Maxon mehr Gewehrläufe produziert als in allen anderen metallverarbeitenden Werken südlich der Mason-Dixon-Linie. In ihrer Blütezeit galt die Fabrik als technologisches Wunderwerk – der Kohlensack hatte einen Durchmesser von fast fünf Metern und besaß ein ausgesprochen effizientes Blasebalgsystem, das mit einem Wasserrad betrieben wurde.«

Colliers Gemüt füllte sich mit trüber Verwirrung. »Also waren die Gefangenen Sklaven – Zwangsarbeiter für den Betrieb des Hochofens?«

»Nein«, erwiderte Sute. »Es war Gast, der die Gewehrlauffabrik wieder in Betrieb nahm, wenngleich nicht für die Produktion von Waffen. Er ließ eine komplette Bahnstrecke nach Maxon bauen und nahm den Hochofen für den ausschließlichen Zweck in Betrieb, Unschuldige zu verbrennen.«

Collier fühlte sich vom puren Bösen wie überflutet. In gewisser Weise erklärte es all das, was er noch nicht wusste, mit einem Schlag. Wenn ...

»Warum hat er das getan?«

Sute setzte sich und ergriff die alten Schecks. »Entweder, weil er wahnsinnig war, oder, weil es einen Bestandteil der Abmachung darstellte. Reichtum im Gegenzug für Dienste. Mr. Collier, rituelle Grausamkeiten und die Opferung von Unschuldigen sind nichts Neues in der Geschichte des Okkulten. Eine Opfergabe an den Teufel durch das Vergießen von unschuldigem Blut ist eine mächtige Geste. Man kann Maxon als das Auschwitz des Bürgerkriegs bezeichnen ... und so gut wie niemand weiß davon. Durch seine abgeschiedene Lage blieb der Hochofen noch Wochen in Betrieb, nachdem der Krieg bereits geendet hatte. Wie böse ist das, Mr. Collier? Klingt das nicht, als hätte der Satan seine Anhänger beschützt?«

Collier wollte gehen. Er hatte genug gehört. Unabhängig davon, ob all das stimmte oder Unfug war, er war fertig damit.

»Gegen Ende erschöpften sich die Kohlenvorräte«, fuhr Sute fort. »Die Unionstruppen befanden sich nur noch wenige Tage entfernt, aber es warteten nach wie vor etwa hundert Gefangene auf die Verbrennung. Da es keine Möglichkeit gab, sie zu verbrennen, gab es stattdessen ein Schlachtfest ...«

Collier starrte den Mann an.

»Was die Streitkräfte der Föderierten erwartete, war ein entsetzlich makabrer Anblick. Sie stießen auf verschlossene Gefangenenwagen, die mit den Menschen darin in Brand gesteckt worden waren. Die Kinder allerdings hatte man herausgeholt und enthauptet. Die Köpfe fanden die Soldaten in ordentlichen Stapeln vor. Dutzende weitere waren mit Mistgabeln erstochen oder einfach gehängt worden. Man fand ganze Haufen von Leichen, die in der Sonne verwesten. Es war ein regelrechtes Fest des Bösen, Mr. Collier, eine Jubelfeier für den Teufel.«

Collier trank den starken Alkohol aus und sehnte sich mittlerweile nach einem Bier. Bevor er sich jedoch kurz und bündig verabschieden konnte, fragte Sute: »Aber zurück zu Ihrem Albtraum – war das der Einzige, den Sie in der Pension hatten?«

Die Schilderung der Abscheulichkeiten hatte Collier den eigentlichen Grund vergessen lassen, aus dem er hergekommen war. »Nein. Sie scheinen mir nicht überrascht darüber zu sein, dass ich Träume habe, die Details von Ereignissen aus der Vergangenheit enthalten. Details, über die ich zuvor nichts erfahren hatte.«

»Ich bin auch nicht überrascht«, erklärte Sute unverblümt. »Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die dort ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Transpositionale Träume kommen bei Spukhausphänomenen häufig vor, Mr. Collier ... wenn man denn etwas auf das fachsprachliche Kauderwelsch hält, das oft damit einhergeht.«

Collier versuchte in Gedanken eine Zusammenfassung. Gast verbrannte unschuldige Frauen und Kinder in einem gewaltigen Hochofen ... um seine Schulden bei Satan zu bezahlen ...

