10
Am folgenden Montag begann der Prozess gegen Lyman Breeland und Merrit Alberton, die des gemeinsamen Mordes in der Tooley Street angeklagt waren.
Oliver Rathbone war so gut vorbereitet, wie es ihm die Informationen, über die er verfügte, erlaubten. Aus dem, was er von Monk wusste, schloss er, dass Breeland die Morde nicht selbst begangen hatte. Aber die Geschworenen davon zu überzeugen, dass Breeland die Mörder nicht angestiftet und nicht davon profitiert hatte, das zu beweisen stand auf einem ganz anderen Blatt. Auch war Rathbone sich der Tatsache bewusst, dass sein Klient nicht über einen Charakter verfügte, der ihm die Sympathie der Jury gesichert hätte.
Noch am Freitag hatte er sowohl mit Merrit als auch mit Breeland gesprochen. Er hatte erwogen, Breeland nahe zu legen, ein versöhnlicheres Betragen, größere Bescheidenheit, ja sogar Bedauern für die Tragödie von Albertons Tod zu zeigen, doch er war zu der Auffassung gekommen, dass es ein vergeblicher Versuch sein würde und womöglich gar ein Verhaltensmuster zur Folge haben würde, das ganz offensichtlich von Falschheit geprägt war.
Als nun im Gerichtssaal zur Ordnung gerufen wurde und die Verhandlung begann, sah Rathbone Breeland, der auf der Anklagebank saß, ins Gesicht. Es wirkte ausdruckslos, und Breeland starrte geradeaus, als ob er keinerlei Interesse an den Menschen hätte, die hier versammelt waren, und ihnen keinerlei Respekt entgegenbrächte, so dass Rathbone wünschte, er hätte ihn gewarnt, wie teuer ihn dieses Verhalten zu stehen kommen könnte.
Merrit dagegen sah jung und verängstigt aus, und sehr verletzlich. Ihre Haut war blass, ihre Augen blau umschattet, und ihre Hände klammerten sich so heftig um die Brüstung, dass man leicht glauben könnte, sie hielte sich fest, um sich davor zu bewahren, von der Bank zu fallen. Während Rathbone sie beobachtete, straffte sie die Schultern, hob das Kinn leicht an und sah zu Breeland auf. Zögerlich streckte sie die Hand aus und berührte seinen Arm.
Der Anflug eines Lächelns bewegte seine Lippen, aber er sagte kein Wort zu ihr. Vielleicht wollte er nicht, dass das Gericht etwaige Gefühle in ihm wahrnahm. Vielleicht war er auch der Auffassung, Liebe sei eine private Angelegenheit, die er nicht mit jenen teilen wollte, die gekommen waren, ihn anzustarren und zu verurteilen.
Rathbone war sich Judith Albertons Anwesenheit bewusst, wie auch die meisten der anderen Menschen im Gerichtssaal. In ihrer Haltung und dem, was von ihrem Gesicht zu sehen war, lag eine bemerkenswerte Schönheit. Er sah, wie sich die Menschen gegenseitig anstießen, als sie eintrat, und mehrere Männer waren unfähig, ihre Bewunderung für die Frau und das Interesse an ihr aus ihren Gesichtszügen zu bannen.
Rathbone fragte sich, ob sie es gewöhnt war, angestarrt zu werden, oder ob es ihr Unbehagen bereitete. Sie sah Merrit an, die immer noch zu Breeland gebeugt war, dann suchte sie Rathbones Blick. Es war nur ein flüchtiger Blick, dann setzte sie sich, und er konnte ihre Augen durch den Schleier nicht erkennen. Er stellte sich die Verzweiflung vor, die sie empfinden musste. All die Hilfe, die andere Menschen ihr gaben, konnte die Einsamkeit und die Angst vor diesen Tagen nicht lindern.
Hester war bei ihr. Sie war in dunkle, sanfte Grautöne gekleidet, und das Licht spielte auf ihrer hellen Haut und einem kleinen weißen Spitzenkragen. Den Schwung ihres Halses und die ihr eigene Kopfhaltung hätte er überall erkannt. Die größte Schönheit der Welt hätte seinen Atem nicht mit einem solchen Schmerz von Vertrautheit zum Stocken bringen können.
Rathbone sah, wie Breeland sich plötzlich versteifte und der Ausdruck äußerster Missachtung sein Gesicht überzog. Rathbone folgte seinem Blick. Ein schlanker, dunkelhaariger Mann hatte den Saal betreten und bahnte sich seinen Weg zu einem freien Platz am Rand der Sitzreihen. Er bewegte sich mit ungewöhnlicher Grazie und verursachte keinerlei Geräusch und setzte sich auf einen Platz, der es nicht nötig machte, sich bei jemandem zu entschuldigen. Seine auffallenden Augen studierten Judith Alberton, obwohl ihm die Sonne geradewegs in die Augen schien und er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Rathbone fragte sich, ob das Philo Trace war. Dass es nicht Casbolt war, wusste er, da er ihn bereits kennen gelernt hatte.
Ihm gegenüber auf der anderen Seite des Gangs erhob sich Horatio Deverill, um die Verhandlung zu eröffnen. Er war ein großer Mann, in seiner Jugend war er schlank gewesen, jetzt aber rundete er sich um die Leibesmitte. Seine einst schönen Gesichtszüge waren gewöhnlicher geworden, drückten aber immer noch Kraft und Charakterstärke aus. Aber es war seine Stimme, die Aufmerksamkeit gebot und einen förmlich zwang, ihm zuzuhören. Sie war kräftig, galt als sein Markenzeichen, und er hatte eine perfekte Aussprache. Schon unzählige Geschworene waren von ihr wie hypnotisiert gewesen. Niemand ließ seine Gedanken wandern, wenn er das Wort ergriff.
»Gentlemen«, begann er und lächelte den Geschworenen zu, die aufrecht und verlegen auf ihren hohen, geschnitzten Stühlen saßen. »Ich werde Ihnen nun von einem abscheulichen und schrecklichen Verbrechen berichten. Ich werde Ihnen vor Augen führen, wie ein ehrenwerter Herr, einer wie Sie und ich, einer Verschwörung zum Opfer fiel, um erst beraubt und dann ermordet zu werden, wegen der Beschaffung von Waffen für einen tragischen Konflikt, der im Moment in Amerika ausgetragen wird, Bruder gegen Bruder.«
Im Saal erhob sich ein Raunen des Schreckens und der Anteilnahme.
Rathbone war nicht überrascht. Er hatte damit gerechnet, dass Deverill auf jede gefühlsmäßige Reaktion setzen würde, die er nur erzielen konnte. Er war ebenfalls dazu in der Lage, würde er annehmen, damit einen Fall gewinnen zu können. Kleine Etappensiege waren ihm gleichgültig, ihn interessierte lediglich der Urteilsspruch.
»Und ich werde Ihnen zeigen«, fuhr Deverill fort, »dass dieses Verbrechen nicht nur eine Beleidigung der Gesetze unseres Landes und der Gottes darstellt, sondern der Naturgesetze selbst, die von jeder Rasse und Nation der gesamten Menschheit anerkannt werden. Es wurde auf Geheiß und zum Vorteil des Angeklagten, Lyman Breeland, ausgeführt. Aber, meine Herren, dieses Verbrechen wurde unterstützt und gutgeheißen von der eigenen Tochter des Opfers, Merrit Alberton.«
Er erzielte den gewünschten Laut des Erschreckens, der sich durch den ganzen Raum zog.
»Breeland hatte ihr den Kopf verdreht«, fuhr er fort.
»Was er tat, um ihre Besessenheit herbeizuführen, das kann ich nicht beweisen, daher werde ich auch gar nicht versuchen, es Ihnen zu erzählen, aber es möge genügen, zu sagen, dass sie nach der schrecklichen Tat noch in derselben Nacht mit ihm nach Amerika floh.« Er schüttelte den Kopf. »Und es ist nur den hervorragenden Diensten eines privaten Ermittlers zu verdanken, den ihre Mutter engagierte, die Witwe des ermordeten Mannes, dass sie und Breeland, unter Waffengewalt, in dieses Land zurückgebracht werden konnten, um sich Ihnen und Ihrer Entscheidung, auf welche Art der Gerechtigkeit Genüge getan werden soll, zu stellen. Zu diesem Zweck, hohes Gericht…« Mit diesen Worten wandte er sich nun endlich an den Richter, einen hageren Mann mit markanten Gesichtszügen und silbergrauen Augen.
»Zu diesem Zweck rufe ich meinen ersten Zeugen auf, Robert Casbolt.«
Lebhaftes Interesse erwachte, als Casbolt den Saal betrat und den freien Platz vor der Richterbank und den Geschworenen überquerte, um die kurze Wendeltreppe zum Zeugenstand hinaufzusteigen. Er war tadellos in dunkles Grau gekleidet, und er sah blass, aber gefasst aus. Nicht einmal der Schatten des Lächelns, das er so gerne zeigte und das sich in seine Mundwinkel eingegraben hatte, umspielte seine Lippen.
Er leistete den Eid bezüglich seines Namens und seines Wohnsitzes und wartete gelassen auf Deverills erste Frage. Einmal warf er einen kurzen Blick auf Judith, wobei seine Züge weicher wurden, aber es dauerte nur einen Augenblick. Er sah aus wie ein Mann bei einer Beerdigung. Er schaute nicht ein Mal zur Anklagebank.
»Mr. Casbolt…«, begann Deverill und lächelte entschuldigend, wobei er wie ein Schauspieler über die freie Fläche stolzierte. Obwohl er diese Vorstellung ausschließlich für die Geschworenen gab, sah er nicht ein einziges Mal in ihre Richtung. »Ich weiß sehr wohl, dass dies für Sie sehr schmerzhaft sein muss, Sir. Trotzdem ist es nötig, und ich hoffe, Sie haben Nachsicht mit mir, während ich das Gericht durch die Ereignisse geleite, die zu der Tragödie führten. Sie waren sich fast all dieser Vorkommnisse bewusst, obwohl Sie keine Ahnung haben konnten, zu welch schrecklichem Ende sie führen würden.«
Rathbone betrachtete die Jury Die Männer waren im Alter zwischen vierzig und sechzig Jahren und wirkten ehrbar und wohlwollend wie fast alle Juroren. Bei ihrer Auswahl wurden gewisse Anforderungen an Eigentumsverhältnisse gestellt, die viele jüngere Männer oder Angehörige niedriger gesellschaftlicher Schichten ausschloss. Sie lauschten mit ernsten, niedergeschlagenen Mienen und konzentrierten sich auf jedes Wort, das gesprochen wurde.
