Kapitel 8
I
»Da kommt jemand«, sagte Clements mit den Augen am Fernglas. »Wer um alles in der Welt ...«
»Sieht aus wie ein weiterer Van«, meinte das Mädchen, das eher aus Langeweile als aus Interesse so genau hinsah. »Vielleicht wieder irgendwelche Arbeiter.«
»Nein, nicht jetzt. Vivica hat das Haus reinigen lassen, bevor diese Truppe eintraf. Du hast ja einige der Arbeiter gesehen, die Schädlingsbekämpfer, die Entsorger. Letzte Woche waren noch mehr von ihnen da. Maler, Tapezierer, Teppichleger. Keine Ahnung, wer das jetzt ist. Noch dazu um diese Uhrzeit.«
Das Mädchen kniff die Augen zusammen, spähte erneut durch die Windschutzscheibe und zuckte mit den Schultern.
Die junge Frau nannte sich Teary, aber schließlich hatte sie Clements doch noch ihren richtigen Namen verraten: Connie. Sie war 25 Jahre alt, sah aber mindestens wie 35 aus. Seit ihrem 15. Lebensjahr war sie von Crack abhängig. Ihre Mutter und ihr Stiefvater hatten sie erst süchtig gemacht und dann zum Anschaffen auf die Straße geschickt. Es gab konkrete Gründe dafür, dass Clements sich zu solchen Mädchen hingezogen fühlte – es hatte etwas mit ihrem Aussehen und ihrer Einstellung zu tun, außerdem mit den spätnächtlichen Autofahrten, dem Durchstreifen der Gassen und dem Augenblick, in dem sie im Scheinwerferlicht auftauchten. Sie waren irgendwie alle gleich, aber Teary machte eine Ausnahme. Allmählich fing er tatsächlich an, sie zu mögen.
Er steckte ihr erneut ein paar Scheine zu, damit sie mit ihm zur Villa herausfuhr. Diesmal wollte er einen genaueren Blick auf die verborgene Zufahrtsstraße werfen, an der sie nun parkten. Seit jener ersten Nacht hatte er sie nicht angerührt.
»Das ist ein Schlüsseldienst«, verkündete er, als er den Van besser erkennen konnte, nachdem dieser von den vorderen Flutstrahlern auf dem Grundstück in helles Licht getaucht wurde.
»Dann müssen die wohl irgendwas öffnen lassen«, merkte Connie an. Dabei spähte sie durch das offene Beifahrerfenster hinaus, als könnte der Wald sie von dem unbändig starken Verlangen ablenken, ihre Pfeife anzuzünden. Sie wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Wann verrätst du mir endlich, was du hier draußen eigentlich willst? Du sitzt hier bloß rum und beobachtest. Hildreth ist tot. Alle, die in der Nacht da waren, sind tot. In dem Haus ist niemand, der was mit Hildreth zu tun hatte ...«
»Doch. Eine Frau namens Karen Lovell, die den gesamten Papierkram für T&T Enterprises geregelt hat, und ein Typ namens Mack Colmes, der für Hildreths Frau arbeitet ...«
»Na gut, toll, aber die waren in der Nacht sicher beide nicht im Haus, sonst wären sie längst mausetot. Was also machst du hier draußen? Ich weiß, dass es etwas mit dem Mädchen auf dem Foto zu tun hat ...«
»Debbie Rodenbaugh, ja.«
»Die ist todsicher nicht da drin. Du hast mir gesagt, sie war nicht unter den Leichen. Wahrscheinlich verduftet, als die ganze Scheiße losging. Was hat sie davon, wenn du hier draußen rumsitzt?«
»Ich ... bin nicht sicher«, gestand Clements.
Connie tauchte lang genug aus ihrer Isolation auf, um Clements aufmerksam zu mustern. »Sie ist nicht die Tochter eines Klienten. Das glaube ich dir nicht ...«
»Es stimmt aber.« Clements zuckte mit den Schultern. »Ihre Eltern haben mich vor über einem Jahr angeheuert, um sie im Auge zu behalten, als sie für Hildreth zu arbeiten anfing ...«
Connie kicherte. »Genau, und Junkies lügen nie. Ich glaube, ich weiß schon, worum’s geht. Sie ist ein junges Ding, in das du dich verguckt hast, und jetzt ...«
Clements hätte beinahe laut aufgelacht. »Nein, nichts dergleichen. Ich bin Debbie Rodenbaugh nie in meinem Leben begegnet.«
»Dann versteh ich das nicht. Bist du reich oder so?«
»Nicht wirklich. Ich bekomme eine Rente von der Navy und von der Polizei. Seit zwei Jahren arbeite ich als Privatdetektiv – um etwas zu tun zu haben.«
»Ich mein, ich beschwer mich ja nicht«, sagte sie und kratzte sich am linken Knie. »Seit drei Nächten bezahlst du mir mehr, als ich je auf der Straße verdienen könnte, und du willst nicht mal Sex.« Seufzend sah sie ihn erneut an. »Du bist so ein netter Kerl, und das ist merkwürdig. Die meisten Freier sind Arschlöcher.«
Clements zog die Augenbrauen hoch.
»Oh, tut mir leid«, sagte sie halbherzig. »Bist du beleidigt, wenn ich dich als Freier bezeichne?«
»Nein«, antwortete er. Wie könnte er? Immerhin hatte er in seinem Leben schon Hunderte Prostituierte mitgenommen.
»Mich nennen die Freier und die Bullen oft ’ne Hure, und weißt du was? Macht mich gar nicht sauer, weil ich schließlich genau das bin.«
Die Aussage versetzte Clements einen Stich ins Herz. Er fand es tragisch, dass sie so eine schlechte Meinung von sich hatte und offenbar auch keine Träume von einer besseren Zukunft. »Ich bin ein Freier – das gebe ich zu. Und was für einer.«
»Warum kaufst du dann nie Sex von mir? Ich weiß, dass du mit den anderen Mädchen von der Straße ständig Nummern schiebst.«
»Reden wir von etwas anderem.«
»Na schön. Wie spät ist es?«
»Kurz vor zehn.«
»Deine Zeit ist gleich um, oder?«
Clements nickte.
»Warum bringst du mich dann nicht zurück? Außer, du willst mich dafür bezahlen, dass ich noch ’ne Stunde hier rumsitze und dir nicht mal einen blase. Versteh mich nicht falsch, ist vollkommen in Ordnung für mich, wenn du das willst, nur ... Ich hab das noch nie in meinem Leben zu einem Freier gesagt, aber langsam bekomme ich das Gefühl, dich abzuzocken.«
Auch darüber musste Clements lachen. Natürlich wusste er, wie seltsam die Situation ihr erscheinen musste. »Wie wär’s mit morgen? Wieder dasselbe. Ich muss noch mal hierher, und ich möchte, dass du mitkommst.«
Sie runzelte die Stirn. »Wann?«
»Gegen Mittag ...«
»Mittag! Da stehe ich gerade erst auf, Mann.«
»Ich zahle dir 500 Dollar ...«
»Du bist so was von durchgeknallt ... aber ja, klar.«
»Prima. Ich schätze, dann ist es jetzt an der Zeit für uns, nach Hause zu fahren ...«
Er verstaute das Fernglas unter dem Sitz und lehnte sich zurück.
»Hallo?«, sagte sie.
Clements blieb einfach sitzen und zündete sich eine Zigarette an.
»Du hast gerade gesagt, es sei an der Zeit, von hier zu verschwinden«, bohrte Connie nach. »Was ist denn jetzt?«
»Wie viel ...« Clements stockte. »Wie viel dafür, dass du mit mir nach Hause kommst?«
Fast erstaunt drehte sie sich auf dem Sitz herum und legte eine Hand auf sein Bein. »Ich hab mich schon gefragt, wann du endlich zur Vernunft kommst. Bestimmt kennst du einen anderen Freier, der mich schon hatte, oder? Und der hat dir erzählt, dass ich gut bin, richtig?«
»Nein, ich kenne keine anderen Freier.« Ihre Hand auf seinem Bein verwirrte ihn. »Und ich bin mir nicht mal sicher, ob das der Grund ist, warum ich möchte, dass du mit zu mir nach Hause kommst.«
Wieder schüttelte sie den Kopf, doch Clements kam ihrer Erwiderung zuvor, schlang den Arm um sie und drückte einen Kuss auf ihre Lippen. Zuerst reagierte sie nicht; nach einem Moment jedoch legte sie die Hand auf seine Brust und stieß ihn zurück.
Ihr Gesicht wirkte im Mondschein sehr traurig. »Was soll das?«, flüsterte sie. »Niemand küsst uns. Nie.«
Was hab ich mir bloß dabei gedacht? »Ich mag dich«, stieß er verhalten hervor.
»Wir sind bloß Fleisch. Uns ficken die Freier oder lassen sich einen blasen – mehr nicht. Niemand mag uns.«
Clements zog sie dicht zu sich heran; ihre Arme legten sich um seine Schultern und sie küssten sich lange.
Er wollte augenblicklich in ihr versinken und alles um sich herum vergessen: Hildreth, die Villa, Debbie, die Morde. Es fühlte sich so gut an, Connie zu spüren und sämtliche Probleme aus seinen Gedanken zu verbannen. Über den Rest konnte er sich auch morgen noch den Kopf zerbrechen, wenn er sich in die Hildreth-Villa schlich.
II
Westmore fühlte sich unwohl im Haus, während Karen und er das Abendessen kochten. Irgendetwas kam ihm falsch vor – zu viel Stille. »War die ganze Arbeit umsonst?«, fragte er Karen, die gerade damit fertig geworden war, einen improvisierten gemischten Salat anzurichten. »Das Abendessen ist so weit, aber es ist niemand da.«
»Keine Ahnung. Dieses Haus schlägt den Menschen offenbar aufs Gemüt.« Freudlos zündete sie sich eine Zigarette an und setzte sich gelangweilt auf den breiten Hackblock der Küche. »Und denken Sie dran, wie die anderen ticken.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die sind alle halb verrückt. Wir haben es hier mit einem Haufen paranoider, völlig verängstigter Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten zu tun.«
»Ach das«, erwiderte Westmore. »Wenigstens sieht das Abendessen, für das wir uns so abgerackert haben, lecker aus.« Er schnappte sich das Tablett mit gegrillten Hummerschwänzen und schob es in den Ofen, um sie warmzuhalten.
»Es spricht nichts dagegen, dass wir jetzt essen«, meinte Karen und holte Teller aus dem Schrank. Sogar die glänzten schwarz. »Die anderen können sich von mir aus später um die kalten Reste prügeln.«
Das klang für Westmore nach einer guten Idee. Er wollte sich gerade selbst einen Teller nehmen, als die Türglocke läutete. Ein klarer, nachhallender Ton.
