11. Kapitel
Annalise hatte eigentlich mit einem Anruf von Tyler gerechnet, der ihre Verabredung absagte. Doch als das nicht geschah, ließ sie der Vorfreude auf ein Wiedersehen freien Lauf.
Gegen das grelle Sonnenlicht anblinzelnd, fuhr sie zu dem Stadtteil, in dem Danika wohnte. Der Regen hatte Dienstagnacht aufgehört, und danach war von Süden her große Hitze aufgekommen. An diesem Tag sollten die Temperaturen auf bis zu zweiunddreißig Grad steigen.
Der ideale Tag für ein Straßenfest, dachte sie, als sie an Danikas hübschem Haus vorbeifuhr. Annalise hatte sich dem Anlass entsprechend gekleidet und trug ein leuchtend türkisfarbenes Sommerkleid und passende Paillettensandalen. In einer kleinen Tragetasche hatte sie Sonnenschutzmittel, mehrere Wasserflaschen und eine Schirmmütze verstaut. Was sie leider vergessen hatte, war ihre Sonnenbrille. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt so sehr auf einen Nachmittag gefreut hatte wie auf diesen. Die Woche hatte einen Rückschlag nach dem anderen gebracht. Erst war die letzte Haarlieferung für die Birthday-Bonnies eingetroffen, doch es war die falsche Farbe gewesen. Dann hatte eine ihre besten Näherinnen beschlossen, in den Ruhestand zu gehen, und Danika war seit zwei Tagen verschwunden.
Außerdem hatte sie bei einer Besprechung mit ihrem Buchhalter erfahren, dass der Umsatz im letzten halben Jahr so gering ausgefallen war wie nie zuvor. Und hinzu kam, dass der Puppen-Alptraum sie an zwei aufeinanderfolgenden Nächten heimgesucht hatte.
An diesem Tag aber wollte sie all den Stress und jegliche Gedanken an Puppen und Steuern hinter sich lassen. Sie spürte ein Kribbeln im Magen, als sie sich Tylers Haus näherte und auf die Zufahrt zu dem hübschen weißen Haus mit den jagdgrünen Fensterläden einbog.
Der Rasen sah aus wie frisch gemäht und zeigte noch das leuchtende Grün von Frühlingsgras. Eine prächtige Eiche stand im Vorgarten und warf willkommenen Schatten über eine Hälfte des Gehsteigs. Als sie den Motor ausschaltete, verstärkte sich das nervöse Kribbeln und Zucken in ihrer Magengegend.
Sie freute sich so sehr darauf, ihn zu sehen, dabei war es geradezu lächerlich, wie sehr er in der vergangenen Woche ihre Gedanken beschäftigt hatte. So hatte sie einmal gerade mit einem Lieferanten telefoniert, als plötzlich Tylers sexy Lächeln vor ihrem inneren Auge aufgetaucht war. Und mitten in einer Besprechung mit Ben über neue Frisuren hatte sie unvermittelt an den Geschmack von Tylers Kuss gedacht.
Sie griff nach ihrer Tasche und stieg aus. Plötzlich überfiel sie die typisch weibliche Angst, sich übertrieben chic gemacht zu haben. Sie hätte lieber Shorts und eine Bluse anziehen sollen.
Doch dann lachte sie über ihre plötzliche Befangenheit, ging zur Tür und klopfte mit einem Selbstbewusstsein an, das sie nicht empfand.
Er öffnete so rasch, als hätte er hinter der Tür gestanden und nur auf sie gewartet. »Hi.« Mit einem herzlichen Lächeln öffnete er ihr die Tür und ließ sie eintreten. »Du siehst wie immer umwerfend aus.«
Sie trat ins Haus und lächelte. »Danke. Das Gleiche gilt für dich.« Und das stimmte. Er trug Shorts in Beige, die seine langen, braunen Beine gut zur Geltung brachten, und ein kurzärmliges, weiß-beige-farbenes Hemd, das seine breiten Schultern wie maßgeschneidert umspannte.
»Ich dachte, meinen Nachbarn zuliebe sollte ich mich heute vielleicht ein bisschen besser zurechtmachen als sonst. Komm rein. Und vergiss nicht, dass du versprochen hast, nicht über die scheußliche Einrichtung zu lachen.«
Sie wusste nicht, was sie erwartete, doch das Wohnzimmer erschien ihr durchaus vorzeigbar zu sein. Der neutrale, beigefarbene Teppichboden passte zur Wandfarbe. Sofa und Sessel waren dunkelgrün gehalten, der Kaffeetisch aus massivem Mahagoni, und in einer Ecke stand ein Fernseher.
Hätte man sie um eine Beurteilung des Zimmers gebeten, hätte sie die Vermutung geäußert, dass der Bewohner sich nicht oft zu Hause aufhielt. Sie sah keine Bücher, keine Stereoanlage, keine Bilder an den Wänden. Der Raum war so unpersönlich wie der Aufenthaltsraum eines Motels.
