Kapitel 10
I
Westmore würde niemals etwas bei ihr versuchen. Willis hatte eine Heidenangst vor Sex. Mack mochte sie nicht. Nyvysk war schwul. Adrianne und Cathleen hielt sie für völlig durchgeknallt. Warum also sollte es Karen kümmern, was die Leute von ihr hielten?
Nur zu, nennt mich ruhig eine Schlampe.
Sie selbst zog es vor, sich als ungehemmt zu bezeichnen. Es kam ihr ganz natürlich und selbstverständlich vor. Wenn jemand spannen will, ist mir das egal ... Sie legte den knappen Bikini ab und stand splitternackt mitten auf dem sonnigen Innenhof. Die Sonne fühlte sich herrlich auf ihrer Haut an und erinnerte sie daran, warum sie Florida so liebte.
Sie streckte sich auf einem steinernen Klubsessel mit wetterbeständigem Polster aus. Der Springbrunnen war abgeschaltet worden, sodass der Wasserspeier sie mit trockenem Mund lüstern anzustarren schien. Beete mit Taglilien, Mimosen und Kreuzblumen blühten in verschiedenen Orangetönen. Karen roch ihre üppige Süße. Sie schloss hinter der Sonnenbrille die Augen und die Welt wechselte von gleißend zu schwarz.
Karen versuchte, ihren Geist freizumachen, aber ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Westmore zurück. Eigentlich war er überhaupt nicht ihr Typ – vielleicht erklärte gerade das, weshalb sie sich so hingezogen zu ihm fühlte. Nach 20 Jahren, die sie mit den falschen Kerlen geschlafen hatte, fing sie vielleicht endlich an, ein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. Jemand, der anständig und klug war. Eine angenehme Abwechslung. Nur spielt das keine Rolle, weil er nicht mitziehen wird, dachte sie. Ja, er ist klug. Klug genug, um sich nicht auf mich einzulassen ...
Erfolglos versuchte sie, sich der Fantasie zu widersetzen, und stellte sich vor, Westmore wäre jetzt bei ihr, hier draußen, sie beide nur in Sonnenlicht gehüllt. Sein Mund befand sich auf ihrem, dann wanderte er tiefer. Seine Hände kneteten ihr Fleisch. Das Gefühl seines Körpers an ihrem ergänzte die wohlige Wärme der Sonne. Karen fühlte sich ekstatisch ...
Als sie in den Schlaf hinüberglitt, begleitete Westmore sie. Mittlerweile befand sich sein Mund zwischen ihren Schenkeln und seine Zunge leckte sie. Karens Nerven fühlten sich wie ein Geflecht von gespannten Federn an, die jeden Moment zerspringen konnten.
Dann fühlte sich plötzlich etwas ... falsch an.
Die Zunge, die in sie stieß, schien unmöglich lang zu sein – röhrenförmig gestrecktes Fleisch. War sie gegabelt? Karens Augen quollen vor und als sie die Lider aufschlug, befand sie sich nicht mehr im Innenhof der Villa. Stattdessen lag sie auf dem kahlen Steinboden einer verliesartigen Zelle. Durch rauchende Löcher in der Mauer flackerte orangefarbener Feuerschein herein.
Wo bin ich?, dachte sie verstört.
Durch eines der kantigen Löcher in der Wand erspähte sie in der Ferne etwas, eine Art Tempel, der auf einer von Nebel dunstigen Anhöhe kauerte. Das Bauwerk hatte die Farbe von Fleisch. Arterien schienen sich über die vorderen Säulen und die Seitenwände zu erstrecken. Aber als sich die Empfindungen tief in ihrer Lendengegend zu verstärken begannen, löste sie die Aufmerksamkeit von dem Tempel, weil ihr etwas anderes auffiel.
Es war nicht Westmore, der sie unterhalb der Gürtellinie bearbeitete, sondern Jaz.
Karen schrie. Jaz grinste, ein Grinsen voller Fänge, und er zog eine von Adern durchzogene, 30 Zentimeter lange, gegabelte Zunge zurück, schwarz wie die einer Eidechse. Seine Stirn kräuselte sich, seine Haut war rötlich, seine Augen leuchteten blutig. Aus der Stirn ragten zwei dicke Knoten und die Hände, die ihre Schenkel umfassten, wiesen Klauen auf.
»Mum! Hilfe!«
Der flehentliche Ruf war unverkennbar. Er kam von Darlene, ihrer Tochter. Karen schrie doppelt so heftig, als sie sie entdeckte: Das Mädchen hing nackt mit dem Kopf nach unten. Blankes Grauen sprach aus ihren jungen Augen.
Dreiei, genauso gehörnt und mutiert wie Jaz, stand mit einem sichelförmigen Messer neben Darlene.
»Hängt sie neben ihre Tochter«, befahl eine Stimme.
Es war Hildreth, der allein in einer Ecke der Zelle stand.
Die klauenbewehrten Hände, die Karens Knie an ihr Gesicht gedrückt hatten, zerrten sie nun an den Haaren hoch. An diesem bösen Ort, wo immer er sich befinden mochte, waren ihre großen Brüste noch größer, ihre Hüften breiter, ihre Kurven extremer. Es lag an diesem Platz, eindeutig – er hatte ihren Körper verändert, aber zu welchem Zweck?