Karen und Westmore sahen sich an. »Wer kann das um diese Zeit sein?«, fragte Karen.
»Vivica?«
»Die kommt nie hierher ...«
Es läutete noch einmal.
»Wer weiß, wo Mack steckt?« Westmore legte seine Kochschürze ab. »Ich schätze, ich sollte aufmachen.«
Nach wie vor verwirrt von der drückenden Stille in der Villa ging er ins Foyer, entriegelte die Tür und öffnete. Auf der Steinschwelle stand eine kernige, attraktive Brünette im blauen Overall. Mit einer Hand drückte sie ein Klemmbrett an ihren beachtlichen Busen, in der anderen hielt sie eine schwarze Werkzeugtasche.
»Ich komme wegen des Tresors«, hauchte die Frau mit müder, aber verführerischer Stimme.
Ihre sexy Kurven und Konturen, die in krassem Gegensatz zur gewöhnlichen Arbeitskleidung und den klobigen Stiefeln standen, lenkten Westmore ab. In der Auffahrt stand ein Van: PINELLAS SCHLÜSSELDIENST. »Ach, Sie sind das!«, begriff Westmore letztlich. »Am Telefon hatte ich mit einem Mann gesprochen.«
»Mein Boss. Ich war gerade auf dem Rückweg von einem anderen Auftrag, als er mich angefunkt hat.« Auf einem Namensschild an ihrem Overall stand: VANNI. Sie schien entweder verärgert wegen des späten Auftrags oder lediglich verstört vom Ambiente des Hauses; jedenfalls sah sie nicht besonders glücklich aus – ein weiterer Kontrast zur atemberaubenden Figur und dem äußerst femininen Gesicht. Westmore ließ sie herein, und als er sich nach dem Schließen der Tür wieder zu ihr umdrehte, sah er, wie sie die gewundene Treppe hinaufstarrte. Sie schien zu zittern.
»Ist die Klimaanlage für Sie zu kalt eingestellt?«, erkundigte sich Westmore.
»Nein, alles in Ordnung. Was für ein merkwürdiger Ort. Es ist wunderschön hier, aber ... na ja, irgendwie seltsam, finde ich.«
»Da haben Sie recht.« Wusste sie von den Morden? So oder so, sie machte den Eindruck, als wäre sie überall lieber gewesen als ausgerechnet hier. Aber er war neugierig wegen des Tresors. »Das Büro ist im dritten Stock. Tut mir leid, einen Aufzug gibt es nicht.«
»Schon gut, ich kann Bewegung gebrauchen.«
Westmore fand nicht, dass sie Bewegung nötig hatte, aber er nahm die angenehmen Begleiterscheinungen gerne mit. Er folgte ihr die Treppe hinauf und musste sich beim Anblick ihres knackigen Hinterns zusammenreißen. Genau das brauche ich, noch eine Sexbombe, die in diesem Schuppen rumläuft. Die Pornos und die ganzen attraktiven Frauen fingen allmählich an, ihm an die Nieren zu gehen. Na toll, jammerte er innerlich, als sie das Büro erreichten. Üppige Brüste pressten sich gegen das Oberteil des Overalls. Natürlich trägt sie keinen BH. Westmore war kein Kostverächter, aber allmählich wurde es ihm zu viel.
»Sie haben gesagt, der Tresor ist nicht verkabelt, richtig?«
»Ist er nicht.« Er öffnete zuerst die Tür zu Karens ehemaligem Büro und dann zum dahintergelegenen Arbeitszimmer von Hildreth.
»Gut, denn wenn er nicht verkabelt ist, kriege ich ihn auf«, versprach sie.
»Das hat Ihr Boss mir auch gesagt.«
Westmore führte sie dahin, wo die Kommode gestanden hatte. Dabei musste er wieder über das sonderbare Versteck des Safes nachdenken: Bilder hinter Bildern, alte Kupferstiche und das idyllische Ölgemälde der jungen, dunkelhaarigen Frau, deren gerahmtes Foto er im Schreibtisch entdeckt hatte. »Da ist er«, sagte er und zeigte auf den Tresor.
Vanni sah sich den Safe an und verkündete mit hängenden Schultern: »Den kann ich nicht öffnen.«
Westmore war verwirrt. »Aber Sie haben doch gerade gesagt ...«
»Sir, das ist ein individuell angefertigter Sec-Lock-Safe. Von derselben Firma, die Banktresore herstellt. Nicht mal mit Dynamit bekäme ich das Ding auf.«
»Was? Dynamit?« Plötzlich stand Mack im Raum. Ein junger Kerl wie er war für die Reize der Frau vom Schlüsseldienst natürlich besonders empfänglich. »Ich habe die Türglocke gehört und den Wagen draußen gesehen. Hi, ich bin Mack.«
»Vanni.« Mit wenig Interesse schüttelte sie Macks Hand.
»Sie kann ihn nicht öffnen«, sagte Westmore. »Es ist ein Spezialtresor.«
Vanni warf einen weiteren Blick darauf. »Ich wette, das Ding hat so um die 20.000 Dollar gekostet. Vielleicht sogar 30. Und raten Sie mal, warum er so teuer war? Damit ihn niemand knacken kann.«
»Es muss doch eine Möglichkeit geben«, meinte Mack, der nervös wirkte. Die Tresorknackerin schien ihn sowieso deutlich mehr zu interessieren als der Tresor selbst.
»Können Sie nicht ein Stethoskop verwenden, wie man es aus dem Fernsehen kennt?«, fragte Westmore.
Vanni legte die Stirn in tiefe Falten. »Das ist ein Mythos. Die Stifte an der Kombinationseinheit arbeiten geräuschlos. Außerdem sind es magnetische Stifte, keine Fallstifte. Das Schloss ist biradial, das modernste Zylinderschlosssystem, das es auf dem Markt gibt. Es ist unmöglich, es aufzubohren. Und bei einem Schneidbrenner würde der Inhalt wegen der hohen Temperatur sofort verbrennen.«
»Also ist es unmöglich?«
»Vielleicht.«
»Das bedeutet, dass Sie den Safe unter Umständen doch öffnen können«, meldete sich Mack zu Wort.
Vanni stellte ihre Tasche ab. »Ja, vielleicht. Nur könnte es die ganze Nacht dauern und ich kann für nichts garantieren.«
»Wir müssen an den Inhalt dieses Safes heran«, erklärte Westmore.
»Und uns ist egal, ob es die ganze Nacht dauert«, fügte Mack hinzu.
Sie wandte sich den beiden Männern zu. »Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Ich habe zwei Kinder und muss ein Haus abzuzahlen, deshalb könnte ich das Geld dringend brauchen. Für Spezialaufträge wie diesen berechne ich 100 Dollar die Stunde. Wenn Sie mir ohne Erfolgsgarantie so viel zahlen wollen – großartig. Ich werde mein Bestes geben. Allerdings will ich ganz offen sagen: Sie könnten den Safe erheblich günstiger vom Hersteller öffnen lassen. Es würde vielleicht eine Woche dauern, bis alle Nachweise erbracht und überprüft sind, aber Sie könnten Hunderte von Dollars sparen.«
Mack zog das 10.000-Dollar-Bündel aus der Tasche, das Westmore ihm vorher gegeben hatte, zählte einen Tausender ab und drückte ihr das Geld in die Hand. »Fangen Sie an. Falls sich herausstellt, dass es mehr kostet, ist das kein Problem.«
Vanni versuchte ihre Ungläubigkeit zu überspielen. Ihre Augen glänzten in heller Begeisterung. »Ich ... Okay.« Ihr Blick wanderte zum Monitor auf dem Schreibtisch. »Ich müsste Ihren Computer benutzen, um online zu gehen. Ich brauche die grundlegenden technischen Daten des Tresors, damit ich weiß, aus wie vielen Zahlen die Kombination besteht. Wahrscheinlich aus drei, fünf oder neun.«
»Dann lassen wir Sie mal machen«, sagte Westmore. Er drehte sich zu Mack um. »Gehen wir runter, während sie arbeitet. Das Abendessen ist fertig.«
Aber Mack umschwirrte Vanni, die Platz genommen hatte. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«
»Äh, gern, danke. Eine Cola wäre toll.«
Er berührte sie an der Schulter. »Wie wär’s mit etwas zum Essen? Ich glaube, wir haben Hummer zum Abendessen. Ich könnte Ihnen etwas heraufbringen.«
»Na ja, wenn es keine Umstände macht, gern. Danke.«
Westmore unterdrückte seine Belustigung, als Mack und er das Büro verließen und hinuntergingen. »Wie sieht’s aus? Baggern Sie die Tresorknackerfrau an?«
»Soll das ein Scherz sein? Mit der Figur könnte sie selbst in einem Priesterseminar einen Aufstand anzetteln. Ich weiß ja nicht, wie es bei Ihnen steht, aber ich hatte schon seit einer Woche keinen Abgang mehr. Und mit den verrückten Hühnern unten will ich auf keinen Fall etwas anfangen.«
Bei Macks Dreistigkeit blieb Westmore glatt die Spucke weg. »Die Frau ist hergekommen, um einen Safe zu öffnen – sie ist kein Date.«
Mack kicherte und männliche Arroganz trat in seine Augen. »Die Puppe ist heiß und steht auf mich. Mal sehen, was sich daraus machen lässt.«
Westmore zündete sich eine Zigarette an. »Aha, sie steht also auf Sie, ja? Und das wissen Sie ... woher?«
»Das sieht man an den Augen, Mann, an den Augen.« Mack klopfte ihm auf den Rücken wie ein Fußballer einem Mitspieler, der gerade ein Tor erzielt hat. »Hey, nehmen Sie’s sportlich. Ich kann ja nichts dafür, dass sie auf mich statt auf Sie abfährt. Aber ich wette, Sie könnten bei Karen landen.«
Westmore musste lachen. »Ich bin nicht hier, um bei irgendjemandem zu landen, Mack.«
Unten hatten Nyvysk, Willis, Cathleen und Karen schon den robusten Tisch im Atrium gedeckt.
»Das ist mir schon früher passiert – keine große Sache«, sagte Cathleen gerade. Sie sah zerzaust und müde aus. »Nur nicht mit solcher Intensität. Gott, es war so konkret.«
»Was war konkret?«, erkundigte sich Westmore und nahm neben Karen Platz.