»Etwas habe ich vergessen zu erwähnen«, unterbrach Sute seine Gedankengänge. »Und zwar, wie Gast seiner mutmaßlichen Anbetung des Teufels zusätzliche Würze verliehen hat. Die Bahnstrecke wurde am 30. April fertiggestellt, und nur Minuten, nachdem der letzte Nagel eingeschlagen worden war, wurde das erste Gefangenenkontingent nach Maxon transportiert. Bevor Gast und seine Männer jedoch in die Stadt zurückkehrten, war da noch etwas mit den Sklaven, die so aufopfernd für ihn gearbeitet hatten.«

»Wollen Sie mir jetzt erzählen, dass die Sklaven ihre Seelen ebenfalls verkauft hatten?« Collier konnte sich nicht gegen den Sarkasmus wehren.

»Ganz und gar nicht. Gast hatte ihnen nach dem Abschluss des Projekts die Freiheit versprochen, aber stattdessen ließ er sie alle hinrichten, eine passende Vollendung seines Werks. Seine Sicherheitsmannschaft eröffnete auf alle Sklaven gleichzeitig das Feuer und zielte tief, um sie außer Gefecht zu setzen, statt sie an Ort und Stelle zu töten. Er wollte sie für den Ofen lebendig haben. Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass die Sklaven, die diese Bahnstrecke gebaut hatten, unter den Ersten waren, die im Kohlensack landeten – Gasts erste Zahlung an seinen Wohltäter.«

Collier saß wie betäubt da. Er fühlte sich, als versinke er in einem Morast destillierter Fäulnis.

»Tut mir leid, ich bin abgeschweift«, entschuldigte sich Sute. »Sie wollten mir von Ihren anderen Albträumen erzählen.«

Colliers Urteilsvermögen hatte sich verabschiedet. »Vergangene Nacht habe ich geträumt, dass ich in dem Haus war. Ich war eine Frau – eine Prostituierte

»Zweifellos eines von Bellas Mädchen. Bella Silver, aber ihren richtigen Nachnamen kennt niemand. Sie war die Puffmutter des örtlichen Bordells.«

Collier nickte und schluckte. »Ich ging also zum Haus hinauf, und der Marschall war dort ...«

»Braden.«

»... mit einem Hilfssheriff. Wir waren die Ersten, die Gasts Leiche an dem Baum vor dem Haus hängend entdeckten ...«

»Dann war das am 3. Mai.«

»Genau an diesem Tag, und das weiß ich, weil ich es auf einem Kalender in Bellas Bordell gesehen habe ...« Collier stimmte ein abgehacktes Lachen an, weil ihm durchaus bewusst war, wie verrückt er sich anhören musste. »Im Vorgarten klaffte ein Loch, neben dem Schaufeln lagen. Der Marschall befahl mir, ihm bei der Suche zu helfen. Wir suchten nach Mary und Cricket Gast.«

Sute saß breit und reglos da, lauschte ihm.

»Sie haben mir gestern von Cutton erzählt, auch davon, wie Penelope ermordet wurde, und dass sich Gast erhängt hat«, fuhr Collier geradezu atemlos fort. »Dieser Teil des Traums könnte also auf Suggestion beruhen, aber von den beiden anderen Selbstmorden wusste ich nichts ...«

»Poltrock und Morris ...«

»Ja, richtig, aber ich habe gestern geträumt, was Sie mir heute erzählt haben, und ich bin ganz sicher, dass ich es nirgendwo anders gehört hatte.« Mittlerweile krampften sich Colliers Finger in seinen Oberschenkel. »In diesem verfluchten Albtraum ging ich also hinein und sah genau das – ich sah Morris mit aufgeschlitzter Kehle, und ich sah Poltrock, dem ein Teil des Kopfes fehlte. Danach stieg ich die Treppe hinauf und fand Cutton in dem Badezimmer, wo ihn jemand in der verdammten Sitzwanne ertränkt hatte. Dann schaute ich in ein anderes Zimmer und sah Penelope, die nackt auf einem von Blut durchtränkten Bett lag, mit einer Axt im Unterleib, in ihrer Vagina ...«

