1987
Sheriff Larry
Thompkins zog fröstelnd das Kinn ein und ließ den Motor laufen,
während er das Viehgatter aufschloss, das den Zugang zum
Sullivan-Wald versperrte. Das Gatter schwang nach innen, ächzend,
und die Scheinwerfer des Streifenwagens beleuchteten ein Stückchen
Fahrspur bis zu der Stelle, wo sie zwischen die Bäume abschwenkte.
Larry richtete sich auf, schaute nach rechts und nach links, dann
auf die geteerte Landstraße hinter ihm. Kein anderes Auto zu sehen,
nicht einmal auf dem fernen Highway. Der Himmel hatte sich
zugezogen – vielleicht würde es schneien -, und die Felder hinter
ihm waren nahezu unsichtbar in der mondlosen
Dunkelheit.
Larry ließ sich
hinters Lenkrad fallen, dankbar für die Wärme, für das Knistern und
Krachen aus seinem Funkgerät. Er steuerte den Wagen vorsichtig
durch das Tor und auf den Waldweg, dann schaltete er auf die
Parkleuchten um. Die Baumstämme vor ihm verloren an Kontur, färbten
sich orange. Das nächste menschliche Wesen, der alte Ned, wohnte
eine halbe Meile entfernt, aber Ned, der an Schlaflosigkeit litt,
saß oft an seinem Schlafzimmerfenster und schaute zum Sullivan-Wald
herüber. Wenn Larry seine Scheinwerfer eingeschaltet ließ, würde
Ned sie sehen. Seit vor drei Monaten Patricia Pikes Buch erschienen
war, bewachte Ned den Zugang zum Wald, als hätte er den
militärischen Auftrag dazu.
Larry hatte laufend
Eindringlinge verscheucht in der Zeit seit den Morden – zwölf Jahre
würden es im Dezember sein. Er hasste es, zum Sullivan-Haus
rauszufahren, aber schließlich musste er seine Arbeit machen – wenn
er nicht nach dem Rechten sah, tat es keiner. Die Eindringlinge
waren fast ausnahmslos Schüler der Highschool, die zum Mörderhaus
kamen, um sich zu betrinken oder zu kiffen, und obwohl Larry sie
immer ins Gebet nahm und bei den ganz Schlimmen für ein Nachspiel
sorgte, wusste er natürlich, dass Jugendliche nun mal Unfug
anstellen; richtig übel nehmen konnte er es ihnen nicht. Larry war
selber als Sechzehnjähriger im Rausch von einem Scheunendach
gefallen und hatte sich zweifach den Arm gebrochen – alles nur, um
einem Mädchen zu imponieren, das dann doch nicht mit ihm
ausging.
Aber seit diese Pike
ihr Buch herausgebracht hatte, herrschte ein richtiggehender Rummel
hier draußen. Allein in der letzten Woche hatte Larry dreimal
rausfahren müssen. Hauptsächlich waren es immer noch Jugendliche,
mehr Jugendliche denn je – aber auch Leute aus der Stadt, von denen
ihm manche schlicht geisteskrank vorkamen. Erst letztes Wochenende
hatte Larry ein Pärchen vertrieben, zwanzig oder älter, das auf
einer Decke lag und eine grässliche Musik aus seinem Ghettoblaster
plärren ließ. Sie hatten ihm – ganz ruhig, so als müsste er das ja
wohl einsehen – erklärt, dass sie über Zauberkräfte verfügten und
hier ein Kind zeugen wollten. Dem Haus, sagten sie, wohnten
mächtige Energien inne. Als sie abgezogen waren, sah Larry hoch zu
den leeren Fenstern, diesem blöde blickenden, toten Häusergesicht,
und konnte sich keinen größeren Unsinn vorstellen.