»Mr. Casbolt, würden Sie dem Gericht mitteilen, wann und unter welchen Umständen Sie Lyman Breeland das erste Mal trafen?«
»Natürlich«, erwiderte Casbolt leise, doch seine Stimme durchdrang mit vollkommener Klarheit das schwache Rascheln im Saal. »Ich kann mich nicht an das genaue Datum erinnern, aber es war Anfang Mai dieses Jahres. Er machte seine Aufwartung in Daniel Albertons und meinen Geschäftsräumen.« Er zuckte leicht mit einer Schulter. »Er war an dem Bereich unseres Geschäftes interessiert, der sich mit dem Handel von Waffen beschäftigt.«
»Und was sagte Mr. Breeland zu Ihnen?«, fragte Deverill unschuldig.
»Dass er ermächtigt worden sei, für die Union Waffen zu erwerben, die diese für den Fall des kriegerischen Konfliktes in Amerika brauchen würde«, antwortete Casbolt. »Er sagte, sein Vorgesetzter hätte ihm eine große Geldsumme anvertraut, annähernd dreiundzwanzigtausend Pfund, die bei der Bank von England hinterlegt worden seien.«
Ein Laut des Erstaunens ging durch den Saal. Der Betrag war ein Vermögen, das jenseits des Vorstellungsvermögens der meisten Menschen lag. Mehrere Menschen sahen zu Breeland auf der Anklagebank hoch, doch der ignorierte sie geflissentlich und richtete den Blick auf Deverill.
»Haben Sie das Geld gesehen?«, fragte Deverill, wobei seine Stimme vor Ehrfurcht leiser klang.
»Nein, Sir. Niemand hätte von ihm erwartet, das Geld bei sich zu haben«, antwortete Casbolt. »Es ist… ein Vermögen!«
»Das ist es in der Tat. Aber er sagte Ihnen und Mr. Alberton, dass die Regierung der Nordstaaten von Amerika ihn mit dem Geld geschickt hatte, um dafür Waffen zu erwerben, ist das richtig?«
»Waffen und Munition, ja, Sir.«
»Und Sie glaubten ihm?«
»Wir hatten keinen Grund, an seinen Worten zu zweifeln, und einen solchen Grund habe ich immer noch nicht«, erwiderte Casbolt. »Er legte uns Beglaubigungsschreiben vor, unter denen sich sogar eines von Abraham Lincoln mit dem Siegel des Präsidenten der Vereinigten Staaten befand. Sowohl Daniel Alberton als auch ich waren bestens über die eskalierenden Feindseligkeiten jenseits des Atlantiks informiert, und natürlich waren wir uns auch der Tatsache bewusst, dass Repräsentanten der Union als auch der Konföderierten derzeit Waffen erwarben, wo immer solche irgendwo in Europa zum Verkauf angeboten wurden.«
»So ist es«, stimmte Deverill zu. Er schob seine Daumen in die Armausschnitte seiner Weste, starrte auf die polierten Spitzen seiner Stiefel und sah dann zu Casbolt hoch. »Hatten Sie oder Mr. Alberton vorher schon einmal Waffen an eine der beiden Parteien dieses Krieges verkauft?«
»Nein, das hatten wir nicht.«
»Und Sie sind sicher, dass Daniel Alberton keine, nennen wir es einmal ›private Abmachung‹ mit Lyman Breeland getroffen hatte, von der Sie oder Mr. Trace nichts wussten?«, fuhr Deverill umgehend fort.
Casbolts Gesicht überzog sich mit einer sonderbaren Mischung von Gefühlen, die jedoch nur zu offensichtlich allesamt schmerzlich waren. Seine Augen flogen zu Judith, die in der ersten Reihe der Besucherbänke saß.
Jedermann im Raum musste die Spannung und den persönlichen Kummer spüren.
Rathbone sah zu Breeland hoch. Dieser beobachtete das Geschehen aufmerksam, aber wenn er Zorn oder Angst verspürte, dann hatte er sich gut unter Kontrolle. Doch sein Stolz würde ihm keinen guten Dienst erweisen. Er wirkte zu gleichgültig. Bei nächster Gelegenheit würde Rathbone ihn darauf aufmerksam machen, ob es nun etwas nützte oder nicht.
»Sind Sie sicher?«, hakte Deverill nach.
Casbolt richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Deverill.
»Der andere Grund war, dass Daniel Alberton mein Freund und einer der ehrenwertesten Menschen war, die ich je gekannt habe. In fünfundzwanzig Jahren habe ich niemals erlebt, dass er auch nur ein Mal sein Wort gebrochen hätte.« Seine Stimme brach. »Von einem Geschäftspartner kann man nicht mehr verlangen, zumal seine Aufrichtigkeit mit Können und Wissen gekoppelt war.«
»In der Tat, das könnte man nicht«, stimmte Deverill mit sanfter Stimme zu und warf einen kurzen Blick auf die Geschworenen.
Rathbone fluchte verhalten. Er hatte es sich niemals leicht vorgestellt, Deverill zu schlagen, aber die Aufgabe wurde von Minute zu Minute schwieriger. So brillant und skrupellos Rathbone auch sein mochte, die Wahrheit konnte er nicht verändern, und das würde er auch nicht versuchen.
»Wie genau sah die Vereinbarung aus, die Sie mit Mr. Trace getroffen hatten?«, fragte Deverill unbefangen.
»Daniel hatte ihm sein Wort gegeben, ihm sechstausend Musketen mit gezogenem Lauf der Marke P1853 Enfield zu verkaufen«, erwiderte Casbolt.
Deverill war höchst zufrieden. Sein Gesicht glühte regelrecht. Rathbone wusste, dass die Geschworenen das zur Kenntnis nahmen und die Wichtigkeit dieser Information entsprechend beurteilen würden. Sie glaubten, er hätte einen wesentlichen Punkt erzielt, wenngleich sie nicht verstanden, worin dieser bestand. Einer von ihnen, ein Mann mit breitem Backenbart, warf Breeland einen feindseligen Blick zu.
Merrit sah aus, als ob sie geschlagen worden wäre. Sie rutschte ein wenig näher an Breeland heran. Die Bewegung entging den Geschworenen nicht.
Auch Rathbone wusste, wie man Emotionen manipulieren konnte, obwohl er es zuweilen als abstoßend empfand. Er hätte sich die Sklavenfrage zunutze gemacht, eine Sache, die viele Engländer missbilligten, obwohl es auch eine große Anzahl unter ihnen gab, die den Süden favorisierten. Aber er vergaß keinen Augenblick, dass Hester neben Judith Alberton saß, und er wusste, wie sehr sie ihn für moralisch unredliches Verhalten verachtet hätte. Er war wütend auf sich selbst, dass er es zuließ, sich darüber zu ärgern.
»Warum war er bereit, an Mr. Trace Waffen zu verkaufen, Sir?«, fragte Deverill mit Unschuldsmiene.
»Sympathisierte er mit der Sache der Konföderierten?«
»Nein«, antwortete Casbolt. »Ich wusste nicht, dass er einer der beiden Seiten den Vorzug gegeben hätte. Das Einzige, was ich von ihm in dieser Hinsicht hörte, war, dass er Traurigkeit empfand, dass es wegen dieser Differenzen zum Krieg kommen musste. In den vorangegangenen Monaten hatte er gehofft, der Konflikt könnte durch Verhandlungen zu lösen sein. Er stimmte dem Verkauf zu, weil Mr. Trace vorstellig wurde und erpicht auf die Waffen war. Trace verteidigte seine Überzeugungen nicht. Er sagte lediglich, der Süden wolle sich die Freiheit erhalten, über sein eigenes Schicksal und seine Regierungsform selbst zu bestimmen, aber wenig mehr als das. Es war Mr. Breeland, der versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass seine Sache den Verkauf der Waffen an die Union weit mehr rechtfertigte als irgendetwas anderes.«
»Also erhielt Mr. Trace den Zuschlag nur, weil er der Erste war?«, folgerte Deverill.
»Ja. Als Beweis seines Vertrauens hinterlegte er die Hälfte des Kaufpreises. Die zweite Hälfte der Bezahlung sollte bei Lieferung der Waffen und der Munition geleistet werden.«
»Breeland aber versuchte, Mr. Alberton dazu zu überreden, sein Versprechen zu brechen und ihm die Gewehre zu verkaufen?«
»Ja. Er war äußerst hartnäckig… es grenzte bereits an Unerfreulichkeit.«
Casbolts Gesicht drückte Bedauern aus, fast schon einen Selbsttadel, als ob er die Tragödie hätte vorhersehen müssen.
Schnell griff Deverill seine Worte auf. »Welcher Art von Unerfreulichkeit? Bedrohte er jemanden?«
»Nein… nicht, soweit ich weiß.« Casbolts Stimme war leise, seine Gedanken konzentrierten sich auf die tragische Vergangenheit. »Er beschuldigte Daniel, die Sklavenhaltung zu favorisieren, was dieser natürlich nicht tat. Breeland vertrat sein Anliegen leidenschaftlich, sowohl die Abschaffung der Sklaverei als auch den Erhalt der Union sämtlicher Staaten Amerikas, ungeachtet deren eigener Wünsche. Häufig kam er auf seine Überzeugung – seine Obsession – zu sprechen, dass dem Süden die Unabhängigkeit, er nannte es die ›Sezession‹, nicht gestattet werden dürfte. Ich gestehe, ich kenne den Unterschied nicht.« Nun huschte ein schwaches Lächeln über sein Gesicht.
Deverill riss die Augen weit auf. »Ich auch nicht, um aufrichtig zu sein.« Andeutungsweise zeigte er auf die Anklagebank, aber er sah nicht hinauf. »Aber zum Glück ist das auch nicht unsere Sorge.« Damit vergaß er das Thema. »Bei seinen Versuchen, Mr. Albertons Entscheidung bezüglich der Waffen rückgängig zu machen – suchte er ihn in seinen Geschäftsräumen auf oder zu Hause, wissen Sie das?«
»Beides, wie er mir erzählte, aber ich selbst weiß, dass er öfter in Albertons Haus vorstellig wurde, denn bei einem halben Dutzend von Gelegenheiten war auch ich anwesend. Er wurde stets freundschaftlich empfangen, und er akzeptierte dies.«
Wieder warfen einige der Geschworenen Breeland hasserfüllte Blicke zu.
