Kapitel 14

I

Das wird eine hartes Stück Arbeit, dachte Adrianne, als sie am nächsten Tag gegen Mittag durch das Haus schlenderte. Zunächst hatte sie einen kleinen Streifzug über das Grundstück geplant – draußen herrschte herrliches Wetter –, aber selbst nach einigen Minuten im Freien gelang es ihr nicht, die drückende Stimmung in der Villa von sich abfallen zu lassen; das Gefühl, dass etwas in der Luft lag, auf ihr lastete und sie beobachtete, war übermächtig. Diese Empfindung erwies sich draußen als unvermindert stark, ungeachtet des Grases, der kitzelnden Sonnenstrahlen und des tiefblauen Himmels. Sie konnte sich weder drinnen noch draußen davon frei machen. Es liegt bloß an mir, hoffte sie und kehrte ins Haus zurück.

Im Hauptflur starrten sie Porträts und nachdenklich wirkende Büsten an. Als sie das Atrium betrat, hörte sie einige der anderen in der Küche miteinander reden. Anscheinend pflegten sie gerade etwas, das normalem gesellschaftlichem Umgang zumindest nahekam. Adrianne wollte damit nichts zu tun haben. Zwar mochte sie die anderen, dennoch wollte sie jetzt nicht in ihrer Nähe sein – sie konnte es nicht. Andere Menschen empfand sie als störende Ablenkung, insbesondere vor einer Spritztour. Sie musste sich konzentrieren. Sie musste in ihrer Zone bleiben.

So ging sie weiter bis hinauf in die Kommunikationszentrale, wo Nyvysk einen Großteil seiner Zeit verbrachte. Die Wiedergaben auf den verschiedenen Monitoren übten weder eine Faszination auf Adrianne aus, noch jagten sie ihr Angst ein. Sie waren ihr schlicht gleichgültig. Infrarotumrisse und Ionensignaturen von Gestalten in Räumen ohne körperliche Präsenzen. Adrianne kritzelte eine kurze Notiz für Nyvysk, damit wenigstens irgendjemand wusste, was sie für diesen Tag geplant hatte.

ICH UNTERNEHME HEUTE EINE ASTRALWANDERUNG, WAHRSCHEINLICH AUF DEM DACH. BIN NICHT SICHER, WANN ICH FERTIG SEIN WERDE – ADRIANNE

Sie klebte den Zettel an einen der Monitore und ging.

Als sie das Büro passierte, hörte sie Westmore auf seiner Tastatur herumhämmern, ging aber vorbei, ohne Hallo zu sagen. Im Augenblick wollte sie mit niemandem reden, zumindest mit niemandem, der lebte oder sich auf dieser Existenzebene aufhielt.

Die einzige Entität, mit der sie reden wollte, war Jaemessyn, der offenbar den Torwächter des Tempels verkörperte. Denn sie wusste, dass sie nur mithilfe dieses gefallenen Engels unter Umständen Zugang zu Belarius erlangen konnte.

Das ist perfekt, dachte sie eine Weile später. Sie hatte hierhingewollt, nur hatte sie den genauen Weg bisher nicht gefunden. Nachdem sie einigen weiteren Treppenfluchten nach oben gefolgt war, trat sie auf ein Dach mit Brüstung hinaus. Dort befand sich eine verlockende Sonnenterrasse mit einem Clubsessel und einem Sonnenschirm. Ja. Das ist sehr gut ...

Adrianne legte sich auf den Klubsessel und entspannte. Der Sonnenschirm spendete ihr Schatten. Wovor habe ich Angst?, fragte sie sich nach einigen Minuten.

Nichts von dort drüben konnte ihr hier auch nur das Geringste anhaben.

Sie schluckte eine Lonolox, schloss die Augen und murmelte ihre Vorbereitungsgebete.

II

Westmore fühlte sich verkatert, als er aus dem Bett stieg. Moment mal, dachte er. Ich trinke doch nichts mehr. Das schreckliche Gefühl musste von den Leichen stammen, die er in der vergangenen Nacht gesehen hatte. Vielleicht lag Clements richtig und ihre Ausdünstungen waren tatsächlich giftig. Aber zumindest gab er dem anderen mittlerweile recht: Es würde besser sein, mit der Meldung des Leichenfunds an die Polizei noch einen Tag zu warten. Mehr Zeit, um herauszufinden, was an diesem Ort wirklich vor sich geht. Inzwischen wollte Westmore es unbedingt wissen. Noch sollte ich nicht auspacken.