Der Streifenwagen
holperte schlingernd den gewundenen Waldweg entlang. Larrys viele
Extrafahrten hatten die Furchen noch vertieft – den ganzen Herbst
pflügte er jetzt schon durch Schlamm und Eis. Ab und zu drehten die
Reifen durch, und er versuchte nicht daran zu denken, was wäre,
wenn er sich herausziehen lassen müsste – was für Geschichten er
zur Erklärung erfinden müsste. Aber dann kämpfte sich der Wagen mit
einem Aufjaulen doch jedesmal wieder frei.
Er war mit Patricia
Pike hergefahren. Er hätte sich gern geweigert, aber der
Bürgermeister hatte ihm gesagt, die Pike verstehe sich auf ihr
Handwerk, und auch wenn er natürlich genauso besorgt sei wie Larry,
dass sie die Vorfälle ausschlachten könnte, so wolle er vor allen
Dingen verhindern, dass man der Stadt auch noch mangelnde
Kooperationsbereitschaft nachsagte. Also war Larry in die Bücherei
gegangen, um sich Pikes andere Bücher anzusehen. Er entschied sich
für eines mit der Nahaufnahme eines Katzenauges auf dem Cover, das
Die Schönen und das Biest hieß. Das
Buch handelte von einem Serienmörder im Idaho der sechziger Jahre,
der fünf Frauen umgebracht und an seinen zahmen Puma verfüttert
hatte. In einem Kapitel beklagte sich Pike, die Polizei habe ihr
Einzelheiten des Verbrechens vorenthalten. Larry konnte die
Polizisten verstehen – die Morde waren brutal gewesen; sie dürften
sich schwer genug damit getan haben, die Angehörigen der Opfer von
den Details in Kenntnis zu setzen, auch ohne irgendwelche
Perversen, die von weither angereist kamen, um sich einen Kick zu
holen.
Sie wird es ausschlachten, hatte Larry dem
Bürgermeister prophezeit und das Buch vor seiner Nase
geschwenkt.
Schauen Sie, hatte der Bürgermeister gesagt,
ich weiß, dass das nicht leicht für Sie ist.
Aber wäre es Ihnen lieber, sie schreibt das Buch ohne Ihre Hilfe?
Sie haben Wayne besser gekannt als sonst irgendjemand. Wer weiß?
Vielleicht kommen wir der Sache ja doch noch auf den
Grund.
Und wenn es diesen Grund ganz einfach nicht gibt?,
hatte Larry gefragt, aber der Bürgermeister war ihm die Antwort
schuldig geblieben – hatte ihn nur merkwürdig angesehen und gesagt,
da müsse er durch, wahrscheinlich werde es alles nur halb so
schlimm.
Larry bewältigte auch
die letzte Kurve und hielt dann an. Seine Parkleuchten beschienen
matt die Überreste des alten Wendeplatzes und, hinter ihnen, das
Haus der Sullivans.
Ein Kasten, trüb und
orange. Viel hergemacht hatte das Haus nie, nicht einmal, als es
neu war; es war klein, unansehnlich, quadratisch – ein besseres
Fertighaus. Die an der Rückseite vorspringende Garage war viel zu
groß, zerstörte die Proportionen – gab dem Ganzen etwas
Missgebildetes. Die Fenster waren zu klein, zu wenige.
Und seit den Morden
verfiel das Haus stetig. Fast alle Farbe war von der
Außenverkleidung abgeblättert, und die kleinen Schweinsaugen von
Fenstern waren mit Brettern zugenagelt – die Scheiben hatten
Halbwüchsige schon vor Jahren eingeworfen. Die Gräser und Büsche
der Wiese waren rundum in die Höhe geschossen, ein dichter Ring; es
sah aus, als würde das Haus in die Erde sinken.
Wayne hatte das Haus
selbst entworfen, nicht lang nach der Heirat mit Jenny; er verstand
zwar nichts von der Sache, aber – so hatte er Larry erklärt, als er
ihm die Pläne zeigte – er wollte, dass es ein einzigartiges Haus
würde. So einzigartig wie ich und
Jenny, hatte er gesagt und dabei gestrahlt.
