Kapitel 8

I

1861

»Gute Arbeit, Männer!«, rief Morris sowohl den Sklaven als auch den Weißen zu. Er stand hinten auf dem Leitwagen für den Frachtzug vor der Baustelle. Als die Abenddämmerung einsetzte, schirmte er die Augen ab und spähte die Trasse entlang. »Sieht für mich nach verflucht guter Arbeit aus. Meinen Sie nich’ auch, Mr. Poltrock?«

Poltrock stand abwesend etwas abseits. Er betrachtete die Zahlen und ging durch, wie viele Eisenschienen und Verbindungslaschen die Mannschaft seit vergangenem Freitag verbraucht hatte. Kann das stimmen?

Morris grinste ihn mit den Händen an den Hüften an. »Schätze, Mr. Poltrock hat mich nich’ gehört ...« Der Rest der Männer einschließlich der Neger lachte.

Poltrock schüttelte seine Grübelei ab. »Doch, Mr. Morris. Ja, das war womöglich sogar mehr als verflucht gute Arbeit ...«

Morris’ langes Haar wehte in der Brise. »Dann haben wir alle bis Sonntagmorgen« – einer der Aufseher läutete eine Glocke – »frei!«

Die Gruppen mit rund einhundertfünfzig Männern lösten sich auf. Vor Schweiß glänzend, vor Erschöpfung gebeugt und trotzdem vergnüglich brachen sie zu den Lagern auf. Die Glocke bimmelte weiter und marterte Poltrocks Hirn.

»Wieder ’ne Woche vorbei.« Morris rieb sich die Hände. »Kaum zu glauben, dass wir inzwischen im tiefsten Georgia sin’. Schon bald vier Jahre rum, oder? Kommt mir eher wie sechs, vielleicht acht Monate vor, wennse mich fragen.«

Poltrock hörte den Mann kaum. Dann bemerkte er ein langes Messer in einer Blechscheide, die an Morris’ Hüfte baumelte. »Mr. Morris, was ist das für ein Ding an Ihrer Hüfte? Sieht halb wie ein Schwert, halb wie ein Säbel aus.«

Die fünfunddreißig Zentimeter lange Klinge sirrte, als Morris sie aus der Scheide zog. »Nennt sich Säbelbajonett, Sir. Schick, was? Wird von der Waffenfabrik in Kenansville aus abgekantetem Stahl gefertigt. Die tun was dazu, das Chrom heißt – das Ding rostet nich’ mal dann, wenn man’s über Nacht in ’nem Eimer voll Wasser lässt. Und der Messinggriff is’ so hart, dass man ihn als Hammer benutzen kann.«

»Wofür braucht ein Mannschaftsleiter ein so langes Messer?«

»Brauchen tu ich’s eigentlich gar nichֹ’ ...« Morris drehte die Klinge, bis sie funkelte. »Is’ bloß ... hübsch, find’ ich. Weiber haben ihre Klunker, Männer ihre Schießeisen und Messer.«

Der Gedanke war Poltrock nie in den Sinn gekommen, hatte aber etwas für sich. »Jetzt, da Sie es erwähnen, denke ich, dass ich meinen .36er-Colt recht ähnlich betrachte«, meinte er und deutete auf den Revolver an seiner Hüfte. »Ich brauche ihn eigentlich auch nicht wirklich, zumal Mr. Gast ja eine regelrechte Armee von Aufsehern eingestellt hat. Wollten die Sklaven rebellieren, hätten sie das schon längst versucht.«

»Da müssten sie aber verrückt für sein«, sagte Morris. »Immerhin werden’s frei sein, sobald wir fertig sin’. Natürlich gibt’s immer irgendwelche Indianer, die Ärger machen. Wär’ für alle von uns klug, immer was zum Schutz dabeizuhaben.«

»Gefahr erkannt, Gefahr gebannt ... so heißt es doch, oder?«

»Da wir grad von Indianern reden ...« Morris spähte über die Baustelle hinaus.

Poltrock erblickte einige Gestalten, die sich auf sie zubewegten.

»Wahrscheinlich Bettler. Oder vielleicht Huren für heut Nacht«, vermutete Morris. »Aber um drauf zurückzukommen, wovon wir geredet haben – die Zeit vergeht so schnell. Ich wollt’ fragen, wie viele Streckenmeilen wir bis jetzt verlegt haben. Ich wett’, wir haben schon über dreihundertfünfzig, was meinen Sie?«

»Ich summiere die monatlichen Zahlen nur zweimal im Jahr, aber – Scheiße – ja. So schnell, wie wir voranzukommen scheinen, könnten wir wirklich bei rund dreihundertfünfzig liegen. Könnte durchaus sein.«

»Sind Sie grad dabei, die Woche zusammenzuzählen?«

»Ja, aber lassen Sie Mr. Fecory nicht gehen, bevor ich zurückkomme. Wahrscheinlich brauche ich etwa eine halbe Stunde.«

»Ich sag’s ihm«, gab Morris zurück. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er die sich langsam nähernden Gestalten. »Er wird eh länger als das brauchen, um die weiße Mannschaft auszuzahlen.« Morris klopfte sich Staub aus dem Bart. »Und ich freu mich schon auf ’n Whiskey heut Abend. Was is’ mit Ihnen?«

Nach wie vor verwirrt von den Zahlen, klappte Poltrock sein Notizbuch zu. »Wie bitte? Oh ja, vielleicht ...«

Mr. Gast gab allen am Samstag frei, doch Poltrock wunderte sich oft, weshalb ausgerechnet an diesem Tag.

Der typische Tag der Ruhe war der Sonntag.

Jedenfalls konnte es manchmal ziemlich wild hergehen. Whiskey wurde ebenso herangeschafft wie mehrere Rinder. Und es durften auch einige Squaws auf das Gelände. Sie wurden als Eshquas bezeichnet. Mr. Gast störte es nicht, wenn an Freitagabenden Hurenzelte aufgestellt wurden, damit die Weißen Druck ablassen konnten.

