Kapitel 12

I

Die Pendeluhr im Foyer schlug eins, als Westmore zurückkehrte. Er hatte seine späte Rückkehr angekündigt und Mack war so freundlich, die Alarmanlage zu deaktivieren und ihn ins Haus zu lassen.

Irgendwie fühlte sich auf Anhieb etwas merkwürdig an.

Mack schloss die Tür und schaltete den Alarm wieder scharf.

»Stimmt etwas nicht? Das Haus fühlt sich so ... eigenartig an.«

»Das kann man wohl sagen, dass etwas nicht stimmt«, bestätigte Mack. »Willis hatte wieder einen seiner Anfälle. Er und Nyvysk sind im Atrium.«

Westmore folgte ihm den Hauptflur hinab. »Wo sind Cathleen und Adrianne?«

»Die machen beide ihr Ding.«

Westmore vermutete, das bedeutete, dass Adrianne wieder eine Astralwanderung unternahm und Cathleen sich in Trance versetzt hatte, um zu versuchen, mit etwas in der Villa Kontakt aufzunehmen.

Im Atrium herrschte Totenstille. Nyvysk und Willis saßen am langen Besprechungstisch. Willis trug seine Handschuhe und sah zutiefst erschüttert aus.

»Was ist passiert?«, wollte Westmore wissen.

»Willis hatte eine weitere Zielvision«, teilte Nyvysk ihm mit.

»Wann?«

»Unmittelbar nachdem Sie das Büro oben verlassen haben«, antwortete Willis.

»Wieder eine mit Debbie Rodenbaugh?«

»Nein, es war die Frau, die versucht hat, den Safe zu öffnen. Vanni. Und es war keine passive Vision – sie war aktiv. Ich glaube, es war ihr Wiedergänger, der mit mir kommuniziert hat, aber es war ... irgendwie anders als sonst. Oder ich hatte eine Schläfenlappenhalluzination.«

»Sag ihm, was die Vision ausgelöst hat«, forderte Nyvysk ihn auf.

»Der Tresor. Ich habe den Kombinationsdrehknopf am Tresor berührt und erhielt mehrere Bilder.«

Westmores Augen weiteten sich jäh. »Haben Sie ...«

»Ich habe nicht gesehen, was in dem Safe ist«, unterbrach ihn Willis mit monotoner Stimme. »Nur Vanni. Anfangs war die Vision passiv; ich habe sie beobachten können, wie sie versuchte, den Tresor zu öffnen, aber dann trat eine Veränderung ein. Sie war tot, eine Leiche, die mit mir gesprochen hat. Und ich hatte einen transitiven Kontakt.«

»Was bedeutet das?«

Willis stöhnte und war offensichtlich ausgelaugt.

»Das bedeutet, die Vision – oder was immer es war – hat Willis physisch berührt«, erklärte Nyvysk.

»Was im Wesentlichen unmöglich ist«, fügte Willis hinzu. »Deshalb vermute ich auch, dass es sich lediglich um eine Halluzination handelt.«

»Der psychologische Faktor«, mutmaßte Nyvysk. »In einem solchen Haus ist das eine ernsthafte Überlegung, erst recht nachdem man fast eine Woche hier gewesen ist.«

»Meinen Sie damit, ein Ort wie dieser kann jedem das Gehirn weich kochen?«, hakte Westmore nach.

»Ich hoffe bei Gott, dass es nur das ist«, sagte Willis.

Aufmerksam beugte sich Westmore vor. »Aber Vanni hat mit Ihnen geredet? Was hat sie gesagt?«

»Mehrere Dinge. Sie hat mir selbst eine Vision gezeigt. Sie meinte, Hildreth hätte es ihr aufgetragen. Dann sah ich das Chirice Flaesc, das Nyvysk ja bereits erklärt hat – was ein weiterer Grund für mich ist, zu hoffen, dass es sich um eine durch Suggestion inspirierte Halluzination handelte.«

»Wie hat es ausgesehen?«

»Ein Tempel aus Fleisch.«

»Der Sitz des Sexus Cyning. Belarius«, ergänzte Nyvysk.

Willis rieb sich über das Gesicht. »Das Viech war lebendig. Es bestand aus Fleisch und Blut und es wuchs.«

»Adrianne und Karen haben dasselbe gesehen«, erinnerte sich Westmore. »Was noch?«

»Hildreth.« Erschöpft lehnte sich Willis zurück. »Dann hat sich die Zielvision verändert. Vanni hat angedeutet, dass die Kombination des Tresors gematrisch sei.«

»Was bedeutet das?«, fragte Willis.

»Das ist ein Teil des kabbalistischen Alphabets«, teilte ihm Nyvysk mit. »Sie sagte auch etwas von einem ›Akrostichon‹, aber das Wort ist mir nicht bekannt.«

»Mir auch nicht«, sagte Willis. »Suchen wir ein Wörterbuch.«

»Wir brauchen kein Wörterbuch!«, stieß Westmore hervor, der bereits aufgesprungen war und aus dem Raum rannte.

Er lief den Hauptflur hinab und raste die Treppe hinauf in den dritten Stock. Als er das Büro erreichte, war er außer Atem, zitterte aber vor Aufregung. Er warf erst einen Blick auf den Safe, dann betrachtete er den Kupferstich an der gegenüberliegenden Wand. Das kann nicht sein, dachte er.

Kurz darauf kamen Willis und Nyvysk ins Zimmer gelaufen. »Was ist um Himmels willen los?«, fragte Nyvysk.

»Kennen Sie etwa die Kombination?«, wollte Willis wissen.

»Akrostichon«, sagte Westmore. »Mein Hauptfach am College war Englisch – ein Akrostichon ist etwas, das manchmal in der symbolischen Poesie verwendet wurde. Früher schrieben die Leute des öfteren Gedichte mit versteckter Bedeutung – verschlüsselt ...«

»Vanni hat gesagt, es sei das älteste Verschlüsselungsverfahren der Welt«, erinnerte sich Willis.

»Damit hat sie wahrscheinlich recht«, bestätigte Westmore. »In der alten Dichtkunst wurden Buchstaben gelegentlich analog zu ihrem numerischen Wert verwendet.« Aufgeregt wanderte sein Blick zum Tresor. »Ich habe gehört, wie sie sagte, dass es eine Kombination aus neun Zahlen ist ...« Dann hob er die Hand, als wollte er um Ruhe bitten, und zählte etwas an den Fingern ab. Schließlich schnappte er sich einen Stift und machte eine Notiz auf der Schreibtischunterlage.

»Und wie lautet nun die Kombination?« Nyvysks Stimme wurde lauter.

»Sehen Sie selbst.« Westmore deutete auf den Kupferstich von Johannes beim Verfassen der Offenbarung.