Jenny hatte das Haus
gehasst. Sie hatte es Larry selbst gesagt, gleich bei ihrem
Einweihungsessen.
Schlimm genug, dass ich jetzt hier in der Wildnis
sitze, hatte sie ihm zugemurmelt, während Wayne im
Wohnzimmer mit Emily plauderte, Larrys Frau. Da hätte er uns doch wenigstens ein Haus bauen können, das
man anschauen mag.
Er macht das hier, weil er dich liebt, hatte Larry
eingewendet. Er hat sich Mühe
gegeben.
Erinner mich nicht dran, hatte Jenny erwidert und
einen Schluck Wein getrunken. Warum hab ich
mich bloß darauf eingelassen?
Auf das Haus?
Das Haus, das Heiraten. Mein Gott, Larry, such’s dir
aus.
Sie klang nicht
bitter, als sie das sagte. Sie sah Larry an, als könnte er eine
Antwort wissen, aber er wusste keine – er hatte Jenny und Wayne nie
als Paar gesehen, von ihrem ersten Date im College bis hin zur
Trauung nicht; Ja, mit Gottes Hilfe,
hatte Wayne gesagt, mit feuchten Wangen, und Jennys Züge waren ganz
weich geworden, und Larry hatte es ins Herz geschnitten, um ihrer
beider willen. Bei dem Einweihungsessen nun sagte er ihr:
Das wird schon, und wusste im selben
Augenblick, dass es eine Lüge war, und Jenny verzog das Gesicht auf
eine Art, die ihm zeigte, dass sie es auch wusste, und dann wandten
sie sich beide zum Wohnzimmer hin, wo Wayne Emily den Dimmer
vorführte.
Die Haustür, sah
Larry nun, stand sperrangelweit offen – ein paar Typen, die er hier
vor zwei Wochen rausgeschmissen hatte, hatten sie aufgebrochen, und
seitdem hielt das Schloss nicht mehr. Die offene Tür und die
schwarze Leere dahinter machten den Anblick noch trübseliger. Wie
ein weinendes Baby, hatte Patricia Pike bei ihrem ersten Besuch
gefunden. Larry fragte sich, ob es wohl auch in ihrem Buch
stand.
Sie hatte ihm ein
Exemplar geschickt, im Juli, kurz bevor es in die Buchhandlungen
kam. Das Buch hieß In der Nacht vor dem
Christfest – das Cover schmückte ein Weihnachtsbaum, der mit
kleinen Totenköpfen behängt war. Sie hatte ihm eine Widmung
hineingeschrieben: Für Larry – auch wenn ich
weiß, dass Sie lieber Romane lesen. Herzlich, Patricia. Er
hatte das Register aufgeschlagen, wo sein Name mit einer Menge
Seitenzahlen daneben stand, und die glänzenden Bildtafeln in der
Mitte des Buchs durchgeblättert. Auf einer war eine Karte von
Prescott County zu sehen, mit der Kreisstraße und einem Kreuz im
Sullivan-Wald, das das Haus bezeichnete. Als Nächstes kam ein
Grundriss des Hauses, mit den Umrisszeichnungen liegender Körper
sowie Strichellinien, die Waynes Weg von Zimmer zu Zimmer folgten.
Eine weitere Bildtafel zeigte ein Sears-Porträt der ganzen Familie,
alle lächelnd, dazu Photos von Wayne und Jenny bei der
Abschlussfeier im College. Auch ein Photo von Larry war dabei,
geknipst am Tag der Morde. Auf diesem Photo zeigte Larry auf
irgendetwas außerhalb des Bildrands, während Sanitäter einen der
Jungen, in eine Decke gewickelt, zur Haustür heraustrugen. Larry
schien zu rennen – seine Arme waren verschwommen -, was sonderbar
war. Niemand war lebend aus dem Haus geborgen worden. Es hatte
keinen Anlass zur Eile gegeben.