Irgendetwas geisterte Poltrock im Hinterkopf herum. »Warten Sie mal! Mir fällt gerade ein, dass mir der Versorgungsleiter vorher gesagt hat, heute würde kein Whiskey angeliefert. Und mir ist auch kein ankommender Versorgungszug aufgefallen. Haben Sie einen gesehen?«

»Verflucht. Ne, hab ich nich’.« Morris sah aus, als hätte sich ein übler Geschmack in seinen Mund geschlichen.

»Ein paar Mal hat Mr. Gast schon Whiskey aus nahegelegenen Ortschaften herbringen lassen. Macht keinen Sinn, die Fässer jede Woche von zu Hause herzuschaffen ...«

»In Georgia? Scheiße, Mr. Poltrock, in Georgia verstehen die von Whiskey so viel wie im gottverdammten Massachusetts von Baumwolle.«

Zum wohl ersten Mal seit einer Woche lächelte Poltrock. »Ich bin sicher, nach einer so harten Arbeitswoche wird auch Whiskey aus Georgia reichen.«

»Ich hoff’, Sie haben recht. Schmeckt wahrscheinlich wie etwas aus ’nem Pissefass.« Morris seufzte und nahm die herannahenden Gestalten genauer in Augenschein. »Aber ’n paar Huren dürfen sicher rein. Ich würd’ sagen, da kommen schon welche.«

Trotz des schwindenden Lichts konnte Poltrock sie erkennen: Indianerfrauen mit genähten Beinkleidern und ärmellosen Oberteilen aus fransigem Leder. Ihre Augen in den harten Gesichtern wirkten riesig. »Was für Indianerinnen sind das überhaupt?«

»Nanticoke«, antwortete Morris. »Die gab’s früher hauptsächlich in Maryland, bevor Staatsmilizen sie vor etwa fünfzig Jahren dort ausgerottet haben. Die meisten sin’ nach Norden und dort erfroren, aber ’n paar hat’s in den Süden verschlagen. Georgia hat ihnen Reservate gegeben, wie sie’s oben in New York mit den Irokesen gemacht haben. Ein paar der Squaws hier schauen verflucht gut aus. Lassen sich für zehn Cent und ’n Schluck zu trinken bumsen, dann bringen Sie ’s Geld zu ihren Männern.« Morris wippte einen Moment lang auf den Zehen. »Ja, Sir, in eine von denen steck ich heut Abend mein’ Schwanz.«

Poltrock musste den fremdartig aussehenden Frauen Respekt für ihre Belastbarkeit zollen. Er zählte genau vier, und er wusste, dass sie bis spät in die nächste Nacht hinein fünfzig geile weiße Männer befriedigen würden. Viele der Männer würden vier oder fünf Durchgänge machen. Wie Morris, dachte Poltrock. Morris hegte eine Vorliebe für Huren. Das galt für etliche der Männer.

»Sehen Sie sich mal die da an«, forderte Morris ihn auf. »Die werd’ ich mir als Erstes vornehmen ...«

Poltrock kniff die Augen zusammen. Es ließ sich mühelos erkennen, welche Squaw Morris meinte. Drei sahen älter und wettergegerbt aus, aber eine vierte schien deutlich jünger und besser proportioniert zu sein. Die Brüste der Frau waren so groß, dass sie die Rohlederschnüre spannten, die das Oberteil zusammenhielten.

»Die Rothaut hat aber mal feine Titten, was, Mr. Poltrock?«, sprach Morris unnötig das Offensichtliche aus. »Mit solchen Titten lässt sich alles Mögliche anstellen.« Spöttisch winkte Morris dem Mädchen zu und raunte: »Hallöchen, dreckige kleine Schlampe. Dir spritz ich bald mein’ Saft in die Dose.«

Poltrock fühlte sich müde. Zudem schien sich bei ihm eine Erkältung anzubahnen. Er konnte die wollüstige Begeisterung seines Kollegen nicht teilen.

»Da kommt Cutton«, stellte Morris fest.

»Ich muss mit ihm reden«, sagte Poltrock und stieg vom Leitwagen.

»Guten Tag, Mr. Poltrock«, begrüßte ihn der jüngere Mann. »Oder – verdammt – sollte ich schon Guten Abend sagen? Wohin verfliegen die Tage bloß in letzter Zeit?«

Poltrock zog eine Panatela hervor, die ihm aus Mr. Gasts persönlichem Vorrat zustand. Die Zigarren stammten aus Florida. Bevor er nach einem Streichholz suchen konnte, hatte Cutton bereits eines für ihn angezündet.

»Danke«, sagte er und paffte. »Und ich wollte Sie etwas fragen, Mr. Cutton.« Er hielt sein Notizbuch hoch. »Wir scheinen ziemlich schnell Schienen und Verbindungslaschen zu verbrauchen. Hat jemand die Bestellung für die letzte Lieferung erhöht?«

Cutton nickte und biss ein Stück Kautabak ab. »Ja, Sir, wurde gemacht.«

»Von wem? Vom Versorgungsleiter?«

»Nein, Sir. Von Mr. Gast. Er hat’s mir gegenüber erwähnt – weiß nicht mehr, wann genau. Jedenfalls sagte er, dass er die letzten paar Wochen zehn bis fünfzehn Prozent mehr ranschaffen würde. Schwellen natürlich auch. In Kentucky gibt’s ein neues Stahlwerk, bei dem er kauft, hat er zu mir gesagt. In Tredegar werden rund um die Uhr Kanonen gebaut, falls es zum Krieg kommt.«

Poltrock filterte die nützlichen Informationen heraus. »Zehn bis fünfzehn Prozent mehr? Kein Wunder, dass meine Zahlen nicht zu stimmen scheinen ...«

»So wie ich das sehe, arbeiten die Männer echt hart. Wären Sie ein Sklave mit der Aussicht auf Freiheit am Ende, würden Sie nicht auch besonders hart arbeiten?«

»Ja, das würde ich zweifellos ...« Poltrock kratzte sich am Ohr. Harte Arbeit war eine Sache. Aber ... das? Er wusste, dass er die Zahlen noch einmal durchgehen musste. Das konnte äußerst interessant werden ...

