Kapitel 11
I
Die nächsten Tage verstrichen ereignislos, zumindest ohne Ereignisse, die bei Westmore einen besonderen Eindruck hinterließen. Die Einzige, der er sich nahe fühlte, war Karen, aber selbst sie wirkte nun verändert. Weniger lebhaft, zurückhaltender, frei von dem beißenden Sarkasmus, den sie bei ihrer ersten Begegnung ausgestrahlt hatte. Und seit dem Vorfall auf dem Innenhof schien ihre unverhohlen sexuelle Aura geschwächt zu sein, umgeben von einer Mauer. Sie kleidete sich nicht einmal mehr aufreizend – an den meisten Tagen trug sie Jeans und eine weite Bluse. Und sie legte sich nicht mehr nackt zum Sonnenbaden ins Freie.
Westmore schrieb mehrere Stunden am Tag recht produktiv, obwohl er immer noch nicht sicher war, was er eigentlich schreiben sollte. Aber wenn die anderen sicher waren – und es klang eindeutig so, als wären sie es –, dann konnte er Vivica Hildreth etwas Relevantes berichten. Sie will genau wissen, was in diesem Haus in jeder Nacht vorging.
Mittlerweile wusste er es.
Es drehte sich alles um Belarius.
Aber er erinnerte sich an ihre wichtigste Anweisung an jenem Tag, als er sich mit ihr in ihrem Penthouse getroffen hatte: Mein Gatte hat sich auf irgendetwas vorbereitet, von dem er glaubte, dass es sich in Zukunft ereignen würde. Mich interessiert, worum es sich handelt und wann es passieren wird.
Worauf konnte er sich vorbereitet haben? Die Morde waren offensichtlich eine Art Ritus, eine Opferung.
Für Belarius?
Um ein bestimmtes Ereignis auszulösen, vermutete er. Bei etwas so Sinnlosem ergab das absolut Sinn. Der Schlüssel zu allem lag in Hildreth selbst, der – ungeachtet der Spekulationen seiner Frau – wahrscheinlich längst tot war. Was ihn wieder an die unangenehme Aufgabe erinnerte, die noch vor ihm lag. Westmore wusste, dass er bald in den Wald gehen und den Sarg ausgraben musste. Und zwar ohne dass jemand davon erfuhr, weil ihn sonst die volle Wucht von Vivicas Verschwiegenheitsvereinbarung treffen würde. Er wusste, dass sie zu den beißenden Hunden zählte; nicht zu jenen, die nur bellten.
In den kommenden Tagen stieß Westmore in der Villa auf einige Passagen, die man nur als Geheimgänge beschreiben konnte – ein paar Mal verirrte er sich sogar darin. Einer davon führte ins Scharlachrote Zimmer, ein anderer zu den eigenartigen, mit Brüstungen versehenen Laufstegen über dem Südatrium. Ein Dritter, der sich hinter einem Vorhang in Hildreths Büro verbarg, verzweigte zu mehreren sehr schmalen, hinter den Wänden eingebauten Treppen, die schließlich in ein kleines, fensterloses Zimmer mündeten, das irgendwo im ersten Stock des Gebäudes versteckt lag.
Die Villa entpuppte sich als seltsamer Ort, der zunehmend seltsamer wurde. Und Westmore entdeckte auch weitere DVDs. Ihm graute davor, sie sich anzusehen, aber er tat es trotzdem, weil er sich davon weitere Hinweise auf das geheimnisvolle Rodenbaugh-Mädchen erhoffte. Er fand jedoch keine. Die DVDs enthielten entweder Pornos von T&T oder weitere ekelerregende Vergewaltigungs- und Misshandlungsszenen. In einem sonst leeren Zimmer im ersten Stock stolperte er auf einer Ablage in einem Schrank über einige weitere Fotos. Sie zeigten die plumpe, übergewichtige Frau, die er auf der Halloween-DVD gesehen hatte. Faye Mullins, so hatte Karen sie genannt, wenn er sich korrekt erinnerte. Die Hausmeisterin. Auf den Bildern posierte sie verhalten lächelnd mit einigen der Stars und Sternchen von T&T, doch hinter jenem Lächeln lag unverkennbar unterdrücktes Elend. Die Frage drängte sich auf: Wo war Faye Mullins in der Nacht des 3. April gewesen?
Und wo steckte sie jetzt?
Westmore rief einen privaten Ermittler an, den er aus seinen Tagen bei der Zeitung kannte, und beauftragte ihn damit, Nachforschungen über Deborah Rodenbaugh anzustellen. Außerdem forderte er einen umfassenden Bericht über den Hintergrund und die Finanzverhältnisse von Hildreth an. Wie ist er so reich geworden? Vivica und andere behaupteten, er sei ein Finanzgenie gewesen, allerdings hatten oberflächliche Suchmaschinen-Recherchen von Westmore allesamt ins Leere geführt, was er als äußerst merkwürdig empfand.
»Haben Sie gehört, was diese Spinnerin Cathleen heute Nacht vorhat?«, fragte Mack ihn später in der Küche. Er braute sich gerade einen Espresso. »Sie will so etwas wie eine Séance abhalten.«
Westmore zeigte sich kaum überrascht. In diesem Haus? »Wozu? Um Kontakt mit den Toten aufzunehmen?«
»Um Kontakt mit Hildreth aufzunehmen.« Mack lächelte sarkastisch und ging mit seinem Kaffee davon.
»Kommen Sie mal hier rein«, sagte Nyvysk, womit er Westmore überraschte. »Da ist etwas, das Sie vielleicht gern sehen würden ...«
Westmore trat ins Atrium. »Was hat es damit auf sich, dass Cathleen eine Séance durchführen will?«, fragte er.
Nyvysk kicherte. »Es ist nicht ganz das, was Sie möglicherweise erwarten. Cathleen ist Mentalistin – also eine Art Medium. Sie kann sich in einen Zustand versetzen, den wir als Theta-Trance bezeichnen und der manchmal kommunikationsbereite Geister anlockt. Manche von ihnen sind ausgesprochen redselig, Mr. Westmore; so sehr, dass es geradezu lästig sein kann. Aber was Cathleen tun will, ist nichts, worüber Sie schon gelesen oder was Sie in Filmen gesehen haben. Keine Hexenbretter, keine Leute, die um einen Tisch sitzen und sich an den Händen halten.«
»Cathleen scheint mir ziemlich vielseitig begabt zu sein«, bemerkte Westmore. »Sie kümmern sich nur um eine Sache – den technischen Kram. Adrianne macht nur diese außerkörperliche Geschichte und Willis diesen Berührungskram ...«
»Zielobjekttaktionismus«, berichtigte ihn Nyvysk.
Westmore runzelte die Stirn. »Genau. Aber soweit ich das verstehe, verfügt Cathleen über eine ganze Serie von Fähigkeiten.«
»Oh ja. Sie ist hellsichtig, sie beherrscht Tranceinduktion und Mantik – mit anderen Worten, sie ist Wahrsagerin –, und sie ist allgemein paranormal ziemlich empfindlich.«
»Ist sie berühmt?«
»Auf ihrem Gebiet sogar sehr. Heute hält sie sich eher aus der Öffentlichkeit heraus. Im Fernsehen sieht man sie kaum noch. Vor 20 Jahren war das völlig anders. Wissen Sie, wodurch sie vor allem bekannt wurde?«
»Keinen Schimmer.«
»Sie beherrscht Psychokinese.«
»Sie kann mit ihren Gedanken Gegenstände bewegen?«
»Ja. Aber sie hat längst damit aufgehört, es öffentlich zu tun. Cathleen geriet in Schwierigkeiten, weil jemand bei einem Experiment verletzt wurde. Eine Wand, die sie – mental – in der Luft hielt, fiel auf jemanden drauf.«
»Sie meinen, sie ist so etwas wie eine Löffelverbiegerin.«
»Mr. Westmore, es gab eine Zeit, da konnte sie eine Brechstange verbiegen. Sie konnte einen Wagenheber ansehen und kraft ihres Geistes ein Auto anheben.« Nyvysk warf ihm einen belustigten Blick zu. »Aber das glauben Sie natürlich nicht, oder?«
»Tut mir leid, aber ich muss etwas sehen, damit ich es glauben kann.«
»Ihre Skepsis ist nicht nur gesund, sondern von entscheidender Bedeutung. Und jetzt habe ich hier noch etwas, worauf Sie Ihre Skepsis konzentrieren können.«
Westmore bemerkte einige Computer und Monitore, die Nyvysk auf einem antiken Tisch aufgebaut hatte. Nyvysk erklärte: »Ich habe mir hier einen kleinen Beobachtungsposten eingerichtet, damit ich nicht ständig die Treppe rauf- und runterlaufen muss.« Nach einer kurzen Pause fuhr der Bärtige fort: »Und ich dachte mir, Sie möchten vielleicht sehen, wie eine Ionensignatur genau aussieht. Bislang sind die Messungen ... interessant gewesen.«
Westmore richtete den Blick auf einen Flachbildschirm. Er sah eine leere, schwarze Anzeige.
»Wissen Sie, was Zeolithgruppen sind?«, fragte Nyvysk.
»Nein.«
»Wissen Sie, was labile Ionen sind?«
»Auch dazu ein herzhaftes Nein, Professor«, gestand Westmore.
»Ionen sind geladene subatomare Teilchen; sie befinden sich in allem«, begann Nyvysk. »Was meine Scanner erkennen, sind Ionen in der Luft. Jeder physische Körper in jedem Raum, der kein Vakuum ist, bringt das ionische Umfeld durcheinander, und diese Störungen lassen sich beobachten. Wärme, Feuchtigkeit, Bewegung, geringfügige von der Haut abgegebene Strahlung, all das führt dazu, dass Ionen in der Luft pendeln oder sogar ihre elektrische Ladung wechseln. Können Sie mir so weit folgen?«
»Ich ... glaube schon«, antwortete Westmore.
»Betritt ein Mensch einen Raum, verändern sich die Ionen um diesen physischen Körper herum erkennbar. Aber dasselbe gilt für Wiedergänger, körperlose Entitäten, subkarnate Instanzen – jene Manifestationen, über die wir schon gesprochen haben.«
»Geister«, meinte Westmore. »Übrig gebliebene Geister toter Menschen.«
»Genau. Das sehen wir uns gerade an.«
Westmore betrachtete den Bildschirm eingehender. »Ich sehe nur schwarz. Da ist nichts.«
»Warten Sie ...«
Westmore schaute weiter hin und schließlich bewegten sich Schwaden von etwas Leuchtendem über den Monitor wie ein löwenzahngelbes Glitzern. »Sie wollen mir also sagen, dass das ...«
»... ein Wiedergänger ist. Ein Geist.«
Westmore legte die Stirn in Falten. »Was wäre, wenn ein Mensch in den Raum ginge?«
»Dann würde man einen ähnlichen Effekt sehen.«
»Na schön. Woher wissen Sie dann, dass das nicht Cathleen oder sonst jemand ist?«
»Schauen Sie.«
Westmores Augen weiteten sich. Der Bildschirm war nun voll von den leuchtenden Schwaden. Das ist aber plötzlich eine ganze Menge von ... irgendetwas.
»Hier ist der Raum bei normaler Beleuchtung aus dem Blickwinkel der Videokamera.« Nyvysk drückte einen Schalter und die Umgebung präsentierte sich verwaist.
Es handelte sich um das Scharlachrote Zimmer.
Als Nyvysk zurück auf den schwarzen Bildschirm wechselte, ließen sich weitere unterbrochene Ionenaktivitäten beobachteten.
Dann lösten sie sich auf und es herrschte wieder völlige Schwärze.
»Ich habe dort im Laufe des Tages einige interessante Aktivitäten aufgezeichnet, aber bisher nichts Spektakuläres. Vielleicht werden sie heute Nacht noch stärker.«
»Na ja, klar, das ist schon interessant«, räumte Westmore ein. »Aber jeder Skeptiker könnte sich das ansehen und beanstanden, dass es sich mühelos vortäuschen lässt. Mit jedem PC und einem digitalen Editor kann man so etwas selber basteln.« Westmore lächelte. »Genau wie Kornkreise, Bilder von Elfen und Pappteller als UFOs. Man würde glauben, Sie hätten das fabriziert. Wie bei den Stimmphänomenen.«
»Natürlich könnte man das behaupten und natürlich könnte ich das problemlos tun«, gab Nyvysk zu. »Aber das habe ich nicht. Und ich bemühe mich nicht um Glaubwürdigkeit. Nichts wäre mir lieber, als wenn dieses Haus ... nur ein gewöhnliches Haus wäre.« Dann lächelte Nyvysk. »Andererseits habe ich schon deutlich Schlimmeres erlebt.«
»Beweise für Dämonen?«
»Oh ja. In Toledo habe ich mal einem Monsignore geholfen, einen Exorzismus an einer 90-jährigen Greisin vorzunehmen und einen Dämon namens Zezphon in den Körper eines Maultiers zu verbannen. Das Vieh verlor schlagartig sein gesamtes Fell, verfärbte sich dunkelrot, raste wie von der Tarantel gestochen über den Dorfplatz und schied all seine inneren Organe durch den Hintern aus.«
Bezaubernd, dachte Westmore.
