9. Kapitel

Die Hölle brach um fünfzehn Uhr siebzehn am Dienstagnachmittag los, als ein anonymer Anrufer einen Leichenfund hinter dem Dollar General Store an der Ecke North Oak und dreiundachtzigste Straße meldete.

Während sich Tyler und Jennifer auf dem Weg zum Fundort befanden, ballten sich in der Ferne drohend Unwetterwolken zusammen. Schwüle Feuchtigkeit hing in der Luft, und dazu herrschte eine unnatürliche Stille, ein Anzeichen für schwere Gewitter am Abend.

»Vielleicht war es nur ein Telefonstreich.« Jennifer drehte die Düse der Klimaanlage so, dass sie ihr direkt ins Gesicht blies. »Die Telefonistin sagte, der Anrufer hätte keine Auskunft darüber gegeben, ob er in dem Billigladen beschäftigt ist. Man sollte doch meinen, dass irgendwer, der in dem Laden arbeitet, über kurz oder lang mitkriegt, wenn eine Leiche hinter dem Geschäft liegt. Allerdings könnte es sein, dass die Angestellten durch den Haupteingang hereinkommen und dass heute keiner im Hinterhof gewesen ist.«

Tyler äußerte sich nicht und ließ Jennifer wie gewöhnlich jeden Gedanken, der ihr in den Sinn kam, in Worte fassen. Zu Anfang ihrer Partnerschaft hatte es ihn verrückt gemacht, dass sie so viel redete. Inzwischen wusste er, dass Jennifer Dinge verarbeitete, indem sie sie aussprach. Oft hörte er nur mit halbem Ohr zu, wenn sie den häufig unerklärlichen Drehungen und Wendungen ihrer Gedankengänge Ausdruck verlieh.

»Früher gab es in jedem Unternehmen mindestens einen Angestellten, der rauchte, und dessen liebster Freund war der Hinterausgang. Heute ist das Rauchen praktisch überall politisch unkorrekt geworden.« Jennifer seufzte. »Ehe man sich’s versieht, gibt es in jedem Haus Rauchmelder, und Big Brother passt auf, ob sich irgendwo jemand eine Zigarette anzündet.«

Sie hatte Tyler verraten, dass sie vor einem Monat das Rauchen aufgegeben hatte, doch seitdem hatte er schon mehrmals einen verräterischen Geruch nach Zigaretten an ihr wahrgenommen. Sie hatte nicht aufgehört, sondern sie rauchte heimlich.

»Ein Glück, dass du dir deswegen keine Gedanken mehr machen musst.« Tyler grinste sie flüchtig an, wurde aber wieder ernst, als er auf den Parkplatz der Einkaufsmeile einbog, zu der der Dollar General Store gehörte. Vor dem Laden hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt, die von zwei Polizisten in Uniform unter Kontrolle gehalten wurde.

Beim Anblick eines Ü-Wagens vor dem Laden zog sich alles in Tylers Brust zusammen. »Sieht nicht nach falschem Alarm aus«, sagte er und lenkte den Wagen in eine Parkbucht.

Er und Jennifer stiegen gleichzeitig aus. »Detective King, können Sie mir sagen, was geschehen ist?« Reuben Sandford, ein dreister junger Reporter, der Tyler häufig nervte, kam auf sie zu.

»Keine Ahnung, Reuben. Wie Sie sehen, sind wir gerade erst angekommen«, antwortete Tyler auf dem Weg zum Laden.

»Ich habe gehört, dass hinter dem Gebäude eine Leiche liegen soll«, sagte Reuben, der Mühe hatte, mit Tylers langen, entschlossenen Schritten mitzuhalten. »Ich dachte, vielleicht hätten Sie Stimmen gehört, verstehen Sie, vielleicht reden die Toten mit Ihnen, und Sie sind längst im Bild.«

»Hau ab, Blödmann!«, rief Jennifer.

»Komm her, wenn du was willst«, erwiderte er.