»Was? 666?«, fragte Nyvysk. »Das haben wir doch schon versucht.«

»Aber nicht als Akrostichon«, entgegnete Westmore und eilte zum Panzerschrank. »Auf Englisch – SIX. S ist gleich 19, I ist gleich 9, X ist gleich 24«, sagte er und begann, die Kombination einzugeben.

»Dieselben drei Zahlen dreimal hintereinander?«, sagte Nyvysk. »Neun Zahlen insgesamt?«

Westmore drehte die drei Zahlen dreimal, dann ...

Klick.

... schwang die Tresortür auf.

Stille kehrte im Raum ein. Westmore steckte die Hand ins Innere – und fühlte sich über den Tisch gezogen. »Scheiße! Da ist nichts drin ...«

Eine Pause entstand.

»Moment mal.«

Seine Hand tastete über den Boden des Safes und spürte etwas Winziges. Ein Stück Papier ... Er zog es heraus.

»Was ist das?«, wollte Nyvysk wissen.

Westmore war enttäuscht. »Sieht wie ein weiterer Code aus.« Auf dem Zettel in der Größe einer Karteikarte stand:

EINGABEAUFFORDERUNG: NAHRUNG

APOGÄUM DÜNN

REAKTION: 06000430

BESTIMMUNGSPUNKT: 00000403

Was ist das denn für ein Mist?, fragte sich Westmore. Enttäuschter hätte er kaum sein können. Aber was habe ich erwartet? Hildreths Tagebuch? Einen Pakt mit dem Teufel, besiegelt mit Blut?

Nyvysk wirkte hoffnungsvoller. »Auch wahllos erscheinende Zahlen sind eine Spur, der man nachgehen kann. Und ich weiß, was Apogäum bedeutet ...«

»Geometrie«, sagte Willis. »Der höchste Punkt, der höchste Winkel einer geometrischen Konfiguration.«

»Und aus der Astronomie«, fügte Nyvysk hinzu. »Mondapogäum – der am weitesten entfernte Punkt der Umlaufbahn des Mondes.«

Er hat recht. Das ist eine Spur, der man nachgehen kann. »Ich denke, ich gehe mal online und sehe, was ich herausfinden kann«, sagte Westmore. Dann wiederholte er leise: »Der am weitesten entfernte Punkt des Mondes.«

Sie wandten sich zum Gehen ...

»Nicht nur des Mondes«, drang eine Stimme durch die Luft.

»Cathleen«, sagte Nyvysk und sah sie aus zusammengekniffenen Augen an.

Willis trat vor. »Ist mit dir alles in Ordnung? Du wirkst ...«

»Es geht mir gut ...« Sie betrat den Raum und schaute sich um. Die Blicke der drei Männer folgten ihr besorgt. Cathleen ging es offensichtlich nicht gut. Sie trug ein schwarzes Nachthemd, sonst nichts. Ungeachtet eines gehässig anmutenden Grinsens wirkte sie abwesend und zerstreut. Oh Mann, dachte Westmore. Die ist TOTAL im Arsch.

Ihre Kehle, ihr Busen und ihr Gesicht waren von einer Schicht aus rotem und blauem Staub bedeckt und glitzerten leicht.

Nyvysk ergriff als Erster das Wort. »Cathleen, was ist das in deinem Gesicht?«

»Pontischer Staub«, antwortete sie, während sie weiter durch den Raum schlenderte. »Er ruft erwartungsvolle Geister. Er leuchtet durch die Ebenen der Toten und sie sehen ihn wie ein Leuchtfeuer.«

Als sie an Willis vorbeiging, strich ihr Finger geziert über seine Brust, ehe sie auch Westmores Nippel streifte.

»Haben Sie getrunken?«, fragte er sie.

Ein finsterer Blick durchbrach das sinnliche Lächeln. »Ich verunreinige meinen Körper nicht mit derlei Dingen. Das habe ich nie getan. Der Körper ist das Leitmaterial der Seele. Ich besudele mich nicht.«

Willis sprach lauter, als hätte er eine schwerhörige Greisin vor sich. »Cathleen, bist du in Trance?«

Mittlerweile war sie stehen geblieben und starrte den offenen Tresor an. Ihre Augen wanderten zu dem Gemälde von Deborah Rodenbaugh.

Sie seufzte.

»Da. Da haben wir den unbeflecktesten Körper und Geist überhaupt.«

»Debbie Rodenbaugh? Was wissen Sie über sie?«, stieß Westmore die Frage verdutzt hervor. »Warum ist sie unbefleckt?«

»Denken Sie mal drüber nach.« Cathleen blickte Westmore unverwandt an. Sie legte eine Hand an die Hüfte und ließ sie nach oben wandern, nahm dabei den Saum des ohnehin bereits sehr kurzen Nachthemds mit. Der Kragen senkte sich und enthüllte einen Teil ihrer Brustwarze. »Sie ist makellos, unbeeinträchtigt vom Schmutz der Welt. Im Gegensatz zu Ihnen. Ein kaputter, versoffener Heuchler.«

Danke sehr, dachte Westmore. »Was haben Sie für ein Problem, Cathleen?«

»Westmore«, meldete sich Nyvysk zu Wort. »In diesem Augenblick sprechen wir nicht mit Cathleen.«

Verwirrt sah Westmore ihn an.

»Cathleen, wach auf!«, erhob Willis die Stimme. »Komm zurück!«

Sie drehte sich Willis zu und trat unmittelbar vor ihn hin. »Der Berührer. Der niemanden anfassen kann, ohne das Grauen zu sehen.«

Willis packte mit seinen behandschuhten Händen ihre Arme. »Was hast du damit gemeint, als du sagtest ›nicht nur der Mond?‹ Hast du ein anderes Apogäum gemeint?«

»Du bist pervers, aber kannst andere Leute nicht berühren«, sagte Cathleen. »Du kannst die Frauen, nach denen du dich mehr als nach allem anderen verzehrst, nicht anfassen. Das ist herrlich. Das ist perfekt. Was siehst du eigentlich, wenn du an dir selbst herumspielst?«

Willis schüttelte sie. »Wach auf!«

Mit einer unvermittelten Armbewegung schleuderte sie ihn gegen die Wand. »Was siehst du, wenn du dir einen runterholst und deine Augen an Schund ergötzt? Hmm?« Erneut rammte sie ihn gegen die Mauer.

»Nichts«, erwiderte Willis zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Und so gefällt es mir.«

»Das wird dir besser gefallen ...« Damit ergriff sie seine Hand, zog ihm den Handschuh aus und zerrte die Finger unter ihr Nachthemd.

