Kapitel 13
I
»Westmore, richtig?«
Westmore stand leicht überrumpelt an der Wand vor einem Schild, das verkündete: PSYCHIATRISCHE ANSTALT MIT BESONDEREN SICHERHEITSVORKEHRUNGEN! SÄMTLICHE SCHARFEN GEGENSTÄNDE VOR DEM BETRETEN BEIM PERSONAL ABGEBEN!
»Ja, ich bin Westmore«, bestätigte er. »Ich habe zwar keinen Termin, aber mir wurde gesagt ...«
»Ruhig.«
Ihm wurde ein Korb gereicht, in den er Schlüssel, Kugelschreiber und dergleichen legte.
»Die Brieftasche auch.«
»Meine Brieftasche würde ich nun nicht gerade als scharfen Gegenstand bezeichnen.«
»Hier drinnen gibt es Irre, die würden Ihre Brieftasche nur zu gern in die Finger kriegen.«
»Wofür?«
»Kreditkarten.«
Westmore verstand nicht. »Wozu könnte jemand in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt eine gestohlene Kreditkarte verwenden?«
»Die schlitzen sich andauernd die Kehlen damit auf.«
Du meine Güte! Westmore packte sein Portemonnaie auf den Tisch und trat durch eine Schleuse mit Metalldetektor. Dann konnte er endlich einen Blick auf die Person erhaschen, die mit ihm redete, einen Mann um die 30 mit rasiertem Schädel, ernster Miene und der Statur eines Feuerhydranten. Auf dem Namensschild über seiner Brusttasche stand: WELLS – SICHERHEITSCHEF.
Westmore wurde durch einen stillen Korridor aus glänzenden Fliesen geführt. »Sie sind also derjenige, der ...«
»Ruhig.«
Wells’ Stiefelabsätze klapperten über den Boden. »Was wissen Sie über Faye Mullins? Wissen Sie, was ihr fehlt?«
»Nein, nicht wirklich. Was fehlt ihr denn?«
»In allgemein verständlichen Begriffen? Drogen haben ihr die Rübe weich gekocht.«
»Und etwas genauer?«
»Drogeninduzierte monopolare schizoaffektive Schizophrenie und symbolhafte Wahnvorstellungen mit okkulten und sexuellen Gedankenmotiven.«
Westmore verschluckte sich fast. »Was für eine Diagnose.«
»Wir haben sie mit Beruhigungsmitteln ziemlich gut im Griff, in der Regel ist sie friedlich«, versicherte ihm Wells. »Meistens gibt sie nichts Zusammenhängendes von sich, sondern brabbelt nur wirres Zeug vor sich hin. Aber wenn Sie Glück haben, bekommen Sie vielleicht trotzdem etwas aus ihr heraus.«
»Hat sie je über etwas geredet, das mit Astronomie zu tun hat? Etwas von einem Apogäum erzählt? Oder Sonne und Mond?«
»Hauptsächlich Kauderwelsch über Drogen und Massen-Blowjobs. Und Blut.«
»Ich schätze, das macht Sinn«, meinte Westmore. »Dass sie von Blut spricht.«
»Verdammt ja, und ob. Sie ist die einzige Überlebende der Psychoshow, die Hildreth dort oben veranstaltet hat.«
Sie passierten mehrere Schwesternzimmer und medizinische Stationen, alle verriegelt und gesichert. Konnte es hier viele Patienten geben? Westmore hörte nirgendwo ein Geräusch. Er hatte sich Karens Auto geliehen, um herzufahren. Von außen wirkte die Anlage völlig unscheinbar – ein lang gezogener Gebäudekomplex mit gepflegten Ziegelsteingebäuden, jeweils eingeschossig. Ein schlichtes Schild an der Auffahrt verkündete: DANELLETON-PRIVATKLINIK. Der Anblick erinnerte ihn eher an eine Krankenkasse oder ein chiropraktisches Therapiezentrum.
Westmores Magen krampfte sich unvermittelt zusammen, als in einem der kleinen Türfenster, die sie passierten, plötzlich ein Gesicht aufblitzte: ein Mann, der sich anscheinend die Unterlippe abgekaut hatte. Dann ertönte ein markerschütternder Schrei.
»Ich will dich fressen, Kumpel! Ich will dich fressen! Wenn man Menschen falsch kocht, schmecken sie wie Pferd. Aber ich bin ein guter Koch!«
Geschockt und mit unbehaglich hochgezogenen Schultern lief Westmore weiter.
»Achten Sie gar nicht auf den«, riet Wells. »Er war mal Chefkoch in einem bekannten Restaurant in der Innenstadt.«
Westmore wollte gar nicht genau wissen, in welchem. Mehrere Pflegerinnen gingen an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen, dann entriegelte Wells geräuschvoll eine Tür. »Möchten Sie, dass ich sie fesseln lasse?«
Westmore sah ihn an. »Ist das nötig?«
»Wahrscheinlich nicht.«
Oh Mann, das beruhigt mich jetzt aber unheimlich. »Nein, lassen Sie mal. Sie wird viel eher reden, wenn sie sich wohlfühlt.«
»In Ordnung. Aber ich muss hinter mir absperren. Drücken Sie den Knopf, falls sie austickt oder so.«
»Mach ich.«
Westmore fühlte sich wie betäubt, als er den kahlen weißen Raum betrat. Das Gesicht, das ihn empfing, kannte er zwar von den DVDs, doch nun wirkte es noch blasser, noch aufgedunsener – eine Fratze hoffnungsloser Traurigkeit. Faye Mullins trug ein weißes Nachthemd aus Leinen, unter dem bleiche, dicke Beine hervorragten. Die Knöchel waren angeschwollen, vermutlich durch Medikamente oder nachlässige Pflege verursacht. Glanzlose Augen blinzelten über hängenden Wangen. Das stumpfe braune Haar sah aus, als wäre es seit Tagen nicht mehr gewaschen worden, und strotzte vor Schuppen.
»Ich habe Sie mal in einem Traum gesehen«, sagte sie kurz darauf, und ihre Augen weiteten sich. »Sie sind im Regen aus einem Bus gestiegen und in eine Bar gegangen. Dann haben Sie sich betrunken, bis Sie sich fürchterlich übergeben haben.«
»Vor ein paar Jahren war das eindeutig ich«, bestätigte Westmore.