Nyvysk weihte ihn ein. »Für einige von uns war es ein anstrengender Tag, Mr. Westmore. Cathleen hat früher etwas erlitten, das wir als transitiven paramentalen Kontakt bezeichnen – oder paraplanare Vergewaltigung. Willis, dem Sie nach seiner Tortur im Salon geholfen haben, erlebte etwas, das er als die intensivste taktile Übertragung seiner Karriere beschreibt. Und ich konnte eindeutige Stimmphänomene aufzeichnen – alles in den letzten Stunden.«
Westmore blieb schon am ersten Fachbegriff hängen. »Paraplanar. Meinen Sie damit eine andere Existenzebene? Sie wurden von etwas aus einer anderen Ebene vergewaltigt?«, fragte er Cathleen.
Sie kaute einen Mundvoll Hummer zu Ende, bevor sie antwortete: »Erst dachte ich, es war Hildreth, denn als ich mit meinen Divinationen begann, stand ich unmittelbar vor seinem Grab. Aber als ich wieder zu mir kam ... lag ich außerhalb des Friedhofszauns.«
»Wollen Sie damit andeuten, dass Sie von Hildreths Geist vergewaltigt wurden?«
»Ja ... oder ... ich glaube es zumindest. Ich bin mir nicht sicher.«
Westmore verdrehte die Augen. Er hielt sich lieber an handfeste Tatsachen. »Sie haben Hildreths Grab gefunden?«
»Ja«, bestätigte Cathleen. »Im Wald gleich hinter dem Haus ist eine Lichtung.«
»Ich möchte, dass Sie mich später hinführen, falls Sie sich dazu in der Lage fühlen.«
»Oh, es geht mir gut. Ich bin an transitive Kontakte gewöhnt.«
Westmore wusste nicht einmal genau, was ein »transitiver Kontakt« sein sollte, aber ihn überraschte, wie beiläufig sie mit ihrem offensichtlichen Trauma umging. Für eine Frau, die gerade sexuell misshandelt wurde, nimmt sie es ziemlich gut auf. Cathleen aß mit Heißhunger und verputzte neben dem gesamten Hummerschwanz auch eine beachtliche Portion Salat und Kartoffeln.
Willis hingegen schien kurz vor dem Verhungern zu stehen und trotzdem nicht zu merken, dass Essen vor ihm stand. Er hockte mit hängenden Schultern und dunklen Ringen unter den Augen zusammengesackt auf der Couch. »Tja, mir geht es nicht gut. Dieses Haus ist definitiv geladen. Das wissen wir inzwischen alle.«
»Dem stimme ich zu«, meldete sich Nyvysk zu Wort.
»Was genau bedeutet das?«, wollte Westmore wissen.
»Das ist unsere Art zu sagen, dass es spukt«, erklärte Nyvysk. »Es ist ein technischer Begriff. Nehmen wir zum Beispiel ein Haus mit einem Haufen Menschen darin. Jede Person sondert ein elektromagnetisches Feld ab. Eigentlich alles, was lebendig ist, einschließlich Pflanzen. Spezialinstrumente wie Ionensensoren, Thermografen und Radiometer können das Vorhandensein eines solchen Feldes erfassen. Auch wenn man es nicht sehen kann, ist es messbar und damit objektiv nachweisbar. Entfernt man nun alle Pflanzen und Menschen aus dem Haus und misst immer noch elektromagnetische Energie, dann spricht man von einem geladenen Haus. Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten wie Cathleen und Willis verfügen über natürliche Sensoren, wenn man so will. Sie können verschiedene Aspekte einer solchen Ladung fühlen und sehen.«
»Was ist mit Ihnen?«, fragte Westmore.
»Ich besitze keine Sensitivitäten. Deshalb habe ich meine Ausrüstung – eine alternative Methode zur Bestätigung solcher Phänomene.«
»Nein, nein, ich meine, was Sie gerade vorher gesagt haben«, ruderte Westmore zurück. »Sie erzählten, Sie hätten auch etwas erlebt.«
Nyvysk stocherte ebenfalls nur in seinem Essen herum. »Eindeutige Stimmphänomene. Audioaufzeichnungen.«
»Von Geistern, meinen Sie.«
»Ja.«
Westmore starrte ihn an. »Und Sie haben diese Aufzeichnungen tatsächlich?«
»Oh ja. Ich habe über den ganzen Tag verteilt positive Messwerte erhalten.«
Niemand am Tisch schien darüber sonderlich erstaunt zu sein, was Westmore beunruhigte. »Ich will sie hören.« Bestürzt ließ Westmore den Blick über die anderen am Tisch wandern. »Tut mir leid, Leute, aber für mich klingt das nach einer großen Sache. Will denn niemand sonst diese Bänder hören?«
Willis schien ihn gar nicht wahrzunehmen und Cathleen zuckte nur mit den Schultern. »Wir haben sie schon gehört«, sagte sie und schaufelte weiter Salat und Kartoffeln in sich hinein. »Eigentlich ist es keine große Sache.«
»Die Aufzeichnungen liefern eine notwendige wissenschaftliche Legitimierung«, erklärte Nyvysk. »Das ist hilfreich, weil es schneller bestätigt, dass die Villa wirklich geladen ist und wir nicht alle unsere Zeit verschwenden.«
»Und ich würde empfehlen, dass Sie sich die Bänder nicht anhören«, warf Willis ein. Er spielte mit seiner Gabel herum und trug immer noch seine Strickhandschuhe.
»Warum nicht?«, wollte Westmore wissen.
»Weil einem die Stimmen manchmal Dinge erzählen, die man nicht hören will.«
Die Antwort erregte und beunruhigte Westmore gleichermaßen.
»Ich möchte die Geister hören«, ergriff schließlich Karen das Wort und schwenkte die Eiswürfel in ihrem Glas.
»Später«, versprach Nyvysk. »Lassen Sie mich erst zu Ende essen.«
Westmore versuchte, selbst etwas zu sich zu nehmen, schmeckte den Hummer jedoch kaum, während er über alles nachdachte. Die merkwürdig gedämpfte Stimmung im Raum drückte auf den Tisch wie eine äußerst niedrige Decke.
»Wo ist Mack?«, fragte Karen, als wollte sie lediglich das Schweigen brechen.
»Ich glaube, er hat einen Teller mit Essen hinauf zur Frau vom Schlüsseldienst gebracht.«
»Wie sieht es mit dem Wandtresor aus?«, erkundigte sich Nyvysk.
»Sie sagt, vielleicht bekommt sie ihn auf, vielleicht auch nicht.«
»Sie?«, hakte Karen nach. »Der Schlüsseldienst hat eine Frau geschickt?«
»Ja.« Fragen Sie mal Mack nach den dreckigen Details, dachte Westmore grinsend. »Sie hat gesagt, es könnte die ganze Nacht dauern.«
Nyvysk legte durch den Bart die Finger ans Kinn. »Mich interessiert sehr, was sich in dem Tresor befindet.« Dass er von seiner Existenz wusste, schien er gegenüber Westmore nicht für erklärungsbedürftig zu halten.
»Es ist nichts Lebendiges oder Totes, das ist alles, was ich darüber sagen kann«, verriet Adrianne, die matt den Raum betrat. Offensichtlich hatte sie gerade geduscht – ihr tintenschwarzer Haarschopf war nass und stand in wirren Strähnen vom Kopf ab. Sie hielt einen weißen Bademantel um ihren Körper zusammen. »Ich habe es bei dem Safe mit Transvision und Astralwanderung versucht. Was sich darin befindet, konnte ich nicht sehen, aber es ist nichts, was eine Lebens- oder Todeskraft besitzt.«
»Ich sehe schon, vor Ihnen kann man nichts geheim halten«, ätzte Westmore.
»Hast du mit einem abgetrennten Kopf gerechnet?«, fragte Cathleen.
»In diesem Haus?«, warf Willis ein. »Ich hätte wahrscheinlich damit gerechnet.«
»Wie war deine Spritztour?«, wollte Nyvysk von ihr wissen.
»Aufschlussreich, aber ...«
Alle starrten sie an.
»Ich habe mich zuerst mithilfe einer Transvision auf den Friedhof versetzt. Dort fand ich Hildreths Grabstein und habe in seinen Sarg geschaut ...«
Westmore erinnerte sich an Karens frühere Erklärung zur Transvision, wusste jedoch nicht recht, ob er daran glauben sollte, deshalb erkundigte er sich nicht nach Einzelheiten. Trotzdem interessierte ihn das Grab sehr, und zwar wegen Vivicas Geheimnis –, dass Hildreths Leiche nie gefunden worden war. »Befand sich in dem Grab eine Leiche?«, fragte er.
»Ja, eine große, kalte Stelle.«
»War es ...«
»Ich konnte das Gesicht nicht sehen.«
Ja, es interessierte Westmore sehr. Merk’s dir: Schaufel suchen.
»Oh, und draußen im Wald steht ein verlassenes Auto rum«, fügte Adrianne hinzu und wischte sich nasse Strähnen aus der Stirn. »Ich bin nicht sicher, wo, aber ich weiß, dass es irgendwo auf dem Grundstück sein muss, weil ich im Hintergrund die Villa wahrgenommen habe. Und da ist noch ein Auto, in dem zwei Leute sitzen, glaube ich.«
»Auf dem Gelände?«, hakte Westmore etwas beunruhigt nach. »Jetzt?«
»Zumindest noch vor etwa einer Stunde. Eine große Limousine. Sah alt aus.«
»Das Haus ist mit einer aufwendigen Alarmanlage geschützt«, meldete sich Nyvysk zu Wort, dem Westmores Besorgnis nicht entging. »Ich würde mir darüber keine Gedanken machen. Die Polizei sollten wir nicht rufen – die würde im Haus herumschnüffeln, solche Störungen können wir nicht gebrauchen.«
Karen beugte sich vor und stützte sichtlich gelangweilt die Ellenbogen auf den Tisch. »Wahrscheinlich bloß junge Leute, die im Wald parken und rummachen.«
Die Erklärung fand Westmore glaubhaft ... trotzdem wollte er sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Und das verlassene Fahrzeug? Ich muss das Kennzeichen überprüfen lassen ...
»Aber da ist noch etwas, Adrianne, oder?«, bohrte Nyvysk nach. »Du bist offensichtlich wegen etwas beunruhigt.«
Sie nickte und zog den Kragen ihres Morgenmantels enger zu. »Ich bin ziemlich sicher, dass ich auch belästigt wurde. So wie Cathleen.«
Cathleen erstarrte auf ihrem Sitz. »Auf dem Friedhof?«
»Nein«, erwiderte Adrianne in grimmigem Tonfall. »Im Haus.«
Da erstarrten alle.