»Das ist ein Aktivelement-Infrarotthermograf«, erklärte Nyvysk weiter. Er klickte auf der Tastatur herum und vor Westmores Augen tauchte eine düstere grünliche Darstellung auf. Nyvysk fuhr fort: »Ein Mensch, der diesen Raum betritt, würde einen orangefarbenen Umriss verursachen.« Er drückte auf einen Schalter der Kommunikationsanlage und sagte: »Okay, Karen, gehen Sie jetzt rein.«
Ein flackernder, orangefarbener Schemen mit menschlichen Umrissen bewegte sich über den Monitor.
»Das ist Karen in dem Zimmer?«, wollte Westmore wissen.
»Ja. Es ist der Jean-Brohou-Salon.«
Dort wurden die Nutten ermordet, erinnerte sich Westmore. Verkehrt herum aufgehängt. Enthauptet über Eimern.
»Das Infrarot-Element erfasst räumlich begrenzte Signaturen«, sagte der ältere Mann. »Aber wie würde wohl die Gegenwart einer körperlosen Entität erfasst werden?«
»Keine Ahnung.«
Ein weiteres Klicken und der Bildschirm veränderte sich erneut. Karen verschwand. Stattdessen konnte Westmore gräulich-blaue Schemen erkennen – auf dem Boden. Sie bewegten sich.
»Menschliche Körper sondern Wärme ab. Für Geister gilt das Gegenteil. Sie sind kalt. Diese Schemen sind ...«
»Geister auf dem Boden«, führte Westmore den Satz zu Ende.
»Wenn Sie so wollen.«
Westmore beobachtete das Bild mit makabrer Faszination. Schließlich erhoben sich zwei der grauen Schemen – menschliche Formen – und hievten zwei andere Gestalten vom Boden hoch, um sie verkehrt herum aufzuhängen. Die Bewegungen, die folgten, waren offensichtlich: Die beiden stehenden Umrisse schnitten langsam die Köpfe der hängenden Formen ab. Blaue Kleckse – die Schädel – wurden beiseite geworfen.
»Sie denken, das sind echte Menschen, die schauspielern?« Nyvysk klickte zurück zum grünen Bildschirm, der Karens stehenden Umriss zeigte. Dann schaltete er das Infrarotsystem aus und rief wieder das normale Videobild auf. Eine rundum gewöhnliche Karen stand deutlich erkennbar herum. Niemand sonst befand sich in dem kunstvoll geschmückten Salon bei ihr. Sie wirkte gelangweilt, also ging sie zur Bar und schenkte sich einen Drink ein.
Das ist definitiv kein Geist, entschied Westmore.
»Lassen Sie mich Ihnen etwas anderes zeigen. Wie ich Ihnen unlängst erklärt habe, verfügen wir über zahlreiche Hilfsmittel. Manometer und Aneroidbarometer messen Abweichungen im Luftdruck, Tomografen können manchmal Ansätze von Präsenzen in Wänden, Zementfundamenten und Ähnlichem erkennen, Magnetresonanztomografen ähnlich solchen, die in Kliniken benutzt werden, können sogar Präsenzen von Wiedergängern in Lebewesen nachweisen, beispielsweise bei einer Besessenheit. Hygrometer messen Schwankungen der Luftfeuchtigkeit. Aber wollen Sie wissen, was die schnellste und effektivste Methode ist, um festzustellen, ob ein Haus geladen ist? Ein einfaches Thermometer.«
»Was?«, fragte Westmore ungläubig. »Wie misst man denn die Temperatur eines Geists?«
»Nicht die des Geists, sondern des Raums. Ich mag den Begriff ›Geist‹ zwar nicht, aber lassen Sie ihn uns der Einfachheit halber weiter verwenden. Viele Arten von Geistern senken die Temperatur des Bereichs, in dem sie sich aufhalten, manchmal in einer exakten Konfiguration ihres Geistkörpers, manchmal nur an einer bestimmten Stelle – weil sie keinen Körper mehr besitzen. Andere Geister erwirken dagegen ein Ansteigen der Temperatur. Vor allem psychotische Geister. Möglich ist auch, dass es in schnellem Wechsel sowohl zu einer Zunahme als auch zu einer Reduzierung der Raumtemperatur kommt.«
Faszinierend, dachte Westmore.
»Karen?«, sagte Nyvysk über die Kommunikationsanlage. »Ich schalte jetzt das aktive Infrarotsystem ab. Aktivieren Sie bitte die Handsonde und gehen Sie langsam durch den Raum. Mit Auf- und Abbewegungen.«
»Alles klar.« Karen stellte ihren Drink ab und ergriff eine Metallstange mit vier Verstrebungen. An der Mitte der Stange befand sich ein Griff.
»Das ist das normale Videobild«, erklärte Nyvysk. Er deutete auf einen anderen, völlig leeren Monitor. »Und das ist das Feedback-Display für die Sonde. Sie ist mit vier bimetallischen Platinthermometern ausgerüstet. Die Messungen werden über einen Funkwellenverstärker hierher übertragen.«
Westmores Blick klebte an dem schwarzen Bildschirm. Plötzlich sah er vier blaue Punkte, die sich vorwärtsbewegten, zudem auf und ab. An einer Stelle sagte Nyvysk: »Halt, bleiben Sie genau da stehen.« Sie beobachteten, wie die Punkte auf- und abwanderten und dabei den Farbton wechselten. Einige leuchteten kurz rot, gelb oder für Sekundenbruchteile orangefarben auf. »Genau so. Schneller auf und ab.«
»Sie wären überrascht, wie oft das schon Männer zu mir gesagt haben«, erwiderte Karen über die Gegensprechanlage.
Westmore sah weiter zu: ein Kaleidoskop neonartiger Schlieren, die meisten davon in verschiedenen Blautönen.
»Ich zeichne das für eine kombinierte Wiedergabe auf«, informierte ihn Nyvysk, ehe er sich wieder Karen zuwandte. »Danke, Karen. Schalten Sie die Sonde jetzt aus und kommen Sie wieder runter.«
Nyvysk klickte auf weitere Laschen der Software. Als er das Bildmaterial abspielte, blieb jede Bewegung der Punkte und Schlieren auf dem Monitor, während weitere hinzukamen. So entstand nach und nach eine Form.
»Sehen Sie?«, fragte Nyvysk. »Jetzt kennen Sie den Prozess. Schauen Sie weiter zu, letztlich wird ein fast vollständiges Bild entstehen. Ich bin in ein paar Minuten zurück. Mache mir nur schnell eine frische Kanne Eistee.«
»Also ist das ...«
»Ein Wiedergänger«, fiel ihm Nyvysk recht sorglos ins Wort. »Eine überlebende körperlose Instanz – der Geist einer toten Person.«
Damit ließ ihn Nyvysk allein.
Westmore zündete sich eine Zigarette an und erkannte, wie sich auf dem Bildschirm weitere leuchtende Punkte ansammelten. Zur Abwechslung klickte er neben Nyvysks Bildern durch die normalen Videoanzeigen im Haus. Er sah Mack, der im dritten Stock einen Flur entlangging, Willis, der seine allgegenwärtigen Handschuhe trug, während er im Arbeitszimmer in einigen alten Schmökern las, Adrianne, die in einer der Suiten ausgestreckt auf einem Himmelbett lag.
Karen kam herein und legte die Thermometersonde auf den Tisch. »Was ist das? Sieht aus wie ein Gemälde aus fluoreszierenden Fingerfarben.«
»Das sind Sie, als Sie dieses Thermometerding im Salon geschwenkt haben.«
»Ist das ein ... Scherz?« Sie beugte sich vor, um den Bildschirm eingehend zu studieren. Mittlerweile war das Bild deutlich präziser geworden. Es zeigte eine große, schlanke und sehr menschliche Gestalt. »Und was ist das?«
»Ich glaube, es ist Reginald Hildreth«, erwiderte Westmore.
II
Das »Theta« einer Theta-Trance stammte vom griechischen Wort für Tod: Thanatos. Eine solche Trance – die so gut wie immer eigeninitiiert wurde – ermöglichte es den spirituellen Fragmenten Verstorbener, Gedanken und Visionen mit einem lebenden Medium auszutauschen.
Sofern besagtes Medium gut war.
Cathleen galt als sehr gutes Medium, und sie wusste auch, weshalb. Sie konnte ihre sexuelle Aura regeln wie eine Radiowelle. Diese Aura wirkte gleichsam als Signalfeuer. Ihr Geist formte dadurch quasi eine Antenne zu den Toten.
Da sie Tranceinduktion umfassend beherrschte, standen ihr verschiedene Möglichkeiten offen. Alle Örtlichkeiten waren verschieden, alle Überlebensumstände einzigartig. Ihr fehlte der Mut, zum Friedhof zurückzukehren, vor allem nachts, und das Scharlachrote Zimmer war einfach zu beunruhigend. Sie entschied sich stattdessen für ein Wohnzimmer im fünften Stock, das unmittelbar neben dem Scharlachroten Zimmer lag und einen zum Friedhof ausgerichteten Steinbalkon hatte.
Das erschien ihr nah genug.
In dem Zimmer gab es kein Bett; Cathleen vermutete, dass es sich eher um einen Vorraum zum Erfrischen für viktorianische Damen handelte, wunderschön eingerichtet. Kriechblumenprofilleisten und handgeschnitzte Bekrönungen rahmten einen großen Schminktisch ein. Eine lange Couch mit gewölbter Rückenlehne auf Schnörkelfüßen stand vor dem hinteren Fenster. Der Raum war halbhoch getäfelt und Rosettendrucke zierten die cognacfarbene Tapete.
Cathleen schleifte die Couch über den dicken Teppich, hielt vor den Glastüren inne, trat hinaus auf den Balkon und ließ die warme Nachtluft ins Zimmer strömen.
Mentale Vorbereitung war immer nötig; sie musste sich mit ihrer Position vertraut machen. Cathleen hatte das Gefühl, in der Nacht zu schweben. Sie konnte die Höhe der fünf Stockwerke erspüren, ohne hinunter zum Boden zu schauen; tatsächlich bildete sie sich einen Moment lang ein, es gäbe unter ihren Füßen gar keinen Boden, bis sich ihre Augen anpassten. Schließlich erblickte sie den Pfad im Wald, der zum Friedhof führte, und dachte intensiv daran, was sich dort vor einigen Tagen zugetragen hatte. Ein Schauder der Beklommenheit raste über ihren Rücken, tiefer in ihrem Inneren jedoch setzte beschämende Erregung ein, die ihre Brustwarzen unter dem ärmellosen Shirt hart wie Kieselsteine werden ließ.
Dann zog sie das Shirt einfach aus und schleuderte es beiseite, als wolle sie ihre Brüste den Augen der Nacht darbieten.
Eine warme Brise strich durch ihr Haar. Sie blickte über die Schulter, um die Lage der Couch abzuschätzen, und stellte fest: Wenn jemand – oder etwas – auf der Lichtung zum Friedhof steht, kann derjenige hier raufschauen und die Couch erkennen. Mich auch ...
Und genau das wollte sie.
Nur äußerst trübe Lampen erhellten den Raum von hinten. Die Couch erwartete sie, denn auf jene samtigen Knopfkissen würde sie sich legen, um sich in den Theta-Schlaf zu versetzen.
Doch noch war sie nicht endgültig bereit.
Sie kehrte in das Zimmer zurück, schlüpfte aus ihrer Jeans und ihrem Slip und ging anschließend ins Badezimmer.
Unter einem Vorhangring stand eine beeindruckende Badewanne mit Klauenfüßen. Die Wanne selbst bestand aus rostfreiem Messing, der Tüllvorhang glitzerte dank seines Besatzes mit Halbedelsteinen. Cathleen drehte den glänzenden Hahn auf, um die Wanne mit kühlem Wasser zu füllen. Sie fügte Flocken der High-John-Wurzel, Jasmin- und Mohnöl sowie Lavendelextrakt hinzu, da sie den Duft auf ihrer sauberen Haut haben wollte, zumal er angeblich männliche Wiedergänger erregte; insbesondere solche, die sich im Leben sexueller Verfehlungen schuldig gemacht hatten. Neben die Wanne stellte sie eine kleine Ampulle mit zerstoßenem pontischem Stein – atemberaubend aquamarinblau und zinnoberrot –, den sie nach dem Bad in die Haut einreiben würde. Cathleen war nicht sicher, ob dies die Tranceempfänglichkeit tatsächlich verstärkte, doch es galt als über Jahrhunderte überlieferte Praxis, weshalb sie es grundsätzlich tat, nur für alle Fälle.
Das Wasser erwies sich als lauwarm. Perfekt, dachte sie. Zuerst musste sie sich reinigen, dann würde sie sich auf die Couch legen und die Trance einleiten. Sie ließ sich in das exotisch duftende Wasser sinken und fühlte sich auf Anhieb ... wohlig lüstern. Mental traf sie bereits ihre Vorbereitungen, indem sie ihren Körper stimulierte.
