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Hester hatte Monk während der letzten zwei Tage kaum zu Gesicht bekommen. Er war spät und völlig erschöpft nach Hause gekommen, zu müde, um noch etwas zu essen, hatte sich ausgezogen und war fast umgehend zu Bett gegangen. Er war früh aufgestanden, hatte ein einsames Frühstück, bestehend aus Tee und Toast, zu sich genommen und war vor acht Uhr aus dem Haus gegangen. Er hatte ihr nichts weiter erzählt, als dass er keine Hoffnung hege, Breeland noch erwischen zu können, der mittlerweile weit draußen auf dem Atlantik sein musste.
Sie konnte ihm wenig Hilfe anbieten, außer keine Fragen zu stellen, die er nicht beantworten wollte, und stets den Wasserkessel auf dem Herd stehen zu lassen.
Als er am zweiten Abend kurz nach neun Uhr abends von Judith Alberton nach Hause kam, wusste sie augenblicklich, dass sich eine wichtige Änderung ergeben hatte. Er war immer noch blass im Gesicht vor Sorge und so bedrückt, dass er sich nur langsam bewegte, als ob ihn sein ganzer Körper schmerzte. Sein Mund war trocken, und sein erster Blick, nachdem er sie begrüßt hatte, galt dem Kessel. Er setzte sich, lockerte die Schnürsenkel seiner Stiefel und wartete offenbar darauf, dass sie ein Gespräch anfinge. Ungeduldig folgten ihr seine Blicke, während sie den Tee zubereitete, und drängten sie, sich zu beeilen. Und doch begann er nicht zu sprechen, bevor sie nicht auf einem Tablett Kanne, Tasse und Milch gebracht hatte. Was immer er zu sagen haben würde, war nicht als einfach oder schlichtweg gut oder schlecht zu bezeichnen. Sie merkte, dass sie sich sowohl um ihrer selbst willen als auch um seinetwillen beeilte.
Er begann mit dem Bericht über das Verfolgen der Spur von Beweisen, die ihn den Fluss hinunter bis Greenwich geführt hatte, bis zu dem unvermeidlichen Schluss, dass der Schuldige entkommen war. Der Zweck des Waffendiebstahls war, die Gewehre nach Amerika zu bringen. Warum sollte Breeland auch nur eine Stunde verschwenden?
Aber an seiner Miene und aus der Eindringlichkeit seiner Stimme, die seine Worte Lügen strafte, schloss sie, dass es noch etwas gab, was er ihr noch nicht gesagt hatte.
Ungeduldig wartete sie.
Er sah sie an, als ob er im Geiste versuchte, ihre Reaktion abzuwägen.
»Was ist denn?«, fragte sie. »Was gibt es denn noch?«
»Mrs. Alberton möchte, dass wir nach Amerika reisen und alles tun, um Merrit nach Hause zurückzubringen – ungeachtet der Umstände oder ihrer eigenen Wünsche.«
»Wir? Wer ist wir?«, hakte sie augenblicklich nach. Sein Lächeln war müde und bekümmert. »Du und ich.«
»Du… und ich?« Sie klang ungläubig. »Nach Amerika?«
Schon während sie sprach, konnte sie einen Funken von Sinn in dem Vorhaben erkennen, winzig, einen Lichtschimmer in der Dunkelheit.
»Wenn ich sie finde«, fuhr er fort, »wenn ich sie dazu überreden kann, zurückzukommen, oder wenn ich sie mit Gewalt dazu zwingen muss, jedenfalls brauche ich Hilfe. Ich brauche jemanden, der sie als Anstandsdame begleitet. Ich kann nicht ganz allein in England mit ihr ankommen.« Er beobachtete sie, als ob er nicht nur ihre Worte, sondern auch ihre Gedanken und die Gefühle, die tiefer lagen, lesen konnte, vielleicht sogar das, was sie sich weigerte zu denken.
Der Gedanke war überwältigend, trotz der Argumente, die so ausnehmend vernünftig klangen. Amerika! Über den Atlantik zu fahren, in ein Land, das gegen sich selbst einen bewaffneten Konflikt austrug. Bis jetzt hatte England noch keine Nachrichten von hitzigen Kämpfen erhalten, aber wenn kein Wunder geschah, würde es nur eine Frage der Zeit sein, bis es zum Krieg kam.
Und doch erkannte sie an seinen Augen, dass er seine Entscheidung bereits getroffen hatte, wenn auch nicht vernunftmäßig. Er hatte Pläne geschmiedet, Möglichkeiten ersonnen, um sie zu überzeugen. Hatte er sich wegen des Abenteuers entschlossen, wegen der Herausforderung, Sinn für Gerechtigkeit, Wut wegen Daniel Alberton oder der Arroganz Breelands? Oder aus einem Schuldgefühl heraus, das hier aber fehl am Platz war, weil Daniel Alberton ihn um Hilfe gebeten und er versagt hatte? Dabei tat es kaum etwas zur Sache, dass es Breeland gewesen war, der Albertons Ruin bedeutet hatte, und nicht der Erpresser.
Oder war es Mitgefühl für Judith Alberton, die binnen einer schrecklichen Nacht alles verlor, was ihr lieb und teuer war?
Hesters Antwort jedenfalls bezog Judith mit ein.