Die Kreatur, zu der Jaz geworden war, drückte ihr Gesicht gegen ein weiteres Loch in der Wand.
»Sieh genau hin, meine Liebe«, erklang Hildreths Stimme. »Wirf einen Blick auf dich selbst in deiner Welt. Kannst du es sehen? Siehst du, was die Akoluthen des Belarius mit dir machen?«
Karen sah es.
Sie beobachtete sich selbst auf dem Innenhof. Und sie wurde auf dem Klubsessel von etwas malträtiert, das man nur als gelatineartige Schatten beschreiben konnte. Die Kreaturen vergewaltigten sie im Rudel, während eine zweite Ausgabe von Hildreth danebenstand und das Treiben beobachtete. Er befand sich gleichzeitig hier und dort.
»Und weißt du was, Karen?«, fragte sein Abbild in der Zelle. »Du genießt jeden Moment ihrer Bemühungen. Das ist die Natur wahrer, unverfälschter Lust.«
Voller Grauen wurde Karen Zeugin dessen, was mit ihr angestellt wurde, während die Hand, die ihr Haar gepackt hatte, fester daran zog. Unter ihr erbrach der Wasserspeier in der Mitte des Springbrunnens Blut ...
»Lust ruft sie herbei. Warum sonst hätte ich mich für ein solches Haus entscheiden sollen?«
Karen konnte geistig nicht verarbeiten, was Hildreth sagte. Ihre Angst loderte durch sie hindurch. Sie kreischte so laut und schrill wie die Pfeife einer Lokomotive, als sie zu Boden geworfen wurde und man ihre Fußgelenke mit etwas fesselte, das sich wie ein schleimiges Seil anfühlte. Dann wurde sie mit dem Kopf nach unten auf einen Haken neben ihre Tochter gehängt.
Hildreth lächelte mit einem verschlagenen Leuchten in den Augen. »Mutter und Kind. Was für eine passende Hommage.«
Darlene schrie als Erste, ein mitleiderregendes Geheul geschändeter Unschuld. Dreiei sägte mit dem krummen Messer in das Fleisch ihres Halses. Aus der knochentiefen Wunde strömte Blut wie Wasser aus einem Hahn und ergoss sich in einen Trog, der unter ihnen stand.
»Keine Sorge, Karen«, beschwichtigte Hildreth. »Das ist nur ein Traum, aus dem wir dich entführt haben. Es war deine Lust, die uns den Zugang verschafft hat.«
Jaz schnitt in Karens Hals. Seltsamerweise empfand sie keine Schmerzen, lediglich das Gefühl, geleert zu werden.
»Es ist nur ein Traum, nur ein Traum. Bitte, Karen. Hilf mir, meine Träume zu verwirklichen.«
Sie zuckte an dem Haken, während ihr Blut in den Trog hineinschoss.
»Gut, gut. Vergieß es ordentlich. Es ist so wunderschön, nicht wahr?«
Als nichts mehr übrig war, wurden ihre Köpfe abgeschnitten und zu Boden geworfen. Karen konnte immer noch sehen. Ihr enthaupteter Körper und der ihrer Tochter hingen über ihr. Jaz und Dreiei fuhren mit den Händen über die Leiber, von den Fußgelenken bis zur Hüfte, dann von der Hüfte bis zum Hals, um auch noch die letzten Tropfen herauszupressen.
»Gut«, sagte Hildreth. »Und jetzt bemalt die Wände damit.«
Unterdessen trug Hildreth beide Köpfe zu einem Holztisch mit einer handbetriebenen Presse. Karen konnte immer noch zusehen, als ihr Kopf auf die Druckplatte gelegt wurde. Die Vorrichtung wurde mit einer Handkurbel enger und enger geschraubt, bis die Knochen nachgaben, ihr Gehirn durch den Mund, die Ohren und die Nase gepresst und der Schädel schließlich flach zusammengequetscht wurde.
II
Das Mädchen schlief in Clements’ Bett. Das Mädchen, dachte er stirnrunzelnd. Mittlerweile kannte er ihren Namen. Connie. Und er war im Begriff, ihr in gewisser Weise zu verfallen. Ein Crack-Junkie, eine Prostituierte. Er lachte in sich hinein. Es war ihm egal. Von dem Dreckszeug konnte er sie immer noch losbekommen, wenn diese andere Sache ausgestanden war. Clements blieb fest entschlossen, es zu einem Ende zu bringen, auch wenn er es selbst erledigen musste. Danach würde er für Connie einen langfristigen Entzug organisieren. Was es kostete, interessierte ihn nicht. Er war entweder sehr aufrichtig oder der größte Trottel auf Erden.
Zuvor hatte sie ihm bei der Villa geholfen. Er stellte sein Mobiltelefon auf Vibrationsalarm und sie hielt mit dem Fernglas Ausschau für den Fall, dass Vivica Hildreth im Haus aufkreuzte. Vivica Hildreth war die Einzige, die Clements’ Äußeres kannte und daher sofort entlarvt hätte, dass es sich bei dem Mann in Kammerjägeruniform in Wahrheit um einen ehemaligen Polizisten handelte.
