5. Kapitel
Hi, ich heiße Annalise. Willst du meine Freundin sein?«
Annalise betrachtete stirnrunzelnd den Kassettenrekorder. Seit einer halben Stunde hörte sie sich die unterschiedlichsten Stimmen an, die alle das Gleiche sagten. Die letzte erinnerte an ein abgebrühtes Straßenmädchen.
Sie schaltete den Rekorder aus und blickte zu den Fenstern hinüber. Die Sonne tauchte den Himmel in leuchtende Pink- und Orangetöne, während sie langsam hinter dem Horizont verschwand. Mit einem Seufzer schob Annalise den Kassettenrekorder zur Seite und schlug ihren Skizzenblock auf.
Die Seiten waren mit Zeichnungen von Kleidern und Roben ausgefüllt. Früher einmal hatte sie davon geträumt, eine berühmte Modedesignerin zu werden und neben einem Laufsteg zu sitzen, auf dem Models in ihren jüngsten Kreationen entlangstolzierten und für ein begeistertes Publikum posierten.
Sie hatte Lillian angefleht, sie auf eine Schule für Modedesign gehen zu lassen, doch ihre Mutter hatte entschieden, dass ein traditionelles College und ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre sinnvoller wären, und wie fast immer hatte sich Lillian Blakely durchgesetzt.
Während sie ihre Skizzen durchblätterte, musste sie sich gegen ein verschwommen deprimiertes Gefühl wehren, doch schließlich lachte sie über ihre eigene Melancholie. Sie wusste, was ihr fehlte. Es war Samstagabend, und sie war allein. Ihr Essen mit Tyler lag eine Woche zurück, und er hatte nicht angerufen. Das war der Grund für ihre schlechte Stimmung.
Offenbar hatte er den Abend nicht so genossen wie sie selbst, sonst hätte er sicher längst einen Moment Zeit gefunden, um sie anzurufen. Du findest nie den Richtigen, wenn du immer nur allein in deinem Loft herumsitzt. Das würde Danika sagen, wenn sie jetzt bei ihr wäre. Doch Danika war nicht bei ihr. Danika hielt sich nicht einmal in Kansas City auf. Sie und ihr neuester Freund waren übers Wochenende nach Las Vegas geflogen.
»Viva Las Vegas«, brummte sie und klappte den Skizzenblock zu. Sie war nicht in der Stimmung, zu zeichnen. Was Danika nicht verstand, war, dass Annalise gar nicht auf der Suche nach dem Richtigen war. Es war ganz nett, einen Freund zu haben, aber noch nie hatte sie einen Mann als festen Bestandteil ihres Lebens in Erwägung gezogen.
Ratlos seufzte sie auf. Sie langweilte sich und hatte doch keine Lust, auszugehen. Vielleicht war dies eine gute Gelegenheit, ein paar von den Kisten durchzusehen, die sie im ersten Stock eingelagert hatte. Das hatte sie sich schon vor Monaten vorgenommen.
Da Sonnabend war, hatte der Laden um achtzehn Uhr geschlossen, und alle Mitarbeiter waren bereits nach Hause gegangen. Es war der ideale Zeitpunkt, den Inhalt der Kisten zu sichten, die seit ihrem Umzug aus der kleinen Wohnung in das Loft noch nicht ausgepackt worden waren.
Ausgerüstet mit ihrem kabellosen Telefon und einem Teppichmesser stieg sie die Treppe hinab. Sie schaltete das Licht an und furchte die Stirn, als sie sah, dass mehrere Glühbirnen durchgebrannt waren und die Beleuchtung nur noch in der Mitte des großen Raums funktionierte.
Nachdenklich betrachtete sie die aufgestapelten Kisten. Einige enthielten Material für ihr Geschäft, andere dagegen persönliche Gegenstände, die ihr und ihrer Mutter gehört hatten.
Sie fand eine der Kisten, auf die mit schwarzem Marker PERSÖNLICH geschrieben war, und zog sie über den staubigen Boden in die Mitte des Raums, wo das Licht am besten war. Sie setzte sich neben die Kiste auf den staubigen Boden, obwohl sie sich schmutzig machte und vor dem Zubettgehen noch würde duschen müssen.
Sie war gerade im Begriff, den Karton zu öffnen, als das Telefon klingelte. »Annalise, ich bin’s, Mike.«
»Hi, Mike. Was gibt’s?«
»Ich habe heute ein paar Unterlagen erhalten, die du unterschreiben musst, und ich wüsste gern, ob du dazu morgen früh ins Corner Café kommen magst. Du weißt doch, dort wird ein hervorragendes Frühstück serviert.«
Er war der einzige Anwalt in ihrer Bekanntschaft, der jeden Geschäftstermin in ein Rendezvous zu verwandeln suchte. Warum nicht?, überlegte sie. Sonntags blieb der Laden geschlossen, und sie hatte die ganze Woche über nichts anderes getan als gearbeitet. Der Gedanke an die köstlichen Zimtbrötchen im Corner Café war durchaus verlockend.