»Also gut. Aber bist du dir sicher, dass Merrit nichts damit zu tun hatte, nicht einmal unwissentlich? Ich glaube, sie war leidenschaftlich in Breeland verliebt. Sie sah ihn als eine Art Heiligen der Soldaten an.« Sie runzelte die Stirn. »Ich nehme an, du bist überzeugt davon, dass es Breeland war? Es kann doch nicht der Erpresser gewesen sein, oder, was meinst du? Schließlich verlangte er die Gewehre als Preis für sein Schweigen.«
»Nein.« Er senkte den Blick, als ob er einen innerlichen Schmerz zu verbergen suchte. »Ich fand Breelands Uhr auf dem Hof des Lagerhauses. Sie konnte noch nicht lange dort gelegen haben. Sie war nur leicht mit Erde verschmutzt und lag in der Nähe der Spuren der Lastkarren. Bei Tageslicht hätte sie jeder sofort gesehen und aufgehoben. Und da Alberton sich weigerte, ihm die Waffen zu verkaufen, hatte er ja keinen legitimen Grund, sich auf dem Hof aufzuhalten.«
Sie spürte, wie eine Schwindel erregende Aufregung sie erfasste.
»Breelands Uhr?«, wiederholte sie. »Wie sieht sie aus?«
»Wie sie aussieht?« Er war verwirrt. »Eine Uhr eben. Eine runde Golduhr, die man an einer Kette trägt.«
»Woher weißt du, dass es seine war?«, fuhr sie beharrlich fort. Obwohl sie wusste, dass der Versuch nichtig sein würde, fühlte sie sich dazu gezwungen.
»Weil sein Name eingraviert war und ein Datum.«
»Welches Datum?«
Ein Anflug von Ungeduld machte sich auf seinem Gesicht breit. Er war zu müde und zu verletzt für Haarspaltereien. »Was tut das zur Sache?«
»Welches Datum?«, insistierte sie.
Er starrte sie an. Vor Erschöpfung und Enttäuschung ließ er seine Schultern sinken, »1. Juni 1848. Warum? Warum machst du daraus eine derartige Sache, Hester?«
Sie musste es ihm sagen. Es war nichts, was sie vor ihm verheimlichen durfte. Ohne dieses Wissen durfte sie ihm nicht erlauben, nach Amerika zu fahren.
»Es war nicht Breeland, der die Uhr verlor«, sagte sie sehr gefasst. »Er schenkte sie Merrit als Erinnerung. Sie zeigte mir die Uhr an dem Abend, als wir zum Dinner eingeladen waren. Sie sagte, sie würde die Uhr niemals mehr ablegen.«
Er sah sie an, als ob er kaum begreifen konnte, was sie sagte.
»Es tut mir Leid«, fügte sie hinzu. »Aber sie muss dort gewesen sein, ob nun freiwillig oder nicht.« Ein anderer Gedanke schoss ihr durch den Kopf. »Außer, er nahm ihr die Uhr wieder ab und ließ sie selbst fallen, vorsätzlich …«
»Warum, um Gottes willen, sollte er das tun?«
Sie sah in seinen Augen, dass er die Antwort wusste, bevor sie sie formulierte.
»Um sie zu belasten… damit wir ihn nicht verfolgen…
eine Art Warnung, dass er sie bei sich hat… als Geisel.« Schweigend saß er da und dachte über diesen neuen Aspekt nach.
Sie wartete. Es hatte keinen Sinn, die Möglichkeiten im Detail zu zerpflücken. Er konnte sie sich ebenso gut ausmalen wie sie, vermutlich besser. Sie schenkte sich und ihm noch Tee ein, der dieses Mal gut durchgezogen, aber nicht mehr ganz so heiß war.
»Mrs. Alberton weiß, dass er sie möglicherweise als Geisel hält«, sagte er schließlich. »Dennoch möchte sie, dass wir es versuchen.«
»Und wenn sie aus freien Stücken ging?«, fragte sie. Man musste den Fakten ins Auge sehen.
»Sie weiß, dass Merrit hitzköpfig und idealistisch ist und handelt, bevor sie nachdenkt, aber sie glaubt nicht, dass sie, unter welchen Umständen auch immer, einen Mord verzeihen könnte.« Jetzt beobachtete er sie, versuchte in ihren Augen abzulesen, ob sie dem zustimmte.
»Ich hoffe, sie hat Recht«, antwortete sie.
»Glaubst du das etwa nicht?«, fragte er hastig.
»Ich weiß es nicht. Aber was könnte eine Frau schon von ihrem Kind anderes sagen?«
»Willst du, dass ich den Auftrag ablehne?«
»Nein.« Die Antwort schlüpfte ihr über die Lippen, bevor sie sie abwägen konnte, und sie überraschte sie mehr als ihn. »Nein«, wiederholte sie. »Wenn ich in der Situation wäre, denke ich, möchte ich lieber die Wahrheit wissen, als mein ganzes Leben lang mit der Hoffnung auf das Beste leben und doch das Schlimmste befürchten zu müssen. Wenn ich jemanden liebte, würde ich hoffen, dass ich das Vertrauen hätte, ihn zu prüfen. Aber es geht nicht darum, was ich glaube, oder du. Es geht darum, was Mrs. Alberton wünscht.«
»Sie möchte, dass wir nach Amerika reisen und Merrit zurückbringen, freiwillig oder unter Ausübung von Zwang. Und wenn möglich auch Breeland.«
Sie erschrak. »Breeland auch?«
»Ja. Er ist des dreifachen Mordes schuldig. Er soll sich dem Gericht stellen und sich verantworten.«
»Ach, das ist alles?« Gegen ihren Willen hatte sich ein verzweifelter Sarkasmus in ihre Stimme gemischt. »Sonst nichts?«
Er lächelte. Seine Augen blickten sie ruhig an. »Sonst nichts. Wollen wir?«
Sie atmete tief durch. »Ja… wir wollen.«
Am folgenden Tag, es war Sonntag, der 29. Juni, packte Hester die wenigen Dinge, die sie unbedingt mitnehmen mussten, fast ausschließlich Kleidungsstücke und Toilettenartikel. Monk fuhr zum Tavistock Square zurück, um Mrs. Alberton ihre Antwort mitzuteilen. Er war erleichtert, dass es wenigstens die Antwort war, die sie erhofft hatte.