»Nein, nein«, berichtigte sie hastig. Ihre Hände gestikulierten aufgeregt. »Es war ein Traum von der Zukunft.«
»Oh, ich verstehe. Das klingt sehr interessant, Faye.« Sie scheint mir ziemlich zusammenhängend zu reden, dachte er. Westmore hatte mit einer Geistesgestörten gerechnet, die vor sich hinbrabbelte, sabberte und ins Leere starrte. Der Raum erwies sich als schlicht. Weiße Wände, weißer Boden, weiße Decke, weißes Bett. »Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mich gerne mit Ihnen unterhalten.«
»Hier gibt es eine Frau, die kann Welpen fliegen lassen«, gab Faye zurück. »Sie hat eine spezielle Genehmigung dafür. Sie lässt Welpen fliegen, als wären sie Flugzeuge.«
Westmore legte die Stirn in tiefe Falten. »Aha. Interessant.«
»Wir müssen uns das Football-Spiel ansehen, weil die Zukunft der Welt davon abhängt. Davon und von Kaustangen und von Windspielen – Windspielen wie Sternen, solchen, wie meine Mutter sie früher immer für Bastelausstellungen gemacht hat. Oh, und von Toilettenpapier. Nicht vergessen! Ich rede von der Zukunft der Welt!«
Westmore nickte und erinnerte sich daran, was Wells über unsinniges Kauderwelsch gesagt hatte. »Oh, sicher, ich weiß. Vor allem das mit den Knabberstangen stimmt. Debbie Rodenbaugh mag Kaustangen.«
»Nein, tut sie nicht, Sie Lügner.« Faye Mullins grinste ihn dämlich an. »Sie isst nie Schweine- oder Rindfleisch!«
»Ach ja, richtig. Aber sie mag Windspiele. Das hat sie mir gesagt.«
Faye senkte die Stimme. »Sie mag nur die mit Sternen.«
»Mit Sternen, genau. Ich mag die auch.« Dann dachte Westmore: Sterne. Astronomie ... »Mag sie Mondapogäen?«
Fayes Gesicht bewegte sich auf dem dicken röhrenartigen Hals ruckartig nach vorn. »Hä?«
»Der Mond, die Sonne, solche Dinge. Bestimmte Punkte einer Umlaufbahn. Hatten Sie je Astronomie in der Schule?«
Ein ausdrucksloses Starren. »Ich glaube, Sie wollen mich reinlegen.«
»Ich will Sie nicht reinlegen. Ich bin ein ehrlicher Mensch, Faye. Ich bin nicht wie die Männer in der Villa.«
Ihr Blick wurde klarer. »Welche Männer? Die Adiposianer? Das sind keine Männer.«
Die Erwiderung brachte Westmore aus dem Konzept. Sorg dafür, dass sie weiterredet! »Nein, ich meine die Männer, die Ihnen schlimme Dinge angetan haben. Die Männer, die Sie vergewaltigt haben.«
»Eigentlich haben sie mich nicht vergewaltigt«, meinte Faye. Ihre Vernunft schien schrittweise zurückzukehren. »Sie haben mich dazu gezwungen, viel mit dem Mund bei ihnen zu machen.« Sie blinzelte. »Ist das Vergewaltigung?«
»Wenn Sie es gegen Ihren Willen tun mussten, dann ja.«
Ein kehliges Kichern. »Oh, und ob es gegen meinen Willen war. Sie haben mich dazu gezwungen, um sich für ihre Spielchen im Scharlachroten Zimmer aufgeilen zu lassen. Die Rituale. Sie haben mir Pistolen an den Kopf gehalten, damit ich es ihnen besorgt habe, und Messer. Ja, ich schätze, das ist schon Vergewaltigung. Aber ich meinte, dass sie nie Sex mit mir hatten.«
»Sie meinen Geschlechtsverkehr.«
»Ja. Das wollte nie jemand, weil alle sagten, ich wäre zu fett und hässlich. Einer von ihnen, Jaz, war der Fieseste von allen. Er nannte mich immer ›Ständermörderin‹.« Plötzlich warf sie den Kopf hin und her und ahmte offenbar Jaz nach. »›Dich würde ich nicht mal ficken, wenn du der letzte Arsch auf Erden wärst‹, sagte er immer. Dann zwang er mich, Crack zu rauchen oder mir einen Schuss zu setzen.«
Westmore versuchte, sich die Einzelheiten der Grausamkeiten, die in der Villa vor sich gegangen waren, nicht genauer auszumalen. Nur ein Haufen böser Menschen ...
»Aber er ist jetzt in der Hölle, und darüber bin ich froh«, fuhr sie fort. »Und dasselbe gilt für Dreiei und Hildreth. Sie können mir nicht mehr wehtun.«
»Nein. Nein, das können sie nicht.«
Was jetzt? Er musste dafür sorgen, dass sie weiterredete, sonst würde sie vermutlich wieder in ihr Kauderwelsch verfallen. »Faye, wissen Sie, wo Debbie Rodenbaugh ist?«
Darauf erwiderte sie etwas ausgesprochen Seltsames – ein Zitat, das Westmore kannte:
»›Wer Verstand hat, der ...‹«
Westmore beendete den Satz für sie. »›... überlege die Zahl des Tieres.‹ Ich habe das Buch der Offenbarung gelesen, Faye. Und wenn Sie mich fragen, ist dieser Satz ziemlicher Quatsch. Die Kombination des Tresors ist eine Abwandlung von 666.«
»Also haben Sie ... den Tresor geöffnet?«, fragte sie ohne Zögern.
»Ja. Ich habe darin das Stück Papier mit dem Geheimnis gefunden.«
Unverhofft zeigte sie mit einem schmutzigen Finger mit abgekautem Nagel auf ihn. »Sie versuchen mich auszutricksen! Sie lügen!«
»Wieso?«
»Sie haben den Tresor nicht geöffnet. Sie tun nur so, als ob Sie es getan hätten – um mich dazu zu bringen, etwas zu verraten, das ich nicht sagen sollte.«
Westmore griff in seine Hosentasche. »Faye, wenn Sie glauben, ich lüge Sie an, dann schauen Sie her. Hier ist das Stück Papier, das wir im Safe gefunden haben.« Er reichte es ihr. »Wissen Sie, was diese Zahlen bedeuten?«
Erstaunt betrachtete sie den Zettel, dann ...
»Faye, nicht!«
... aß sie ihn.
