19. Kapitel
Woher, zum Teufel, hat er diese Information?«, fragte Tyler mit einem wütenden Blick auf die Morgenzeitung. Die Schlagzeile lautete: BEKANNTE PUPPENMACHERIN DER STADT IN MORDFÄLLE VERWICKELT.
Es war kurz nach halb sechs Uhr morgens, und Jennifer war gerade mit Doughnuts und der druckfrischen Morgenzeitung hereingekommen.
Sie alle hatten die Nacht durchgearbeitet, hatten Annalises Karteidaten analysiert und versucht, den Namen eines Mörders zu finden. Sie hatten Diagramme gezeichnet, Berichte studiert und zu Tylers Ärger kaum Fortschritte verzeichnet.
Jetzt überflog er den Zeitungsartikel, dessen Verfasser niemand anders als Reuben Sandford war. Irgendwie hatte Reuben die Verbindung zwischen den ermordeten Mädchen und den Blakely-Puppen hergestellt und berichtete haarklein über alles, was er herausgefunden hatte.
Dabei führte er nicht nur die einzelnen Modelle auf, sondern gab auch jeweils das Jahr an, in dem die Puppen auf den Markt gekommen waren. Außerdem hatte er ausgiebig zur Firmengeschichte von Blakely Dollhouse recherchiert. Offenbar waren Tyler und seine Leute nicht die Einzigen, die die ganze Nacht durchgearbeitet hatten.
Nachdem die Presse involviert war, würde der Druck von außen heftiger und ihre Arbeit noch schwieriger werden. Tyler war natürlich klar, dass die Presse irgendwann von Annalises Verwicklung in den Fall erfahren hätte, doch er hatte gehofft, bis dahin noch ein bisschen mehr Zeit zu haben.
»Verdammt, ich wüsste zu gern, woher er diese Informationen so schnell bekommen hat.« Tyler warf die Zeitung zur Seite. Er war ohnehin schon schlechter Laune wegen ihrer geringen Fortschritte, und der Zeitungsartikel tat sein Übriges.
»Ich muss mit Annalise reden«, sagte er und stand auf. »Ich muss sie warnen, dass sie jetzt ein gefundenes Fressen für jeden Reporter in der Stadt ist.« Er sah Jennifer an. »Was hältst du davon, wenn wir uns gegen zehn Uhr im Blakely Dollhouse treffen? Wir müssen Annalises Mitarbeiter noch einmal vernehmen.« Jennifer nickte. Er gab den restlichen Mitgliedern seines Teams Instruktionen und bestellte alle zu einer Besprechung um sechzehn Uhr am selben Nachmittag aufs Revier.
Kurz darauf befand er sich auf dem Weg zu Annalise. Sein Kopf schwirrte von all den Daten, die er in den Nachtstunden hatte bearbeiten müssen.
Die wichtigste Aufgabe hatte zunächst darin bestanden, die Käufer der drei Blakely-Puppen zu identifizieren. Annalise hatte ihnen gesagt, dass von jedem Modell nur fünfhundert Stück hergestellt worden waren, und zwei von seinen Detectives versuchten nun, den Käufer der jüngsten Kreation, der Kimono-Kim, in den Computerlisten aufzuspüren, die Annalise ihnen gegeben hatte.
Bei den beiden älteren Puppen konnten ihnen die elektronisch erfassten Daten jedoch nicht weiterhelfen, daher bestand die nächste Aufgabe darin, die Kisten im ersten Stock des Blakely Dollhouse zu durchsuchen, wo älteres Material archiviert wurde.
Er unterdrückte ein Gähnen, als er vor einem kleinen Supermarkt am Straßenrand anhielt. Inzwischen kannte er Annalise gut genug, um zu wissen, dass sie am Morgen als Erstes einen ordentlichen Kaffee brauchte, bevor sie ansprechbar war. Dazu kaufte er ein paar frische Doughnuts und die Morgenzeitung und verließ den Laden.