Sute wirkte beunruhigt. »Mr. Collier, entspannen Sie sich. Solche Geschichten können einem unter die Haut gehen. Lassen Sie mich Ihnen noch einen Drink machen, damit Sie sich beruhigen.«

»Ich will keinen beschissenen Drink mehr«, fauchte Collier. »Ich will wissen, was im Kinderzimmer war, in dem Zimmer, in dem ich jetzt wohne. In dem Albtraum wollte ich die Tür öffnen, aber sie war abgesperrt. Der Hilfssheriff des Marschalls trat sie auf, nur durfte ich nicht hineinschauen! Mary und Cricket waren darin, und sie waren tot, richtig?«

»Richtig.«

»Aber sie wurden nicht in dem Zimmer umgebracht – das haben Sie ja bereits gesagt. Wo wurden sie getötet? Und warum wurden ihre Leichen danach in das Zimmer gebracht?«

»Um eine obszöne Wirkung zu erzielen, davon bin ich überzeugt.« Sutes Stimme schien düster und tief zu vibrieren. »Es war Gast. Er wollte Grauen. Er wollte, dass man die Kinder findet, verstehen Sie? Lesen Sie einen Teil des Auszugs ...«

Colliers Blick wanderte über den kursiven Text.

Laut dem Bahnhofsvorsteher waren Gast und seine erste Mannschaft bereits vor einer Woche wieder in der Stadt eingetroffen. Die Rekonstruktion gestaltete sich einfach, nachdem ich mit Richard Barrison gesprochen hatte, einem Pflüger, der bezeugte, mehrere von Gasts Männern gesehen zu haben, wie sie im Vorgarten ein großes Loch aushoben. Barrison berichtet weiter, dass er keine dreißig Minuten später bei seiner Rückkehr sah, wie dieselben Männer das Loch wieder zuschaufelten. Das war kurz nach ein Uhr nachmittags. Weitere Überlegungen dazu waren kaum nötig, als wir die Leichen der armen Mädchen fanden ...

Collier rieb sich ein Schwindelgefühl aus den Augen. »Mein Gott ... Soll das heißen ...«

»Gast ließ seine beiden Töchter lebendig begraben, dann kümmerte er sich um die Ermordung von Jessa und die Massenvergewaltigung und anschließende Hinrichtung seiner Frau mit der Axt. Auch Cutton wurde irgendwann nach ein Uhr nachmittags ermordet.« Sute schwenkte einen weiteren Drink. »Kurz vor Sonnenuntergang befahl er Morris und Poltrock, Marys und Crickets Leichen auszugraben und ins Kinderzimmer zu legen. Er schloss die Tür und sperrte den Hund bei ihnen ein. Gast wusste, dass es vermutlich Tage dauern würde, bis man die Leichen entdeckte. Er wollte, dass sie zuerst ein wenig verwesten, weshalb er die Fenster schloss. Und der Hund hatte natürlich nichts zu fressen ...«

»Der Hund fraß die Leichen der Mädchen«, stieß Collier tonlos hervor.

Mittlerweile sah Sute selbst aus, als sei ihm etwas übel. »Nicht ... nur das, fürchte ich ...«

»Was soll das heißen?«

Der fette Mann deutete abermals auf das Manuskript auf Colliers Schoß. »Vielleicht ist es besser, wenn Sie nicht mehr darin lesen. Eine gekürzte Fassung dürfte weniger widerwärtig sein.« Sute räusperte sich. »Die Mädchen waren schwanger, als Gast sie in das Loch werfen ließ, wahrscheinlich sogar hochschwanger.«

»Er ließ sie lebendig begraben, und sie waren schwanger?« Vor Entrüstung schrie Collier beinahe.