Tyler stieß Jennifer an, als hätte er Angst, sie könnte Reubens Aufforderung Folge leisten. »Lass ihn, wir haben zu arbeiten.«

Einer der Polizisten hielt Reuben zurück, als er den Detectives in den Laden folgen wollte. Innen entdeckte Tyler zu seiner Freude Ben Ranier, ein Kollege, mit dem er schon öfter zusammengearbeitet hatte. Ben stand in einer Ecke, in der sich die Angestellten versammelt hatten. Ein Mädchen weinte, und ein älterer Mann tätschelte ihr die Schulter.

Ben löste sich aus der kleinen Gruppe und trat auf Tyler und Jennifer zu. »Tag, Tyler … Jennifer.«

»Ben.« Tyler nickte ihm zu.

»Ich war der Erste am Fundort«, sagte Ben mit finsterer Miene. »Ich habe mit dem Geschäftsführer gesprochen.« Er deutete auf den älteren Herrn, der das Mädchen tröstete. »Ich habe ihn gefragt, ob irgendwer heute den Hinterausgang benutzt hat, doch er hat das verneint. Er hat mir die hintere Tür aufgeschlossen, und ich habe mir die Leiche angesehen.«

Tyler hätte es nicht für möglich gehalten, dass Bens Miene noch finsterer werden könnte, doch da irrte er sich. »Wir haben sie hinter den Müllcontainern gefunden. Der Fall ist dein Bereich, Tyler, total verrückt.«

Jennifer wies mit einer Kopfbewegung auf die weinende junge Frau. »Kennt sie das Opfer?«

»Nein. Der Geschäftsführer hat alle Angestellten rausgeschickt, um zu sehen, ob jemand die Leiche identifizieren kann, aber noch bevor ich kam, hatten alle schon ausgesagt, dass sie sie noch nie gesehen haben.«

Na, prima, dachte Tyler verärgert. Dadurch wurde die Arbeit der Spurensicherung gehörig erschwert.

»Ob das stimmt, wird sich noch herausstellen«, rief Jennifer aus.

»Ich habe zwei Polizisten dazu abgestellt, den Fundort abzusperren«, sagte Ben.

»Schauen wir mal nach«, sagte Tyler. Als er aus dem klimatisierten Laden nach draußen trat, traf ihn die schwüle Luft wie ein Stoß vor die Brust. Er blickte zum Himmel hoch, wo die Unwetterwolken dunkler geworden waren und von Südwesten aufzogen. Donner grollte, kaum hörbar, doch für Tyler war das Geräusch wie ein Countdown.

»Hoffen wir, dass die Leute von der Spurensicherung bald eintreffen und rasch arbeiten, bevor das Wetter alle Spuren zunichtemacht«, sagte Tyler. Er und Jennifer nickten dem Officer zu, der seitlich neben dem großen Müllcontainer stand, und gingen weiter zur Rückseite des Gebäudes.

Jennifer entdeckte die Leiche zuerst, und ihr lautes Luftschnappen warnte Tyler vor dem Anblick. Der Anblick des Mädchens, das an den Container gelehnt saß, war scheußlich und löste Brechreiz in ihm aus. Nicht, weil die Szene so hässlich war, sondern vielmehr, weil Ben mit seiner Schilderung ins Schwarze traf – es war total verrückt.

Mit ihrem goldenen Fransenkleid sah sie aus, als käme sie direkt aus den wilden Zwanzigern. Die Beine seitlich abgeknickt, wirkte es, als hätte sie gerade Charleston getanzt, bevor der Tod sie plötzlich ereilte.

Ihr kurzes, lockiges Haar unter dem goldenen Stirnband saß perfekt, und ihr Schmollmund mit dem ausgeprägten Amorbogen leuchtete rot. Die Augenlider der Toten waren rußschwarz geschminkt und ihre Wimpern so kräftig getuscht, dass sie fast stachelig wirkten.

»Herrgott«, stieß Jennifer matt hervor. »Genau wie die Braut. Perfekt in Positur gebracht.«

Und eben das war Tyler auf den Magen geschlagen – er hatte auf Anhieb an Kerry Albright denken müssen. Dabei hatte er inständig gehofft, dass der Mord an Kerry ein Einzelfall sein möge, dass jemand sie aus einem ganz bestimmten Grund umgebracht hatte, einem Grund, der irgendwie mit dem Brautkleid zusammenhing. Aber sofern dieses junge Mädchen nicht auf dem Heimweg von einem Kostümfest ermordet worden war, ließen die Besonderheiten dieses Falls den Mord an Kerry in einem völlig anderen Licht erscheinen.