»Gut.«
»Prima!«, erwiderte er, offenbar erstaunt über ihre Bereitwilligkeit. »Soll ich dich gegen zehn Uhr abholen?«
»Wie wär’s, wenn wir uns im Café treffen? Dann kann ich hinterher noch Besorgungen machen und habe meinen eigenen Wagen zur Verfügung.«
»Gut«, stimmte er ohne Umschweife zu. »Wie immer es dir am besten passt.«
»Dann bis morgen um zehn.« Sie legte auf und wünschte für einen kurzen Moment, sie würde sich stärker zu Mike hingezogen fühlen. Sie kannte ihn seit Jahren und wusste, dass ihm nicht nur ihr berufliches, sondern auch ihr persönliches Wohl sehr am Herzen lag.
Doch bei seinem Anblick fing ihr Puls nicht an zu rasen. Und er rief auch nicht die Frage in ihr wach, wie sein Mund wohl schmecken mochte, wie es sein würde, wenn seine Hände sie hielten und streichelten.
Beim Essen mit Tyler in der vergangenen Woche hingegen hatte sie sich einen Moment lang genau das gefragt. Während des Essens hatte er ihr in die Augen gesehen, und ihr Herz hatte so heftig geklopft, dass es nahezu weh getan hatte.
Vielleicht bestand seine Anziehungskraft zum Teil darin, dass sie den ganzen Abend mit netten Gesprächen verbracht und nicht über Puppen geredet hatten. Es war so schön gewesen, einen Abend ohne Gedanken ans Geschäft zu verbringen.
»Und er hat nicht angerufen«, sagte sie leise zu sich selbst. Sie öffnete die Kiste und verlor sich in Erinnerungen an ihre Highschool-Zeit.
Sie wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte, versunken in Erinnerungen an Schulbälle und Jugendschwärmereien, als sie ein Geräusch ganz in ihrer Nähe wahrnahm.
Ein leises Rascheln. Ein Geräusch, das nicht hierher gehörte. Sie erstarrte, ihr Blick huschte in die Ecke, aus der es vermutlich gekommen war. Es war so dunkel, dass sie nichts sehen konnte, außer den unordentlich übereinandergestapelten Kisten, die ideale Verstecke boten für alles, was nicht hierher gehörte.
Eine geraume Weile lang blieb sie reglos sitzen, hörte aber nichts mehr. Langsam beruhigte sich ihr Pulsschlag. Vielleicht hatte sie sich alles nur eingebildet.
Sie war gerade im Begriff, die Kiste wieder einzuräumen, als das Geräusch abermals erklang. Ein Rascheln, wie von Kleidung, die eine Kiste streifte.
Dieses Mal war sie sicher, dass es keine Einbildung war. Sie fuhr aus der sitzenden Stellung hoch, und ihre Hand umklammerte das Telefon. »Ist da jemand?« Alles, was sie hörte, war das Dröhnen ihres eigenen Herzschlags in ihren Ohren.
War es womöglich nur eine Maus? Eine Ratte? Mit Nagetieren hatte es bisher nie Probleme gegeben. Außerdem klang es, als käme das Geräusch von etwas bedeutend Größerem als einer Ratte. Wieder vernahm sie das Geräusch, gefolgt von einem erstickten Husten.
Ihre Finger fuhren suchend über die Tasten des Telefons. Sie würde über den Notruf Hilfe herbeiholen. »Ich habe eine Waffe und werde nicht zögern, sie zu benutzen«, bluffte sie, während sie darauf wartete, dass sich die Notrufzentrale meldete.
»Warte! Nicht schießen!« Die Stimme klang panisch, als ein junger Mann hinter den Kisten hervortrat, die schlanken Arme über dem Kopf erhoben. »Ich bin’s. Charlie. Dein Bruder.«
»Notrufzentrale. Bitte melden Sie sich«, verlangte eine Telefonstimme an Annalises Ohr, doch sie hatte zunächst einmal Mühe, die Anwesenheit des jungen Mannes, der vor ihr stand, zu verarbeiten.
»Charlie?«, wiederholte sie.
»Hallo? Wollen Sie einen Notfall melden?«, rief die Telefonistin und riss Annalise aus ihrer kurzfristigen Benommenheit.
»Entschuldigen Sie. Ich dachte, hier wäre ein Einbrecher, aber wie sich herausgestellt hat, ist es jemand, den ich kenne«, sprach sie ins Telefon, ohne den Blick von dem Jungen zu wenden. Was wollte er hier? Wie war er ins Haus gekommen?