»Würden Sie bitte mein Pferd holen, Mr. Cutton? Ich reite los, um die Schienen zu zählen.«

»Ja, Sir. Wir wissen alle, dass Freitag ist, wenn Mr. Poltrock die Schienen zählt. Soll ich Ihnen helfen?«

»Nein. Nein, das ist etwas, dass ich alleine machen muss.«

»Ich hol’ Ihr Pferd ...«

Damit lief Cutton los. Morris warf ihm ein stummes Grinsen zu, dann stieg er selbst vom Wagen. »Was is’ denn mit den Verbindungslaschen, Mr. Poltrock?«

»Ach, nichts. Wahrscheinlich nur fehlerhafte Buchhaltung.«

Ein großer Kerl mit einer Pistole in der Hand folgte einem deutlich kleineren Mann mit einer roten Melone. Mr. Fecory, dachte Poltrock. Fecorys Gesicht wirkte schrumplig, und seine merkwürdige Goldnase funkelte.

»Hallöchen, Mr. Fecory!«, begrüßte Morris den Neuankömmling lautstark.

»Mr. Morris«, gab der kleine Mann zurück. Er nickte, als hätte er einen Knick im Hals. In der Hand trug er einen Lederkoffer, von dem jeder wusste, dass er voller Bargeld war. »Freuen Sie sich, mich zu sehen, oder bloß darüber, dass Zahltag ist?«

»Natürlich drüber, Sie zu sehen, Sir!«

»Ah ja.« Auch Poltrock nickte der wieselartige Mann zu.

»Sie könnten wohl nich’ Mr. Poltrock und mir mal eben schnell unsern Lohn zustecken, damit wir nich’ in der Schlange warten müssen, oder?«, meinte Morris.

»Ich bin sicher, Mr. Morris, dass Sie genauso hart arbeiten wie jeder andere; daher können Sie auch in der Schlange warten – wie jeder andere.«

»Ich hab gewusst, dass Sie das sagen würden ...«

Fecory schwenkte schulmeisternd einen Finger. »Wissen Sie, wir sind hier nicht bei der Essensausgabe. Sie müssen Ihre Quittung unterschreiben, genau ...«

»Wie jeder andere«, beendete Morris den Satz für ihn. »Scheiße«, raunte er Poltrock zu, nachdem der Zahlmeister die Gleise überquert hatte und aufs Lager zuging.

»Wir haben es nicht eilig, Mr. Morris«, erinnerte ihn Poltrock.

»Ich weiß, Sir. Es is’ nur so, dass wir Eisenbahnleut’ sin’ – wir leben für unsere Freitage, und ich kann Ihn’ sagen, dass ich’s kaum noch erwarten kann, was zu saufen und zu bumsen.«

Poltrock unterschied sich grundsätzlich nicht von anderen, doch seit er für Gast arbeitete, schien er einen inneren Konflikt zu bemerken. Er trank an Freitagen kaum noch – seit Monaten nicht mehr –, und er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt die Dienste eines Freudenmädchens in Anspruch genommen hatte. Selbst während der dreitägigen Ruhepausen, die Gast ihnen zu Beginn jedes Monats zugestand, zog sich Poltrock manchmal nur in die Schlafbaracke zurück, überprüfte wiederholt seine Bestandsaufzeichnungen und überließ das Feiern den anderen. Ich schätze, ich werde alt, redete er sich allzu oft ein. Oder lag es an etwas anderem? Hinter seinem Bewusstsein schien eine unzufriedene Präsenz zu lauern und zu flüstern: Dies alles ist falsch, und du weißt es. Du bist nicht der Christ, den deine anständigen, aufrechten Eltern großgezogen haben. Sie würden sich deiner schämen ...

Stimmte das? Lag es daran?

Morris gab sich ausgelassen, aber seine Augen wirkten düster. Poltrock wusste nicht, ob er es sich bloß einbildete, aber manchmal nahmen die Augen des anderen Mannes eine stumpfe, bräunlich-gelbe Tönung an ...

»Und Sie könn’ mir glauben«, fuhr Morris fort, »dass ich mich auf die nächste Ruhepause freu.«

»Die letzte liegt noch keine zwei Wochen zurück«, erinnerte ihn Poltrock. »Ehrlich, Mr. Morris, Sie sind wie ein Kind in einem Süßwarenladen.«

Morris’ Grinsen wurde breiter. »Ja, aber es sin’ keine Süßigkeiten, die dieser Eisenbahnmann will.« Morris wollte offenbar noch etwas hinzufügen, doch plötzlich weiteten sich seine Augen. »Was, zum Teufel ...«

»Stimmt etwas nicht?«

»Schauen Sie mal – der Aufseher da ...«

Einer der stämmigen Sicherheitsmänner von Gast schien die vier Squaws wegzuscheuchen und brüllte: »Nicht heute. Schafft eure Ärsche hier weg!«

»Was soll ’n das, dass er die Huren verjagt?«, stieß Morris hervor. »He, du da! Scheuch die Rothäute nich’ weg! Die brauchen wir heut Nacht!«

Der Aufseher streckte seine lange Flinte wie eine Schranke vor. »Anordnung von Mr. Gast, Sir«, rief er zurück. »Keine Hurenzelte heute Abend, auch keinen Whiskey ...«

Morris war außer sich, als die Seifenblase seiner Vorfreude platzte.

»Sie haben es gehört«, meinte Poltrock.

»Verfluchte Scheiße noch mal! Es is’ Freitag! Is’ ja nich’ so, dass wir’s nich’ verdienen, so hart, wie wir die Woche gearbeitet haben. Warum bläst Mr. Gast unseren Spaß ab?«

»Er ist der Boss, also spielt der Grund keine Rolle.«

Die Squaws plapperten sichtlich verärgert in ihrer Sprache etwas zurück.