Während er im Atrium so getan hatte, als sprühte er Chemie gegen Ungeziefer, holte er heimlich die CDs aus dem sprachaktivierten digitalen Rekorder, den er unter der Couch in der Mitte des Raums versteckt hatte, und tauschte sie durch leere CD-Rohlinge aus. Die Informationen über Hildreths Servicevertrag stammten von dem Mann, dem die Bayside-Schädlingsbekämpfung gehörte. Clements hatte einst – mit nicht gerade ethischen Mitteln – den Koksdealer hochgenommen, der die Tochter des Besitzers süchtig gemacht hatte. Dieser war ihm noch einen Gefallen schuldig gewesen.
Jetzt musste er sich nur noch die fünf CDs mit sprachaktivierten Aufnahmen anhören. Es würde eine lange Nacht werden.
Schon auf dem ersten Datenträger fanden sich einige längere Unterhaltungen. Nyvysk und die drei übersinnlich Begabten waren mittlerweile alle eingetroffen – ein wirklich verrückter Haufen. Sie hatten von kosmischen Vergewaltigungen geredet, als wären sie tatsächlich passiert. Astralwanderungen. Sie zeigten sich überzeugt davon, dass Hildreth ein wahrer Satanist gewesen und das Haus »geladen« sei, was immer das bedeuten mochte. Dass sie kommen würden, hatte Clements dank der Wanze, die er in Vivica Hildreths Penthouse eingeschleust hatte, im Voraus gewusst. Nun befanden sich in dem Haus außerdem zwei Angestellte von Hildreth und dieser Schriftsteller.
Letzterer verkörperte das schwache Glied in der Kette.
Aber es war noch kein Wort über Debbie Rodenbaugh gefallen.
Ja, es würde eine lange Nacht werden. Mr. Johnnie Walker Black war ebenso anwesend, um ihm Gesellschaft zu leisten, wie der Marlboro Man. Vielleicht wusste einer dieser Spinner etwas über Debbie und darüber, was ihr wirklich zugestoßen war.
Clements betrachtete das Foto auf dem Lebenslauf des Journalisten Richard Westmore. Er tippte mit einem Finger darauf.
Den da nehme ich ins Visier, dachte sich Clements.
Viel später in dieser Nacht hörte Clements eine verzerrte Stimme, die an- und abzuschwellen schien. Im Hintergrund vermeinte er, aus weiter Ferne Schreie wahrzunehmen. Die knisternde Stimme sagte: »Clements! Komm in unsere Mitte und werde einer von uns! Wir wissen, dass du zuhörst ...«
III
Westmore war speiübel.
Wie gelähmt saß er da und starrte auf den Bildschirm. Oh mein Gott. Was ist das nur für eine kranke, kranke Welt ... Wie konnten Menschen solche Dinge tun? Was zwang den menschlichen Willen dazu, sich an solchen Perversionen zu beteiligen? Wie konnten Menschen überhaupt zu so etwas in der Lage sein?
Westmore konnte sich nur eine einzige Antwort zusammenreimen.
Es war böse. So musste es sein. Eine andere Erklärung gab es nicht.
Mehrere der DVDs am unteren Ende des Stapels unterschieden sich von den anderen. Keine sexuellen Eskapaden mit lächerlicher Handlung und grauenhaften Dialogen. Diese Filme entsprachen nicht der Kost, die man im Erotikladen um die Ecke finden würde.
Es handelte sich vielmehr um mitgeschnittene Vergewaltigungen.
Und andere Dinge. Prügel. Sadismus. Sex mit Tieren. Das Schlimmste, das die Menschheit zu bieten hatte, spielte sich dank Reginald Hildreth unmittelbar vor seinen Augen ab. Männer in Masken verkörperten in diesen Fällen die männlichen Protagonisten, zwei davon waren Hildreths Handlanger: Jaz und Dreiei. Junge Frauen – vermutlich Prostituierte oder obdachlose Straßenmädchen – wurden vor dem teilnahmslosen Objektiv der Kamera geschlagen und vergewaltigt. Entweder knebelte man sie oder ließ sie lauthals schreien, was besonders kranke Betrachter vermutlich noch mehr aufgeilte. Häufig verband man ihnen die Augen, um ihr Grauen zu steigern. Es gab mehrere dieser DVDs und alle waren an Orten entstanden, die Westmore wiedererkannte: Zimmer und Salons der Villa.
Ein weiterer Film dokumentierte ein Genitalpiercing – zumindest glaubte Westmore, dass man es so nannte. Eine halbe Stunde, die aus einem einzigen Aufnahmemotiv bestand: dem gespreizten Schambereich einer Frau. Die Vaginalöffnung der Unbekannten wurde mit einem Piercing nach dem anderen verschlossen, indem Chromringe die Schamlippen förmlich zusammennähten. Das Gesicht der Frau kam nie ins Bild, ebenso wenig der Rest ihres Körpers. Die Kamera bewegte sich nie.