»Aufhören!«, brüllte Nyvysk. Willis versuchte sich zu wehren, doch in dem Moment, als seine Hand zwischen ihre Beine gepresst wurde, rollten seine Augen nach oben und er brach zusammen.

Großer Gott! Westmore eilte hinüber und fasste Cathleen von hinten, aber sie wirbelte herum und rammte ihm den Handballen unter das Kinn. Seine Zähne schlugen aufeinander und brachen beinahe aus dem Kiefer. Die Wucht des Stoßes schleuderte ihn quer durch das Zimmer, bis er über den Schreibtisch stürzte.

Mittlerweile versuchte Nyvysk, ein wesentlich größerer Mann, sie gegen die Wand zu pressen. Westmore rappelte sich auf die Knie hoch und stierte durch die funkelnden Punkte vor seinen Augen über den Schreibtisch.

Was ist hier bloß los? Die macht Nyvysk fertig!

»Dann zeig mal, wie es um dein heuchlerisches Zölibat bestellt ist, du frömmlerische Schwuchtel«, krächzte Cathleen. Trotz Nyvysks Größe und Kraft hatte sie ihn zu Boden gerungen und drückte ihn an den Schultern nieder. Sie kauerte anzüglich auf ihm. »Du kriegst ihn doch für mich hoch, oder? Denk einfach an all die vertrauensseligen Priester und jungen Männer, die du dein Leben lang begehrt, aber nie bekommen hast. Und wofür? Etwa für Gott? Würde er das umgekehrt auch für dich tun?«

Nyvysk setzte sich gegen sie zur Wehr, doch es war, als sei er am Boden festgekettet. »Westmore!«, brüllte er. »Holen Sie Mack, holen Sie die anderen! Holen Sie Hilfe!«

Westmore rannte zur Kommunikationsanlage und rief den Rest der Gruppe herbei. Mittlerweile versuchte Cathleen, Nyvysks Hose nach unten zu ziehen. Sie hauchte ihm ihre Versprechen direkt ins Gesicht. »Komm mit mir und ich bringe dich an einen Ort, wo du sie alle haben kannst, für immer. Und du kannst deinen Jungen haben, diesen Saeed. Er vermisst dich so sehr, seit du dafür gesorgt hast, dass er umgebracht wurde ...«

»Ich habe nicht dafür gesorgt, dass er umgebracht wurde!«, presste Nyvysk erstickt hervor.

Westmore sprang Cathleen an und versuchte, sie von dem älteren Mann herunterzuzerren. »Sie sind doch der Exorzist, verdammt! Treiben Sie ihr die Besessenheit aus!«

»Das ist keine Besessenheit! Es ist eine einfache Transposition«, gab Nyvysk röchelnd zurück.

Für Westmore jedoch schien nichts davon einfach zu sein. Er rang mit Cathleen und war im Begriff zu verlieren. Als Mack und Karen ins Zimmer stürmten, erleichterte das die Sache zwar, aber nicht wesentlich.

»Ist sie verrückt geworden?«, rief Karen.

»Was zum Geier ist hier los?«, brüllte Mack.

Cathleen trat um sich und fuchtelte mit den Armen, als es ihnen endlich gelang, sie auf die Beine zu zerren. Zu viert drückten sie die Frau gegen die Wand und schließlich stellte sie ihre Gegenwehr ein.

Ein Glück!, dachte Westmore. Ihr geht die Kraft aus ...

Wahnsinn trat in Cathleens Blick. Ihr Lächeln wirkte unmenschlich. Sie sah die vier an und verkündete: »Ihr habt alle nicht mehr lang zu leben. Danach sehe ich euch wieder, im Hoheitsgebiet meines Königs. Wir werden euch jede Nacht foltern ... bis ans Ende der Zeit.«

Gegenstände flogen durch den Raum, Gemälde fielen von den Wänden, Bücher rutschten aus Regalen. Die Schreibtischunterlage erhob sich in die Luft, eine Statue in der Ecke kippte mit dumpfem Knall um.

Dann erschlaffte Cathleen in Westmores Armen. Mittlerweile selbst erschöpft, zog er sie hoch und schleifte sie mit letzter Kraft zur Couch. »Das kann doch wohl alles nur ein Scherz sein!«, brüllte er Nyvysk geradezu an, als wäre es seine Schuld. »Was war das?«

»Sie wirkt wie eine Geistesgestörte«, fand Karen.

Mack war genauso von den Socken. »Was ist passiert? Ist sie einfach durchgedreht?«

Nyvysk beugte sich über Willis, der nach wie vor bewusstlos war. »Das war eine Transposition. Cathleen ist ein sehr empfängliches Medium. Solche Dinge können ihr schnell widerfahren, wenn sie sich in Trance versetzt.«

Auch Westmore untersuchte Willis. »Ist mit ihm alles in Ordnung?«

»Ja. Er ist nur ohnmächtig geworden.«

»Und wieso ist all das Zeug durch den Raum geflogen?«, fragte Karen, die langsam klare Gedanken wiederfand.

»Cathleen ist nicht nur Mentalistin, sie verfügt auch über telekinetische Kräfte«, erklärte Nyvysk. »Einige dieser Kräfte wurden entfesselt, als Hildreth ihren Körper verließ.«

»Das ist ja beruhigend«, meinte Westmore kläglich. »Was, wenn es noch mal passiert?«

»Wird es wahrscheinlich nicht.«

»Sollen wir für Cathleen einen Arzt rufen?«

»Nicht nötig«, versicherte Nyvysk. »Sie wird bald aufwachen und völlig in Ordnung sein.«

»Sie war nicht mehr sie selbst«, stellte Karen fest.

Westmore setzte sich neben den Tresor. »Laut Nyvysk war sie tatsächlich jemand anders. Nicht Cathleen hat mit uns gesprochen.«

Mack zeigte sich skeptisch. »Wenn es nicht Cathleen war, wer dann?«

Eine weitere Gestalt betrat den Raum: Adrianne in einem zerknitterten Morgenrock. »Es war Reginald Hildreth«, verkündete sie. »Ich habe ihn und Cathleen gerade im Chirice Flaesc gesehen.«

II

»Diese Kirche aus Fleisch«, sagte Westmore, nachdem sie ins Südatrium umgezogen waren. »Von der Nyvysk uns berichtet hat.«

Der ältere Mann nickte über den langen Tisch hinweg. »Das Chirice Flaesc. Der Tempel des Fleisches. Der Altar des Belarius.«

Karen zeigte sich nach wie vor bestürzt über das, was Adrianne im Büro gesagt hatte. »Und Sie haben dort sowohl Hildreth als auch Cathleen gesehen?«

»Wie könnte das möglich sein?«, fügte Mack hinzu.