»Ich weiß gar nicht, was du hast«, sagte sie. »Gegen das Zimmer ist nichts einzuwenden. Ein bisschen schlicht, aber das ist doch völlig in Ordnung.«
»Du hast das Schlimmste noch nicht gesehen. Komm mit in die Küche, und ich mache uns etwas Kaltes zu trinken, bevor wir wieder nach draußen gehen.«
Im Türrahmen blieb sie abrupt stehen und biss sich auf die Unterlippe, als sie sah, dass die Küchenwände zur Hälfte in den hässlichsten Farben gestrichen war. »Du liebe Zeit. Das ist ja … interessant.« Sie bemerkte die Löcher in der Wand. »Wie ich sehe, bevorzugst du den frühen dekonstruktivistischen Stil.«
Er grinste. »Eigentlich verdanke ich diese Löcher meiner letzten Freundin. Sie sind das Ergebnis ihrer Reaktion auf meine Meinung zu ihrem Geschmack.«
»Waren deine Freundinnen alle so jähzornig? Denn falls du gefährliche Frauen magst, wirst du mich wahrscheinlich ziemlich langweilig finden.«
Sein Blick war leidenschaftlich, als er sie vom Scheitel bis zu den manikürten Zehennägeln musterte. Dann trat ein sexy Lächeln auf seine Lippen, und ihre Körpertemperatur schoss um mindestens zehn Grad in die Höhe. »Ich weiß nicht recht, aber ich finde, in diesem Kleid siehst du ganz schön gefährlich aus. Mir erscheinst du wie der Typ Frau, der einen Mann seinen Namen vergessen lassen kann.«
Die Luft zwischen ihnen knisterte vor Erotik, und Annalises Kehle wurde trocken. Einen verrückten Moment lang hätte sie ihn am liebsten gebeten, es mit dem Straßenfest sein zu lassen und ihr stattdessen sein Bett zu zeigen und sie die ganze Nacht zu lieben.
Das tat sie jedoch nicht, sondern stieß ein leises, unsicheres Lachen aus. »Und ich habe das Gefühl, dass du ein Mann bist, der nie lange genug den Verstand verliert, um seinen Namen vergessen zu können, und, ja, ich hätte furchtbar gern etwas Kaltes zu trinken.«
Durch diesen Nachsatz schien sich die hitzige Spannung zwischen ihnen ein wenig aufzulösen, zumindest für den Augenblick. »Setz dich«, forderte er sie auf und ging zum Kühlschrank. »Wir müssen ungefähr in einer halben Stunde los.« Annalise nahm am Tisch Platz. »Ich habe kaltes Bier, Limo und Milch da.«
»Limo wäre prima. Cola light, falls du die vorrätig hast.« Während er die Getränke einschenkte, schaute sie sich interessiert in der Küche um.
Abgesehen von der scheußlichen Wandfarbe war der Raum hübsch, geräumig und mit einer Fensterreihe ausgestattet, durch die frühmorgens die Sonne fiel. Auf der weißen, glänzenden Arbeitsfläche stand lediglich eine Kaffeemaschine. Wieder fiel ihr auf, wie unpersönlich die Einrichtung war, als wohnte niemand hier.
»Offenbar verbringst du nicht viel Zeit in deiner Wohnung«, sagte sie, als er sich zu ihr an den Tisch setzte.
»Nein. Sieht aus wie in einem Motel, nicht wahr? Stacy – meine letzte Freundin – konnte es kaum erwarten, die Renovierung in die Hand zu nehmen, um die Wohnung in ein richtiges Heim zu verwandeln, wie sie sagte.« Er verzog das Gesicht. »Leider wich ihre Vorstellung doch sehr stark von meiner ab. Ich stehe nicht auf Wände, die in der Farbe von Körperflüssigkeiten gestrichen sind.«
Annalise lachte. »Aber die Küche ist schön groß und luftig.«
»Das hat mir auch gut gefallen, als ich das Haus kaufte. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an die Küche in meinem Elternhaus, wo wir oft zusammengesessen haben. Solch eine Küche wünsche ich mir auch für meine eigene Wohnung, eine Küche, in der sich die Familie versammeln kann.«
»Du wünschst dir also eine Familie?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das habe ich irgendwann mal gedacht. Aber es ist nicht leicht, eine Familie zu gründen, wenn man kaum Zeit für eine Freundin hat. Außerdem habe ich dir ja schon erklärt, dass ich keinen guten Partner abgebe. Stell dir nur vor, wie schrecklich ich dann als Ehemann wäre.« Er hielt inne, trank einen Schluck Cola und fragte dann: »Und du? Wünschst du dir eine Familie?«
»Darüber habe ich kaum nachgedacht«, antwortete sie. »Meine Mutter hat mir beigebracht, mich nicht darauf zu verlassen, dass ich einen Mann finde, der mich glücklich macht. Ich habe immer gedacht, wenn das Schicksal eine Familie für mich vorgesehen hat, sehr schön, und wenn nicht, soll es mir auch recht sein.«
»Je älter ich werde, desto mehr Frauen höre ich von der biologischen Uhr reden, die in ihnen tickt. Hast du etwa keine?«
Sie lachte. »Falls ich eine habe, tickt sie nur sehr leise und stört mich überhaupt nicht.«
»Das ist mal etwas Neues.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, und wieder schien er sie nicht nur anzusehen, sondern mit seinen Blicken zu streicheln. »Ich hatte ernsthaft erwogen, unsere Pläne für heute abzusagen.«
Ihr Herzschlag stockte. Vielleicht war er doch nicht so interessiert an ihr wie sie an ihm? »Und warum? Hat dir mein Picknick nicht gefallen?« Sie war froh, immer noch einen unbekümmerten Ton anschlagen zu können.