Frustriert ließ Westmore die Schultern hängen. »Sie sind nicht besonders nett, Faye. Das waren wichtige Informationen. Ich habe sie gebraucht.«
Ein breiteres, albernes Grinsen. »Tja, jetzt ist es in meinem Bauch. Wenn Sie es so dringend brauchen, können Sie ja herkommen und es sich holen.«
Westmore täuschte seine Betroffenheit nur vor – natürlich hatte er die Notiz vorher eingescannt und auf seinem Rechner gesichert. »Das war wirklich gemein. Warum sagen Sie mir nicht einfach, was es zu bedeuten hatte? Warum haben Sie Angst davor, mit mir darüber zu sprechen?«
»Weil in dem Haus etwas geschehen wird ...«
»Ja? Was?«
»Geht Sie nichts an.«
»Hat es etwas mit den Zahlen auf dem Papier zu tun?«
»Sehen Sie sich meine Mumu an«, forderte sie ihn plötzlich auf und hob mit einem Ruck den Saum ihres Nachthemds hoch.
Entsetzt drehte Westmore den Kopf zur Seite. Fayes Vagina sah verstümmelt aus.
Du lieber Himmel ...
Er musste sich zusammenreißen, um weiterzureden. »Wer hat Ihnen das angetan? Die Männer in der Villa?«
»Es hat sich gut angefühlt.«
Westmore seufzte. »Faye, ich muss bald gehen. Warum tun Sie mir nicht einen Gefallen und erzählen mir, was geschehen wird?«
Nun masturbierte sie. Ihre Zunge hing dabei aus dem Mundwinkel. »Sie werden den Spalt öffnen.«
»Wann?«, fragte Westmore und versuchte, sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.
»Das steht auf dem Zettel.« Grinsend klopfte sie sich auf den Bauch.
»Es dreht sich alles um Belarius, nicht wahr?«
Faye gab einen spitzen Schrei von sich, stieß sich vom Bett ab und sprang ihn an.
Heilige SCHEISSE!
Innerhalb einer Sekunde griff sie ihn an, schlug ihm ins Gesicht, zielte mit den Fingern auf seine Augen. Der Schrei schwoll an. »Sie dürfen seinen Namen nicht aussprechen! Sie DÜRFEN ES NICHT!«
Ihr Mund öffnete und schloss sich vor seinem Gesicht, ihre Zähne klackten aufeinander. Noch einen Zentimeter näher und sie würde ihm die Nase abbeißen. Ihre Masse wuchtete sich gegen ihn. Westmore hatte alle Hände voll zu tun, um sich zu schützen.
»Er ist der Sexus Cyning! Er ist der Herr des Fleisches und in seinem heiligen Tempel haben Sie sich vor ihm zu verneigen!«
Mittlerweile hatte sie die Hände um Westmores Hals gelegt und drückte mit den Daumen zu, versuchte ihn auf die Knie zu zwingen. »Zollen Sie ihm Tribut, indem Sie mich mit dem Mund befriedigen!«
Damit riss sie die Vorderseite ihres Nachthemds hoch und plötzlich hatte Westmore ihre Möse im Gesicht. Trotz seiner Gegenwehr drängte sich ein Gedanke in seinen Kopf: Das ist etwas, das mit Sicherheit NICHT geschehen wird, Schätzchen ...
Mit den Fäusten in seinen Haaren drückte sie seinen Hals nach vorn. Sie versuchte gerade, sein Gesicht zwischen ihre teigigen Oberschenkel zu pressen, als ...
Zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzt!
Als wäre sie geschlagen worden, prallte sie zurück. Ihr Rücken klatschte wie eine rohe Rinderhälfte auf den Boden.
Wells und zwei seiner Männer hatten sie überwältigt. Als Westmore wieder klar sehen konnte, erkannte er, dass sie eine Art Betäubungsschocker benutzt hatten, um Faye von ihm loszubekommen.
»Also wirklich, Faye«, sagte Wells. »Du weißt doch, was passiert, wenn du dich so aufführst.«
Ihr Gesicht war vor Schmerzen angespannt, die Augen verquollen.
»Wir holen jetzt das Bettnetz ...«
»Nein, bitte nicht!« Sie schluchzte hemmungslos, verfiel körperlich und mental in ihre Schizophrenie.
»Dann benimm dich und beruhige dich.« Wells’ Männer drängten sie, sich hinzulegen. Als sie es tat, starrte sie händeringend an die Decke.
»Sind Sie fertig?«, fragte Wells.
»Ja«, antwortete Westmore, immer noch etwas außer Atem. Was für ein Tag! Und dabei hat er erst angefangen. Er wandte sich der Tür zu. »Auf Wiedersehen, Faye. Danke, dass Sie mit mir geredet haben.«
»Hüten Sie sich vor den Adiposianern«, sagte sie unverhofft und fuhr mit dem Kopf herum. Aus ihren Augen sprach verheißungsvolle Beklommenheit.
»Den was?«
»Sie werden den Spalt wieder öffnen ...«
Westmore schüttelte den Kopf. »Erklären Sie mir das bitte.«
Darauf folgte ein breites, irres Grinsen. »Sie werden das Haus in einen großen Schlund verwandeln, der Sie fressen wird. Er wird Sie alle einsaugen und verschlingen.«
Im Pausenraum der Sicherheitsmannschaft nahm Westmore einen Kaffee und steckte sich eine Zigarette an.
»Ich hab’s Ihnen ja gesagt«, meinte Wells. »Total verrückt.«
»Aber stellenweise mit lichten Momenten. Es war eine eigenartige Mischung.«
»Manche sind so. Sie haben keine echte gespaltene Persönlichkeit. Die chemischen Vorgänge in ihrem Gehirn sind in ständiger Bewegung. In einer Minute geben sie Sinnvolles von sich und man kann etwas aus ihnen herausbekommen, in der nächsten leben sie im Wolkenkuckucksheim und halten es für real. Genau wie bei ihr – all dieser okkulte Scheiß.«
Die nächste Frage war Westmore zutiefst unangenehm. »Was, äh, ist mit ihren Genitalien passiert?«
»Ich wette zehn zu eins, dass sie sich das selbst zugefügt hat. Sexuelle Selbstverstümmelung. Kommt bei Patienten in der Psychiatrie häufig vor. So betäuben sie den Schmerz ihrer Misshandlungen oder so ähnlich. Sie sollten mal sehen, was manche Geisteskranke mit ihren Dingern anstellen, vor allem, wenn ihnen Drogen den Verstand kaputt gemacht haben.«
Nein, dachte Westmore. Das ist etwas, das ich ganz bestimmt NICHT sehen sollte. Die Frau tat ihm entsetzlich leid. Zur Drogenabhängigkeit gezwungen, wieder und wieder sexuell erniedrigt. Und Gott allein wusste, wie ihre Kindheit ausgesehen haben mochte. »Wird sie sich jemals davon erholen?«
»Nein. Die Rezeptoren in ihrem Gehirn sind ausgebrannt. Sie bleibt für den Rest ihres Lebens schizophren.«
»Vielen Dank für Ihre Zeit«, sagte Westmore, ging hinaus und konnte sich nicht erinnern, schon einmal ein solches Gefühl absoluter Trostlosigkeit verspürt zu haben.