»Eine weitere paraplanare Vergewaltigung?«, fragte Nyvysk und hielt den Blick eindringlich auf sie gerichtet.
»Ich bin nicht sicher, ob es paraplanar, körperlos oder wiedergängerisch war.« Sie ließ den Kopf sinken. Ihre Hände zitterten ein wenig, und als sie flehentlich zu Cathleen schaute, begriff diese wortlos, was sie brauchte. Cathleen reichte ihr die Flasche mit Pillen, bei denen es sich, wie Westmore wusste, um Barbiturate handelte. Adrianne schluckte eine davon mit etwas Wasser, bevor sie fortfuhr. »Ich habe mir als Ausgangsort eines der Zimmer ausgesucht und dann eine recht erfolgreiche Astralwanderung unternommen. Dabei geriet ich ins Scharlachrote Zimmer, aber ich weiß nicht recht, was danach geschah. Unter Umständen bin ich vom Weg abgekommen, denn als ich anfing, direkte Sinnesreaktionen zu empfangen, fühlte es sich an, als würde ich weggezogen. Als würde ich aktiv zum Ziel gelenkt, statt selbst die Kontrolle zu haben.«
»Du wurdest befehligt?«, fragte Nyvysk.
»Etwas in der Art vielleicht.«
»Wie sah der Ort aus?«
In ihre Verbitterung mischte sich Verwirrung. »Ich muss halluziniert haben – ich glaube, ich war in der Hölle.«
Westmore lauschte ihren Worten. Er blieb nach wie vor skeptisch, war aber trotzdem gefesselt von ihrer Erzählung.
»Ich muss eingehender darüber nachdenken, um mich an alles zu erinnern, was passiert ist«, fuhr Adrianne fort. »Nach einer Spritztour brauche ich immer ein wenig Zeit für ...«
»Gedächtnisrefraktion«, sagte Nyvysk.
»Aber als ich die Astralwanderung beendete, lag mein Körper in einer anderen Position auf dem Bett und ich war völlig nackt. Das kam mir seltsam vor, denn in der Regel trage ich dabei Unterwäsche.«
Mittlerweile kritzelte Nyvysk Notizen auf einen Block. »In der Regel? Das ist sehr wichtig.«
»Ich bin zu 99 Prozent sicher, dass ich einen BH und einen Slip anhatte, als ich anfing. Das ist die beste Einschätzung, die ich geben kann.«
Cathleen meldete sich zu Wort. »War da irgendwo ...«
»Kein Sperma. Ich war zwar klatschnass, aber ich bin mir nicht mal sicher, dass es sich um Schweiß handelte. Es könnten irgendwelche mesoplasmischen oder sonstigen Rückstände gewesen sein. Jedenfalls war es eklig – es roch fast wie Urin. Außerdem habe ich leichte Blutergüsse und fühle mich immer noch ziemlich wund.«
Westmore konnte kaum nachvollziehen, was sie meinte; das Einzige, was er noch schockierender fand als Adriannes Bericht, war die Einstellung der anderen. Die zucken angesichts dessen, was sie sagt, mit keiner Wimper ...
»Wie viele haben dich belästigt?«, lautete Cathleens nächste Frage. »Bei mir waren es mehrere.«
»Weiß ich nicht«, erwiderte Adrianne. »Ich habe keine Ahnung. Ich war nicht dabei. Nur mein Körper war da, und die Vorstellung gefällt mir überhaupt nicht. Das ist noch nie passiert.« Sie trank einen Schluck Wasser aus einem gravierten Kelch. »Dass jemand an meinem Körper herumgespielt hat, als ich nicht mal drin war ...«
»Könnte es Transposition gewesen sein?«, schlug Willis vor. »Etwas kam raus, als du reingegangen bist?«
»Oder eine interplanare Wesenheit, die entlang deines Ankers hierherkroch, während du woanders warst?«, bot Nyvysk an.
»Ich habe noch nie davon gehört, dass jemandem auf meinem Gebiet etwas Vergleichbares widerfahren ist, und mir ist es ganz sicher noch nie passiert«, zerstreute Adrianne die Mutmaßungen. »Es muss etwas gewesen sein, das bereits da war. Astralwanderungen neigen dazu, Aktivitäten körperloser Wesen auszulösen, und dasselbe gilt für verwundbare Zustände – Körperlose können so etwas einen Kilometer gegen den Wind riechen. Genau wie bei Cathleen – sie war in einer Divinationstrance.«
Westmore ließ die flache Hand so heftig auf den Tisch knallen, dass das Besteck klirrte. Dann stand er auf und bemühte sich, seine Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. »Tut mir leid, aber mir reicht’s. Ich bin für viele Sachen offen und halte mich nicht für einen Skeptiker oder Spießer, aber das geht jetzt zu weit.«
»Mr. Westmore?« Nyvysk schaute auf. »Gibt es ein Problem?«
Westmore schnaubte. »Ein Problem? Ja. Wir haben hier zwei Frauen, die behaupten, vergewaltigt worden zu sein, und alle sitzen rum und versuchen, sich zusammenzureimen, welche Art von Geist dafür verantwortlich ist. Wahrscheinlich bin ich bloß altmodisch, was? Ich bin wohl nicht auf dem neuesten Stand, was diesen Kram angeht. Ist irgendjemandem vielleicht auch nur eine Sekunde lang der Gedanke gekommen, dass diese Frauen womöglich von, na ja, Sie wissen schon, einem Vergewaltiger misshandelt worden sein könnten?« Mit gerunzelter Stirn schaute er zu Adrianne. »Um Himmels willen, Sie haben uns gerade selbst erzählt, dass Sie einen Eindringling auf dem Gelände gesehen haben!«
»Beruhigen Sie sich«, sagte Cathleen.
Willis zündete sich eine Zigarette an. »Sie kennen sich mit diesen Dingen nicht aus. Anfangs ist es verwirrend.«
»Wären wir von realen Männern misshandelt worden«, erklärte Adrianne, »gäbe es dafür physische Beweise. Beispielsweise Sperma.«
»Schon mal was von Gummis gehört?«
»Das ist nicht dasselbe«, gab Cathleen zurück.
Nyvysk wirkte allmählich gereizt. »Mr. Westmore, das müssen Sie wirklich uns überlassen. Wir können Ihre Reaktion verstehen, aber umgekehrt akzeptieren Sie bitte, dass wir konzentriert an die Sache herangehen. Wir respektieren, dass Sie lediglich als Beobachter hier sind. Wir hingegen sind aus einem anderen Grund hier. Einmischungen Ihrerseits können wir nicht gebrauchen.«
»Fein. Ich werde mich nicht einmischen«, erwiderte Westmore. »Wissen Sie, was ich stattdessen tue? Ich hole mir jetzt eine Taschenlampe, gehe raus und SUCHE NACH DEM VERGEWALTIGER!«
»Davon würde ich dringend abraten«, warnte ihn Nyvysk. »An diesem Ort gibt es Dinge, die Sie schlichtweg nicht verstehen.«
Westmore stürmte davon.
Als die Atriumtüren geräuschvoll hinter ihm zuknallten, sahen die anderen sich an. »Einer ist immer dabei«, meinte Nyvysk, und sie alle begannen zu lachen.
III
Herrgott noch mal! Mach’s mir doch nicht so schwer! Wenigstens bezahlten sie. Vanni konnte kaum glauben, wie viel Geld Mack ihr in die Hand gedrückt hatte. Ihre Arbeit umfasste zu 90 Prozent Autotüren und Plättchenzylinderschlösser, und darin war sie gut. Zum Öffnen der meisten Schlösser brauchte sie unwesentlich länger, als es mit einem Schlüssel dauerte. Aber dieser Safe?
Eine harte Nuss.
Sie rief die Website des Herstellers auf und suchte an dem Tresor nach einer Kennzeichnung des Modelltyps. Die allgemeinen technischen Daten fand sie rasch, unter anderem Informationen über das Kombinationsschloss, allerdings machte das ihre Aufgabe nicht leichter. Es handelte sich um eine seltene Kombinationsreihe aus neun Zahlen, was bedeutete, dass es dreimal so lange dauern würde, falls es ihr überhaupt gelang, den Safe zu öffnen.
Das Essen, das Mack ihr gebracht hatte, schmeckte hervorragend – sie hatte sich schon eine ganze Weile keinen Hummer mehr geleistet. Danach schloss er die Kaffeemaschine im Büro für sie an und ließ eine Kanne durchlaufen. Vanni öffnete ihre Tasche und holte den Fallbewegungsmesser von Stiles hervor. Dabei handelte es sich um ein schlichtes Kästchen mit Anzeige, das sie an einer Steckdose anschloss. Von der Vorderseite des Gehäuses gingen zwei Kabel aus. Am Ende des einen befand sich ein schwerer zylindrischer Magnet, am Ende des anderen ein quadratischer Gegenmagnet, den sie links neben dem Kombinationsschloss fixierte. Der erzeugte magnetische Fluss wurde durch das Messgerät erfasst. Wenn sich ein Kipper korrekt ausrichtete, konnte das Gerät diese Bewegung erkennen. Insgesamt funktionierte der Fallbewegungsmesser etwa in der Hälfte aller Fälle und der Vorgang konnte für jeden Stift mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Und ich habe hier NEUN Stifte, rief sich Vanni ins Gedächtnis. Sie schlug ihren Notizblock auf und machte sich an die Arbeit.
Anderthalb Stunden später hatte sie fünf Stifte geknackt.
Wie gefällt dir das, hmm? Vielleicht dauert es doch nicht so lange, wie ich dachte. Nur noch vier übrig ...
Vanni ließ den Fallbewegungsmesser laufen und stand auf. Sie rief ihre Schwester an, die auf die Kinder aufpasste, und teilte ihr mit, dass es noch eine Weile dauern würde, bis sie nach Hause kam. Danach schenkte sie sich einen Kaffee ein. Während sie daran nippte, bemerkte sie die beiden Gemälde, die auf dem Boden an der Wand lehnten. Eine junge Frau in einem wallenden Kleid, ein Bild wie das Cover eines Liebesromans. Dann der merkwürdige Kupferstich. Eigenartig, dachte sie. Allerdings handelte es sich auch um einen eigenartigen Ort. Irgendjemand muss Millionen in diesen Schuppen gesteckt haben – etliche Millionen. Allein die Stromrechnung macht monatlich bestimmt zehn Riesen aus. Fünf Stockwerke? Dutzende Zimmer?