Am Ende war Westmore schwindlig. Er brauchte mehrere Minuten, um die Fassung zurückzuerlangen, und als er glaubte, sich wieder im Griff zu haben, stand er auf, um das Büro zu verlassen, musste jedoch stattdessen ins Badezimmer rennen, wo er spontan in die Toilette kotzte.
Danach kehrte er durch das dunkle Treppenhaus ins Südatrium zurück. Seine Augen starrten blicklos ins Leere. Er erinnerte an jemanden, der gerade vom Beobachtungsfenster einer Hinrichtung weggetreten war.
»Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen«, stellte Cathleen fest, als er sich in den Raum schleppte.
»Vielleicht hat er das ja«, meldete sich Willis zu Wort.
Die gesamte Gruppe saß um den Besprechungstisch versammelt. »Ich wünschte, ich hätte einen Geist gesehen«, erwiderte Westmore und nahm Platz. »Tatsächlich habe ich etwas viel Schlimmeres gesehen.«
»Wovon reden Sie?«, fragte Adrianne.
»Ich habe die letzten Stunden damit verbracht, mir einige der ausgefalleneren Produktionen von T&T Enterprises anzusehen. Vergewaltigungsfilme.«
»T&T hat nie irgendwelches Untergrundmaterial gedreht«, warf Karen ein. »Es war immer genehmigte und legale Pornografie.«
»Dieses Zeug nicht. Es war übelkeiterregend. Wahrscheinlich etwas, das Hildreth nebenher zu seinem privaten Vergnügen produziert hat. Allmählich fange ich an, den wahren Hildreth zu erkennen. Der Typ war krank im Kopf.« Westmore fühlte sich immer noch ausgelaugt, von seinem eigenen Geist abgekoppelt. »Nur die kränksten Menschen der Welt würden solchen Dreck erregend finden. Es war kriminell.«
»Hildreth war ein kranker Mann«, pflichtete Nyvysk ihm bei. »Und es gibt viele Hildreths auf der Welt. Das geht über bloße Geisteskrankheit hinaus. Solche Menschen existieren nur, um das Böse fortbestehen zu lassen. Pornografie, Vergewaltigung, Erniedrigung – das sind die Werkzeuge, die sie benutzen, um dem Bösen Vorschub zu leisten.«
Westmore war nach wie vor zu übel, um dem theologischen Einwand zu widersprechen. Die Videobilder – die ausdruckslosen Gesichter, die blasse Haut, die Schreie, die Geräusche von Fäusten, die gegen Fleisch hämmerten –, suchten ihn am Tisch heim. Er hielt Ausschau nach einer Ablenkung ... und fand eine. Auf dem Tisch stand ein Gerät in der Größe eines Videorekorders. »Was ist das?«
»Wir hatten einen Eindringling«, erklärte Cathleen und drückte eine Zitrone in ihren Eistee aus.
»Wir werden abgehört«, fügte Willis hinzu.
Westmore zeigte sich entgeistert. »Was?«
»Das ist ein CD-Rekorder mit Sprachaktivierungssensor«, erklärte Nyvysk. »Er läuft nur, wenn jemand redet, daher passt auf eine Scheibe so ziemlich alles, was einen Tag lang in diesem Raum gesprochen wird. Ich habe ihn unter der Couch gefunden. Das Gerät ist an einen Funksendeempfänger angeschlossen, der sämtliche Geräusche im Raum durch dieses Mikrofon erfasst.« Der ehemalige Priester zeigte nach oben zum Kristallkronleuchter, der über dem Tisch hing.
Mit zusammengekniffenen Augen erkannte Westmore ein winziges Mikrofon, das an der Unterseite einer der Glühbirnen klebte. »Wer könnte uns verwanzt haben?«
Cathleen lachte. »Jemand, den Sie heute ins Haus gelassen haben.«
Westmore dachte zurück. »Der Kammerjäger?«
»Der Kammerjäger«, bestätigte Nyvysk.
»Aber er war ...«
»Wenn jemand schuld ist, dann ich«, gestand Karen. »Es war nicht der Mann, der sonst immer kommt. Ich hätte bei der Firma anrufen und nachfragen sollen, aber das habe ich nicht getan.« Kurz verstummte sie und runzelte die Stirn, offenbar wütend auf sich selbst. »Ich war verkatert und zu faul.«
Nyvysk ging zum Fernseher. »Es war reiner Zufall, dass ich es bemerkt habe. Ich saß in der Kommunikationszentrale, um meine Zusammenschaltungen zu überprüfen, als mir über die Videoanlage zufällig auffiel, wie der Mann hier herumspazierte. Also drückte ich die Aufnahmetaste der Kamera. Und hierbei habe ich ihn beobachtet ...« Der Fernseher ging an, und da war er: »Mike« von der Bayside-Schädlingsbekämpfung. Auf dem Bildschirm sprühte er Pestizid entlang der Sockelleiste, dann stellte er den Tank rasch ab, schaute sich suchend nach allen Seiten um und kniete sich dann vor die Couch. Er zog den Rekorder heraus und tauschte die CDs. Eine Minute später sprühte er weiter, als wäre nichts gewesen.
»Was sagt man dazu?«, stieß Westmore verblüfft hervor. »Warum hört er uns ab?«
»Vielleicht arbeitet er für Vivica«, meinte Adrianne.