»Es hat etwas ganz besonders Verabscheuungswürdiges an sich, am Tisch eines Mannes zu speisen, aufzustehen und ihn anschließend zu ermorden. Jede Gesellschaft verabscheut solches Verhalten«, sagte Deverill versonnen und mit leiser Stimme, dennoch darauf bedacht, bis in die letzte Ecke des Saales gehört zu werden.
Der Richter warf Rathbone einen kurzen fragenden Blick zu. Er hätte Widerspruch gegen den irrelevanten Kommentar einlegen können, doch er war lediglich in juristischer Hinsicht irrelevant, und das wussten jeder Mann und jede Frau im Gerichtssaal. Er hätte dadurch nur seine eigene Verzweiflung verraten, also schüttelte er leicht den Kopf.
Casbolt seufzte und schauderte ein wenig. »Nicht so sehr, wie ich es verabscheuen müsste.« Seine Stimme klang gepresst. Obwohl er mehrere Meter von ihm entfernt saß, war Rathbone, der zu dem Mann im Zeugenstand emporsah, von dessen Gefühlen bewegt. Sie waren zu aufrichtig, als dass jemand daran hätte zweifeln können oder nicht von ihnen berührt gewesen wäre.
Im Saal wurden Äußerungen des Mitgefühls laut. Eine Frau zog die Nase hoch. Einer der Juroren schüttelte bedächtig den Kopf und sah zu Merrit auf der Anklagebank hoch.
Rathbone wandte den Kopf, um Judith anzusehen, aber ihr Gesicht wurde von ihrem Schleier verdeckt. Er bemerkte, dass auch Philo Trace sie beobachtete, und auch ihm standen die Gefühle offen ins Gesicht geschrieben. In dem Augenblick erkannte Rathbone, dass Trace Judith liebte, still und ohne eine Erwiderung seiner Gefühle zu erwarten. Er wusste es mit tiefstem Verständnis, denn er liebte Hester auf die gleiche Weise. Die Zeit, als sie seine Gefühle erwidert hatte, war vorüber. Vielleicht war es auch nur eine Illusion, dass dies je der Fall gewesen war.
Deverill hatte aus dem Schweigen gesogen, was er nur konnte. Er nahm seine Befragung wieder auf.
»Haben Sie bemerkt, dass Miss Alberton seine Aufmerksamkeiten erwiderte?«, fragte er.
»Sicherlich.« Casbolt räusperte sich. »Sie ist erst sechzehn Jahre alt. Ich glaubte, ihr Verliebtsein würde sich von selbst legen, sobald Breeland die Rückreise nach Amerika angetreten hatte.«
Instinktiv sah Rathbone zu Merrit hoch und bemerkte die Pein und den Trotz in ihrem Gesicht. Sie beugte sich nach vorn, als ob sie ihnen die Wahrheit mitteilen wollte, wie sehr sie Breeland tatsächlich liebte, aber sie durfte nicht sprechen.
Casbolt fuhr fort. »Er war Offizier der Armee.« Plötzlich bahnte sich die Wut ihren Weg, rauh und hart klang sie aus seiner Stimme. »Er war kurz davor, sich fünftausend Meilen von England entfernt in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Er befand sich keineswegs in einer Position, die es ihm erlaubt hätte, sich einer Frau zu erklären, geschweige denn einem Kind in Merrits Alter! Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass er das tun würde! Ich glaube auch nicht, dass ihrem Vater der Gedanke gekommen war. Und wenn Breeland diesen abwegigen Entschluss gefasst hatte, diese Unverschämtheit besessen haben sollte, das zu tun, hätte Daniel ihn selbstverständlich abgewiesen.«
Breeland rutschte unruhig auf der Anklagebank umher, aber auch er konnte sich noch nicht verteidigen.
»Wenn Breeland sie liebte«, fuhr Casbolt fort, »und ein ehrenwerter Mann gewesen wäre, hätte er gewartet, bis der Krieg vorüber wäre, und hätte dann angemessen um ihre Hand angehalten, wenn er sie unterhalten und für sie sorgen könnte, wie ein Mann das tun sollte. Wenn er ihr ein Heim hätte bieten können… und sie nicht inmitten von Fremden in einer belagerten Stadt hätte zurücklassen müssen, während er in eine Schlacht zog, aus der er vielleicht niemals oder verkrüppelt zurückkehren würde und nicht in der Lage wäre, für ihren Unterhalt Sorge zu tragen.« Er zitterte, während er sprach, hatte die Hände um die Brüstung geklammert, und sein Gesicht war weiß.
Er hatte nicht einen einzigen Umstand genannt, der Breeland mit dem Mord an Daniel Alberton in Verbindung gebracht hatte, aber er hatte ihn in den Augen jedes Anwesenden verdammt, und Deverill wusste das. Das zeigte sich auch in der selbstbewussten Haltung des Anklägers und in der samtigen Glätte seiner Stimme.
»Das ist richtig, Mr. Casbolt. Ich bin sicher, wir alle empfinden wie Sie und hätten wahrscheinlich keinen größeren Weitblick gehabt und die Tragödie ebenso wenig vorhergesehen. Niemand tadelt Sie, und außerdem ist man im Nachhinein stets klüger. Könnten Sie uns nun berichten, was Sie in der Nacht von Daniel Albertons Tod beobachteten…?«
Casbolt schloss die Augen, seine Hände umklammerten immer noch die Brüstung.
»Geht es Ihnen gut, Mr. Casbolt?«, fragte Deverill besorgt. Er trat auf ihn zu, als befürchtete er tatsächlich, Casbolt könnte zusammenbrechen.
»Ja«, presste Casbolt hervor. Er atmete tief durch und hob den Kopf, dann fixierte er mit starren Augen die holzvertäfelte Wand über den Besucherreihen. »Vom früheren Abend weiß ich nur das, was ich gehört habe. Ich nehme an, sie werden auch Mr. Monk in den Zeugenstand rufen, der damals anwesend war. Er kann Ihnen erzählen, was er sah und hörte. Ein Dinner mit Freunden hatte sich sehr lange hingezogen, und ich war noch nicht zu Bett gegangen. Es war ungefähr halb vier Uhr morgens, als mir ein Bote eine Nachricht von Mrs. Alberton brachte.«
»Beweisstück Nummer eins, Euer Ehren«, sagte Deverill zum Richter.
Der Richter nickte, woraufhin ein Gerichtsdiener Casbolt ein Blatt Papier reichte.
»Ist das die Nachricht, die Sie erhielten?«, fragte Deverill.
Casbolts Hand zitterte, als er sie nahm. Nur mit Schwierigkeiten gelang es ihm, zu sprechen. »Ja, das ist sie.«
»Würden Sie sie bitte vorlesen?«, bat Deverill. Casbolt räusperte sich.
»›Mein lieber Robert: Verzeihe mir, dass ich dich zu dieser Stunde störe, aber ich bin in größter Angst, dass etwas Ernsthaftes geschehen sein könnte. Daniel und Merrit hatten heute Abend einen schrecklichen Streit. Mr. Breeland und Mr. Monk waren hier. Mr. Breeland schwor, dass er sich in dieser Angelegenheit nicht geschlagen geben würde, ungeachtet dessen, was es ihn kosten möge. Merrit verließ das Haus. Vor einer Stunde entdeckte ich, dass sie eine Reisetasche gepackt hatte und verschwunden war, ich fürchte, sie ging zu Breeland. Daniel verließ das Haus kurz nach dem Streit. Er muss sich auf die Suche nach ihr begeben haben, doch er kam nicht zurück. Bitte finde ihn und hilf uns. Er ist sicher völlig aufgelöst.‹«
Er sah hoch, seine Stimme klang erstickt, als ob er gegen die Tränen ankämpfte. »Der Brief ist mit ›Judith‹ unterzeichnet. Natürlich zögerte ich nicht länger als einen Moment, um zu überlegen, wie ich vorgehen sollte. Ich kam zu dem Schluss, am besten würde es sein, Mr. Monk hinzuzuziehen, für den Fall, dass es Unannehmlichkeiten geben würde. Ich hatte vor, mich gemeinsam mit Mr. Monk umgehend zu Breelands Wohnung zu begeben, um, wenn nötig, Merrit mit Gewalt zurück nach Hause zu bringen… bevor ihr Ruf ruiniert wäre.« Ein Anflug von Galgenhumor huschte über sein Gesicht, verschwand und wurde vom Ausdruck tiefer Trauer abgelöst.
Bedächtig nickte Deverill mit dem Kopf.
Die Geschworenen sahen angemessen betroffen vor sich hin.
Der Richter warf Rathbone einen kurzen Seitenblick zu, um zu sehen, ob er eine Frage hätte, aber es gab nichts, was er zu fragen gehabt hätte.
»Bitte fahren Sie fort«, bat Deverill. »Ich nehme an, Sie machten sich auf den Weg zu Mr. Monk?«
»Ja«, stimmte Casbolt zu. »Ich weckte ihn und berichtete ihm kurz, was sich zugetragen hatte. Er begleitete mich zunächst zu Breelands Wohnung, die bereits verlassen war. Wir wurden vom Nachtportier eingelassen, der uns mitteilte, Breeland sei mit einer jungen Dame fortgefahren …«
Wieder sah der Richter Rathbone an.
»Kein Einspruch, Euer Ehren«, sagte Rathbone laut und vernehmlich. »Ich habe die Absicht, den Nachtportier selbst in den Zeugenstand zu rufen. Er verfügt über Informationen, die Mr. Breelands Version der Ereignisse unterstützt.«
Der Richter nickte und wandte sich wieder Casbolt zu.
»Bitte beschränken Sie sich auf das, was Sie wissen, ohne zu berichten, was andere Ihnen erzählt haben.«
Casbolt nickte zum Zeichen, dass er sich daran halten wollte, und fuhr mit seinem Bericht fort. »Nach dem, was uns der Nachtportier gesagt hatte, eilten wir zurück zu meiner Kutsche, die vor dem Haus wartete, und fuhren zum Lagerhaus in der Tooley Street.« Einen Moment lang hielt er inne, um sich zu fassen. Es war ganz offensichtlich ein innerlicher Kampf. Jeder im Raum konnte erkennen, dass die Ereignisse jener Nacht so überwältigend gewesen waren, dass er sich auf den Hof und zu all dem Grauen, das er dort erblickt hatte, zurückversetzt fühlte. Er sprach mit harter, fast tonloser Stimme, als ob er es nicht ertragen könnte, sich an diese Situation zu erinnern.