Monk fand sie allein im Arbeitszimmer sitzend vor, aber sie verbarg die Tatsache nicht, dass sie auf ihn gewartet hatte. Sie trug Schwarz, das von keinem Schmuckstück aufgelockert wurde und das die Blässe ihrer Haut unterstrich. Doch ihr Haar hatte immer noch denselben warmen Ton, und die Sonne, die durch das Fenster in den Raum flutete, spielte mit seinem Glanz.
Mit den gewohnten formellen Redensarten wünschte sie ihm einen guten Morgen, aber ihr Blick ließ seine Augen keinen Moment los, in ihm lag ihre Frage und er verriet ihre Gefühle.
»Ich habe mit meiner Frau gesprochen«, sagte er, sobald sie ihren Platz wieder eingenommen hatte und er sich ihr gegenüber an den Schreibtisch gesetzt hatte. »Sie ist gewillt, zu fahren und alles zu tun, was in unserer Macht steht, um Merrit zurückzubringen.« Er sah, dass sie sich entspannte und fast lächelte. »Aber sie war in Sorge, Merrit könnte an dem Verbrechen beteiligt gewesen sein«, fuhr er fort, »selbst wenn sie nur Mittäterin war. Schließlich würde das nicht das Ergebnis bedeuten, das Sie sich erhoffen. Das läge dann außerhalb unserer Kontrolle.«
»Das weiß ich, Mr. Monk«, sagte sie mit fester Stimme.
»Ich glaube an Merrits Unschuld und bin bereit, das Risiko einzugehen. Und ich bin mir der Tatsache nur zu bewusst, dass ich dieses Risiko sowohl für sie als auch für mich auf mich nehme.« Sie biss sich auf die Lippe. Ihre Hände, die auf dem Schreibtisch lagen, waren schmal, und die Knöchel zeichneten sich weiß ab. Außer ihrem Ehering trug sie keinerlei Juwelen. »Wenn sie älter wäre, würde ich sie vielleicht nicht suchen lassen, aber sie ist noch ein Kind, obwohl sie selbst vom Gegenteil überzeugt ist. Und ich bin auf den Umstand vorbereitet, dass sie mich dafür vielleicht hassen wird. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, und ich bin der festen Überzeugung, dass – trotz der Risiken einer Rückkehr nach England – die Gefahren, bliebe sie mit Breeland in Amerika, größer wären, denn dort ist niemand, der sich für sie einsetzen würde.«
Sie senkte die Lider. »Abgesehen davon muss sie erfahren, was Breeland getan hat, und wenn sie daran teilhatte, mag ihr Beitrag auch klein oder unbeabsichtigt gewesen sein, dann muss sie sich dafür verantworten. Man kann sein Glück nicht auf Lügen aufbauen… die so schrecklich sind wie diese Sache.«
Dem konnte Monk nichts hinzufügen. Er konnte keine Einwände erheben, und selbst eine Zustimmung wäre ungehörig gewesen und hätte so gewirkt, als fühle er sich berechtigt, an ihrem Schmerz teilzuhaben. Und eine Zustimmung hätte ihren Schmerz verharmlost.
»Dann werden wir reisen, sobald die Vorbereitungen getroffen sind«, erwiderte er. »Meine Frau packt bereits die Koffer.«
»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mr. Monk.« Sie lächelte schwach.
»Ich habe das Geld und den Namen der Dampfschifffahrtsgesellschaft hier. Ich fürchte, Sie müssen von Liverpool abreisen. Von dort fahren am häufigsten Schiffe nach New York ab… jeden Mittwoch, um genau zu sein. Es wird Eile geboten sein, um das nächste Schiff zu erreichen, da heute bereits Sonntag ist. Aber Sie können es schaffen, und ich bitte Sie inständig, keine Zeit zu verlieren. In der Hoffnung, dass Sie annehmen würden, telegrafierte ich gestern der Schifffahrtsgesellschaft und reservierte eine Kabine für Sie.« Sie biss sich auf die Lippe. »Aber ich kann sie natürlich stornieren.«
»Wir werden morgen früh reisen«, versprach er.
»Ich danke Ihnen. Ich habe auch Geld für Ihren Unterhalt in Amerika bereitgestellt. Ich weiß nicht, wie lange Sie brauchen, um Ihre Aufgabe auszuführen, aber der Betrag sollte für einen Monat ausreichen. Mehr kann ich in so kurzer Zeit nicht aufbringen. Die Angelegenheiten meines Mannes sind natürlich noch nicht geregelt. Ich habe einige meiner Schmuckstücke verkauft.«
»Ein Monat sollte mehr als genug sein«, sagte er eilig.
»Ich hoffe, wir finden sie früher. Entweder wird sie erpicht sein darauf, nach Hause zurückzukehren, wenn sie sich der Dinge nicht bewusst war, die Breeland auf dem Gewissen hat, oder wenn er sie gegen ihren Willen festhält. Ist das nicht der Fall, müssen wir sie so schnell wie möglich zur Rückkehr bewegen, für den Fall, dass Breeland einen Weg findet, es uns zu erschweren. Aber wie die Umstände auch sein mögen, dieser Betrag scheint mir angemessen zu sein.«
»Gut.« Sie reichte ein dickes Bündel Banknoten über den Schreibtisch. Sie war nicht im Geringsten zögerlich, als ob es ihr niemals in den Sinn gekommen wäre, dass er etwas anderes als ehrenhaft sein könnte.