Mack setzte am Ende des Tisches eine finstere Miene auf. »Warum sollte Vivica ihr eigenes Haus verwanzen? Ich arbeite für sie, schon vergessen? Und Karen auch. Wolltet ihr Übersinnlichen irgendetwas abziehen, was nicht astrein ist, würden Karen oder ich ihr sofort Bescheid geben.«
»Dann muss es die Polizei sein«, stellte Cathleen fest.
»Das ergibt auch keinen Sinn«, widersprach Westmore. »Die Polizei hat die Akte Hildreth geschlossen. Für sie war es mehrfacher Mord mit anschließendem Selbstmord. Alle sind tot. Wo soll es da noch einen Fall geben?« Aber noch während er die Worte aussprach, geriet er ins Grübeln. Vielleicht ist Vivica nicht die Einzige, die denkt, ihr Mann sei noch am Leben ...
»Es spielt eigentlich keine Rolle, wer uns weshalb abhört«, meinte Nyvysk. »Trotzdem ist es eigenartig.«
»Eigenartig?«, meldete sich Mack zu Wort. »Ich finde, das ist schon etwas mehr als eigenartig. Mich jedenfalls macht es ziemlich paranoid.«
»Niemand tut hier irgendwas Unrechtes«, erinnerte Nyvysk die anderen. »Wir befinden uns auf Einladung der Besitzerin im Haus. Es werden keine Verbrechen begangen. Für Laien sind wir bloß ein durchgeknallter Haufen von Geisterjägern und Mentalisten. Dass sich die Polizei dafür interessiert und damit Zeit vergeudet, erscheint mir höchst unlogisch.«
»Vielleicht ist es eine Zeitung«, fiel Westmore ein. »Damit würde man etliche Exemplare verkaufen. ›Mordhaus wird von berühmten Medien untersucht‹.«
Alle sahen Westmore während einer Phase längeren Schweigens an. »Darauf bin ich gar nicht gekommen«, gestand Nyvysk. »Und es fällt auf, dass gerade Sie derjenige sind, der es anspricht. Also sagen Sie uns, Mr. Westmore, für welche Zeitung arbeiten Sie?«
»Moment mal!«, protestierte Westmore sofort. »Ich arbeite für gar keine Zeitung mehr. Ich bin Freiberufler.«
»Sie könnten als Freiberufler ein Buch schreiben«, fügte Cathleen hinzu. »Das wäre ein Knüller!«
Ich und mein loses Mundwerk, ärgerte sich Westmore.
»Aber noch mal: Soweit es mich betrifft, spielt es kaum eine Rolle«, ergriff Nyvysk wieder das Wort. »Mr. Westmore hätte es kaum nötig, elektronische Wanzen einzuschleusen, wenn er sich bereits mitten unter uns befindet. Und genauso unsinnig wäre das Risiko, einen Außenstehenden dafür heranzuziehen, die CDs zu wechseln, obwohl er es selbst wesentlich einfacher erledigen könnte.«
»Danke«, sagte Westmore erleichtert.
Nyvysk fuhr fort. »Wir dürfen uns von diesem Vorfall nicht von unserem Ziel ablenken lassen. Es hat sich heute etwas weitaus Ernsteres ereignet und wir müssen darüber reden.«
Westmore sah sich um. Alle Gesichter am Tisch verfinsterten sich, vor allem das von Karen.
»Was ist passiert?«
»Ich hatte auch eines dieser Erlebnisse wie Cathleen und Adrianne«, klärte Karen ihn auf.
»Eines welcher Erlebnisse?«
»Eine paraplanare Vergewaltigung«, antwortete Nyvysk. »Ein körperloser sexueller Übergriff.«
Das schon wieder, dachte Westmore. Allerdings wirkte Karen niedergeschlagen, regelrecht gebrochen, und er wusste, dass sie nicht besonders an diesen übersinnlichen Kram glaubte. Zudem hielt er sie nicht für jemanden, der sich von der Macht der Suggestion beeinflussen ließ. Trotzdem schien sie extrem aufgewühlt zu sein.
»Und wo hat sich das zugetragen?«, fragte er.
»Im Innenhof.« Beim Gedanken daran verkrampfte sie. »Wahrscheinlich war es nur ein Traum.«
»Es war kein Traum«, zeigte sich Cathleen überzeugt. Dann stellte sie eine scheinbar irrelevante Frage. »Was haben Sie angehabt?«
Karens Schultern sackten herab. »Nichts. Ich habe mich gebräunt. Da niemand in der Nähe war, habe ich alles ausgezogen.«
»Mobilisierende Symbolik?«, fragte Nyvysk.
»Ich glaube ja«, antwortete Cathleen. »Dieses Haus ist sehr sexuell geprägt. Das haben wir alle bereits in dem Moment gefühlt, als wir es betraten. Als ich auf dem Friedhof mit meiner Halomantie beschäftigt war, trug ich ebenfalls keine Kleidung.«
»Und ich hatte bei meiner Astralwanderung nur einen BH und einen Slip an. Als ich in meinen Körper zurückkehrte, war mir beides ausgezogen worden.«
Vielleicht hast DU dich ja ausgezogen, dachte Westmore unwillkürlich.
