15. Kapitel

Am Freitagabend stand Annalise an der Ladentür und hielt nach dem Wagen ihres Vaters Ausschau. Ein paar Minuten zuvor hatte sie mit Tyler gesprochen und erfahren, dass er das Wochenende durcharbeiten wollte. Sie hatte geantwortet, es wäre in Ordnung, Charlie würde kommen und das Wochenende mit ihr verbringen.

»Ich glaube, ich habe die richtige Frau zum falschen Zeitpunkt kennengelernt«, hatte Tyler gesagt. »Immer wieder rechne ich damit, dass du sagst, du hättest längst die Nase voll von meiner verrückten Zeiteinteilung.«

Seine Worte hatten ganz unverhofft ein warmes Gefühl in ihr wachgerufen. »Tyler, ich bin ganz zufrieden damit, wie es im Moment läuft. Ich zerbreche mir jede freie Minute den Kopf, wie ich das Unternehmen meiner Mutter retten kann. Ich sitze ganz bestimmt nicht am Telefon und weine, weil du mich nicht in deinen überfüllten Terminkalender quetschen kannst.«

Zwar entsprach alles, was sie gesagt hatte, der Wahrheit, doch als sie jetzt aus dem Schaufenster blickte, musste sie sich eingestehen, dass sie gegen ein bisschen mehr Zeit mit Tyler nichts einzuwenden gehabt hätte.

Die Erinnerung an ihre Liebesnacht weckte ihren Hunger nach ihm. Es war nicht nur körperlicher Hunger, sondern auch das Verlangen, von seinen starken Armen gehalten zu werden und den Glanz in seinen Augen zu sehen, bevor sein Mund den ihren fand.

Sie mochte den Klang seines Lachens und seinen scharfen Verstand. Sie mochte das Gefühl, sich ihm anvertrauen zu können, Dinge mit ihm zu besprechen, die sie mit niemandem sonst besprach.

Ihr war klar, dass er ihr manchmal etwas verschwieg, dass er sich in manchen Dingen auch ihr gegenüber bedeckt hielt. Mit der Zeit würde er hoffentlich begreifen, dass er ihr alles über seine Arbeit, seine Gedanken und seine Träume anvertrauen konnte.

Es ließ sich nicht leugnen, dass ihre Gefühle für ihn stärker waren als alles, was sie jemals für einen Mann empfunden hatte. Doch sie sagte sich, dass sich ihre Beziehung auf eine angenehme Art entwickelte. Keine Forderungen. Keine komplizierten Bedürfnisse. Keine Gefahr von Liebeskummer.

Apropos Liebeskummer … Der Wagen ihres Vaters kam in Sicht. Wie immer wappnete sie sich für die Begegnung mit ihm. Als der Wagen am Straßenrand vor ihrem Laden anhielt, trat sie aus der Tür in die schwüle, frühabendliche Luft hinaus.

Sherri stieg als Erste aus, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. »Ich kann es nicht glauben, dass du diesen Jungen das ganze Wochenende über ertragen willst«, sagte sie, ergriff Annalises Hand, drückte sie und ließ sie wieder los. Annalise lächelte. Sie konnte nicht anders, sie musste diese Frau, die Wärme und Freundlichkeit ausstrahlte, einfach mögen. »Es wird nicht nur Spiel und Spaß sein«, erwiderte sie. »Ich habe vor, ihn morgen im Laden zur Arbeit einzuteilen.«

»Cool, ich bin einverstanden«, sagte Charlie, kletterte mit seinem Rucksack aus dem Wagen und sprang wie ein begeisterter Welpe auf seine Mutter und Annalise zu. »Ich habe meinen tragbaren DVD-Spieler mitgebracht und ein paar Filme, die wir uns ansehen können«, sagte er.

»Wahrscheinlich lauter blutrünstige Reißer«, sagte Annalise.

Charlie grinste. »Nein, es sind Witzfilme. Ich dachte mir schon, dass du Blutrünstiges nicht magst.«

Frank schloss sich ihnen auf dem Gehsteig an. »Hi, Süße«, sagte er zu Annalise.