»Ich sollte Ihnen dafür eine Quittung ausstellen, Mrs. Alberton«, sagte er unverzüglich.
»Oh! Oh, ja, natürlich.« Sie nahm ein Blatt Papier und einen Federhalter zur Hand, tauchte ihn in ein Tintenfass und schrieb, sodann reichte sie ihm das Blatt zur Unterschrift.
Er unterschrieb und gab es ihr zurück.
Sie schob das Papier in die oberste Schreibtischschublade, ohne einen Blick darauf zu werfen. Er hätte irgendetwas darauf schreiben können.
Es klopfte an der Tür, und einen Augenblick später öffnete sie sich.
»Ja, bitte?«, rief sie und runzelte die Stirn.
»Mr. Trace ist hier«, verkündete der Butler mit besorgter Miene. »Er will unbedingt mit Mr. Monk sprechen.«
Ihre Stirn glättete sich. Die Erwähnung von Mr. Trace’ Namen schien ihr nicht unangenehm zu sein. »Bitten Sie ihn herein«, forderte sie ihn auf und wandte sich an Monk.
»Ich nehme an, Sie haben nichts dagegen einzuwenden?«
»Natürlich nicht.« Es erweckte seine Neugier, dass Trace immer noch mit dem Hause Alberton in Kontakt stand, da doch die Waffen verschwunden waren und er sich dieser Tatsache bewusst sein musste.
Einen Moment später trat Trace ein und nickte Monk flüchtig zu. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Judith. Die Sorge auf seinem Gesicht war zu offenbar, um geheuchelt zu sein. Er fragte sie nicht nach ihrem Befinden, brachte auch sein Mitgefühl nicht zum Ausdruck, aber es war offen in seinem Gesicht geschrieben, einem Gesicht mit dunklen Augen und einer sonderbaren Asymmetrie. Monk erschrak. Als Trace sprach, waren es normale Worte, nichts weiter als die üblichen Formalitäten, die jedermann geäußert hätte.
»Guten Morgen, Mrs. Alberton. Es tut mir sehr Leid, dass ich bei Ihnen eindringe, gerade jetzt. Aber es ist äußerst wichtig für mich, Mr. Monk nicht zu verpassen. Mr. Casbolt erzählte mir von Ihrer Absicht, ihn zu verpflichten, Breeland zu verfolgen, und ich trage mich mit derselben Absicht.« Dieses Mal warf er einen kurzen Blick auf Monk, als ob er sich versichern wollte, dass dieser die Aufgabe übernommen hatte. Offensichtlich stellte ihn das, was er in Monks Gesicht las, zufrieden.
Judith war überrascht. »Wirklich? Ich möchte, dass Mr. Monk reist, aber nicht so sehr, um die Verfolgung Breelands aufzunehmen, sondern eher, um meine Tochter zurückzubringen. Aber natürlich wäre es höchst erstrebenswert, wenn er auch Breelands habhaft werden könnte.«
»Ich werde ihm in jeder Weise behilflich sein«, sagte Trace entschlossen, und in seiner Stimme lag tiefstes Mitgefühl. »Breeland verdient den Strang, aber selbstverständlich ist das weit weniger wichtig, als Miss Alberton vor ihm und vor weiterem Kummer zu retten.« Er stand dort, schlank und aufrecht, knetete verlegen seine Hände, als ob er nicht wüsste, was er mit ihnen tun sollte. Er suchte ihre Gesellschaft, und doch fühlte er sich nicht wohl dabei.
Es war genau in diesem Augenblick, als Monk, der die innere Anspannung bemerkte, die Ernsthaftigkeit in seinem Gesicht und den aufgeregten Ton in seiner Stimme vernahm, erkannte, dass Trace in Judith verliebt war. Möglicherweise hatte sein Angebot rein gar nichts mit den Gewehren zu tun.
Monk war nicht sicher, ob es ihm recht war, von Trace begleitet zu werden. Lieber hätte er völlig selbstständig gehandelt. Er war daran gewöhnt, allein zu arbeiten, oder höchstens mit einem Mitarbeiter, den er gut kannte.
Andererseits war Trace Amerikaner und hatte vielleicht Freunde in Washington. Sicherlich kannte er das Land und war mit den Reisemöglichkeiten per Zug oder Schiff vertraut. Was aber noch wichtiger war, er kannte die Sitten und Gebräuche der Menschen und würde manches Problem lösen können, das für Monk unüberwindlich sein könnte.
Er studierte den Mann, der in dem sonnendurchfluteten Raum stand, sein Gesicht Judith zugewandt hatte und auf ihre Entscheidung, nicht auf die Monks, wartete. Er wirkte nicht wie ein Soldat, sondern eher wie ein Poet, und unter seinem Charme war die Selbstdisziplin zu erkennen, und die Grazie seines schlanken Körpers ließ beträchtliche Kraft vermuten.
»Ich danke Ihnen«, nickte Judith. »Ich für meinen Teil wäre sehr dankbar, aber Sie müssen sich mit Mr. Monk einigen, ob Sie ihn begleiten oder nicht. Ich habe ihm die Freiheit gewährt, nach eigenem Gutdünken zu verfahren, und ich bin auch der Meinung, dass dies die einzige Möglichkeit ist, die es ihm erlaubt, eine derartige Aufgabe zu lösen.«
Trace blickte Monk an, die Frage stand in seinen Augen.