»Kurz bevor es passiert ist«, wollte Cathleen von Karen wissen, »haben Sie da an etwas Sexuelles gedacht? Wenn ich eine Divination oder eine Séance abhalte oder einen Kontakt herzustellen versuche, denke ich an eine angenehme sexuelle Erfahrung aus meiner Vergangenheit zurück – nicht weil ich dadurch etwas herbeizurufen versuche, sondern weil es manchmal dabei hilft, mein Psi einzustimmen und meine Aufnahmefähigkeit zu schärfen.«
»Etwas Ähnliches mache ich vor einer Astralwanderung«, gestand Adrianne. »Orgastisch lebe ich seit mittlerweile Jahren enthaltsam – das muss ich –, aber sexuelle Gedanken schärfen meine Sinne und machen es mir leichter, mich von meinem Körper zu lösen.«
Westmore fühlte sich von dem Gerede wie benebelt. Orgastisch enthaltsam? An Sex denken, um das ›Psi‹ einzustimmen? Du meine Fresse, das ist nicht gerade Small Talk für eine Tupperparty. Er konnte kaum glauben, was er da so hörte. Und alle meinten das todernst.
»Was ist mit Ihnen, Karen?«, wiederholte Cathleen ihre ursprüngliche Frage.
»Oh Mann.« Karen – die nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen schien – wirkte plötzlich zutiefst verlegen. Ohne ihre Sonnenbräune hätte man noch deutlicher erkannt, wie sie errötete. »Ja, ich habe an Sex gedacht, bevor ich einschlief.«
»Sex mit jemand Bestimmtem?«, hakte Willis nach und schenkte sich Limonade ein.
»Ja.«
»Sex mit Hildreth oder einem der Männer, die hier gestorben sind? Oder einer der Frauen?«, erkundigte sich Cathleen.
»Gott, nein! Was macht es überhaupt für einen Unterschied, mit wem?«
»Ob Sie’s glauben oder nicht«, warf Nyvysk ein, »es könnte wichtig sein. An einem Ort wie diesem? Einige der stärksten menschlichen Emotionen stehen mit dem Sexualtrieb in Verbindung. Dasselbe kann für entsprechende unmenschliche oder körperlose Emotionen gelten. Dieses Haus ist geladen, was für Sie bedeutet, dass es voller Geister ist. Negativen Geistern, wahrscheinlich ausgesprochen sexuellen Geistern.«
Westmore saß nur da und hörte zu. Normalerweise hätte er sich darüber lustig gemacht. Aber jetzt?
»Na schön«, gab sich Karen geschlagen. »Ich ... hatte Fantasien. Über Westmore.«
Nun errötete Westmore. Na toll ...
Niemand sonst zeigte sich im Geringsten überrascht. Alle lauschten mit ernsten Mienen.
»Haben Sie zu diesem Zeitpunkt bereits geschlafen?«, fragte Willis. Er schob den Krug mit Limonade zu Westmore, dem auffiel, dass der Mann immer noch Strickhandschuhe trug.
»Es fing damit an, dass ich nur daran dachte ... mit Westmore Sex zu haben. Dann ging es in eine dieser Erfahrungen über, als ob man träumt. Man sieht den Traum, ist aber noch wach ...«
»Hypnopompe Halluzination«, platzten Nyvysk und Willis gleichzeitig heraus ...
Oder hypnopomper Stuss, ging Westmore durch den Kopf.
»... dann schlief ich ein, und Westmore blieb in dem Traum, allerdings ... nur für einige Augenblicke. Dann war ich woanders. In der Hölle, glaube ich. Jedenfalls sah ich Hildreth, Jaz und Dreiei – aber sie hatten Merkmale von Dämonen. Sie haben meine Tochter und mich umgebracht.«
»Dieser Ort ...«, ergriff Adrianne das Wort. »Ähnelte er einer Kirche, die aus Fleisch bestand? Etwas in der Art?«
»Nein«, gab Karen zurück und zündete sich eine Zigarette an, um ihr Unbehagen zu zerstreuen. »Er hat mich an eine Gefängniszelle erinnert, nur gab es Löcher in den Wänden. Durch eines der Löcher konnte ich tatsächlich etwas in der Art sehen, wie Sie es beschreiben. Einen Tempel, der aussah, als bestünde er aus Haut.«
»Genau das habe ich auch gesehen«, sagte Adrianne.
»Das Chirice Flaesc«, murmelte Nyvysk düster.