»Ich fürchte ja.«

»Durch Vergewaltigung?«

»Wohl kaum. Wissen Sie, diese jungen Mädchen waren selbst nicht so unschuldig. Wie auch, mit einer solchen Mutter als Vorbild? Sie waren berüchtigt für ihre häufigen Partnerwechsel und ihre Willigkeit, zumindest laut der Fülle an Briefen und Tagebüchern der Ortsbewohner. Und was Sie offenbar nicht begriffen haben, ist: Gast wollte, dass ihre Bestrafung extrem ausfiel. Nach mehreren Stunden unter der Erde hatten die Mädchen Fehlgeburten erlitten und waren tot, die Föten abgestorben. Anschließend wurden die Leichen ausgegraben – vier davon, wohlgemerkt – und in die Betten gelegt. Den ersten Hunger stillte der Hund mit den Föten und der Nachgeburt, und als davon nichts mehr übrig war ... machte er sich an den Mädchen zu schaffen. Das war das Bild, das sich Marschall Braden und seinem Hilfssheriff bot, als sie diese Tür aufbrachen, und zweifellos hätten Sie in Ihrem Albtraum dieselbe Szene gesehen, wenn Sie in das Zimmer geschaut hätten.« Sute seufzte. »Gerüchten zufolge ist der Hund entkommen und wurde nie wieder gesehen. Aber Sie können sicher sein ... er ist mit vollem Magen entkommen.«

Und das alles ist in dem Zimmer passiert, in dem ich jetzt wohne, sinnierte Collier.

War Gast lediglich ein Mann gewesen, der wahnsinnig geworden war, oder handelte es sich bei der Geschichte wirklich um etwas Schlimmeres, das in jeder Hinsicht unmöglich zu sein schien? Die Stille, die folgte, ließ den Raum dunkler wirken. Colliers Gehirn fühlte sich wie empfindungsloses Fleisch an. Ich bin eine Art Antenne, dachte er. Und die Pension ist der Sender. Aber glaubte er wirklich, dass dieses Haus ein Sender war, der das Böse der Vergangenheit ausstrahlte?

Er fühlte sich gealtert, als er sich aus dem Stuhl stemmte. »Ich muss jetzt gehen.«

»Es ist eine grauenhafte Geschichte, Mr. Collier. Aber jetzt wissen Sie alles. Natürlich bedauern Sie angesichts dieses Wissens mittlerweile vermutlich, dass Sie je danach gefragt haben.«

»Das liegt in meiner Natur.« Er versuchte zu lachen und gab Sute das Manuskript zurück.

»Sind Sie sicher, dass Sie es sich nicht ausleihen möchten?«, fragte Sute.

»Ja. Ich würde es nicht verkraften. Außerdem reise ich ohnehin bald ab.«

Sute erhob sich, um das Manuskript zu verstauen, dann gab er Collier die Schecks zurück. »Tut mir leid, das zu hören. Ich hoffe, es ist nicht die schaurige Geschichte der Stadt, die sie vertreibt.«

Collier log. »Nein, nein, ich muss zurück nach Los Angeles.« Ein ungewisses Unbehagen nagte an ihm. Was spielte es für eine Rolle, was Sute sagen mochte, nachdem er gegangen war? Gar keine, wurde ihm klar. Dennoch wollte er nicht, dass etwas zu Dominique durchdränge, auch wenn er wusste, dass er sie nach diesem Abend wahrscheinlich nie wiedersehen würde.

»Mr. Sute? Bitte sagen Sie niemandem, was ich Ihnen heute erzählt habe ... von den Albträumen und so.«

Sute stand mittlerweile halb in Schatten, ein Fleischberg in einer Smokingjacke. »Das ist alles vertraulich, Mr. Collier. Wie ich schon sagte, Sie sind ein intuitiver Mensch. Sie möchten nicht, dass ich wiederhole, was Sie mir erzählt haben. Und wie bei jeder Vereinbarung zwischen ehrenwerten Menschen vertraue ich darauf, dass Sie umgekehrt mein Geheimnis bewahren.«

Da fiel Collier zum ersten Mal das gerahmte Foto von Jiff auf dem Nachttisch auf. Also habe ich in dieser Hinsicht richtig geraten ...

»Ich verstehe. Es war schön, Sie kennenzulernen ...« Sie schüttelten einander die Hände. »Danke, dass Sie meine Neugier befriedigt haben. Diese neugierige Katze hat sich daran definitiv die Tatzen verbrannt.«

»Es ist nur eine Geschichte, Mr. Collier.« Sute versuchte, sich unbeschwert anzuhören.