Adrianne seufzte. »Hildreths Astralleib habe ich dort nicht zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Karen hatte ja auch schon das zweifelhafte Vergnügen ...«

»Und ich ebenfalls«, warf Willis ein. »Als ich dem Wiedergänger der Frau vom Schlüsseldienst begegnet bin, bevor Westmore den Safe geöffnet hat.«

Adrianne fuhr fort. »Hildreth an diesem Ort in der Hölle anzutreffen, ist also mittlerweile nichts Neues mehr. Aber als ich sagte, ich hätte auch Cathleen gesehen, meinte ich damit das Gefäß ihrer Seele. Es war fast so, als hätte man ihren Geist dorthin gelockt, um ihn gefangen zu halten.«

»Das verstehe ich nicht«, gestand Westmore.

»Cathleen hatte ihren Körper verlassen«, erklärte Adrianne. »Genau wie ich.«

»Eine Astralwanderung ...«

»Richtig.«

»Das würde die Transposition erklären«, folgerte Nyvysk. »Sie wurde vorsätzlich herbeigeführt.«

Adrianne nickte. »Diese Kreaturen – die Adiposianer – scheinen hier Hildreths Helfer zu sein; die Kreaturen, die sämtliche Frauen unserer Gruppe sexuell belästigt haben. Sie wollten, dass Cathleen eine Trance einleitet, damit Hildreth eine Zeit lang ihren Körper übernehmen konnte.«

Westmore wusste nicht recht, was er davon halten sollte.

Allerdings: Was sollte er sonst glauben?

»Es ist so verdammt frustrierend«, meinte Cathleen. Sie war blass und hatte sich in eine Decke gewickelt. Nachdem sie aus ihrer Ohnmacht erwachte, wischte sie sich den seltsamen pontischen Staub ab, doch ein paar winzige Glitzerspuren hafteten nach wie vor an ihrer Haut. »Ich erinnere mich an überhaupt nichts.«

»Das ist nicht ungewöhnlich«, sagte Nyvysk.

»Ja, aber trotzdem ist es ärgerlich.« Verlegen ließ Cathleen den Blick durch die Runde wandern. »Tut mir leid, dass ich euch das zugemutet habe.«

»Es war nicht deine Schuld«, gab Nyvysk zu bedenken. »Du bist ein äußerst sensitives Medium – wir alle wussten, dass eine Transposition möglich war. Insgesamt haben wir durch den Zwischenfall weitere Informationen über Hildreth und seine Beweggründe erlangt, so übernatürlich sie auch sein mögen. Du, Adrianne und Willis, ihr wisst aus eigener Erfahrung, dass eure vielfältigen Begabungen manchmal über die Stränge schlagen.«

»Was genau sind denn Ihre Begabungen?«, wollte Mack von Cathleen wissen.

Gelangweilt antwortete sie: »Ich bin Weissagerin, Kristallologin, Medium und Telekinetikerin. Nichts Großartiges also.«

»Für mich hört sich das aber ziemlich großartig an«, merkte Westmore an. »Telekinetikerin? Allmählich fange ich an, den anderen Kram zu glauben, aber ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen abnehmen soll, dass Sie allein durch Gedanken Gegenstände bewegen können.«

Nyvysk und Willis kicherten leise.

»Ich habe das nach dem Unfall größtenteils aufgegeben«, erwiderte Cathleen. »Das gehört zu den Dingen, die man ständig üben muss, weil man sonst einrostet.«

»Cathleen gibt nicht mehr gerne an«, fügte Adrianne ergänzend hinzu.

Westmore lächelte. »Das klingt für mich zwar wie ein Vorwand, ist aber schon in Ordnung.«

Cathleen runzelte die Stirn. »Na schön ...« Sie fixierte den Aschenbecher an, den sich Westmore und Willis teilten. Einige Sekunden verstrichen, dann drehte er sich knirschend um 180 Grad.

»Habt ihr das gesehen?«, rief Karen beeindruckt.

»Das ist doch Blödsinn«, beharrte Mack und schaute unter den Tisch.

Hm, dachte Westmore.

»Na gut, aber macht mir keine Vorwürfe, wenn ich es vermassle«, sagte Cathleen. »Ich habe euch gewarnt, dass ich eingerostet bin.«

Sie konzentrierte sich auf den Krug mit Limonade in der Mitte des Tischs. Stück für Stück, einen Zentimeter nach dem anderen, bewegte er sich auf Cathleen zu.

Sie streckte die Hand nach dem Griff aus, aber im selben Moment, als er nah genug herangerückt war ...

Klirr.

Der Krug fiel um.

»Verdammt!«, fluchte Cathleen.

Die Limonade ergoss sich über den Tisch. Alle beobachten das Schauspiel aufmerksam.

»Na ja, fast«, meinte Cathleen.

Mack sah immer noch unter dem Tisch nach, um zu überprüfen, ob sich dort versteckte Apparaturen oder Magnete befanden. »Ich ... äh ... ich schätze, das war kein Blödsinn ...«

»Ich kann nicht glauben, was ich gerade gesehen habe«, zeigte sich Karen verblüfft.

»Das ist trotzdem nichts Großartiges«, wiederholte Cathleen und beseitigte das Chaos mit einigen Küchentüchern.

Sehen heißt wirklich glauben, dachte Westmore. Die Vorführung hatte ihn regelrecht überwältigt. Wie sollte jemand eine so spontan erbetene Demonstration gezielt manipulieren? Er begann, auch über alles andere nachzugrübeln, was in der Villa bislang vorgefallen war. »Ich kann nur sagen ... ich bin ziemlich beeindruckt.«

»Das ist die Kraft des Geistes«, ergriff Nyvysk das Wort. »Aber ich bin sicher, Cathleen kann Ihnen bestätigen, dass ihre Fähigkeiten zeitweise eine ziemliche Belastung sein können. Dasselbe gilt für Adrianne und Willis.«

»Kein Vorteil ohne Nachteil«, bekräftigte Adrianne.

»Was genau sind die Nachteile?«, wollte Westmore wissen. »Sie alle besitzen unglaubliche Fähigkeiten. Mir scheint, Sie verfügen über einzigartige Kräfte. Wie kann das eine Belastung sein?«

»Ich kann niemanden berühren«, meldete sich Willis als Erster freiwillig mit einer Antwort. »Ich bin Taktionist. Ich kann in Zielobjekten lesen. Wenn das Zielobjekt eine Person ist, sehe ich Dinge, die ich nicht sehen will. Das ist meine Bürde.«

Merkwürdigerweise hatte Mack einen Einwand. »Warum erzählen Sie nicht alles, Willis? Wenn Sie genug Mumm hätten, würden Sie es tun.«

Westmore runzelte die Stirn. Schon während des gesamten Aufenthalts schien zwischen Willis und Mack eine Feindseligkeit zu herrschen, die er sich nicht erklären konnte.