»Doch, sehr gut sogar.« Ein Schatten glitt über sein Gesicht, der das Grau seiner Augen kurz verdunkelte und seine Züge angespannt erscheinen ließ. »Ich stecke mitten in der Arbeit an zwei wichtigen Fällen und war nicht sicher, ob ich mir guten Gewissens freinehmen könnte. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe. Ich glaube, du bist genau das, was ich im Moment am dringendsten brauche, Annalise Blakely.«
Ihr Herz begann zu flattern. Hätte er sie in diesem Augenblick aufgefordert, sich auszuziehen und auf den Küchentisch zu legen, hätte sie wohl ernsthaft erwogen, es zu tun. »Ich habe mich jedenfalls sehr auf diesen Tag gefreut.« Sie grinste ihn frech an. »Schließlich hast du gesagt, dass es Eis gibt.«
»Und ich dachte schon, mein angeborener Charme wäre der Grund für deine Vorfreude gewesen.«
»Der auch«, gestand sie mit einem kleinen Lächeln.
Wieder baute sich diese Spannung zwischen ihnen auf, eine starke Energie, die ihr zu Kopf stieg, wie sie es noch nie erlebt hatte. Er trank noch einen Schluck Cola, und sie hätte gern gewusst, ob sein Mund genauso trocken war wie ihrer.
Während er das Glas zurück auf den Tisch stellte, sah er sie eindringlich an. »Wir sollten zusehen, dass wir hier rauskommen, bevor ich die Situation ausnutze.«
Er spürte es also auch. Sie war froh, dass es ihr nicht allein so erging. »Wir sollten hier verschwinden, bevor ich zulasse, dass du die Situation ausnutzt«, erwiderte sie und erzitterte beinahe unter seinem Blick.
»Lass deine Sachen doch einfach hier. Draußen haben sie einen Pavillon aufgestellt, es ist genug Schatten da, und wir brauchen nur noch Stühle mitzubringen.«
Sie ließ ihre Tasche in seiner Wohnung zurück und folgte ihm hinaus zur Garage. Er öffnete die Tür und holte zwei faltbare Liegestühle heraus. »Soll ich einen davon tragen?«, bot sie an.
»Nein, das ist Männersache. Ich trage die Stühle.«
Seite an Seite machten sie sich auf den Weg. Während sie den Gehsteig entlanggingen, unterhielten sie sich über seine Nachbarn.
»Hier wohnen die Walkers. Sie haben zwei kleine Kinder, und er arbeitet bei den Elektrizitätswerken von Kansas City. Die beiden grillen gern und bringen mir manchmal ein paar Rippchen vorbei.« Er zeigte auf das Haus auf der anderen Straßenseite. »Und hier wohnen die Andersons. Sie ist Krankenschwester, und jedes Mal, wenn ich ihr über den Weg laufe, hält sie mir einen Vortrag, wie wichtig ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung sind.«
»Klingt ganz so, als hättest du sehr nette Nachbarn«, sagte sie, verwundert über das leise Gefühl der Wehmut, das sich plötzlich in ihr regte.
»Ja, es sind nette Menschen«, antwortete er. »Und du? Hast du auch so liebe Nachbarn?«
»Nicht solche wie du. In meiner Nachbarschaft ist der Gemeinschaftssinn nur schwach ausgeprägt. Man trifft sich im Park und plaudert, aber niemand bringt mir etwas zu essen oder gibt mir Ratschläge. Vermutlich ist es etwas völlig anderes, in einer Gegend wie dieser zu leben.«
»Ich finde diese Wohngegend schon ungewöhnlich. Der Vorstand unseres Vereins plant eine ganze Menge gemeinsamer Veranstaltungen, und ich versuche, mitzumachen, wann immer ich kann.«
Sie bogen in eine Stichstraße ein, die mit Holzböcken für den Kfz-Verkehr gesperrt war. Zwischen zwei Häusern war ein großer, leuchtend blauer Pavillon aufgebaut, und ein Imbisswagen verbreitete den Duft von Hot Dogs und Popcorn.
»Ganz schön aufwendig«, rief sie aus.
»Frank Knight ist der Besitzer des Hot-Dog-Stands. Während der Mittagszeit arbeitet er in der Innenstadt, und zu solchen Anlässen wie diesem stellt er uns seine Zeit und seine Vorräte zur Verfügung.«
Als sie näher kamen, wurde Tyler von allen begrüßt, und während der nächsten Viertelstunde machte er Annalise mit seinen Nachbarn bekannt. Als sie sich schließlich beide mit jeweils einem Glas Tee in der Hand niederließen, schwirrte ihr der Kopf von all den Namen und den Gesichtern der Leute, die sie gerade kennengelernt hatte.