Sie schloss die Augen. Das Wasser leckte ringsum über ihre Haut. Sie dachte an pure körperliche Leidenschaft, an reuelose und vorbehaltlose Lust. Unter dem Wasser arbeiteten sich ihre Hände streichelnd von unten nach oben, streiften über ihre Schenkel, ihre Scham, ihren Bauch, ihre Brüste. Sie kniff und drehte die Brustwarzen, bis sie sich unter dem erlesenen Unbehagen krümmte, dann härter, bis sie die Zähne zusammenbiss und ihre Füße aus dem Wasser auftauchten. Da wurde der Drang, die Hand an ihre Vagina zu führen und zu masturbieren, sich auf der Stelle dem Höhepunkt entgegentreiben zu lassen, beinahe unwiderstehlich. Dennoch tat sie es nicht. Sie ließ es nicht zu.
Ihre Lust war der Ruf, und sie rief in diesem Augenblick laut und deutlich. Zumindest hoffte sie das.
Als sie es nicht länger aushalten konnte, stand sie in der Wanne auf. Mittlerweile quälte sie ihr Verlangen regelrecht, aber genau so musste es sein. Es war an der Zeit, zur Couch zu gehen und die Trance einzuleiten. Als sie den Ziervorhang zurückzog ...
Der Atem stockte ihr in der Brust wie ein heißer Stein. Sie konnte nicht einmal schreien.
Drei Kreaturen standen um die Wanne herum: gasartige schwarze Schatten, die wie Rußwolken anmuteten. Allerdings waren sie lebendig. Sie besaßen keine Augen, dennoch sahen sie Cathleen an und ihre Auren zeichneten sich noch schwärzer als ihre substanzlosen Körper ab. Cathleen spürte, wovor diese Auren strotzten: vor rasender, wahnsinniger Lust.
Körperlose Entitäten, erkannte sie in unaussprechlichem Grauen. Die Kreaturen vom Friedhof ...
Sofort stürzten sie sich auf sie; ihre wabbeligen Hände fühlten sich wie Klumpen aus heißem Schmalz an. Als sie jedoch die Hände ausstreckte, um die Kreaturen von sich zu stoßen, versanken ihre Finger im schwarzen Nebel ihrer Körper. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde wurde sie herumgedreht, an den Knöcheln mit dem Kopf nach unten gehalten, dann Kopf und Brust unter Wasser getaucht.
Die Schmalzhände packten ihren Körper so kräftig wie Metallklammern; Cathleen konnte sich nicht hochdrücken, geschweige denn zur Verteidigung um sich schlagen. Hilflos musste sie zulassen, dass ihr Gesicht gegen den Boden der Wanne gedrückt wurde, und sie spürte, wie eine der Entitäten sie von hinten nahm. Cathleen wurde methodisch penetriert und gevögelt. Ihr Gehirn begann auszusetzen, ihre Lungen weiteten sich. Als sie kurz davor stand, die Luft aus ihrer Lunge auszustoßen und Wasser einzuatmen ...
Wurde sie emporgerissen.
»Lasst sie zuerst ein paar Atemzüge tun«, befahl eine Stimme. »Danach wiederholt ihr es.«
Cathleen war zu panisch, um zu denken, gehorchte nur einem Urinstinkt, sog gierig die Luft ein und schloss die Augen, ehe sie wieder in das Wasser getaucht wurde. Nun wurde sie von einer anderen Kreatur geschändet – sie wechselten sich ab, benutzten ihren Körper ebenso wie ihre Angst. Beim dritten Stoß stand sie kurz davor, einfach aufzugeben.
Wenige Herzschläge vom Tod entfernt wurde sie erneut emporgehievt, aber diesmal nicht erneut untergetaucht. Cathleen spuckte Wasser, während sie hoch in der Luft aus dem Badezimmer getragen wurde. Ihre Sicht hatte sich durch den Sauerstoffentzug so sehr getrübt, dass sie kaum etwas erkannte, als sie die Augen öffnete. Ihr triefnasser Körper wurde vor den offenen Glastüren auf der Couch abgelegt.
Eine der Kreaturen zeigte auf sie.
Was machen sie?, ging ihr durch den Kopf.
Ein anderer der Schemen nahm sich die kleine Ampulle mit pontischem Steinstaub vor. Sie wurde auf Cathleens Gesicht und Busen geleert und anschließend zu Boden geworfen.
Nun deuteten alle auf sie.
Ihr Herz raste immer noch, ihre Lungenflügel blähten sich hektisch auf und zogen sich wieder zusammen, doch als ein Abklatsch von Vernunft zu ihr zurückkehrte, begriff sie, was die Wesen von ihr erwarteten.
Sie WOLLEN, dass ich es tue, erkannte sie. Sie WOLLEN, dass ich eine Trance einleite ...
Cathleen ließ ihren Körper auf der Couch erschlaffen. Ihre nackten Brüste glitzerten rot und blau von dem Staub.
Sie begann, sich in den Theta-Schlaf zu versetzen ...
III
Gott, ich weiß, dass das, was ich bin, ein Teil von dir ist. Erlöse mich inmitten dieses bösen Ortes und beschütze mich ...
Adrianne ließ das Lonolox erst ihr Gehirn, dann ihre Nerven durchwirken. Sie hatte sich in der Suite eingeschlossen, die sie unlängst benutzt hatte – in dem Zimmer, in dem sie sexuell belästigt worden war, während sie nicht in ihrem Körper weilte. Die einlullende Wirkung des Medikaments erfasste sie, ein so sündhafter Genuss wie der selbstsüchtigste Sex; dann spannten sich ihr nackter Bauch und ihre Beine an. Ihr Gesicht schwoll an und gab Wärme ab, da entschwebte Adrianne bereits aus ihrem ausgestreckten Körper ...
Sie trieb aufwärts, ein Ballon aus Bewusstsein und Sehvermögen. Was sie nun war – eine autarke spirituelle Entität – bewegte sich mit bloßer Gedankenkraft und stieg durch den Äther der Sphäre auf, in der sie nun existierte. Sie glitt durch Türen und Wände hindurch. Adrianne musste nicht einmal den Umweg über das Scharlachrote Zimmer nehmen, um ans Ziel zu gelangen. Vielleicht würde man sie sogar dorthin bringen.
Zum Tempel des Fleisches, zum Chirice Flaesc ...
Die Stätte der Huldigung für das Wesen namens Belarius pulsierte vor ihr unter einem schwarzen Mond, der an einem blutroten Himmel hing. Die Adern in den aus lebendigem, mit Haut bedecktem Fleisch bestehenden Säulen und Wänden des Gebildes pulsierten schneller, als ihre Gegenwart bemerkt wurde. Adiposianer standen wie Wächter aus verfestigtem Fett da und wachten über die Säulenreihe des Tempels. Ihre augenlosen Antlitze hoben sich, als Adrianne näher heranschwebte; dasselbe galt für den Hüter des Gebäudes, den gefallenen Engel namens Jaemessyn, jenes Wesen mit dem beeindruckenden menschenähnlichen Rumpf aber dämonischen Armen und Beinen, die ein Chirurg aus der Hölle angenäht zu haben schien. Sein Gesicht wirkte erhaben, doch schrecklich ausdruckslos, bis er zu ihr aufschaute und ein billigender Ausdruck in seine großen, übernatürlich blauen Augen trat.
»Die Reisende kehrt zu uns zurück«, begrüßte sie die lichtartige Stimme. Er war zuvor damit beschäftigt gewesen, eine Koboldin langsam zu erwürgen, die nun schlaff wie ein leerer Mantel in seinem Griff hing. Die fünf Penisse, aus denen die Finger seiner anderen Hand bestanden, bebten erregt, als sie über die nackten Brüste und den Bauch des Opfers strichen. Da hatte Jaemessyn Adrianne bemerkt. Die Koboldin war noch nicht ganz tot, als er sie wie eine Handvoll Müll zu Boden schleuderte.
»Wir freuen uns, dass du zurückgekehrt bist«, sagte er. »Und auch der Gebieter dieses Ortes ist erfreut.«
Ich möchte den Gebieter dieses Ortes kennenlernen, sandte sie ihm als Gedanken zurück.
»Und das sollst du. Ich habe es dir beim letzten Mal versprochen und ich breche mein Wort nie.«
Die schauerliche Hand öffnete sich und wies auf die geschlossene Doppeltür des Tempels. Durch den Spalt zwischen den Türflügeln erkannte Adrianne flackerndes, dunkles Licht. Dann teilte sich der Durchgang mit einem feuchten, fleischigen Schmatzlaut.
»Willkommen«, sagte Jaemessyn. »Ich weiß, dass du den Sexus Cyning sehen willst.«
Belarius, erinnerte sich Adrianne. Der Höllenfürst der Lust ...
Ohne Furcht schwebte sie ins Innere. Ohne Körper konnten sie ihr nichts anhaben. Nur ihre Psyche war verwundbar und Adrianne besaß eine starke Psyche.
Die Anordnung im Inneren erinnerte sie an die De-Rais-Kapelle der Villa, nur hatte ein unbekannter Skulpteur hier alles aus lebendigem Fleisch geformt: die Kirchenbänke, das Mittelschiff, den Altar und den Chorraum. Sämtliches Fleisch, das sie umgab, glänzte vor Schweiß. Adergeflechte, gefüllt mit heißem Blut, traten daraus hervor. An abgetrennten Händen in organischen Wandhalterungen flackerten Flammen an wie Dochte angezündeten Fingerspitzen. Im gesamten stickigen Tempel roch es nach frischem, rohem Fleisch.
Der Blick ihres Geistes kreiste suchend; vom Gebieter dieses Tempels fehlte jegliche Spur. Im hintersten Winkel des Bauwerks jedoch ...
»Und da ist noch jemand, den du bestimmt sehen möchtest«, fügte der gefallene Engel hinzu.
Es handelte sich um ein menschliches, kein dämonisches Wesen. Um einen Mann.
Hildreth, erkannte Adrianne sofort.
Er lag in einem Mantel auf dem Opferstein des Altars. Blass, mit geschlossenen Augen.
Reglos.
Ist er tot?, fragte sie sich.
»Er war noch nie lebendiger«, teilte ihr Jaemessyn mit. »Aber genau wie bei dir hat seine Seele vorübergehend den Körper verlassen. Seine Seele weilt woanders ...«
In der Villa, begriff sie, doch noch bevor sie weitere Überlegungen anstellen konnte, kreischte etwas in ihrem Geist auf und jagte einen mentalen Schauder durch sie.
Etwas schoss durch das Mittelschiff, etwas zutiefst Verängstigtes, und Adrianne wusste genau, worum es sich handelte.
Es war das Geistgefäß einer anderen Seele, eines Menschen, der seinen Körper so wie Adrianne verlassen hatte. Adrianne konnte es über sich schweben sehen, wo es hin- und herhuschte. Sie spürte, dass es ein wesentlich schwächeres Bewusstsein als ihr eigenes war – ein deutliches Anzeichen für Ungeschulte.
Hab keine Angst, hab keine Angst, versuchte sie das andere Gefäß zu beruhigen und stieg auf, doch dann wurde ihr eigenes Bewusstsein beinahe durch einen Ausbruch unverfälschten, intensiven Grauens durch das Mittelschiff nach draußen geschleudert. Die Stimme der anderen Seele schrie ihr entgegen:
»Adrianne, mein Gott, hilf mir, hilf mir!«
Adrianne erkannte die mentale Stimme auf Anhieb. Es war Cathleen.
IV
Ich muss mittlerweile ungeheuer abgehärtet sein, dachte Willis. Was er in dieser Nacht durch seine »Berührungen« gesehen hatte, so schrecklich der Anblick auch gewesen sein mochte, hatte ihn nicht außer Gefecht gesetzt. Seine mentale Sicht sprach auf die verschiedensten Räume und die unterschiedlichsten Zielobjekte sofort an und zeigte ihm Bilder von Mord, satanischen Ritualen und zutiefst perversen sexuellen Aktivitäten. Unmengen von Blut, Enthauptungen und Folter. Nyvysk hatte recht, dachte er, als er einen der Salons verließ, in dem man Frauen die Augen verbunden hatte, bevor sie von Männern in schwarzen Kapuzenkutten vergewaltigt wurden. Die haben hier irgendetwas verehrt.
Diesen ... Belarius ...
In einer Suite im vierten Stock griff Willis nach einer Haarbürste und wurde von Visionen einer nackten jungen Frau, die auf einem Altar in einem mit Blut ausgekleideten Raum lag, erschüttert. Es handelte sich weder um eine der Pornodarstellerinnen noch um eine der ausgemergelten Prostituierten – die Frau wirkte gesund und völlig normal. Pfirsichfarbener Teint, langes kastanienbraunes Haar. Weder ihr Aussehen noch ihr Flair passten zu den anderen. Sie wirkt unschuldig. Er nahm ein Rüschenkissen vom Himmelbett und sah sie erneut, wie sie sich mit angespannten Zügen in den Klauen eines Albtraums hin- und herwarf. Dann noch einmal im Flur, als er mit seinen nunmehr von Handschuhen befreiten Fingern die Täfelung entlangstrich. Er beobachtete, wie ihr Körper von mehreren nackten Männern getragen wurde, aber Willis vermochte nicht zu sagen, ob sie nur bewusstlos oder bereits tot war.
Ich frage mich, wer das gewesen sein mag ...