»Befinden Sie sich in Gefahr?«, fragte die Telefonistin.
»Nein. Es ist alles in Ordnung. Es war ein Irrtum. Entschuldigen Sie bitte.« Die Telefonistin legte auf, und Annalise tat es ihr nach.
Während sie ihren Halbbruder, den sie nie kennengelernt hatte, anstarrte, fielen ihr gleich mehrere Dinge auf. Zwar war er wie ein typischer Teenager in ausgebeulte Jeans und eine übergroße Jacke gekleidet, doch die Ähnlichkeit zwischen ihm und ihr war trotzdem festzustellen.
Sie hatten beide dunkles Haar, doch seines war kurz geschnitten. Seine Augen waren von dem gleichen strahlenden Blau wie ihre und blickten sie in diesem Augenblick sehr nervös an.
»Was tust du hier?«, fragte sie ihn.
Er zuckte mit den Schultern, hob seinen Rucksack vom Boden auf und kam näher. »Ich fand, wir sollten uns mal kennenlernen. Wirklich, es ist doch bescheuert, eine Schwester zu haben und nicht zu wissen, wer sie ist.«
»Wissen deine Mutter und dein Vater, wo du steckst?«
Er zögerte kurz. »Eigentlich nicht.«
Er lächelte, und es war ein hinreißendes Lächeln, ein Lächeln, mit dem er eines Tages Herzen brechen würde. »Wir sehen uns ähnlich, findest du nicht? Nur, dass du hübscher bist als ich.«
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wusste nicht, was sie empfinden sollte. Ihr war schon immer klar gewesen, dass sie Charlie eines Tages kennenlernen würde. Doch sie hatte geglaubt, dass sie selbst den Zeitpunkt und die Bedingungen bestimmen würde. Auf das hier und auf ihn war sie nicht vorbereitet.
»Wir müssen rauf in die Wohnung gehen und Dad anrufen.«
Sein Lächeln erlosch. »Aber zuerst können wir uns doch ein bisschen unterhalten, oder? Ich meine, vielleicht könnten wir eine Cola trinken oder etwas essen und dann erst anrufen.«
Sehnsucht. Sie spürte seine Sehnsucht. Das Bedürfnis, mit ihr eine Verbindung aufzubauen. Es überraschte sie, und es rührte tief in ihrem Inneren etwas an, von dessen Existenz sie bisher nichts gewusst hatte.
»Klar, wir werden etwas essen und dann rufen wir an«, stimmte sie zu.
Sein Lächeln kehrte zurück und erhellte seine Züge, als er sich an ihrer Seite in Bewegung setzte. »Das Haus ist toll«, sagte er, als sie die Treppe zum Loft hinaufstiegen.
»Wie bist du hereingekommen?«, fragte sie.
»Heute Nachmittag war ich im Laden, und als die Frau an der Kasse einmal nicht hinsah, bin ich die Treppe hinaufgeschlichen. Ich war vorhin schon oben im zweiten Stock, denn Dad hat mir erzählt, dass du dort wohnst, aber ich habe mich nicht getraut, an die Tür zu klopfen.«
Sie öffnete die Wohnungstür, und er trat ein. »Wow! Das ist ja krass. Wusste ich doch, dass du eine coole Wohnung hast.« Mit leuchtenden Augen drehte er sich zu ihr um. »Ich habe dich ein paarmal im Fernsehen gesehen, weißt du, die Werbung für deine Puppen. Ich habe Dad immer wieder gefragt, wann ich dich kennenlernen würde, aber er hat mich ständig vertröstet.«
»Setz dich doch an den Tisch. Ich sehe mal nach, was ich dir zu essen anbieten kann«, schlug sie vor.
Er nickte und durchquerte mit seinem schlaksigen Gang das Zimmer, wobei seine großen Füße in den klobigen Turnschuhen alles umzustürzen drohten, was ihnen in die Quere kam. Als er sich an den Tisch setzte, öffnete Annalise den Kühlschrank und prüfte seinen Inhalt.
Bis jetzt war Charlie stets nur als abstrakte Gestalt in ihrem Bewusstsein vorhanden gewesen, als Teil vom Leben ihres Vaters, der nichts mit ihr zu tun hatte. Jetzt hockte dieser Teil an ihrem Küchentisch, und sie hatte keine Ahnung, warum. Was wollte er von ihr?
»Ich wusste genau, dass du es locker nimmst, wenn ich einfach so aus dem Nichts bei dir aufkreuze«, sagte er.
Sie war nicht cool. Sie stand unter Schock. Sie entnahm dem Kühlschrank eine Schüssel mit einem Rest Käsemakkaroni und schob sie in den Mikrowellenofen, dann nahm sie eine Dose Limo und stellte sie vor ihn auf den Tisch.