»Ich habe die feste Absicht zu reisen«, erklärte er feierlich. »Ob ich nun mit Ihnen reise oder geradewegs hinter Ihnen, ist eine Frage, die Sie beantworten müssen. Aber Sie werden mich brauchen, das schwöre ich Ihnen. Sie glauben, wir sprechen dieselbe Sprache, und Sie meinen, sich verständlich machen zu können. Doch das stimmt nur bedingt.« Ein Anflug von Amüsement huschte über sein Gesicht, voller Schwermut und Selbstironie.
»Ich musste dies dort drüben am eigenen Leib erfahren. Wir benutzen zwar dieselben Wörter, aber wir meinen nicht immer dieselben Dinge damit. Sie kennen Amerika nicht, ebenso wenig den Zustand, in dem wir uns momentan befinden. Sie können die Probleme nicht verstehen…«
Ein unkontrollierbarer Schmerz verzerrte plötzlich seine Lippen. »Niemand kann das, am wenigsten wir selbst. Wir sehen, wie unsere Art zu leben zerstört werden soll. Wir verstehen es nicht. Wandel jagt uns Angst ein, und da wir Angst haben, werden wir zornig und treffen falsche Entscheidungen. Ein Bürgerkrieg ist eine schreckliche Angelegenheit.«
Während er in diesem ruhigen, sonnigen Salon saß, der von den Gewinnen aus dem Handel mit Kriegsmaterial so freundlich gestaltet war, wurde Monk plötzlich bewusst, dass er noch nie mit Krieg konfrontiert gewesen war. Wenigstens nicht, soweit er sich erinnern konnte. Er kannte Armut, Gewalt, hatte ab und zu Krankheit erlebt und wusste eine Menge von Verbrechen, aber Krieg als eine Verrücktheit, die ganze Völker vernichtete und nichts unberührt ließ, war ihm unbekannt.
Spontan traf er seine Entscheidung. »Ich danke Ihnen, Mr. Trace. Unter der Voraussetzung, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffe und es mir freisteht, Ihren Rat anzunehmen oder abzulehnen, heiße ich Ihre Begleitung sowie den Beistand, den Sie mir zu geben bereit sind, willkommen.«
Trace entspannte sich, der kummervolle Ausdruck in seinem Gesicht wich ein wenig. »Gut«, sagte er kurz.
»Dann werden wir morgen früh abreisen. Sollte ich Sie am Bahnhof oder im Zug nicht treffen, werden wir uns im Büro der Dampfschifffahrtsgesellschaft in der Water Street in Liverpool treffen. Das nächste Schiff segelt mit der ersten Flut am Mittwochmorgen. Ich verspreche, ich werde Sie nicht enttäuschen, Mr. Monk.«
Am Morgen fuhren Hester und Monk zum Bahnhof Euston Square. Es war ein sonderbares Gefühl, da für Hester Erinnerungen an die Abreise zur Krim vor sieben Jahren wachgerufen wurden und sie damals ebenso wenig wusste, was sie erwartete, wie das Land sein würde, das Klima und wie die Luft riechen und sich anfühlen würde. Auch damals war sie von einer Mission erfüllt gewesen. Sie war in so vielerlei Hinsicht so viel jünger gewesen, nicht nur ihr Gesicht und ihr Körper, sondern insbesondere was ihre Erfahrung und ihr Verständnis für Menschen betraf und wie Ereignisse und Umstände sie verändern konnten. Damals war sie sich weit mehr Dingen sicher gewesen und überzeugt davon, sich selbst zu kennen.
Nun wusste sie genug, um zu erahnen, was sie alles nicht wusste und wie leicht es war, Fehler zu begehen, vor allem in Situationen, in denen man sich sicher war, die richtige Entscheidung zu treffen.
Sie hatte keine Ahnung, was sie in Washington erwartete. Sie wusste nicht, ob sie überhaupt eine Chance hatten, Merrit Alberton nach England zurückzubringen. Das Einzige, dessen sie sich sicher war, war die Tatsache, dass sie es nicht ablehnen konnte, es wenigstens zu versuchen, und was am wichtigsten war:
Dieses Mal hatte sie Monk an ihrer Seite und war nicht allein. Sie war nicht mehr jung genug, um sich allzu sicher zu sein. Erfahrung hatte ihr die eigene Fehlbarkeit gezeigt. Aber als sie nun im Zug saß, der Dampfwolken ausstieß und unter dem riesigen gewölbten Baldachin des Bahnhofs hervorkroch, empfand sie ein Gefühl der Kameradschaft, das sie bei keiner ihrer früheren Reisen verspürt hatte. Sie und Monk mochten über alle möglichen Dinge streiten, über wichtige und belanglose, was sie auch häufig taten. Ihre Vorlieben und Betrachtungsweisen unterschieden sich häufig, aber so sicher wie nur irgendetwas wusste sie, dass er sie niemals willentlich verletzen würde und seine Loyalität ihr gegenüber unumstößlich war. Als der Dampf der Lokomotive am Fenster vorbeizog und der Zug ins Tageslicht hinausfuhr, bemerkte sie, dass sie lächelte.
»Was hast du?«, fragte er und sah sie an. Sie fuhren an grauen Dächern vorbei, an schmalen Straßen und schmutzigen, engen Gassen, die dicht nebeneinander lagen.
Sie wollte nicht sentimental wirken. Es wäre sicherlich nicht gut für ihn, wenn sie ihm die Wahrheit sagte. Sie musste etwas Vernünftiges und Überzeugendes sagen. Er kannte sie viel zu gut, um hastige Ausflüchte zu akzeptieren.