Sie saßen mit einem Ehepaar zusammen, das Tyler ihr als Cindy und Dave Swanson vorstellte. Nachdem sie sich etwa eine Viertelstunde unterhalten hatten, schnippte Cindy plötzlich mit den Fingern. »Wusste ich doch, dass ich dich schon mal gesehen habe. Du bist Annalise von Blakely Dollhouse, nicht wahr?«
»Ja, das stimmt.«
»Ich habe dich vor ein paar Wochen in den Mittagsnachrichten gesehen. Tanya, meine kleine Tochter – sie hat eine von deinen Puppen. Wir lassen sie natürlich nicht damit spielen, dafür ist sie viel zu schön und zerbrechlich«, rief Cindy aufgeregt. »Tanya ist neun Jahre alt. Sie spielt sowieso nicht mehr oft mit Puppen.«
»Womit spielt sie denn am liebsten?«, wollte Annalise wissen.
»Zu unserer Freude mag sie Lernspielzeug besonders gern.«
Bevor Annalise antworten konnte, gesellte sich ein weiteres Ehepaar zu ihnen, und die Unterhaltung wandte sich anderen Themen zu. Um siebzehn Uhr wurde verkündet, dass in einem der Häuser Eis in der Küche serviert wurde, und so machten sich Annalise und Tyler zusammen mit den anderen auf den Weg dorthin.
»Ich glaube, ich bin im Paradies«, sagte Annalise beim Anblick des Serviertischs. Es gab drei Sorten Eis mit Dutzenden von Zutaten, einschließlich Nüsse, Schoko-Chips und Schlagsahne.
Während sie und Tyler sich ihre Eisbecher zusammenstellten, war sie sich seiner körperlichen Nähe und des überwältigenden, frischen männlichen Dufts, der von ihm ausging, überdeutlich bewusst. Er berührte sie häufig, es waren kleine beiläufige Berührungen, die eine heiße Glut in ihr entfachten.
Was war nur los mit ihr? Sie wusste nur wenig über ihn und hatte bisher noch keine tiefergehende Unterhaltung mit ihm geführt. Trotzdem glaubte Annalise, alles, was wichtig war, über ihn zu wissen.
Es war nicht zu übersehen, dass Tyler bei seinen Nachbarn beliebt war. Sie wusste auch, dass er in seiner Arbeit aufging, und diese beiden Tatsachen sagten in ihren Augen sehr viel über ihn aus.
Außerdem hatte er sich für Schoko-Eis entschieden, das er, genauso wie sie, in Schoko-Soße ertränkte. Tja, er war ein Mann ganz nach ihrem Geschmack.
Die Stimmung war unbeschwert, und die Straße von Lachen erfüllt. Kinder spielten Fangen, rannten umher und wurden sowohl von ihren Eltern als auch von Freunden ermahnt, wenn sie über die Stränge schlugen.
Für Annalise war es unmöglich, ihre freundlichen Gespräche im Park mit dem Gemeinschaftsgeist zu vergleichen, der bei diesen Nachbarn herrschte. Hier erfuhr sie eine Anteilnahme, die so aufrichtig war, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Das Fest dauerte bis nach Sonnenuntergang, und es war schon fast neun Uhr abends, als sie unter einem sternklaren Himmel und einem Vollmond, der aussah, als wollte er platzen, zu Tylers Wohnung zurückgingen.
»Kommst du noch auf einen Kaffee mit hinein?«, fragte er.
Ihre weibliche Intuition sagte ihr, dass er sie nicht einfach zu einer Tasse Instantkaffee einlud, und das Kribbeln in ihrem Bauch setzte wieder ein.
»Hört sich gut an«, sagte sie.
Sie betraten die Küche, und Annalise nahm wieder an dem Tisch Platz, während Tyler die Kaffeemaschine anschaltete. Dann setzte er sich zu ihr, während der Kaffee durchlief.
»Meine Nachbarn mögen dich«, bemerkte er.
»Ich mag sie auch alle«, erwiderte sie.
»Jim Walker hat mich zur Seite genommen, um mir zu sagen, dass er mir nie wieder Rippchen bringt, wenn ich dich gehen lasse.«
»Hm, das ist ein durchaus ernstzunehmender Anreiz für ein Wiedersehen mit mir, wie?«
Er lachte sie frech an. »Ja, für Jims Rippchen tue ich ziemlich alles.«
Der Kaffee war fertig, und Tyler stand auf, um ihnen einzuschenken. »Milch oder Zucker?«, fragte er.
»Nein, lieber schwarz.«
»Wollen wir uns ins Wohnzimmer setzen?« Er trug die Tassen, und sie folgte ihm. Tyler stellte die Tassen auf den Kaffeetisch, und sie setzten sich nebeneinander auf das Sofa. Die Spannung zwischen ihnen war nahezu greifbar.
»Ich fand es sehr schön heute«, sagte sie.