»Ich sagte, ihr sollt verschwinden!«

Ein weiterer Sicherheitsmann eilte herbei, um zu helfen. »Dahdeeya!«, brüllte er den Frauen zu und zeigte in die Ferne. »Nahah!«

Schließlich verstanden die Frauen und traten mürrisch den Rückweg an.

»Also, wenn das kein Schlag ins Gesicht is’«, klagte Morris. »Jetzt krieg ich vielleicht nie die Chance, die mit ’n großen Titten zu nageln ...«

Ich frage mich, warum Gast befohlen hat, sie wegzuschicken, dachte Poltrock. Dann erregte das Geräusch von langsamen Hufen seine Aufmerksamkeit; Cutton brachte ihm sein Pferd. »Da ist es, Sir.« Er stieg ab und reichte Poltrock die Zügel. »Zu schade, dass Mr. Gast heute alles abblasen lässt. Ich hoffe, er ist nicht von unserer Arbeit in der letzten Zeit enttäuscht.«

»Also haben Sie auch davon gehört«, meinte Poltrock. »Ich bin selbst ein wenig neugierig. Für mich sieht es so aus, als könnte das eine unserer produktivsten Wochen überhaupt gewesen sein.«

»Für mich fühlt sich’s zumindest in den Knochen so an.« Cutton lächelte ein wenig verloren. »Sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht beim Schienenzählen helfen soll, Sir?«

»Ja.«

»Na gut, Mr. Poltrock. Ich geh dann mal meinen Lohn holen, auch wenn ich ihn heut Abend nicht für Huren oder Whiskey ausgeben kann.« Cutton gab Morris ein Zeichen. »Komm, Morris. Stellen wir uns an, sonst landen wir noch am Ende der Schlange!«

Die beiden Männer gingen. Poltrock konnte jenseits der Gleise sehen, wo Fecory und sein Aufpasser die Zahlstelle eingerichtet hatten. Schnell bildete sich eine chaotische Schlange.

Poltrock nahm das Pferd an den Zügeln und ging los. Lag an diesem Abend etwas Seltsames in der Luft? In gewisser Weise schien es eigentlich immer so zu sein, er konnte nur nie genau sagen, was es war.

Zwei junge weiße Arbeiter unterhielten sich miteinander, während sie Kisten mit Nägeln von einer drei Meter langen Draisine abluden. »Also erzählt er mir, dass er sie dort oben am Fenster hat sehen können. Splitterfasernackt is’ sie rumgelaufen.«

»Echt?«, gab der andere Junge mit einem lüsternen Grinsen zurück.

»Er hat gesagt, es hätt’ so ausgesehen, als tät’ sie mit wem im Zimmer reden, aber er hat gewusst, dass Mr. Gast unten im Süden an der Strecke gewesen is’; is’ so um die Zeit gewesen, wie wir’s erste Gleis über die Grenze gelegt haben. Also denkt er sich ...«

»Wenn der Mann nich’ in der Stadt is’, mit wem red’ sie dann?«, mutmaßte der andere Junge.

»Genau, und dann auch noch nackig!«

Anfangs hatte Poltrock nicht richtig zugehört, doch als der Junge weitererzählte, zügelte er sein Pferd und lauschte.

»Also, er hat schon ein paar gekippt gehabt, wie die Schicht aus gewesen und er zu Cusher’s gegangen is’, und eh’ er weiß, was er tut, klettert er’s Spalier zum Balkon rauf.«

»Ne!«

»Ohne Scheiß. Und dann schaut er rein.«

»Verdammt, jetzt sag schon – was hat er gesehen?«

Der Geschichtenerzähler senkte die Stimme und grinste breit. »Sie is’ echt splitternackig. Dann setzt sie sich auf’n großen teuren Sessel und trinkt Wein, und wie sie so da sitzt, tut sie die Beine weit auseinander, und weißte was?«

»Was? Was?!«

»Sie is’ da unten komplett rasiert! Nirgendwo ’n Haar an der Fotze.«

»Du lügst, Jory!«

»Is’ die Wahrheit, Gott is’ mein Zeuge! Und wie sie so da sitzt und mit wem auch immer red’, fangt sie an, da unten rumzuspielen ...«

»Scheiße, Mann, das halt ich echt nich’ aus ...«

»Und dann ...« Jory beugte sich näher zu seinem Gefährten. »Dann geht sie rüber zum Bett und fangt an, ’n Kerl zu ficken, aber so richtig ... und da sieht er, dass es einer von die Sklaven is’.«

»Oh Mann ... Was hat er gemacht? Hat er’s wem gesagt?«

»Scheiße, ne, du Blödmann! Hätt’ er das gemacht, hätt’ er ja erklären müssen, was er überhaupt auf Mrs. Gasts Balkon gemacht hat!«

»Dafür hätt’ man ihn mindestens ’ne Woche an den Pranger gestellt.«

»Glaubst, das hat er nich’ gewusst? Also Scheiße, er hat gar nix sagen können. Aber er is’ geblieben und hat zugekuckt, und ...«

»Ihr da!«, brüllte Poltrock. Erschrocken schauten die beiden Arbeiter auf. »Hört sofort auf, solchen Blödsinn zu verzapfen, und zwar ein für alle Mal, habt ihr verstanden?«

»Äh ... ja, Sir, Mr. Poltrock. Wir haben nur ...«

»Blödsinn. Ihr verbreitet schmutzige, unangebrachte Gerüchte wie zwei Waschweiber, das macht ihr.« Poltrock rammte einem der beiden einen Finger in die Brust. »Ihr werdet nie wieder so reden. Ihr werdet nichts dergleichen mehr sagen, zu niemandem! Nie wieder! Die Arbeit hier draußen ist hart genug, üble Nachrede und von Betrunkenen verbreitete Gerüchte können wir nicht gebrauchen. Ihr Jungs werdet anständig bezahlt, also respektiert den anständigen Mann gefälligst, von dem euer Geld kommt. Sonst muss ich ihm wohl Meldung über euch erstatten.«

Einer der Jungen wirkte den Tränen nah, der andere stammelte: »Oh nein, nein, Mr. Poltrock, Sir, bitte tun sie das nich’ ...«