Wörter nagten an ihm, während er lustlos seine Arbeit fortsetzte, Wörter in der Stimme von Faye Mullins ...

Sie werden das Haus in einen großen Schlund verwandeln, der Sie fressen wird.

Westmore verdrängte alle Gedanken aus dem Kopf. Er legte eine der DVDs ein, die er in der kleinen Bibliothek gefunden hatte, und starrte stumpfsinnig auf den Bildschirm. Es schien sich um denselben Dreck wie immer zu handeln. Männer, die Sex mit Frauen hatten, offenbar nur um dem Zuschauer zu beweisen, dass sie einen geilen Abgang hinbekamen. Aber er konnte die mahnende Stimme von Faye nicht abschütteln.

Er wird Sie alle einsaugen und verschlingen.

Westmore riss die Augen auf und sah genauer hin. In der nächsten Szene erkannte er den männlichen »Star«, der eine Blondine heftig rannahm, die von Drogen benebelt wirkte.

Es war Mack.

Zunächst schockierte es ihn, aber ... warum sollte es? Mack hatte schließlich offen eingestanden, in der Vergangenheit tiefer in die Branche verstrickt gewesen zu sein. Pornografie in Los Angeles. Na schön. Und weiter? Nur weil der Typ Pornos für Hildreth gedreht hat, muss er noch lange keine Leichen im Wald verscharrt haben. Bleib mal auf dem Teppich. Die Szene wechselte zum Foyer im Erdgeschoss. Diesmal fand die Action auf der mit rotem Samt ausgelegten Treppe statt, aber als sich die grazile Frau umdrehte, mit der Mack es gerade trieb, kippte Westmore beinahe vom Stuhl.

Es war Vivica Hildreth.

Westmore musste den Anblick erst einmal verdauen. Sie so zu sehen – nackt, in obszöner Pose, ein unverhohlenes Sexobjekt – erregte ihn einerseits, gleichzeitig brachte es ihn aber auf die Palme. Sie war in der Tat eine wunderschöne Frau, nackt genauso betörend, wie er es sich vorgestellt hatte, trotz ihres kosmetisch gelinderten mittleren Alters nahezu perfekt. Rasch kehrte sein klares Denken zurück. Westmore schnappte sich sein Mobiltelefon und wählte ihre Nummer.

Als ihre Mailbox ansprang, sagte er mit gespielter Gelassenheit: »Mrs. Hildreth, hier spricht Richard Westmore. Ich sehe mir gerade einen Porno an, in dem Sie mitspielen. Eine höchst pikante Sexszene auf der Treppe im Foyer – mit Mack. Ich möchte wissen, warum Sie mich angelogen haben. Ich möchte wissen, warum Sie behauptet haben, noch nie zuvor in der Villa gewesen zu sein. Ich kann unmöglich einen Auftrag für Sie erledigen, wenn Sie nicht ehrlich zu mir sind. Rufen Sie mich bitte umgehend zurück und liefern Sie mir eine Erklärung. Im Moment weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Ich komme mir wie ein betrogener Trottel vor, den man sich mit Geld gefügig macht.«

Kochend vor Zorn legte er auf, zündete sich eine Zigarette an und knirschte mit den Zähnen. Was bin ich doch für ein Idiot! Aber warum hatte sie behauptet, noch nie in der Villa gewesen zu sein? Er versuchte, einen Grund für die Lüge zu finden, aber er fand keinen. Als sein Telefon klingelte, hätte er es um ein Haar fallen gelassen, weil er zu hastig danach griff. Das ging ja schnell, dachte er. Mal sehen, was die Bienenkönigin zu sagen hat ...

»Hallo?«

»Du klingst ja unheimlich glücklich, meine Stimme zu hören. Ich schwöre dir, ich war’s nicht, der deinen Hund auf dem Gewissen hat.«

Westmore runzelte die Stirn. Es war nicht Vivica, sondern Tom. »Tut mir leid, Tom. Ich bin ein wenig durch den Wind. Warte dringend auf einen anderen Anruf.«

»Na ja, vielleicht bringt dich diese Info zurück in die Spur. Keine Ahnung.«

»Hast du noch was über Hildreth rausgefunden?«

»Nein, nur weitere Details über seinen kometenhaften Aufstieg. Der Kerl zahlt seine Steuern und hat geradezu unverschämtes Glück auf dem Aktienmarkt. Über Vivica Hildreth findet sich kaum etwas, erst recht nichts, was auf fragwürdige Geschäfte schließen lässt. Eine gesellschaftliche Aufsteigerin aus Sarasota, Florida. Hat sich Mitte der 80er mit Hildreth zusammengetan. Sie ist 52. Vivica scheint mir ein kultivierter Vamp zu sein, der vor allem auf Geld scharf ist. Sieht so aus, als hätte sie dafür genau den richtigen Kerl gefunden. Und ...«

»Was ist mit Debbie Rodenbaugh?«, fiel ihm Westmore ins Wort.