»Dad.« Sie nickte steif. Er sah lässig und entspannt aus in Jeans und einem T-Shirt.

»Sherri und ich gehen ins Kino, aber ich habe mein Handy dabei, falls du mich aus irgendeinem Grund brauchen solltest.«

»Wir kommen bestimmt auch so zurecht«, versicherte sie.

»Morgen sind wir den ganzen Tag zu Hause, für den Fall, dass du von dem jugendlichem Testosteron genug hast«, sagte Sherri.

Charlie verdrehte die Augen. »Sie sagte doch, wir kommen zurecht.«

»Und benimm dich bitte«, rief Sherri, woraufhin Charlie erneut die Augen verdrehte.

»Wir holen dich am Sonntagmorgen gegen zehn Uhr ab«, sagte Frank. Er beugte sich herab, gab Charlie einen Kuss auf die Wange und zerzauste ihm liebevoll das Haar. »Also, benimm dich.«

Es gab Annalise einen Stich ins Herz zu sehen, wie ihr Dad mit Charlie umging. So unbeschwert, ohne eine Spur von der Spannung, die seine Beziehung zu ihr prägte. Was sie da spürte, war kein Neid. Sie war froh, dass Charlie eine liebevolle Beziehung zu seinem Vater hatte. Was sie empfand, war ein schlichtes, unverstelltes Verlangen nach Zuneigung.

Stumm befahl sie ihrem inneren Kind, sich gefälligst nicht so aufzuführen, und ging auf Charlie zu, um ihm einen Arm um die Schultern zu legen. »Komm, kleiner Bruder, gehen wir nach oben und chillen mit Popcorn und Filmen.«

»Cool«, rief er auf seine typische Charlie-Art. Frank und Sherri gingen zurück zum Auto, und Annalise und Charlie betraten das Haus.

Als sie Seite an Seite die Treppe hinaufstiegen, berichtete Charlie, welche Filme er mitgebracht hatte und welcher davon sein Lieblingsfilm war. »Ich weiß, du hast gesagt, du siehst nur selten fern«, sagte er, »aber DVDs sind etwas anderes, besonders, wenn du jemanden hast, mit dem du sie zusammen anschauen kannst.«

Sie sahen sich die Filme an und aßen Popcorn, bis es Mitternacht war, dann erinnerte Annalise ihren Bruder daran, dass sie früh aufstehen mussten, und sie gingen zu Bett.

Um acht Uhr am nächsten Morgen waren sie angezogen und auf den Beinen. Annalise übernahm an diesem Tag den Ladenverkauf, und einige Angestellte aus der Fertigung wollten kommen, um an dem Prototyp für die neue Puppe zu arbeiten.

Charlie und sie aßen Frühstücksflocken und Obst zum Frühstück, dann gingen sie nach unten, wo Annalise ihm zeigte, wie die Kasse bedient wurde.

»Du willst mich kassieren lassen?«, fragte er, und seine blauen Augen strahlten vor Begeisterung.

»Ich habe doch gesagt, dass ich heute einen Job für dich habe«, sagte sie.

»Ja, aber ich dachte, du würdest mir eine idiotensichere Aufgabe geben, wie Ausfegen zum Beispiel.«

»Gegen Ausfegen ist nichts einzuwenden, Charlie, aber ich dachte, die Arbeit an der Kasse würde dir mehr Spaß machen.«

Sie zeigte ihm noch einmal, welche Tasten er bei Barzahlung betätigen und wie man einen Verkauf mit Kreditkarte abwickelte. Als er glaubte, alles verstanden zu haben, war es Zeit, den Laden aufzuschließen.

Sie war gerade im Begriff, die Eingangstür aufzuschließen, als sie die Schachtel sah, eine Blakely-Schachtel, die bestimmt wieder eine ihrer Puppen und eine Botschaft von dem ominösen Absender enthielt. Sie stellte die Schachtel auf den Verkaufstresen.

»Was ist das?«, fragte Charlie neugierig.

»Irgendwer gibt seit einiger Zeit anonym Puppen zurück.« Sie hob den Deckel hoch, schob das Seidenpapier zur Seite und entdeckte eine Kimono-Kim.