»Ich denke aber, das sollte ich.«

»Bitte, bitte, bei Gott, wir werden nie wieder so was sagen ...«

»Die Aufseher würden euch mit der neunschwänzigen Katze die Rücken blutig peitschen, dann würdet ihr gefeuert und dürftet nie nach Tennessee zurück. Ihr müsstet im Wald bei den Rothäuten leben und Hundefleisch und Raupen fressen, und selbst das auch nur dann, wenn sie nicht beschließen, eure dämlichen weißen Schädel zu skalpieren und euch zu essen.«

»Wir schwören’s, Sir, wir schwören’s bei Gott, wir reden nie mehr solchen Müll.«

»Haltet euch besser dran. Und jetzt stapelt diese verfluchten Kisten, und dann ab in die Lohnschlange.«

»Ja, Sir, ja, Sir, ja, Sir ...«

Poltrock stieg auf sein Pferd, schleuderte den beiden noch einen finsteren Blick zu und trat dann den Weg entlang der Trasse an. Wenigstens habe ich ihnen eine Heidenangst eingejagt. Allerdings hatte er selbst bereits Ähnliches gehört. Die Baustelle war ebenso eine Gerüchteküche wie die Stadt, unabhängig davon, ob die Arbeiter Ruhepause hatten oder nicht. Schon mehrere Männer waren hingerichtet worden, weil sie es gewagt hatten, sich mit der freizügigen Mrs. Gast einzulassen. Dann dachte Poltrock: Mrs. Pinkel ... Auch diese Gerüchte waren ihm zu Ohren gekommen, und bei jeder Gelegenheit, wenn er im Haus gewesen war, hatte er sogar Urin gerochen.

Er verdrängte den Gedanken aus dem Kopf und lenkte das Pferd langsam nach Norden. Es war an der Zeit, sich auf andere Dinge als die zu konzentrieren, die ihn die vergangenen vier Jahre beunruhigt hatten – all die Dinge, von denen er wusste, dass sie falsch waren ...

Wir schaffen über zwei Meilen pro Woche, erkannte Poltrock. Sein Blick folgte der Trasse, während er unbewusst jedes Schienenstück zählte. Das tat er jeden Freitag, seit sie 1857 begonnen hatten. Sogar das Pferd kannte den Ablauf mittlerweile; es lief mit gleichmäßig langsamer Gangart die Strecke entlang, während der Reiter im Sattel saß und zählte. Dazwischen notierte er immer wieder die Zahlen in seinem Buch. Schließlich blinzelte er. Was für ein Fortschritt. Letzte Woche haben wir 2,4 Meilen verlegt, und diese Woche ...

Als er das Geräusch schnellerer Hufe vernahm, zügelte Poltrock sein Pferd. An sich galten die Indianer in diesen Gefilden als befriedet, dennoch hatte er für alle Fälle seinen Colt Kaliber .36 gezogen. Mittlerweile war die Sonne beinahe untergegangen, trotzdem erkannte er bald, um wen es sich handelte: Morris.

»Warten Sie mal, Mr. Poltrock«, rief Morris und winkte. Hatte er jemanden bei sich? »Wollt’ Sie bloß was fragen ...«

Poltrock war nicht interessiert. »Haben Sie Mr. Gast gesehen?«

»Äh, ne, Sir ...«

»Also haben Sie auch noch nicht erfahren, weshalb er die üblichen Feierlichkeiten für Freitagabend abgesagt hat ...«

»Ne, Sir, hab ich nich’, aber ...« Morris schien wegen irgendetwas außer sich vor Freude zu sein, und nun bemerkte Poltrock, dass sich der Mann das Pferd tatsächlich mit einem zweiten Reiter teilte ...

Das ist doch diese Squaw ...

Die junge Indianerin hielt die Arme um Morris’ Mitte geschlungen.

»Ich hab die Rothäute eingeholt, bevor sie zurück in ihr Reservat konnten, und ich hab mir die da geschnappt.«

»Das sehe ich«, gab Poltrock zurück.

»Konnt’ die Vorstellung nich’ ertragen, ’nen Freitagabend ohne Hure verbringen zu müssen.« Morris lenkte sein Pferd neben Poltrock und hielt an. »Sie will zehn Cent pro Nummer, gleich wie die andren, die älter und hässlicher sin’ ...«

Poltrock hätte kaum weniger in der Stimmung für Derartiges sein können, dennoch schaute er auf. Die Squaw schmiegte sich an Morris’ Rücken, die wohlgeformten Beine gespreizt. Durch die breiten Nähte ihrer Hose lugte glatte, makellose Haut hervor. Ihr Busen zeichnete sich deutlich unter dem Wildlederoberteil ab.

»Die is’ ’n echter Hingucker, was, Sir?« Morris benahm sich wie ein Hund, der seinem Herrn einen Knochen bringt. Rasch stieg er ab, wobei das lange Messer an seiner Hüfte wippte, dann hob er das Mädchen herunter. »Ich mein’, Sir, Sie müssen wirklich mal sehen, was sie da drunter hat«, sagte Morris und riss das Oberteil auf.

Er drehte die Indianerin herum wie ein Schaustück. Die Begehrlichkeit ihrer Jugend schien unter der schmutzfleckigen Haut zu schimmern. Die nackten Brüste stachen hervor, groß wie zwei Babyköpfe, aber straff. Die Haut der ansehnlichen Nippel kräuselte sich wie dunkelbraune Gänsehaut.

Morris wippte eine Brust mit der Hand. »Is’ das nich’ was, Sir? Ich mein’, haben Sie schon mal solche Dinger gesehen? Oh, und das is’ sogar noch besser ...« Morris wirbelte die Frau herum und schob ihre Hose nach unten, um den Hintern zu entblößen.

Morris stieß einen Pfiff aus. »Scheiße! Schauen Sie sich das mal an!«

Die Squaw wusste, was vor sich ging. Sie beugte sich vor, um den Anblick zu optimieren. Ihr Hintern war groß und drall, aber fest, und wies keinerlei Makel auf.