»Wir alle wurden mit der Ursünde geboren«, sagte Adrianne. »Nicht nur Willis – wir alle. Da ist etwas zwischen uns und Gott ...«

Eine weitere rätselhafte Andeutung.

»Richtig«, stimmte Nyvysk ihr zu. »Wir alle haben unsere Geheimnisse. Und die müssen wir an dieser Stelle nicht diskutieren.«

»Nein? Warum nicht?« Willis wirkte unbehaglich, aber entschlossen. »Mir ist es egal. Mack und ich kennen einander seit fünf Jahren. Wir hassen uns. Jetzt will er, dass ich euch allen erzähle, warum. Also gut, warum nicht?« Dabei starrte er Mack unverwandt an.

»Nur zu«, spornte Mack ihn an. »Dann können Sie auch gleich einflechten, warum Sie Ihre Zulassung als Arzt verloren haben.«

Kurz trat betretenes Schweigen ein, das Willis schließlich brach, indem er sagte: »Ich habe ein sexuelles Problem. Das hat nichts mit meinen Zielobjektfähigkeiten zu tun – ich bin das, was man gemeinhin als sexsüchtig bezeichnen würde.«

»Mach dir nichts draus«, warf Cathleen ein. »Das bin ich auch.«

»Aber du hast deswegen nie gegen das Gesetz verstoßen«, fuhr Willis fort. »Zu Beginn meiner Laufbahn war ich klinischer Psychiater. Ich habe mich bewusst für den Staatsdienst statt für eine eigene Praxis entschieden. Ich wollte der Welt etwas zurückgeben – weil ich nicht materialistisch veranlagt bin.« Dem Tisch zugewandt zuckte er mit den Schultern. »Der Sozialdienst schien mir ideal zu sein, allerdings bekam ich als Psychiater – wie man sich vielleicht vorstellen kann – die härtesten Fälle auf den Tisch. Vorwiegend misshandelte Frauen, durch Vergewaltigung traumatisierte Opfer. Frauen mit Drogenproblemen.

Damals war mein Taktionismus ein erheblicher Vorteil – wenn ich eine Patientin berührte, konnte ich viel über ihr bisheriges Leben erfahren. Wie man sich vielleicht denken kann, war das für mich in vielen Fällen ganz schön deprimierend. Zwar ist es mir gelungen, einer Menge Frauen zu helfen, nur hatte das seinen Preis – all die mentalen Rückströme, all die Verzweiflung und das Grauen, das ich bei fast jeder Patientin mit ansehen musste. Im Laufe der Jahre fing ich an, mich mit Sex sozusagen medizinisch zu behandeln.«

»Sex mit Ihren Patientinnen?«, fragte Westmore.

»Verdammt richtig«, bestätigte Mack. »Ein toller Arzt – er hat seine Patientinnen gefickt. Und das ist noch nicht alles.«

Willis’ Stimme nahm einen bedrückten Tonfall an, als er sein Geständnis fortsetzte. »Es stimmt, ich gebe es zu. So wie ich süchtig nach Sex war, waren viele meiner Patientinnen süchtig nach Drogen. Ich bin kein starker Mensch. Ich wurde oft manipuliert.«

»Blödsinn!«, warf Mack ein. »Sie waren derjenige, der manipuliert hat. Sie haben einen Haufen Schwachsinnige ausgenutzt.«

»Das ist nicht wahr!«, widersprach Willis scharf.

Nyvysk hob die Hand in Macks Richtung. »Lassen Sie ihn weiterreden.«

Willis fuhr fort. »Manchmal wurde ich von meinen Patientinnen verführt – im Tausch gegen Drogen.« Er schluckte. »Ich habe ihnen als Gegenleistung für Sex Medikamente verschrieben. Ich war zu schwach, um der Versuchung zu widerstehen. Innerlich fiel ich auseinander – die Verzweiflung begrub mich unter sich, all diese trostlosen, traumatisierten Empfindungen, die mich jedes Mal überschwemmten, wenn ich eine Patientin berührte, um eine Diagnose stellen zu können. Also ja, ich habe einige von ihnen ausgenutzt – um meine eigene Sucht zu behandeln.«

Betroffene Stille senkte sich über den Raum. Wow, dachte Westmore. Das war mal ’ne Beichte.

»Ich gebe zu, dass einige meiner Handlungen kriminell und unethisch obendrein waren«, sprach Willis schließlich weiter. »Lange hat es nicht gedauert. Letztlich wurde vom Ehemann einer meiner Patientinnen eine Beschwerde gegen mich eingereicht. Das Krankenhaus begann mit einer internen Untersuchung. Ich gestand und wurde gefeuert. Mein Arbeitgeber wurde verklagt, meine Zulassung eingezogen.«

»Manchmal tut es gut, über solche Dinge zu reden«, versuchte Adrianne einen Teil des Unbehagens zu vertreiben.

»Ja«, fügte Nyvysk hinzu. »Selbsterkenntnis ist ein wichtiger Bestandteil jeder Therapie. Wir besitzen alle unsere kleinen Unzulänglichkeiten, Fehler oder Sünden

Mit einem sarkastischen Grinsen beugte sich Mack vor. »Aber das Beste hat euch Willis noch gar nicht erzählt. Er hat euch noch nicht verraten, wer der Ehemann war, der ihn auffliegen ließ.«

Alle am Tisch warteten gespannt. Willis holte tief Luft und verkündete: »Es war Mack.«

Wieder kehrte betretene Stille ein, begleitet von einigen bestürzten Mienen.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie verheiratet sind«, sagte Cathleen nach einer Weile.

»Bin ich nicht mehr. Meine Frau ist völlig ausgetickt und abgehauen. Sie wurde durch die Drogen verrückt, von denen Willis sie abhängig gemacht hat ...«

»Das stimmt überhaupt nicht!«, widersprach Willis brüllend. »Schon lange, bevor sie zu mir in Behandlung kam, war sie süchtig. Sie kam in der Pornobranche mit Drogen in Berührung – wo sie auch Sie kennengelernt hat!«

Rings um den Tisch trat weitere Bestürzung in die Gesichter.

»Sie waren im Pornogeschäft aktiv?«, fragte Adrianne mit unverhohlenem Interesse.