»Ich finde, es ist eine gute Sache, dass Mr. Trace uns begleitet. Ich bin sicher, er ist hier, auch wenn wir ihn noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Findest du, wir sollten ihm von der Uhr erzählen?«
»Nein«, erwiderte er umgehend. »Ich möchte erst abwarten und hören, welchen Bericht Merrit von jener Nacht zu geben hat.«
Sie zog die Stirn in Falten. »Glaubst du etwa, Breeland könnte ihr die Uhr abgenommen und sie absichtlich fallen gelassen haben? Das wäre eine äußerst kaltherzige und grausame Tat!«
»Aber effektiv«, antwortete er, und der Abscheu stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Es wäre eine hervorragende Warnung, dass er vor nichts zurückschrecken würde, sollten wir ihn verfolgen.«
»Aber er konnte doch nicht wissen, dass wir uns der Tatsache bewusst sind, dass er sie ihr geschenkt hatte«, gab sie zu bedenken. »Die Polizei würde doch nur seinen Namen darauf lesen. Judith würde es ihr auch nicht sagen, vor allem, wenn sie wüsste, dass man die Uhr gefunden hat.«
»Nein, aber sie würde wissen, was das zu bedeuten hätte«, antwortete er, und seine Lippen wurden schmal.
»Das ist doch alles, was er braucht. Er rechnete nicht mit Judith Albertons Mut, ihm einen privaten Ermittler hinterherzuschicken, oder mit ihrer Entschlossenheit, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, wie diese auch immer aussehen mag.«
Sie waren in den Außenbezirken der Stadt angelangt, weite, offene Felder erstreckten sich im Morgenlicht. Bäume bauschten sich wie grüne Wolken über den Grasflächen. Es würde ein langer Tag werden und zwei Nächte in einem fremden Bett bedeuten, bevor sie für die Atlantiküberquerung an Bord gehen konnten, um an einer fremden Küste wieder an Land zu gehen. Flüchtig wunderte sie sich, woher sie den Mut oder den Wahnsinn gehabt hatte, derartige Reisen schon früher unternommen zu haben, und noch dazu allein.
Sie kamen spät in Liverpool an und erst, als sie dem Gepäckträger über den Bahnsteig in Richtung Ausgang folgten, entdeckten sie Philo Trace. Er schritt auf sie zu und strahlte vor Erleichterung. Er begrüßte sie herzlich, und gemeinsam gingen sie los, um einen Hansom aufzutreiben, der sie zu einem bescheidenen Hotel nicht weit vom Ufer brachte, in dem sie die Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes verbringen konnten.
Wie Judith Alberton gesagt hatte, hatte sie der Reederei telegrafiert und für sie eine Kabine reserviert. Es war ein Schiff, das hauptsächlich von Emigranten benutzt wurde, die hofften, sich in Amerika ein besseres Leben aufbauen zu können. Viele beabsichtigten, den Krieg hinter sich zu lassen und in den Westen zu ziehen, in die weiten Ebenen oder gar bis zu den gewaltigen Rocky Mountains. Dort würden sie ihre religiösen Überzeugungen leben können und weites Land vorfinden, auf dem sie der Wildnis Farmen abringen konnten, auf die sie in England niemals hoffen konnten.
Das Schiff sollte in Queenstown in Irland weitere Passagiere aufnehmen, halb verhungerte Männer und Frauen, die der Armut entfliehen wollten, die der Kartoffelpest gefolgt war, und gewillt waren, überall hinzugehen und jegliche Arbeit zu leisten, um für ihre Familien den Lebensunterhalt zu verdienen.
Es war ein eigenartiges Gefühl, wieder auf See zu sein. Der Geruch der eingeschlossenen Luft in der Kabine brachte Hester die Erinnerung an die Truppenschiffe zur Krim schärfer zu Bewusstsein als das Schwanken des Schiffs, die Geräusche des Meeres, der launenhaften Wellen und des Windes. Sie hörte die Schreie der Matrosen, die sich gegenseitig etwas zuriefen, und das Knarren der Planken. Das Gackern der Hühner und das Quietschen der Schweine bereitete ihr Unbehagen, denn sie wusste, dass die Tiere nur mitgeführt wurden, um später gegessen zu werden, wenn sie sich weit und weiter vom Land entfernten und die Lebensmittelvorräte allmählich verdarben und knapp wurden. Vor der Küste Irlands stand der Wind ungünstig. Es würde eine lange Überfahrt werden.
Sie waren in einer Kabine der ersten Klasse untergebracht, die winzige Kojen hatte, eine einzige kleine Waschschüssel, einen Nachttopf, der aus dem Bullauge geleert werden musste, sowie einen kleinen Schreibtisch und einen Stuhl. Die Kleidung konnte man an einen Haken hinter der Tür hängen. Monk sagte nichts, aber als sie sein Gesicht betrachtete und seine angespannte Stimme vernahm, wusste sie, dass er die Kabine als unerträglich bedrückend empfand. Es überraschte sie nicht, dass er sooft er konnte an Deck ging, selbst wenn das Wetter rauh war und die Meeresgischt hart und kalt in die Gesichter spritzte, obwohl es schon früher Juli war.
Glücklicherweise waren sie nicht gezwungen, im Zwischendeck zu reisen, wo Männer, Frauen und Kinder kaum Platz hatten, sich zu bewegen, und sich bei jedem Schritt gegenseitig anrempelten. Wurde jemand krank oder fühlte sich unwohl, hatte er keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Hier waren Kameradschaft, ein freundliches Wesen und Rücksichtnahme Notwendigkeiten, um zu überleben.