»Immer langsam mit den jungen Pferden, das wollte ich dir gerade erzählen. Deborah Rodenbaugh ist derzeit Studienanfängerin an der Universität von Oxford mit Kunstgeschichte als Hauptfach.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Die Sekretärin aus dem Immatrikulationsbüro, zwei Kunstprofessoren, bei denen sie Kurse belegt, der Leiter der Bodleian-Bibliothek, in der sie einen Teilzeitjob hat, und sie selbst.«

»Was soll das heißen, ›und sie selbst‹?«

»Ich habe gerade am Telefon mit ihr gesprochen. Übrigens, das Ferngespräch nach Oxfordshire geht natürlich auf deine Rechnung. Verfickte 35 Dollar, ist das zu fassen?«

»Ja, ja, schon gut. Aber du sagst, du hast mit ihr geredet?«

»Ja. Wegen der Zeitverschiebung war es drüben gerade 19:00 Uhr, aber ich habe sie in ihrem Studentenwohnheim erreicht. Nennt sich Lady Margaret Hall.«

Westmore konnte es kaum fassen. »Was hat sie gesagt? Etwas über ...«

»Hildreth? Sie meinte, er sei ein seltsamer Mann, der aber immer sehr nett zu ihr war. Ursprünglich wurde er wohl wegen ihrer gemeinsamen Begeisterung für Kunst auf sie aufmerksam. Sie hat anderthalb Jahre lang als eine Art Bürohilfe für ihn gearbeitet. Seinen Tod schien sie aufrichtig zu bedauern. Ihre Tante und ihr Onkel in Jacksonville erzählten ihr davon. Sie meinte, sie könne es kaum glauben. Ihrer Meinung nach wäre er zu einer solchen Tat nicht fähig und hätte nie wie ein Verrückter auf sie gewirkt. Sobald das Frühjahrssemester zu Ende ist, kommt sie für den Sommer zurück in die Staaten. Sie sagte, wir könnten sie jederzeit anrufen.«

Stumm lauschte Westmore.

»Alles mitbekommen, Kumpel?«, fragte Tom nach. »Das Mädchen hat sich echt angehört.«

»Ja, ja«, erwiderte Westmore. Er blinzelte. »Das ist eine Erleichterung.«

»Als Nächstes kümmere ich mich um diese Zahlen, die du in dem Tresor gefunden hast. Ich rufe dich in ein paar Stunden wieder an.«

»Prima, Tom. Ich bin dir wirklich dankbar.«

»Kein Problem. Du kannst mich ja mal zum Abendessen einladen, wenn ich fertig bin.«

»Wird gemacht.«

Westmore fühlte sich erleichtert und entspannt. Vielleicht sollte ich Clements anrufen, überlegte er. Die Handynummer des ehemaligen Polizisten kannte er. Nein, ich hab eine bessere Idee. Da war immer noch das Rätsel um Hildreths verschwundene Leiche. Debbie Rodenbaugh mochte in Sicherheit sein, aber vielleicht hatte Clements recht, was den Rest anging. Hier stimmt trotzdem etwas ganz und gar nicht. Er hatte noch bis zwei Uhr morgens Zeit, um weitere Informationen zu sammeln. Clements glaubt auch, dass Hildreth irgendwo im Haus steckt. Vielleicht kann ich ihn als Erster finden ...

Westmore schickte sich an, genau das zu tun. Ihm stand der ganze Tag zur Verfügung, um jeden Winkel, jede Ritze, jede Wand und jeden Raum zu durchsuchen.

Allerdings unterliefen ihm zwei entscheidende Fehler, als er das Büro verließ. Zum einen ließ er sein Mobiltelefon auf dem Schreibtisch liegen, zum anderen zog er nicht für eine Sekunde in Erwägung, dass alles, was Tom ihm gerade erzählt hatte, möglicherweise erstunken und erlogen war.