Zunächst sah sich Tyler in der näheren Umgebung um und stellte fest, dass es relativ einfach gewesen sein dürfte, mit einem Fahrzeug vorzufahren, die Leiche hinzudrapieren und dann wieder wegzufahren, ohne dass jemand etwas gesehen hatte. Leider waren auf dem Asphalt keine Reifenspuren auszumachen, die zur Identifizierung des Täterfahrzeugs hätten beitragen können.

»Sieh dich um, ob du irgendetwas findest, anhand dessen wir sie vielleicht identifizieren können«, sagte Tyler zu Jennifer und bat einen der uniformierten Officers, im Müllcontainer nachzuschauen, ob er dort eine Handtasche oder Ähnliches fand.

Während sie sich an die Arbeit machten, kniete sich Tyler neben das tote Mädchen, und sein Verstand verarbeitete rasch die weiteren Eindrücke. Sie war jung, vermutlich zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt. Wie bei Kerry, wies auch dieses Opfer keine Verletzungen auf, die auf eine Gegenwehr hätten schließen lassen. Ihre Fingernägel waren feuerrot lackiert und zeigten weder Risse noch Brüche.

Am Hals entdeckte er bläuliche Hämatome wie bei Kerry Albright. Diese waren, zusammen mit den petechialen Blutungen in den Augen des Opfers, eindeutige Hinweise auf einen Tod durch Erwürgen.

»Wir haben es mit einem Verrückten zu tun, stimmt’s?«, fragte Jennifer neben ihm. Ihre Suche in der Umgebung war offenbar erfolglos verlaufen.

»Du kennst mich, ich ziehe nicht gern voreilige Schlüsse, aber sagen wir so, ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Sache … Ich habe sogar ein sehr schlechtes Gefühl.« Tyler richtete sich auf, ohne den Blick von der Toten zu wenden, und fragte sich, was für Phantasien der Mörder hatte.

Er schien gut durchorganisiert und intelligent zu sein. Wenn sie nicht herausbekamen, was ihn motivierte, was der Anlass für die Kostümierung und das kunstvolle Drapieren der Körper war, dann würde dieser unbekannte Täter, so fürchtete Tyler, schwer zu fassen sein.

»Der Container ist leer«, meldete Officer Mathis wenige Minuten später. »Ich habe mit dem Geschäftsführer gesprochen, und er sagte, die Müllabfuhr hätte ihn gestern Nachmittag geleert.«

»Dann wissen wir jetzt mit einiger Sicherheit, dass die Leiche irgendwann letzte Nacht hier abgelegt worden ist«, schlussfolgerte Tyler. »Wäre sie schon hier gewesen, als die Müllabfuhr kam, hätte jemand sie entdeckt.«

Die Leute von der Spurensicherung kamen, und direkt über dem Fundort wurde eine große Plane gespannt, für den Fall, dass das Unwetter hereinbrach, bevor sie ihre Arbeit beendet hatten.

Tyler überwachte die Spurensicherung, und Jennifer machte sich Notizen, während das Donnergrollen über ihnen immer lauter wurde und grelle Blitze aus den schwarzen, aufgewühlten Wolken zuckten.

Um kurz nach sieben waren sie fertig, hatten alles eingesammelt, was zu finden war, und das Opfer sollte nun zur Autopsie in die Gerichtsmedizin gebracht werden.

Als Jennifer und Tyler zurück zum Wagen gingen, frischte der Wind auf, und die ersten Regentropfen prasselten nieder. Bevor sie ihr Fahrzeug erreicht hatten, holte Reuben sie ein.

»Wie ich hörte, handelt es sich um ein totes Mädchen, das im Stil der zwanziger Jahre gekleidet ist«, sagte er. »Können Sie das bestätigen?«

»Kein Kommentar«, antwortete Tyler.