»Mr. Poltrock, ich kann ums Verrecken nich’ sagen, was besser ist – ihre Titten oder ihr Arsch!«

Poltrock zeigte sich verwirrt. »Mr. Morris, haben Sie diese Frau fast zwei Meilen weit die Strecke heruntergebracht, nur, um mir ihren Busen und Hintern zu zeigen?«

»Na ja, ich mein’, ich hab vor, mit der da mehr als einmal Spaß zu haben, aber da Sie mein Boss sin’, dacht’ ich, dass ich Ihnen die erste Nummer anbiet’.«

Erstaunlich. »Ich weiß Ihre professionelle Höflichkeit zu schätzen«, gab Poltrock zurück. »Das ist sehr zuvorkommend ...« Dann wanderte sein Blick vom Busen der Indianerin zu ihrem Gesicht.

Große, strahlende Augen in einem schmutzigen Gesicht. Ein Lächeln, das man nur als falsch bezeichnen konnte, versuchte, Lüsternheit auszudrücken.

»Nein. Nein, danke, Mr. Morris«, sagte Poltrock schließlich. »Mir ist heute Abend nicht danach. Ich muss noch die Schienen zu Ende zählen.«

»Sin’ Sie sicher, Mr. Poltrock?« Morris strich mit den Händen über den üppigen Hintern. »Das is’ erstklassige Ware.«

»Sie ist ein ausgesprochen hübsches Mädchen, Mr. Morris, aber trotzdem muss ich ablehnen. Gehen Sie und haben Sie Spaß.«

Morris zuckte mit den Schultern und wirkte verblüfft von der Reaktion seines Vorgesetzten. »Wie Sie meinen, Sir.« Er sah sich um und erblickte eine lichte Stelle im hohen Gebüsch. »Gleich da, würd’ ich sagen ... An der Stelle hab ich schon letzte Woche ’n paar Squaws gehabt.« Morris stieß das Mädchen auf die lichte Stelle zu und band sein Pferd an einem dünnen Baum fest. Poltrock schüttelte nur den Kopf, als Morris und die Indianerin im Gebüsch verschwanden.

Der Mann ist ein echter Lustmolch, dachte Poltrock, bevor er seinem Pferd sanft die Sporen gab. Er setzte den Weg die Trasse entlang fort und zählte weiter.

Die Zahlen ergaben immer noch keinen Sinn. Er hatte schon im gesamten Land Eisenbahnstrecken gebaut und wusste sehr genau, wie viel eine bestimmte Anzahl von Männern in einem bestimmten Zeitraum bewältigen konnte. Poltrock wusste, dass demnächst die Kennzeichnung für den Beginn der Woche auftauchen musste ...

Das Pferd scheute; Poltrock schaute angesichts des plötzlichen Zitterns auf. Ein fernes, anschwellendes Brüllen; die Schienen begannen zu vibrieren, und schließlich setzte das Geräusch einer Dampfpfeife ein.

Poltrock erkannte, dass sich ein Zug näherte. Er lenkte das Pferd von den Gleisen zu den Bäumen. »Ruhig, ruhig.« Während er das Tier beschwichtigte, dachte er: Der Frachtzug befindet sich noch am Ende der Strecke. Was für ein Zug kommt da?

Die Erde erbebte; Poltrock hatte alle Hände voll zu tun, das Pferd ruhig zu halten. Bald raste ein Zug mit ausgesprochen hoher Geschwindigkeit vorbei. Die Lokomotive schob die Waggons, statt sie zu ziehen. Poltrock blieben nur wenige Sekunden, um einen Kohlenwagen, fünf Passagierwaggons und einen Leitwagen vorne zu zählen. Gleich darauf war der Zug verschwunden, ließ nur eine Staubwolke und Erschütterungen hinter sich zurück. Nach etwa einer Minute ertönte abermals die Pfeife, als der Zug die Fahrt verlangsamte, um an der Baustelle anzuhalten.

Was, zum Henker, ist da los? Poltrock konnte sich nicht vorstellen, weshalb Gast einen weiteren Zug herbringen sollte, obwohl ihr eigener Versorgungszug noch an der Baustelle parkte.

Zu gegebener Zeit würde er es wohl erfahren. Er ließ dem Pferd noch einige Minuten Zeit, sich zu beruhigen, dann zählte er die letzten Schienen der Arbeitswoche zu Ende.

Die Sonne war gerade hinter dem Berg versunken, als Poltrock den Pflock mit der roten Flagge erreichte, den er vor genau einer Woche in die Erde gerammt hatte. Er musste sich auf die Zahlen konzentrieren, deshalb stieg er ab und band sein Pferd fest. Nachdem er eine mitgebrachte Öllampe angezündet hatte, setzte er sich auf das erste Schienenstück, das vergangenen Freitag verlegt worden war.

Grundgütiger, dachte er, als er in sein Notizbuch starrte.

Es war einfache Mathematik, und mittlerweile war er die Zahlen der vergangenen Woche mindestens fünfmal durchgegangen. Jedes Schienenstück maß exakt 683 Zentimeter. Unregelmäßigkeiten konnte es nicht geben.

Die Gestalt, die über ihm aufragte, bemerkte er nicht.

»Arbeit in Lampenlicht«, sagte eine Stimme. »Ich muss schon sagen, das ist ein Zeichen für Fleiß.«

Poltrocks Herz setzte einen Schlag aus. Erschrocken schaute er auf.

Es war Harwood Gast, der von seinem großen Schimmel auf ihn herabblickte.

»Der Rest der Männer macht sich zum Feiern fertig, Sie hingegen, Mr. Poltrock, brüten noch nach Sonnenuntergang über Zahlen. Ich vergesse nicht, wer für mich die beste Leistung erbringt.«

»Danke, Mr. Gast«, stieß Poltrock hervor.