III

Drei Adiposianer starrten gesichtslos auf die körperlose Hülle, die Adrianne war. Sie erwiderte den Blick der grotesken Kreaturen, glaubte sich in Sicherheit. Hinter ihnen glänzte das Chirice Flaesc vor Schweiß. Die Haut des Gebäudes pulsierte leicht, die Adern, die über die Mauern verliefen, bebten vor Lebenskraft.

Ich bin hier, dachte Adrianne. Was jetzt?

»Du bist gekommen, um mich auf die Probe zu stellen«, sagte eine volltönende Stimme. Wieder klang die Stimme des gefallenen Engels wie Licht, was unmöglich war, aber gerade deshalb zu diesem unwirklichen Ort passte.

Jaemessyn tauchte neben seinen geistlosen Dienern auf – er trat hinter den Säulen des Tempels hervor, die aus angespannten Muskeln bestanden. Die Penisse, die er als Finger hatte, waren nach der jüngst erfolgten Vergewaltigung einer minderen Dämonenspezies erschlafft. Doch so furchteinflößend seine Gestalt auch sein mochte – das kantige, wunderschöne Antlitz, die abscheulichen, auf den engelsgleichen Rumpf gepfropften Arme und Beine –, Adrianne verspürte keine Angst. In ihrem außerkörperlichen Zustand glich sie einem Spatz auf einem hohen Ast, der auf ein Rudel Wölfe hinabblickte.

Ich bin gekommen, um dich beim Wort zu nehmen, verkündete sie. Du bietest einen schauerlichen Anblick. Aber bist du auch ein Lügner?

Der Engel lächelte sie an, wodurch ein Kranz aus grellem Licht in seine schwarze Aura trat. Ich lüge nie. Ich habe nicht einmal Gott belogen, als ich ihn kannte.

Adriannes augenloser Blick wanderte zu den geschlossenen Türen des Tempels. Ich möchte zu ...

Jaemessyn schnitt ihr das Wort ab und hob einen Phallusfinger. »Sprich seinen Namen nicht aus.«

Ich möchte zum Sexus Cyning.

»Öffnet die Türen für unseren höflichen Gast«, befahl Jaemessyn den Adiposianern. »Ich gewähre ihr die Erlaubnis einzutreten und unserem Herrn von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.«

Die schmalzfarbigen Kreaturen trotteten zurück, legten die Hände klatschend auf Sehnen, die als Griffe dienten, und zogen daran. Die Türen des Tempels schwangen mit einem Geräusch zur Seite, das an mahlenden Stein erinnerte, obwohl sie aus heißer, lebendiger Haut und ebensolchen Muskeln bestanden ...

Die Adiposianer wichen zurück und schienen zu Tode verängstigt, wenngleich geistlose, gesichtslose und seelenlose Wesen nicht zu Furcht in der Lage sein sollten. Sie verneigten sich und verschwanden schmatzend in nassen Öffnungen der Wand.

Jaemessyn sank auf die Knie.

Das monströseste Wesen, das Adrianne sich je hätte ausmalen können, erwartete sie. Ein gewaltiger Penis ragte zwischen starken Beinen mit grauer Haut und Muskelsträngen auf. Adriannes erster Reflex bestand darin, davonzurennen, zu fliehen und diesen grauenhaften Ort samt seinen Geheimnissen für immer hinter sich zu lassen.

»Die wackere Reisende«, stieg eine seltsame leise Stimme hervor. Sie erinnerte Adrianne an Stöcke, die rasch aneinandergerieben wurden, ein kratzendes Geräusch, das irgendwie Worte ergab, die sie verstehen konnte. »Ich bin Belarius.«

Adrianne konnte nichts erwidern. Der Anblick von Luzifers oberstem Diener schien zu wabern; sie war dankbar, dass sie sich nicht auf Einzelheiten konzentrieren konnte. Das Gesicht glich einem Albtraum, an den man sich nur noch vage erinnerte, nachdem man in klebrigem Schweiß gebadet aufgewacht war. Alles, was sie erkannte, war ein Antlitz, das abgeschrägt wie eine Meißelspitze zu sein schien, mit großen Augen wie leeren Löchern im Raum.