Auch auf stoffliche Reste von Hildreth stieß er überall im Haus. In der Regel stand der Mann selbstsicher und sehr ruhig da und beobachtete mit größter Aufmerksamkeit seine Umgebung. Er betrachtete die Geschehnisse, als wiegte er den Wert ihrer Würdigkeit für einen unbekannten Zweck ab. Leider sah Willis meist nur zu genau, was Hildreth so faszinierte: entweder eine erniedrigende sexuelle Handlung, eine unverhohlene Orgie oder jemand, der abgeschlachtet wurde. In einer besonders verstörenden Vision nahm er eine plumpe, übergewichtige Frau mit ausdruckslosem Blick wahr, die sich Drogen in den Arm spritzte, während ihr einer von Hildreths grinsenden Pornodarstellern einen Revolver mit gespanntem Hahn an den Kopf hielt.
Dieses Haus ist wahrhaftig ein Ort des Teufels.
Doch selbst an seinen stärksten Tagen konnte Willis nicht viel ertragen. Die Auswirkungen waren einfach zu erschöpfend. Allein wanderte er den Hauptflur im fünften Stock entlang. Er passierte das Scharlachrote Zimmer, betrat es jedoch nicht. Dort hatte er bereits mehrere Taktionen versucht, aber nichts gesehen. Manche Räume und manche Gegenstände waren nur zu bestimmten Zeiten des Tages geladen, im Allgemeinen zu jenen, die dem Zeitpunkt des Zielereignisses am nächsten kamen. Ich denke, ich mache für heute Nacht Schluss. Die meisten seiner Taktionen waren ausgesprochen klar gewesen – und die Gruppe würde sich zweifellos dafür interessieren –, allerdings gab es nichts wirklich Neues zu berichten. Er hoffte, etwas zu sehen, das ihnen neue Erkenntnisse lieferte. In dieser Nacht jedoch sah er nur mehr von dem, was er bereits kannte. Mehr Mord, mehr Erniedrigung und mehr Perversion. Dieses gesamte Haus war krank. Willis hatte genug.
In der dritten Etage vernahm er Licht, das durch eine offene Tür in den Gang fiel, und hörte jemanden auf einer Tastatur tippen. Grundsätzlich war Willis ein Einzelgänger, was allerdings keineswegs bedeutete, dass es ihm gefiel, ständig allein zu sein. Durch das Haus fühlte er sich noch abgekapselter, und nun, mitten in der Nacht, bedrückte es ihn. Er betrat den Raum.
»Ah, das ist also ihr Büro«, sagte er, als er Westmore vor seinem Laptop sitzen sah. »Wie läuft’s?«
»Kann ich nicht genau sagen.« Der Schriftsteller kicherte. »Ich bin gar nicht sicher, was ich eigentlich schreiben soll.«
»Bei mir ist’s dasselbe, wenn auch in einem anderen Kontext.« Willis schlenderte umher und betrachtete die beeindruckenden Relikte im Raum. »Ich wurde engagiert, um herzukommen und nach Erscheinungen Ausschau zu halten ... aber ich weiß nicht genau, worum es sich bei diesen Erscheinungen handelt.« Willis zündete sich eine Zigarette an, als er sah, dass Westmore dasselbe tat. Ihm fiel ein DVD-Stapel auf einem kunstvollen Tisch mit Intarsien aus Gold auf. »Was ist das alles?«, fragte er.
»Haufenweise Pornos, Zeug, das Hildreths Firma produziert hat. Nach ungefähr fünf Minuten kommt einem alles gleich vor.«
Willis sprach nicht aus, dass er das persönlich anders sah. Als Sexsüchtiger, dessen übersinnliche Fähigkeiten ihn davon abhielten, Frauen zu berühren, war er schon seit langer Zeit süchtig nach Pornos. Eine weitere Begleiterscheinung seines Einzelgängertums. Allein das Wissen, was sich auf den DVDs befand, weckte in ihm den innigen Drang, sich einige davon anzusehen. Allerdings wollte er sich das nicht anmerken lassen – denn so sicher, wie er sich seiner Abhängigkeit war, so sehr schämte er sich auch dafür. Er wandte sich ab. Sein Blick fiel auf die rechteckige Aussparung in der Wand, die den Tresor enthielt.
»Und da ist das größte Geheimnis der Villa.«
»Oh, der Safe?«, sagte Westmore. »Ja. Nur Gott weiß, wann wir ihn endlich aufbekommen.«
»Hat der Schlüsseldienst nicht gesagt, man würde jemand anderen schicken?«
»Klar, aber erst in ein paar Tagen. Und die waren die einzige Firma im Telefonbuch. Aber es ist schon merkwürdig, dass die Frau, die sie ursprünglich geschickt haben, einfach verschwunden ist, ohne etwas zu sagen, und anscheinend auch noch bei der Firma gekündigt hat.«
»Glauben Sie, etwas im Haus hat sie vertrieben?«
Westmore zog eine Augenbraue hoch. »Mittlerweile würde mich das nicht mehr wundern. An diesem Ort kann mich überhaupt nichts mehr überraschen.«
Willis bemerkte ein Gemälde auf dem Boden: eine junge Brünette in einem Turnürenkleid, die mit der Hand von sich weg zeigte. Schlagartig krampften sich Willis’ Eingeweide zusammen. Es handelte sich um die Frau, die er gesehen hatte, als er die Haarbürste berührte. »Was ist das für ein Gemälde?«, fragte er etwas zurückhaltend.
»Das ist ’ne merkwürdige Sache. Es hing an der Wand über dem Tresor und darunter war ein anderes Gemälde – nein, kein Gemälde, sondern dieser Kupferstich.« Westmore drehte ihn um und zeigte ihn Willis. »Anscheinend ist das eine Darstellung von Belarius.«
Willis betrachtete die kleine verzerrte Fratze. Das Werk war offensichtlich ziemlich alt. Doch es interessierte ihn nicht annähernd so sehr wie das Gemälde der Frau. »Worauf zeigt sie?«
Westmore deutete auf den zweiten Kupferstich an der gegenüberliegenden Wand.
»Der Apostel Johannes beim Verfassen der Offenbarung in Patmos, circa 90 nach Christus«, las Willis die Inschrift vor. Er kicherte angesichts des Klischees. »Haben Sie sechs-sechs-sechs als Kombination für den Safe versucht?«
»Ja. Hat nicht geklappt«, gab Westmore zurück. Ihm fiel auf, dass Willis erneut auf das Gemälde der jungen Frau starrte. »Ihr Name ist Debbie Rodenbaugh. Sie hat für Hildreth gearbeitet. Ich vermute, er stand auf sie, wenn er dieses Gemälde von ihr anfertigen ließ.«
»Ist sie eine der Frauen, die ermordet wurden?«, erkundigte sich Willis.
»Nein. Ihre Leiche wurde nicht gefunden. Sie gilt als vermisst. Ich würde zu gern wissen, wo sie steckt.«
Willis räusperte sich unbehaglich. »Ich habe sie gerade erst gesehen – in einer Vision, meine ich. Wenn ich geladene Gegenstände berühre, sehe ich manchmal Bilder der letzten Person, die sie benutzt hat.«
»Was?« Westmore wirkte aufgeschreckt. »Sie haben sie in einer Vision gesehen?«
»Etwas in der Art. Es nennt sich Zielvision. Ich nehme die Vergangenheit von Gegenständen, die ich anfasse, wahr. Und ich habe sie gesehen – hinten in einem der anderen Räume.«
Westmores Blick wurde abwesend. »Also glauben Sie, dass sie tot ist ...«
»Oh nein, das habe ich damit nicht behauptet. Menschen wie mich bezeichnet man als Taktionisten«, erklärte Willis. »Jemand, der Gespenster sieht, sieht die Geister der Toten – aber das trifft auf mich nicht zu. Ich besitze nicht die Fähigkeiten eines Mediums. Wenn ich jemanden sehe, bedeutet das nicht zwingend, dass derjenige tot ist. Was ich von ihr gesehen habe, war sehr unklar ...« Er ließ die Andeutung unkommentiert stehen.
Karen betrat mit einem neugierigen Ausdruck im Gesicht und einem Gin Tonic in der Hand das Zimmer. »Zeit fürs Abendessen, Leute.«
Westmore schielte am Laptop auf die Uhr. »Abendessen? Es ist fast elf.«
»Na schön, dann nennen wir es einen vormitternächtlichen Snack.« Ihre Jeans und ihr nackter, flacher und äußerst sonnengebräunter Bauch unter der geknoteten Bluse veranlassten Willis, den Blick von ihr abzuwenden, weil er nicht wollte, dass man ihn beim Glotzen erwischte. »Was gibt’s zu essen?«
»Cheeseburger«, antwortete Karen. »Ich fange gleich damit an.«
»Ich glaube, ich passe ...« Aufgrund einiger seiner Zielvisionen aus dieser Nacht verspürte Willis keinen besonderen Appetit.
»Ich auch«, schloss sich Westmore an und schaltete den Computer aus. »Kann ich mir mal Ihr Auto leihen? Ich muss hier mal für eine Weile raus und fahre in meine Stammkneipe.«
Willis zeigte sich verwirrt. »Aber ich habe gehört, dass Sie überhaupt nichts trinken.«
»Tut er auch nicht«, bestätigte Karen. »Er geht in Kneipen, um nicht zu trinken. Ist so eine verschrobene Schriftstellersache.«
»Ich gehe in Kneipen, um den Kopf freizubekommen«, erklärte Westmore. »Ist eine lange Geschichte.« Sein Blick wanderte zu Karen. »Und? Kann ich mir Ihr Auto nun leihen?«
»Sie haben doch gar keinen Führerschein.«
Westmore seufzte. »Sie wissen, dass ich nichts trinken werde. Falls ich Ihr Auto zu Schrott fahre, kaufe ich Ihnen von Vivicas Geld ein brandneues.«
Sie warf ihm die Schlüssel zu.
»Danke. Sie sind ein echter Kumpel.«
»Ich weiß.«
»Bis später«, verabschiedete sich Westmore und ging.
Karen sah Willis an. »Der Mistkerl glaubt, dass ich keinen guten Cheeseburger hinbekomme.«
»Ich bin sicher, Sie machen fantastische Cheeseburger«, gab Willis zurück. »Tatsächlich habe ich es mir anders überlegt. Schmeißen Sie bitte einen für mich mit auf den Grill. Gut durch.«
»Sie sollten mal das erstklassige Fleisch sehen, das im Kühlschrank liegt. Sind Sie sicher, dass Sie’s nicht blutig wollen?«
Ich habe heute Nacht schon genug rohes Fleisch in meinen Visionen gesehen. »Gut durch, wenn’s keine Umstände macht.«
»Geht klar.«
»Ich komme in zehn Minuten runter.«
»Fein.« Lächelnd drehte sich Karen um und ging.
Die verschämte Lust bäumte sich in Willis’ Herz auf, als Karen die Tür hinter sich schloss. Sofort begab er sich zum DVD-Player und legte die erste DVD ein, die er fand. Die Bilder zogen ihn schlagartig in ihren Bann, so unrealistisch und übertrieben sie auch sein mochten. Er klickte durch eine Szene nach der anderen, um jedes neue Mädchen zu sehen. Gott, dachte er abwesend. Die ganze nackte Haut. All diese vollen Brüste, gespreizten Schenkel und anzüglich grinsenden Gesichter. Die Frauen waren wunderschön ...
Hör auf, dachte er. Das ist erbärmlich. Und was konnte er hier schon tun? Im Geheimen wichsen wie ein Teenager, der sich im Schrank versteckte? Bei meinem Glück würde jemand reinkommen. Wäre das nicht der Knüller?
In der nächsten Szene kamen zwei junge Frauen mit Rodeo-Drive-Körpern als Zimmermädchen verkleidet in ein Büro. Sie fingen an, mit Staubsaugern und Wedeln herumzuputzen, wobei sie sich ausgiebig vorbeugten. Bald ging das Geschehen in lesbische Spielchen über. Mittendrin platzte der vermeintliche Büroleiter herein, einer von Hildreths mit Kokain aufgeputschten Hengsten. Der Rest war nicht besonders bemerkenswert, aber Willis konnte den Blick nicht losreißen. Etwas an der Szene beschäftigte ihn. Schnell wurde ihm klar, was.
Das Büro kam ihm äußerst vertraut vor.
Es handelte sich um dasselbe Büro, in dem er in diesem Moment stand.
Da bekommt die Formulierung ›vor Ort geschossen‹ eine ganz neue Bedeutung!
Ein Schauder kroch Willis über den Rücken. Das mochte daran liegen, dass die Schauspieler auf dem Bildschirm in dem Raum, in dem sich Willis gerade aufhielt, allesamt tot waren. Es ist, als würde ich mir ihre Geister ansehen, dachte er und schaltete den Fernseher aus.
Vor der Tür blieb er stehen, weil ihm erneut der Tresor in der Wand auffiel. Ich bin der Scheiße heute Nacht echt nicht mehr gewachsen, dachte er, zog aber trotzdem einen Handschuh aus. Er fragte sich, was er sehen würde. Bestimmt nicht die Kombination – so funktionierte Taktionismus nicht. Aber ... was soll’s ...
Willis berührte den Drehknopf des Safes.