»Also, willst du mir ein paar Fragen stellen?« Er sah sie voller Eifer an, wie ein Hündchen, das hinter den Ohren gekrault werden wollte.
»Fragen?«
»Ja, klar, was für ein Typ ich bin, zum Beispiel. Was ich mag und was nicht. So was in der Art.«
Sie nahm die Käsemakkaroni aus der Mikrowelle, stellte die Schüssel vor ihn hin, legte eine Gabel dazu und setzte sich zu ihm an den Tisch. Seine Anwesenheit schien noch immer nicht endgültig in ihr Bewusstsein gedrungen zu sein.
Vor Jahren hatte sie sich über seine bloße Existenz geärgert, war sie wütend gewesen, weil er alles von ihrem Vater bekam, was sie sich gewünscht, was sie gebraucht hatte, als sie noch klein war.
Er riss die Limodose auf und trank einen tiefen Zug. Als er die Büchse zurück auf den Tisch stellte, rülpste er versehentlich und grinste. »Entschuldigung. Mom sagt, ich hätte Tischmanieren wie ein Ziegenbock.«
Annalise warf einen Blick auf die Uhr über dem Herd. Es war kurz nach halb acht Uhr abends. »Ich sollte jetzt wirklich Dad und deine Mom anrufen und ihnen sagen, dass du hier bist. Sie machen sich bestimmt schon große Sorgen.«
»Ach was, sie glauben, ich wäre bei Jack, meinem besten Freund. Und außerdem sind sie wahrscheinlich noch nicht zu Hause. Immer wenn ich bei Jack übernachte, gehen sie ins Kino oder in ein Restaurant. Sie nennen es ihren Ausgehabend.« Er verdrehte die Augen, als fände er die Vorstellung, dass seine Eltern miteinander ausgingen, abscheulich. »Außerdem haben wir uns noch gar nicht richtig unterhalten. Ich habe so lange darauf gewartet, meine große Schwester kennenzulernen.«
Große Schwester. Sie selbst hatte sich nie als irgendjemandes große Schwester betrachtet, aber für Charlie war sie es ganz offensichtlich. »Also, erzähl mir was von dir«, sagte sie.
Er aß ein paar Happen Makkaroni, bevor er antwortete. »Ich mag Sport, besonders Football. Ich liebe Computerspiele, aber meine Mom erlaubt sie mir nicht oft. Mein Lieblingsgericht ist Pizza, und am liebsten bin ich in unserem Blockhaus. Kommst du im August zu uns? Ich habe gehört, wie Dad sagte, er hätte dich eingeladen.«
Annalise dachte an den Schlüssel, den ihr Vater ihr zum Geburtstag überreicht hatte. »Ich weiß nicht. Wahrscheinlich werde ich mir nicht freinehmen können.«
Seine Augen verdunkelten sich vor Enttäuschung. Er verzehrte die restlichen Käsemakkaroni und sah Annalise versonnen an. »Meine Freunde finden es komisch, dass ich hier in der Stadt eine Schwester habe und dass ich sie nicht einmal kenne.«
»Und wie findest du das?«
»Ich fände es cool, wenn wir öfter zusammen sein könnten, besonders im Sommer, wenn ich nicht zur Schule muss. Ich fände es cool, wenn wir ein gutes Verhältnis hätten, verstehst du? Eben wie Bruder und Schwester.« Er lachte verlegen. »Jetzt hältst du mich wahrscheinlich für bescheuert.«
»Aber nein«, widersprach sie. Sie hielt ihn vielmehr für einen außergewöhnlich sensiblen, einsamen Jungen. Und er hatte etwas an sich, das sie rührte und gleichzeitig in Verlegenheit brachte. »Du hast mir noch gar nicht verraten, wie du hierher gekommen bist. Hast du dich von einem Freund bringen lassen?«
»Keiner von meinen Freunden fährt Auto. Ich habe mir von meinem Rasenmähgeld eine Busfahrkarte gekauft.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Seine Arme und Beine wirkten zu lang im Vergleich zu seinem Körper. »Heute Morgen bin ich mit dem Entschluss aufgewacht, dass heute der Tag ist, an dem ich dich kennenlerne, dass es blöd ist, eine Schwester zu haben und nicht zu wissen, wie sie so ist. Ich weiß, dass es Dad traurig macht. Manchmal hat er geweint, wenn er von einem Besuch bei dir zurückkam.«
Sprachlos über diese Eröffnung lehnte sie sich zurück. Er hatte geweint? Sie hatte nie erlebt, dass ihr Vater seinen Gefühlen freien Lauf ließ. Sie stand auf, nahm die leere Schüssel und stellte sie in die Spüle. Sie brauchte einen Augenblick, um die Fassung wiederzufinden.