Charlie blickte fragend drein. »Die sieht doch noch gut aus. Warum sollte jemand sie zurückgeben, und selbst wenn, warum kommt er dann nicht in den Laden und verlangt sein Geld zurück?«

»Ich weiß es nicht.« Sie kramte in dem Seidenpapier und fand einen zusammengefalteten Zettel. Sie wollte ihn nicht öffnen. Sie wusste nicht, warum die Puppen mit diesen merkwürdigen Botschaften sie so beunruhigten, aber so war es nun einmal.

»Ich bringe sie rasch nach oben«, sagte sie zu Charlie. »Kannst du hier für ein paar Minuten die Stellung halten?«

Er straffte die Schultern und streckte die Brust raus. »Klar, lass dir nur Zeit.«

Sie lief mit der Puppe in ihre Wohnung und stellte sie mitsamt der Botschaft, die sie noch nicht gelesen hatte, auf den Tisch. Einem Impuls folgend holte sie die anderen beiden aus dem Wäscheschrank und stellte sie dazu. Sie faltete die ersten beiden Zettel auseinander und legte sie nebeneinander, erst dann öffnete sie die neue Botschaft.

Deine Zeit als Puppenmacherin neigt sich dem Ende zu.

Sie starrte auf die Worte, mit einem Gruselgefühl, das ihr unter die Haut ging. Die Botschaft an sich erschien ihr einfach nur seltsam, aber zusammen mit den vorangegangenen Zetteln wurde offenbar eine Art verrückter Wettkampf daraus.

Jemand versuchte, sie zu verunsichern, und ihr drängte sich der Verdacht auf, dass es sich um jemanden handelte, der ganz groß mit einer neuen Puppe auf den Markt kommen wollte. Als wäre die Konkurrenz nicht schon groß genug, dachte sie deprimiert.

Da Charlie allein unten im Laden war, legte sie die Deckel wieder auf die Puppenschachteln, ließ sie auf dem Tisch stehen und eilte zurück ins Erdgeschoss.

Als ihre Mitarbeiter kamen, stellte Annalise ihnen Charlie vor, und den restlichen Tag über war er entweder im Verkaufsraum und in der Fertigung, wo er wie ein verwöhntes Maskottchen behandelt wurde.

Um achtzehn Uhr schlossen sie den Laden und durchquerten den Park, um zu Joey’s Restaurant zu gehen. Wieder war Mark es, der sie in Empfang nahm. »Joey ist noch nicht zurück?«, fragte Annalise.

»Nein, er hat seinen Urlaub verlängert«, antwortete Mark.

»Ich wollte ihm meinen Bruder Charlie vorstellen«, sagte sie.

Mark lächelte. »Tja, ich bin nicht Joey. Ich heiße Mark, und ich freue mich, dich kennenzulernen, Charlie.« Er reichte ihm die Hand.

»Freut mich auch, Sir«, sagte Charlie und erwiderte den Händedruck.

»Einen Tisch für zwei?«, fragte Mark und nahm zwei Speisekarten von einem Stapel. Er bedeutete ihnen, ihm zu folgen.

»Kommst du oft zum Essen hierher?«, fragte Charlie, als sie Platz genommen und ihre Bestellung aufgegeben hatten.

»Viel zu oft«, gestand sie. »Es ist einfach viel bequemer, nur durch den Park zum Essen zu gehen statt selbst zu kochen.«

»Der Tag heute war toll, besonders, dass ich Ben und Sammy und die ganze Truppe kennengelernt habe. Sie sind cool.«

Sie lächelte. »Was das Geschäft betrifft, bin ich sehr auf sie angewiesen.«

»Ach ja, gestern Abend habe ich gar nicht daran gedacht, ich habe nämlich ein Geschenk für dich.« Er kramte in seiner Tasche und förderte einen kleinen, in ein sauberes, weißes Taschentuch gewickelten Gegenstand zutage.