Der Sonnenaufgang kündigte sich erst zaghaft am östlichen Himmel an, und als Tyler die Tür seines Dienstwagens zuschlug, zerriss das Geräusch die frühmorgendliche Stille.
Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich das friedliche Szenario hier veränderte. Tyler ahnte, dass es innerhalb von wenigen Stunden in dieser Gegend von interviewhungrigen Reportern, Nachrichtenteams und Kameraleuten auf der Jagd nach einer packenden Story wimmeln würde. Er wusste, dass Annalise wie gewohnt ihren Geschäften nachgehen und den Laden nicht schließen wollte, doch das würde ihr unter den jetzigen Umständen nicht gelingen.
Er klingelte, wohl wissend, dass er sie vermutlich weckte, aber genauso überzeugt davon, dass es sich nicht ändern ließ. Er wartete ein paar Sekunden, dann klingelte er ein zweites Mal.
Während er auf sie wartete, drohte ihn eine maßlose, tiefe Erschöpfung zu überwältigen. Das war nicht nur eine Reaktion auf die lange Arbeitszeit. Es war eine viel tiefer gehende Müdigkeit, das Resultat von zu vielen Fällen und zu vielen Opfern.
Er riskierte, einen Burn-out zu bekommen, denn seine letzte Auszeit lag drei Jahre zurück. Damals hatte er sich eine Woche freigenommen, um an einem viertägigen Seminar über kriminalistisches Profiling in St. Louis teilzunehmen. Ein Urlaub war das allerdings nicht gewesen.
Wenn dieser Fall aufgeklärt war, würde er richtig Urlaub machen. Vielleicht konnten er und Annalise sogar zusammen verreisen. Einen flüchtigen Moment lang entstanden Visionen von Sandstränden und fruchtigen Cocktails vor seinem inneren Auge, dazu Annalise in einem Bikini. Die Vorstellung, einige Zeit mit Annalise zu verbringen, ohne dringendere Verpflichtungen zu haben als die Sorge, was sie zum Abendessen bestellen sollten, war geradezu himmlisch.
Im Laden ging das Licht an, und Annalise näherte sich der Tür. Ihr Haar war vom Schlaf zerzaust, der schwache Abdruck einer Falte ihres Kopfkissens zog sich über ihre Wange. Ihre Augen wirkten ein wenig glasig, als wäre sie noch nicht ganz wach. Sie zurrte den Gürtel ihres kurzen Bademantels straff und schloss mit verstörtem Gesichtsausdruck die Tür auf.
»Tyler? Was ist los? Ist etwas passiert? Warum kommst du mitten in der Nacht hierher?«
Er beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn. »Es ist nicht mitten in der Nacht. Es ist fast schon Morgen, und, ja, es ist etwas passiert. Du stehst in der Morgenzeitung.«
»Wa-was soll das heißen?« Sie schloss die Tür hinter ihm und wandte sich ihm dann wieder zu. Ihre Augen wirkten nun nicht mehr ganz so schläfrig. »Lass nur. Erzähl es mir erst, wenn wir oben sind und ich einen Schluck von dem Kaffee getrunken habe, den du da mitgebracht hast.«
»Doughnuts habe ich auch dabei.«
»Dann werde ich dir verzeihen, dass du mich vor Sonnenaufgang geweckt hast«, antwortete sie.
Sie sprachen erst wieder miteinander, als sie in Annalises Wohnung auf dem Sofa saßen, den Kaffee und die Doughnuts vor ihnen.
»Du siehst erschöpft aus«, bemerkte sie.
»Wie müde ich bin, habe ich erst richtig gemerkt, als ich in meinen Wagen stieg, um hierherzufahren«, gab er zu.
In der vorletzten Nacht hatte er kaum geschlafen, und jetzt, da er sich in die weichen Sofapolster zurücksinken ließ, merkte er, dass er einfach völlig am Ende war.
Sie schob ihm seinen Kaffeebecher zu. »Also, jetzt erzähl mal, wieso ich in der Zeitung stehe.«
»Ein Reporter hat die Verbindung zwischen deinen Puppen und unseren Mordopfern entdeckt.« Er reichte ihr die Zeitung und beobachtete, wie sie sie auffaltete und die Schlagzeile las.
