III. DER GLüCKLICHSTE MENSCH
Albert ist
neunundsiebzig, und er stirbt.
Vor einem Monat ist
bei ihm Krebs diagnostiziert worden, und nach ausführlicher
Beratung mit seinen Ärzten hat er sich gegen eine Behandlung
entschieden. Das, so scheint ihm, ist der richtige Weg, die einzige
Möglichkeit. Er hat fortgeschrittenen Darmkrebs, und Behandlung
hieße Chemotherapie, Operationen und künstlicher Ausgang. Diese
Anstrengungen könnten sein Leben verlängern, aber retten – daran
hat niemand irgendeinen Zweifel gelassen -, retten werden sie es
auf keinen Fall.
Sein Onkologe redet
langsam mit ihm, mit viel Blickkontakt, vielen Schlagworten wie
Lebensqualität und schwere Entscheidungen. Aber Albert fallen die
Entscheidungen keineswegs schwer. Wenn man einmal so alt ist wie
er, ist es früher oder später eben vorbei. Schließlich ist nicht
einmal gesagt, dass er die Operation überlebt, und die
Chemotherapie, das betonen alle, schlägt auf Herz und Leber; an der
Behandlung kann er genauso krepieren wie an seinem Krebs. Er würde
Höllenqualen leiden – ein Jahr? Anderthalb? Seine Frau, Elise,
müsste hilflos zuschauen. Albert weiß, wenn er ein jüngerer Mann
wäre, ließen sich mehr Kräfte zu seiner Verteidigung mobilisieren,
aber er ist nicht jung. Man mag es Krebs nennen, aber im Grunde
stirbt er ganz einfach am Alter.
So sieht also Albert
– dessen unverwüstliche Gesundheit schon Anlass zu manchem Witz
gegeben hat – nun seinem Ende ins Auge. Es ist aus mit ihm, und
zwar bald – ein Monat, sagen sie, höchstens zwei. Er wird
Schmerzmittel bekommen und, wenn die Schmerzen zu stark werden,
eine Epiduralanästhesie, wie Frauen bei der
Entbindung.
Ich will Ihnen nichts
vormachen, sagt der Onkologe, als Albert ihm seine Entscheidung
mitteilt. Es ist kein erfreuliches Thema, aber ich bin der Meinung,
Sie sollten wissen, was auf Sie zukommt.
Hier sieht der
Onkologe sie beide an, Albert und Elise – Elise, die sich
kerzengerade hinsetzt und Alberts arthritisches Knie mit so
eisernem Griff umklammert, dass er das Gesicht
verzieht.
Der Onkologe sagt: Es
ist ein unschöner Tod, Albert. Ihr Zustand wird sich laufend
verschlimmern. Es kann uns gelingen, die Schmerzen aufzufangen,
wenn Sie mithelfen, aber die Methoden, die wir einsetzen, werden
Ihre Denk- und Urteilsfähigkeit beeinträchtigen, und sie werden Ihr
Handlungsvermögen einschränken. Wir reden hier von schwersten
Betäubungsmitteln. Wenn Sie etwas aus unserem heutigen Gespräch
mitnehmen, dann dies: Richten Sie es so ein, dass Sie die Menschen,
die Sie sehen möchten, bald sehen. Nehmen Sie Abschied, solange Sie
es können. Wenn noch Dokumente zu unterzeichnen sind, warten Sie
nicht damit. Der Verfall schreitet rapider fort, als Sie es sich
vorstellen können. Es tut mir leid – aber das muss gesagt werden,
und Sie müssen sich so schnell wie nur möglich damit
arrangieren.
Albert ist bereits
auf Kodein gesetzt – an den meisten Tagen meint er, ein lebendes
Tier im Bauch zu haben -, aber bevor er und Elise gehen, schiebt
der Onkologe ihm ein Rezept für Morphiumtabletten hin. Für den
Anfang, sagt er. Er sieht Albert an, die Augenbrauen hochgezogen,
und sagt leise: Folgen Sie den Anweisungen auf dem Etikett. Mit dem
Zeug ist nicht zu spaßen. Verstehen Sie mich?