Rathbone hörte aufmerksam zu und fand den Bericht erschreckender als den, den er von Monk über jene Nacht erhalten hatte. Casbolt schien die Ereignisse noch einmal zu erleben, und das verlieh seinen Worten eine noch größere Eindruckskraft. Wenn er jetzt die Juroren um ein Urteil gebeten hätte, sie hätten Breeland und Merrit noch heute aufgehängt und selbst den Hebel für die Falltür betätigt.
Casbolt hatte das Auffinden der Leichen in ihren grotesken Stellungen lediglich mit kurzen Worten umrissen, die Beschreibung war fast zu karg, um ein Bild erstehen zu lassen. Sein Grauen füllte den ganzen Saal. Kein Mensch hätte solche Gefühle, die sich ins Gedächtnis eingebrannt hatten, spielen können.
Er erwähnte nichts von der Uhr, die sie gefunden hatten, und Deverill musste ihn daran erinnern.
Casbolt erschrak. »Oh. Ja. Mr. Monk fand sie. Er hob sie auf. Breelands Name war eingraviert, und ein Datum. Aber an das erinnere ich mich nicht.«
»Aber Lyman Breelands Name stand darauf, dessen sind Sie sich sicher?«
»Natürlich.«
»Ich danke Ihnen. Nur eine Frage noch, Mr. Casbolt.«
»Ja?« Er sah verwirrt aus.
»Verzeihen Sie mir eine solche Frage, Sir«, entschuldigte sich Deverill. »Nur für den Fall, dass sich jemand fragen oder mein geschätzter Kollege diese Frage aufwerfen würde, erlauben Sie mir, ihm die Mühe zu ersparen. Wo genau hielten Sie sich an jenem Abend auf, bevor Sie die Nachricht von Mrs. Alberton erhielten? Sie sagten, Sie hätten mit Freunden zu Abend diniert?«
»Ja, in Lord Harlands Haus am Eaton Square. Ich fürchte, die Gesellschaft zog sich weit länger hin als erwartet. Ich kam erst kurz nach drei Uhr morgens nach Hause. Daher war ich auch noch wach, als der Bote kam.«
»Verstehe. Vielen Dank.« Mit einer schwungvollen Geste wandte Deverill sich an Rathbone und lud ihn mit einem Wink ein, die Befragung fortzusetzen.
Casbolt hatte nichts vorgebracht, was Rathbone in Frage stellen wollte, nichts, was er noch klarzustellen wünschte. Rathbone hätte das Verfahren gerne in die Länge gezogen, in der Hoffnung, Monk würde noch auf Informationen stoßen. Doch Deverill würde es auf jeden Fall bemerken, vielleicht sogar auch die Geschworenen.
Er erhob sich halb von seinem Platz. »Ich habe keine Fragen an den Zeugen, Euer Ehren.«
»Gut. Dann ziehen wir uns zur Mittagspause zurück«, sagte der Richter düster.
Rathbone hatte den Gerichtssaal kaum verlassen, als er Judith Alberton und Hester auf sich zukommen sah.
Philo Trace war nur wenige Schritte von ihnen entfernt, aber er näherte sich ihnen nicht. Rathbone schoss die Frage durch den Kopf, welchen Part genau Philo Trace in dem Waffenhandel gespielt hatte. Könnte er derjenige gewesen sein, der versucht hatte, Alberton zu erpressen, sodass dieser sich geweigert hatte, mit Breeland Verhandlungen zu führen… weil er es nicht gewagt hatte? War Monk der Katalysator gewesen, der Alberton dazu gebracht hatte, seine Meinung zu ändern? Es war nur der Anflug einer Idee, aber er wollte sie nicht aus den Augen verlieren.
»Sir Oliver?« Judith stand vor ihm. Er hörte die Angst in ihrer Stimme.
»Bitte, machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Alberton«, sagte er mit größerem Vertrauen, als er es tatsächlich verspürte. Dies war Teil seines Berufes, und er war schon so oft gezwungen gewesen, es einzusetzen: Menschen in verzweifelten Situationen Trost zuzusprechen, ihnen Mut und Hoffnung zu geben, obwohl er nicht wusste, ob es gerechtfertigt war. »Wir werden unsere Chance bekommen, wenn Mr. Deverill alles in seiner Macht Stehende getan hat. Ich bin nicht sicher, ob ich Mr. Breelands Unschuld beweisen kann, aber bei Merrit ist es viel einfacher. Verlieren Sie den Mut nicht.«
»Die Uhr«, sagte sie schlicht. »Wenn Merrit nicht dort war, wie kam sie dann auf den Hof des Lagerhauses? Sie war doch so stolz darauf, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sie freiwillig aus der Hand gegeben hätte.«
»Können Sie sich vorstellen, dass sie lügt, um Breeland zu schützen?«, fragte er behutsam. Er konnte nicht umhin, Hester einen Moment lang anzusehen. In ihren Augen entdeckte er das ungestüme Bedürfnis zu helfen und die Bestürzung, weil sie nicht wusste, wie.
»Ja«, entgegnete Judith. »Sir Oliver… ich befürchte, ich hätte Mr. Monk nicht losschicken sollen, um sie zurückzubringen. Habe ich sie jetzt womöglich zum Tode verurteilt –« Ihre Stimme brach.
Hester verstärkte ihren Griff um Judiths Arm, wollte ihr damit Kraft geben. Aber sie konnte ihr nicht widersprechen und keine Worte des Trostes finden.
»Nein«, log Rathbone. Er hörte die Überzeugung in seiner Stimme und empfand die Angst, das Gegenteil bewiesen zu bekommen, wie einen Stich ins Herz. Doch er war an das Risiko gewöhnt, an Regelverstöße und daran, Vertrauen in das Schicksal zu haben, weil es alles war, was er im Moment hatte. »Nein, Mrs. Alberton. Ich glaube nicht, dass Merrit sich mehr als jugendlicher Torheit schuldig machte. Es tut mir sehr Leid, dass ich vielleicht gezwungen sein werde, zu demonstrieren, dass der Mann, den sie liebt, ihrer in keinster Weise würdig ist. Sie wird dies als sehr hart empfinden. Wenig im Leben ist bitterer als das Zerplatzen der Illusionen. Sollte es so weit kommen, bedarf sie Ihres Trostes. Dann müssen Sie stark sein. Es wird nicht mehr lange dauern bis zu dem Zeitpunkt.«
Judiths Gesichtsausdruck konnte er nicht sehen, aber ihre Gefühle, ihr Versuch, sich zu beherrschen, und ihre Angst klangen aus ihrer Stimme.
»Natürlich. Ich danke Ihnen, Sir Oliver.« Es war ihm schmerzlich bewusst, dass sie eigentlich noch etwas sagen und ihn um etwas bitten wollte, was er ihr nicht zu geben vermochte. Sie zögerte noch einen Moment, dann wandte sie sich langsam ab. Nachdem sie einen oder zwei Schritte gemacht hatte, stand sie Philo Trace gegenüber. Sie musste seinen Gesichtsausdruck gesehen haben, seine bemerkenswerten Augen. Vielleicht war sie in dieser Situation die Glücklichere, da sie sich hinter ihrem Schleier verbergen konnte und niemand wissen lassen musste, dass sie seine Gefühle erkannt hatte.
Der Augenblick war verstrichen, und mit Hester an ihrer Seite ging sie weiter. Rathbone machte sich auf den Weg, um irgendwo ein Mittagessen einzunehmen, obwohl er eigentlich wenig Appetit hatte.
Am späteren Nachmittag wurde die Verhandlung mit Lanyons Aussage fortgesetzt, der für die Polizei aussagte. In der umständlichen Ausdrucksweise der Beamten bestätigte er alles, was Casbolt gesagt hatte, und nachdem Deverill darauf bestand, bestätigte er zudem, dass Casbolt tatsächlich mit Freunden diniert und sich in ihrer Gesellschaft befunden hatte, bis zu einem späteren Zeitpunkt als dem, den man als Todeszeitpunkt von Alberton und den Wachen annahm.
Das war eigentlich überflüssig, Rathbone hatte Casbolt nie als möglichen Verdächtigen in Erwägung gezogen und glaubte auch nicht, dass dies jemand anderes getan hatte.
Deverill dankte Lanyon überschwänglich, als ob er eine wichtige Aussage gemacht hätte.
Rathbone freute sich, als er sah, dass mehrere Geschworene ratlos wirkten.
»Fanden Sie am Tatort irgendetwas Bemerkenswertes, das auf die Identität einer der anwesenden Personen gedeutet hätte, außer der der Opfer natürlich?«, fragte Deverill.
»Ja«, erwiderte Lanyon unglücklich. »Eine goldene Herrenuhr.«
»Wo fanden Sie diese?«
Die Geschworenen zeigten wenig Interesse. Diesen Umstand kannten sie bereits, und ihr Abscheu war offensichtlich. Einige von ihnen sahen zu Breeland hoch. Der ignorierte sie, als ob er sich ihrer Gegenwart nicht bewusst wäre. Rathbone hatte schon unschuldige Menschen mit derselben krassen Gleichgültigkeit erlebt, die sie in der Sicherheit gezeigt hatten, das Verbrechen, von dem gesprochen wurde, habe nichts mit ihnen zu tun. Aber er hatte auch schon Schuldige erlebt, die keinerlei Einsicht gezeigt hatten, dass das, was sie getan hatten, abstoßend war. Sie spürten keinen Schmerz außer ihrem eigenen.
Merrit reagierte vollkommen anders. Sie war blass, zitterte, und es kostete sie ganz offensichtlich Mühe, wenigstens den Anschein von Haltung zu bewahren. Casbolts Bericht vom Auffinden der Leichen hatte sie fast gelähmt. Lanyons weniger emotionaler Bericht von den im Wesentlichen gleichen Fakten war noch schlimmer für sie gewesen. Seine kontrollierte Stimme machte die Beschreibung nur noch realer. Doch auf seine Art war auch er schockiert. Es zeigte sich an der Schärfe seiner Worte, an der Art, wie er seine Augen niederschlug und weder zu Judith blickte, die wieder in der ersten Reihe saß, noch zu Merrit.