»Ja, es hat Spaß gemacht, nicht wahr? Ich musste mal wieder mit anständigen Menschen zusammen sein, damit ich nicht vergesse, dass es sie auch noch gibt.« Wieder senkte sich dieser Schatten über seine Augen. »Manchmal versinke ich dermaßen in meiner Arbeit, dass ich vergesse, wie viele gute Seiten die Welt hat.«
»Das ist bestimmt nicht einfach. Wie bist du auf den Gedanken gekommen, Polizist zu werden?«
Er griff nach seiner Kaffeetasse. »Als ich fünfzehn Jahre alt war, habe ich eine Leiche gefunden. Es war ein Mann, der erschossen in einem Wald in der Nähe unseres Hauses lag.«
»Das muss ja entsetzlich für dich gewesen sein«, rief sie aus.
»Das war es«, bestätigte er und hielt inne, um einen Schluck Kaffee zu trinken. »Aber so traumatisiert ich auch war, als die Polizei kam und mit den Ermittlungen begann, fand ich ihre Arbeit so faszinierend, dass ich auf der Stelle beschloss, diesen Beruf zu ergreifen. Und du? Wolltest du schon immer Puppenmacherin werden?«
»Ich wüsste nicht, dass ich je eine Wahl gehabt hätte. Noch bevor ich laufen konnte, hat meine Mutter angefangen, mich zu ihrer Nachfolgerin auszubilden. Meine Geburtstagspartys waren im Grunde nichts anderes als Marketingveranstaltungen für sie. Sie lud alle meine kleinen Schulfreundinnen ein, fragte sie über ihre Lieblingspuppen aus und machte sich Notizen.«
»Und du liebst deinen Beruf?« Er stellte seine Tasse auf den Tisch zurück.
»Ich denke selten darüber nach, ob ich ihn liebe oder nicht. Ich weiß einfach, dass meine Mutter mich in diesem Beruf sehen wollte, und ich kann ihrem Traum nicht guten Gewissens den Rücken kehren. Im Augenblick bin ich in Sorge, weil die Puppen viel von ihrer Beliebtheit eingebüßt haben und das Unternehmen stärker als je zuvor zu kämpfen hat.«
»Ich bin überzeugt, dass es dir gelingen wird, das Ruder wieder herumzureißen.« Er strich ihr eine Haarsträhne über die Schulter. Seine Hand ruhte einen Augenblick zu lange auf ihrer nackten Haut. »Du weißt sicher, dass ich dich nicht zu mir eingeladen habe, weil ich mit dir Kaffee trinken wollte.«
Seine Berührung entfachte ein loderndes Feuer in ihr. »Ach, nein? Warum hast du mich denn dann eingeladen?« Ihr Herz klopfte so heftig vor Vorfreude, dass sie sich fragte, ob er es hören konnte.
»Weil ich die ganze Zeit über, während wir noch mit den Leuten zusammensaßen, redeten und Eis aßen, an nichts anderes denken konnte als daran, dich zu küssen.«
»Dann solltest du das vielleicht tun. Ich möchte dich schließlich nicht daran hindern, das zu tun, was du gern möchtest.«
Er brauchte keine weitere Einladung, sondern zog sie in seine Arme und ergriff Besitz von ihrem Mund. Tyler küsste sie mit wilder Entschlossenheit und einer Intensität, die jeden Gedanken aus ihrem Kopf verjagte.
Seine Zunge fand die ihre, während seine Hände über den Stoff ihres Kleides und die bloße Haut ihrer Schultern strichen. Sie verlor sich in ihm, verlor sich in seinem Geschmack, in dem Gefühl seines muskulösen Oberkörpers an ihren Brüsten und der Berührung seiner Hände auf ihrer Haut.
Den Großteil des Nachmittags hatte das Verlangen in ihr gebrodelt, und jetzt flammte es unkontrolliert auf. Sie wollte ihn. Sie wollte nicht nur einen Kuss, eine einfache Zärtlichkeit, sie wollte ihn nackt an ihrem Körper spüren.
Wäre sie eines vernünftigen Gedankens fähig gewesen, hätte sie das Ausmaß ihres Verlangens erschüttert. Doch sie konnte nicht vernünftig denken. Sie konnte überhaupt nicht denken, sondern war nur noch von purem Gefühl und körperlichem Sehnen getrieben, und sie ließ sich von diesen Urinstinkten überwältigen.
Sie schob ihre Hände in sein Haar und genoss das Gefühl der seidigen Strähnen zwischen ihren Fingern. Als sein Mund den ihren noch einmal fand, spürte sie seinen rasenden Hunger und hieß ihn willkommen.
Der zweite Kuss endete, dann hob Tyler den Kopf, um sie mit verhangenem, aber eindringlichem Blick anzusehen. »Ich will dich, Annalise. Ich möchte mit dir schlafen.«
»Ja, das würde mir gefallen«, entgegnete sie schlicht.
Er stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. Sein Blick war so sengend, dass er ihr die Kleider vom Leib hätte wegschmelzen können. Ihr Herz schlug hart gegen ihre Rippen, als sie ebenfalls aufstand und seine Hand ergriff. Auf dem Weg durch den Flur zu Tylers Schlafzimmer sprachen sie beide kein Wort.