II
»Hat hier schon mal jemand den Begriff Apidosianer oder Adiposianer erwähnt?«, fragte Westmore hinter der Reihe von Monitoren in der Kommunikationszentrale.
Nyvysk schaute interessiert von seiner Arbeit auf. »Adrianne und Cathleen behaupten, sie gesehen zu haben – bei ihren Spritztouren. Wo haben Sie die Bezeichnung gehört?«
Westmore log. Niemand sollte erfahren, dass er von Faye Mullins wusste. »Ich habe den Begriff in den letzten Tagen irgendwo aufgeschnappt. Kann mich nicht mehr genau erinnern, von wem.«
»Nun, wir gehen davon aus, dass sie Frauen – und Männer – in einem körperlosen Zustand sexuell belästigen. Die Wiedergängervergewaltigungen von Cathleen, Adrianne und Karen zum Beispiel. Was durchaus Sinn ergibt.«
»Für mich nicht. Was sind sie? Dämonen?«
»Nicht wirklich. Sie sind bedeutend weniger als Dämonen. Es handelt sich eher um Hex-Entitäten, wenn man sich an ältere Quellen hält, die möglicherweise zuverlässig sind, möglicherweise aber auch nicht. Ein Adiposianer ist eine von vielen solchen Entitäten. Sie sind seelenlos, aber nicht geistlos, auch wenn das verwirrend klingen mag. Laut den Morakis-Kompendien aus dem 16. Jahrhundert werden Adiposianer in der Hölle aus schmelzgereinigtem Fett geformt und anschließend durch Beschwörungsformeln zum Leben erweckt. Angeblich. Sie sind sozusagen Wächter oder Hüter.«
»Was bewachen sie denn?«
»Die Adiposianer im Speziellen? Sie sind Wächter bestimmter Hoheitsgebiete oder Präfekturen in der Hölle. Hoheitsgebiete, die angeblich in der Hierarchie hoch angesiedelten Sexualdämonen zugesprochen wurden.«
»Wie Belarius«, sagte Westmore. Es klang eher nach einer Feststellung als nach einer Frage.
»Genau. Stellen Sie sich Säcke mit geronnenem Schmalz vor, die in eine menschliche Form modelliert werden. Sie besitzen keine Gesichter, lediglich einen Mund samt Zunge. Und Genitalien. Sie können in männlicher oder weiblicher Form erschaffen werden. Sagt man. Da sie seelenlos sind, können sie recht einfach als körperlose Entitäten die körperlichen Grenzen der Hölle überwinden und in unsere Welt eintreten. In Denieres Index der Dämonografien aus dem Jahr 1618 wird behauptet, dass Sex mit einem körperlosen Adiposianer eine rauschähnliche Erfahrung sei. Und wer von einem Adiposianer in der Hölle körperlich vergewaltigt wird, erlebt einen unendlichen Höhepunkt. Angeblich.«
»Angeblich«, wiederholte Westmore.
»Natürlich. Wer kann das schon mit Sicherheit wissen?«
Ich nicht, so viel steht fest. Westmore erinnerte sich an den anderen merkwürdigen Begriff aus der psychiatrischen Klinik, den er in diesen Räumen ebenfalls schon einmal gehört hatte. »Was ist ein Spalt? Sie verwenden den Begriff ab und an mal. Ist das ein Portal oder etwas in der Art? Ein Portal zur Hölle?«
Nyvysk schien die Frage unangenehm zu sein. »In gewisser Weise. In jeder Religion und Gegenreligion gibt es etwas Ähnliches. Die Christen glauben, dass sich eines Tages ein Spalt im Himmel auftun wird. Durch ihn gelangen all jene, deren Name im Buch des Lebens steht – mit anderen Worten: diejenigen, die des Himmels würdig sind. Die alten Ägypter vertraten dagegen die Auffassung, der Tod selbst wäre der Spalt, durch den sie Zugang zum Jenseits erlangen.«
»Und die Satanisten?«
»Manche sind davon überzeugt, dass durch bestimmte Riten, Beschwörungen und Opfergaben eine Schwelle zur Hölle geöffnet werden kann. Wahrscheinlich verfolgte Hildreth in der Nacht des 3. April genau dieses Ziel. Er hat versucht, einen entsprechenden Durchgang zu schaffen.«
Westmore sah ihn an. »Glauben Sie ...«
»Ob ich glaube, dass solche Spalte wirklich existieren?« Nyvysk erwiderte den Blick gelassen. »Nein, natürlich nicht ... und ja, natürlich.«
»Na toll.«
Nyvysk lächelte. »Das begründet sich auf Mythen und Legenden, die bis in die Zeit der Höhlenmenschen zurückreichen. Später, als die Menschheit lernte, Aufzeichnungen zu hinterlassen, wurden diese Mythen und Legenden an nachfolgende Generationen weitergegeben. Grimoiren, Kompendien und mehr okkulte Bücher, als ein einzelner Mensch zu Lebzeiten lesen könnte – seit dem Tod Christi durch das Mittelalter bis hinein ins frühe 20. Jahrhundert. Erwähnungen von Spalten, Portalen, Pforten in die Unterwelt und den mystischen Geheimnissen, die man ergründen muss, um sie zu öffnen, finden sich darin zuhauf. Meine Meinung? Wollen Sie die Wahrheit hören?«
»Ja«, erwiderte Westmore.