Sein Ton kommt Albert
herablassend vor, aber als er heimfährt – Elise kann nicht fahren,
sie sitzt neben ihm, lauthals schluchzend -, begreift er, was der
Arzt ihm sagen wollte.
Die nächsten zwei
Tage, während er im Arbeitszimmer seine Unterlagen durchgeht, wie
der Arzt ihm geraten hat, behält er die Flasche mit den
Morphiumtabletten in Reichweite. Manchmal lehnt er sich in seinem
Armstuhl zurück und dreht sie in den Fingern. Es gibt nicht viel zu
überlegen, nicht viel abzuwägen, aber dennoch spielt er die
Möglichkeiten im Kopf ein bisschen durch und fällt dann seinen
Entschluss.
Er hat Elise in
seinem ganzen Leben nichts verheimlicht, und er kann es auch jetzt
nicht.
Ich habe eine Wahl
treffen müssen, sagt er, an der Küchentür stehend. Und ich will dir
sagen, wie ich mich entschieden habe. Du musst jetzt bitte stark
sein.
Elise, die ihm eine
Kartoffelsuppe kocht, hört auf zu rühren. Das Telefon klingelt, und
sie schweigen, bis der Anrufbeantworter anspringt. Das verfluchte
Ding klingelt den ganzen Tag, seit die Sache offiziell ist. Solange
es klingelt, schauen sie sich an, und als sie fertig sind, kann
Albert ihr ansehen, dass sie weiß, was er ihr sagen will. Ihre
Augen weiten sich, und ihr Mund geht ein Stück auf, und dann drückt
sie die Hand davor.
Er sagt: Ich will ein
paar Leute einladen. Ein Abendessen. Jetzt am Wochenende am besten.
Die Jungs, und Mark und Danielle.
Al, sagt sie, bitte
nicht.
Und hinterher möchte
ich gern mit dir schlafen, wenn ich kann. Uns bleibt vielleicht
nicht mehr viel Zeit, es zu versuchen.
Sie schüttelt den
Kopf, und der hölzerne Kochlöffel klappert ein bisschen gegen den
Topfrand.
Er sagt: Danach tu
ich es dann. Und bis dahin machen wir das Testament
fertig.
Sie sagt, flüsternd:
Ich kann das nicht zulassen.
Ich muss Abschied
nehmen können, sagt er. Überleg doch, was es bedeuten würde, wenn
ich diese Grässlichkeit einfach mit mir passieren lasse. Was das
für dich bedeuten würde. Wie du mich sehen müsstest, was du alles
für mich tun müsstest -
Ich tue alles, sagt
sie. Das weißt du.
Ja, sagt er. O ja,
das weiß ich. Aber, Elise. Ich kann nicht – er leckt sich über die
Lippen, die jetzt fast immer trocken sind -, ich weiß, dass ich es
nicht verhindern kann, dass du mich tot siehst. Aber ich liebe
dich, und ich will nicht, dass du mich sterben siehst. Ich will dir die Dinge sagen
können, die gesagt gehören. Ich will nicht so sterben wie dein
Vater. Willst du, dass es mir so geht wie ihm?
Sie zuckt zusammen,
und es tut Albert weh, das zu sehen, aber es musste gesagt werden.
Er weiß doch, dass sie schon die ganze Zeit an ihren Vater denkt,
genau wie er auch.
Ja, Elise denkt an
ihren Vater. Sie hat schon an ihn denken müssen, als Albert über
Magenschmerzen zu klagen begann, und erst recht, als er eines Tages
von seinem täglichen Spaziergang um den Park zurückkam, die Hände
an den Unterleib gepresst, und ihr erstmals seine Blässe auffiel,
die beinahe durchscheinende Haut. Sie hat ihn dazu gedrängt, zum
Arzt zu gehen, ganz ruhig zwar, aber ihr war klar, was der Arzt
feststellen würde. Sie hat solch eine Farbe nur einmal vorher
gesehen.