Sie überflog den Artikel und sah Tyler bestürzt an, der daraufhin fortfuhr: »Dein Leben könnte bald verflixt kompliziert werden. Du bist klug und schön und jetzt als zentrale Gestalt in einer abscheulichen Mordserie identifiziert worden. Jeder Reporter aus diesem und den benachbarten Bundesstaaten wird über dich herfallen.«
Sie rieb sich die Stirn über der Nasenwurzel, als wollte sie einen Druckschmerz lindern. »Und was soll ich jetzt tun?«
»Zuallererst einmal darfst du mit keinem von ihnen reden. Es gibt da zwei Worte, die in den nächsten Tagen deine besten Freunde sein werden, und diese zwei Worte lauten: kein Kommentar. Außerdem rate ich dir, den Laden heute nicht zu öffnen. Falls du ihn öffnest, werden sich die Reporter wahrscheinlich die Klinke in die Hand geben.«
»Was ist mit meinen Mitarbeitern? Soll ich sie anrufen und ihnen sagen, dass sie zu Hause bleiben sollen?«
»Nein. Ich brauche sie hier. Ich habe mit Jennifer abgesprochen, dass wir uns um zehn hier treffen, um die gesamte Belegschaft zu vernehmen. Außerdem brauchen wir die Kisten mit den Verkaufsunterlagen deiner Mutter, von denen du neulich gesprochen hast.«
»Haben euch die Kundendaten aus der Adresskartei nicht weitergebracht?«, fragte sie.
»Es ist noch zu früh, um das entscheiden zu können.« Er gähnte unwillkürlich und hielt sich die Hand vor den Mund, dann grinste er verlegen. »Entschuldige.« Er brauchte einen Augenblick, bis er sich so weit konzentriert hatte, dass er den Gesprächsfaden wiederaufnehmen konnte. »Ich hoffe, dass uns die Aufzeichnungen deiner Mutter bei der Suche nach den Käufern der Braut- und der Flapper-Puppe helfen.«
»Du sagtest, Jennifer kommt um zehn?«, fragte sie, woraufhin er nickte. »Und was hast du bis dahin geplant?«
»So weit habe ich mir noch keine Gedanken gemacht«, antwortete er. »Als ich heute Morgen die Zeitung sah, wusste ich nur, dass ich sofort zu dir kommen und dich vor dem bevorstehenden Ansturm warnen muss.«
Sie lächelte und legte eine Hand an seine Wange. »Dann leg dich doch einfach in mein Bett und schlaf ein paar Stunden, bis sie herkommt.«
Er zog eine Braue hoch. »Wenn ich mich in dein Bett lege, dann ist Schlaf das Letzte, woran ich denken kann.«
Sie lachte. Dieses leise, erotische Lachen, das sein Begehren stets entfachte. »Ich schlafe lieber nicht mit einem Mann, der aussieht, als würde er gleich vor Erschöpfung umfallen.« Sie wurde wieder ernst, und ihr Blick war so sanft wie nie zuvor. »Tyler, du bist am Ende deiner Kräfte. Ruh dich doch aus, solange du noch Zeit dazu hast.« Sie stand auf und streckte ihm auffordernd die Hand entgegen. Er griff danach, erhob sich und ließ sich von Annalise zum Bett führen. Dann zog er sich aus, stieg ins Bett und zog die Bettdecke über sich. Sein Körper versank förmlich in der Matratze, und er stellte fest, dass Annalises Duft ihn umhüllte.
Sie legte sich zu ihm, und er zog sie mit dem Rücken an sich, so dass sie in der Löffelchen-Stellung beieinander lagen. Ihre Körperwärme ging auf ihn über, und der hohe Adrenalinspiegel, der ihn die Nacht hindurch wach gehalten hatte, baute sich langsam ab, während ihn der Schlaf übermannte.