Als er über die Schulter blickte, sah er die attraktive junge Frau namens Vanni in ihrer Arbeitsmontur am Schreibtisch sitzen. Sie betrachtete einen kleinen Kasten, las Zahlen von einem LCD-Bildschirm ab und notierte sie auf einem Zettel. Natürlich ergab es Sinn, dass er sie sah; immerhin war sie die Letzte gewesen, die den Tresor angefasst hatte. Dann verlagerte sich die Vision, als blickte er durch zerkratztes Glas. Plötzlich befanden sie sich in dem verspiegelten Fitnessraum, der ihm am ersten Tag weiter unten im Flur aufgefallen war. Ihre Züge wirkten ekstatisch, als sie nackt in einem Sling penetriert wurde, der ihre Beine mitten in der Luft weit spreizte. Es handelte sich um Mack, der ziemlich wilden Sex mit ihr hatte. Dieses Arschloch, dachte Willis, doch noch bevor ihm etwas anderes durch den Kopf gehen konnte, veränderte sich die Vision schlagartig ein weiteres Mal, und sie befanden sich wieder im Büro ...
Nun fühlte sich der Raum kalt an.
Der kleine Kasten auf dem Schreibtisch war jetzt verschwunden, ebenso der Rest von Vannis Schlosserwerkzeugen. Sie stand nackt vor ihm, mit tief in den Höhlen liegenden Augen und eingefallenem Gesicht.
Sie ist tot, erkannte Willis.
Ihre Haut war aschgrau, die großen gerunzelten Brustwarzen zeichneten sich dunkelviolett ab.
Sie zeigte auf den Safe.
»Sie haben mich getötet, bevor ich die vollständige Kombination herausfinden konnte«, sagte sie. Ihr Atem bildete in der eiskalten Luft kleine Wölkchen.
»Wer?«
»Diese Kreaturen aus dem Tempel ...« Sie ging zum Safe und fuhr träge mit den Fingern darüber. Nach mehreren Tagen des Todes traten ihre Rippen hervor und sie wirkte insgesamt knochig. Ihr Körper begann auszutrocknen. »Aber sie ist einfach ...«
»Die Kombination?«, riet Willis.
»Ihr seid doch angeblich so schlau. Es ist ein einfacher Zahlen-Buchstaben-Code, ein Akrostichon aus der kanonischen Gematrie. Das älteste Verschlüsselungsverfahren der Welt.«
Willis verstand nicht.
Ihr Bauch schien zusehends einzufallen, die Linien ihrer Rippen traten deutlicher hervor, ebenso die Adern an ihrem Hals und an ihren Armen. »Berühr mich«, forderte sie ihn auf. »Oder hast du Angst?«
»Ich habe kein bisschen Angst«, gab Willis zurück und meinte es so. »Und ich kann dich nicht berühren, weil es nichts zu berühren gibt. Dein physischer Körper existiert nicht. Du bist ein Wiedergänger. Ich habe jeden Tag mit deinesgleichen zu tun.«
Ihre grauen Brüste hoben und senkten sich. Atmete sie etwa? »Du bist dir also sicher, dass wir alle gleich sind?«
»Ja.«
Sie packte ihn an der Kehle und schleuderte ihn zu Boden. Es geschah so schnell, dass Willis nicht reagieren konnte. Abrupt wurde er von den Beinen geholt und seine Kiefer knallten gegeneinander, als er unsanft mit dem Rücken auf dem Boden landete. Als sich seine trübe Sicht schärfte, kauerte sie rittlings auf ihm. Ihre nackte Scham thronte auf seinem Bauch. Mit einer toten Hand drückte sie seine Kehle zu. Willis konnte nicht denken und kaum atmen.
»Berühr mich«, krächzte Vanni. »Berühr mein Herz und sieh. Ich muss dir etwas zeigen, das sehr wichtig ist.«
Willis gelang es, Widerstand zu leisten, der jedoch wirkungslos blieb. Als er den Arm hob, um ihr Gesicht wegzudrücken, packte sie ihn mit der freien Hand am Gelenk. Ihre Scham rieb an ihm. Sie hatte seine rechte Hand ergriffen, die sie langsam zu ihrer linken Brust zog und dagegen presste. Er spürte pulsierende Adern und einen Herzschlag. Kaum einen Wimpernschlag später wurde er von einer Vision heimgesucht.
»Schau hin, schau hin. Und sieh ...«
Eine Schlucht unter einem scharlachroten Himmel. Ein Tempel gebadet in unwirklichem schwarzem Mondlicht.
Ein Tempel aus Fleisch.
Ein Mann vor den aus Haut und Muskeln bestehenden Säulen zu beiden Seiten der Tempeltüren – Türen mit Strukturen aus Adern, die exakt synchron mit Vannis Herz pulsierten.
»Siehst du es?«, presste die Stimme von oben hervor.
Willis antwortete nicht. Die Hand umschloss seine Kehle fester, schnitt ihm die Sauerstoffzufuhr ab und drohte die Knochen im Genick zu brechen. Schließlich nickte er.
»Dorthin muss ich zurück«, wurde ihm mitgeteilt. »Aber meine Anweisungen lauteten, es dir vorher zu zeigen.«
»Anweisungen von wem?«, gelang es Willis hervorzustoßen. »Von Belarius?«
»Nein. Von dem Mann, der vor den Tempeltüren steht ...«
Willis blickte zurück in die Vision und erkannte den Mann. Hildreth.
Die höllengleiche Aussicht schwärzte sich. Einige Momente lang konnte Willis nichts mehr sehen ... aber er konnte fühlen. Kalte Lippen sogen seine Zunge aus seinem Mund einer noch kälteren Zunge entgegen. Eine knochige Hand streichelte mit leidenschaftlichen Fingern die Erektion in seinem Schritt.
Dann öffnete Willis die Augen und fand sich auf dem Boden des Büros wieder.
Allein.
V
Westmore saß in schummriger Dunkelheit im Erdgeschoss an der Theke seiner Lieblingskneipe, die ihn seit seinen Tagen als Alkoholiker bis in die Trockenheit begleitet hatte. The Sloppy Heron war als Pfahlbau direkt an der Küste errichtet worden. Unmittelbar hinter ihm erstreckte sich ein Pier; er konnte hören, wie die Brandung gegen die dort vertäuten Boote klatschte. Den Hauptraum im oberen Stock empfand er in dieser Nacht als zu voll – schuld waren die vielen Studenten, die es in den Semesterferien hierherlockte. Die gerade eben volljährige Klientel machte eifrig Gebrauch von der Happy Hour. Zweifelsohne würden die meisten von ihnen am nächsten Mittag mit dickem Schädel die Nacht bitter bereuen. Mehrere BHs waren bereits vor Westmores Augen im Wasser gelandet. Er brauchte das alles nicht. Dafür bin ich zu alt und – hoffentlich – zu vernünftig. In der unteren Bar herrschte eine wohltuende Stille. Nur wenige andere Gäste saßen hier über ihrem Bier und warfen dann und wann einen Blick auf die Fernseher mit den Sportübertragungen.
Angenehm ruhig, dachte er.
Westmore war damit beschäftigt, seine Gedanken zu ordnen; da gab es eine Menge zu tun. Die Geschehnisse der letzten Tage in der Villa überforderten ihn, es waren zu viele neue Eindrücke auf ihn eingeprasselt. Übersinnlich Begabte, Gaussmeter, Stimmphänomene und Infrarotgeister. Herrgott noch mal, ich bin doch bloß ein kleiner Reporter. Aber je mehr er sich auf die Dinge konzentrierte, mit denen er etwas anfangen konnte – vermisste Personen, fragwürdige Gräber, geheimnisvolle Matriarchinnen – desto verwirrter wurde er.
Irgendwann blickte er auf, als mehrere Gäste entsetzt aufstöhnten. »Bei uns erfahren Sie es exklusiv und zuerst«, verkündete gerade ein Moderator im Fernsehen. »Die New York Yankees haben soeben einen Rekordvertrag mit Superstar Alex A-Rod Rodriguez abgeschlossen, womit sich die Bomber aus der Bronx einen der besten Infielder in der Geschichte des Baseballs gesichert haben ...« Westmore verstand nichts von Sport, aber es amüsierte ihn, als einer der Gäste, dem die Nachricht wohl wirklich zu schaffen machte, auf den Pier hinausging und sich ins Wasser übergab. Dann klingelte sein Handy.
»Ich hab endlich etwas Dreck über deine Leute ausgegraben«, ertönte die Stimme am anderen Ende der Leitung. Es war Tom McGuire, sein alter Freund aus Zeitungstagen, der inzwischen als freiberuflicher Ermittler arbeitete.
»Das ging ja schnell, Tom. Danke.«
»Dank mir noch nicht. Allzu viele pikante Einzelheiten gibt es nicht. Ich hab etwas über das Mädchen und Hildreth, aber nicht besonders viel. Einiges davon ist durchaus interessant, aber einen richtig faulen Fisch habe ich nicht geangelt.«
Tatsächlich hatte Westmore auf eine gewaltige Ladung fauler Fische gehofft. »Ich höre.«
»Deborah Rodenbaugh, geboren in Florida, 18 Jahre alt. Stammt aus einer unscheinbaren Mittelklassefamilie mit blütenweiser Weste. An der High School war sie Einser-Schülerin und heimste ein beachtliches Geschichtsstipendium ein. Ein paar lokale Käseblättchen haben sogar darüber berichtet. Soweit alles prima, aber dann kommt ein harter Schlag. Ihre Eltern wurden vor etwas mehr als einem Jahr ermordet, unmittelbar nachdem sie die St. Petersburg High abgeschlossen hatte.«
Das weckte Westmores Interesse. »Ermordet? Und Mord ist für dich kein fauler Fisch?«
»Es war ein gewöhnlicher Einbruch, wie er jederzeit und überall passieren kann. Cracksüchtige sind ins Haus eingestiegen, die Familie wurde wach, also gerieten die Junkies in Panik und brachten alle um. Sie ließen alle Wertgegenstände, Brieftaschen und ein paar technische Geräte mitgehen, klauten das Auto und brausten damit auf Nimmerwiedersehen davon. Die Polizei von Treasure Island fand den Wagen am nächsten Tag in der Nähe einer Bushaltestelle. Die Beamten gehen von Beschaffungskriminalität aus, die Ermittlungen dauern an, wie es offiziell so schön heißt. Im Klartext: Der Fall wird wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit ungelöst bleiben, weil sich jedes Jahr einige Hundert solcher Morde in Florida ereignen. In Florida gibt’s eben nicht nur jede Menge Sonnenschein, sondern auch jede Menge Crack. Shit happens, mein Freund.«
Da hat er wohl recht, dachte Westmore. »Und wo steckt sie jetzt?«
»Nach der Ermordung ihrer Eltern war sie noch minderjährig, deshalb übernahmen ihre Tante und ihr Onkel in Jacksonville die rechtliche Vormundschaft. Auch die beiden besitzen eine blütenweise Weste. Keine Vorstrafen, nicht mal ein unbezahlter Strafzettel. Als ich am Telefon mit ihnen gesprochen habe, erzählten sie mir, dass Debbie im zweiten Semester an der Universität von Oxford in England studiert. Sie haben mir alle möglichen Telefonnummern gegeben, ihre Immatrikulationsnummer, die Adresse ihres Studentenwohnheims, eine Liste ihrer Kurse und Professoren – die ganze Litanei.«
»Hast du das alles überprüft?«
»Die Immatrikulationsnummer schon. Den Rest hab ich mir erspart, aber wenn du willst, mach ich das noch.«
»Ich will. Bitte.«
Ein Seufzen kam durch die Leitung. »Hast du eine Ahnung, was das für ein Aufwand ist? Allein schon die Zeitverschiebung ...«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich dir den gängigen Satz bezahle«, unterbrach Westmore seinen Freund ungeduldig. Er wusste, dass seine Bitte anspruchsvoll war, aber er konnte nicht anders. »Ich brauche diese Informationen wirklich, Tom.«
»Na schön, gib mir ein paar Tage.«
»Danke«, erwiderte Westmore. »Und jetzt erzähl mir was über Hildreth.«
Ein leises Kichern. »Dein Milliardär und Überflieger war gar kein richtiger Geschäftsmann.«
»Was soll das heißen?«
»Er hat in seinem ganzen Leben nur einen einzigen Gewerbeschein beantragt. Für einen schmierigen Laden namens T&T Enterprises. Bist du bereit für einen Knaller? Das ist ein ...«
»Eine Pornoproduktion, ich weiß«, unterbrach ihn Westmore. »Und ich glaube, die hat nicht mal Gewinn abgeworfen.«
»Da hast du verdammt recht«, gab Tom zurück. »Dieser Hildreth hat die Firma für eine Million von einem Schleimscheißer in Kalifornien gekauft, als sie noch leicht schwarze Zahlen schrieb, danach trieb er sie in den Ruin. Hat kaum noch Filme rausgebracht, hielt Vertriebsvereinbarungen nicht ein, machte keine Werbung mehr. Es hat fast den Anschein, als wäre ihm völlig egal gewesen, dass der Laden keine schwarzen Zahlen mehr schrieb.«
»Das war’s ihm auch«, bestätigte Westmore. »Er war ein Exzentriker. Ich habe gehört, dass er die Firma gekauft hat, weil ihm die Frauen gefielen, die dort arbeiteten.«
Tom lachte. »Ja, das würde ich auch als exzentrisch bezeichnen. ›Hallo, Süße, mir gefällt dein Arsch so sehr, dass ich deine Firma gekauft habe. Jetzt arbeitest du für mich.‹«
»So was in der Art, schätze ich.« Westmore zündete sich eine Zigarette an. »Wie sieht’s mit seiner Vorgeschichte aus?«
»Da gibt’s nicht viel zu finden. Geboren 1944 in Jersey, zwei Jahre später zogen seine Eltern nach Florida um – alles völlig unspektakulär. Durchschnittlicher High-School-Abschluss. Hab noch nicht tief genug gegraben, um Details zu seinem beruflichen Werdegang, sein Führungszeugnis und so weiter in die Finger zu bekommen. Reginald Hildreth gleicht einem weißen Fleck auf der Landkarte des Lebens, genau wie die meisten von uns Durchschnittsmenschen – bis Anfang der 1980er.«
»Was geschah dann?«
»Da wurde er reich. Die einzigen konkreten Hinweise auf seine deutlich verbesserte finanzielle Situation liefern allerdings seine bundesstaatlichen Steuerunterlagen. Jetzt kommt der Teil, der dich umhauen wird.«
»Leg los.«
»Zwischen 1981 und 1983 hat dein Mann 100 Millionen Dollar eingestrichen. Erst dachte ich, er muss ein Finanzgenie oder so gewesen sein – aber Mann, damit lag ich komplett falsch!«
»Wie ist er dann an die Kohle gekommen?«
»Durch Glücksspiel.«
Westmore runzelte die Stirn. »Mit Glücksspiel allein kann man keine 100 Millionen Dollar machen. Das ist verrückt.«
»Ich weiß, aber erzähl das mal deinem Mann. Während dieser beiden Jahre ging er in etwa 100 verschiedene Casinos rein, staubte in jedem etwa eine Million ab und spazierte wieder raus. Hat für jeden Gewinn brav seine Steuern gezahlt und ist weitergezogen.«
»So käme man in Las Vegas keine zwei Nächte weit. Man würde ihm überall Hausverbot erteilen.«
»Er ist in Las Vegas auch keine zwei Nächte weit gekommen. Dort hat er zwar einen siebenstelligen Betrag eingesammelt, dann ging’s aber direkt weiter nach Atlantic City und anschließend zu den größten Casinos in den Indianerreservaten von einem Dutzend unterschiedlichen Bundesstaaten. Danach kamen Costa Rica, Monte Carlo und so weiter und so fort. Niemand konnte etwas dagegen unternehmen, weil alles legitim war. Und der Scheißer gab wie gesagt jeden Dollar brav auf seiner Steuererklärung an, deshalb hat auch Vater Staat keinen Alarm geschlagen.«
Westmore schüttelte angesichts der absurden Umstände den Kopf. »War er ein Mathematikgenie? Besaß er ein fotografisches Gedächtnis?«
»Möglich, aber nicht wirklich feststellbar. Vielleicht hatte er einfach unverschämtes Glück. Oder er hat gemacht, was die meisten Spieler nie tun: Das Geld zu nehmen und aufzuhören, wenn’s gerade am besten läuft.«
»Ich weiß nicht recht. Das scheint mir ein bisschen viel Glück auf einmal zu sein«, merkte Westmore an.