»Ich lade dich ein, mir zu dienen«, sagte der Herr der Lust zu ihr. »Nur wenigen wird diese Ehre zuteil, selbst unter jenen, die sich so weit vorgewagt haben wie du.«

Ich werde dir nicht dienen, erklärte Adrianne der Kreatur unverhohlen. Dafür bin ich nicht gekommen. Ich bin hier, um Antworten zu finden, das ist alles. Kannst du mir daraus einen Vorwurf machen?

»Nein. Das gesamte Leben und der gesamte Tod sind ein Verweilen und Warten – ein Suchen nach Antworten auf Fragen, die man nicht versteht.«

Danke, versuchte Adrianne sich einzuschmeicheln. Ich will wissen, was in der Hildreth-Villa vor sich geht.

»Und deine Frage wird dir auf die eine oder andere Weise beantwortet werden. Entscheide dich dafür, mir zu dienen – das würde mich sehr erfreuen.«

Ich habe dir schon gesagt, das kann ich nicht. Also wirst du mir nur antworten, wenn ich dir diene?

Die kratzige Stimme wiederholte: »Du wirst auf die eine oder andere Weise eine Antwort erhalten. An deinem stofflichen Körper habe ich mich bereits erfreut – durch meine Akoluthen ...« Der Finger des Herrn der Lust zeigte auf die Adiposianer. »Es ist ein herrlicher Körper. Diene mir und ich verspreche, dass ich dich im Moment deines Todes mit ungekannten Ekstasen vertraut mache.«

Nein.

»Dann wirst du trotzdem hierherkommen, wenn du stirbst. Und ich werde dich jeden Tag vergewaltigen, solange bis das Licht der Sterne erlischt.«

Nein, wiederholte Adrianne. Aber du hast gesagt, du würdest meine Frage beantworten.

Das unwägbare Antlitz musterte sie eingehender. »Frag meinen Diener Hildreth doch selbst. Er wird dir gerne antworten.«

Adriannes Sicht schwenkte. Neben einem altarähnlichen Sockel aus Fleisch stand eine große schlanke Gestalt in einem Kapuzenmantel. Ein unvorstellbar düsteres Lächeln richtete sich auf sie. Das Gesicht im Oval der Kapuze war jenes von Reginald Hildreth.

Er flüsterte mit einer kratzigen, kaum hörbaren Stimme, die der von Belarius glich.

Mein Gott, reagierte Adrianne, als sie hörte, was er ihr zu sagen hatte.

»Nun hast du deine Antwort«, meinte Belarius. »Mach damit, was du willst. Du wähnst dich in Sicherheit, nicht wahr? Dein physischer Körper befindet sich an einem anderen Ort – im Augenblick bist du nur ein Geist, der hier nicht verletzt werden kann, richtig?«

Das glaube ich nicht nur, gab Adrianne zurück. Ich weiß es.

»Dann geh, Reisende. Flieg weg, zurück zu deinem Körper.«

Adrianne konzentrierte ihre Willenskraft darauf, genau das zu tun, doch ...

Was?

Als sie versuchte, sich abzuwenden und aus dem Tempel hinauszubewegen, geschah nichts.

Belarius grinste sie an. »Jaemessyn«, befahl er. »Führe unseren nächsten Gesprächspartner herein.«

Adrianne fühlte sich in der Luft festgehalten, als Jaemessyn den Tempel betrat, gefolgt von zwei Adiposianern, die etwas Kurviges mit beträchtlicher Masse hereinschleiften. Es handelte sich um eine Art Dämonin, gehörnt, kräftig und mit schiefergrauer, schwitzender Haut. Die Brüste, um ein Vielfaches größer als die einer menschlichen Frau, hoben und senkten sich. Das Schamhaar zwischen den muskulösen Schenkeln weckte Vergleiche zu schwarzem Seetang. Die Adiposianer spreizten die Beine der Kreatur, dann gingen sie aus dem Tempel und ließen das bewusstlose Geschöpf liegen.

Was ist das?, fragte Adrianne beklommen.

»Eine weitere Sehenswürdigkeit für dich«, erhielt sie zur Antwort. »Um dir einen bestmöglichen Vorgeschmack auf diesen Ort zu bieten.«

Adrianne versuchte, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen, wusste jedoch, dass es ihr kläglich misslang. Sie konnte sich nicht vom Fleck rühren; irgendwie hatte Belarius die geistige Hülle gelähmt, in der sie sich fortbewegte. Was wird er jetzt mit mir anstellen?, blitzte die Frage in ihrer innigsten Beklommenheit auf.