Ihr Vater ist an
Prostatakrebs gestorben. Gegen Ende, als er regelrecht ertrank im
Morphium, war er im Geist wieder in Parris Island, und obwohl sie
jeden Tag an seinem Bett saß, hat er sie nicht mehr erkannt. Er hat
ihr die schlimmsten Namen an den Kopf geworfen, sie angespuckt und
angezischt und böse Yes Sir und
No Sir geschnarrt, wenn sie gefragt
hat, ob er noch Saft will. Albert war bei ihr. Er hat alles
gesehen.
Nein – alles nicht.
Sie hat Albert aus dem Zimmer gescheucht, wenn es Zeit zum
Windelwechseln war, Zeit für den Dekubitus, für die offene Stelle
unten an seinem Rücken, die so breit und so tief war wie ihre Faust
und die sie täglich reinigen und mit Verbandsmull ausstopfen und
abtupfen und verbinden musste, während ihr Vater auf dem Bauch lag,
heulend vor Schmerz, sie verwünschend und sie anbettelnd, dass sie
schnell machen solle, schnell, schnell – und die ganze Zeit musste
sie gegen den Brechreiz ankämpfen, den ihr die glitschigen Verbände
verursachten und die schweren, durchgesuppten Mullbinden, die sie
aus der Wunde zog, und der Anblick, der sie die Zähne
zusammenbeißen und um Kraft beten ließ: dieser Fleck ganz unten in
dem offenen Fleisch, wie ein blindes, halbgeschlossenes Auge, der
der weiße Stumpf seines Steißbeins war.
Und Al, ihr Albert,
noch immer gutaussehend, noch immer da
– dort in der Tür, die Hand am Rahmen -, steht vor ihr und sagt
ihr, was gesagt gehört. Seine Augen sind sehr blau, und seine
weißen Augenbrauen werden immer buschiger, wodurch er noch
vergnügter aussieht als in jüngeren Jahren. Sein Hemd ist sauber in
den Bund gesteckt, die Knöpfe genau auf einer Linie mit seiner
Gürtelschnalle. Warum diese Dinge?
Warum fallen ihr ausgerechnet diese Dinge auf? Sie weiß es: weil
sie bald Vergangenheit sein werden. Die Dinge, die sie an ihrem
Mann liebt, werden verschwinden, eins nach dem anderen. Einfach so.
Sein Geist, so wach und witzig und messerscharf, wird stumpf
werden, kindisch. Von der Ehefrau wird sie zur Mutter werden und
von der Mutter zur Krankenschwester. Sie hat ihren Albert nie
schreien hören, aber das kommt noch. Und wenn sie ihr noch so viel
von Schmerzeindämmung erzählen, die Ärzte: Das hier ist Krebs, das
ist ein Feind, den sie kennt.
Ich habe an Dad
gedacht, sagt sie ihm. Natürlich habe ich an ihn
gedacht.
Ich habe mir das
alles durch den Kopf gehen lassen, sagt Albert. Und von all den
Dingen, die mir kostbar sind … Er bricht ab und drückt sich mit den
Fingern die Lippen zusammen. Aber dann hat er sich wieder in der
Gewalt.
Unsere Gespräche
waren mir immer so wichtig, sagt er. Ich will nichts zu dir sagen,
was ich nicht so meine.
Sie
nickt.
Ich werde dich nicht
bitten, mir zu helfen, sagt er. Aber ich würde mir wünschen, dass
du da bist. Wenn du sagst, du kannst es nicht, dann verstehe ich
das, aber … aber Elise, wenn ich schon sterben muss – er schüttelt
den Kopf – lass mich in deinen Armen sterben. Wenn du mich liebst,
dann hast du die Kraft dazu.
Irgendwie schafft sie
es, die Flamme unter der Suppe abzudrehen. Sie geht zu ihrem Mann
und umschlingt seine Schultern, seine Arme (die dünner geworden
sind, sie spürt es deutlich), und so glühend sie kann, erklärt sie
ihm – zum zehntausendsten Mal, zum hunderttausendsten Mal? – ihre
Liebe.