»Du hast ja erst einen Teil der Geschichte gehört, wart’s mal ab. Aber was das Glücksspiel angeht – solche merkwürdigen Winke des Schicksals gibt’s immer mal wieder. So wie bei der Frau aus Ohio, die im selben Jahr beide staatlichen Lotterien gewonnen hat. Für deinen Mann allerdings kam das echte Glück erst nach seiner Siegessträhne.«
»Ich habe gehört, er war Investor.«
»Das war er – soweit ich weiß allerdings ohne klassische Ausbildung oder Erfahrung. Jedes Mal, wenn Hildreth den Jackpot in einem Casino knackte, bezahlte er seine Steuern und investierte den Rest in Aktien.«
»Bluechips?«
Ein Lachen am anderen Ende. »Dieser Kerl hat Anteile an spekulativen Garagenunternehmen gekauft, aber fast ausschließlich an solchen, denen später der große Wurf gelang. Microsoft, Apple, Bank of America, die Minibude, aus der später AOL hervorging – eine lange Liste. Alle erwiesen sich ein paar Jahre später als Senkrechtstarter – 1000 Prozent Gewinn an den Aktien, mehrere Übernahmen und Aktienteilungen. Derzeit ist der Kerl 1,4 Milliarden Dollar schwer.«
War er, berichtigte Westmore in Gedanken. Jetzt ist er tot. Aber stimmte das überhaupt? Westmore versuchte, eine professionelle Einstellung zu bewahren. Er hatte einen Auftrag angenommen. Er hatte eine Kundin, Vivica Hildreth, doch je angestrengter er versuchte, sich auf die Pflichten zu konzentrieren, für die er lächerlich gut bezahlt wurde, desto mehr Zweifel kamen in ihm auf. Was genau soll ich jetzt unternehmen? Es schien beinahe so zu sein, als ermittle er für sich selbst, um die eigene Neugier zu befriedigen. »Das war hervorragende Arbeit, Tom. Danke. Aber ich möchte, dass du noch einen weiteren Namen für mich überprüfst.«
»Oh, kein Problem, Kumpel. Ich hab doch sonst nichts Besseres zu tun ...«
»Ja, ja. Stell’s mir meinetwegen doppelt in Rechnung oder so. Aber wenn du Debbie Rodenbaugh weiter recherchierst, möchte ich, dass du auch eine Überprüfung der Ehefrau vornimmst – Vivica Hildreth.«
Ein gedehntes Seufzen. »Na schön.«
Westmores Gedanken drifteten ab – zurück zu Hildreth.
»Bist du noch dran?«, fragte Tom.
»Ja. Ich hab bloß kurz nachgedacht. Das ganze Geld, das Hildreth eingeheimst hat – ausschließlich in Casinos und Spielbanken. Glaubst du wirklich, dass ein Mensch allein so viel Glück haben kann?«
»Manche haben’s, andere eben nicht«, gab Tom fatalistisch zurück. Er lachte trocken. »Wer weiß? Vielleicht hat der Kerl dem Teufel seine Seele verkauft.«
Westmore starrte ins Leere. »Danke für deine Hilfe. Ich halt dich jetzt nicht weiter von der Arbeit ab und ruf in ein paar Tagen wieder durch.«
»Alles klar.«
Westmore legte auf. Er blies den Rauch seiner Zigarette aus und beobachtete, wie er sich in seltsamen Formen kräuselte und schließlich verflüchtigte. Oh Mann. Was soll ich davon bloß halten? Er ergriff sein Glas mit Scotch, schnupperte daran, stellte es zurück und trank stattdessen einen Schluck Eiswasser.
Jemand tippte ihm auf die Schulter. »Ist das die Person, nach der Sie suchen?« Ein Foto wurde ihm vors Gesicht gehalten. »Ich habe eben gehört, wie Sie am Telefon ihren Namen erwähnten ...« Bevor Westmore einen näheren Blick auf den Mann werfen konnte, der mit ihm sprach, verdeckte das Foto seine Sicht.
Es zeigte Debbie Rodenbaugh.
Wer um alles ... Jäh fuhr er auf seinem Sitz herum und sah mit finsterer Miene auf.
Und war ausgesprochen verblüfft darüber, wessen Gesicht er vor sich hatte.
»Ich denke, ich rufe jetzt besser die Polizei«, stieß Westmore wütend hervor. Der Mann, der neben ihm Platz nahm, war kein Unbekannter für ihn. Ein älterer Kerl mit Kurzhaarschnitt, einer kahlen Stelle und dunklem Schnurrbart.
»Sie sind mir so schnell auf die Schliche gekommen?«
Es handelte sich um »Mike« von der Bayside-Schädlingsbekämpfung. Im Augenblick trug er Jeans, ausgetretene Halbschuhe und ein T-Shirt mit Jane Fonda in einem Fadenkreuz.
Westmore wusste nicht recht, was er sagen sollte. »Ich habe erst unlängst auf einem Sicherheitsvideo gesehen, wie Sie CDs in einem illegalen Abhörgerät ausgetauscht haben, während Sie sich als Mitarbeiter einer Schädlingsbekämpfungsfirma ausgaben.«
»Was sagt man dazu ...« Sein Blick blieb an Westmores Scotch hängen. »Ich dachte, Sie trinken nicht mehr.«
Stöhnend ließ Westmore die Schultern sinken. »Tu ich auch nicht. Ist eine lange Geschichte, die Sie vor allem nichts angeht. Zwei Fragen: Warum sollte ich nicht auf der Stelle die Polizei anrufen? Und weshalb tragen Sie ein Foto von Deborah Rodenbaugh mit sich herum?«
»Warten Sie noch damit, die Polizei anzurufen. Ich würde ohnehin straffrei davonkommen. Mein Schwager ist Staatsanwalt und einige meiner besten Freunde arbeiten im Büro der Strafbehörde. Ich war früher Bulle, hab 20 Jahre beim County Sheriff Department abgespult. Als ich in Rente ging, war ich Leiter der Drogenbekämpfungseinheit und habe mehr Belobigungen und Urkunden zu Hause an der Wand hängen als jeder andere Beamte in der Geschichte des Departments.«
»Berichtigung«, sagte Westmore. »Drei Fragen. Wer zum Teufel sind Sie?«
»Bart Clements.« Er reichte Westmore seine Brieftasche, die den Ausweis eines Polizeibeamten im Ruhestand enthielt. Sieht echt aus, dachte Westmore. Aber was weiß ich schon?
»Geben Sie mir eine Minute Zeit, dann beantworte ich Ihnen sämtliche Fragen«, sagte Clements. »Ich bin aus einem ganz bestimmten Grund hier – ich will mit Ihnen reden. Ich wusste, dass der Sloppy Heron Ihre Lieblingskneipe ist. Verdammt, ich bin die vergangene Woche jeden Abend hier gewesen. Wurde langsam Zeit, dass Sie endlich mal aufkreuzen.« Er bestellte beim Barkeeper ein Bier vom Fass, eine Cola und eine Schale mit Zwiebelringen. Die Cola brachte er einer jungen Frau, die draußen alleine an einem dunklen Tisch direkt am Ufer saß.
Als er zurückkam, erkundigte sich Westmore: »Wer ist das?«
»Eine Freundin.«
Westmore zog die Augenbrauen hoch und betrachtete die junge Frau erneut. Sie wirkte dünn und irgendwie nuttig – abgeschnittene Jeans, Flipflops, Schlauchtop. Strähniges, dunkles Haar. »Wie alt sind Sie, um die 60?«
»57.«
»Nichts für ungut, Mann, aber die sieht wie eine 25-jährige Bordsteinschwalbe aus.«
»Das ist sie auch.«
»Na toll. Ein hochdekorierter Ex-Bulle ... der Nutten aufgabelt.«
»Ich habe eine Schwäche für Nutten. Hatte ich schon immer.« Clements sah ihn an. »Jeder hat irgendein Laster, oder? Nyvysk hat die Priesterschaft aufgegeben, weil er sich ständig in andere Priester verknallt hat. Adrianne Saundlund ist medikamentenabhängig. Cathleen Godwin ist sexsüchtig. Patrick Willis ist Pornojunkie. Jeder von uns hat sein Laster. Meins sind Nutten. Ich kann nichts dagegen tun.«
Westmore war ehrlich verblüfft. »Beeindruckend, wie viel Sie über die Leute in der Villa wissen, aber ich schätze, wenn man die Bude verwanzt hat, ist es ein Kinderspiel, solche persönlichen Informationen aufzuschnappen. Nur kennen Sie mich überhaupt nicht. Warum zum Henker erzählen Sie einem völlig Fremden so persönlichen Kram über sich? Sich mit Nutten einzulassen, ist nichts, worauf man stolz sein könnte. Für einen ehemaligen Bullen ist es noch eine ganze Ecke peinlicher. Warum erzählen Sie mir das?«
»Ich will, dass Sie mir vertrauen«, antwortete Clements, nippte an seinem Bier und zündete sich eine Zigarette an. »Übrigens habe ich in Vivicas Penthouse im Strauss Building eine noch bessere Wanze versteckt. Ein Funkmikrofon. Anders als bei der Villa muss ich nicht hingehen, um CDs zu wechseln. Durch diese Wanze habe ich mehr erfahren als durch die andere. Und das verrate ich Ihnen aus demselben Grund, aus dem ich so freimütig über meine persönlichen Schwächen plaudere. Damit Sie mir vertrauen. Sie könnten Vivica auf der Stelle anrufen, ihr von mir erzählen und sie über die Wanze aufklären. Und das ist ein strafrechtliches Vergehen, für das die Bundesbehörden zuständig sind. Dafür bekämen sie mich wirklich dran.«
Worauf du einen lassen kannst!, dachte Westmore.