»Ich habe gehört, sie trug ein Fransenkleid und ist erwürgt worden.« Reubens kurze Beine schafften es kaum, mit Jennifers und Tylers energischen Schritten mitzuhalten. »Besteht ein Zusammenhang zwischen diesem Opfer und dem Mädchen, das letzte Woche in einem Brautkleid gefunden wurde?«

»Kein Kommentar, habe ich gesagt«, schnauzte Tyler. »Morgen früh wird eine Pressemitteilung herausgegeben.«

Er stieg in seinen Wagen und knallte die Tür zu, während Reuben noch weiterquasselte. Als Jennifer eingestiegen war, startete er den Motor und war froh, dass das Klappern eines Ventils Reubens nervende Fistelstimme übertönte.

»Ich hatte gehofft, dass niemand eine Verbindung zwischen unserem Flapper-Opfer und der Braut sehen würde«, sagte er, als er den Parkplatz verließ und den Weg zum Polizeirevier einschlug.

»Vielleicht gibt es gar keine Verbindung«, erwiderte Jennifer, doch ihrem Tonfall entnahm er, dass sie selbst nicht daran glaubte.

»Wenn Reporter anfangen, Storys über Morde zu schreiben, die miteinander in Zusammenhang stehen, wird die Bevölkerung unruhig.« Tyler furchte die Stirn und umfasste das Steuer fester, als der auffrischende Wind an dem Wagen rüttelte.

»Den Chef macht so etwas nervös«, bemerkte Jennifer.

»Zum Teufel, ich bin im Moment auch ganz schön nervös.« Über ihnen krachte ein Donner. Noch am Fundort der Leiche hatten sie erfahren, dass es für die Gegend um Kansas City eine Unwetterwarnung gab.

Tyler störte der bevorstehende Sturm nicht, denn er ahnte bereits, dass der Sturm, der ihnen aufgrund der beiden jüngsten Fälle bevorstand, jeden Tornado wie einen leisen Windhauch aussehen lassen würde.


Annalise ging vor den Fenstern auf und ab und zuckte bei jedem Blitz und bei jedem Donnergrollen zusammen. Eigentlich fürchtete sie sich nicht vor Gewittern, doch wenn auf ihrem Lieblingssender häufiger Unwetterwarnungen als Musik gebracht wurde, machte sie das ein wenig nervös.

Im Frühling und Frühsommer konnte das Wetter in Kansas City wechselhaft sein, und an diesem Abend zeigte sich Mutter Natur besonders ungnädig.

Sie wich vom Fenster zurück, als erneut ein Donner krachte, und setzte sich an den Küchentisch, auf dem eine Tasse Tee langsam kalt wurde. Auf dem Tresen stand ihr kleiner, tragbarer Fernseher, den sie eingeschaltet hatte.

Es war einer dieser Abende, an denen sie sich wünschte, nicht allein zu wohnen, an denen sie sich jemanden zum Reden wünschte, der sie von Donner und Blitz ablenkte und von den piepsenden Warntönen, mit denen durchs Fernsehen ein Unwetter angekündigt wurde.

Langsam trank sie ihren Tee, wohl wissend, dass sie erst zu Bett gehen würde, wenn es keine Warnungen mehr gab.

Charlie hatte am Nachmittag angerufen und mit seiner übersprudelnden Energie die Monotonie des Tages durchbrochen. Das Telefon hatte beinahe vibriert, und wieder einmal empfand sie Bedauern darüber, dass sie der Familie ihres Vaters so lange den Rücken gekehrt hatte.

Beim Auflegen hatte sie beschlossen, sich demnächst einen Sonnabend für Charlie freizunehmen, an dem er bei ihr übernachten durfte. Aber nicht den kommenden Sonnabend, denn diesen Tag wollte sie mit Tyler verbringen. Der Gedanke an Tyler bannte wenigstens vorübergehend ihre Angst vor dem Unwetter.

Sie konnte sich nicht erinnern, bei Allen jemals so aufgeregt gewesen zu sein. Nein, kein Mann hatte je zuvor in ihrem Leben eine so köstliche Vorfreude in ihr ausgelöst.