»Allerdings eine, von der wir beide wissen, dass sie wahr ist ...«

Lächelnd zuckte Sute mit den Schultern.

Als Collier sich zum Gehen wandte, fühlte sich seine Psyche wie ein kaputtes Uhrwerk an. Ich bin nicht wie der Hirtenjunge, der ›Wolf‹ gerufen hat, ich bin der Junge, der zu viele Fragen gestellt hat. So viel stand fest: Er hatte mehr gehört, als er ertragen konnte, und nun würde er sich mit eingezogenem Schwanz nach Hause trollen ...

»Warten Sie!« Sute stand an einem Regal und holte daraus einige schwere Ordner hervor. »Die wollten Sie ja noch sehen.«

»Was ... ist das?«

»Die Daguerreotypien.«

Eine Starre befiel Collier.

»Mr. Collier, mir ist bewusst, dass Sie mehr als genug über die örtliche Folklore gehört haben ... aber können Sie nach allem, was Sie wissen, wirklich abreisen, ohne je die einzigen existierenden Fotografien von Penelope Gast gesehen zu haben?«

Du Mistkerl, dachte Collier. Einige Momente lang reagierte er nicht, dann sagte er: »Na schön. Zeigen Sie her.«

Behutsam zog Sute einige Metallfolien aus verschiedenen Schutzhüllen. »Achten Sie darauf, nur die Ränder zu berühren«, forderte der Mann ihn auf.

Collier stellte fest, dass ein düster-schwarzer Rahmen die erste steife Folie umgab; das Bild selbst schien darin zu schweben. Worauf sich sein Blick heftete, lies sich am besten als gespenstisch beschreiben: Penelope Gast in einer zerknitterten Turnüre französischen Stils samt Unterrock, das Gesicht seitwärts gerichtet. Das bestickte Korsett hing aufgeschnürt an der Vorderseite nach unten und entblößte einen üppigen weißen Busen mit großen steifen Brustwarzen. Collier schluckte. Trotz der körnigen Qualität der Fotografie wirkte die Frau darauf unendlich viel schöner als auf dem züchtigen Ölgemälde in der Pension.

»Echte Daguerreotypien waren schwer zu beschaffen und für Privatpersonen unerhört teuer«, erklärte Sute.

Collier dachte an Hollywood-Produzenten, die von professionellen Bildhauern Kunstwerke der nackten Körper ihrer Ehefrauen anfertigen ließen, um sie sich an die Wand zu hängen. Dies war das Pendant für reiche Leute aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Denkmal für ihre Ehefrauen.

»Ferrotypien waren während und nach dem Bürgerkrieg verbreiteter, nur war die Bildqualität schlechter, und mit der Zeit gingen Details verloren. Gast hat keine Kosten gescheut, um das Bild seiner Frau für die Ewigkeit festzuhalten.«

Und sie anschließend von mehreren Männern vergewaltigen zu lassen, bevor er ihr eine Axt zwischen die Beine schlug ... Collier betrachtete das nächste, noch gewagtere Bild. Mrs. Gast stand darauf mit einem Kleidungsstück, das einer Toga ähnelte und sich über einen Schenkel, zwischen die Beine und schließlich um ihren Hals schlängelte. Ihre Beine muteten perfekt wie die eines Models an. Die Toga bedeckte die eine Brust, ihre rechte Hand die andere. Die hellen, langen Locken ihrer Haare schienen rings um ihren Kopf zu leuchten. Waren da leichte Sommersprossen an ihrem Brustbereich zu erkennen?

Was er dann zu sehen bekam, traf ihn völlig unvorbereitet. Die nächste Folie zeigte Penelope Gast vollkommen nackt auf einer Liege gleich einer Odaliske in einem türkischen Harem. Der Detailgrad der Abbildung war verblüffend – so sehr, dass er in der Lage war, ein einzelnes Muttermal unmittelbar über der Klitorisvorhaut auszumachen. Und der Schambereich der Frau präsentierte sich komplett rasiert.