DAMALS

 
Fernes Gejohle zwischen den Bäumen war das Erste, was man von den Jungen hörte.
Ihre Stimmen waren noch so kindlich, dass jeder lautere Ruf – jedes Lachen, jede Drohung, jede Schmähung (sie rannten um die Wette) – wie ein Angstschrei klang. Als sie schließlich auf die Wiese herauskamen – der eine aus einer Lücke in einem Dornendickicht brechend, der andere ihm dicht auf den Fersen -, waren sie kaum zu unterscheiden mit ihrem Gekreische, ihren roten Jacken und Mützen. Der späte Nachmittag ging unmerklich in Dämmerung über. Davor hatten sie Eichhörnchen gejagt, unbekümmert darum, dass ihre Stimmen und das Knallen ihrer Luftgewehre sie schon von weitem ankündigten und Hunderte von Tieren in ihre Baue flüchteten.
In der Mitte der Wiese hatte der hintere Junge den vorderen eingeholt; er sprang ihn an, und sie rauften. Die Mützen flogen herunter. Der eine Junge hatte blondes Haar, der andere – etwas kleinere – mausbraunes. Hör auf, schrie er – er lag unten. Larry! Hör auf! Im Ernst jetzt!
Larry lachte und schüttelte sich: Wayne, du Hosenscheißer.
Du sollst das nicht zu mir sagen!
Dann sei eben kein solcher Hosenscheißer!
Wieder hieben und droschen sie aufeinander ein, bis sie sich schließlich nur noch krümmen konnten, hilflos vor Lachen.
Später schlugen sie in der Mitte der Wiese ein Zelt auf. Sie hatten schon oft hier gezeltet. Vor ihrem Zelt lag ein Kreis alter, rußig-schwarzer Steine um ein Häuflein feuchter Asche und verkohlter Holzreste. Wayne wanderte am Waldrand entlang und klaubte Armevoll Bruchholz zusammen, während Larry das Zelt in der weichen, rutschigen Erde festpflockte. Dann hockten sie sich vor ihren Scheiterhaufen und versuchten, Feuer zu machen. Es wurde schon dunkel; unter dem grauen, bedeckten Himmel war das Licht auch so schon diffus, und nun wirkte es, als kämen die Schatten nicht von oben, sondern von unten, sich sammelnd und vertiefend wie von unterirdischen Quellen gespeist. Larry war der Erste, der begann, unbehagliche Blicke hinüber zu den düsteren Bäumen zu werfen, während Wayne Streichholz um Streichholz anzündete. Wayne arbeitete konzentriert, das Gesicht verzogen, die Lippen gespitzt. Als das Holz endlich brannte, grinsten die Jungen sich zu.
Also, wenn’s dunkel ist, möcht ich ja nicht hier draußen sein, sagte Larry probeweise.
Es ist doch dunkel.
Nein, ich meine ohne Feuer. Richtig stockdunkel.
Ich war schon im Dunkeln hier, sagte Wayne.
Warst du nicht.
Wetten? Manchmal pass ich nicht so auf die Zeit auf, und dann komm ich zu spät zu meinem Rad zurück. Einmal war es komplett dunkel. Ohne den Weg hätt ich nie hier rausgefunden.
Wayne stocherte mit einem langen Stecken im Feuer herum. Der Wald gehörte seinen Eltern, aber ihr Haus stand zwei Meilen entfernt. Larry schaute sich um, beeindruckt.
Hast du dich gegruselt?
Was denkst du denn. Wayne kicherte. Es war dunkel. So blöd bin ich auch wieder nicht.
Larry sah ihn eine Zeitlang an, dann sagte er: Tut mir leid wegen dem Hosenscheißer.
Wayne zuckte die Achseln und sagte: Ich hätte dieses Eichhörnchen vorhin abschießen sollen.
Sie hatten eines gesehen, das in einem Baum saß und sich nicht die Spur um sie scherte. Wayne war der bessere Schütze, also hatten sie sich nebeneinander hinter einen umgestürzten Baumstamm gekauert und Waynes Luftgewehr in eine Astgabel gestützt. Wayne hatte das Eichhörnchen lange anvisiert, und dann hatte er doch die Wange vom Kolben genommen. Ich kann’s nicht, sagte er.
Wie, du kannst es nicht?
Ich kann’s eben nicht.
Er hatte Larry das Gewehr herübergereicht, aber der hatte zu hastig gezielt und danebengetroffen.
Das ist schon in Ordnung, sagte Larry jetzt am Lagerfeuer. Eichhörnchen schmeckt eh beschissen.
Fleischwurst auch, sagte Wayne grimmig.
Sie holten belegte Brote aus ihren Rucksäcken. Sie pulten die Wurst zwischen den Brotscheiben heraus, spießten sie auf Stöcke und hielten sie übers Feuer, bis sie schwarz anlief und zischte. Dann stopften sie sie in die Brote zurück. Wayne, der als Erster hineinbiss, winselte auf und klappte sich die Hand vor den Mund. Er spuckte einen Wurstklumpen in die hohle Hand, schlenkerte ihn ins Feuer.
Mann, ist das heiß, sagte er.
Larry fixierte ihn eine lange Zeit, bis sich das Lachen nicht mehr zurückhalten ließ. Hosenscheißer, sagte er.
Wayne senkte die Lider und tastete sich mit den Fingern im Mund herum.