»So hat Mack Hildreth überhaupt erst kennengelernt«, meldete sich Karen zu Wort. »Und mich auch. Wir haben beide für T&T Enterprises gearbeitet, als Hildreth die Firma kaufte.« Karen grinste, wenngleich offenbar über sich selbst. »Mack und ich spielten beide in den Filmen mit.«

»Das ist kein Teil meines Lebens, auf den ich besonders stolz bin«, sagte Mack. »Ich kam aus einem Drecksnest hierher und hatte keine ordentliche Ausbildung. Die Pornobranche bot mir eine schnelle und unkomplizierte Möglichkeit, Geld zu verdienen. So habe ich meine Frau kennengelernt. Sie bekam psychische Probleme, deshalb ging sie zu Willis und er machte sie von dem Teufelszeug abhängig.«

»Das ist eine dreckige Lüge!«, explodierte Willis. »Ich gebe ja zu, dass das, was ich gemacht habe, falsch war ...«

»Falsch! Sie haben die Notsituation der Frauen ausgenutzt, sie durch ihre Sucht manipuliert und ihnen Drogen als Gegenleistung für Sex gegeben! Ja, ich würde wirklich sagen, das kann man als falsch bezeichnen!«

»Aber ich war nicht die Ursache für die Probleme Ihrer Frau, das waren Sie! Ich weiß es, Mack! Jedes Mal, wenn ich sie berührt habe, konnte ich ihr gesamtes Leben sehen!«

Mit vor Wut rotem Gesicht sprang Mack auf. »Sie war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden, Sie Arschloch! Wahrscheinlich ist sie inzwischen tot und Sie sind daran schuld!« Als Mack dazu ansetzte, Willis anzuspringen, packten ihn Westmore und Nyvysk und hielten ihn zurück.

»Aufhören, alle beide!«, schrie Nyvysk energisch. »So erreichen wir gar nichts.«

»Jetzt kommt mal wieder runter«, sagte Karen.

Mack starrte Willis in Grund und Boden. »Sie sind ein Stück Scheiße.« Dann schüttelte er Nyvysk und Westmore von sich ab und stapfte aus dem Raum.

»So viel zum Thema Selbsterkenntnis«, meinte Cathleen, als alle wieder Platz genommen hatten.

»Das war ein Schock«, sagte Adrianne. »Ich wusste nicht, dass ihr beide euch kennt.«

»Spielt jetzt keine Rolle«, gab Willis zurück. »Das ist eine Sache zwischen ihm und mir. Jedenfalls entschuldige ich mich, dass ihr das mit ansehen musstet.«

Nyvysk wirkte nachdenklich. »Allerdings ist es objektiv gesehen schon interessant. Eine weitere Verbindung zum Thema Sex.«

»Wie meinen Sie das?«, hakte Westmore nach.

»Alles, was diesen Ort betrifft und in Zusammenhang mit Hildreth steht, hat seinen Ursprung in Sex. Jeder hier steuert eine entsprechende Verbindung bei. Karen war in der Pornoindustrie; gerade haben wir erfahren, dass für Mack dasselbe gilt. Adrianne hat sich selbst sexuelle Enthaltsamkeit auferlegt und seit gut einem Jahrzehnt mit niemandem mehr geschlafen, weil die Erregung bei ihr unwillkürlich eine Astralwanderung auslöst. Ich selbst lebe ebenfalls sexuell enthaltsam – ich bin ein schwuler ehemaliger Priester im Zölibat. Willis ist sexsüchtig, kann aber andere Menschen nicht berühren, Cathleen ist sexsüchtig und kann ohne sexuelle Motivation psychisch nicht funktionieren. Wir alle haben entsprechende Geheimnisse. Es scheint fast so zu sein, als hätten sie uns hierhergeführt.« Der ältere Mann verstummte und sah Westmore an.

Auch alle anderen Blicke richteten sich auf ihn.

»Alle außer Ihnen«, meinte Cathleen mit einem verhaltenen Lächeln.

»Ja, verraten Sie uns Ihr sexuelles Geheimnis!«, forderte Karen. Ihre Augen leuchteten dabei.

Na toll ... Westmore schluckte ein Lachen hinunter. »Ich glaube nicht, dass ich eins besitze ... denn seit ich nicht mehr trinke, läuft bei mir im Bett nicht mehr viel. Mein gesamtes Leben als Erwachsener war ich immer jemand, für den es nur One-Night-Stands gab, weil sich mein ganzes Sozialleben auf Kneipen beschränkte. Jetzt bin ich trockener Alkoholiker. Ich gehe zwar immer noch in Bars, trinke aber nie, und es reizt mich nicht besonders, mir als einziger Nüchterner im Laden eine betrunkene Lady anzulachen. Ich halte mich von ihnen fern, weil sie mich zu sehr in die Nähe meiner Sucht zurückführen würden: Alkohol.«

»Aha, also haben Sie sich sozusagen ebenfalls selbst Enthaltsamkeit auferlegt«, meinte Nyvysk und wirkte zufrieden.

Westmore runzelte die Stirn. »Wie kommen Sie denn darauf?«

»Für Sie sind Sex und Alkohol gleichbedeutend. Allerdings haben Sie den Alkohol aus Ihrem Leben verbannt – und somit automatisch auch den Geschlechtsverkehr. Ganz einfach.«

Westmore warf die Hände in die Luft. »Wie Sie meinen.«

»Jedenfalls scheint mir angebracht, in Betracht zu ziehen, dass es mehr als Zufall ist«, fuhr Nyvysk fort. »Jeder von uns hat eine sexuelle Eigenart oder Anomalie, und wir alle hocken mitten in einem Haus, das früher ein Pornostudio, ein Bordell und eine Behandlungseinrichtung für Geistliche war, die sich sexueller Verfehlungen schuldig gemacht haben. In den 1950ern wurden hier Prostituierte ermordet, vor einigen Wochen kamen zahlreiche Pornodarsteller unter bestialischen Umständen ums Leben. Bisher haben Cathleen, Adrianne und Karen körperlose sexuelle Belästigung erfahren. Willis suchen Zielobjektvisionen von den sexuellen Grausamkeiten heim, die in diesem Haus stattgefunden haben, Westmore findet DVDs mit weiteren Perversionen und ich verzeichne Stimmphänomene eines toten jungen Mannes, von dem ich vor 20 Jahren besessen war. Dieses Haus hat also auf sehr tief verwurzelte Weise etwas ausgesprochen Sexuelles an sich. Fleischeslust scheint in diesen Mauern zu leben und in uns allen besteht entweder eine aktive oder eine passive Fleischeslust. Es ist fast so, als ziehe diese Villa unsere sexuellen Besonderheiten magnetisch an. Oder vielleicht haben auch wir umgekehrt das Haus angezogen.«

»Als sei jeder von uns speziell ausgewählt worden«, überlegte Cathleen laut.

»Vivica?«, schlug Willis vor.

»Ich dachte eher an etwas in Richtung Schicksal – oder Vorsehung«, sagte Nyvysk.