»Weißt du, ich habe mir überlegt, dass es vielleicht am einfachsten wäre, wenn Dad morgen früh herkommt und mich abholt. Ich könnte auf deinem Sofa schlafen und würde dir bestimmt nicht im Weg sein.«
Im ersten Impuls wollte sie ablehnen, doch er klang so sehnsüchtig. Was konnte es schaden?, flüsterte eine leise Stimme in ihrem Inneren. Wenn er schon einmal hier war, war es doch gleichgültig, ob er heute Abend oder morgen früh abgeholt wurde.
»Hör zu. Ich rufe Dad jetzt an, und wenn er einverstanden ist, kannst du heute hier übernachten.« Ihr Zugeständnis ließ seine Augen aufleuchten.
»Cool! Inzwischen dürften sie aus dem Kino zurück sein.« Er stand vom Tisch auf und ging zum Sofa hinüber, als wollte er sich schlafen legen, bevor sie es sich noch anders überlegte. Annalise wählte die Nummer ihres Vaters.
Beim dritten Klingeln hob er ab. »Dad, Charlie ist hier bei mir.« Nach einem Augenblick verblüfften Schweigens am anderen Ende der Leitung fuhr sie fort: »Offenbar hat er den Bus hierher genommen. Er war der Meinung, es wäre höchste Zeit, dass wir uns kennenlernen.«
»Herrgott, der Junge ist nicht zu fassen! Es tut mir so leid. Ich kann in einer halben Stunde bei dir sein und ihn abholen.«
»Nein, warte. Lass ihn doch heute Nacht bei mir schlafen und hol ihn morgen irgendwann vor Mittag ab.«
Wieder folgte ein Moment der Sprachlosigkeit. »Bist du sicher?«, fragte er schließlich. »Ich will nicht, dass er dir zur Last fällt.«
Annalise blickte zu Charlie hinüber, der auf dem Sofa auf und ab wippte, als wollte er es einem Bequemlichkeitstest unterziehen. »Es ist schon gut so«, sagte sie, und merkwürdigerweise war das ihr Ernst. Jahrelang war sie davor zurückgeschreckt, irgendein Mitglied der anderen Familie ihres Vaters kennenzulernen, aber es war, zumindest im Augenblick, unmöglich, Charlie nicht zu mögen.
»Er ist ein lieber Junge, Annalise«, sagte ihr Vater leise.
Ja, weil er in einem Zuhause mit beiden Elternteilen aufgewachsen war. Weil er dich in seinem Leben hatte. Die alte Schmerzensmelodie erklang wieder in ihrem Inneren, doch sie brachte sie zum Schweigen. Sie kamen überein, dass er Charlie am nächsten Tag gegen Mittag abholen würde, dann legte Annalise auf.
In dem Moment klingelte es unten an der Ladentür. Wer mochte das sein?, fragte sie sich. Sie erwartete niemanden.
»Ich bin gleich wieder da«, sagte sie zu Charlie. Sie rannte die zwei Treppen hinunter, und als sie sich der Eingangstür näherte, sah sie zwei Polizisten in Uniform. Sie wusste, weswegen sie kamen: zur Nachkontrolle wegen ihres Notrufs. Ein Glück, dass sie bei ihrem Anruf nicht tatsächlich in Gefahr geschwebt hatte. Die Reaktionszeit der Polizei war nicht unbedingt vertrauenerweckend.
»Annalise Blakely?«, fragte einer der Polizisten, als sie die Tür geöffnet hatte.
»Ja, die bin ich«, antwortete sie.
»Wir wollen uns erkundigen, wie es Ihnen geht. Ist alles in Ordnung?«
»Ja, alles in Ordnung. Ich dachte, jemand wäre bei mir eingebrochen, aber wie es sich herausstellte, handelte es sich um meinen Bruder.«
Der Polizist, der mit ihr gesprochen hatte, sah sie eindringlich an, während sein Kollege über ihre Schulter hinweg in den Laden spähte. Vermutlich wollte er sich vergewissern, ob auch wirklich niemand hinter ihr im Dunkeln lauerte und sie zu der Behauptung zwang, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab.
»Ich danke Ihnen für Ihre Mühe, aber hier ist wirklich alles in bester Ordnung.«
Im nächsten Moment stieg sie wieder die Treppe hinauf in ihr Loft, in dem Charlie auf sie wartete.
»Mir ist gerade aufgefallen, dass du keinen Fernseher hast«, sagte er, als sie die Tür abschloss.
»Auf dem Küchentresen steht ein kleines, tragbares Gerät, aber ich sehe nicht oft fern. Ich habe nicht mal einen Kabelanschluss.«
»Im Ernst?« Einen Augenblick lang musterte Charlie sie, als wäre sie ein Wesen von einem anderen Stern. »Ich glaube, ich kenne keinen Menschen ohne Kabel- oder Satellitenfernseher. Was machst du denn so, wenn du hier oben bist?«
»Ich höre Musik, und meistens zeichne ich«, antwortete sie.