Später, als das Feuer fast heruntergebrannt war, saßen sie daneben, schläfrig, und unterhielten sich gedämpft. Wayne rieb sich den Bauch. Unsichtbare Dinge bewegten sich zwischen den Bäumen – zumeist kleine Tiere, den Geräuschen nach zu urteilen, aber ein-, zweimal auch etwas Größeres.
Sicher ein Hirsch, sagte Wayne.
Was ist mit Wildkatzen?
Hier gibt’s keine Wildkatzen. Aber Füchse habe ich schon gesehen.
Füchse sind nicht so groß.
Sie rollten ihre Schlafsäcke im Zelt aus und schlugen die Klappe hoch, damit sie das Feuer sehen konnten.
Das ist mein liebster Ort auf der Welt, sagte Wayne, als sie die Reißverschlüsse an ihren Schlafsäcken zuzogen.
Das Zelt?
Nein. Die Wiese. Ich hab mir schon alles überlegt. Irgendwann will ich hier ein Haus haben.
Ein Haus?
Mmhmm.
Was für ein Haus.
Weiß nicht. So eins wie unseres, nur eben hier draußen. Dann könnte ich in der Nacht auf die Veranda rausgehen, und es wäre genauso wie jetzt. Nur dass man kein Zelt bräuchte. Weißt du was? Wir könnten beide hier wohnen. Wir würden jeder eine Hälfte von dem Haus kriegen, und jeder könnte das machen, was er eben machen will. Wir müssten nicht heimradeln, bevor es dunkel wird, weil wir schon daheim wären.
Larry lächelte, aber er sagte: So ein Blödsinn. Bis dahin sind wir doch beide verheiratet. Da willst du mich garantiert nicht ständig in deinem Haus haben.
Das stimmt nicht.
Willst du nicht heiraten?
Nein – ich meine, doch, will ich schon. Klar. Aber du kannst immer herkommen.
So läuft das nicht, sagte Larry lachend.
Woher willst du das wissen?
Weil’s eben nicht so läuft. Himmelherrgott, Wayne, lebst du hinterm Mond, oder was?
Immer tust du so, als ob alle meine Ideen blöd wären.
Wenn sie nun mal blöd sind!
Es ist überhaupt keine blöde Idee, dass meine Freunde mich bei mir zu Haus besuchen sollen.
Larry seufzte. Nein, ist es nicht. Aber bei verheirateten Leuten ist das anders. Du heiratest, und dann ist das Mädchen, das du geheiratet hast, dein bester Freund. Das ist doch der Witz, wenn man sich verliebt.
Mein Dad hat aber beste Freunde.
Meiner auch. Aber mit wem verbringt dein Dad mehr Zeit – mit ihnen oder mit deiner Mom?
Wayne dachte einen Moment nach. Hm.
Sie schauten durch die Zeltklappe hinaus auf das Feuer.
Wayne sagte: Aber wenn du Zeit hast, kommst du mich schon besuchen, ja?
Na klar komm ich, sagte Larry. Da kannst du Gift drauf nehmen.
Sie lagen auf dem Bauch, und Wayne beschrieb das Haus, das er sich bauen wollte. Es würde einen Turm haben. Es würde einen Geheimgang haben, der hinter der Wand verlief. Es würde einen Billardtisch im Keller haben, der noch besser war als der bei Vic’s Pizza King in der Stadt. Es würde eine Garage haben, in die drei Autos passten.
Vier, sagte Larry. Wir hätten jeder zwei. Einen Sportwagen und einen Pick-up.
Vier, sagte Wayne, eine Vierer-Garage. Und einen Flipperautomaten. Der käme ins Wohnzimmer, und er wäre so eingestellt, dass man kein Geld reinwerfen muss.
Nach einer Weile hörte Wayne, wie Larrys Atemzüge langsamer wurden. Er sah durch die offene Klappe auf die orangeleuchtende Glut. Er war schläfrig, aber ihm war nicht nach Schlafen, noch nicht. Er dachte an sein Haus und sah dem Feuer beim Verglimmen zu.
Wenn das Haus doch schon hier auf der Wiese stünde! Larry könnte die eine Hälfte bekommen, und er selbst bekäme die andere. Er stellte sich leere Räume vor, dann Zimmer überquellend von Spielsachen. Aber so würde es nicht sein. Sie würden erwachsen sein. Er stellte sich ein Schlafzimmer mit einem großen Spiegel vor und versuchte sich selbst darin zu sehen: älter, ein Mann. Er würde Jagdflinten haben, kein Luftgewehr. Er versuchte sich Dinge vorzustellen, die ein Mann hatte und ein Junge nicht: Bücherregale, Kleiderschränke voller Anzüge und Krawatten.
Dann stellte er sich eine Frau am Küchentisch vor, eine Frau in einem blauen Kleid. Ihr Gesicht veränderte sich immer wieder – er konnte es nicht richtig sehen. Hübsch war sie, das auf jeden Fall. Er sah sich selber die Küchentür öffnen, eine Aktentasche schwenkend, die er an seinen Füßen abstellte, und er breitete die Arme aus, und die Frau stand auf, um ihn zu begrüßen, mit einem frohen, mädchenhaften Laut, und breitete auch die Arme aus. Und dann war sie bei ihm. Er roch ihr Parfüm, und sie sagte – mit einer Frauenstimme, warm und samtig – Wayne, und er spürte eine Aufgeregtheit, ein hüpfendes Gefühl, als ob er sich erschrocken hätte – nur besser, viel besser -, und er lachte und drückte sie an sich und sagte mit tiefer Stimme in ihren weichen Nacken, ihr weiches Haar: Ich bin zu Hause.