Westmore war nicht bereit, daran zu glauben. »Aber es war doch Vivica, die uns ausgesucht hat, oder?«

»Oberflächlich betrachtet schon«, räumte Nyvysk ein. »Aber nach allem, was wir gesehen haben – hat sich das Haus nicht verändert, seitdem wir eingetroffen sind?«

»Es ist unverhohlener geworden«, meinte Adrianne. »Als sei es gewachsen, als hätte es durch unsere Anwesenheit etwas dazugewonnen.«

»Energie?«, warf jemand ein.

Westmore dachte darüber nach und erinnerte sich an etwas, das Vivica gesagt hatte. »Als ich mich mit Vivica traf, sagte sie zu mir, ihr Mann sei ausgesprochen sexbesessen gewesen. Er hätte sich mit sexueller Energie umgeben.«

»Natürlich«, merkte Nyvysk an. »Er hat immerhin eine Pornoproduktion gekauft ...«

»Und das Haus mit Pornodarstellerinnen gefüllt, mit Menschen, deren Leben sich um Sex dreht«, führte Karen den Satz zu Ende.

Mack kehrte in den Raum zurück und wirkte immer noch stinksauer.

Willis meldete sich zu Wort. »Und die Zielvision, die ich heute Nacht im Büro hatte ... Das war die bislang sexuellste Vision. Diese Frau, Vanni – ich sah, wie sie es in dem verspiegelten Zimmer mit Mack trieb.«

Verlegen grinste Mack. »Na ja, ich geb’s zu, das ist wirklich passiert. Sie hat mich angemacht und ...«

»Darum geht es nicht«, unterbrach ihn Willis bissig. »Was zählt, ist die Art der Vision. Sie blieb sehr sexuell und war aktiv, nicht passiv. Die Frau vom Schlüsseldienst wusste von meiner Sexsucht – und deren Details. Dann zeigte sie mir selbst eine Vision. Ich und jeder typische Taktionist erhaschen durch die Gegenstände oder Personen, die wir berühren, einen Blick auf die Vergangenheit. Die Vergangenheit. Aber ich glaube, diese konkrete Vision hat mir einen Teil der Zukunft vor Augen geführt.«

Plötzlich wirkte Nyvysk besorgt. »In welcher Hinsicht?«

»Die Zielobjektaktivität begann, als ich den Tresor berührte«, fuhr Willis fort, der erschöpft und erschüttert wirkte. »Ich glaube, es hat etwas mit dem Notizzettel zu tun, den Westmore darin fand.«

Westmore schloss die Augen und dachte darüber nach. Das werden wir sehen, ging ihm durch den Kopf, wenn ich herausgefunden habe, was all die Zahlen darauf bedeuten ...

Aber Willis redete weiter und betonte, was er zuvor bereits offenbart hatte. »Und ich habe diesen Ort gesehen, denselben Ort, den Nyvysk für uns Anfang dieser Woche definiert hat. Denselben Ort wie Adrianne, Cathleen und Karen.«

»Den Tempel des Fleisches«, sagte Adrianne.

»Das Chirice Flaesc«, ergänzte Nyvysk.

Eine Weile saß die Gruppe schweigend da.

Belarius, dachte Westmore.

Die Nacht war bedrückend. Ein Großteil der Gruppe fühlte sich erschöpft und ging zu Bett. Nyvysk, Cathleen und Westmore gesellten sich für eine abschließende Unterhaltung hinaus in den Innenhof.

»Als Hildreth durch Cathleen sprach, nahm er Bezug auf die Zukunft«, erklärte Nyvysk gerade.

Westmore schaute zum Mond empor. »Ein Apogäum. Wenn ich nicht so verdammt müde wäre, würde ich noch heute Nacht mit einer ausführlichen Internetrecherche anfangen.«

»Verschieben Sie es auf morgen«, riet ihm Nyvysk. »Schlafen Sie erst ein wenig. Es war für uns alle ein anstrengender Tag.«

Cathleen wirkte im Mondlicht abgehärmt und blass. »Alles dreht sich um Sex. Dieses Haus, Hildreth und das Wesen, das Hildreth und seine Leute angebetet haben. Diese Villa ist wahrhaftig geladen.«

»Und offensichtlich verstärken wir die Ladung«, ergänzte Nyvysk. »Hildreth hat diesen Ort speziell wegen seiner potenziellen Wiedergängerenergie ausgesucht und die Grundlage dieser Energie ist sexueller Natur. Ein idealer Fixpunkt für die Anbetung einer so sexuellen Entität wie Belarius. Trotz seines körperlichen Ablebens schart Hildreth weiterhin mehr und mehr von dieser Energie für seine religiösen Absichten um sich.«

»Dekadenz«, murmelte Cathleen. »Reuelose Lust.«

»Also wird dieser Belarius durch Lust geködert?«, ergriff Westmore das Wort. »Verstehe ich das richtig?«

»Von Lust und allen fleischlichen Sünden, weshalb auch sein Tempel aus Fleisch besteht«, erwiderte Nyvysk. »Diese Energie verleiht Macht. Die beste Möglichkeit, das Chirice Flaesc zu verehren, ist mittels einer Hommage durch einen Ort wie die Hildreth-Villa. Hier durchtränkt Lust regelrecht die Wände und vor drei Wochen fand hier eine Orgie mit sexuell motivierten Morden statt. Anders ausgedrückt ...«

»Eine Opferung«, beendete Cathleen den Satz für ihn. »Was die Ladung der Villa noch zusätzlich erhöht.«

Nyvysk genehmigte sich ein seltenes Kichern. »Allmählich bekomme ich das Gefühl, manipuliert zu werden. Geht es noch jemandem von euch so?«

»Oh, mir schon«, pflichtete Cathleen ihm bei.

»Manipuliert oder verflucht paranoid«, sagte Westmore, der wieder einmal fasziniert die Verwehungen des Zigarettenrauchs beobachtete. Paranoid stellte eigentlich nicht mehr die richtige Beschreibung für Westmore dar. Angesichts all dieser Entwicklungen und dem, was er von Clements in der Kneipe erfahren hatte, wusste er nicht recht, worauf er das meiste Vertrauen setzen sollte.

»Die Zeit wird es letztlich weisen«, orakelte Nyvysk in bester Priestermanier.

»Ich frage mich nur, wie lange wir noch warten müssen«, sagte Cathleen.

»Ich auch.« Erschöpft seufzte Nyvysk. »Es ist mir zwar sehr peinlich, das zu sagen, aber ich habe fast Angst zu Bett zu gehen, so müde ich auch bin.«

Cathleen stieß ein trockenes Lachen aus. »Ich habe nicht nur fast Angst – ich habe Angst. Und das ist ungewöhnlich für mich.«

Damit kam Westmore an die Reihe. »Hey, ich bin bloß freiberuflicher Schriftsteller. Ich bin zu objektiv – oder zu dumm –, um Angst zu haben. Falls ich also mit abgeschnittenem Kopf aufwache, dann verdiene ich es wohl nicht besser.«

Er hatte es als unbeschwerten Witz gemeint, um die Stimmung aufzulockern. Aber sowohl Nyvysk als auch Cathleen schleuderten ihm stumme, tadelnde Blicke entgegen.