Das letzte Kapitel
war überschrieben: »Warum?« Diesen Teil hatte Larry vollständig
gelesen. Jedes Gerücht, jede halbgare Theorie, die Patricia Pike
bei ihren Besuchen in der Stadt aufgeschnappt hatte, fand sich hier
wieder, in Worte gekleidet, die es klingen ließen, als hätte sie
weiter gedacht als irgendjemand vor ihr.
Wayne war
verschuldet. Wayne war eifersüchtig, weil Jenny möglicherweise
fremdging. Wayne war von einem Arzt wegen seiner Migräne behandelt
worden. Wayne war ein Mann, der nie richtig erwachsen geworden war.
Wayne lebte in einer Phantasiewelt, mit einer idealen Familie, die
er niemals haben würde. Wieder einmal bringt
uns die Weigerung des Sheriffsbüros und der Stadtbevölkerung, offen
über ihre Alpträume zu sprechen, um die Möglichkeit, einen Mann wie
Wayne Sullivan zu verstehen, mitzuhelfen, dass kein anderer in
seine blutigen Fußstapfen tritt, und den Prozess der Heilung
einzuleiten, die diese Gemeinde so dringend
braucht.
Larry hatte sein
Exemplar in eine Schublade geworfen und gehofft, dass alle anderen
es genauso machen würden.
Aber das Buch war ein
Bestseller geworden – alle Bücher von Patricia Pike waren
Bestseller. Und kurz darauf waren die ersten Spinner bei dem Haus
aufgetaucht. Und dann, heute, hatte Larry einen Anruf vom
Bürgermeister bekommen.
Das wird Ihnen gar nicht gefallen, hatte der
Bürgermeister begonnen.
Damit hatte er Recht.
Ein Kabelkanal plante einen Dokumentarfilm auf der Grundlage des
Buches. Ende des Monats würde ein Kamerateam anrücken – kurz vor
Weihnachten, der größeren Authentizität halber. Sie wollten am
Originalschauplatz drehen, und selbstredend wollten sie auch mit
sämtlichen Beteiligten noch einmal reden, allen voran
Larry.
Larry zog eine
Whiskeyflasche unter seinem Sitz hervor, schraubte, den Blick
unverwandt auf das Sullivan-Haus gerichtet, den Deckel ab und nahm
einen Schluck. Die Augen tränten ihm, aber er trank ihn hinunter
und nahm gleich den nächsten. Er spürte, wie der Schnaps sich in
seiner Kehle ausbreitete, in seinem Magen, und hatte eigentlich nur
noch den Wunsch, still hinterm Lenkrad zu sitzen und zu trinken. An
vielen Abenden machte er es auch so. Jetzt aber stieß er die Tür
auf und stieg aus.
Wiese und Haus waren
großteils vor dem Wind geschützt, aber die Luft hatte dennoch etwas
Beißendes. Er zog die Schultern hoch, öffnete den Kofferraum und
holte einen der Benzinkanister heraus, die er sich an der
Tankstelle abgefüllt hatte, und dazu ein paar alte Zeitungen. Mit
gesenktem Kopf stapfte er auf die offene Haustür zu, vorsichtig die
Füße hebend in dem hohen dunklen Gras.
Er konnte das Haus
schon riechen, bevor er an der Veranda war – ein Geruch wie von der
Unterseite eines nassen Holzscheits. Er knipste seine Taschenlampe
an und leuchtete damit in den Eingang, über die fleckigen,
bröckelnden Wände. Er trat über die Schwelle. Etwas Lebendiges
raschelte hastig davon: ein Waschbär, oder eine Beutelratte.
Vielleicht sogar ein Fuchs; Wayne hatte ihm einmal erzählt, im Wald
wimmele es von Füchsen, aber in der ganzen Zeit, die Larry nun
schon hier herauskam, hatte er noch keinen einzigen
gesehen.