Dann begann Belarius’ höllisches Grinsen an ihr zu zerren. Je angestrengter sie versuchte, sich von ihm zu entfernen, desto schneller wurde sie hinabgezogen. Adrianne war nicht mehr der Spatz, der unantastbar auf einem hohen Baum hockte. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie der Willen der Kreatur unmittelbar vor ihr unerfassbares Gesicht befördert und ließ sie dort erstarren, dann ...

Ein Geräusch wie der Wind.

... wurde Adrianne eingesaugt.

Es kam ihr vor, als wäre sie gasförmig; eine Lufttasche, die sich in drei Ströme teilte. Zwei wurden in Belarius’ grubenartige Nasenlöcher gesogen, der Dritte in seinen mit Fängen bewehrten Mund. Blankes Entsetzen hielt sie vom Denken ab. Sie befand sich in Belarius, wurde von seinen Lungen eingeatmet, verteilte sich in seinen Blutkreislauf. Das monströse Herz pumpte sie durch den viele Äonen alten Körper, und irgendwie wusste sie, dass die Reise in seinem Schritt enden würde. Eine unvermittelte, ruckartige Bewegung verriet ihr, was er gerade tat – er vergewaltigte die stämmige Dämonin, die hereingebracht worden war.

Die Bewegungen schienen nicht aufzuhören. Adriannes Geist durchmischte sich mit Belarius’ Lust. Dann ...

Ein kehliges Kichern ließ die Fleischwände des Tempels erbeben. Adrianne wurde mit dem Samen des Sexus Cyning aus seinem Körper ausgestoßen. Sie schoss durch den gewaltigen Penis geradewegs hinein in den Gebärmutterhals der Dämonin ...

Dabei überkam sie eine Vision der Hölle, die noch nie zuvor gesehen worden war.

»Eine wunderbare Vereinigung«, ertönte die kratzige Stimme über ihr. Im Inneren des Körpers spürte Adrianne, wie das Herz der Dämonin stehen blieb. Die Zellen von Belarius’ Sperma schwammen rings um ihren Geist, vermengten sich mit ihm.

Dann strömte Adrianne aus der Vagina der Dämonin und sammelte sich wie eine Lache auf dem Boden – ein mentaler nasser Fleck.

»Piss diese Frevlerin von meinem Boden«, befahl Belarius.

Adrianne war nur noch halb bei Bewusstsein, als der Äther ihrer Seele versuchte, sich wieder zu sammeln. Sie konnte nicht richtig sehen, sie konnte nur empfinden. Jaemessyn näherte sich den gespreizten Beinen der nunmehr toten Dämonin, zielte mit seinen zehn Penisfingern nach unten und spülte den Fleck, der Adrianne verkörperte, aus dem Chirice Flaesc. Jeder Urinstrahl fühlte sich so heftig wie ein Stoß aus einem Feuerwehrschlauch an. Adrianne wurde regelrecht aufgelöst.

Sich in ihrem gegenwärtigen Zustand neu zu formieren, konnte man nur als mentales Gegenstück der Mühen beschreiben, die es kostete, eine Ladung Ziegelsteine einen steilen Hang hinaufzuschleppen. Ihre Erschöpfung drohte, sie zu überwältigen, doch als sie schon aufgeben wollte, begann ihre wiedervereinte Essenz langsam zu schweben.

»Flieg davon, Reisende«, drang aus dem Inneren des Tempels die kratzige Stimme zu ihr heran. Mahlend begannen die Türen sich zu schließen. »Nimm deine nutzlosen Geheimnisse mit in deine Welt. Wir sehen uns schon bald wieder ...«

Wie von Mördern gehetzt, raste Adrianne davon, zurück in die vermeintliche Sicherheit ihres Körpers.

Wie immer hatte Gott sie auch diesmal beschützt ... aber es war knapp gewesen. Vielleicht will er mir eine Lektion erteilen, mutmaßte sie. Doch sie war unversehrt geblieben. Sobald sie erwachte, konnte sie den anderen detailliert berichten, was sie erfahren hatte.

Durch eine kristallklare Nacht und über atemberaubende, vom Mond erhellte Landschaften kehrte sie in ihre Welt zurück. Die Villa kam in Sicht ...

OH MEIN GOTT!, brüllte sie, als sie das Dach des Gebäudes erreichte, auf dem sie ihren Körper verlassen hatte.

Adriannes Körper war nicht mehr da.