Deverill befragte Lanyon genauestens nach den Umständen des Auffindens der Uhr und wollte auch von ihm hören, welcher Name auf der Rückseite eingraviert war. Sodann fuhr er fort, Lanyon berichten zu lassen, dass er den Weg der Lastkarren vom Lagerhaushof zum Hayes Dock verfolgt hatte und von dort mit einem Prahm flussabwärts.
Um vier Uhr vertagte der Richter die Verhandlung auf den nächsten Tag.
Arn folgenden Morgen begann Deverill genau dort, wo er die Befragung tags zuvor abgebrochen hatte. Er brauchte den ganzen Vormittag, um Lanyon Detail für Detail zu befragen, bis dieser zugeben musste, die Spur bei Bugsby’s Marshes verloren zu haben. Äußerst großzügig bot Deverill an, jeden Kahnführer, Hafenarbeiter und Fährmann in den Zeugenstand zu rufen, der Lanyon die entsprechenden Beweise geliefert hatte.
Missmutig fragte der Richter Rathbone, ob er darauf bestehen würde, woraufhin dieser zur großen Erleichterung des Gerichtes verkündete, dass er verzichte. Er begnügte sich damit, zuzugestehen, dass alles, was Lanyon gesagt hatte, der Wahrheit entspräche.
Deverill wirkte gleichermaßen irritiert und erfreut, als ob sein Gegner unerwartet aufgegeben hätte.
»Sind Sie bei guter Gesundheit, Sir Oliver?«, fragte er mit übertriebener Besorgnis.
Auf den Besucherbänken wurde schwaches Gemurmel laut, das jedoch augenblicklich durch einen strafenden Blick des Richters zum Verstummen gebracht wurde.
»Ich bin bei bester Gesundheit, danke«, erwiderte Rathbone.
»Ich fühle mich wohl genug, um eine Flussfahrt bis zu Bugsby’s Marshes zu machen, wenn ich Lust dazu verspürte. Doch das ist nicht der Fall. Aber bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten, wenn Sie das Gefühl haben, es würde Ihrer Sache dienlich sein.«
»Gewiss wird es der Ihren nicht dienen, Sir«, gab Deverill zurück.
»Ihr aber auch keinen Schaden einbringen.« Rathbone lächelte. »Es ist irrelevant, ein Zeitvertreib. Bitte fahren Sie fort…«
Der Richter lächelte trocken und bat sie, fortzufahren.
»Ihr Zeuge«, lud Deverill den Gegner ein.
Rathbone erhob sich und ging ein paar Schritte vor, um sich in die Mitte der freien Fläche zu stellen. Nun schauten alle Anwesenden auf ihn. Man erwartete von ihm die Eröffnung des Kampfes. Bis jetzt hatte er nicht einen einzigen Schlag pariert und schon gar keinen selbst ausgeführt. Er wusste, dass er sofort ein Zeichen setzen musste, andernfalls würde er die Aufmerksamkeit der Juroren verlieren.
»Sergeant Lanyon, Sie haben die Spur dieser Waffen äußerst gewissenhaft verfolgt, angefangen in der Tooley Street bis in die Nähe der Hayes Docks, dann die Themse hinunter bis zu Bugsby’s Marshes. Der Prahm führte eine schwere Ladung mit sich, und wir nahmen an, dass es sich um die Waffen aus Mr. Albertons Warenlager handelte. Ist Ihnen etwas über die Identität der Männer bekannt, die von den verschiedenen Zeugen gesehen worden waren, mit denen Sie gesprochen hatten? Ich meine, ob Sie die Identität wirklich feststellen konnten, nicht, ob Sie diese von einer gefundenen Uhr ableiten oder dem Bestreben, Waffen für eine bestimmte Sache zu erwerben.«
»Nein, Sir. Ich weiß lediglich, dass sie wussten, wo die Waffen gelagert waren, und diese mit einer Dringlichkeit in ihren Besitz bringen wollten, um dafür drei Morde zu begehen«, antwortete Lanyon, wobei in seinem sanftmütigen schmalen Gesicht kaum eine Gefühlsregung aufflackerte.
»Aha«, nickte Rathbone. »Aber wer waren die Männer?« Lanyons Kiefermuskeln verspannten sich. »Ich weiß es nicht. Aber irgendwer hatte diese Uhr erst kürzlich fallen lassen. Golduhren liegen für gewöhnlich nicht lange in Lagerhaushöfen herum, bevor jemand sie entdeckt.«
»Nicht bei Tageslicht, jedenfalls.« Rathbone lächelte leicht.
»Ich danke Ihnen, Sergeant Lanyon. Sie scheinen Ihre Pflicht vorbildlichst erfüllt zu haben. Ich habe keine weiteren Fragen an Sie… außer vielleicht… Fanden Sie denn heraus, was hinter Bugsby’s Marshes mit den Waffen geschah? Oder was danach mit dem Lastkahn geschah?«
»Nein, Sir.«
»Verstehe. Finden Sie das nicht sonderbar?«
Deverill sprang auf.
Rathbone hielt die Hand hoch. »Ich formuliere meine Frage anders, Sergeant Lanyon. Wenn Sie auf Ihre Erfahrung als Polizeibeamter zurückblicken, halten Sie das für ein normales Vorkommnis?«
»Nein, Sir. Ich habe mich sehr bemüht, aber ich kann weder eine weitere Spur der Waffen noch des Kahns finden.«
»Ich werde Sie aufklären«, versprach Rathbone.
»Wenigstens über den Verbleib der Waffen. Der Verbleib des Kahns ist mir ebenso ein Rätsel wie Ihnen. Ich danke Ihnen. Ich habe keine weiteren Fragen.«
Nach der Verhandlungspause rief Deverill am Nachmittag den ärztlichen Leichenbeschauer in den Zeugenstand, der eine genaue Beschreibung der Art und Weise gab, wie die Morde ausgeführt worden waren. Es war ein schauerlicher und bedrückender Bericht, und das Gericht lauschte ihm in fast völligem Schweigen. Anfänglich schien Deverill die Absicht zu haben, ihm jedes quälende Detail zu entlocken, dann erkannte er jedoch gerade noch rechtzeitig, dass die Geschworenen sich des Schmerzes bewusst waren, den dies der Witwe verursachen musste, was in ihnen nicht nur einen ganz natürlichen Zorn auf die Mörder, sondern auch auf ihn selbst erzeugte, weil er Judith Alberton dazu zwang, die klinisch exakte Beschreibung eines Grauens zu hören, vor dem man sie bis dato verschont hatte.
Rathbone sah zu Merrit hoch. Er bemerkte die Qual in ihren Augen, ihre aschfahle Haut war so bleich, dass sie fast grünlich wirkte, und ihre Arme und ihr Körper waren schmerzhaft verspannt, während sie von lautlosem Schluchzen geschüttelt wurde. Es musste ein wahrhaft unbarmherziger Mensch sein, der sie jetzt ansehen und nicht glauben konnte, dass sie, hätte sie all das bereits gewusst oder gar als Komplizin daran Teil gehabt, keine Reue empfand.
Er fragte sich auch, was sie wohl bezüglich Breeland denken mochte, der kerzengerade wie bei einer militärischen Übung und mit fast ausdruckslosem Gesicht neben ihr saß.
Was in Rathbones Gedanken aufflammte war die Tatsache, dass Breeland nicht einmal die Hand nach Merrit ausstreckte oder ihr ein Zeichen des Mitleids entgegenbrachte. Wenn er innerlich beunruhigt war, dann hatte er sich in einen Kokon der Einsamkeit eingesponnen, den nichts durchbrechen konnte. Was immer er für das Mädchen empfand, dem Anliegen der Union, seiner Würde und der stoischen Unschuld, die er der Welt präsentierte, widmete er jedenfalls mehr Gedanken. Wenn er überhaupt eine menschliche Schwäche hatte, dann sollte niemand sie zu sehen bekommen.
Ein Militärexperte wurde aufgerufen, der aussagte, dass diese spezielle Methode, Arme und Beine über einen Pfosten zu binden, als Maßnahme bekannt war, die von der Armee der Union praktiziert wurde und zur Züchtigung ihrer Mitglieder eingesetzt wurde, die sich irgendwelcher Straftaten schuldig gemacht hatten. Das »V« stünde entsprechend für »Verbrecher«. Die Maßnahme gipfelte nicht in der Exekution, sondern dauerte für gewöhnlich zwischen sechs bis zwölf Stunden, wonach der Betroffene kaum mehr fähig war, sich auf den Beinen zu halten. Zu den Schüssen konnte er keine Aussage machen, doch sein Zorn, dass eine akzeptierte Form der Disziplinierung derartig missbraucht wurde, war unübersehbar. Dies hielt er für eine Beleidigung des Mannes, der sie ersonnen hatte.
Ob das Gericht mit ihm einer Meinung war, war unmöglich zu beurteilen, es war jedenfalls von der Grausamkeit der Strafe überwältigt, und in England befand man sich schließlich nicht im Kriegszustand. Die Bedürfnisse der Armee der Union, überhaupt jeder Armee, waren hier unbekannt. Doch die Tatsache, dass diese Strafmaßnahme spezifisch für die Armee war, in der Breeland kämpfte, war ein zusätzlicher Anklagepunkt. Der Hass auf ihn füllte die Luft wie ein heißer beißender Geruch.
Rathbones Gedanken rasten, wie er diesen emotionsgeladenen Bericht entkräften konnte. Bloße Fakten würden in den Gefühlswallungen ertrinken.
Die letzte Zeugin des Tages war Dorothea Parfitt, die siebzehnjährige Freundin, der Merrit die Uhr gezeigt hatte und vor der sie mit ihrer Liebesgeschichte ein wenig geprahlt hatte. Dorothea ging über die freie Fläche und stolperte leicht, als sie die Stufen zum Zeugenstand emporstieg. Sie hatte sich bereits an der Brüstung festgehalten, so dass es kaum auffiel, aber sie stieß ein leichtes Keuchen aus und richtete sich dann errötend wieder auf.