Eine kleine Lampe brannte auf dem Nachttisch, doch abgesehen davon sah Annalise nichts von dem Zimmer. Tyler stand ganz im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.
»Ich will dich in meinem Bett, Annalise.«
Die Worte jagten ihr einen wonnevollen Schauder über den Rücken. »Ich möchte auch gern in deinem Bett sein«, erwiderte sie, erstaunt, dass ihre Stimme so atemlos war.
Er lächelte, ein sinnliches Lächeln voller Versprechungen, dann zog er sein Hemd aus und warf es nachlässig auf einen Stuhl in der Nähe. Gleich darauf zog er Annalise wieder in seine Arme, drückte sie so eng an sich, dass sie seine Erektion spüren konnte.
»Ich habe in letzter Zeit viel zu viel an dich gedacht«, sagte er.
»Tatsächlich? Und woran hast du genau gedacht?« Sie legte ihm die Hände auf die nackten Schultern und genoss es, seine Muskeln unter der warmen Haut zu spüren.
»Ich habe mich gefragt, wie du wohl an dieser Stelle schmeckst.« Er neigte sich vor und legte die Lippen auf die empfindliche Stelle direkt unter ihrem Ohr. Sie seufzte vor Entzücken auf.
»Und ich habe mich gefragt, wie seidig und glatt sich deine Beine anfühlen mögen«, flüsterte er, und seine Hand glitt von ihrem Knie an der Innenseite ihres Schenkels hinauf und hielt kurz vor der intimsten Berührung inne.
»Und den ganzen Abend über habe ich versucht, mir vorzustellen, wie du ohne dieses Kleid aussiehst.« Seine andere Hand glitt auf ihren Rücken und öffnete den Reißverschluss ihres Kleides. Er schob es ihr von den Schultern und ließ es zu Boden gleiten.
Dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete sie. Sein Blick blieb zuerst an ihrem türkisfarbenen Spitzen-BH hängen und wanderte dann zu dem passenden Slip. Unter der Glut seines Blicks richteten sich ihre Brustspitzen auf.
»Ich wusste, dass du hinreißend aussiehst.« Er öffnete den Knopf seiner Shorts.
Annalises Herz klopfte heftig, und ihr Körper sehnte sich nach seiner Berührung – nicht nur durch Blicke, sondern mit Händen und Lippen. Als er aus seinen Shorts stieg, legte sie BH und Slip ab, und dann war er genauso nackt wie sie.
Wieder nahm er sie bei der Hand, dieses Mal, um sie zum Bett zu führen. Er küsste sie erneut, und sein Hunger war unverkennbar, als seine Lippen sie berührten.
Seine Zunge tanzte mit ihrer, seine Hände glitten an ihrem Rücken herab und umfassten ihre Pobacken, um ihren Körper fest an sich zu ziehen. Sie erwiderte seinen Kuss, und von seinen Zärtlichkeiten wurden ihr die Knie weich.
»Wenn wir so weitermachen, schaffen wir es nie bis zum Bett«, stöhnte er an ihrem Mund.
Sie lachte, als er sie freigab, nahezu schwindlig vor Verlangen nach ihm.
Dann lagen sie im Bett, umschlangen einander mit Armen und Beinen und küssten sich so leidenschaftlich, dass es ihr fast den Atem nahm. Während er sie küsste, umfassten seine Hände ihre Brüste, und er strich mit den Daumen über ihre Nippel, bis sie vor Wonne hätte aufschreien mögen.
Seine Erektion schmiegte sich an ihren Schenkel, und sie wollte – nein, musste – ihn einfach anfassen. Sie streckte die Hand nach ihm aus und legte die Finger um seinen Schaft. Er keuchte an ihrem Mund. Sie streichelte ihn, während er wie erstarrt an ihren Körper geschmiegt dalag.
»Annalise, Süße, das solltest du lieber nicht tun, sonst ist es vielleicht viel schneller vorbei, als ich mir wünsche«, sagte er mit belegter Stimme.
Sie lachte. »Das dürfen wir nicht zulassen.« Sie zog die Hand zurück, küsste stattdessen die Unterseite seines Kinns und genoss das Kitzeln seines Bartschattens an ihrer Wange.
Sie wollte nicht, dass es zu schnell ging. Sie wollte sich Zeit lassen, um ihn zu erkunden, zu erfahren, welche Zärtlichkeiten er besonders liebte, was ihn zum Stöhnen brachte und wobei sich seine Muskeln anspannten.
Er hatte anscheinend das gleiche Verlangen und erkundete jede einzelne ihrer Körperstellen, bei der sie vor Wonne aufseufzte und schauderte. Als er die Hand zwischen ihre Beine legte und seine Finger sie streichelten, baute sich eine Spannung in ihrem Inneren auf, die sie fast explodieren ließ.