»Ein Geschenk? Warum das denn?«

Er zuckte die Achseln. »Mir war danach. Außerdem hast du zum Geburtstag nichts von mir gekriegt.« Er schob ihr das Geschenk über den Tisch hinweg zu. »Mach schon, du musst es öffnen.«

Sie schlug das Taschentuch auseinander und blickte auf einen kleinen Porzellan-Elefanten mit Augen aus blauen Glitzersteinen. »Ach, Charlie, wie wunderschön.«

»Ich weiß, dass du eine Elefantensammlung hast, und einen wie diesen habe ich bei dir nicht gesehen. Da dachte ich, er könnte dir vielleicht gefallen.« Mit einem Anflug von völlig untypischer Schüchternheit lächelte er sie an. »Und? Gefällt er dir?«

»Ich finde ihn hinreißend, Charlie, und werde ihn immer in Ehren halten.« Sie wickelte das Geschenk behutsam wieder ein und verstaute es in ihrer Handtasche. »Weißt du, Dad hat den Anfang zu meiner Elefantensammlung gemacht. Als ich sechs Jahre alt war, hat er mir den ersten geschenkt, und seitdem bekomme ich zu jedem Geburtstag einen.« Sie trank einen Schluck Wasser. »Ich weiß nicht so recht, wieso er meinte, ich bräuchte eine Elefantensammlung.«

»Ich kenne den Grund«, entgegnete Charlie. »Er hat mir erzählt, dass er einmal mit dir in den Zoo gegangen ist, als du noch klein warst, und am Abend dieses Tages hast du zu ihm gesagt, dass du zwei Dinge mehr liebst als alles andere auf der Welt – ihn und Elefanten.«

Wortlos sah sie ihn an und spürte einen Kloß im Hals. Sie war froh, dass in diesem Augenblick die Kellnerin kam und ihre Speisen servierte.

Während der Mahlzeit brauchte sie nicht viel zu reden. Charlie redete mit seiner gewohnten Überschwenglichkeit über alles, was ihm in den Sinn kam.

Sie versuchte, nicht an diesen Zoobesuch vor langer Zeit zu denken, doch Charlies Worte hatten schwache, halbvergessene Erinnerungen heraufbeschworen. Da war der stechende Geruch der Tiere, vermischt mit dem Duft von frischem Popcorn und süßer Zuckerwatte. Das tiefe Lachen ihres Vaters, verbunden mit dem Blöken eines Lämmchens, das nach einer Handvoll Getreide gierte.

Doch es waren die Elefanten, die sie fasziniert hatten, besonders, als ihr Vater ihr erklärte, dass Elefanten zwar große, aber sehr sensible Geschöpfe seien, die spielten und lachten und auch tief trauerten, wenn ein Familienmitglied starb.

Sie hatte ihm gestanden, dass sie ihn und die Elefanten liebte, und er hatte ihr einen Elefanten geschenkt, doch kurz danach war er aus ihrem Leben verschwunden.

Die aufwallende Bitterkeit bei dem Gedanken an seine Entscheidung raubte ihr den Appetit, und so stocherte sie bloß in ihrem Kalbfleisch herum. Charlie hatte seinen Teller bereits leergeputzt und schielte verlangend nach ihren Resten.

Sie schob ihm den Teller hin. »Schlag dir den Bauch voll, Kleiner.« Er verputzte nicht nur den Rest ihrer Mahlzeit, sondern aß zum Nachtisch auch noch ein großes Stück Käsetorte, während sie an einer Tasse Kaffee nippte.

Als er fast aufgegessen hatte, zückte sie einen Umschlag, den sie zuvor vorbereitet hatte. »Das ist für dich«, sagte sie und schob ihn über den Tisch.

Charlie sah sie gespannt an und griff nach dem Umschlag. Er öffnete ihn, und als er den Inhalt sah, riss er die Augen auf. »Ein Scheck. Warum gibst du mir einen Scheck?«

»Ich bin es gewohnt, meine Hilfskräfte zu bezahlen«, erwiderte sie. »Du hast heute gut gearbeitet, Charlie, und dir jeden Penny ehrlich verdient. Und der Schlüssel gehört zu meiner Wohnung. Ich finde, ein Bruder sollte im Besitz des Schlüssels zur Wohnung seiner Schwester sein.«

Er schob Schlüssel und Scheck zurück in den Umschlag und steckte ihn in die Tasche. Als er Annalise ansah, war sein Blick tief bewegt. »Ich wusste, dass du klasse bist, bevor ich dich überhaupt gesehen habe. Ich wollte nur …« Er senkte den Blick auf seinen Teller.