Allerdings verstand sie nicht, warum sie immer wieder diese Momente völlig irrationaler Angst erlebte – ein Zeichen drohenden Unheils?

Auch an diesem Nachmittag hatte sie wieder dieses Gefühl beschlichen, als sie durch den Park zu Joey’s Restaurant zum Essen gegangen war. Es war ein unangenehmes Kribbeln am Rücken, das intensive Gefühl, heimlich beobachtet zu werden. Diese vage Empfindung bewirkte, dass sie die Luft anhielt, als befürchtete sie, dass eine Katastrophe über sie hereinbrechen würde.

Vielleicht war es nur eine Reaktion auf den veränderten Luftdruck wegen des Unwetters, überlegte sie. Vielleicht litt sie aber auch unter einer merkwürdigen Form von prämenstruellem Syndrom.

Sie trank ihren Tee aus und erhob sich vom Tisch. Vor dem Fenster boten ihr die unentwegt zuckenden Blitze eine echte Lightshow. Doch in einem hinteren Winkel ihres Bewusstseins saß die Erkenntnis, weshalb sie nervöser war als sonst.

Die Puppen. Warum schickte ihr jemand Puppen, die augenscheinlich vor Jahren gekauft worden waren?

Wenngleich sie die Puppen auch im Schrank verstaut hatte, hieß aus den Augen nicht zwangsläufig aus dem Sinn. Sie ging zum Wäscheschrank hinüber, nahm die beiden Schachteln aus dem Fach und stellte sie auf den Küchentisch.

Dann hob sie die Deckel ab, nahm die Puppen und die Zettel heraus, legte sie auf den Tisch und betrachtete sie.

Diese beiden Puppen waren entschieden wertvoller als alle, die unter Annalises Geschäftsführung hergestellt worden waren. Sowohl Braut-Belinda als auch Fanny-Flapper waren frühe Modelle, die als Sammlerstücke bei eBay einen stolzen Preis erzielen könnten.

Annalise hatte etwas gegen Dinge, die keinen Sinn ergaben, und die Tatsache, dass ihr jemand diese beiden Puppen geschickt hatte, ergab keinen Sinn. Auch nachdem sie die zwei Botschaften noch einmal gelesen hatte, war sie nicht schlauer.

Einem Impuls folgend, entkleidete sie die Puppen und untersuchte sie gründlich, um zu sehen, ob irgendetwas an ihnen verändert worden war. Doch alles war so, wie es sein sollte, einschließlich Lillian Blakelys Namenszug auf dem Rücken. Sie zog die Puppen wieder an und legte sie mitsamt den Zetteln in die Schachteln. Würde man ihr noch weitere Puppen zustellen? Würden weitere Botschaften erklären, was hier vorging?

Ohne Antworten auf ihre Fragen gefunden zu haben, brachte sie die Puppen wieder neben den Handtüchern und Waschlappen im Wäscheschrank unter. Als sie zurück in die Küche kam, stellte sie fest, dass das Schlimmste des Sturms überstanden war und dass nicht mehr länger vor Tornados gewarnt wurde, sondern nur noch vor Stürmen südlich der Stadt.

Jetzt konnte sie zu Bett gehen, ohne befürchten zu müssen, von einem Wirbelsturm bis nach Australien geschleudert zu werden. Wenn sich ihre Sorgen genauso leicht in nichts auflösten, könnte sie vielleicht sogar schlafen, ohne zu träumen.


Er liebte stürmisches Wetter. Vielleicht lag es daran, dass seine Mutter den Sturm gehasst hatte. Stürme gehörten zu den wenigen Dingen in ihrem Leben, die ihr Angst einjagten. Als sie jung und noch nicht bettlägerig gewesen war, hatte sie bei dem ersten Hinweis auf ein Unwetter alles für einen Umzug in den Keller vorbereitet.

Junge, hol meine Puppen und pass ja gut auf. Wir müssen sie in den Keller schaffen. Der Rest von diesem Dreckloch kann meinetwegen zum Teufel gehen, aber ich will, dass meine Babys in Sicherheit sind.

Das Dreckloch war das kleine, einstöckige Haus, in dem er bis zum Tod seiner Mutter gewohnt hatte. Das Haus, umgeben von Crackhöhlen und leerstehenden Wohnungen, hatte seine Mutter von ihrem Vater geerbt.

