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Die Wiese ist leer, rundherum kahler Herbstwald.
Die Bäume des Walds – Eiche, Ahorn, Robinie – wachsen durch einen Filz aus wucherndem Strauchwerk, rostbraunen Blättern, Haufen von dürrem Bruchholz. Der Himmel darüber ist glänzendblau, mit ein paar hohen, schnellen, durchscheinenden Wölkchen darin – aber die dichten Baumkronen schirmen alles Tiefergelegene ab, auch die Wiese. Und hier, am Wiesenrand, beginnt ein Weg, zwei Furchen mit grasigem Mitteldamm, die sich in den Wald schlängeln und verschwinden.
Die Wiese ist struppig von hohem gelbem Gras, Dornengerank und vereinzelten Schösslingen – außer ganz in der Mitte. In der Mitte ist eine breite, rechteckige Vertiefung, ihre Ränder markiert von den verfallenen Überresten eines Betonfundaments. Den Boden bedecken bröckelnder Beton und Asche, kaum sichtbar unter dem dünnen Unkrautteppich. Ein rußgeschwärzter Balken hängt im schiefen Winkel über den Rand, an der Unterseite weich und zerfasert. Zwei Eichen beugen sich über das Fundament, beide nach vorne zu angesengt.
Manchmal äsen Hirsche auf der Wiese. Waschbären und Kaninchen sind immer in der Nähe; sie haben ihre eigenen Zickzackpfade zwischen den Halmen. Ein Fuchs wohnt in den Bäumen nahebei, rostrot und flink. Die Gänge seines Baus, die sich zwischen Baumwurzeln durchwinden, sind glattpoliert von seinem Bauch.
Manchmal kommt ein Auto die Fahrspur entlanggekrochen und parkt am Rand der Wiese. Die Leute im Auto steigen aus und stapfen durchs Gras. Sie machen Photos oder zeichnen, oder sie lesen in einem Buch. Manchmal klettern sie auch in die alte Grube hinunter. Ein paar bleiben über Nacht, an Lagerfeuern kauernd.
Wann immer solche Leute auftauchen, erscheint bald darauf ein Polizist, dick und mit grauem Haar. Manche von den Leuten reden mit ihm – und manche werden sogar laut -, aber alle fahren sie wieder ab, nachdem sie unter seinen Blicken ihr Zeug zurück in die Autos gepackt haben. Dann rumpelt er in seinem Streifenwagen langsam hinter ihnen die Fahrspur entlang. Wenn es schon dunkel ist, lässt das Kreiseln der roten und blauen Lichter auf seinem Dach die Bäume tanzen und springen.
Manchmal kommt der Polizist auch, wenn es niemanden wegzujagen gibt.
Er stellt den Streifenwagen ab und steigt aus. Er geht langsam in die Wiese hinein. Er setzt sich auf den bröckelnden Beton am Rande des Kraters, sieht hinein, sieht zum Himmel hoch, schließt die Augen.
Wenn er seine Laute ausstößt, wird es still im Wald. All die Tiere ducken sich, und ihre Ohren zucken, während der Mann bellt und heult.
Lange bleibt er nicht.
Nachdem sein Streifenwagen den Feldweg hinabgeruckelt ist, herrscht im Wald und auf der Wiese eine Zeitlang Schweigen. Aber nicht lang, und was dort lebt, fängt zu wittern an, schnuppert, wagt sich vorsichtig, ruckhaft wieder ans Licht. Schnauzen schubbern über den Boden, in Mauselöcher. Die einen fressen, die anderen werden gefressen.
Hier werden Erinnerungen in Muskeln und Mägen bewahrt, nicht im Geiste. Der Polizist und das Haus und all die Menschen, die da waren und wieder gegangen sind, sind nicht vergessen.
Es wird nur nicht an sie gedacht.