»Was möchtest du, Charlie?«, drängte sie.

Er schaute sie wieder an. »Ich wollte, wir hätten uns schon früher kennengelernt.«

Seine Worte schnürten ihr die Kehle zu, und sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Annalise griff über den Tisch hinweg nach seiner Hand. »Wir haben noch sehr viel Zeit vor uns, Charlie. Wir werden so viele gemeinsame Erinnerungen sammeln, dass in deinem Herzen gar nicht genug Platz dafür ist.«

Es dämmerte schon, als sie das Joey’s verließen und durch den Park zu ihrer Wohnung gingen. »Einen von den Filmen, die ich mitgebracht habe, haben wir gestern Abend noch nicht gesehen. Hättest du jetzt Lust, ihn anzuschauen?«, fragte er, als sie vor der Haustür angelangt waren.

»Klar.« Sie fischte ihren Schlüssel aus der Handtasche, doch bevor sie die Tür aufschließen konnte, tauchte Max aus einer Seitengasse auf und kam direkt auf sie zu.

Charlie trat beschützend vor Annalise. »Alles in Ordnung«, sagte sie. »Ich kenne ihn.« Sie lächelte Max an. »Hi, Max.«

Max beachtete sie nicht, sondern starrte Charlie an. »Mickey?«, sagte er leise, mit einer Stimme, die heiser und belegt klang.

Charlie wich einen Schritt zurück, als Max eine zitternde Hand nach ihm ausstreckte. »Mickey, wo hast du gesteckt? Wo ist dein Bruder?«, fragte Max. Hoffnung leuchtete in seinen Augen, als er Charlie musterte.

Diesmal war es Annalise, die zwischen ihren Bruder und den Obdachlosen trat. »Max, das ist mein Bruder Charlie. Er heißt nicht Mickey, sondern Charlie«, betonte sie.

Der alte Mann starrte erst Charlie, dann Annalise verwirrt an. Es war schmerzhaft, die Traurigkeit in seinen glasigen Augen zu sehen. »Charlie, nicht Mickey?«

»Ganz recht«, sagte Annalise. Ihr tat das Herz weh, als Max vor ihren Augen um Jahre zu altern schien. Seine breiten Schultern krümmten sich, und das Leuchten in seinen Augen erlosch. »Nicht Mickey«, brummte er und wandte sich zum Gehen.

»Das war komisch«, sagte Charlie, als Max fort war und sie in den Laden traten.

»Max ist einer der Obdachlosen, die in dieser Gegend leben. Ich gebe ihm manchmal etwas zu essen«, erklärte sie.

»Armer Kerl«, sagte Charlie mit aufrichtigem Mitleid. »Ich möchte wissen, wer Mickey ist.«

»Wer weiß.«

Auf dem Weg die Treppen hinauf zu ihrer Wohnung versuchte Annalise, nicht an ihr letztes Gespräch mit Max zu denken. Der Teufel ist hinter dir her, Annalise – die Wahnvorstellungen eines geisteskranken Alkoholikers.

Der restliche Abend verging schnell. Sie sahen sich den Film an und fanden sich plötzlich in einer verrückten Kissenschlacht wieder, bei der sich Annalise wie ein Teenager fühlte.

Gegen halb elf wurden Charlies Lider schwer, und er gab zu, dass er todmüde war. Annalise richtete ihm sein Bett auf dem Sofa her. Er umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Wange und war schon fast eingeschlafen, als sein Kopf das Kissen berührte.

Sie setzte sich in einen Sessel und betrachtete ihn im Schlaf. Der Junge bezauberte sie mit seiner Energie, Sensibilität und seiner überwältigenden Liebe zu ihr. Sie liebte ihn, liebte ihn so, wie sie sich fürchtete, einen anderen Menschen zu lieben. Von Anfang an war Charlie entschlossen gewesen, ihr Herz zu erobern, und nun lag er leise schnarchend da, und sie erkannte, dass es ihm gelungen war.