Am Wochenende geben
sie ihr Essen. Elise hat einen Braten mit roten Kartoffeln gemacht,
Alberts Leibgericht. Ihre Kinder kommen (aber ohne die
Enkelkinder), und zwei alte Freunde von Albert, beides
Ingenieurskollegen, mit ihren Frauen. Die Ingenieure haben Zigarren
und eine Flasche sündhaft teuren Scotch mitgebracht und scheinen
sich darauf verständigt zu haben, lustig zu sein. Die Kinder sitzen
da, bleich und stumm, bestürzt über die Fröhlichkeit ihres Vaters.
Er und Elise sind sich einig, dass sie nicht wissen sollen, was er
plant. Aber seinen Freunden muss er es nicht erst sagen; sie sind
selbst alte Männer und legen, wie Albert, Wert auf ihre Würde, und
wenn sie auch nicht im Einzelnen wissen, was er vorhat, ist ihnen
doch klar, dass sie ihn nach diesem Abend wohl nicht wiedersehen
werden. Nach dem Essen stehen sie zu dritt hinten auf der Veranda,
in den Händen Gläser mit dem guten Scotch, dazu die brennenden
Zigarren, und als das Gespräch einmal ins Stocken kommt, sagt
Albert: Gentlemen, es war mir ein Vergnügen. Ich hoffe, ihr wisst,
wie sehr ich euch schätze.
Die beiden legen ihm
mit feuchten Augen die Hand auf die Schulter.
Bitte schaut ab und
zu bei Elise vorbei, sagt Albert. Ich weiß, eure Frauen machen das
sowieso – aber ihr bitte auch. Helft ihr ein bisschen, wenn was zu
reparieren ist; sie ist hoffnungslos in solchen Sachen. Aber ihr
dürft – bitte schaut, dass sie nicht allein ist. Sie hasst es,
allein zu sein. Das wird alles schwerer für sie, als sie sich
anmerken lässt.
Wie sollte es auch
leicht sein?, sagt der eine Freund heiser.
Die Frau vergöttert
dich schließlich, sagt der andere. Und das seit fünfzig
Jahren.
Albert seufzt und
trinkt einen Schluck. Davon wird er Magenschmerzen bekommen, aber
keine unerträglichen; er hat zu viel Schönes mit seinen Freunden
erlebt, um jetzt ihren Scotch zu verschmähen.
Der Erste lacht
leise, mit demselben unterschwelligen nervösen Beben in der Stimme,
mit dem sie alle schon die ganze Zeit sprechen.
Was ist?, fragt
Albert.
Ich wollte grade
sagen, was für ein Glückspilz du bist, sagt der Mann.
Sie lachen, und es
ist so, wie Albert gehofft hat. Lachen! Er ist ein toter Mann, aber
heute Abend, mit seinen beiden Freunden, trinkt er gierig dieses
Gelächter in sich hinein, das vielleicht sein letztes sein wird, so
unschätzbar und einzigartig wie dies alles, wie sie alle
hier.
Später am selben
Abend liegen er und Elise in ihrem breiten weichen Bett
beieinander. Er hat Schmerzen; sie sind jetzt überall, nicht nur im
Bauch, sie strahlen bis in die Knochen von Hüfte und Oberschenkel.
Selbst der simple Akt des Sitzens ist mühselig geworden. Bald –
wenn er es dazu kommen lässt – wird er nicht mehr ruhig dasitzen
können, und er wird um stärkere Medikamente bitten müssen. Noch ist
es auszuhalten, aber in einem oder zwei Tagen kommt er um den Anruf
nicht mehr herum.
Manchmal redet er
sich ein, dass dem Krankenhaus und den Ärzten ein schrecklicher
Irrtum unterlaufen ist und er doch noch gesund werden kann. Auch
heute Abend hat er sich kurz dazu verleiten lassen, draußen auf der
Veranda mit seinen Freunden. Aber in einem Moment der Ruhe und
Sammlung wie jetzt spürt er den Krebs in seinem Innern mit einer
stillen Gewissheit, meint fast seine Umrisse ertasten zu können
unter der weichen nachgiebigen Haut seines Bauches. In anderen
Nächten hat ihm das Angst gemacht, aber nun, wo Elise warm und
weich an seiner Seite liegt und sie sich geliebt haben – zu Ende
bringen konnten sie es nicht, aber er hat es geschafft, mit
hämmerndem Herzen ein Weilchen in ihr zu bleiben, Gott sei es
gedankt -, fühlt er keine Furcht.