Er ließ den Blick
über die Wände wandern. Ein paar neue Graffiti waren dazugekommen:
KILL’EM ALL, hatte jemand an die Wand gesprüht, vor der einmal der
Weihnachtsbaum gestanden hatte. Die älteren Botschaften hielten
tapfer die Stellung. Eine lautete: HEY WAYNE, RÄUM AUCH MAL BEI MIR
AUF. Neben einer schartigen, grob zugespachtelten Vertiefung in
derselben Wand hatte jemand einen Pfeil gemalt und dazugeschrieben:
HIRN. Dazwischen fanden sich kleinere Kritzeleien in Filzstift –
typisches Oberschüler-Gekritzel: Initialen, Abschlussjahre,
geistlose Sexwitzchen, Bilder von Genitalien.
Und dort drüben, in
der Ecke, lag ein Exemplar von In der Nacht
vor dem Christfest, die Seiten aufgewellt von
Feuchtigkeit.
Larry rieb sich die
Schläfe. Warum nicht gleich mit dem Buch anfangen.
Er beförderte es mit
dem Fuß in die Mitte des Wohnzimmerbodens und spritzte Benzin
darüber. Ein Stückchen weiter war ein Spalt, wo der Teppichboden
aufgerissen war. Er rollte Zeitungsseiten zusammen, stopfte sie
unter den Teppich und besprengte auch sie. Er legte Benzinspuren
von dem Buch und dem Nest mit den Zeitungen bis zur Haustür. Er
schüttete Benzin von der Verandakante aus im hohen Bogen auf Tür
und Türpfosten, bis der Kanister leer war.
Dann stand er auf der
Veranda, den stechenden Geruch in der Nase, keuchend – Gott, war er
schlecht in Form. In seinem Kopf pochte und stach es. Er ballte die
Faust um das Feuerzeug, bis der Schmerz nachließ.
Larry war kein
religiöser Mensch, aber er versuchte trotzdem zu beten:
Herr, behalte sie in deiner Hand. So wie bis
jetzt doch auch. Und bitte hilf, dass es klappt. Aber das
Gebet klang zu jämmerlich, also brach er ab.
Er zündete ein
zusammengeknülltes Stück Zeitungspapier an, wartete kurz, bis es
loderte, und hielt es dann an die Türschwelle.
Das Feuer leckte
sofort am Türstock hoch, züngelte in Schlangenlinien über den
Teppich zu dem Buch und den Zeitungen. Durch die Tür konnte er sie
brennen sehen, bevor dicker grauer Qualm ihm die Sicht nahm. Nach
ein paar Minuten sanken die Flammen in sich zusammen. Auch
Brandstiften wollte gelernt sein – es war alles feucht da drin. Er
holte den zweiten Kanister aus dem Kofferraum und steckte eine
zusammengedrehte Zeitung in die Tülle. Er vergewisserte sich, dass
er freie Bahn hatte, zündete das Papier dann an und warf das Ganze
ins Haus. Der Kanister explodierte auf der Stelle mit einem dumpfen
Knall, und orangegelbes Licht schlug an einer der Innenwände empor.
Die Flammen an der Türschwelle flackerten, beruhigten sich wieder
und begannen, außen die Verschalung hochzuklettern.
Larry ging zum
Streifenwagen zurück und zog die Whiskeyflasche unterm Sitz hervor.
Er dachte an Jenny; er dachte daran, wie er als Junge mit Wayne
hier auf der Wiese gezeltet hatte. Er hatte gesehen, wie das Haus
gebaut worden war; er hatte die Menschen darin leben und sterben
sehen. Larry hatte geglaubt, es müsse ihm eine gewisse Befriedigung
bereiten, nun auch sein Ende mit anzusehen, aber stattdessen
schnürte sich ihm die Kehle zusammen. Irgendwann im Lauf der Jahre
war das hier sein Haus geworden. Seit einer Weile empfand er das
schon: Offiziell mochte das Sullivan-Haus der Gemeinde gehören,
aber in Wirklichkeit hatte Wayne es ihm
hinterlassen.