»Ich spüre heute Abend große Dinge, wunderbare Dinge.« Unmittelbar hinter Gasts Kopf ging der noch tief stehende Mond auf und zeichnete einen scharfen Kontrast in die Züge des Mannes. Das Pferd stand still wie eine Statue. »Können Sie mir schon die Wochenleistung sagen, oder habe ich Sie gerade unterbrochen?«

Poltrock stand auf und klopfte sich den Staub ab. »Nein, Sir, tatsächlich kommen Sie gerade zur rechten Zeit. Ich bin soeben mit der Ermittlung der Wochenleistung fertig geworden, und ...«

»Und?«

Poltrock seufzte. »Ich weiß nicht recht, wie ich das sagen soll, Mr. Gast, aber sofern die Schienen, die Sie zuletzt gekauft haben, nicht kürzer sind, als sie es sein sollten, haben wir diese Woche 3,1 Meilen verlegt.«

Eine Pause entstand. Gasts hoch aufragende Silhouette rührte sich nicht. »Das ist außerordentlich.«

Entweder außerordentlich oder schlichtweg unmöglich, dachte Poltrock bei sich. »Die vergangenen zwei Jahre hat die Mannschaft pro Woche mindestens eine Viertelmeile zusätzlich verlegt, in manchen Wochen sogar eher eine halbe Meile oder sechs Zehntelmeilen. Letzte Woche lagen wir eine volle Meile über der Quote, und diese Woche ...« Poltrock starrte auf die Zahlen in seinem Buch. »1,2 Meilen zusätzlich. In nur einer Woche.«

Gasts Stimme klang wie ein tiefes Dröhnen. »Was bedeutet das, Mr. Poltrock?«

»Mehrere Dinge, Sir. Zum einen bedeutet es, dass jeder Mann die Arbeit von zwei Männern verrichtet. Zum anderen ergibt sich daraus, wenn man alles zusammenzählt, dass wir fünfzig bis sechzig Meilen vor dem Zeitplan liegen.«

Erneut trat Stille ein. Offenbar brachte Harwood Gast so seine Freude zum Ausdruck. »Danke, Sir«, war alles, was er sagte.

Poltrock verstaute sein Buch in der Satteltasche. »Mr. Gast, was war das für ein Zug, der vor Kurzem hier vorbeigerast ist? In nächster Zeit sind keine Lieferungen geplant, außerdem hat mir das mehr nach einem Passagierzug ausgesehen.«

»Das ist er auch. Ich habe ihn gerade aus dem Werk in Pittsburgh gekauft. Angeblich fährt er dreißig Meilen pro Stunde.«

»Das glaube ich, Sir. Fahren Sie heute Nacht zurück nach Hause auf Besuch?«

»Ja, und das tun wir alle. Ich habe beschlossen, den Männern eine weitere Erholungspause zu gönnen. Sie verdienen das ... wie Sie gerade mit Ihrem spektakulären Fortschrittsbericht bestätigt haben.«

Tja ... Poltrock konnte etwas Erholung gebrauchen. »Das ist sehr großzügig von Ihnen, Mr. Gast. Wir haben uns alle schon gewundert, warum die üblichen Vorkehrungen für den Freitagabend abgesagt wurden.«

»Der Zug fährt in einer Stunde ab, Mr. Poltrock, und er bringt uns alle für eine Woche Erholung zurück nach Gast. Ich selbst habe meine Frau und meine Kinder seit Monaten nicht mehr gesehen. Und so schnell, wie diese neue Dampflok fährt, werden wir vor morgen Mittag zu Hause sein.«

»Das sind tolle Neuigkeiten, Mr. Gast. Die Männer werden außer sich vor Freude sein.«

»Kehren Sie besser bald zur Baustelle zurück, Mr. Poltrock. Oh, und hier ... Ein Zeichen meiner Anerkennung für Ihre bisherige Arbeit.«

Poltrock nahm eine kleine Lederschatulle von seinem Arbeitgeber entgegen. »Oh, äh, vielen Dank, Sir.«

Gast betrachtete die Sterne. »Uns wird weiterhin Gutes widerfahren, Mr. Poltrock. Ich kann es in den Tiefen meiner Seele spüren. Ich kann es in den Sternen sehen ...«

Vielleicht hat er etwas getrunken, mutmaßte Poltrock. Mittlerweile klang der Mann verwirrt, sogar ein wenig verrückt. Andererseits hatte Poltrock, wenn er darüber nachdachte, noch nie gesehen, dass Gast überhaupt Alkohol trank.

»Es ist die richtige Nacht dafür, das spüre ich«, fuhr Gast mit seinem wirren Gerede fort. Er blickte wieder auf Poltrock herab. »Ja!«, flüsterte er. »Heute Nacht!«

Damit wendete Gast sein Pferd und trabte davon.

Poltrock schüttelte den Kopf. Also, wenn das nicht merkwürdig war ... Er hob die Lederschatulle an.

Als er hineinschaute, verschlug es ihm die Sprache.

Die Schatulle enthielt fünf dicke Zigarren, einen mit Diamanten besetzten Füllfederhalter und 500 Dollar Bargeld.

Mein Gott ...

Es war ein Vermögen, das zu dem ohnehin bereits stolzen Gehalt hinzukam, das Poltrock erhielt. Wenn dieses Projekt vorbei ist, werde ich ein sehr reicher Mann sein, und das verdanke ich alles ... Mr. Gast.

Er stieg auf sein Pferd und kehrte zur Baustelle zurück.

Es ist die richtige Nacht dafür, das spüre ich, hallten Gasts Worte in seinem Kopf wider.

Nach etwa einer Meile blieb das Pferd ohne ersichtlichen Grund stehen. »Was ist denn? Geh weiter, ich will den Zug nicht verpassen«, sagte er. Dann jedoch bemerkte er, wo genau er sich befand.

Poltrock schaute nach links zu der lichten Stelle im seitlichen Gebüsch.

Dorthin hat Morris das Indianermädchen gebracht ...

Irgendetwas zwang ihn, abzusteigen, und er dachte nicht darüber nach, was es sein mochte. Ehe er sich versah, ging er mit erhobener Öllampe auf die Stelle zu.