Adrianne horchte auf. »Das ist der Begriff, den die Gestalt in meiner Vision verwendet hat.«
»Der Tempel der Anbetung des Sexus Cyning«, fuhr der ältere Mann fort. »Laut den Morakis-Grimoiren und anderen wichtigen Werken der Dämonologie handelt es sich um eine aus Fleisch errichtete Kirche, den Hort des Fürsten der Fleischeslust ...«
»Belarius«, stieß Westmore hervor, der sich an Nyvysks Erklärung im Büro erinnerte. »Der Dämon von dem Kupferstich. Und Sie haben außerdem eine Stimme aufgezeichnet, die den Namen auf einem der Bänder nennt.«
»In meinem Traum hat Hildreth diesen Namen auch erwähnt«, bestätigte Karen. »Jetzt jagt mir das gleich noch mehr Angst ein.«
»Hildreths Puzzleteile fügen sich allmählich zusammen.« Zerstreut zupfte Nyvysk an seinem Bart. »Er könnte dieses Haus ohne Weiteres als Machtsymbol verwendet haben, um Belarius zu huldigen. Belarius ist ein äußerst sexueller Dämon, was zur Villa passt. Orgien, Prostituierte, Pornografie, Vergewaltigungsfilme. Die Opferungen am 3. April besaßen eindeutig einen sexuellen Hintergrund.« Er sah Willis an. »Die Zielobjektvisionen, die du unlängst hattest – du sagtest, Hildreth sei darin auch aufgetaucht, richtig?«
»Ja«, bestätigte Willis. »Im Jean-Brohou-Salon, wo den Prostituierten die Kehlen aufgeschlitzt wurden.« Er schloss die Augen und verstummte kurz. »Hildreth und zwei andere Männer.«
»Wahrscheinlich Jaz und dieser verfluchte Dreiei«, sagte Karen. »Ich habe sie mit Hildreth in der Zelle gesehen, bevor sie mich zwangen, mir selbst dabei zuzusehen, wie ich vergewaltigt wurde.«
»Aber wer hat Sie vergewaltigt?«, wollte Cathleen besorgt wissen.
»Nicht wer, was. Es waren Kreaturen. Sie erinnerten mich irgendwie an Schatten ...«
»Subkarnate Instanzen«, sagte Willis. »Ich habe sie in meiner Vision auch gesehen. Es war, als berühre man ein öliges Gas, anders kann ich es nicht beschreiben.«
»Und genau dieselben Biester haben mich in der Nähe von Hildreths Grab misshandelt«, steuerte Cathleen zur Unterhaltung bei. »Es war kein Wiedergänger Hildreths. Sie waren ... wie eine Horde von Ungeheuern, die ich nur teilweise fühlen konnte. Ich wurde schon früher von subkarnaten Instanzen angegriffen, aber noch nie auf diese Weise.«
Grinsend unterbrach Westmore die Diskussion. »Was um alles in der Welt ist eigentlich eine subkarnate Instanz? Ein Geist?«
»Nicht wirklich«, antwortete Nyvysk. »Und für einen Laien mag das völlig verwirrend klingen. Eine subkarnate Instanz ist eine überlebende Wesenheit, die versucht, Fleisch zu werden, die inkarniert werden will – das aber nicht kann, weil ihr physischer Körper bereits zerfallen ist.«
»Klingt für mich nach einem Geist«, beharrte Westmore.
»Oder weil sich der physische Körper woanders befindet«, fügte Nyvysk hinzu. »In einer anderen Sphäre beispielsweise. Aber Sie verstehen schon, worauf ich hinaus will.«
Ach wirklich? Tu ich das?, dachte Westmore.
»Starke Emotionen lebendiger Menschen ebenso wie Fragmente von Wiedergängern können subkarnate Instanzen anlocken«, fuhr Nyvysk fort. »Und das bringt mich wirklich ins Grübeln über dieses Haus.«
»Als wäre es eine Antenne, die von Hildreth justiert, mit noch mehr Fleischeslust kalibriert wurde«, mutmaßte Adrianne.
»Und letztlich auch mit rituellen Opferungen«, ergänzte Willis.
»Ja«, stimmte Nyvysk zu. »Aber ich weiß nicht wirklich etwas über die Villa aus der Zeit, bevor Hildreth sie gekauft hat.«
»Da müsste uns Mack weiterhelfen können«, sagte Karen.
»Wo ist er?«, fragte Cathleen.
»Wahrscheinlich gammelt er irgendwo rum«, fügte Karen mit einem Anflug von Sarkasmus hinzu.
»Gammeln? Dann kann unmöglich von mir die Rede sein.« Mack betrat den Raum und schaltete im Fernsehen eine Sportsendung ein. »Ich habe gerade mit dem verdammten Schlüsseldienst telefoniert. Der Typ sagt, Vanni muss wohl gekündigt haben, weil er sie nicht erreichen kann.«
»Vielleicht ...«, setzte Westmore an, überlegte es sich jedoch anders. Cathleen allerdings beendete den Satz für ihn. »Vielleicht hat sie hier etwas gesehen.«
Adrianne lachte. »Wäre nicht das erste Mal, dass eine subkarnate Instanz jemanden aus einem Haus verjagt hat.«
»Wie auch immer«, fuhr Mack fort. »Der Kerl, dem der Schlüsseldienst gehört, hat gemeint, er würde so bald wie möglich jemand anderen schicken.«
Damit verflogen Westmores Hoffnungen auf eine zeitnahe Öffnung des Tresors fürs Erste. Wahrscheinlich enthielt der Safe etwas, mit dem er selbst wesentlich mehr anfangen konnte, etwas Konkreteres als Geister, subkarnate Instanzen und dergleichen.