»Das ist größtenteils Kacke, Mr. Westmore.« Ein weiteres subtiles Lächeln, als Nyvysk eine Sensorleiste justierte. »Letztlich ist Glaube der Spalt. Ich glaube an alles, woran ich glauben muss. Ich glaube an den Himmel und die Hölle. Sie auch?«
»Verdammt, ich weiß es nicht.«
Nyvysks Lächeln war verpufft. »Ich vermute, das werden Sie wissen, wenn wir diese Sache hier durchgestanden haben.«
Den Großteil des restlichen Tages verbrachte Westmore im Büro und vergaß sogar, zum Essen nach unten zu gehen. Er sah kaum ein anderes Mitglied der Gruppe für mehr als ein paar Augenblicke. Als er Karen im Flur begegnete, hatte sie ihn nur kurz angelächelt und ihm zugenickt, bevor sie mit grüblerisch versunkener Miene weitergegangen war. Offensichtlich hatte sie ihren Kuss und die gemeinsam verbrachte Nacht verdrängt – vermutlich, weil sie zu betrunken gewesen war. Ein rein platonischer, dennoch auf exotische Weise erregender Vorfall. Sie hatte sein Bett bereits verlassen, als er aufwachte. Zurückgeblieben war nur der Duft ihres Haars.
Irgendwann entdeckte Westmore durch das Fenster Cathleen, wie sie barfuß auf die Öffnung des kleinen Wäldchens zuschlenderte, die zum Friedhof führte. Sie trug nur einen weißen Bikini und einen Sarong. Einen Moment lang blieb sie vor der Lücke zwischen den Bäumen stehen. Die Brise zerzauste ihr das Haar und brachte den Sarong in Wallung. Dann drehte sie sich plötzlich um und entfernte sich beinahe im Laufschritt. Schlimme Erinnerungen, dachte Westmore. Allerdings ging ihm dabei auch durch den Kopf, dass er in der kommenden Nacht mit Clements denselben Friedhof betreten würde.
Falls der Kerl aufkreuzt.
Nachdem er sich einige weitere Stunden mit seinem Bericht beschäftigt hatte, führte er ein paar Suchmaschinenanfragen zu den Zahlen und Begriffen auf dem Zettel aus dem Tresor durch. Nur das Wort »Apogäum« erbrachte eine schier endlose Zahl von Treffern, die sich im Grunde genommen aber als nutzlos erwiesen. Als er feststellte, dass er mit der Aufgabe überfordert war, rief er abermals seinen Freund Tom an, der widerwillig zustimmte, einige weitere kompetente Recherchen anzustellen.
Rastlos entschied Westmore, ein wenig herumzustreunen. Er musste noch vor Mitternacht die verborgene Tür finden, die Clements’ bizarre Gefährtin erwähnt hatte. Sie hatte ihm beschrieben, wie er dorthin gelangte – ein Bereich, den er bereits kannte. Und so kommt man dorthin, dachte er, während er den schmalen, weinroten Vorhang in der Ecke des Büros betrachtete.
Er ging hindurch und betrat ein Netzwerk von schulterbreiten Gängen, die von winzigen Leuchtern erhellt wurden. Die Wege schienen um die Außenmauern der Villa herumzuführen und über mehrere genauso schmale Treppen einen Zickzackkurs nach unten zu beschreiben. Schließlich erreichte er eine prunkvoll ausgestattete, aber beengte Bibliothek. Laut dem Mädchen ist das der Raum ... Bücherregale aus Eichenholz säumten die Außenwand. Westmore begann, daran zu ziehen und zu zerren. Dabei bemerkte er die seltsamen Titel auf den Buchrücken. Viele der Werke schienen außerordentlich alt zu sein: Cultes Des Ghoules, Terra Dementata, Megapolisomantie und etliche weitere. »Komisches Fleckchen«, murmelte Westmore. Etwas schien die Luft zu verstopfen, doch er vermochte nicht zu sagen, was. Außerdem fühlte er sich beobachtet, aber er wusste, dass dies vermutlich nur an der Atmosphäre und seiner Paranoia lag. Dann fiel ihm in einer abgelegenen Ecke ein heller Vorhang auf. Er blickte dahinter und sah die schwere metallgefasste Tür vor sich.
Das ist sie.
Keine besonders schwierige Sache. Es war jetzt kurz nach 20:00 Uhr – ihm blieben noch knapp vier Stunden. Er konnte noch mal ins Büro zurück, um weiterzuarbeiten, doch plötzlich überkam ihn eine spontane Müdigkeitsattacke. Ich denke, ich genehmige mir ein kurzes Nickerchen, dachte Westmore und fühlte sich alt. Aber wo? Ganz bestimmt nicht in seiner kleinen Schlafzelle, während alle anderen um ihn herumwuselten.
Warum nicht gleich hier?
Unter einer gerahmten tiefschwarzen Leinwand stand eine lange Bank mit weicher Polsterung und Messingziernieten. Das würde reichen. Westmore legte sich hin und döste sofort weg.
Er träumte davon, wach, aber gelähmt zu sein, auf derselben gepolsterten Bank, auf der er nun lag, in derselben Bibliothek. Rings um ihn herum standen Gestalten, aber er konnte den Kopf nicht drehen, um sie zu betrachten. Nackte Angst weitete seine Augen; ein Schemen kletterte über die Bank – ein nackter Schemen, das konnte er erkennen – und ...
Oh Scheiße!
... setzte sich direkt auf sein Gesicht. Fett hing herab und drückte seine Nase zusammen. Noch bevor sich eine Hand in sein Haar krallte, es verdrehte und eine sehr leise Stimme ertönte, wusste er, um wen es sich handelte.
»Sie dürfen seinen Namen nicht aussprechen.«
Über die Speckfalten hinweg sah er Faye Mullins’ ausdrucksloses Gesicht, das auf ihn herabstarrte.
»Zollen Sie ihm Tribut, indem Sie mich mit dem Mund befriedigen! Und machen Sie es ordentlich, sonst ...«
Klick!
»... begegnen Sie ihm früher, als Sie glauben.«
Sie hatte ihm eine Pistole an die Schläfe gehalten und den Hahn gespannt. Hilflos tat Westmore, wozu er gezwungen wurde. Seine Zunge näherte sich dem verheerten Fleisch ...
»So ist es gut«, lobte sie ihn. Ihre breiten Schenkel zappelten kurz, um besseren Halt zu finden. Hände – oder etwas, das an Hände erinnerte – zogen auf der Bank seine Hose nach unten, doch er konnte nicht sehen, wer oder was dafür verantwortlich war. Dann ein Mund, der sich unmenschlich anfühlte. Etwas wesentlich Dickeres und Wärmeres als Speichel triefte heraus.