»Was zeichnest du?«, wollte er wissen. Die Neugier stand ihm in das junge, hübsche Gesicht geschrieben. »Zeichnest du Puppen?«
Annalise hatte ihren Skizzenblock bisher keinem Menschen gezeigt. Sie hatte einzelne Blätter abgerissen, um Puppenentwürfe zu besprechen, doch niemand hatte jemals die Seiten mit ihren Modezeichnungen gesehen, Zeichnungen von Kleidern für eine Kollektion, von deren Produktion sie nur träumen konnte.
Zum ersten Mal in ihrem Leben wollte sie sich mitteilen. Sie hatte keine Ahnung, was dieser Junge, dieser Bruder, an sich hatte, dass sie sich veranlasst fühlte, ihren Skizzenblock aufzuschlagen, doch genau das wollte sie tun.
»Manchmal zeichne ich Puppen«, sagte sie. Sie ging zum Schreibtisch und griff nach dem Block, kehrte dann an den Küchentisch zurück und schlug ihn auf. »Aber ich entwerfe auch Kleidung.«
Charlie erhob sich vom Sofa und setzte sich zu ihr an den Tisch. »Was für Kleidung?«
Er roch nach Jugend, nach Sonnenschein und Schweiß, was ein bisschen an einen Umkleideraum erinnerte. Sie zögerte mit dem Umblättern und fragte sich, was sie überhaupt dazu getrieben hatte, ihr Hobby zu erwähnen. Ein Dreizehnjähriger, der gern Football spielte, interessierte sich wohl kaum für Ballkleider und Schneiderkostüme.
Aber er interessiert sich für alles, was du tust, dachte sie. Seit er aus seinem Versteck ein Stockwerk tiefer gekommen war, war sein dringender Wunsch, sie kennenzulernen, nicht zu übersehen gewesen.
Sie schlug die erste Seite auf und beobachtete sein Mienenspiel. Er hatte ein ausdrucksvolles Gesicht, auf dem man auf Anhieb erkennen konnte, was in seinem Inneren vorging. Als er die Skizzen betrachtete, trat ein Ausdruck von Staunen auf seine Züge.
»Wow, du bist echt gut.« Er schlug die nächste Seite auf, dann noch eine und noch eine. »Du bist mindestens so gut wie diese Leute in Project Runway.«
Sie sah ihn fragend an. »Project Runway?«
»Stimmt ja – du siehst nicht fern. Das ist eine Reality-Show, in der mehrere Designer um die Chance kämpfen, ihre Kollektion in New York vorzuführen. Mom sieht sich die Sendung regelmäßig an. Ich selbst zeichne auch. Ich will Künstler werden, wenn ich erwachsen bin, aber Mom sagt, ich brauche etwas als Basis, weil es so viele hungernde Künstler auf der Welt gibt. Dad meint aber, wenn ich nächstes Jahr noch interessiert bin, kann ich Kunstunterricht nehmen.«
Er hielt inne und atmete tief durch. »Ich rede zu viel, wie?«
Sie lachte. »Nein, überhaupt nicht. Wie wär’s, wenn ich uns Popcorn mache? Wir setzen uns aufs Sofa und unterhalten uns vorm Schlafengehen noch ein bisschen.«
»Cool, ich liebe Popcorn.«
Cool war offenbar sein Lieblingswort. Es war komisch – jahrelang hatte sie sich eingeredet, sie hätte nicht das geringste Interesse, irgendetwas über Charlie oder seine Mutter zu erfahren, aber jetzt, da er bei ihr war, mit diesen Augen, die ihren so ähnlich waren, und seinem jungenhaften Eifer, alles über sie zu erfahren, stellte sie fest, dass sie mehr über ihn wissen wollte.
»Bist du ein guter Schüler, Charlie?«, fragte sie, als sie, eine Schüssel Popcorn zwischen sich, auf dem Sofa saßen.
»Ich bin guter Durchschnitt. Mom sagt, ich könnte viel besser sein, und Dad sagt, ich wäre ein typischer Junge. Ich möchte wetten, du warst eine richtig gute Schülerin. Dad sagt, du bist hochintelligent.«
»Ich war gut in der Schule, weil ich wusste, dass meine Mutter böse werden würde, wenn ich etwas anderes als Einser und Zweier nach Hause brachte«, antwortete sie.
»So streng war sie?«
Annalise nickte. »Ja, sie war streng.«
Sie blieben bis kurz vor elf auf dem Sofa sitzen. Charlie füllte den Raum mit seiner Energie und erzählte von seinen Eltern und von seiner Kunst, seinen besten Freunden und von allem, was einem Dreizehnjährigen wichtig war.