Ohne darüber nachzudenken, verließ sie das Büro und ertappte sich dabei, den Flur hinabzugehen. An den Wänden hingen weitere eigenartige Gemälde, und aus unerfindlichen Gründen war sie dankbar dafür, dass es zu dunkel war, um Einzelheiten zu erkennen. Ringsum herrschte völlige Stille. Ich denke mal, die werden nichts dagegen haben, wenn ich mich hier ein bisschen umsehe, hoffte sie. Vanni wusste nicht einmal, wer »die« waren, doch es spielte keine große Rolle. Wenn man Kinder und einen Exmann hatte, der nach Thailand geflohen war, um keine Alimente zahlen zu müssen, war Geld so ziemlich das Einzige, das zählte.
Himmel, die letzten sechs Monate hatte ich nicht mal ein Date ... Tagsüber arbeitete sie in der Bank, nachts und an Wochenenden übernahm sie Einsätze für den Schlüsseldienst. Wo sollte da Zeit für Romantik bleiben? An interessierten Männern bestand kein Mangel. Vanni war ausgesprochen selbstbewusst und wenn sie in den Spiegel schaute, wusste sie, dass sie nicht nur eine motivierte, verantwortungsbewusste Frau vor sich hatte, sondern auch eine attraktive. Sie wurde oft zu Baustellen gerufen, wenn Vorarbeiter die Schlüssel der Häuser verbummelten, die sie gerade bauten.
Nein, bei solchen Gelegenheiten bestand wahrlich nie ein Mangel an Interesse. Reichlich Pfiffe, reichlich lange Blicke. Und dann all diese abgehärteten, muskulösen Bauarbeiter ... Manchmal hatte sie Fantasien über heiße Quickies in Pritschenwagen, bei denen ihr ein rauer, geiler und namenloser Kerl Stiefel und Hose vom Leib riss und sie wortlos vögelte. Ja, manchmal dachte Vanni an solche Dinge – und noch einiges mehr –, und sie vermutete, dass es insgeheim allen Frauen so ging. Aber das waren bloß Fantasien. Die Realität bestand aus Alltagssorgen: für die Kinder ein vernünftiges Essen auf den Tisch bringen, die Miete bezahlen. Was alles nicht besonders aufregend war.
Auf dem Messingschild einer Tür stand: WOHNZIMMER DER HERRIN VON KADESCH. Ja, dieser Ort ist wirklich ein bisschen »too much«, dachte Vanni, die nicht wusste, dass die Herrin von Kadesch vermutlich die erste Prostituierte in der Geschichte der Menschheit gewesen war. Viele der Räume trugen Namen. Warum? Die Tür stand ein Stück weit offen, weshalb sie spontan beschloss, einen Blick hineinzuwerfen.
»Von wegen Wohnzimmer«, murmelte sie vor sich hin. In Wirklichkeit handelte es sich um einen Fitnessraum! Gepolsterte Hantelbänke, Gestelle und Kabelzüge füllten die Mitte des Zimmers aus, aber ...
Wow ... Das ist ja unerhört ...
An den Wänden hingen große Ölgemälde. Im Gegensatz zu jenen in den Gängen zeigten sie jedoch extrem freizügige Sexszenen. Vorwiegend Orgien ...
Vanni sah genauer hin.
Orgien inmitten von Dämonen. Ein verblüffend realistisch wirkendes Porträt zeigte eine Blondine mit weit aufgerissenen Augen und einer Dornenkrone, die Lippen selig geteilt, das Gesicht mit etwas bespritzt, das nur Sperma sein konnte. Schuppige Dämonenhände mit roten Fingernägeln umklammerten ihre Brüste. Auf einem weiteren Bild war Gruppensex mit halb entkleideten Priestern und Nonnen als Beteiligten im Altarraum einer Kathedrale zu sehen. Eine weitere Gruppenszene strotzte vor nackten Zelebranten mit scharlachroten Augen, die mehr sexuelle Stellungen vollzogen, als Vanni sich bis zu diesem Moment hätte ausmalen können; all das spielte sich in einer flammenden Grotte ab, während gehörnte Monster dem wilden Treiben zuschauten.
Vanni drehte sich weg. Sie hätte nie gedacht, dass es solche Kunst überhaupt gab. Und dann noch in einem Fitnessraum?
»Verrückt.«
Neben einem Schrank stand eine kleine Schnapsbar mit mehreren Reihen von Gläsern. Das ist der merkwürdigste Fitnessraum, den ich je gesehen habe, dachte sie. Schnaps? Pornos? Als Nächstes nahm sie die Fitnessausrüstung unter die Lupe und empfand diese als genauso verwirrend. Denn eigentlich ...
Es handelte sich nicht um typische Fitnessgeräte.
Was konnte das sein? Verstört lief sie umher. Mehrere gepolsterte Bänke mit schmaleren Bänken, die in verstellbarer V-Form davon abzweigten. Seilzüge, mit denen man offenbar die Höhe jeder Bank anpassen konnte. Sitze, die erhöht zu sein schienen. Aber es gab keine Gewichte, keine Zugkabel oder Widerstandsbänder. Was ist das hier nur für ein Ort?, fragte sie sich.
»Wie ich sehe, sind Sie über das Spielzimmer gestolpert«, sagte Mack, der plötzlich an der offenen Tür lehnte.
Unbehaglich schaute Vanni auf; er hatte sie überrascht. Würde er wütend sein? Immerhin bezahlte er ihr eine Menge Geld für das Öffnen eines Tresors, nicht dafür, dass sie im Haus umherschlenderte. »Ich wollte nicht rumschnüffeln, ich habe nur beschlossen, eine kurze Pause zu machen, und ... Ich dachte, das hier sei ein Fitnessraum. Nur habe ich noch nie von einem Fitnessraum mit Alkohol und versauten Gemälden gehört.«
»Das ist kein Fitnessraum.« Mack kam herein. »Sie müssen wissen, der Kerl, dem dieses Haus gehört hat ... Er war verrückt. Ein Sexbesessener.«
»Sieht ganz so aus«, meinte sie mit einem weiteren Blick auf die Gemälde. »Was sind das für komische Bänke?«
»Spielzeug für seine Partys. Wie wär’s mit einem Drink?«
»Lieber nicht. Immerhin bezahlen Sie mich nach Zeit. Und zwar dafür, dass ich eine Aufgabe erledige. Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein. Wie gesagt, ich habe nur kurz Pause gemacht. Die ersten fünf Zahlen der Kombination sind übrigens geknackt. Mir fehlen nur noch vier.«
»Das ist toll«, sagte Mack, wirkte allerdings nicht sonderlich interessiert. »Was möchten Sie?« Er ging zur Bar und angelte nach zwei Gläsern.
»Wie wär’s mit etwas, um das hier aufzupeppen?« Sie hielt ihm ihre Kaffeetasse entgegen und er goss irischen Whiskey hinein. Dann runzelte sie über sich selbst die Stirn. Es sah ihr nicht ähnlich, während der Arbeit zu trinken. Tatsächlich trank sie generell selten.
Doch noch bevor sie einen Schluck trank, begann sie sich sonderbar zu fühlen. Lag es an dem Haus? Es vermittelte den Eindruck, als laste etwas auf ihm. Ein Fluch? Für Vanni kam es einer Überreizung ihrer Sinne gleich. Immer wieder wanderte ihr Blick zu den Gemälden ...
Eine dralle Frau lag nackt da, umgeben von Ungetümen, die sie abschätzend betrachteten. Im fernen Hintergrund vermeinte sie, hinter einem Rauchschleier eine Art Tempel zu erkennen.
Mack öffnete einen Schrank und griff nach einer Flasche Wodka. Auf dem untersten Regalfach fielen ihr mehrere große Schalen auf, gefüllt mit ...
»Was ist das in den Schalen? Pfefferminz?«
»Nein, ich fürchte nicht. Das sind Drogen. Ich bin noch nicht dazu gekommen, sie wegzuwerfen – sie sind überall im Haus.«
Vanni starrte die Schalen an. Eine war voller Pillen, die andere ... »Ist das etwa Crack?«
»Ja. Wenn Sie drauf stehen, nur zu. Ich verrate es niemandem.«
»Ich rauche kein Crack!«, entgegnete Vanni entrüstet.
Mack schloss den Schrank und rührte in seinem Drink herum. »Keine Sorge, niemand hier nimmt Drogen. Das geht auf den früheren Besitzer zurück. Er hatte immer Stoff für seine Partygäste im Haus. Und er feierte ständig Partys.«
»Ich will mir gar nicht ausmalen, was für Partys das waren.«
»Na ja, die Gemälde lassen es erahnen. In diesem Haus liefen quasi nonstop Orgien ab. Sehen Sie mal ...« Er ging zum Gemälde einer Frau mit gespreizten Pobacken und zog am Rahmen. Bei dem Bild handelte es sich in Wirklichkeit um eine Tür mit Angeln. Dahinter ...
Vanni schoss das Blut ins Gesicht. Großer Gott!
Hinter dem Gemälde befand sich eine Metalltafel, an der Dutzende Vibratoren, Liebeskugeln und Dildos hingen.
»Und dazu noch all dieser Kram ...« Mack deutete auf eine der Bänke.
Vanni betrachtete sie eingehender. Die sind dafür gedacht, dass Frauen sich drauflegen, erkannte sie. Eine andere Apparatur, von der verschiedene Kabel baumelten, wies zwei gepolsterte Gurtgeschirre mit einem dritten, größeren Geschirr dahinter auf. Mittlerweile konnte sich Vanni lebhaft vorstellen, was sich in diesem Raum abgespielt hatte. Einen flüchtigen Moment lang stellte sie sich sogar vor, selbst in dem Ding zu hängen. Sie würde mit gespreizten Beinen und durchgebogenem Rücken in der Luft schweben, während ein Mann nach dem anderen vortrat und sich bei ihr holte, was er brauchte. Gleichzeitig würde hinter ihr vielleicht noch eine andere Frau von einem höheren Gurt baumeln, um ihren Schritt exakt über Vannis Mund in Position zu bringen. Dieser Ort ist total pervers, dachte sie reichlich angewidert. Reiche Pinkel, oh Mann ...
Mack nippte an seinem Drink und betrachtete ein weiteres Gemälde: nackte Frauen, die vor einer brennenden Schlucht schwebten, die Gesichter verzückt vor Ekstase. Was Vanni sich selbst nicht eingestehen wollte, war ... sie wurde zunehmend geiler.
Sie kehrte zu dem Bild mit dem Tempel zurück. Je länger sie es ansah, desto mehrdimensionaler wirkte es. Die Frau lag offensichtlich ängstlich da und wartete darauf, von den Monstern genommen zu werden ...