Als sie glaubte, es nicht länger ertragen zu können, als sie glaubte, schreien zu müssen, wenn er sie nicht auf der Stelle nahm, wälzte er sich herum und holte ein Kondom aus der Nachttischschublade. Ihr Atem ging stoßweise, als er das Kondom überstreifte und sich dann wieder auf sie legte. Sie fuhr mit den Händen über seinen Rücken, und er glitt in sie hinein, als gehörte er schon immer an ebendiese Stelle. Sie schlang die Beine um seinen Rücken, um ihn fest an sich und in sich zu halten.
»Mein Gott, du fühlst dich so gut an, ich wage es kaum, mich zu bewegen«, flüsterte er ihr ins Ohr.
»Du fühlst dich auch wunderbar an, und ich bringe dich um, wenn du dich nicht bewegst«, antwortete sie.
Er lachte, ein heiserer, rauher Ton, der sie erregte, dann bewegte er langsam die Hüften, so dass sie am ganzen Körper wie elektrisiert war, als er in sie hinein- und wieder herausglitt.
Kurz darauf erhöhte er das Tempo, und sie hob die Hüften an, um seinen Stößen entgegenzukommen. Hemmungslos kratzte sie mit den Fingernägeln über seinen Rücken, packte seinen Hintern, und als schließlich der Höhepunkt kam, durchfuhr er sie mit der Gewalt eines Erdbebens.
Seine Erlösung erfolgte unmittelbar danach, als er an ihrem Körper erstarrte und ihren Namen ausrief. Dann ließ er sich neben sie fallen und atmete keuchend, während sie nach Luft rang und darauf wartete, dass sich ihr Herzschlag normalisierte.
»Wow«, sagte er schließlich und stützte sich auf einen Ellbogen, um sie anzuschauen.
»Das kannst du laut sagen«, erwiderte sie.
»Wow.«
Sie lachte, und jetzt erst bemerkte sie eine Tapetenbordüre, die ein Stück unterhalb der Zimmerdecke an den Wänden entlanglief. »Du hast ja Feen an der Decke.«
Er verzog das Gesicht. »Ich hatte gehofft, du würdest sie nicht sehen.«
»Vermutlich war das nicht deine Idee.«
Er strich ihr mit einem Finger über die Wange. »Welcher Polizist, der Mordfälle bearbeitet und sich einen Rest von Selbstachtung bewahrt hat, würde wohl sein Schlafzimmer mit Feen tapezieren?«
»Da hast du auch wieder recht.« Sie sah ihn ernst an. »Gewöhnlich gehe ich nicht so schnell mit einem Mann ins Bett.«
»Das brauchst du mir nicht zu erklären. Danika hat mir schon gesagt, dass du kein Party-Girl bist, das sich schnell rumkriegen lässt.«
Sie lächelte. »Ich will nicht, dass du glaubst, ich wäre leicht zu haben.«
»Ich glaube nicht, dass du leicht zu haben bist. Ich glaube, du bist ziemlich wunderbar.«
Wieder lachte sie. »Ah, da spricht der rundum zufriedene Mann.«
»Glaub mir, ich fühle mich nicht nur körperlich zu dir hingezogen. Ich mag dich, Annalise. Sehr sogar.« Er furchte die Stirn. »Und ich glaube, du bist zu der denkbar ungünstigsten Zeit in mein Leben getreten.«
»Wegen der Fälle, an denen du arbeitest?«
Er nickte. »Es geht um zwei tote Frauen, und ich muss den Scheißkerl finden, der sie umgebracht hat. Daher werde ich viele Überstunden machen müssen und nur wenig Freizeit haben.«
Sie strich hauchzart mit den Fingern über seine Brust. »Dann gebe ich mich eben mit der wenigen Freizeit, die du mir widmen kannst, zufrieden.«
Er zog die dunklen Brauen hoch. »Den meisten Frauen würde das nicht reichen.«
»Ich bin nicht wie die meisten Frauen«, erwiderte sie. »Ich habe selbst ein ziemlich ausgefülltes Leben, Tyler. Ich denke nicht daran, neben dem Telefon zu sitzen und auf deinen Anruf zu warten. Ich führe ein Unternehmen, und ich habe einen Halbbruder, der mich besser kennenlernen will. Ich möchte liebend gern mehr Zeit mit dir verbringen, wann immer es dir möglich ist, aber ich werde dich niemals unter Druck setzen, um etwas zu erreichen, was du nicht geben kannst.«
»Ich glaube, ich bin im Himmel.«
»Glaub mir, ich bin kein Engel«, sagte sie. Im selben Augenblick klingelte das Telefon. »Musst du da rangehen?«
»Nein, das überlasse ich dem Anrufbeantworter. Wenn es die Dienststelle wäre, hätte man mich auf dem Handy angerufen.«
Ein Moment der Stille folgte, dann drang eine Frauenstimme aus dem Anrufbeantworter auf dem Nachttisch. »Tyler, hier ist deine Mutter. Vielleicht weißt du nicht mehr, wer ich bin, aber ich bin die Frau, die dich nach dreiundzwanzig Stunden unglaublicher Schmerzen zur Welt gebracht hat. Seit mehr als einer Woche haben dein Vater und ich nichts von dir gehört. Es wäre nett, wenn du uns mal anrufen würdest, damit wir wissen, ob du noch am Leben bist.«
»Du hast anscheinend ein Problem«, bemerkte Annalise, als sich das Gerät abgeschaltet hatte.