Ein Bild flirrte ihm
durch den Kopf – nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Er sah sich
das brennende Haus betreten, die Treppe hinaufsteigen. In seinem
Kopf ging das völlig schmerzlos vor sich, auch als das Feuer sich
seiner Kleider bemächtigte, der Patronen in seinem Revolver. Er
würde sich oben in Jennys Nähzimmer setzen und die Augen zumachen,
und es würde im Nu vorbei sein.
Er schniefte, kniff
sich in die Nasenflügel. Was für einen Schwachsinn phantasierte er
sich hier zusammen. Er hatte Menschen gesehen, die verbrannt waren.
Er würde sterben, o ja, aber schreiend, wild um sich schlagend. Bei
der Vorstellung wurden ihm Arme und Beine schwer; unter seiner Haut
kribbelte es.
Larry legte den
Rückwärtsgang ein und stieß vorsichtig zurück, weg vom Haus, aus
der Einfahrt hinaus auf den Waldweg. Wohl zehn Minuten schaute er
zu, wie das Feuer um sich griff, und versuchte an gar nichts zu
denken, nur die Flammen zu sehen. Dann kam der Ruf von Lynn in der
Zentrale.
Sheriff?
Kommen, sagte
er.
Ned hat angerufen. Er
sagt, es sieht so aus, als ob das Sullivan-Haus
brennt.
Brennt?
Das hat er gesagt. Er
sieht ein Feuer im Wald.
Ach herrje, sagte
Larry. Ich bin auf der alten 52, kurz hinter Mackey. Ich fahr
sofort hin und seh mir die Sache an.
Er ließ nochmals zehn
Minuten verstreichen. Flammen leckten um die Bretter vor den
Fenstern. Die Decke im Erdgeschoss fing Feuer. Lange Schatten
geisterten durch die Bäume; der Wald erwachte zum Leben, taumelnd
und tanzend. Etwas Lebendiges, Brennendes schoss aus der Haustür –
ein Kaninchen? Es schlug wilde Haken auf dem Wendeplatz, bevor es
Kurs auf Larry nahm. Einen Moment lang dachte er, es hätte sich
unter seinen Wagen geflüchtet, und er legte die Hand an den
Türgriff – aber was immer es war zickzackte hinüber zwischen die
Bäume zu seiner Rechten. Er sah es in einem Gesträuch zur Ruhe
kommen; Rauch stieg in dünnen Strähnen aus den Büschen
auf.
Zentrale?, sagte
Larry.
Kommen.
Ich bin jetzt beim
Sullivan-Haus. Der Kasten brennt lichterloh. Schickt gleich mal die
Löschwagen los.
Zwanzig Minuten
später trafen zwei Feuerwehrautos ein, vorsichtig die Fahrspur
entlangruckelnd. Die Männer stiegen aus, stellten sich neben Larry
und betrachteten mit ihm das Haus, das mittlerweile vom Keller bis
zum Dachfirst in Flammen stand. Sie manövrierten die Löschzüge an
Larrys Streifenwagen vorbei und besprühten das Gras rund ums Haus
und die umstehenden Bäume. Dann sahen sie alle zu, wie das Haus
herunterbrannte und in sich zusammensackte, und keiner sagte
viel.
Larry ließ sie kurz
vor Morgengrauen mit den Trümmern allein. Er fuhr heim, spülte sich
notdürftig den Rauchgeruch aus den Haaren, und dann legte er sich
neben Emily, die sich nicht regte. Eine ganze Weile lag er wach und
versuchte sich davon zu überzeugen, dass er es wirklich getan
hatte, und dann versuchte er sich davon zu überzeugen, dass es gar
nicht passiert war.
Als er endlich
einschlief, sah er das brennende Haus, nur dass in seinem Traum
noch Menschen darin waren: Jenny Sullivan in dem Fenster im
Obergeschoss, die ihren jüngsten Sohn an sich drückte und nach
Larry rief, nach ihm brüllte, während Larry in seinem Wagen saß und
am Türgriff zerrte, unfähig, ihr auch nur zu antworten, ihr zu
sagen, dass er eingesperrt war.