Vanni wusste nicht, wie viel Zeit verstrich, während sie auf das Gemälde starrte. Dann zuckte sie unter einer Berührung zusammen: Macks Hände an ihren Hüften. Er stand hinter ihr. Sie wusste, dass sie bei jeder anderen Gelegenheit die Flucht ergriffen hätte. Er war bloß ein reicher Spinner, der dachte, er könnte sie zu seinem Vergnügen benutzen, weil er ihr eine Menge Geld für einen Auftrag hinblätterte.
Diesmal kam ihr nicht in den Sinn zu gehen. Das wollte sie nicht.
Es dauerte nicht lange, bis seine Hände über ihre Brüste, ihren Bauch und ihre Oberschenkel wanderten. Ohne jegliche Hemmungen fasste sie hinter sich, um seinen Schritt zu streicheln ...
Was mache ich denn da? Das entsprach überhaupt nicht ihrem Stil, sondern der Moral eines Flittchens, und es war genauso schlimm, als würde sie in einer Bar einen Typen für einen Gelegenheitsfick aufreißen oder tatsächlich auf die Pfiffe auf einer Baustelle reagieren. Macks Beule rieb von hinten gegen ihren Po, während sich seine großen Hände mittlerweile ganz ihren Brüsten widmeten und sie ins Freie holten, bevor er Vanni komplett aus ihrem Overall schälte.
Überhaupt keine Moral mehr. Vanni drehte sich um und trat sich die Stiefel von den Füßen, während sie zuließ, dass sich ihre Münder aufeinanderpressten. Sie wusste eigentlich gar nicht so genau, was sie wollte, folgte lediglich ihren Instinkten und einer plötzlichen Eingebung, zog ihm das Hemd über den Kopf, zerrte seine Shorts zu Boden und drängte ihn zum Zaumzeug ...
Innerhalb einer Minute hing sie in der Luft – offenbar kannte sich Mack mit dem System aus. Er stand zwischen ihren schwebenden Beinen, senkte ihren Kopf mit einem Seilzug etwas tiefer, spreizte mit einem anderen ihre Beine weiter – und drang in sie ein.
Alles lief beiläufig und animalisch ab; es dauerte nicht einmal besonders lang, höchstens ein oder zwei Minuten; doch in dieser kurzen Zeit zuckte Vannis gesamter Körper vor Geilheit in der Luft und ein Orgasmus schwemmte über sie hinweg. Mack hielt einen Moment lang inne, gab jedoch keinen Laut von sich, als sich seine muskulöse Brust anspannte und er mit einem letzten Stoß ebenfalls kam.
Er ließ Vanni erschöpft in den Gurten hängen. Sie konnte hören, wie er sich anzog, rührte sich aber nicht, sondern verharrte selig, als schwebe sie auf Wolken. Ihr Kopf hing nach unten, und als sie hinter sich blickte, hatte sie direkt das Gemälde der Frau vor Augen, die von den Dämonen beim Ficken beobachtet wurde.
»Das war toll«, meinte Mack. »Ich muss jetzt los, aber gib Bescheid, wenn du den Safe aufbekommst. Ruf einfach über die Gegensprechanlage durch.«
Vanni konnte nichts erwidern. Ihre nackte Brust hob und senkte sich immer noch heftig in den Nachwehen des Höhepunkts. Als sie den Kopf hob, konnte sie ihn sehen. Er war vollständig angezogen und im Begriff zu gehen.
Was hab ich denn erwartet? Kuscheln? Sie war so schuldig wie er. Auch wenn er mich angebaggert hat, ich habe mitgemacht. Ohne zu zögern.
Allerdings bereute sie es keineswegs, weshalb also fühlte sie sich nun so besudelt?
Durch ihre obszön gespreizten Beine schaute sie erneut zu ihm. Was machte er da? Er schien etwas aus der Tasche zu holen.
Dann warf er ein Bündel Geldscheine auf ihren Bauch.
»He!«, protestierte sie schließlich.
»Nur die Ruhe, das ist für deine Kinder. Du hast doch gesagt, du hast Kinder, oder?«
Es sah nach einer Menge Geld aus, aber trotzdem. Vanni ergriff ein Seil und hievte sich daran höher. »Ich bin keine Prostituierte«, sagte sie angewidert. Mack sah sie erst mit ausdrucksloser Miene an, dann lächelte er halbherzig und verließ den Raum.
Was für ein Arsch! Sie fühlte sich zutiefst gedemütigt, während sie mit dem Geld auf dem Bauch in der Luft hing. Als sie es zählte, kam sie auf einen Betrag von 1000 Dollar.
Dann versank sie noch tiefer im Gefühl der Erniedrigung, denn sie wusste, dass sie es behalten würde ...
Vanni hatte keine Ahnung, was über sie kam; das Geld anzunehmen, empfand sie als schlimm genug, doch was darauf folgte, war noch unerklärlicher. Sie befreite sich aus dem Sling und hatte eigentlich die Absicht, sich anzuziehen. Aber als sie ihren Overall aufhob, blieb sie einfach stehen und starrte ins Leere. Kleingeld und Schlüssel fielen klimpernd aus ihren Taschen ...
Sie zog sich nicht an. Stattdessen kehrte sie zur in der Wand versteckten Metalltafel zurück. Was ... mache ich ... denn jetzt schon wieder? Der Gedanke wogte durch ihren Kopf wie ein Stöhnen.
Verwirrt über ihr eigenes Verhalten nahm sie sich das üppige Spielzeugsortiment genauer vor. Warum wirkten die Toys plötzlich so verlockend? Sie hatte sich nie etwas aus diesen Dingern gemacht; jetzt jedoch hob sie mehrere von der Wand, betastete sie, fühlte ihre Beschaffenheit. Einige wiesen Noppen und Ringe oder zwei Spitzen auf, während das Ende eines anderen wie eine kleine Faust geformt war. Mehrere der Dildos waren so groß, dass sie sich nicht vorstellen konnte, wie eine Frau sie hereinbekommen sollte ...
Als Nächstes holte sie einen Dildo herunter, der wie eine Reihe miteinander verbundener Gummibälle aussah.
Den nehme ich ...
Vanni hievte sich erneut in den Sling und hing wieder mit gespreizten Beinen in der Luft. Sie fühlte sich so überreizt, dass sie es kaum aushalten konnte. Mack hatte sie mit dem berauschenden Verlangen nach weiterem Körperkontakt zurückgelassen, doch als sie an ihn zurückdachte und sich vorstellte, er wäre wieder bei ihr, löste die Fantasie nicht das Geringste bei ihr aus. Sie verdrängte den Gedanken und ließ den Kugeldildo langsam vor- und zurückgleiten. Vanni empfand das Gefühl als nervenzerfetzend und antörnend zugleich. Sie beschleunigte den Rhythmus und stieß tiefer ...
Irgendwann öffnete sie keuchend die Augen und betrachtete abwesend das Gemälde der von Ungeheuern beäugten Frau. Das Bild verdreifachte ihre Erregung schlagartig. Gab es da etwas, das sie über sich selbst nicht wusste? Fühlte sie sich unterbewusst zu Frauen hingezogen?
Nein, sie sah die Monster an.
Ihre Wonne schwoll an und drohte, sie zu überwältigen. Waren die Dämonen auf dem Bild der Frau näher gerückt? Natürlich nicht, aber es kam ihr so vor. Es handelte sich um bleiche Kreaturen, Hautsäcke mit Armen und Beinen in der Farbe von Butter. Ihr fiel noch etwas anderes auf. Wie konnten sie die Frau beobachten, wenn sie keine Augen besaßen? Keine Augen, Nasen oder Ohren – nur klaffende, zahnlose Münder.
Abscheulich, rang sie sich einen moralischen Gedanken ab, ließ sich von ihrem Treiben mit dem Dildo jedoch nicht abhalten.
Ein konzentrierterer Blick: Stand da eine Gestalt am fernen Tempel? Es kümmerte sie nicht wirklich ...
Vanni schloss die Augen und stellte sich vor ... dass die Dämonen sie beobachteten. Die Kreaturen streckten Hände aus, die knochenlos zu sein schienen, streichelten sie, spielten mit ihr, während sie selbst an sich herumfingerte. Mittlerweile konnte Vanni spüren, wie die Ungeheuer ihre Haut betatschten und ihre Brüste kneteten. Bildete sie sich das nur ein oder herrschte im Raum plötzlich ein stickiger, durchdringender Fleischgeruch vor? In ihrer Fantasie befanden sich viele Hände auf ihr, einige grässlich, andere weich und zielstrebig, aber sehr menschlich. Frauenhände? Tatsächlich vermeinte Vanni, ein weibliches Flüstern zu vernehmen, außerdem etwas Dunkleres, eine Art tiefes, kehliges Stöhnen. Weitere imaginäre Hände strichen über ihre Brüste hinauf und umspielten behutsam ihren Hals.
Ein peitschender Laut. Ein Ruck. Etwas hievte Vanni wie ein Flaschenzug in die Höhe. Der Dildo fiel zu Boden, und als sie sich an die Kehle fasste, fand sie dort keine Hände vor, die ihre Schreie abwürgten – sondern einen Riemen.
Einen der Gurte.
Der nunmehr als Galgenstrick diente.
Ihre Augen traten unnatürlich hervor. Die Seilrollen quietschten, während sie unaufhaltsam nach oben gezogen wurde. Durch die Bewegung rutschten ihre Beine aus dem Gurtzeug. Höher und höher wurde sie mit ihren panisch um sich tretenden Beinen gehievt. Innerhalb weniger Augenblicke war all das rohe, heiße Verlangen, das durch ihre Adern gelodert hatte, durch rohes, blankes Grauen ersetzt worden. Sie zwängte die Finger unter den Riemen um ihren Hals, um einen Teil des Erstickungsdrucks zu lindern. Mit zuckendem Blick starrte sie nach unten ...
Mehrere Frauen glotzten zu ihr empor – atemberaubend schöne Frauen mit perfekten Mannequinkörpern, alle nackt, alle grinsend. Alle blutverschmiert. Schwarzer Nagellack und Lippenstift, verschlagene Augen. Winzige Ornamente baumelten von Ringen in ihren Brustwarzen und Nabeln: verkehrte Kreuze. Und hinter ihnen ...
Da standen deutlich schlimmere Kreaturen.
Verschwommene bleiche Gestalten mit augenlosen Gesichtern. Irgendwie wirkten sie ungeduldig, als warteten sie auf etwas.
Vannis Fußgelenke wurden von zwei der grinsenden Frauen gepackt, sie rissen ihr die Beine schmerzhaft auseinander. Dann wurde sie an dem Seil Zentimeter für Zentimeter hinabgelassen. Vanni hoffte, sie würde sterben, bevor diese Kreaturen über sie herfielen. Die Strangulation ließ ihre Sicht bereits verschwimmen. Das Letzte, was sie sah, bevor die Orgie begann, war eine weitere Gestalt, ein groß gewachsener, schlanker Mann mit langem, gewelltem Haar, der hinter den anderen stand und das Treiben beobachtete ...