Schon als kleiner Junge hatte er oft gebetet, dass ein Tornado das Haus mitreißen würde, bevor seine Mutter und ihre kostbaren Puppen es die Treppe hinunter geschafft hatten.

Einmal hatte er eine der Puppen fallen lassen. Auf der engen Treppe hinunter in den feuchten Keller aus Betonstein war er auf der vorletzten Stufe gestolpert und so hart mit den Knien aufgeschlagen, dass er fast geglaubt hatte, sich die Kniescheiben gebrochen zu haben. Die Puppe, eine Kimono-Kim, war ihm aus der Hand gerutscht und über den Boden geschlittert.

Seine Mutter hatte losgekreischt: Was ist passiert? Herr im Himmel, was machst du denn da? Und nur einen verrückten Moment lang hatte er geglaubt, sie würde zu ihm eilen und nachsehen, ob ihm auch nichts geschehen war. Doch sie hatte sich bloß auf die Puppe gestürzt. Auf die verdammte Puppe.

Jetzt verließ er, begleitet vom Klang ihrer Stimme, die ein schmerzhaftes Chaos in seinem Bewusstsein hervorrief, seine Wohnung und ging in das Unwetter hinaus. Der Donner verbannte die Stimme seiner Mutter aus seinem Kopf, und er hob das Gesicht dem Regen entgegen und stellte sich vor, er würde jeglichen Gedanken an sie aus seinem Leben fortspülen.

Rastlos machte er sich auf den Weg zu seinem Wagen. Er würde ein Weilchen durch die Gegend fahren, Autofahren hatte oft eine beruhigende Wirkung auf ihn. Er fuhr nach Norden, in Richtung des Dollar General Stores an der North Oak, wo er am Vorabend Abschied von seiner jüngsten Kreation genommen hatte.

Und das war der Grund für seine heutige Unruhe. Er war wieder allein, nur die Fotos seiner Puppen leisteten ihm Gesellschaft. Was ihm fehlte, war ein neues Projekt. Sein Verlangen pulsierte mit fiebriger Hitze in seinem Inneren, doch an diesem Abend würde er keine neue Puppe finden, nicht, solange es regnete und Blitze am schwarzen Himmel zuckten.

Er ermahnte sich, dass er noch nicht bereit war für eine weitere Puppe, denn zunächst musste er entscheiden, welche er wiedererschaffen wollte. Dann folgten stundenlanges Nähen, Frisieren und Schminken.

Er war kein Experte im Nähen, sondern hatte sich viel anhand von Büchern aus der Bücherei und durch Übung beigebracht. Sein Entschluss, nähen zu lernen, war ein offener Akt des Widerstands gegen seine Mutter gewesen, die geglaubt hatte, dass jeder Junge, der nähte, schwul sein musste.

Kimono-Kim. Die hübsche Puppe mit dem kunstvollen Kostüm war wie eine Geisha geschminkt, und seit dem ersten Donnergrollen war sie ihm nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Sie würde eine Herausforderung darstellen. Er musste das ideale asiatische Mädchen finden, und es würde viele Stunden dauern, das Kostüm nachzunähen. Während die Details der neuen Puppe ihm im Kopf herumschwirrten, beruhigte er sich allmählich.

Es wäre schön, wenn er seinen eigentlichen Job aufgeben und sich ganz seinem künstlerischen Talent widmen könnte, doch das war nicht möglich.

Er drosselte das Tempo, als er sich der Einkaufsmeile näherte, zu der der Dollar General Store gehörte. Die Läden waren schon seit Stunden geschlossen, und von der Straßenseite her war nichts zu sehen. Er wagte es nicht, um den Laden herum auf den Hinterhof zu fahren, aber er hätte gern gewusst, ob Margie schon gefunden worden war. Natürlich war sie nicht mehr Margie, als er seine Arbeit beendet hatte. Da war sie zu einer Flapper-Fanny geworden.

Bestimmt hatte jemand auf seinen anonymen Anruf reagiert. Er wollte es – nein, es musste einfach sein –, dass jemand seine Arbeit sah, sein Talent erkannte und bewunderte.