Die Überfahrt dauerte zwei Wochen, und am Montag, dem 15. Juli, warf das Schiff in New York Anker.
Hester war fasziniert. New York glich keiner der Städte, die sie je zuvor gesehen hatte. Diese Stadt war hart, es wimmelte von Menschen, man hörte vielerlei Sprachen, Lachen und Schreien, und die Hand des Krieges warf ihren Schatten bereits darüber, eine sonderbare Brüchigkeit schien in der Luft zu liegen. An den Hauswänden hingen Rekrutierungsplakate, und in den Straßen tummelten sich Soldaten in einem wilden Aufgebot an Uniformen.
Es schien Kopien von jeglicher Art militärischer Aufmachungen zu geben, von europäischen bis nahöstlichen, die französischen Soldaten sahen gar wie Türken aus mit ihren sackartigen Hosen, den bunten Feldbinden um die Hüften, den Turbanen oder scharlachroten Fezen mit den riesigen Quasten, die bis auf die Schultern hinabbaumelten.
Von jedem Hotel und jeder Kirche, an der sie vorüberkamen, flatterte das Sternenbanner und wurde en miniature an den Pferdegeschirren der Omnibusse und als Rosette an den Privatkutschen wiederholt.
Die Geschäfte schienen schlecht zu laufen, und die Gesprächsfetzen, die sie aufschnappte, handelten von Preiskämpfen, Lebensmittelpreisen, von den neuesten Gerüchten, die in der Stadt kursierten, und von Skandalen, von Politik und Sezession. Sie war überrascht über Andeutungen, dass sich sogar New York und New Jersey von der Union abspalten würden.
Hester, Monk und Philo Trace nahmen den ersten möglichen Zug gen Süden nach Washington. Diese Stadt war übersät von Soldaten in blauen und grauen Uniformen, aber auch hier herrschten chaotische militärische Trachten vor. Wie die Soldaten auf dem Schlachtfeld Freund und Feind auseinander halten sollten, war Hester ein Rätsel, und der Gedanke bereitete ihr Sorge, aber sie sprach ihn nicht aus.
Erinnerungen bestürmten sie, als sie die jungen Gesichter der Männer sah, angespannt und voller Angst, dennoch versuchten sie verzweifelt, dies zu verbergen. Einige sprachen zu viel, mit lauten und verkrampften Stimmen, lachten über Nichtigkeiten – alles ein hauchdünnes Furnier prahlerischer Tapferkeit. Andere saßen still da, in Gedanken an zu Hause, an die unbekannte Schlacht, die vor ihnen lag, an den möglichen Tod. Hester war entsetzt, als sie sah, wie viele von ihnen keine Feldflaschen besaßen und Waffen trugen, die so alt oder in so schlechtem Zustand waren, dass sie für den Mann, der sie abfeuerte, eine größere Gefahr darstellten als für den Feind. Sie waren von solcher Mannigfaltigkeit, dass von keinem Quartiermeister erwartet werden konnte, für sie Munition bereitzuhalten. Es waren durchweg Vorderlader, aber mit glattem, nicht gezogenem Lauf. Einige waren alte Steinschlossmusketen, die viel öfter versagten und weit weniger zielgenau waren als die neuen Präzisionswaffen, die Breeland gestohlen hatte.
Hester machte die Vorstellung des blinden Abschlachtens krank, das folgen würde, sobald aus dem Krieg eine offene Feldschlacht werden würde. Nach dem, was sie den Fetzen der jugendlichen Prahlerei, die sie hörte, entnahm, oder aus der Leidenschaft, die Union zu erhalten, schloss, konnte der Krieg nicht mehr weit entfernt sein.
Sie hörte Bruchstücke von Unterhaltungen, wenn sie aufstand, um den Rücken zu strecken oder sich die Beine zu vertreten.
Ein magerer, rothaariger Junge, der den Kilt der schottischen Hochlandbewohner trug, lehnte an einer Trennwand und unterhielt sich mit einem jungen Mann, der mit Kniehosen und Jackett bekleidet war.
»Wir werden diese Rebellen im Nu vertreiben«, rief der Junge im Kilt hitzig. »Um nichts in der Welt werden wir es zulassen, dass sich Amerika spaltet, das sag ich dir! Eine Nation auf Gottes Erden, ja, das sind wir!«
»Zur Ernte sind wir wieder zu Hause«, meinte der andere mit einem trägen und scheuen Lächeln. Dann erblickte er Hester und nahm eine straffe Haltung ein.
»Pardon, Ma’am.« Er machte Platz, damit sie vorbeigehen konnte, und sie dankte ihm, während ihr Herz einen Sprung machte und sie sich vorstellte, in welches Vorhaben er sich in all seiner Unschuld stürzte. Sein magerer Körper, die von der Arbeit schwieligen Hände und seine schäbige Kleidung machten klar, dass er Armut sowie harte Arbeit kannte, doch vom Gemetzel einer Schlacht konnte er sich keinen Begriff machen. Das war etwas, wovon sich ein geistig gesunder Mensch keine Vorstellung machen konnte.
Sie lächelte ihn an, sah einen Moment lang in seine blauen Augen und ging dann weiter.
»Geht es Ihnen nicht gut, Ma’am?« Vielleicht hatte er den Schatten ihres Wissens gesehen und den Schmerz gespürt, den ihr dies verursachte.
Sie zwang sich, fröhlich zu klingen. »Oh, nein. Ich bin nur ein wenig steif.«
Auf dem Rückweg ging sie an einem älteren Mann vorbei, der am Mundstück seiner kalten Tonpfeife kaute.