IV
»Wo sind die Frauen?«, erkundigte sich Westmore, der gerade ins Atrium zurückgekehrt war. Mack sah sich im Fernsehen bei abgestelltem Ton die Sportergebnisse an, während Nyvysk in seinen Notizblock kritzelte.
»Adrianne und Karen sind zu Bett gegangen«, antwortete er leise. Er zeigte auf ihre mit Vorhängen abgeteilten Zellen. »Sie waren beide sehr müde.«
»Müde?« Mack kicherte mit einem Importbier zwischen den Beinen. »Adrianne hat sich mit Beruhigungsmitteln zugedröhnt und Karen war wie üblich stockbesoffen.«
Es spielte keine Rolle, ob es stimmte. Westmore störte der beißende Zynismus des jungen Mannes.
»Cathleen ist irgendwo unterwegs«, sagte Nyvysk. »Ich vermute, sie streunt durchs Haus.«
Mack schaute auf der Couch über die Schulter hinweg. »Und die Safeknackerin hat mir vor etwa einer Stunde gesagt, dass sie gut vorankommt.« Dann zwinkerte Mack Westmore zu.
Westmore verstand den Wink nicht. »Was ist?«
»Die ist nicht nur im Öffnen von Tresoren gut.«
Westmore verdrehte die Augen. Er wollte die Details gar nicht hören. »Ich schätze mal, sie wird runterkommen, wenn sie fertig ist. Wenn wir bis dahin nicht alle schlafen.«
»Ich bin dann sicher noch wach. Ich schlafe nie viel«, sagte Nyvysk. »Ich bin eine Nachteule und für Cathleen gilt dasselbe.«
In der Ferne schlugen mehrere Uhren. Mitternacht. »Ich muss sie finden. Ich möchte, dass sie mir den Friedhof zeigt, auf dem diese übersinnliche Vergewaltigung angeblich stattgefunden hat – oder was immer es war.«
»Ein körperloser sexueller Übergriff«, berichtigte ihn Nyvysk.
»Wie auch immer. Und Adrianne hat etwas von mehreren Autos auf dem Grundstück gesagt.«
Nyvysk seufzte. »Bitte tun Sie mir einen Gefallen, Mr. Westmore. Gehen Sie heute Nacht nicht nach draußen.«
Mack lachte. »Vielleicht braucht Mr. Westmore noch ein wenig Geisteraction.«
Nyvysk ignorierte die Bemerkung und fuhr an Westmore gewandt fort: »Sie sind an solche Ort nicht gewöhnt und deswegen sehr anfällig für Suggestion. Und alles, was sich unter Umständen da draußen herumtreibt, kann Menschen manipulieren, vor allem nachts.«
»Was denn, reden Sie jetzt von der Geisterstunde und solchem Zeug?«
»Gehen Sie einfach nicht nachts aufs Gelände«, wiederholte Nyvysk mit mehr Nachdruck.
»Schon gut, schon gut.«
»Und ich brauche Ihre Hilfe bei etwas, falls Sie nichts dagegen haben.«
Westmore hatte nichts anderes zu tun. Außer endlich mit meinem Bericht anzufangen. »Sicher.«
»Gehen wir rauf ins Scharlachrote Zimmer.«
Diesmal warf Mack ihnen einen besorgteren Blick zu. »Sie beide haben echt Mumm, um diese Zeit da reinzugehen.«
»Warum, Mack?«, fragte Nyvysk herausfordernd.
»Der Raum ist schon tagsüber unheimlich genug. Aber wenn Sie unbedingt Albträume haben wollen, nur zu.«
Westmore folgte Nyvysk fünf gewundene Treppen hinauf. Von hinten wirkte der Mann mit dem langen Haar und den breiten Schultern in der spärlichen Beleuchtung wie ein Koloss. Jedes Stockwerk schien von einer körnigeren Dunkelheit erfüllt zu sein – und von einer Geräuschlosigkeit, die irgendwie über gewöhnliche Stille hinausging.
»Sind Sie schon gläubig, Mr. Westmore?«, erkundigte sich Nyvysk, der ihm nach wie vor den Rücken zukehrte. Seine tiefe Stimme hallte wider.
»Ich bin aufgeschlossen«, antwortete Westmore. »Aber ich habe noch keine Geister gesehen.«
»Was ist mit Mack? Er hält das alles für einen Scherz, bei dem er sich als Unbeteiligter vergnügen kann.«
Westmore zuckte mit den Schultern. »Er ist Vivicas Laufbursche.«
»Aber ist das alles? Ich weiß es nicht. Er scheint mir auch Hildreth nahegestanden zu haben. Und er weiß so ziemlich alles über das Haus.«
»Dann ist er wohl der Laufbursche der Familie. Wenn Sie es genau wissen wollen, ich halte nicht viel von ihm. Ich glaube, er mag keinen hier und gibt sich bloß unheimlich cool.«
»Vielleicht ist er Vivicas Spion.«
Na ja, das bin eigentlich ich. »Vielleicht. Oder er kümmert sich wirklich nur darum, dass wir das Haus nicht in seine Einzelteile zerlegen. Die Villa und das ganze Mobiliar dürfte locker 20 Millionen gekostet haben.«
Nyvysk bog auf den nächsten Treppenabsatz zum fünften Stock. »Ich traue Mack nicht.«
»Aber Sie vertrauen mir genug, um mir das zu sagen?«
»Ja«, erwiderte der Mann leiser, bevor er mehr an sich selbst gewandt hinzufügte: »Unter Umständen sind Sie der einzige Vertrauenswürdige hier.«
Westmore freute sich über die Bemerkung, aber nicht zu sehr. Vielleicht spielte Nyvysk auch nur mit ihm und versuchte, ihn zu manipulieren. Westmore fühlte sich an diesem Ort völlig blind. Aber die Bedeutung von Nyvysks Aussage entging ihm keineswegs. Etwas an diesem Haus oder diesen speziellen Menschen – oder beidem – schürte ziemlichen Argwohn. Er wünschte, er könnte Nyvysk seine Absicht mitteilen, Hildreths Grab am nächsten Tag zu öffnen ... doch dann überlegte er es sich anders.
Westmore wusste, dass er niemandem davon erzählen durfte.
Vielleicht ist es Vivica, die in Wirklichkeit manipuliert wird. Von Mack oder Karen ...
»Da sind wir.« Nyvysk blieb unvermittelt stehen. Er wirkte verunsichert. Vor ihm befand sich eine üppig beschnitzte Tür. Auf dem Boden erblickte Westmore drei zylindrische Geräte mit Gittern an der Vorderseite, die wie aufwendige Luftreiniger aussahen.
»Was ist das?«
»Das sind Gauss-Sensoren, die neueste Generation. Ich brauche Ihre Hilfe, um sie im Raum aufzustellen, einander zugewandt an drei möglichst weit voneinander entfernten Stellen. Sie sind ein wenig schwer – die Geräte verfügen über tragbare Akkusätze, die ich jeden Tag aufladen muss. Aber wenn Sie fertig sind ...« Er hob eine Kabelrolle vom Boden auf. »Schließen Sie das hier bitte an die Videoanlage an. Sollte nicht mehr als ein paar Minuten dauern.«
»Klingt nach einem Kinderspiel.« Westmore schnappte eins der Geräte und nahm das Kabel entgegen. Nyvysk hielt ihm die Tür auf und tat dann einen Schritt zurück. »Kommen Sie nicht mit rein?«
Nyvysk schüttelte den Kopf.
Westmore runzelte die Stirn. »Stimmt etwas nicht?«
»Ich erkläre es Ihnen, wenn Sie fertig sind. Ich kann den Raum nicht betreten.«
Westmore ging hinein. Aus der plötzlich merkwürdigen Haltung des Mannes wurde er überhaupt nicht schlau. Na, egal. Es interessierte ihn nicht weiter. Er wollte sich das berüchtigte Scharlachrote Zimmer ohnehin einmal genauer ansehen.
Gedämpftes Licht von elektrischen Wandleuchten erfüllte den Raum mit einer feierlichen Stimmung. Das ist also der Raum. Hier haben Hildreth und seine Männer all diese Menschen ermordet. Er verstand Macks Bemerkung über das Zimmer auf Anhieb: Selbst jemand, der nicht an das Übernatürliche glaubte, fühlte sich hier unwillkürlich unwohl.
Aber warum war Nyvysk nicht mit hereingekommen?
Alles war rot. Möbel, Teppiche, Wandbehänge. Merkwürdig fand er nur, dass in der Mitte des Raums kein einziger Einrichtungsgegenstand zu finden war. Zusammen mit dem gedämpften, getönten Licht umgab ihn absolute Stille.
Er stellte die Sensoren nach Nyvysks Vorgaben auf, dann schloss er das Kabel an die seitliche Buchse der Kommunikationsanlage an. So. Ein Klacks. Fertig.
Die einschneidendsten Eindrücke ereilten ihn, als er über den Teppich zur Tür zurücklief. Sein Magen krampfte sich zusammen. Hier haben Leichen und Körperteile gelegen, dachte er. Vor drei Wochen war der Teppich, über den ich gerade laufe, blutgetränkt. Als er den Flur erreichte, fiel die Beklommenheit sofort von ihm ab.
»Alles aufgebaut?«, fragte Nyvysk.
»Ja. Wollen Sie nicht nachsehen, um sich zu vergewissern, dass ich alles richtig gemacht habe?«
Erneut schüttelte Nyvysk den Kopf.
Westmore zündete sich eine Zigarette an und musterte sein Gegenüber. »Es hat mir nichts ausgemacht, aber ... Sie hätten es genauso schnell erledigen können wie ich. Wieso wollten Sie den Raum nicht betreten?«
Nervös strich sich Nyvysk die Haare zurück und ging zurück zur Treppe. »Ich fürchte mich zu sehr davor«, gestand er schließlich.
Westmore starrte den groß gewachsenen Mann ungläubig an. »Jetzt hören Sie aber auf. Sie sehen mir nicht wie jemand aus, der sich vor viel fürchtet. Wovor haben Sie genau Angst? Vor den Geistern?« Westmore lächelte. »Ich hab da drin keine gesehen.«
»Lassen Sie mich Ihnen einige Aufnahmen der Stimmphänomene vorspielen«, erwiderte Nyvysk nur.