Er kapselt sich einen
Augenblick ab, in seinem Kopf, wo er eine kurze Erklärung abgibt,
seinen Schöpfer von seinen Plänen in Kenntnis setzt. Das Gebet, das
er folgen lässt, ist für Elise.
Liebste, sagt er, es
ist Zeit.
Sie holt
Atem.
Ich wusste, dass du
das jetzt sagen würdest, sagt sie.
Sie küsst ihn auf die
Stirn und setzt sich dann auf, schaut ihn an. Er sieht ihr Gesicht
verschwommen, ihr Haar als silbrigen Schimmer.
Bitte, sagt sie.
Warte noch einen Tag.
Er berührt ihr
Gesicht. Nein, sagt er. Lieber jetzt. Ich habe alles, was ich
wollte. Besser wird es nicht.
Er will aufstehen,
schwingt die Knie über die Bettkante, aber als er sich hinsetzt,
lodert der Schmerz in seinem Bauch auf, und er stöhnt.
Leg dich wieder hin,
sagt sie. Ich hol dir eine Tablette.
Sie sind hier, sagt
er. Auf dem Nachttisch.
Sie greift nach der
Flasche, hastig, und geht damit ins Bad. Sie lässt ein Glas mit
Leitungswasser vollaufen und schüttelt sich eine Morphiumtablette
in die Hand. Sie kehrt ins Schlafzimmer zurück. Albert knipst die
Nachttischlampe an.
Hier, sagt sie.
Schluck die.
Noch nicht, sagt er.
Ich nehme sie alle auf einmal. Bis dahin halte ich es aus. Schatz?
Bist du so lieb und holst mir ein Glas Milch?
Sie zieht scharf die
Luft ein. Milch ist seit jeher Alberts Lieblingsgetränk; wenn er
sein Glas leer auf den Tisch zurückstellt, schauen seine Augen so
zufrieden wie die einer schläfrigen Katze. Sie geht den Flur
entlang in die Küche und schenkt ihm ein großes Glas voll. Diesen
Blick wird sie nie wieder in seinen Augen sehen. Die Augen ihres
Vaters waren glasig – leicht nach oben verdreht, so dass sich das
Weiße zeigte. In ein paar Minuten wird Albert auch so
aussehen.
Sie geht zurück ins
Schlafzimmer. Er trinkt einen Schluck, seufzt dann und sagt: Gibst
du mir die Tabletten, Liebes?
Die Flasche ist in
ihrer Bademanteltasche. Sie nimmt sie heraus, behält sie in der
Hand.
Albert, bitte, sagt
sie. Ein Tag noch. Gib mir noch einen Tag.
Er schaut sie an, die
Lippen zusammengepresst.
Elise, ich kann
nicht. Nein.
Bitte.
Wir wissen doch
beide, dass es so besser ist.
Ich kann nicht – ich
kann dich das nicht tun lassen.
Ist dir die
Alternative lieber?
Sie schüttelt den
Kopf. Sie weiß, dass es nichts gibt, was sie dagegen vorbringen
kann. Natürlich will sie ihn nicht so sehen müssen, entwürdigt,
leidend. Aber das? Das? Sie hält das Werkzeug zu seinem Tod in der
Hand. Es kann doch niemand von ihr erwarten, dass sie … dass sie es
ihm einfach aushändigt, oder?
Sie kniet vor dem
Bett nieder. Albert, sagt sie.
Er stellt das
Milchglas auf dem Nachttisch ab. Er nimmt ihre Hände, die um die
Morphiumflasche gewölbt sind.
Er sagt: Du kannst
das Licht aus lassen, bis … bis es passiert ist. Es wird nicht lang
dauern. Halt mich einfach fest, und wenn es vorüber ist, ruf Mark
an und sag ihm, etwas stimmt nicht. Er wird in einer Viertelstunde
hier sein. Ich habe einen Brief geschrieben. Er liegt auf dem Tisch
in der Diele. Er ist an dich adressiert. Tu so, als wüsstest du von
nichts. Niemand wird je erfahren, dass du mir geholfen
hast.