Morris musste bereits gegangen sein; Poltrock konnte keinen Laut hören. Als er sich weiter vorwagte, blieb er unvermittelt stehen und starrte auf eine Stelle vor sich.

Anfangs war er nicht sicher, was er sah. Es handelte sich um das Mädchen, so viel konnte er erkennen, aber ...

Irgendetwas schien nicht zu stimmen.

Das Mädchen lag nackt da. Er konnte die Rückseite ihrer Beine sehen, die Sohlen der bloßen Füße, ebenso den Hintern, von dem Morris so geschwärmt hatte.

Nur ... konnte Poltrock auch die Brüste sehen ...

Er trat näher hin. Sein bewusstes Denken schaltete sich ab, als er sich vorbeugte, um zu erkennen, was geschehen war. Tatsächlich lag das gut bestückte Indianermädchen auf dem Bauch. Er brauchte nur ihre Schulter anzuheben, um zu begreifen, wofür Morris sein Säbelbajonett verwendet hatte.

Sie war vom Schlüsselbein bis zur Scham gehäutet worden, und das ausgesprochen kunstfertig. Morris war es gelungen, die Brüste und die Haut vom Bauch in einem sauberen Stück zu entfernen. Danach hatte er die junge Frau umgedreht und das Stück auf ihren Rücken gelegt.

Damit er sie von hinten nehmen und gleichzeitig ihre Brüste ansehen konnte ...

Poltrock wusste nicht, wie lange er auf die seltsame Leiche starrte, und als er die Lampe höher hob, stellte er fest, dass tiefer im Gebüsch weitere tote Indianerfrauen lagen.

Das laute Dröhnen, das seinen Kopf plötzlich zu sprengen drohte, ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen. Mein Gott ...

Er starrte wieder auf das tote Mädchen ...

Mein Gott, dachte er abermals. Was soll ich ...

Das Gebrüll in Poltrocks Kopf begann nachzulassen, als ihm bewusst wurde, dass er seinen Gürtel löste und seine Hose nach unten zog.

Als Poltrock den Zug bestieg, bemerkte er Morris auf dem allerersten Sitz. Das lange Bajonett mit dem Messinggriff hing in der Scheide von seinem Gürtel. »Mr. Poltrock! Jetzt wissen wir, warum heut Abend kein Whiskey geliefert worden is’!«

»Ja ...«

»Es heißt, wir werden bis morgen Mittag zurück in der Stadt sein.« Morris zwinkerte, als Poltrock an ihm vorbeiging.

Poltrock erwähnte weder, was er im Gebüsch gefunden, noch was er danach gemacht hatte. Er zog es vor, sich einzureden, dass alles nur ein böser Traum gewesen war – natürlich musste es so sein. Seit dem Augenblick, als er sich von Gast einstellen ließ, glich sein gesamtes Leben einem bösen Traum.

Er folgte dem Gang zum letzten Sitzblock, der für Gast und ihn selbst reserviert war.

Seine Gelenke knackten, als er sich setzte. Ja, es war eine harte Woche gewesen; mehr noch, es waren vier harte Jahre gewesen. Poltrock vermutete, dass er nach dem Eintreffen in Gast den Großteil der Erholungspause schlafend verbringen würde, während alle anderen Dampf abließen. Er seufzte angesichts des wohligen Gefühls, das der gepolsterte Sitz und die Fußbank vermittelten, und ließ sich hineinsinken.

Nur ein böser Traum ...

Durch das Fenster sah er Aufseher mit Laternen die Waggons abschreiten. Nur wenige würden zurückbleiben, um die Baustelle und das Baumaterial zu bewachen. Die Laternen malten unförmige, schaukelnde gelbe Kreise in die Dunkelheit. Poltrock kniff die Augen zusammen. Als einer der Aufseher zu ihm aufschaute, wirkten die Augen des Mannes unnatürlich gelb.

Poltrock zog den Vorhang zu.

Als er durch den Gang blickte, sah er, dass Mr. Gast tief und fest auf seinem Sitz schlief. Einige Minuten später ertönte die Pfeife, und der Zug setzte sich in Bewegung. Als sie sich weit genug entfernt befanden, öffnete er den Vorhang wieder und starrte auf die vorbeiziehende nächtliche Landschaft. Ein länglicher Mond folgte ihnen und tauchte die Umgebung in seinen milchigen Schein. Dann betrachtete Poltrock sein Spiegelbild im Glas genauer ...

Sahen seine eigenen Augen gelb aus?

Der Zug ratterte sanft über die neu verlegte Strecke. Poltrock konnte die Geschwindigkeit spüren. Aus dem letzten Wagen hörte er die Neger singen, während die Weißen in den restlichen Waggons nervös schweigend dasaßen. Poltrock schlief immer wieder unruhig ein; jedes Mal weckte ihn ein unfassbar deutliches Bild – seinen eigenen Lippen, die gierig an den Nippeln zweier abgetrennter Brüste saugten. Jedes Mal, wenn er die Lider aufriss, fürchtete er sich davor, neben sich zu blicken, weil er erwartete, die gehäutete Indianerin würde neben ihm sitzen und wie eine Geliebte seine Hand halten.

Später träumte er unerklärlicherweise von einem großen Hochofen ...

Der Zug ratterte weiter in die Nacht hinein. Inzwischen schliefen auch viele andere. Vielleicht bin ich der Einzige, der noch wach ist, überlegte er.

»Ja!«

Poltrocks Blick zuckte nach rechts.

Es war Mr. Gast. Er hatte die Augen nach wie vor geschlossen und das Wort im Schlaf ausgestoßen.

»Ja!«, murmelte Gast erneut. »Heute Nacht!«

Als Poltrock am nächsten Tag um die Mittagszeit aus dem Zug stieg, erfuhren sie alle, dass vor zwei Tagen Fort Sumter in South Carolina von Streitkräften der Konföderierten unter Belagerung genommen worden war. Der Befehlshaber des Forts hatte in der vergangenen Nacht kapituliert.

Damit hatte der Krieg begonnen.