»Nur das Übliche. Sie fängt immer von den Wehen an, wenn sie zu selten von mir hört.«
»Du hast wohl ein gutes Verhältnis zu deinen Eltern?«
»Ja, sehr.«
Annalise richtete sich auf. »Ich muss nach Hause.«
Er griff nach ihrem Arm. »Du könntest über Nacht bleiben.« Er ließ sie los, und sie schlüpfte aus dem Bett und richtete sich auf.
»Lieb von dir, mir das anzubieten, aber ich möchte mich nicht daran gewöhnen, in einem Bett zu schlafen, aus dem ich womöglich irgendwann rausgeworfen werde«, meinte sie lächelnd.
»Wer dich aus seinem Bett wirft, muss ein Idiot sein«, erwiderte er.
Als sie sich angezogen hatten, griff sie nach ihrer Tasche, und er begleitete sie zur Tür.
»Ich komme mir vor wie ein Schuft, weil ich dich allein nach Hause fahren lasse«, sagte er und nahm sie in die Arme.
»Nicht nötig, ich komme schon klar. Es war wunderschön mit dir, Tyler.«
»Mit dir auch.« Er drückte sie kurz an sich. »Das Zusammensein mit dir entschädigt mich für die Scheußlichkeiten, die ich in meinem Beruf erlebe.« Er küsste sie sanft und zärtlich, dann ließ er sie los. »Rufst du mich an, wenn du zu Hause bist? Damit ich weiß, dass du wohlbehalten angekommen bist?«
»Mach ich.«
Er begleitete sie zu ihrem Wagen, küsste sie noch einmal innig, dann fuhr sie los. Auf der Heimfahrt hatte Annalise zum ersten Mal in dieser Woche das Gefühl, dass ihre Sterne günstig standen. Ihre Haut kribbelte noch von Tylers Zärtlichkeiten, und sie freute sich jetzt schon auf ein Wiedersehen.
Diese Beziehung versprach die schönste zu werden, die sie je gehabt hatte. Der Sex war umwerfend, und Tyler schien der Typ Mann zu sein, der keine tiefgehende, emotionale Bindung anstrebte. Annalise war sich nicht sicher, ob sie in der Lage war, eine solche einzugehen.
Der Tag war wunderschön gewesen, doch sie fragte sich, wo Danika steckte. Sie hatte gehofft, die Freundin auf dem Straßenfest zu treffen, denn seit ihrem Gespräch am Montag hatte sie nichts mehr von ihr gehört. Es sah Danika gar nicht ähnlich, so lange Zeit nicht erreichbar zu sein.
Die Uhr am Armaturenbrett zeigte zweiundzwanzig Uhr fünfunddreißig an, als Annalise den Wagen auf dem gewohnten Parkplatz vor ihrem Haus abstellte. Trotz ihrer leisen Sorge um Danika war ihr so leicht ums Herz wie schon seit Monaten nicht mehr.
Tyler war nicht nur intelligent und humorvoll, sondern allein bei dem Gedanken an ihr Liebesspiel krümmten sich ihre Zehen, und ihr Herz begann zu rasen. Hoffentlich hatte er die Wahrheit gesagt, als er gemeint hatte, dass er viel mehr Zeit mit ihr verbringen wollte.
Ein Lächeln trat auf ihre Lippen, als sie um das Gebäude zum Vordereingang ging. Sie hatte die Tür fast erreicht, als sie spürte, dass jemand hinter ihr war. Sie fuhr herum und erkannte Max.
»Max! Du hast mir einen Schrecken eingejagt.«
Er war offenbar betrunken. Sein Atem stank nach Alkohol, und seine Augen waren gerötet und glasig. »Anna … Annalise.« Er sprach ihren Namen schleppend aus. »Muss dir was sagen.«
»Was musst du mir sagen?« Sie zog den Hausschlüssel aus der Tasche und vermutete, dass er sie wieder einmal um Geld anbetteln wollte. »Sind die Mülltonnen schlecht heute Abend?«
»Nein. Nein. Nein.« Er schüttelte heftig den Kopf, taumelte einen Schritt zurück und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Dann legte er die Stirn in Falten, als hätte er von einem Moment auf den anderen vergessen, was er ihr sagen wollte. Er wirkte aufgewühlt, als er sich nach rechts und links umsah, und als er Annalise wieder anblickte, erkannte sie Furcht in seinen Augen.
»Was denn, Max? Was ist los?« So lächerlich es auch war, etwas an seinem Verhalten weckte Unruhe in ihr.
»Es ist der Teufel«, sagte er.
Annalise entspannte sich. Der arme Kerl – er litt unter Halluzinationen. »Max, alles ist gut. Hier ist weit und breit kein Teufel.«
Jetzt nickte er hastig. »Doch, doch. Ich muss es dir sagen. Du musst es wissen.«
»Was muss ich wissen, Max?«
Er riss die Augen auf. »Dass der Teufel hinter dir her ist. Er hat’s auf dich abgesehen, Annalise.«