Westmore ekelte sich, aber seine Reaktionen wollten seinen Emotionen nicht gehorchen. Schlagartig setzte Erregung ein, alsbald gefolgt von einem Orgasmus, unter dem er sich aufbäumte. Er ergoss sich in das, was ihn geblasen hatte, aber als er abspritzte, schien er zu ersticken. Faye Mullins Scham bedeckte seinen Mund und seine Nase völlig. In der Zwischenzeit steuerte Faye ihrerseits einem Höhepunkt entgegen und der grundlegendste Teil von Westmores schwindendem Bewusstsein stellte sich die Frage, ob er wohl zuerst ersticken oder eine Kugel ins Gehirn bekommen würde, wenn sie ihren Orgasmus hatte. Seine Lungen blähten und blähten sich. Er fing an, krampfhaft zu zucken.
Ein ausgedehntes Stöhnen umschwirrte ihn, als sein Gesicht noch fester umklammert wurde, aber gleich darauf erschlaffte Faye und bewegte sich ein paar Zentimeter rückwärts, sodass sein Mund und seine Nase endlich wieder freilagen.
Westmore sog hastig Luft ein, als sie von ihm herunterkletterte. Sein Blick folgte dem unförmigen, nackten und massigen Leib. Sie ging zu einem halbrunden, mit Schnitzereien verzierten Tisch. Dort öffnete sie an der Vorderseite eine kleine Schublade, sah hinein und schloss sie wieder. Schließlich schaute sie zu ihm.
»Jetzt wissen Sie, wie ich mich jeden Tag gefühlt habe«, sagte sie grinsend.
Westmore konnte nicht sprechen.
»Etwas wird hier geschehen«, stieß sie hervor. Ihre Stimme schien zu einem Gurgeln zu verkommen.
Westmore starrte sie an.
»Wenn es so weit ist, sollten Sie besser nicht hier sein.«
Schlagartig erwachte Westmore.
Also gut, Westmore, reiß dich zusammen. Sei kein Idiot. Das war keine körperlose sexuelle Belästigung, verdammt! Das war keine Heimsuchung, keine übersinnliche Vision oder eine ähnliche Scheiße. Es war bloß ein MIESER TRAUM.
Dann blickte er in die kleine Schublade des Tischs und fand einige DVDs. Nichts Aufregendes, nichts Aufregendes. Was soll’s? Überall in diesem Haus liegen DVDs herum. Zufall!
Dennoch steckte er sie ein. Im selben Augenblick schlug die Uhr zwölfmal.
Verdammt! Ich sollte draußen sein und Clements treffen!
Westmore eilte durch den Vorhang, drehte den Riegel und öffnete die stabile Tür. Draußen angekommen steckte er einen Stift in die Öffnung, damit sie nicht zufallen konnte. Zwielicht umfing ihn. Ein heller Halbmond und Sterne wie Diamantsplitter beherrschten den Himmel. Es war noch angenehm warm, aber er hielt sich nüchtern vor Augen: Wenn wir erst mal mit den Schaufeln loslegen, wird die Wärme schnell nicht mehr so angenehm sein. Mit forschen Schritten entfernte er sich von der Seite des Hauses und hielt auf den Wald zu, dann ging er langsam der Zufahrtsstraße entgegen. Er konnte kaum etwas erkennen.
»Verdammt, ich dachte schon, Sie lassen mich hängen«, sagte Clements, der sich im Schatten verbarg. Connie stand neben ihm, aber Westmore überraschte viel mehr, dass er vier weitere Männer sah, die Jeans, Stiefel und T-Shirts trugen. Jeder hatte eine Schaufel über der Schulter.
»Wer sind diese Leute?«
Als Clements an seiner Zigarette zog, tauchte die aufleuchtende Glut sein Gesicht in Orange. »Sie haben gesagt, dass Sie Hilfe brauchen, um ein Grab aufzuschaufeln. Hier ist die Hilfe. Jüngere Leute mit Muskeln. Sie und ich sind zu alt für so einen Kram.«
Du vielleicht!, dachte Westmore halbherzig. In Wirklichkeit jedoch empfand er große Erleichterung.
Clements stellte die anderen vor. »Higgins, Schichtleiter bei der Polizei von Shreveport; Butler, stellvertretender Kreisabgeordneter für öffentliche Sicherheit; und mein Neffe Skibiniski aus der Bezirksverwaltung – er war einer meiner Schüler, als ich an der Akademie unterrichtet habe. Und das hier ist mein anderer Neffe Jimmy Wells, den Sie heute schon kennengelernt haben.«
Der Kerl aus der Klinik, erkannte Westmore. Er tauschte ein Nicken mit den anderen Männern aus, dann sagte Clements: »Gehen Sie vor. Alle mal herhören: Leise sein und innerhalb der Baumgrenze bleiben. Und versucht, euch nicht wie die verfluchten Deutschen anzuhören, wenn sie nach Stalingrad einmarschieren.«
Westmore führte die Gruppe vorsichtig um das Gelände herum auf die andere Seite des Hauses. Das Zirpen von Grillen folgte ihnen und war ähnlich drückend wie die Luftfeuchtigkeit. »Hier lang ...« Die nächtlichen Umgebungsgeräusche wurden lauter, als sie den überwucherten Pfad betraten.
Wells stieß ihn mit dem Ellbogen an. »Ihre Freundin hat nach Ihnen gefragt.«
»Wer? Faye Mullins?«
»Ja, gegen elf. Meine Schicht ging gerade zu Ende. Ich habe einer der Pflegerinnen geholfen, die Medikamente für die Nacht zu verteilen. Mullins ist aufgewacht, hat mich angesehen und nach Ihnen gefragt.«
Westmore runzelte die Stirn. »Was hat sie denn genau gesagt?«
»Sie meinte, sie hätte Sie gerade gesehen.«
»Hä? Wo?«
Wells kicherte. »In einer Bibliothek.«
Wo ich geschlafen habe ... Westmore ließ sich nichts anmerken.
»Dann sagte sie, ich soll Sie fragen, ob Sie die Schublade im Tisch gefunden haben.«
Westmores Magen krampfte sich jäh zusammen.