Der Traum begann so friedlich. Er ging an einem Strand spazieren, der weiße Sand fühlte sich weich und warm unter seinen nackten Füßen an. Das Sonnenlicht glitzerte auf dem Wasser, das in Wellen an den Strand schlug. Der Himmel war von jenem Blau, das man nur von Gemälden kannte, und der leise Wind duftete nach süßen Blumen.
Hoch über ihm kreischte eine Möwe. Er setzte sich in den Sand und atmete tief und zufrieden durch. Alles, was er brauchte, war Annalise, und er wusste, wenn er geduldig auf sie wartete, würde sie sich zu ihm in den warmen Sand setzen.
Genau das brauchte er. Den Frieden. Die Ruhe. Er schloss die Augen, und der Rhythmus der Wellen lullte ihn ein wie ein Wiegenlied.
Da wurde er plötzlich von einem Donnerschlag erschreckt. Tyler öffnete die Augen und sah schwarze Unwetterwolken in rasenden Wirbeln über den Himmel ziehen. Die Sonne war verschwunden, und das Wasser begann zu schäumen, weiße Gischt tanzte auf den aufgepeitschten Wellenkämmen.
Als Tyler aufsprang, traktierte der grobe, aufwirbelnde Sand seinen Körper. Jetzt roch es nach faulem Fisch und nach Tod, und das Meer war so aufgewühlt, wie er es noch nie erlebt hatte.
Entsetzt sah er, wie sich Kerry Albright in vollem Brautstaat aus dem Wasser erhob und auf ihn zukam. Sie hatte die Arme flehend nach ihm ausgestreckt, eine inständige Bitte in den toten Augen.
Links von Kerry tauchte Margie Francis auf. Die Fransen an ihrem Charleston-Kleid bestanden plötzlich aus tropfendem Seetang, und ihre Schreie hallten durch die Luft. Dann kam Sulee Hwang hinzu, der das helle Make-up über das Gesicht lief. Über ihnen grollte der Donner, und Blitze zuckten auf.
Tyler wich zurück, als sie immer näher kamen. »Ich versuche es doch«, schrie er, doch der Wind riss ihm die Worte von den Lippen. »Ich kriege ihn, das schwöre ich. Ich verspreche es euch.«
Eine weitere Woge kam heran, und eine vierte Gestalt erschien – zunächst zu weit entfernt von ihm, als dass er ihr Gesicht hätte erkennen können. Trotzdem erfüllte ihn der Anblick mit einer nie gekannten Angst …
Näher … immer näher kam sie, und in der von Blitzen erhellten Nacht erkannte er ihre Züge. »Nein!«, schrie er entsetzt, als Annalise durch das Wasser auf ihn zuschritt, eine perfekte Puppe in ihrem lavendelfarbenen Kleid.
Abrupt schlug Tyler die Augen auf und hörte das Telefon klingeln. Annalise lag neben ihm und sah ihn an, während der Anrufbeantworter die Nachricht aufzeichnete.
»Miss Blakely, hier spricht Thomas Brewman von KABC Radio. Ich würde gern einen Termin mit Ihnen vereinbaren, denn ich möchte wissen, wie Sie über die derzeitige Situation denken.« Er hinterließ seine Kontaktinformationen, dann wurde aufgelegt.
Tyler stand noch immer unter dem Eindruck seines grauenhaften Traums, als er Annalise über die Wange strich. Ihre Haut war herrlich warm, und sie lächelte unter der sanften Liebkosung. Doch die zärtliche Stimmung wurde von einem erneuten Klingeln des Telefons unterbrochen.
»Annalise, hi. Hier ist Sam Watters von WDAF. Ich würde liebend gern erfahren, was Sie zu der Beziehung zwischen Ihren Puppen und den Morden zu sagen haben. Rufen Sie mich unter der 555–0734 an, das ist meine Durchwahl. Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören.« Er legte auf.
»Das ist erst der Anfang«, sagte Tyler.
Sie schloss die Augen, als könnte sie sich so vor dem bevorstehenden Ansturm verstecken.