Deverill ging außerordentlich sacht mit ihr um und tat alles, um ihr das Wissen zu erleichtern, dass sie mit ihren Worten ihre Freundin verurteilen, ja vielleicht sogar an den Galgen bringen konnte. Welche Motive sie gehabt hatte, dies der Polizei überhaupt mitzuteilen, konnte niemand ahnen. Vielleicht war es Neid gewesen, dass Merrit die Liebe eines höchst romantischen Mannes gewonnen hatte, der älter, tapferer, geheimnisvoller und weit aufregender war als die jungen Männer, die sie selbst kannte. Die schrecklichen Konsequenzen ihrer Aussage bei der Polizei hatte sie nicht vorhersehen können. Sicher hatte sie sich auch nicht vorgestellt, nun hier stehen und ihre Worte wiederholen zu müssen, denn jetzt konnte sie diese nicht mehr zurücknehmen. Stattdessen gab sie Deverill die Macht in die Hand, den Strick um Merrits Nacken zu legen.
Sie sah Deverill an wie ein Kaninchen die Schlange. Nicht ein Mal ließ sie ihre Blicke zu Merrit auf der Anklagebank hinüberschweifen.
Die Uhr wurde ihr hinaufgereicht, aber sie weigerte sich, sie zu berühren.
»Haben Sie diese Uhr schon einmal gesehen, Miss Parfitt?«, fragte Deverill sanft.
Zunächst war ihre Kehle wie zugeschnürt und ihre Lippen waren so trocken, dass sie keinen Ton hervorbrachte.
Deverill wartete.
»Ja«, hauchte sie schließlich.
»Können Sie uns erzählen, wo und unter welchen Umständen das war?«
Sie schluckte krampfhaft.
»Wir wissen alle, dass Sie sich sehnlichst wünschen, nicht aussagen zu müssen«, sagte Deverill mit einem charmanten Lächeln.
»Aber die Wahrheit muss uns mehr wert sein als das Bestreben, einer Freundin Schwierigkeiten zu ersparen. Erzählen Sie mir einfach, was geschah, was Sie sahen und hörten. Sie sind nicht für die Handlungen anderer verantwortlich, nur ein ungerechter, schuldiger Mensch würde dies behaupten. Wo sahen Sie diese Uhr, Miss Parfitt, und in wessen Besitz befand sie sich?«
»In Merrits«, antwortete sie mit einer Stimme, die kaum lauter war als ein Flüstern.
»Hat sie Ihnen die Uhr gezeigt?«
»Ja.«
»Weshalb? Sagte sie das?«
Dorothea nickte. Deverills Augen ließen sie nicht einen Moment los, so als würde er sie hypnotisieren.
»Lyman Breeland hatte sie ihr als Zeichen seiner Liebe geschenkt.« In ihren Augen glitzerten Tränen. »Sie dachte wirklich, er würde sie lieben. Sie hatte keine Ahnung, dass er ein grausamer Mensch ist… ehrlich! Sie muss es herausgefunden haben und ihm die Uhr zurückgegeben haben, weil sie niemals gewollt hätte, dass ihr Vater ermordet werden würde… niemals! Ich weiß, dass sie mit ihm stritt, weil sie der Meinung war, er täte fürchterliches Unrecht, indem er die Gewehre an den Mann aus dem Süden verkaufte, weil im Süden Sklaven gehalten werden. Aber man bringt doch wegen solcher Meinungsverschiedenheiten keinen Menschen um!«
»Ich fürchte, in Amerika doch, Miss Parfitt«, sagte Deverill mit vorgetäuschtem Bedauern. »Das ist ein Thema, wegen dem sich einige Leute dermaßen echauffieren können, dass ihr Verhalten die Grenzen der allgemein gültigen Gesetze und der gesellschaftlichen Konventionen überschreitet. Gerade jetzt, da wir hier in diesem friedlichen Gerichtssaal stehen und über die Sachlage diskutieren, beginnt einer der tragischsten Kriege überhaupt. Keiner von uns weiß, wie er enden wird. Wir wollen Gott bitten, dass wir ihn mit all unseren Vorurteilen und Begierden nicht noch schlimmer machen.«
Dies war eine Erklärung, der Rathbone zustimmte, und doch empfand er den Umstand, sie von Deverill in Worte gefasst zu hören, als sehr irritierend. Dorothea hatte keine Ahnung, was er mit der Erklärung bezwecken wollte. Mit blankem Unverständnis in den Augen starrte sie ihn an.
»Mr. Deverill«, mahnte der Richter und beugte sich über seinen Tisch. »Wollen Sie die Zeugin etwa dafür tadeln, bezüglich des Ausgangs der gegenwärtigen Tragödie über dem Atlantik über keinerlei Wissen zu verfügen?«
»Nein, Euer Ehren, gewiss nicht. Ich versuche lediglich, zu erklären, dass es Menschen gibt, die der Frage der Sklaverei mit einer derartigen Leidenschaft begegnen, dass sie Menschen töten, die nicht ihrer Meinung sind.«
»Das ist unnötig, Mr. Deverill. Dieser Tatsache sind wir uns durchaus bewusst«, erwiderte der Richter trocken.
»Haben Sie noch weitere Fragen an Miss Parfitt?«
»Nein, Euer Ehren, ich danke.« Deverill wandte sich zu Rathbone um. Der Vorgeschmack des Sieges stand ihm ins Gesicht geschrieben, drückte sich in seiner Körperhaltung, den gestrafften Schultern und dem durchgedrückten Rücken aus. »Sir Oliver?«
Rathbone erhob sich. Die Uhr war das stärkste Beweisstück gegen Merrit, die einzige Sache, die er nicht entkräften konnte. Dies wusste auch Deverill. Wichtiger war jedoch, was die Geschworenen sahen.
»Miss Parfitt«, sagte er und begegnete ihr mit ebenso viel Freundlichkeit und Behutsamkeit wie Deverill.
»Selbstverständlich haben Sie keine andere Wahl, als uns mitzuteilen, dass Merrit Alberton Ihnen die Uhr zeigte, die Breeland ihr geschenkt hatte, als Zeichen der Gefühle, die er ihr entgegenbrachte. Zunächst sagten Sie es, ohne zu ahnen, welche Folgen dies haben würde, und nun können Sie es nicht mehr zurücknehmen. Wir alle verstehen das. Aber Mr. Deverill vergaß, Sie zu fragen, wann Merrit Ihnen die Uhr zeigte. War es am Tag von Mr. Albertons Tod?«
Plötzlich wirkte sie erleichtert, als ob sie eine Fluchtmöglichkeit entdeckt hätte. »Nein! Nein, das war einige Tage vorher. Mindestens zwei, vielleicht sogar drei Tage. Ich erinnere mich nicht genau. Könnte ich mein Tagebuch holen?«
»Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird«, winkte er ab.
»Nicht meinetwegen. Könnte sie ihm die Uhr aus irgendeinem Grund zurückgegeben haben? Ein Streit, vielleicht? Oder um den Verschluss ändern zu lassen, eine Kette anbringen oder um etwas Zusätzliches eingravieren zu lassen?«
»Ja!«, rief sie eifrig und riss die Augen auf. Dann schien sie einen Moment lang zu zögern.
»Ich danke Ihnen«, sagte er eilig, in der Befürchtung, sie würde seinen Vorschlag ausschmücken und sich in Mutmaßungen ergehen. »Das ist alles, was wir wissen müssen, Miss Parfitt. Bitte streben Sie nicht danach, zu helfen. Nur was Sie wirklich wissen, ist ein Beweis, nicht was Sie wünschen oder glauben mögen.«
»Ja…«, sagte sie verlegen. »Ich… ich verstehe.« Der Richter sah Deverill an.
Mit leichtem Lächeln schüttelte Deverill den Kopf. Er wusste, er musste nichts mehr aus der Aussage herausholen.
Das Gericht vertagte sich bis zum nächsten Tag, und Rathbone machte sich umgehend auf den Weg zu Merrit. Er fand sie allein in der Zelle, die für derlei Treffen genutzt wurde. Die Aufseherin wurde vor der Tür postiert. Sie war eine schwere Frau mit streng zurückgekämmtem Haar und rosarotem Gesicht. Sie schüttelte den Kopf, als Rathbone an ihr vorüberging und der Schlüssel im Schloss rasselte.
»Es läuft nicht so gut, nicht wahr?«, sagte Merrit, sobald sie allein waren. »Die Geschworenen glauben, Lyman hätte es getan. Ich kann es in ihren Gesichtern lesen.« Dachte sie instinktiv zuerst an Breeland, oder hatte sie noch nicht verstanden, dass sie desselben Vergehens angeklagt war wie er? Niemand glaubte, sie hätte die Schüsse abgefeuert, aber bei solch einem Verbrechen würde ein Komplize ebenso zur Verantwortung gezogen und mit derselben Strafe bestraft werden. Rathbone konnte es sich nicht leisten, sachte mit ihr umzugehen. Sie musste der Realität ins Auge sehen, bevor es selbst für einen Versuch, sie zu retten, zu spät sein würde.
»Ja, das glauben sie«, stimmte er ohne Umschweife zu. Er bemerkte die Qual in ihren Augen und sah den Anflug der Hoffnung ersterben, dass sie Unrecht gehabt haben könnte. »Es tut mir Leid, aber es ist nicht zu leugnen, und ich würde Ihrer Sache nicht dienen, wenn ich das Gegenteil behauptete.«
Sie biss sich auf die Unterlippe. »Ich weiß.« Ihre Stimme klang rau. »Sie täuschen sich so sehr in ihm. Niemals würde er etwas so Bösartiges tun… aber selbst wenn sie das nicht verstehen können, dann kann man ihnen doch sicher klarmachen, dass er keinen Grund für den Mord gehabt hatte? Er erhielt eine Nachricht, dass mein Vater seine Meinung geändert hatte und ihm die Gewehre doch verkaufen wollte. Er hatte offenbar eine Möglichkeit gefunden, das Versprechen, das er Mr. Trace gegeben hatte, zu lösen, so dass er nun frei war, die Waffen demjenigen anzubieten, der einer ehrbareren Sache dient. Sie waren doch am Bahnhof Euston Square. Es wurde sogar ein Sonderzug für ihren Transport eingesetzt.«
»Ich denke, ich kann beweisen, dass er die Schüsse nicht persönlich abgefeuert haben konnte«, nickte Rathbone und erlaubte sich, seiner Stimme eine Spur von Hoffnung zu verleihen. Doch er durfte sie nicht irreführen, nicht einmal durch eine stillschweigende Folgerung. »Was ich nicht beweisen kann, ist, dass derjenige, der es tat, nicht von Mr. Breeland bezahlt wurde. Und das wäre ein ebenso schlimmes Verbrechen. Da Sie mit ihm und den Waffen England verließen, sind Sie die Komplizin in einem Mordfall und einem Raub….« Er hielt die Hand hoch, als sie protestieren wollte. »Ich kann allerdings als gutes Argument anführen, dass Sie sich der Geschehnisse nicht bewusst gewesen waren und daher unschuldig sind –«
»Aber Lyman ist auch unschuldig!«, fiel sie ein und beugte sich aufgeregt vor. »Er hatte doch keine Ahnung, dass jemand getötet hatte, um an die Gewehre zu kommen!«
»Woher wissen Sie das?«, fragte Rathbone sanft. Er wollte nicht herausfordernd klingen, sie fochten keinen Streit aus.