Der Sturm flaute ab, und er wendete und wusste genau, wohin er jetzt fahren wollte. Minuten später parkte er den Wagen und machte sich auf den Weg zum Blakely Dollhouse … zu ihrem Haus.

Annalise. Ihr Name dröhnte in seinem Kopf, als er im Park stand und den Blick auf das Gebäude richtete, in dem die Lichter gelöscht waren.

Er blieb lange dort stehen und starrte zu den Fenstern im zweiten Stock hinauf, wo sie wohnte. Als er sich vorstellte, wie er ihre Puppe erschaffen würde, regte sich wieder Verlangen in ihm. Bei dem Drang, sie zu besitzen, sie zu erschaffen, schnürte es ihm beinahe die Luft ab.

Doch er war noch nicht bereit. Es war zu früh. Erst musste er sicherstellen, dass alle den Sinn seiner Puppen, seine Genialität erkannten, bevor er seine Arbeit mit ihr zum Abschluss brachte.

Trotzdem musste er ihr näherkommen, so nahe, dass er sich den Duft ihres Parfüms vorstellen konnte, diesen sanften, blumigen Duft. Er überquerte die Straße und ging seitlich an dem Gebäude vorbei. Vereinzelte Blitze spendeten ihm genug Licht, so dass er sich orientieren konnte.

Er wusste, wie das Haus von innen aussah, denn er war einmal hineingegangen, als es gerade renoviert wurde. Der Laden befand sich im Erdgeschoss, das Lager im ersten Stock und ihre Wohnung im Obergeschoss … Er war auf der Rückseite des Hauses angelangt und noch nicht bereit, in seine Wohnung zurückzukehren.

Der Regen tröpfelte aus den Dachrinnen, und die Holzverkleidung am Haus glänzte vor Nässe. Lag sie jetzt im Bett und plante eine neue Puppe?

Bald würde sie von ihm und von seiner Arbeit erfahren. Ob sein Genie sie faszinieren, sein Talent sie einschüchtern würde?

Er hoffte es. Er hoffte, dass sie Angst haben würde, so wie ihn die Angst gepackt hatte, wenn seine Mutter erwähnte, dass eine neue Blakely-Puppe auf den Markt kommen sollte.

Er ging an der anderen Seite des Gebäudes entlang und blieb wie erstarrt stehen. Vor Aufregung spürte er ein Kribbeln am ganzen Körper. Die Feuerleiter aus Metall war früher einmal leuchtend rot gewesen, jetzt ähnelte die Farbe nur noch einem rostigen, abgenutzten Braun. Doch es war nicht die Feuerleiter, die seine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Es war das offene Fenster im ersten Stock, gleich rechts neben der Leiter. Dieses Fenster war nur einen zentimeterbreiten Spalt geöffnet, doch es lockte ihn mit einem Sirenengesang, der Erfüllung und Hochgefühl versprach.

Wenn ein Mann auf der Feuerleiter stand, konnte er dieses Fenster problemlos erreichen. Er konnte es sogar weit genug öffnen, um hindurchzuschlüpfen. Er zitterte am ganzen Körper, als er sich vorstellte, sie zu nehmen, einfach ihr Loft zu betreten und an ihrem Bett zu stehen, während sie schlief.

Die Vorstellung ließ ihn hart werden, als er sich ihren Schock, ihr Entsetzen ausmalte, bevor er sie erwürgte. Schon an diesem Abend hätte er ihr zur Unsterblichkeit verhelfen können, aber er war noch nicht bereit.

»Geduld«, flüsterte er und atmete tief und schaudernd durch. Seine Mutter hatte ihn immer als ungeduldige kleine Rotznase bezeichnet, doch er brachte genug Geduld auf, um zu warten, bis alles vorbereitet war. Und das Warten ließ sich nicht vermeiden. Als er sich von dem Gebäude entfernte, sang sein Herz, weil das Fenster trotz des Regens offenstand. Und das wiederum hieß, sie hatte vergessen, das Fenster zu schließen.

Angst sei dein Begleiter: Thriller
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