Zu unruhig, um sofort schlafen zu gehen, beschloss sie, noch ein wenig zu zeichnen. Doch als sie sich auf die Suche nach ihrem Skizzenblock machte, fiel ihr ein, dass sie ihn unten in der Fertigung hatte liegen lassen.

Nachdem sie noch ein letztes Mal nach Charlie gesehen hatte, ging sie zur Tür, um ihren Block zu holen.


Er hatte nicht die Absicht gehabt, noch einmal in das Haus einzudringen. Zwar arbeitete er wie besessen, um die Annalise-Ausstattung fertigzubekommen, aber noch war sie nicht bereit. Doch die Verlockung, ihr so nahe zu sein, der Reiz, in ihrem Haus zu sein und vor ihrer Wohnungstür zu stehen, machte es ihm unmöglich, von ihr fernzubleiben.

Jetzt duckte er sich hinter den Kisten im ersten Stock. Wie zuvor erlebte er einen Augenblick süßen Hochgefühls, das seinen Puls zum Rasen brachte. Er keuchte auf und brauchte einen Moment Zeit, um sich zu beruhigen und ein Mindestmaß an Beherrschung zu finden.

Der Mond schien in dieser Nacht nicht sehr hell, doch er befand sich nun schon zum vierten Mal in Annalises Haus und brauchte kein Licht mehr, um den Weg zur Treppe zu finden. Er hatte sich jeden Schritt eingeprägt, wusste, welche Stellen er vermeiden musste, um sich geräuschlos fortzubewegen.

Er umrundete die Kisten, stand einen Moment lang völlig reglos da und sog Annalises Nähe tief ein. In seiner Phantasie roch er ihren Duft und sah ihre blauen Augen, groß und leer, wie die der Annalise-Puppe.

Er presste eine Hand in den Schritt, wo er steif geworden war. Noch einen, höchstens zwei Tage, dann war er bereit für sie.

Das lavendelblaue Kleid mit den Spitzen und Rüschen war fast fertig, und vor seinem inneren Auge sah er bereits, wie er sie schminken würde. Sehr hell mit ein wenig Rouge und einem Hauch von blauem Lidschatten, um das Blau ihrer Augen zu betonen.

Es fiel ihm zunehmend schwerer, sie tagsüber zu sehen und sein Verlangen nach ihr nicht zu zeigen. Manchmal, wenn er mit ihr sprach, zitterte er innerlich so sehr, dass er Probleme hatte, sich auf die Unterhaltung zu konzentrieren.

Er wollte gerade nach dem Treppengeländer greifen, als er hörte, wie oben die Tür geöffnet wurde. Ihre Wohnungstür.

Sie würde herauskommen!

Und wenn sie ihre Wohnung verließ, stand ihr nur eine Möglichkeit offen … der Weg die Treppe hinunter.

Er wich von der Treppe zurück, und sein Herz klopfte zum Zerbersten, während er versuchte, nachzudenken. Denk nach! Er duckte sich hinter ein paar Kartons und blinzelte, als im Treppenhaus das Licht eingeschaltet wurde.

Von seinem Versteck aus sah er, wie zuerst ihre Beine auftauchten, dann ihr Rumpf und schließlich die ganze Gestalt. Annalise. So nah, dass er, wenn er die Hand ausstreckte, über ihr Bein streichen oder sie beim Knöchel packen könnte.

Es ist noch nicht so weit, schrie sein Verstand, doch er hörte nicht zu. Er konnte sie sich jetzt holen. Ganz einfach. Er konnte sie bewusstlos schlagen und fortschleppen. Bestimmt würde es ihm gelingen, ihre Kleider fertigzustellen, bevor die Verwesung einsetzte.

Als er alle diese Gedanken verarbeitet hatte, war sie bereits die zweite Treppe zum Erdgeschoss hinuntergestiegen.

Er folgte ihr.

Angst sei dein Begleiter: Thriller
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