Wells kicherte erneut. »Diese Psychos sind schon der Brüller, oder?«
»Ja ...«
Westmores Augen waren immer noch damit beschäftigt, sich an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen. »Hat jemand eine Taschenlampe? Ich kann nicht sehen, wo Hildreths Grabstein ist. Es ist zu dunkel.«
Aber die jüngeren Männer waren schon durch das Tor gestapft und suchten die Grabmale mit dem gebündelten Licht ihrer Stablampen ab. »Hier«, sagte einer von ihnen.
»Bleiben wir ihnen aus dem Weg«, riet Clements und zog Connie und Westmore beiseite. Das Geräusch von Schaufeln, die auf Erde trafen, war zu hören. »Ich wette, die haben das Grab innerhalb von zehn Minuten freigelegt.«
Connie stand da und rieb sich die Augen. Sie wirkte nervös und elend. Im Mondlicht sah ihr Gesicht noch blasser aus. Clements schlang einen Arm um sie und gab ihr eine Tablette. »Nimm jetzt noch eine, das lindert die Symptome.«
Sie nickte, schluckte die Pille und spülte sie mit etwas Limonade hinunter.
»Was war das?«
»Ein verschreibungspflichtiges Medikament, das die Entzugserscheinungen von Crack lindert. Ich komme über die beste Freundin meiner Schwester jederzeit an das Zeug ran.«
»Apothekerin?«
»Nein, sie leitet das hiesige Rehazentrum.«
Westmore verdrehte die Augen.
Tatsächlich dauerte es nicht einmal zehn Minuten, bis Wells verkündete: »Wir haben den Sarg freigelegt, Bart. Sollen wir ihn aufmachen?«
»Das übernehmen wir«, gab Clements zurück. »Lasst zwei Schaufeln da, damit wir das Loch hinterher wieder auffüllen können. Ihr bewegt jetzt eure Ärsche hier weg und fahrt zu mir nach Hause. Dort warten zwei eisgekühlte Kästen Bier auf euch.«
Westmore dankte den anderen Männern aus der Ferne, als sie nacheinander den Friedhof verließen und in der undurchdringlichen Dunkelheit verschwanden. Dann standen sie zu dritt beklommen schweigend da. Wir sind im Begriff, ein Grab zu öffnen. Wer mag da drinliegen? Westmore trat an das Loch heran und spähte in die Tiefe.
»Connie, leuchte mal hier runter, ja?« Clements stieg mit einem Brecheisen hinab, während Connie mit dem schmalen Strahl der Stablampe in das Grab zielte. Der Sarg erwies sich als unverschlossen. Clements konnte den Deckel mühelos öffnen.
»Was meinst du? Sieht für mich nicht nach Hildreth aus ...«
»Das ist er nicht«, bestätigte Connie mit zusammengekniffenen Augen.
Westmore spähte hinein und sah einen großen, schlanken Mann Mitte 60 mit grau meliertem Haar, dessen Fleisch durch den mehrwöchigen Zerfall schlaff herabhing. »Dieselbe Größe, dasselbe Gewicht. Sind Sie sicher?«
»Das ist er nicht«, beharrte Connie. »Ich kenne diesen Kerl ...«
»Was?«, stießen Westmore und Clements gleichzeitig hervor.
»Großer Gott. Das ist einer der Säufer, die unter der Überführung der 275 leben. Ich habe ihn oft auf dem Weg zur Hauptstraße gesehen, wenn ich mir Crack besorgen musste.« Verstört von dem Anblick wandte sie sich ab. »Sieh mal nach, ob ihm einige Zähne fehlen.«
Clements zwängte den Unterkiefer mit der Schuhspitze auf. »Etwa die Hälfte ist ausgefallen.« Er sah Westmore an. »Zufrieden?«
»Ich denke schon.« Es handelte sich eindeutig nicht um Hildreth. »Ein Ersatzkörper, auf den ersten Blick ähnlich genug.«
»Ich warte draußen«, verkündete Connie und schickte sich an, den Friedhof zu verlassen. »Das ist mir zu unheimlich.«
Westmore konnte es ihr nicht verübeln. »Vivica hat mir erzählt, dass die Todesanzeige und der Autopsiebericht von jemandem gefälscht wurden, den sie dafür bezahlt hat.«
Clements trat den Deckel zu und sprang aus der Grube heraus. »Der Typ stinkt.«
»Aber Adrianne hat gesagt, sie hätte eine Leiche in dem Sarg gesehen.«
»Hä? Sie meinen, sie war bei der Beerdigung?«
»Nein, ich meine, dass sie eine Leiche in dem Sarg gesehen hat, als sie eine Astralwanderung unternahm.«
Clements grinste im Mondschein vor Belustigung. »Sie Spatzenhirn. Wahrscheinlich war sie diejenige, die diese Leiche in den Sarg gepackt hat.«
»Herrgott, sie ist eine zierliche Frau, die vielleicht 50 Kilo wiegt«, konterte Westmore. »Wollen Sie ernsthaft behaupten, sie hätte einen Penner umgebracht, um ihn als Hildreth auszugeben, und sei dann hierhergekommen, um das Grab zu öffnen und die Leiche in einen leeren Sarg zu legen?«
»Irgendjemand hat es jedenfalls getan.« Clements zündete sich eine Zigarette an. »Ich habe Ihnen ja gesagt, Sie sollen niemandem im Haus vertrauen und nichts von dem übersinnlichen Quatsch glauben, den die abziehen. Das ist alles Blödsinn.«
»Am wenigsten traue ich Mack«, erwiderte Westmore. »Alle anderen scheinen mir ziemlich in Ordnung zu sein.«
»Geben Sie Bescheid, wenn Sie die verfluchte Brooklyn Bridge kaufen wollen – ich kann sie Ihnen zu einem guten Preis beschaffen. Machen wir das Loch zu und verschwinden wir.« Er griff sich eine Schaufel und warf die andere in Westmores Richtung. Plötzlich meldete sich Connie zu Wort. »Hey Bart. Ich ... ich glaube, hier ist etwas ...«
Die junge Frau stand unmittelbar außerhalb der Begrenzung des Friedhofs zu ihrer Rechten. Sie beugte sich vor, zielte mit der Lampe auf den Boden und stupste etwas mit dem Fuß an.
Dann schrie sie auf und sprang zurück. »Da ist etwas! Ich glaube, es ist eine Hand!«
Westmore und Clements sprangen über den Zaun, schwenkten ihre eigenen Stablampen. »Beruhige dich«, forderte Clements sie auf. »Wo?«
Mit klappernden Zähnen deutete sie nach unten.