»Was wissen Sie über das Haus, Mack?«, wollte Karen wissen. »Aus der Zeit, bevor Hildreth es gekauft hat.«
»Hat es eine Geschichte?«, fügte Nyvysk hinzu.
»Jetzt, wo Sie’s erwähnen – ja.« Mack nahm am Tisch neben Westmore Platz. »Es stand schon immer im Ruf, ein Spukhaus zu sein. Anfang des 20. Jahrhunderts war es eine Anstalt der presbyterianischen Kirche, in der sie Priester weggesperrt haben.«
»Geistliche, nicht Priester«, berichtigte ihn Nyvysk.
»Wie Sie meinen. Wenn heute ein Priester oder Geistlicher dabei erwischt wird, dass er mit Kindern rummacht oder die halbe Gemeinde durchfickt, steht’s im Time Magazine. Aber damals wurde das alles unter den Teppich gekehrt. Am einen Tag war so ein Typ noch in seiner Kirche und hielt die Predigt, am nächsten Tag war er Geschichte und durch einen anderen ersetzt. Man brachte ihn mitten in der Nacht weg und steckte ihn hier rein, um ihn psychiatrisch zu behandeln und vor allem von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Anscheinend hatten einige dieser Typen echt einen schweren Dachschaden.«
»Mit anderen Worten: Probleme mit Sexsucht«, ergänzte Nyvysk.
»Ja.« Mack schenkte sich Limonade ein, dann legte er die Füße auf den Tisch. »Und während des Zweiten Weltkriegs bis hinein in die frühen 1950er Jahre war die Villa ein Bordell. Es hielt sich verdammt lange, weil die Puffmutter Verbindungen zu den Bullen hatte und sie dafür, dass sie nicht genau hinschauten, an den Gewinnen beteiligte. Das ging sogar nach den Morden noch so.«
»Nach den Morden?«, fragte Karen. »Ich wusste nicht, dass es hier schon mal andere Morde gab.«
»Oh ja, einige. Vor allem unmittelbar nach dem Krieg. Die Männer kamen aus Deutschland oder der Pazifikregion nach Hause, geil ohne Ende und traumatisiert vom Töten auf dem Schlachtfeld. Da schlugen einige schon mal über die Stränge, was damit endete, dass sie ein paar der Nutten umbrachten. Später gab’s auch eine Menge sexueller Unfälle, wenn die Kerle zu grob mit den Mädchen umsprangen und die ausgefalleneren Sachen zu weit trieben – auch dadurch kamen einige der Frauen ums Leben.«
»Interessant«, stellte Nyvysk fest. »Weitere Morde mit sexuellem Hintergrund. Sehr starke Hinweise auf Wiedergänger. Sex ist in der Tat ein wesentlicher Bestandteil der Ladung dieser Villa. Hier hat sich ein volles Jahrhundert negativer sexueller Energie aufgestaut.«
»Was genau bedeutet das?«, wollte Westmore wissen.
»Wir betrachten ein sogenanntes Spukhaus als ›geladenen‹ Ort. Ladungen können die Lebenden manipulieren, vor allem jene, die mental empfänglich sind. Nehmen wir etwa ein Haus, in dem mehrere Morde stattgefunden haben. Solche Morde hinterlassen gewissermaßen Rückstände; negative Energie, aus der körperlose Wesen, subkarnate Instanzen, Geister und dergleichen Kraft schöpfen. Betritt eine gemeingefährliche Person ein solches Haus, erhöht sich die Ladung. Die Ladung eines Hauses, in dem jemand Selbstmord verübt hat, wird stärker, wenn eine deprimierte oder suizidgefährdete Person ins Spiel kommt. Und hier?«
»Ein Doppelschlag«, meinte Cathleen.
»Richtig. Ein sexuell motivierter Mord erzeugt die stärkste Ladung, denn er beinhaltet zwei der stärksten menschlichen Emotionen: Hass und Lust. Solche Energie ist ein idealer Nährboden für die Entitäten, die wir hier erleben. Wirkt wie ein Katalysator, eine Art Ruf.«
Karen schaute auf. »Das hat Hildreth in meinem Albtraum gesagt. Er meinte, dass sie von Lust angelockt werden und er sich deshalb für dieses Haus entschieden hat.«
»Wen lockt Lust an?«, warf Westmore ein.
»Zum einen subkarnate Instanzen«, erklärte Cathleen. »Und potenziell auch jeden anderen Wiedergänger. Lust, Hass, Gier, Stolz ...«
»Soll das heißen«, folgerte Westmore, »dass solche Emotionen in Kombination mit Tragödien oder Sexualverbrechen ein Haus in eine Petrischale für Geister verwandeln?«
»In gewisser Weise ja«, bestätigte Nyvysk. »Man kann davon ausgehen, dass Hildreth eine sehr bewusste und gezielte Absicht verfolgte, als er sich für dieses Haus entschied und es in einen Hort der Pornografie verwandelte.«
»Welche Absicht?«, fragte Westmore.
»Er hat die Villa zu seiner eigenen Kirche gemacht«, sagte Cathleen.
Nyvysk nickte. »Einer Kirche zu Ehren von Belarius.«