»Ach ja, was das Mädchen angeht ...« Clements schaute zu der verlotterten jungen Frau, der er die Cola gebracht hatte. »Ja, sie ist eine Straßenhure, aber ich habe sie nicht deshalb mitgenommen. Ihr Name ist Connie und sie ist ... eine Freundin. Sie hilft mir, ich helfe ihr. Ich will ihr einen Platz in einer Entzugsklinik besorgen.«
»Und wie hilft sie Ihnen?«
Clements bedachte Westmore mit einem freudlosen Lächeln. »Sie ist einer der letzten Menschen, die Hildreth und diese Pornobräute lebend gesehen haben. Und sie ist einer der letzten Menschen, die Debbie Rodenbaugh zu Gesicht bekommen haben, als die noch unter uns weilte.«
Westmore ließ sich diese Auskunft durch den Kopf gehen, bevor er verstand. »Sie ist eine der Prostituierten aus dem Salon ...«
»Richtig. Sie wurde in der Nacht vor dem Gemetzel hochgenommen, sonst wäre sie ebenfalls dort gewesen und ihr wäre so wie den anderen der Kopf abgeschnitten worden. Sie weiß mehr über dieses Haus als Sie und ich zusammen.«
Westmore fühlte sich überrumpelt. Das kommt völlig aus heiterem Himmel. »Und der Grund, warum Sie möchten, dass ich Ihnen vertraue ist ... welcher?«
»Ich brauche Ihre Hilfe. Und man kann nie wissen, vielleicht könnten Sie auch meine brauchen. Wir sitzen beide im selben Boot, Kumpel. Wir versuchen beide, herauszufinden, was mit Debbie Rodenbaugh passiert ist. Lassen Sie uns an einem Strang ziehen.«
»Wieso interessieren Sie sich für Debbie Rodenbaugh?«, wollte Westmore als Nächstes wissen.
»Sie war mein letzter Fall. Ich hasse es, wenn ich versage, und in ihrem Fall habe ich eindeutig versagt. Dabei geht es um mehr als meinen Seelenfrieden. Ich habe das Mädchen zwar nie kennengelernt, trotzdem habe ich das Gefühl, ihr etwas schuldig zu sein. Ihre Eltern wurden ermordet, weil ich den Fall angenommen habe.«
»Welchen Fall?« Mittlerweile war Westmore eher gereizt als neugierig. »Was hat sie mit Ihnen zu tun? Ihre Eltern wurden nach meinen Informationen von Drogensüchtigen ermordet, die in ihr Haus eingebrochen sind. Es war ein Unfall.«
Clements schürzte leicht angewidert die Lippen. »Ihre Eltern wurden in Hildreths Auftrag ermordet. Er und dieses Miststück von Ehefrau haben sie eiskalt umbringen lassen. Die beiden hatten Debbie bereits in ihren Bann gezogen, deshalb fingen die Eltern an, unangenehme Fragen zu stellen. Wo trieb sie sich herum? Worum ging es bei ihrem neuen ›Job‹? Hildreth brauchte die Kleine.
Vor etwas mehr als einem Jahr verließ ich das Sheriff Department und machte mich als Privatdetektiv selbstständig. Die Rodenbaughs haben mich engagiert, um Debbie im Auge zu behalten und herauszufinden, weshalb sie so viel Zeit in der Hildreth-Villa verbringt. Und ehe ich mich versah, waren die Eltern tot und ich saß zusammen mit etlichen Drecksäcken, die ich dorthin verfrachtet hatte, in der Bezirksuntersuchungshaftanstalt. Der Knast ist kein guter Ort für einen ehemaligen Bullen.«
Westmore verstand nicht recht. »Weshalb waren Sie im Gefängnis?«
»Besitz von Crack mit der Absicht, damit zu handeln. Die Polizei erhielt einen anonymen Hinweis und fand ein halbes Kilo von dem Dreck in einer Plastiktüte in meinem Haus. Die Tüte war mit meinen Fingerabdrücken übersät. Eine hieb- und stichfeste Angelegenheit.«
Völlig verwirrt schüttelte Westmore den Kopf.
»Es war ein abgekartetes Spiel«, klärte Clements ihn auf. »Kapieren Sie nicht? Hildreth hat Leute dafür bezahlt. Die haben sich die Tüte aus meiner Garage geholt – natürlich waren meine Fingerabdrücke drauf. Dann haben sie das Ding in meinem Haus deponiert – ganz einfach. Die Razzia wurde von der Stadtpolizei durchgeführt; denen war scheißegal, dass ich Drogenermittler beim Sheriff Department war – für sie sah es so aus, als wäre ich ein ehemaliger Bulle, der auf die schiefe Bahn geraten war.
Kein Geschworenengericht dieser Welt hätte mir angesichts einer so erdrückenden Beweislast geglaubt, deshalb ging ich einen Deal ein und plädierte auf schuldig. Mein Schwager hat mir geglaubt, ebenso meine Freunde bei der Oberstaatsanwaltschaft – Scheiße, die kennen mich seit Jahrzehnten. Und der Richter hat mir auch geglaubt – deshalb verlor ich nur meine Lizenz als Privatdetektiv und bekam fünf Jahre auf Bewährung. Der einzige Grund, warum sie mir meine Beamtenrente nicht gestrichen haben, war, dass mein Cousin Anwalt für die Polizeigewerkschaft ist und ein Schlupfloch fand. Aber unterm Strich geht’s darum: Ich wurde Hildreth lästig, also ließ er mich aus dem Verkehr ziehen. Die Eltern von Debbie wurden Hildreth lästig, also ließ er sie noch etwas drastischer aus dem Verkehr ziehen. Problem astrein gelöst.«
Westmore dachte nach. Als der Barkeeper die Zwiebelringe brachte, winkte Clements die junge Frau herbei. Zaghaft kam sie zur Bar. Sie schien kaum 50 Kilo auf die Waage zu bringen. »Connie«, sagte Clements. »Das ist Westmore. Er ist der Mann, der uns helfen wird.«
Westmore zuckte zusammen. »Hey, ich habe noch nicht zugesagt, Ihnen bei irgendetwas zu helfen. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich nicht doch die Polizei anrufe und Sie melde. Oder mit Vivica über die Wanze spreche.«
»Verstehen Sie denn nicht? Vivica ist jetzt diejenige, die alle Fäden in der Hand hält, während sich Hildreth versteckt«, sagte Clements mit Nachdruck. »Sie ist die Strippenzieherin und manipuliert Sie nach Belieben. Aber Sie fangen allmählich an, durch den stinkenden Nebel zu sehen – Sie sind kein Trottel. Wenn Sie immer noch keinen Verdacht gegen sie hegen, müssen Sie wirklich nur Scheiße im Hirn haben.«
Darüber dachte Westmore eingehend nach. Irgendetwas stimmte tatsächlich ganz und gar nicht, und ein wenig verdächtig war ihm Vivica von Anfang an vorgekommen. Clements hat recht. Ich traue ihr NICHT. Warum sonst hätte ich Tom aufgefordert, sie ebenfalls zu überprüfen?
»Irgendetwas geht demnächst in dem Haus ab«, fuhr Clements fort. »Ich kenne keine Details, aber ich werde es rechtzeitig herausfinden. Und so viel weiß ich: Das Verschwinden von Debbie Rodenbaugh ist der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte.«
»Sie ist nicht verschwunden«, berichtigte Westmore zutiefst selbstsicher. »Sie besucht derzeit die Universität von Oxford.«
»Blödsinn. Connie hat sie vor weniger als einem Monat in dem Haus gesehen. Klar, sie ist in Oxford eingeschrieben, nur ist sie dort nie aufgetaucht.«
»Ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass sich Connie geirrt hat«, fasste Westmore seine Gedanken so höflich wie möglich in Worte. Das Mädchen war unübersehbar drogensüchtig – keine besonders verlässliche Quelle. »Und Debbie Rodenbaughs Vormunde ...«
Mit verächtlichem Lachen schnitt Clements ihm das Wort ab. »Was denn, die Tante und der Onkel in Jacksonville? Die Leute behaupten alles Mögliche, wenn man ihnen genug dafür zahlt – und Vivica Hildreth hat eine Menge Geld.«
Plötzlich geriet Westmore ins Grübeln ... über sich selbst. Geblendet von Geld, das er definitiv brauchte? Die effektivste Loyalität überhaupt. »Na schön, ich höre Ihnen weiter zu. Sie haben gesagt, Sie möchten, dass ich etwas für Sie tue. Aber was tun Sie für mich?«
Clements kicherte. »In diesem wahnwitzigen Haus? Irgendetwas wird dort passieren. Hildreth plant dort eine große Sache – und die läuft noch immer.«
Vivica hatte dasselbe angedeutet, oder? Sie behauptete, mich genau dafür engagiert zu haben, erinnerte sich Westmore. Um herauszufinden, was Hildreth in Gang setzte, bevor er sich umbrachte ... FALLS er sich denn überhaupt umgebracht hat.
»Wenn die Scheiße losgeht«, fuhr Clements fort, »werden Sie Unterstützung brauchen. Sie sind Schriftsteller.« Der ehemalige Polizist hob sein Hemd an und präsentierte zwei Handfeuerwaffen in abnehmbaren Halftern. »Mit diesen Dingern kann ich auf 30 Meter Entfernung Kirschen pflücken.«
»Sie gehen davon aus, dass es zu einer Schießerei kommt?«, fragte Westmore ungläubig.
»Sie vergessen, wo Sie sich aufhalten. Es ist ein Schlachthaus. Und Sie wissen selbst, dass Hildreth nicht tot ist ...«
Westmores Augen weiteten sich. »Ich weiß nichts dergleichen. Er hat am 3. April Selbstmord begangen.«
»Kommen Sie mir nicht mit dem Quatsch, Mann. Vivica hat Ihnen verraten, dass sie nicht an seinen Tod glaubt. Ich habe gehört, wie sie es zu Ihnen gesagt hat.«
Westmore verstand. »Die Wanze, die Sie in ihrem Penthouse eingeschleust haben ...«
»Genau, Sie Blitzmerker. Sie glauben ebenso wenig wie ich, dass er tot ist. Damit verliert diese Verschwiegenheitsvereinbarung, die Sie unterzeichnet haben, etwas an Bedeutung, oder? Wenn Hildreth wirklich noch lebt und sich im Haus versteckt, könnte er ein weiteres Blutbad planen. Was wollen Sie tun, wenn er und seine Psychos mit Fleischerbeilen auf Sie losgehen, um Ihnen den Kopf abzuhacken und Sie in einen verfluchten Eimer ausbluten zu lassen? Eine Ansprache halten? Sie mit Ihrem Laptop bewerfen?« Clements klopfte auf die Pistolen unter seinem Hemd. »Ich niete die Scheißkerle um.«
Plötzlich wirkte Clements’ Vorschlag ungemein attraktiv. »Was soll ich tun, um Ihnen zu helfen?«, gab er schließlich nach.
Clements lächelte. »Ich wusste doch, dass Sie kein Trottel sind.« Er wandte sich der jungen Frau zu, die Zwiebelringe aß. »Connie, erzähl ihm, was du mir erzählt hast. Über die Tür.«
Connie sah Westmore mit unergründlichen Augen an. »Sie ist an der Seite des Hauses. Die haben sie ständig benutzt, um uns rein- und rauszubringen – und andere Leute auch, eigentlich jeden nach Einbruch der Dunkelheit. Hildreth wollte nicht, dass irgendjemand durch die Vordertür kommt oder geht. Ich schätze, er hatte Angst, jemand könnte das Haus beobachten. Die Polizei oder so.«
»Ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Westmore, doch was er vorerst aus irgendeinem Grund für sich behielt, war, dass Connie ihm irgendwie bekannt vorkam.
»Durch den Wald führt eine Nebenstraße den Hügel hinauf. Nicht die Hauptstraße, sondern ein Schotterweg ...«
»Ich weiß, welchen Sie meinen«, erwiderte Westmore. »Den habe ich unlängst entdeckt. Ich hätte nie bemerkt, dass es ihn gibt, wenn ich nicht zufällig darüber gestolpert wäre.«
Das Mädchen fuhr fort. »Auf der Seite des Hauses ist eine dem Schotterweg zugewandte Tür.«
»Eine Tür?« Westmore dachte darüber nach. »Das glaube ich nicht. Ich hab dort keine Tür gesehen.«
»Da ist eine Tür«, wiederholte Connie. »Sie wirkt wie ein Teil der Außenmauer. Man kann sie nur von innen öffnen.«
»Ein verborgener Zugang«, folgerte Westmore.
»Und was noch, Connie?«, erinnerte Clements sie. »Warum ist diese Tür wichtig?«
»Weil sie nicht von der Videoanlage überwacht wird«, verriet sie. »Ich weiß das, weil ich gehört hab, wie sich Hildreth und einige der Männer darüber unterhielten.«
Eine Geheimtür, dachte Westmore. Die nicht überwacht wird. »Okay. Und Sie wollen, dass ich diese Tür finde?«
»Richtig«, bestätigte Clements und zündete sich eine weitere Zigarette an.
»Können Sie mir irgendwelche Hinweise geben?«, fragte Westmore die junge Frau. »Ich werde von innen danach suchen.«
»Der Raum, in den sich die Tür öffnet, ist eine kleine Bibliothek«, sagte Connie. »Nicht die Hauptbibliothek, sondern kleiner. Mit einer Menge alten Büchern. Und man kommt von oben durch einen Vorhang in den Raum.«
Da wusste Westmore plötzlich, was sie meinte. Er war darauf gestoßen, als er sich im Haus umgesehen hatte. Einer der Gänge führte dorthin. »Ich weiß genau, wo das ist.«
»Gut«, meinte Clements. »Sie finden die Tür, öffnen Sie und lassen mich rein.«
»Warum?«
»Damit ich das Haus nach Debbie Rodenbaugh durchsuchen kann. Kann Ihr Verstand mit seinem Collegeabschluss das nicht begreifen? Ich glaube, dass sie noch lebt. Ich glaube, dass Hildreth sie irgendwo im Haus gefangen hält. Ich will sie finden ... und rausholen.«
Westmore starrte den ehemaligen Polizisten im schummrigen Licht der Bar an.