Al, ich kann’s
nicht.
Er versucht, die
Flasche zwischen ihren Händen hervorzuziehen, schiebt seine breiten
Finger zwischen ihre dünnen, kalten. Er tut es im Sprechen,
überredend, langsam. Als sie merkt, was er da macht, fährt sie
zurück, bevor sie überhaupt einen Gedanken fassen kann. Ihre Hände
rucken aus seinen, und sein Ellbogen stößt gegen den Nachttisch.
Das Milchglas wackelt, fällt. Sie sehen ihm beide beim Fallen zu.
Es schlägt auf die dunklen Holzbohlen und zerbricht. Scherben,
Milch und Schaum fließen kalt um Elises Knie.
Verdammt!, sagt
Albert scharf.
Ich mach’s schon weg,
sagt sie und steht auf.
Elise – die Scherben
-
Sie macht einen
Schritt vom Bett weg, die Flasche mit den Tabletten immer noch in
der Hand, steigt über die Milchpfütze. Sie tritt in ein Paar flache
Schuhe, die im Kleiderschrank stehen. Im Bad nimmt sie ein Handtuch
vom Handtuchhalter und holt den Papierkorb. Damit geht sie ins
Schlafzimmer zurück und kniet sich vorsichtig wieder hin, um die
Bescherung aufzuwischen.
Entschuldige, sagt
sie durch den Kloß in ihrem Hals.
Genau so was wollte
ich vermeiden, sagt er. In seiner Stimme kratzt etwas. Genau so was
meine ich. Siehst du, was es schon mit uns macht?
Und während sie am
Boden kniet und Milch und Glassplitter aufputzt, mit schmerzenden
Knien und schmerzender Kehle, denkt sie: Es? Es? Wo er doch nichts weiter von ihr erbeten hat
als ihre Mithilfe dabei, sich … sich umzubringen! Und wenn sie das
nicht kann, wenn sie ihm als Einziges sagen kann, dass sie es nicht
erträgt, ihn als Einziges um einen Tag mehr bitten kann, eine
kleine Spanne von Stunden nur, um Gnade, um eine einzige letzte
Stunde im Dunkeln, in der sie nicht um seinen nächsten Atemzug
bangen muss oder um den danach – dann soll das sein, was es mit
uns macht? Nicht ein Mal hat er sie
gefragt, wie sie über die Sache denkt. Nicht im Ansatz hat er sie
mitentscheiden lassen, wie es zwischen ihnen zu Ende gehen soll.
Und das – das ist alles, was ihm jetzt dazu einfällt?
Sie scheuert den
Boden heftiger.
Albert tut der Magen
weh. Er lehnt sich an das Kopfbrett und knetet sich den Bauch. Es
tut ihm leid, dass er laut geworden ist. Seine arme Frau wischt die
verschüttete Milch auf. Er bemerkt einen Glassplitter nahe bei
ihrer Hand und zeigt darauf, und will schon etwas sagen, da sieht
sie ihn selber und klaubt ihn aus der Milch. Die Sachtheit der
Gebärde, die Zartheit ihrer Hände … am liebsten würde er sie vom
Boden aufheben. Wenn er es doch nur könnte! Wenn er sie nur in
seine Arme ziehen und alles erklären könnte. Versteht sie denn
nicht? Seiner Liebe zu ihr ist er sicher. Das – dieses Ende – ist
das einzige Geschenk, das er ihr noch machen kann. Er will ihr die
Sätze sagen, die er sich zurechtgelegt hat. Er will ihr die letzten
Dinge sagen, die er in seinem Leben sagen wird, ihr und nur ihr
allein. Wenn sie doch bloß zu ihm hochschauen würde.
Er legt ihr die Hand
auf die Schulter.
Wie kannst du es
wagen, denkt sie und beißt sich auf die Lippe,
scheuernd.
Er probt die Worte im
Geist, voller Sorgfalt, während er darauf wartet, dass sie
aufschaut:
Elise, ich bin der
glücklichste Mensch. Ich liebe dich mehr denn je. Du bist mein
Leben.