»Die Erde ist weich«, stellte Westmore sofort fest. Er zog das Blatt seiner Schaufel über das Laub auf dem Boden und legte umgegrabene Erde frei.
»Hier hat schon mal jemand gebuddelt«, sagte Clements. »Einer ihrer Kumpel von der Freakshow da drinnen.«
Westmore überlegte. »Cathleen hat behauptet, sie sei genau an dieser Stelle von etwas vergewaltigt worden. Sie meinte, es sei in unmittelbarer Nähe von Hildreths Grab passiert.«
»Die ist doch nicht zurechnungsfähig. Aber hier ist wirklich etwas. Die Erde wurde definitiv vor Kurzem umgegraben.« Er stocherte ein wenig mit dem Schaufelblatt herum. »Was zum ...«
»Was ist das?«, fragte Westmore und kniff instinktiv die Augen zusammen, um besser sehen zu können.
»Es ist eine Hand!«, rief Connie.
Aber stimmte das? In den schmalen Lichtstrahlen sahen sie etwas, das an einen weißen Handschuh erinnerte. Clements kniete sich hin, hob es auf und murmelte »Mein Gott!«, als daran etwas Langes und Weißes hing.
Etwas wie ein Arm, der zu dem Handschuh gehörte.
Niemand sprach ein Wort; stattdessen begannen Clements und Westmore vorsichtig zu graben. Was immer sich dort befand, lag nicht besonders tief in der Erde. Für ein gewöhnliches Grab wirkte es zu improvisiert. Ein abscheulicher Gestank von verwesendem Fleisch stieg auf und brachte sie zum Würgen. Dabei musste Westmore ständig denken: Was sind das für Dinger?
Sie legten mehrere Leichen frei, denen allerdings jegliche charakteristischen Merkmale und klare Knochenstrukturen zu fehlen schienen. Nur Arme, Beine und Köpfe oder zumindest Andeutungen davon. Westmore konnte in den Strahlen der Stablampen nicht allzu viel erkennen ... aber das musste er auch gar nicht.
»Das sind keine Menschen ...«
»Natürlich sind es Menschen«, widersprach Clements, wobei er sich jedoch nicht allzu überzeugt anhörte. »Das sind verweste nackte Leichen. Sehen wie Wasserleichen aus. Wenn man sie so flach vergräbt, verrotten sie schnell und es entstehen eine Menge Gase.«
Als Connie in die Grube schaute, wandte sie rasch den Blick ab und würgte.
»Die Gase könnten giftig sein«, fuhr Clements fort. »Und wir atmen die Scheiße ein wie zwei Idioten. Buddeln wir sie schnell wieder ein.« Er begann damit, die paraffinartigen, weißen und glänzenden Körper mit Erde zu bedecken.
»Wie wär’s, wenn wir sie nicht wieder einbuddeln?«, schlug Westmore fort. »Verschwinden wir einfach und rufen die Polizei.«
»Jetzt schwingen Sie schon endlich die Schaufel und helfen Sie mir.« Clements runzelte die Stirn und schleuderte weitere Erde in die Grube. »Wir rufen die Polizei nicht an. Auf gar keinen Fall. Damit wären unsere Pläne im Eimer. Ich hole Debbie Rodenbaugh aus diesem Haus. Wenn Sie hier eine Horde Bullen antanzen lassen, bläst Vivica ab, was immer sie und Hildreth vorhaben. Damit wäre sowohl mein als auch Ihr Vorhaben vereitelt.« Clements pikte Westmore in die Brust. »Wir beide haben eine Abmachung miteinander. Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen beim Öffnen des Grabs zu helfen, und Sie haben versprochen, mich ins Haus zu lassen. Halten Sie sich gefälligst daran.«
Westmore verstand, worauf Clements hinauswollte, oder hoffte es zumindest. Innerhalb weniger Minuten hatten sie die Grube und auch Hildreths Grab wieder halbwegs in den vorherigen Zustand versetzt.
Die Schaufeln warfen sie in den Wald. Connie sah aus, als wäre ihr speiübel, als sie davongingen, und Clements selbst wirkte ebenfalls mitgenommen. Seine Fassade vom harten Kerl hatte einige Risse bekommen.
»Er hat recht«, meinte Connie mit einem Nicken in Westmores Richtung. »Diese Dinger sahen nicht menschlich ...«
»Es sind tote menschliche Körper«, beharrte Clements. »Die Hitze und der Regen in den vergangenen Wochen haben ihnen übel zugesetzt. Ich habe sie mir aufmerksam angesehen. Das sind keine verfluchten Monster, die Hildreth für eine satanische Opferung hierhergebracht hat. Du und er, ihr lasst euch von diesem beschissenen Guruquatsch mit Luziferanbetung total das Gehirn vernebeln.«
Westmore fühlte sich durch die jüngsten Erlebnisse und den Gestank zu ausgelaugt, um zu widersprechen. Natürlich hatte Clements recht, trotzdem jagte ihm das Aussehen der Leichen immer noch eine Heidenangst ein.
Sie überquerten das Grundstück und kehrten zur Zufahrtsstraße zurück. »Alles in Ordnung?«, fragte Clements gereizt. »Sie sehen aus, als würden Sie gleich im Strahl kotzen.«
»Ich fühle mich auch so.«
»Keine Sorge. Morgen Nacht ist die ganze Scheiße vorbei.«
Westmore zog eine Augenbraue hoch. »Was passiert denn dann?«
»Dann lassen Sie mich ins Haus und ich bereite dem Spuk ein schnelles Ende. Ich schaffe Debbie da raus, suche Hildreth und blase ihm das Licht aus. Wenn Sie sich die Hände nicht schmutzig machen wollen, okay. Lassen Sie mich einfach rein und die Drecksarbeit für Sie erledigen, so wie wir es ausgemacht haben.
Westmore seufzte. »In Ordnung. Wann?«
»Punkt zwei Uhr morgens.«
»Gut.«
Clements und das Mädchen stiegen ins Auto. »Das wird die letzte Nacht sein, die Sie in dem Haus verbringen.« Der ehemalige Polizist grinste im Mondlicht. »Lassen Sie sich nicht umbringen, ja? Ich will nicht, dass Sie die nächste Leiche sind, die ich ausgrabe«, sagte er und fuhr davon.