»Ich…«, begann sie zu antworten. Dann zwinkerte sie, und ihr Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen. »Sie meinen, wie ich Ihnen das beweisen kann? Sicherlich…« Wieder hielt sie inne.
»Ja, das müssen Sie«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. »Laut Gesetz ist man unschuldig, außer man wird, über jeden vernünftigen Zweifel erhaben, einer Schuld überführt. Bedenken Sie das Wort vernünftig. Glauben Sie denn, nachdem Sie der Beweisführung bis jetzt zugehört haben, dass der Mann in der Geschworenenbank dieselbe Auffassung von der Wahrheit hat wie Sie? Mit unseren Emotionen verlieren wir leider auch unsere Vernunft. Denken Sie an Kriege, Ungerechtigkeit, Sklaverei, die Liebe zu Ihrer Familie, Ihrem Land oder Ihrer Art zu leben. Glauben Sie denn, irgendjemand von uns lässt sich dabei lediglich von der Vernunft leiten?«
Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. »Nein«, flüsterte sie.
»Ich denke nicht.« Sie atmete tief ein. »Aber ich kenne Lyman! Er würde sich zu keiner Unehrenhaftigkeit herablassen. Ehre und aufrichtiges Handeln ist ihm wichtiger als alles andere. Das ist zum Teil der Grund, warum ich ihn so sehr liebe. Können Sie nichts unternehmen, damit die Geschworenen das begreifen?«
»Und Sie sind absolut sicher, dass aufrichtiges Handeln in seinen Augen nicht einschließt, drei Männer zu opfern, um für die Union Waffen zu beschaffen?«, fragte er.
Sie war jetzt sehr blass. »Aber doch nicht durch Mord!« Ihre Stimme bebte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich weiß, dass er in jener Nacht nicht auf dem Hof des Lagerhauses war, Sir Oliver, weil ich während der ganzen Zeit bei ihm war und ebenso wenig dort war. Das schwöre ich!«
Er glaubte ihr. »Aber wie kam die Uhr dorthin? Wie erkläre ich das der Jury?«
Angst kroch in ihr hoch. Er täuschte sich nicht.
»Ich weiß es nicht! Ich verstehe es doch auch nicht. Ich kann es nicht erklären.«
»Wann sahen Sie die Uhr zum letzten Mal?«
»Ich habe versucht, darüber nachzudenken, aber in meinen Gedanken herrscht ein solches Durcheinander. Je mehr ich es versuche, desto weniger klar sehe ich. Ich erinnere mich, sie Mrs. Monk gezeigt zu haben, und ich hatte sie auch am Tag danach noch, das war, als Dorothea sie bewunderte und ich ihr davon erzählte.« Sie errötete leicht, es war kaum mehr als der Anflug von Farbe in ihrem blassen Gesicht. »Danach… ich bin mir nicht sicher. Die Tage verwischen sich in meiner Erinnerung. Es ist so viel passiert, und ich war so wütend auf meinen Vater…« Die Tränen quollen aus ihren Augen, und sie kämpfte um ihre Selbstbeherrschung.
Rathbone unterbrach sie nicht und versuchte auch nicht, ihr Worte anzubieten, von denen sie beide wussten, dass er sie nicht ehrlich meinen konnte.
»Könnten Sie sie verloren haben oder in einem Kleidungsstück vergessen haben, das Sie gerade nicht trugen?«, fragte er schließlich.
»Ich vermute, so muss es gewesen sein.« Hastig griff sie nach dieser Erklärung. »Lyman hätte sie niemals in den Hof geworfen. Und wer sonst könnte es gewesen sein?«
»Ich weiß es nicht«, gab er zu. »Aber ich werde Monk auf diese Frage ansetzen. Wäre es nicht möglich, dass Ihr Vater die Uhr mit sich nahm?«
»O ja! Das könnte sein, nicht wahr?« Endlich hörte sich ihre Stimme etwas hoffnungsvoller an. »Sir Oliver, wer hat ihn umgebracht? War es Mr. Shearer? Das wäre sehr betrüblich. Ich weiß, mein Vater vertraute ihm. Sie hatten jahrelang zusammengearbeitet. Ich traf ihn allerdings nur ein Mal. Er wirkte ziemlich grimmig… ich weiß nicht recht… irgendwie aufgebracht. Zumindest kam er mir so vor.« Sie forschte in seinem Gesicht, um zu sehen, ob er verstand, was sie so schwer in Worte fassen konnte. »Ging es um Geld?«
»Es sieht so aus.«
»Wie hatte sich mein Vater nur so in ihm täuschen können?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil wir dazu neigen, andere nach unseren eigenen Maßstäben zu beurteilen.«
Sie gab keine Antwort. Nach wenigen Minuten verabschiedete er sich mit dem Versuch, sie zu ermutigen.
Er war nicht sonderlich erpicht darauf, Breeland zu sehen, aber es war eine Pflicht, der er sich nicht entziehen konnte. Er fand ihn in dem ihm zugewiesenen Raum, neben einem Stuhl und einem kleinen Tisch stehend. Sein Gesicht war bewegungslos und seine Schultern so straff, dass sie den Stoff seines Fracks spannten. Er sah Rathbone anklagend an, und Rathbone konnte es ihm nicht verdenken. Er mochte den Mann nicht, und das wusste Breeland, ebenso wie die Tatsache, dass Rathbones größte Sorge Merrit Alberton galt. Schließlich war es Judith, die ihn bezahlte. Unvermittelt verspürte er ein heftiges Mitleid mit Breeland, der sich Tausende von Meilen von seiner Heimat entfernt inmitten von Fremden befand, die ihn wegen einer Vorstellung hassten, die sie sich von ihm gemacht hatten. Hätte Rathbone sich in einer vergleichbaren Situation befunden, vielleicht hätte er mit derselben eisigen Würde reagiert. Es war der letzte Schutzschild, der Breeland geblieben war, so zu tun, als wäre ihm alles gleichgültig, denn warum sollte er seine Verletzlichkeit zur Schau stellen.
Könnte Shearer Alberton ohne Breelands Wissen und Mittäterschaft umgebracht haben? Oder sollte Breeland, dessen ganze Ergebenheit seinem Volk galt, die Waffen angenommen haben, die ihm zufällig angeboten worden waren – weil er vermutete, sie wären durch Betrug in die Hände Shearers geraten, der sie ihm angeboten hatte? Für Breeland herrschte Krieg, und er hätte es nicht als Handel betrachtet. Für ihn bedeuteten sie nicht Profit, sondern das Überleben seiner Ideale.
Breeland starrte ihn an. »Ich nehme an, zu einem gewissen Zeitpunkt in dieser Farce werden Sie versuchen, wenigstens Miss Alberton zu verteidigen, wenn schon nicht mich«, sagte er kühl.
»Obwohl ich sie daran erinnern möchte, dass sie aus freien Stücken mit mir nach Amerika kam, was Monk bezeugen wird.«
»Ich mache mir mehr Gedanken darüber, was er mir über die genauen Zeitpunkte der Ereignisse in der Mordnacht und über Ihren Zug nach Liverpool berichten wird«, gab Rathbone mit gleichmütiger Stimme zurück.
»Ich halte es für weit einfacher, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass Shearer die Morde und den Raub der Waffen plante und ausführte, in der Absicht, diese an Sie zu verkaufen.«
»Was hätte das für einen Sinn?«, fragte Breeland verbittert.
»Ich bin Ausländer. Sie verstehen mein Anliegen nicht und haben auch keinerlei Sympathie dafür. Sie wissen nicht, wofür Amerika steht. Sie haben unseren Traum nicht begriffen. Dagegen kann ich nichts tun. Aber sicherlich verstehen Sie doch wenigstens, was Gerechtigkeit bedeutet?« Er klang herausfordernd, aber keineswegs beleidigend.
Rathbone erinnerte sich der Isolation des Mannes und wie viel er bereits für ein Anliegen geopfert hatte, das sowohl edelmütig als auch selbstlos war. Hätte er selbst sich besser oder klüger verhalten? Hätte eine solche Bedrohung, solcher Mangel an Verständnis und Respekt um ihn herum ihn nicht auch dazu gebracht, wild um sich zu schlagen?
»Geschworene sind Menschen, Mr. Breeland, und wie wir alle unterliegen sie emotionalen Regungen«, sagte er so freundlich er konnte und verbot sich jegliche Schärfe.