In der Kommunikationszentrale im dritten Stock beschäftigte sich Nyvysk still mit seiner Ausrüstung und schien an einem großen Computer auf Audiodateien zu klicken. »Hören Sie sich das mal an. Das sind Stimmen, die in einem der Salons aufgezeichnet wurden.«
Westmore hielt ein Ohr an den Lautsprecher. Anfangs hörte er nur ein kaum wahrnehmbares Rauschen. Dann:
Eine kratzige Stimme aus weiter Ferne, eine Frau: »Sieh nur.«
Eine andere Frau: »Wer sind die?«
Mehrere Sekunden Stille, dann eine Männerstimme: »Ich will etwas in Stücke schneiden.«
Westmore strich sich mit den Fingern über das Kinn. »Interessant.«
»Hier ist eine Aufnahme aus dem Korridor, der zur Treppe zum ersten Stock führt.«
Westmore lauschte aufmerksam und fasziniert. Er hörte ein leises Pochen, als liefe jemand wankend. »Wo ist mein Messer?«, fragte ein Mann.
Eine Frau: »Ich glaube, du hast es in dem Eimer mit dem Blut gelassen.«
»Wo ist Jaz?«
»Er bringt die Köpfe nach unten, wenn er mit dem Ficken fertig ist ...«
Westmore richtete sich vom Lautsprecher auf. »Wann wurden diese Stimmen aufgenommen?«
»Heute.«
Den Namen hatte er in seiner schockierenden Unterhaltung mit Karen schon einmal gehört. Jaz. Der Typ mit dem Schwanz wie eine Knackwurst.
»Ich habe noch rund ein Dutzend davon, allein von heute«, sagte Nyvysk. »Sie müssen sich nicht alle anhören, das war repräsentativ für den Rest. Oh, und ich weiß, was Sie gerade denken. Tonaufnahmen sind ein ziemlich lahmer Beweis für einen Spuk.«
»Das denke ich tatsächlich. Das könnte problemlos inszeniert oder mit technischen Mitteln erzeugt worden sein.«
»Natürlich. Allerdings suchen wir nicht mehr nach Beweisen; wir sind überzeugt davon, dass wir es mit einem geladenen Haus zu tun haben. Von unserem Standpunkt aus dienen diese Botschaften als Informationsquelle. Es spielt keine Rolle, ob Sie daran glauben. Wir tun es, daher gehen wir auf praktische Weise weiter vor.«
Natürlich. Westmore verkörperte hier den Außenseiter. »Aber sofern diese Aufnahmen echt sind, gebe ich gerne zu ... dass hier etwas Großes läuft.«
»Aus Ihrer Sicht, ja. Sie haben so etwas noch nie erlebt. Aber aus der Sicht eines übersinnlich Begabten oder eines Technikers wie mir ... Wir haben solche Dinge schon tausendfach gehört. Uns überrascht das nicht im Geringsten.«
»Und was hat das damit zu tun, dass Sie sich fürchten, das Scharlachrote Zimmer zu betreten?«
Nyvysk klickte auf eine weitere Datei.
»Erfreue dich an ihm, erfreue dich daran, was dich erwartet«, flüsterte eine dünne Stimme nach einigen Sekunden Stille. »Frohlocke und reich uns die Hände ...«
Die Stimme klang männlich und hatte einen unverkennbaren arabischen Akzent. »So wie dieser Ort stirbt meine Liebe nie. Ich liebe dich.«
Westmore beugte sich näher heran.
»Ich warte auf dich, Alexander. Spann mich nicht zu lange auf die Folter.«
»Wer ist Alexander?«, fragte Westmore.
»Das bin ich«, antwortete Nyvysk.
Westmore starrte ihn an.
»Und die Stimme gehört einem 20-jährigen kurdischen Exorzisten namens Saeed. Ich habe mich vor 20 Jahren im Irak sozusagen in ihn verliebt.«
»Also sind Sie, äh ...«
»Ich bin schwul, genau. Ich persönlich glaube nicht, dass Gott ein Problem damit hat, aber die katholische Kirche glaubt es. Deshalb habe ich vor langer Zeit die Priesterschaft abgelegt. Trotzdem habe ich bis zum heutigen Tag mein Zölibatsgelübde nicht gebrochen.«
Da platzte die Bombe.
»Jeder in diesem Haus hat ein Geheimnis, Mr. Westmore. Ich vermute, für Sie gilt das genauso. Jedenfalls ist der junge Mann aus dieser Aufnahme im Scharlachroten Zimmer seit jenem Tag tot, an dem ich ihm begegnet bin. Ich sollte ihn später treffen, habe mich aber in letzter Minute dagegen entschieden, vermutlich stand mir mein eigenes Gewissen im Weg. Er wurde von Straßenräubern ermordet, die ihm in einer Gasse in der Nähe eines ehemaligen Marktplatzes der alten Stadt Ninive auflauerten.«
Großer Gott, dachte Westmore.
Nyvysk führte ihn hinaus. »Es gibt keinen Grund für Sie, hierzubleiben, die Bänder sind alle ähnlich und bedrückend obendrein. Bis morgen habe ich die Ionensensoren in Betrieb genommen. Ich bin sicher, Sie werden fasziniert von den Ergebnissen sein.«
Westmore verließ sich darauf. Er würde sich demnächst schlafen legen und konnte dann auf Stimmen in seinem Kopf ganz gut verzichten. »Lassen Sie mich rasch nach der Frau vom Schlüsseldienst sehen, wenn wir schon mal hier oben sind«, meinte er auf der Suche nach einer Ablenkung. Geheimnisse, dachte er. Ja, er vermutete, an diesem Ort gab es alle möglichen Geheimnisse.
Im Büro fehlte von Vanni jede Spur. »Ich frage mich, wo sie steckt.« Der Wandtresor war nach wie vor verschlossen.
»Wo ist dieser Safe genau?«, fragte Nyvysk.
Westmore zeigte hin. »Ein Paradebeispiel für ein Geheimnis. Hinter zwei Gemälden und einer Kommode versteckt.«
Nyvysk blickte auf die beiden an der Wand lehnenden Rahmen und hob den Kupferstich auf. »Oh, das ist ja mal sehr interessant.«
»Warum?«
»Es scheint sich um das Original eines deutschen Kupferstechers namens Stettin Albrecht zu handeln. Er war bekannt dafür, sich mit Okkultismus zu beschäftigen und Auftragsarbeiten für reiche satanische Gesellschaften anzufertigen.«
»Und warum ist er so wichtig, dass Hildreth das Werk versteckt hat?«
»Niemand weiß, wie echt Albrecht war, aber es steht ziemlich fest, dass seine Auftraggeber nicht echt waren, mit anderen Worten, keine echten Satanisten. Bloß gelangweilte und höchst verdorbene reiche Leute, die sich den Anstrich von Satanisten geben wollten, weil eine ›satanische‹ Orgie aufregender als eine gewöhnliche Orgie war. Diese Gesellschaften suchten lediglich nach einem außergewöhnlichen Vorwand für Sex und taten so, als wäre ihre Anbetung Satans eine heimliche Revolution, ein Aufbegehren gegen die äußerst repressive Kirche. Albrecht wurde von solchen Leuten damit beauftragt, Porträts von Luzifer und anderen Dämonen anzufertigen. Wenn das hier ein Original ist, bewegt sich der Wert im unteren sechsstelligen Bereich.«
Kopfschüttelnd betrachtete Westmore das Motiv. »Ich verstehe zwar nicht viel von Kupferstichen, aber der hier sieht mir nicht einmal besonders gelungen aus.«
»Nein, Albrecht war nicht gerade berühmt für außerordentliches Geschick oder Talent. Im Wesentlichen war er ein Kleckser mit Blechplatten und einem Stichel. Ausschlaggebend für einen hohen Verkaufspreis sind Zustand und Alter des Werks. Aber ...« Nyvysks Blick wanderte über die Platte. »Ich bezweifle, dass Hildreth es aufgrund seines Sammlerwerts erstanden hat.«
»Weshalb dann?«
»Das ist ... beunruhigend.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Schauen Sie sich mal den Kupferstich im Kupferstich an.« Nyvysk deutete mit einem großen Finger darauf.
»Sieht wie ein Monster aus«, fand Westmore.
»Kein Monster. Ein Dämon – und dieser Kupferstich scheint die einzige künstlerische Darstellung der Kreatur zu sein. In der Regel wurde Albrecht damit beauftragt, Bildnisse bekannterer Dämonen wie Asmodeus, Baal und ihresgleichen anzufertigen. Genau wie Künstler auf Jahrmärkten eher die Porträts berühmter Baseballspieler malen. Da findet man eher selten Spieler aus der dritten Liga, oder? Ich meine damit diesen Dämon hier. Er ist im Reich des Okkulten eine ziemliche Randfigur.«
Nyvysk deutete auf den Text. ICH, WIE ICH ES WAGE, DAS ANTLITZ AUS MEINER VISION NACHZUBILDEN: BELARIUS.
»Belarius?« Westmore dachte zurück an seinen Literaturunterricht. »Wenn ich genauer darüber nachdenke, klingelt bei dem Namen etwas. Das ist eine Figur bei Shakespeare, richtig? Aus König Zymbelin?«
»Ich fürchte, dieser Belarius unterscheidet sich völlig von Shakespeares verliebtem Kriegsherrn. Belarius war Luzifers erster Diener in der Hölle und laut diversen Kompendien belohnte ihn Luzifer für seine Loyalität. Er wurde zum Sexus Cyning gemacht, was aus dem Altenglischen stammt und so viel bedeutet wie Herr der Lust, Meister des Sex, so etwas in der Art. Wenn Luzifer der Fürst der Dunkelheit ist, dann ist Belarius der Fürst der Fleischeslust.«
Missmutig stellte Nyvysk den Rahmen zurück. Seine Augen weiteten sich, als versetzte ihn eine plötzliche Erkenntnis in Todesangst.
»Was ist jetzt schon wieder?«, fragte Westmore, verärgert von der plötzlichen Undurchschaubarkeit des Mannes. Für ihn war ein Dämon ein Dämon. Genau wie römische Götter oder Natursymbole der Mythologie.
»Folgen Sie mir.«
Nyvysk führte ihn zurück in die Kommunikationszentrale. Er klickte auf eine weitere Audiodatei. »Das stammt aus dem Salon, in dem die Prostituierten enthauptet wurden.«
Westmore konnte nur ein kaum vernehmliches Dröhnen hören, als lauschte er einem leeren Tonband in voller Lautstärke.
Dann ertönte es – eine trillernde, tiefe Stimme sprach eine Gruppe bleierner Silben: »Belarius ...«