Er stellte ihr Fragen zu ihren Puppen, wollte wissen, wie sie gefertigt wurden und wer was im Produktionsprozess zu tun hatte. Seine Neugier auf sie und ihr Leben kannte keine Grenzen, doch gegen dreiundzwanzig Uhr brach sie ihr kleines Zusammensein ab.
»Ich möchte jetzt schlafen gehen«, sagte sie, ging zum Wäscheschrank und entnahm ihm eine Bettwäschegarnitur. »Im Bad unter dem Waschbecken findest du eine neue Zahnbürste. Nimm sie und putz dir die Zähne, bevor du zu Bett gehst.«
Als er im Bad verschwand, richtete sie ihm ein Bett auf dem Sofa und legte ein Kopfkissen aus ihrem eigenen Bett für ihn bereit. Als Charlie aus dem Bad zurückkam, war sein Bett fertig. Er schlüpfte unter die Decke, zog dort seine Jeans aus und legte sie neben das Sofa auf den Boden.
»Gute Nacht, Charlie«, sagte Annalise.
»Nacht, Annalise.«
Sie schaltete das Deckenlicht aus und ließ nur das trübe Licht des Lämpchens an ihrem Bett brennen, dann ging sie ins Bad, um ihr Gesicht zu reinigen und in ihren Pyjama zu schlüpfen. Minuten später stieg sie hinauf zu ihrem Bett und schaltete das Licht aus. »Annalise?«, drang Charlies Stimme durch die Dunkelheit an ihr Ohr.
»Ja?«
»Vielen Dank, dass ich bleiben darf.«
»Kein Problem«, antwortete sie.
»Ich freu mich, dass du meine große Schwester bist.«
Die Worte wärmten ihr Herz auf schmerzlich süße Weise. »Und ich freue mich, dich als kleinen Bruder zu haben«, sagte sie. Offenbar war er bereits eingeschlafen, denn Minuten später hörte sie ihn leise schnarchen.
Doch Annalise fand keinen Schlaf, während sie versuchte, all die Gefühle zu verarbeiten, die Charlies plötzliches Auftauchen wachgerufen hatte.
Es war unmöglich, ihn mit seinem offenen, großzügigen Wesen nicht zu lieben. Obwohl sie nie Teil seines Lebens gewesen war, war sie bereit und willens, ihm ihr Herz zu schenken.
Und was sie dabei am meisten überraschte, war die Tatsache, dass sie sein Herz erobern wollte. Sie wollte seine große Schwester sein.
Sie schloss die Augen fest, und die Gedanken an ihren Vater kreisten in ihrem Kopf herum.
Annalise, beeil dich, kämm dir die Haare und wasch dir das Gesicht. In einer Viertelstunde kommt dein Vater und holt dich ab. Er sagt, er will schön mit dir essen gehen.
Die Stimme ihrer Mutter hallte in ihrem Kopf, gespeist aus fernen Erinnerungen.
Daddy kommt! Sie erinnerte sich an ihre Aufregung. Sie hatte ihr langes Haar hundertmal gebürstet und sich das Gesicht geschrubbt, bis die Wangen schmerzten, dann hatte sie vorm Fenster gesessen und gewartet.
Und gewartet.
Und gewartet.
Jede Minute war ihr wie eine Stunde erschienen, und eine Stunde war wie eine Ewigkeit. Sie blieb bis zur Schlafenszeit am Fenster sitzen, und ihr Herz tat so weh, dass sie glaubte, sterben zu müssen.
Ein Teil dieses Schmerzes war geblieben, ein Teil von ihr, der noch dieses kleine Mädchen war und, die Nase an die Fensterscheibe gedrückt, auf einen Daddy wartete, der niemals kam.
Doch das Zusammensein mit Charlie hatte irgendwie geholfen. Das Wissen, dass ihr Vater für seinen Sohn das Richtige getan hatte – das Richtige tat –, linderte seltsamerweise Annalises alten Schmerz ein wenig.
Vielleicht war dies das Ereignis, auf das sie gewartet hatte. Vielleicht war es das, was sie herannahen gespürt hatte, etwas, das ihren Befürchtungen nach schlimm hätte sein müssen.
Als sie langsam der Schlaf überkam, wurde ihr bewusst, dass dieser Samstagabend einer der schönsten war, an die sie sich erinnern konnte.
Er hasste den Samstagabend, aber dieser war besser als die meisten, denn er hatte ein neues Projekt. Sie saß in seinem Arbeitssessel und wartete auf ihre Verwandlung.
Natürlich war nicht alles perfekt. Perfekt wäre es, wenn Annalise in seinem Sessel gesessen hätte. Sein Verlangen nach ihr wurde mit jedem Tag stärker und stärker, doch bisher war es ihm gelungen, es zu zügeln und sich nicht von ihm beherrschen zu lassen.