Scheiße. »Tut mir leid.«

»Gute Nacht«, sagte Nyvysk. »Ich sehe euch beide morgen früh. Mit euren Köpfen.«

Sie verabschiedeten sich voneinander und zogen sich zurück.

In seiner Schlafzelle zog sich Westmore bis auf die Unterhose aus und kroch unter die Decke. Im Atrium brannte noch eine kleine Lampe; er konnte sie durch die Lücke zwischen den Vorhängen sehen. Normalerweise hätte ihn so etwas gestört. Aber nicht heute Nacht. Wer hatte sie brennen lassen? Tatsächlich wünschte sich Westmore instinktiv eine ganze Batterie von Scheinwerfern herbei. Dann kicherte er in sich hinein. Sieh sich uns einer an. Ein Haufen Erwachsener, die sich wie Kinder vor der Dunkelheit fürchten.

Jedes Mal, wenn ihn der Schlaf fast übermannte, ließ ihn schlagartig das Gefühl aufschrecken, in einen tiefen Abgrund zu blicken. Bilder von Hildreth, vom Fleischtempel, von dem Kupferstich mit Belarius. Bilder von all den hübschen Gesichtern, die er auf den DVD-Covers gesehen hatte; der jähe Kontrast zu den abgeschlachteten Überresten, die er von den Autopsiefotos kannte.

Bilder von Debbie Rodenbaugh.

Scheiße ...

War dieses Haus wirklich »geladen«? Die denken, es sei durch Hildreths Geist lebendig – einen bösen Geist, der finstere Pläne für die Zukunft hegt. Glaube ich wirklich daran?

Er stöhnte. Vielleicht will diese verwunschene Drecksbude dafür sorgen, dass ich heute Nacht überhaupt keinen Schlaf bekomme.

Westmore stand auf und sparte sich die Mühe, eine Hose anzuziehen. Alle anderen schliefen – die Männer konnte er sogar schnarchen hören –, wer also sollte ihn sehen, wenn er nur in seiner Unterhose nach draußen tappte?

Außerdem ist’s mir egal.

Wenig später pirschte er rauchend und rastlos durch das Atrium.

Er hörte die Uhr ticken. Dann schlug sie dreimal. Westmore drehte sich um und hätte beinahe aufgeschrien, als eine Gestalt mit raschen Schritten an ihm vorbeilief.

Adrianne, die einen Morgenrock trug, sah ihn mit großen Augen an. »Sie haben mich zu Tode ...«

»... erschreckt«, beendete Westmore den Satz, die Hand über dem Herzen.

Sie hob eine Kaffeetasse in die Höhe. »Ich konnte nicht schlafen, deshalb habe ich mir Milch warm gemacht.«

»Sollte ich vielleicht auch versuchen. Ich kann überhaupt nicht schlafen.« Dann erfasste ihn mit Verzögerung ein Anflug von Verlegenheit. Oh Scheiße, ich stehe hier in meiner verfluchten Fruit-of-the-Loom-Unterhose! Er lief knallrot an und sagte: »Tut mir leid, ich dachte, sonst wäre niemand mehr wach.«

»Entspannen Sie sich. Dass ich seit zehn Jahren keinen Sex mehr hatte, bedeutet noch lange nicht, dass ich einen Mann im Slip anstößig finde. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Damit trippelte sie davon und verschwand hinter ihrer Trennwand. Super Auftritt, Westmore. Was bist du doch für ein Volltrottel.

Er hätte nicht sagen können, wer am lautesten schnarchte – Nyvysk, Mack oder Willis. Oh Mann, Leute, ihr hört euch an wie ein Haufen Kettensägen.

Dann redete jemand im Schlaf. »Nein ... Oh Gott, nein ...«

Stille. Jemand musste wohl einen Albtraum haben. Dann ertönte eine andere Stimme – die von Willis, glaubte er. »Aufhören, aufhören. Bitte, aufhören ...«

Dieses Haus setzt jedem zu. Die Luft rings um ihn fühlte sich schwer und stickig an, als herrsche hohe Luftfeuchtigkeit, dabei funktionierte die Klimaanlage tadellos. Um diese Uhrzeit fühlte sich das Haus verdichtet an.

Als er seine Zigarette ausdrückte, hörte er ein weibliches Stöhnen. Es klang leidenschaftlich wie bei einer Frau kurz vor dem Orgasmus. Das ist Cathleen ... Lächelnd schüttelte Westmore den Kopf. Entweder spielt sie an sich rum oder hat einen Wahnsinnstraum. Vermutlich würden Nyvysk und Adrianne unterstellen, dass es am Einfluss der Villa lag, der Cathleen erregte und stimulierte.

Westmore fragte sich, ob sie damit richtig lagen.

Schließlich schlich er zurück in seine Zelle und legte sich wieder auf das Bett. Anfangs hatte er Nyvysks Idee mit den Trennwänden für albern gehalten – vor allem in einem so prächtigen Haus. Nun jedoch, angesichts der unerklärlichen Dichte, die auf ihm zu lasten schien, musste er zugeben, dass er es als durchaus angenehm empfand, im selben Raum wie die anderen zu schlafen.

Er driftete erneut durch Schleier lebhafter, unangenehmer Traumfetzen in Richtung Schlaf, bevor er jedes Mal aufs Neue ruckartig erwachte. Belarius, Ionensignaturen und Infrarotumrisse. Nackte Frauen mit Piercings in Form von schwarzen, umgekehrten Kreuzen in den Brustwarzen ...

Als er das nächste Mal hochschreckte, starrte er in die Dunkelheit, während sich sein Herzschlag zögernd verlangsamte.

Jemand stand in seiner Zelle. Ein regloser menschlicher Umriss.

Weitere Sekunden verstrichen in sprachloser Beklommenheit.

»Ich kann nicht schlafen«, sagte Karen.

Mit einem Atemstoß strömte jegliche Zurückhaltung aus ihm.

»Komm her«, forderte er sie auf.

Er machte ihr Platz und sie schlüpfte neben ihm unter die Decke. Westmore konnte nicht erkennen, was sie trug, doch es spielte keine Rolle. Einige Augenblicke lang beugte er sich über sie und legte ihr eine Hand auf die Wange, dann küsste er sie. Ihre Zungen berührten sich, sie teilten einen Atemzug ...

Dann schliefen sie ein und hielten einander dabei in den Armen.

Westmore träumte nicht.