»Sie werden sich nicht an alles erinnern, was ihnen gesagt wird. Tatsächlich werden sie nicht einmal alles hören oder es so auffassen, wie wir das gerne hätten. Menschen hören oft nur das, was sie hören wollen. Bemühen Sie sich doch, dass Sie Respekt für sie empfinden, Ihnen ein wenig Zuneigung entgegenbringen, dann werden sie auch Ihre besten Seiten sehen und sich daran erinnern, wenn es zur Urteilsfindung kommt. Dies ist keine Eigenart englischer Geschworener, es ist Teil der Natur aller Menschen, und wir haben uns für ein Geschworenengericht entschieden, weil es aus ganz normalen Menschen besteht. Sie urteilen mit dem Instinkt und dem gesunden Menschenverstand und aufgrund von Beweisen, die wir ihnen liefern. Auch Ihr Rechtssystem basiert auf diesen Prinzipien.«
»Ja, ich weiß.« Breeland hatte die Lippen zusammengepresst. Rathbone spürte, dass sich sowohl Angst als auch Zorn und Idealismus hinter der Maske seines Gesichtes verbargen. »Ich kann Menschen nicht dazu bringen, mich zu mögen. Und ich werde nicht zu Kreuze kriechen. Mein Anliegen spricht deutlich genug für mich. Ich würde die Sklavenhaltung auf der ganzen Welt abschaffen.« Jetzt klang Leidenschaft aus seiner Stimme, und seine Augen strahlten. »Ich würde jedem Menschen die Chance geben, sein eigener Herr zu sein und ohne Angst entscheiden zu können, was er sagt und denkt.«
»Hört sich wunderbar an«, erwiderte Rathbone trübselig, aber vollkommen aufrichtig. »Ich bin nicht sicher, ob das möglich ist. Freiheit bedeutet auch immer, eine Sache gegen eine andere abzuwägen, Gewinn gegen Verlust. Aber das ist hier nicht die Frage. Sie können kämpfen, wofür Sie wollen, wenn Sie erst einmal die Freiheit haben, die Anklagebank zu verlassen. Das wollen wir erreichen, und dafür werden Sie ein bisschen mehr Menschlichkeit zeigen müssen. Glauben Sie mir, Mr. Breeland, ich bin sehr gut in meinem Beruf… mindestens so gut wie Sie in Ihrem. Nehmen Sie meinen Ratschlag an.«
Breeland sah ihn an, seine Augen waren gleichmütig und starr, aber tief in ihnen brannte hell und heiß die Furcht.
»Glauben Sie… glauben Sie, Sie können meine Unschuld beweisen?«, fragte er leise.
»Ich glaube, ja. Und Sie bemühen sich jetzt, die Geschworenen so weit zu bringen, dass sie sich darüber freuen, wenn ich es tue!«
Breeland erwiderte nichts, aber ein Teil des Eises schmolz dahin.
Am Morgen wurde Monk in den Zeugenstand gerufen, um Casbolts Aussage über ihren Besuch in Breelands Wohnung und ihre schreckliche Entdeckung auf dem Hof des Lagerhauses in der Tooley Street zu bestätigen.
Deverill behandelte ihn höflich, konnte ihn aber kaum dazu bewegen, mehr als »Ja« oder »Nein« zu sagen. Er war sich bewusst, und das gehörte schließlich zu seinen beruflichen Fertigkeiten, dass Monk für Rathbone arbeitete und sein Interesse der Verteidigung galt. Deverill hatte nicht die Absicht, Monk zu gestatten, den Fall unklarer zu machen oder neue Fragen aufzuwerfen.
Monk wünschte, es gäbe Fragen, die er aufwerfen könnte. Bis jetzt konnte er sich nichts vorstellen, was er hätte hinzufügen können, selbst wenn Deverill es ihm gestattet hätte.
Er bestätigte alles, was Lanyon ihnen bereits über die Verfolgung des Lastkahns bis Greenwich und darüber hinaus bis Bugsby’s Marshes berichtet hatte.
»Dann erzählen Sie mir doch jetzt, Mr. Monk, als Sie Mrs. Alberton Ihre Entdeckungen mitteilten, bat sie Sie denn, weitere Ermittlungen für sie anzustellen?« Deverill stellte die Frage mit hochgezogenen Augenbrauen, und aus jeder Faser seines Körpers sprach brennendes Interesse.
Es ärgerte Monk, Deverills Scharade mitspielen zu müssen, aber er hatte keine Wahl. Deverill formulierte seine Fragen viel zu klug, um ihm Spielraum zu lassen, etwas zu sagen, ohne zu lügen und dann ertappt zu werden.
»Sie bat mich, nach Amerika zu reisen und ihre Tochter zurückzubringen«, erwiderte er.
»Sie allein?« Deverill klang ungläubig. »Eine übermenschliche Aufgabe, und noch dazu eine, die nicht dazu angetan war, Miss Albertons Ruf oder Ehre zu verbessern.«
»Nicht allein«, sagte Monk patzig. »Sie schlug vor, ich sollte meine Gattin mitnehmen. Und überdies verlieh auch Mr. Trace seinem Wunsch Ausdruck, uns begleiten zu wollen, was ich gerne akzeptierte, da er das Land kennt und ich nicht.«
»Höchst praktisch, wenigstens soweit wir es bis jetzt beurteilen können«, verwarf Deverill die Aussage mit schwachem Lob.
»Mrs. Alberton konnte die jetzige Situation wohl kaum vorhergesehen haben.«
Er drehte sich auf dem Absatz um, sodass sein Gehrock flog.
»Vielleicht tat sie es aber doch. Vielleicht liebte sie ihren Mann und suchte Vergeltung für seinen Mörder. Selbst zu diesem hohen Preis!«
Rathbone erhob sich.
»Nicht sehr logisch«, kritisierte Monk ihn mit unterkühltem Lächeln. »Wenn ihr einziger Wunsch Gerechtigkeit gewesen wäre, hätte sie jemanden nach Amerika geschickt, der Breeland tötet – und auch Miss Alberton, gesetzt den Fall, sie hielte sie für schuldig.« Er ignorierte die Laute des Erschreckens im Saal. »Das wäre viel einfacher und zudem billiger gewesen. Dazu wäre nur ein Mann nötig gewesen, und sie hätte die Ausgaben für Breelands und Miss Albertons Schiffspassage zurück nach England gespart und ihnen keinerlei Chance für eine Flucht gelassen.«
»Das ist eine widerwärtige Unterstellung, Sir!«, sagte Deverill mit gut gemimtem Entsetzen. »Geradezu barbarisch!«
»Nicht widerwärtiger als die Ihre«, gab Monk ungerührt zurück. »Und nicht weniger töricht.«
Auf den Besucherbänken wurde schwaches Gelächter laut, es war eher Ausdruck der nachlassenden Spannung als der Belustigung.
Der Richter versuchte, sein Lächeln zu verbergen. Deverill ärgerte sich, aber als er seine nächste Frage formulierte, wählte er seine Worte mit weit größerer Bedachtsamkeit.
»Kam Breeland aus freien Stücken mit Ihnen zurück?«
»Ich ließ ihm keine Wahl«, erwiderte Monk leicht überrascht.
»Aber es war tatsächlich so, dass er seinem Willen Ausdruck verlieh, sich der Anklage zu stellen. Er sagte, er –«
»Ich danke Ihnen!« Deverill schnitt ihm das Wort ab und hielt die geöffneten Handflächen nach oben, um Schweigen zu gebieten. »Das genügt. Was immer Breeland zu sagen wünscht, er wird zu gegebener Zeit zweifellos Gelegenheit erhalten, dies zu tun. Jetzt –«
»Und Sie werden ihm natürlich glauben«, unterbrach ihn Monk sarkastisch.
Rathbone lächelte.
»Was ich glaube, ist hier nicht relevant«, schnappte Deverill.
»Wichtig ist, was die Geschworenen glauben, Mr. Monk. Aber da wir gerade darüber sprechen, was wir glauben – glaubten Sie denn Breeland, als er seinen Willen zum Ausdruck brachte, seine Unschuld beweisen zu wollen, oder hielten Sie es für angeraten, ihn unter gewissen Zwängen zurückzubringen?«
»Ich habe gelernt, dass das, was ich glaube, missverstanden werden könnte«, antwortete Monk. »Ich habe ihn unter Aufsicht gestellt. Doch für Miss Alberton hielt ich diese Maßnahme nicht für notwendig. Ihr gegenüber griff ich zu keinerlei Vorsichtsmaßnahmen.«
Deverills Gesicht erstarrte vor Verblüffung. Er hätte vorhersehen müssen, wie Monk seine Antwort formulieren würde.
»Ich danke Ihnen. Ich kann mir nichts weiter vorstellen, was Sie zu unseren Überlegungen noch beitragen könnten. Wenn mein geschätzter Freund Ihnen keine Fragen mehr stellen möchte, können Sie gehen.«
Rathbone erhob sich langsam, war sich bis zur letzten Minute nicht sicher, was er sagen würde. War es klug, in dieser Richtung weiterzufragen? Inwieweit konnte er vorhersehen, was Monk sagen würde? Sollte er Deverill die Möglichkeit geben, ihn noch einmal zu befragen? Alles, was Monk an Breelands Geschichte bestätigen konnte, könnte von Breeland selbst weit besser berichtet werden.
»Ich danke Ihnen«, sagte er und neigte leicht den Kopf.
»Ich stimme mit Mr. Deverills Ansicht überein.«
Der Richter wirkte leicht überrascht, aber man erlaubte Monk, sich auf die Besucherbänke zurückzuziehen, wo er sich neben Hester und Judith Alberton setzte und nur einmal einen kurzen Seitenblick auf den vor sich hin brütenden Philo Trace warf.
Deverills letzter Zeuge war ein Bankangestellter, der bezeugte, dass auf Daniel Albertons Konto kein Geld mehr eingegangen war, seit Philo Trace in gutem Glauben, den Kauf tätigen zu können, die vereinbarte Summe hinterlegt hatte.
Deverill bot an, dies von Casbolt und Trace bezeugen zu lassen, aber das Gericht war bereit, dem Wort des Bankers und den Unterlagen Glauben zu schenken.
»Die Anklage stellt fest«, sagte Deverill und lächelte den Geschworenen zu, »die Waffen wurden gestohlen. Mr. Casbolt und Mr. Alberton erhielten dafür keinerlei Zahlung. Mr. Alberton wurde im Hof des Lagerhauses an der Tooley Street ermordet, die Waffen wurden gestohlen und nach Amerika transportiert, ganz offensichtlich von Lyman Breeland unter der bereitwilligen Mithilfe von Miss Merrit Alberton, deren Uhr am Schauplatz der Morde gefunden wurde. Die Verteidigung versuchte nicht einmal, einen dieser Umstände zu leugnen. Weil sie es nicht kann! Meine Herren, Mr. Breeland ist offensichtlich schuldig. Und Miss Alberton verlor durch ihre verzehrende Leidenschaft für ihn regelrecht den Boden unter den Füßen und ist nicht einmal jetzt bereit, sich davon zu distanzieren. Aber Mord ist eine Tat, der Mr. Breeland sich nicht straflos entziehen kann. Das werden wir ihm beweisen!« Mit diesen Worten wandte er sich mit einer einladenden Handbewegung an Rathbone.
»Aber bitte, führen Sie uns Ihre Bemühungen vor Augen, um uns vom Gegenteil zu überzeugen, wenn das Gericht morgen wieder zusammentritt.«