»Wem sonst können Sie vertrauen?«, fragte Clements und trank sein Bier aus. »Sie können mir vertrauen oder eben diesen durchgeknallten Spinnern.«
»Ich gebe zu, sie sind ein merkwürdiger Haufen, aber es sind anständige Leute«, gab Westmore zurück.
»Herrgott, die können sich noch nicht mal den Arsch abwischen, ohne eine Vision zu haben oder einen Geist zu sehen. Glauben Sie etwa, in dem Haus gibt es Gespenster, weil Sie Stimmen auf irgendeinem Band gehört haben? Scheiße, ich habe unlängst selbst eine auf einer der CDs gehört, die ich dort rausgeholt habe. Das ist einer von Hildreths Leuten – wahrscheinlich dieser Scheißer Mack –, der mit einer Geisterstimme flüstert.
Und der Kram, den Nyvysk Ihnen auf seinen Monitoren gezeigt hat – jede gute Firma für Spezialeffekte kann so was machen, und Vivica hat die Kohle, um es zu bezahlen.« Clements packte Westmore am Arm. »Und denken Sie wirklich, diese Frauen wären von Geistern vergewaltigt worden? Ich bitte Sie. Das war entweder Beschiss oder die haben Halluzinationen. Diese Schnepfen glauben, sie können mit Toten reden und ihre Körper verlassen – die sind doch nicht ganz dicht. Und sie haben schon mehr Zeit auf der Couch eines Psychiaters verbracht, als sie frei herumgelaufen sind.«
Westmore dachte weiter darüber nach. »Ich weiß nicht recht.«
»Wollen Sie denen vertrauen oder mir? Nyvysk kann mit seinen Restlichtkameras, seinen Monitoren und seinem Ionenscheiß rumspielen, so lange er will. Ich werde auf die altmodische Weise herausfinden, was dort abläuft. Mit meinen Eiern und meinen grauen Zellen«, sagte Clements. »Hast du je irgendwelche Geister gesehen?«, fragte er Connie.
Unbehaglich saß sie da und wischte sich einige Strähnen aus der Stirn. »Nein, aber es ist schon ein unheimlicher Ort.«
»Bist du je von einem Geist vergewaltigt worden?«
Sie senkte den Blick. »Nein, nicht von Geistern ...«
»Hören Sie das?«
Westmore musterte die junge Frau nach wie vor eindringlich. Sie kam ihm auf unangenehme Weise bekannt vor ... »Ich weiß, dass ich Sie schon mal gesehen habe«, sagte er.
»Normalerweise stehe ich nachts an der 34th Street.«
»Nein, nicht so. Ich meine ...« Dann fiel es ihm ein. Die Filme, dachte er mit einem flauen Gefühl im Magen. »Ich habe in der Villa einige DVDs gefunden und auf einer wurden Sie von einem Rudel Männer vergewaltigt. Einige sahen wie Penner aus. Und da waren ...« Westmore schluckte, als er sich an die extremen Inhalte einiger der Filme erinnerte. »Da waren noch andere Sachen zu sehen.«
Das Mädchen nickte nur und schaute verlegen zu Boden.
»Hildreth hat die Leute dafür bezahlt, dass sie solche Sauereien mit den Mädchen anstellten«, sagte Clements. »Vergewaltigungen, Sex mit Tieren – mein Gott! Und Sie arbeiten für die Frau des Typen, die über all das Bescheid wusste und nie etwas dagegen unternommen hat. Und jetzt wollen Sie Vivica auch noch mehr als mir vertrauen?«
Westmores Augenblick der Wahrheit näherte sich rasch. Wenn er sich irrt, bekomme ich nie den Rest des Geldes, das Vivica mir versprochen hat, und ich werde auf jeden Penny verklagt, den sie mir bisher gezahlt hat, erkannte er. Wenn er sich irrt ...
»Na schön. Ich helfe Ihnen.«
»Gott sei Dank«, stieß Clements seufzend hervor. »Lassen Sie in ein paar Nächten zu einer bestimmten Zeit die Tür für mich offen.« Er reichte Westmore eine Karte. »Hier ist meine Handynummer. Rufen Sie mich morgen an, dann besprechen wir die Einzelheiten.«
Westmore steckte die Karte ein und nickte, immer noch leicht durcheinander. »In Ordnung, aber ich brauche morgen Nacht Ihre Hilfe bei etwas.«
»Schießen Sie los.«
Westmore konnte kaum glauben, was er jetzt sagen würde, doch es war etwas, worüber er seit dem Tag nachgedacht hatte, als er das Haus zum ersten Mal betrat. »Bevor ich glaube, dass Hildreth noch am Leben sein könnte, muss ich einen Beweis sehen.«
»Ja?«
»Und Sie haben recht, ich bin bloß Schriftsteller. Ich bin kein Straßengräber. Sie müssen mir helfen, seinen Sarg auszubuddeln.«
Clements zuckte mit den Schultern. »Kinderspiel. Wann? Morgen Nacht?«
»Mitternacht. Wenn ich diese versteckte Tür finde, verlasse ich die Villa um Mitternacht und komme direkt an den Schotterweg. Dort treffen wir uns. Bringen Sie Schaufeln mit.«
»Alles klar.«
»Und falls ich nicht da bin, bedeutet das, ich konnte die Tür nicht finden.« Westmore verstummte kurz. »Oder ich habe es mir anders überlegt.«
»Sie werden es sich nicht anders überlegen«, versicherte ihm Clements. »Sie sind nicht dumm. Sie und ich, Westmore, wir beide finden heraus, was in diesem Irrenhaus wirklich vor sich geht. Eine Ahnung besitzen wir ja zumindest schon.«
»Was meinen Sie damit?«, fragte Westmore.
»Das wissen Sie ganz genau.« Clements zog einen Beutel aus der Tasche und ließ ihn vor Westmore auf den Tisch plumpsen.
»Ich glaube nicht an den Teufel, aber ich denke, Hildreth tut das. Darum geht es bei der ganzen Show, die er dort abzieht.«
Westmore kramte etwas aus der Tüte hervor: ein kleines, schwarzes umgekehrtes Kreuz an einem Silberring. Der Anblick löste eine Erinnerung in ihm aus. Habe ich darüber nicht etwas im Autopsiebericht gelesen?
»Hildreths Partygeschenke«, erklärte Clements. »Schon ein echtes Irrenhaus, nicht wahr? Alle weiblichen Opfer trugen diese Dinger, als sie in der Nacht des 3. April abgeschlachtet wurden. Dämlicher Body-Piercing-Scheiß. Die Mädchen hatten sie an den Nippeln, an den Schamlippen und im Bauchnabel.«
»Woher haben Sie das?«
»Der stellvertretende Kreisgerichtsmediziner war mein bester Freund bei der Navy. Er hat die Autopsien durchgeführt.«
Westmore schüttelte den Kopf. »Gibt es in der Gegend irgendjemanden in einer Machtposition, mit dem Sie nicht verwandt oder befreundet sind? Wahrscheinlich kennen Sie sogar den Verwaltungschef des Countys.«
Clements lachte. »Soll das ein Witz sein? Mit dem spiele ich jeden Freitagabend Karten. Ich war Trauzeuge bei seiner Hochzeit. Außerdem habe ich mit dem Beamten die Polizeiakademie besucht, der als Erster in der Villa eintraf. Er hat die Leichen selbst gesehen. Alle Pornosternchen von Hildreth trugen diese Dinger.« Er tippte auf die Tüte mit den Kreuzen. »Umgekehrte Kreuze sind ein Symbol des Teufels. Darauf war Hildreth aus: extremer Satanismus. Er war wie einer dieser Kultanführer, von denen man manchmal liest – hat einen Haufen junger Leute durch Drogen und Orgien irregemacht und einer Gehirnwäsche unterzogen.« Er steckte den Beutel zurück in seine Tasche. »Und darum ging es am 3. April – um satanische Opferungen. Dieses Arschloch glaubte, es würde den Teufel höchstpersönlich anrufen.«
Nicht den Teufel, schoss Westmore durch den Kopf. Belarius.
Westmore folgte Clements und Connie zum Parkplatz. Clements hatte den Arm um das Mädchen gelegt; offensichtlich waren die beiden mehr als nur Freunde. »Morgen Nacht geht in Ordnung«, bestätigte Clements. »Ich komme um Mitternacht an die Zufahrtsstraße.«
»Gut.« Westmore blickte auf das Wasser hinaus und dachte nach. »Sie wissen mehr als ich über das Haus und Hildreth. Was sollte ich sonst noch erfahren?«
»Nehmen Sie sich vor diesem Scheißkerl namens Mack in Acht; und vor der Frau, wie auch immer sie heißen mag – dieser ehemaligen Pornodarstellerin, die mehr säuft als eine Kompanie russischer Matrosen.«
»Karen.«
»Ja. Vertrauen Sie den beiden bloß nicht.«
»Ich bin ziemlich sicher, dass ich Karen schon vertraue. Sie ist harmlos.«
»Sie stand unter Hildreths Fuchtel und arbeitet für Vivica. Seien Sie bloß vorsichtig. Die ist ein Sprachrohr der Hexenkönigin.«
Verwirrt kniff Westmore die Augen zusammen. »Und was ist, wenn Sie völlig falsch liegen? Wenn Vivica nichts weiß? Vielleicht ist sie wirklich nur eine einsame Frau mittleren Alters, die den Tod ihres Ehemanns untersuchen lässt.«
»Na klar. Und was ist, wenn ich ein rechteckiges Arschloch hätte? Könnte ich dann einen Fernseher scheißen? Vertrauen Sie niemandem. Was immer dort am 3. April passierte, ist noch nicht ausgestanden. Alles spitzt sich auf etwas zu, etwas, das schon bald geschehen wird. Dieser Ort wird demnächst überkochen; und wenn es so weit ist, dann sollten wir bereit dafür sein. Je mehr Informationen wir sammeln, desto stärker ist unsere Position. Ach ja, noch etwas. Sie wissen doch über Faye Mullins Bescheid, oder?«
Der Name brachte in seinem Gedächtnis etwas zum Klingeln. Die übergewichtige Frau von der Halloween-DVD ... »Karen hat sie erwähnt. Die Hausmeisterin oder so. Eine Putzfrau.«
»Sie ist die einzige Überlebende des 3. April«, erklärte Clements. »Sie befand sich im Haus, als die ganze Scheiße stattfand.«
»Was?«
»Sie haben mich schon richtig verstanden. Ich vermute, Hildreth hat sie allein deshalb nicht getötet, weil er gar nicht wusste, dass sie in der Villa war. Ich habe versucht, mit ihr zu reden, aber sie wirkte völlig durchgedreht. Vielleicht haben Sie mehr Glück.«
Westmore zeigte sich leicht verstört. »Vivica hat nie erwähnt, dass jemand die Nacht überlebt hat.«
»Das liegt wahrscheinlich daran, dass Vivica Ihnen eine ganze Menge nicht erzählt hat. Faye Mullins ist die einzige lebende Zeugin.«
»Wo ist sie?«
»In der Danelleton-Privatklinik, etwa eine halbe Autostunde von hier entfernt. Einer dieser überkandidelten Psychoschuppen, die 20.000 Dollar pro Woche und mehr kassieren. Fahren Sie hin und reden Sie mit ihr.«
Westmore war nicht überzeugt. »In einer solchen Privatklinik lässt man bestimmt nur die nächsten Verwandten zu ihr durch.«
»Fahren Sie morgen hin, gegen ... sagen wir 14:00 Uhr. Ich kann ein paar Beziehungen spielen lassen und dafür sorgen, dass Sie reinkommen.«
»Wie?«
»Der Sicherheitsleiter der Klinik ist mein Neffe. Vertrauen Sie mir.«
Westmore seufzte erneut. »Ja, sieht so aus, als würde ich das tun.«
»Dann sehen wir uns morgen um Mitternacht.«
»Sie werden doch da sein, oder?«
Clements lachte. »Mit Schaufeln und Kanonen.«
Der meint das echt ernst ...
Clements stieg in einen großen verbeulten Oldsmobile 98 mit Faltdach. Die junge Frau ging zur anderen Seite herum, doch bevor sie einstieg, starrte sie mit großen und ausdruckslosen Augen über das Dach hinweg. Ein Zittern durchfuhr ihren Körper.
»Seien Sie vorsichtig in dem Haus«, sagte sie sehr leise.
»Mach ich«, erwiderte Westmore.
Clements kurbelte das Fenster herunter. »Wir holen Debbie Rodenbaugh aus diesem Irrenhaus raus. Danach suche ich Hildreth und puste sein verfluchtes Hirn ins Nachbardorf. Seins und das von allen, die auf seiner Seite stehen.« Clements zwinkerte. »Ich werde jeden Einzelnen dieser durchtriebenen, abartigen Drecksäcke umbringen und jede Sekunde genießen.«
Westmore sah den beiden nach, als sie davonfuhren.