Da war es hilfreich, dass er etwas hatte, mit dem er seine Gedanken beschäftigen konnte: die Wonne einer zweiten Kreation. Er hatte ihr bereits die Flapper-Kleidung angezogen, die zu nähen er Stunden gebraucht hatte. Aber es war noch genug zu tun.
Er wusste, dass sie Margie hieß. Er hatte gehört, wie eine Freundin sie beim Namen gerufen hatte, kurz bevor sie in ihren Sportwagen gestiegen und von dem Club nach Hause gefahren war.
Er war ihrem Fahrzeug bis zu ihrem Wohnblock gefolgt und hatte sie erwürgt, kaum dass sie ausgestiegen war. Ihre Leiche in seinen Wagen zu hieven und auf ihrem Weg in die Unsterblichkeit hierherzubringen, war nicht sonderlich schwierig gewesen.
Er warf einen Blick auf ihr Foto an der Wand und lächelte. Kerry war unsterblich geworden, für immer als Braut-Belinda aufs Foto gebannt. Und jetzt würde er Margie seiner Sammlung hinzufügen.
Doch zuerst musste er ihr Haar nach dieser koketten Mode der Zwanziger schneiden, und ihre Nägel mussten feuerrot lackiert werden. Es gab noch so viel zu tun. Doch wenigstens schwiegen die Stimmen in seinem Kopf und gestatteten ihm, dass er sich ohne Störung auf seine Aufgabe konzentrierte. Dennoch dachte er während der Arbeit an Annalise. Morgen würde er sie sehen, wie an den meisten Tagen. Wahrscheinlich würde er sogar mit ihr sprechen, und wenn er mit ihr sprach und sie ansah, würde er daran denken, was für eine wunderschöne Erweiterung seiner Sammlung sie doch war.
Er hatte noch ihren Duft in der Nase, und der Klang ihrer Stimme wisperte in den dunkelsten Winkeln seiner Seele.
»Bald«, flüsterte er.
Zum ersten Mal seit Jahren kreisten Tylers Gedanken nicht um eine tote Frau, sondern um eine sehr lebendige. Im Augenblick saß er in dem Raum, in dem er und sein Team den Albright-Mord bearbeitet hatten, doch statt sich auf die Berichte auf seinem Schreibtisch zu konzentrieren, dachte er an Annalise.
Eine Woche war seit dem Essen mit ihr vergangen, eine Woche, erfüllt von Kerry Albrights trauernden Familienmitgliedern, intensiver Ermittlungstätigkeit und viel zu vielen Sackgassen.
Das Brautkleid hatte sie in die erste Sackgasse geführt. Es wurde festgestellt, dass es selbst genäht war, und Jennifer überprüfte jetzt Stoffgeschäfte, um in Erfahrung zu bringen, wer meterweise weiße Seide und Perlenbesatz gekauft haben könnte.
Das Video aus der Überwachungskamera des kleinen Supermarkts war wertlos. Derjenige, der Kerry dort aufgegriffen hatte, hatte sich wohlweislich außerhalb der Reichweite der Kamera bewegt.
Die Überprüfung ihrer Freunde und Liebhaber war noch nicht abgeschlossen, doch bisher hatten sie noch niemanden als Verdächtigen an die Spitze ihrer Liste setzen können.
Er sah auf seine Uhr und stellte fest, dass es kurz nach Mitternacht war. Zeit, nach Hause zu gehen. Als er das Polizeirevier verließ und in die warme Nachtluft hinaustrat, wandten sich seine Gedanken erneut Annalise zu. Er mochte sie. Er mochte sie sogar sehr.
Mehr noch, sie hatte von Anfang an eine starke erotische Anziehungskraft auf ihn ausgeübt. Es war verdammt lange her, dass Tyler ein so großes sexuelles Verlangen empfunden hatte.
Morgen hatte er seinen freien Tag. Wenn sich im Fall Albright etwas ergeben hätte, wäre er schon in der frühen Morgendämmerung wieder im Revier aufgekreuzt, doch auf seinem Schreibtisch befand sich nichts, was nicht bis Montag warten konnte.
Gleich am nächsten Morgen würde er Annalise anrufen und sich zum Mittag- oder Abendessen mit ihr verabreden, sofern sie Zeit hatte. Plötzlich war er ganz versessen darauf, ein wenig Zeit mit einer Frau zu verbringen, die nach Blumen duftete und in deren Blick Wärme und Klarheit lag.
Er konnte nur hoffen, dass er, wenn er in dieser Nacht die Augen schloss, von Annalise träumte und nicht von Visionen von Kerry Albright heimgesucht wurde, deren tote Augen ihn anflehten, der Gerechtigkeit Genüge zu tun.