»Ich musste einfach gehen«, sagte er zu seinem bärtigen Gegenüber. »Wie ich die Sache sehe, bleibt einem keine Wahl. Wenn man an Amerika glaubt, muss man daran glauben, dass es ein Land für alle ist, nicht nur für Weiße. Es ist nicht richtig, menschliche Wesen zu kaufen und zu verkaufen. Einzig und allein darum geht es.«
Zweifelnd schüttelte der andere Mann den Kopf. »Hab Cousins im Süden. Sind keine schlechten Leute. Wenn plötzlich alle Neger frei sind, wo sollen sie dann hin? Wer passt auf sie auf? Hat daran vielleicht mal jemand gedacht?«
»Was tun Sie dann hier?«, fragte der erste Mann und nahm seine Pfeife aus dem Mund.
»Es ist Krieg«, meinte der andere lapidar. »Wenn sie gegen uns kämpfen, werden wir gegen sie antreten. Außerdem glaube ich an die Union. Was ist Amerika anderes als eine Union?«
Bedrückt von dem Gefühl der Verwirrung und der Sorgen, das in der Luft lag, kehrte Hester an ihren Platz zurück.
Der Zug hielt in Baltimore, wo weitere Passagiere einstiegen. Als der Zug weiterfuhr, saß Hester am Fenster; sie hatte für eine Weile mit Monk Platz getauscht. Sie sahen beide auf die vorbeifliegende Landschaft hinaus. Ihnen gegenüber saß Philo Trace, der immer angespannter zu werden schien. Die Linien in seinem Gesicht wurden immer tiefer, und seine Hände verkrampften sich ineinander, und für Sekunden sah es so aus, als wollten sie etwas tun, dann schlangen sie sich erneut ineinander.
Während sie aus dem Fenster sah, bemerkte Hester zum ersten Mal Wachposten, die die Eisenbahngleise bewachten. Zuerst nur vereinzelt, doch dann immer häufiger. Hinter ihnen sah sie die Armeelager, die sich farblos ausbreiteten und an Größe zunahmen, während sich der Zug in Richtung Süden bewegte.
In New York war es schon heiß gewesen. Während sie sich aber Washington näherten, wurde die Hitze unerträglich. Die Kleider klebten an der Haut. Die Luft schien dick und feucht zu sein, zu schwer, um sie einzuatmen.
Kurz bevor sie nach Washington selbst einfuhren, war das Brachland in den Außenbezirken von Zelten und marschierenden und exerzierenden Gruppen von Männern übersät, von weiß überdachten Planwagen und allen möglichen Arten von Karren und Gewehrkisten.
Das Kriegsfieber war nun deutlich zu spüren.
Als sie in den Bahnhof einfuhren, ging es endlich an das Aussteigen und Ausladen von Gepäckstücken, und sie begannen, für die Zeit, die sie in der Stadt verbringen würden, nach einer geeigneten Unterkunft zu suchen.
»Breeland hält sich mit Sicherheit hier auf«, sagte Trace voller Überzeugung. »Die Konföderiertenarmee befindet sich nur ungefähr zwei Tagesmärsche südlich von hier. Wir sollten im Willard Quartier beziehen, wenn wir können, oder wenigstens dort speisen. Es ist der beste Ort, um Neuigkeiten zu erfahren und all den Klatsch zu hören.« Schmerzlich amüsiert lächelte er. »Ich vermute zwar, Sie werden den Radau, der dort herrscht, verabscheuen. Die meisten Engländer tun das. Aber wir haben keine Zeit, unseren Abneigungen freien Lauf zu lassen, Senatoren, Diplomaten, Händler und Abenteurer, alle treffen dort zusammen – mitsamt ihren Gattinnen. Für gewöhnlich ist das Hotel voller Frauen und sogar Kinder. Ein Abend dort, und ich werde wissen, wo Breeland sich aufhält, das verspreche ich.«
Hester war von der Stadt fasziniert. Weniger noch als New York glich Washington einer Stadt, wie sie sie je zuvor gesehen hatte. Offensichtlich war sie mit der großartigen Vision entworfen worden, eines Tages das ganze Land zwischen Bladensburg River und dem Potomac zu bedecken, im Augenblick jedoch lagen noch weite Flächen Brachlandes zwischen den außerhalb liegenden Barackendörfern, bevor man die breiten, ungepflasterten Hauptstraßen erreichte.
»Das ist die Pennsylvania Avenue«, erklärte Trace, der neben Hester in einem zweirädrigen Einspänner saß und ihr ins Gesicht sah. Monk saß mit dem Rücken zu ihnen. Sein Gesichtsausdruck war eine sonderbare Mischung aus Nachdenklichkeit und gespannter Aufmerksamkeit, als ob er ihre Mission hier zu planen versuchte, seine Aufmerksamkeit aber fortwährend durch das, was er um sich herum sah, abgelenkt würde. Und tatsächlich war das Treiben höchst unterhaltsam. Auf der einen Straßenseite befanden sich Gebäude, die wahrlich prachtvoll waren, große Marmorbauten, die für jede Hauptstadt der Welt eine Zierde gewesen wären. Auf der anderen Seite kauerten sich Herbergen, billige Märkte oder Werkstätten zusammen, dazwischen hier und da freie Flächen, die noch gänzlich unbebaut waren. Gänse und Schweine liefen unter völliger Missachtung des Verkehrs umher. Oft wälzte sich ein Schwein in den tiefen Furchen, die die Kutschenräder nach Regenfällen in die Straße gegraben hatten. Im Moment regnete es nicht, und es gab auch keinen Schlamm auf den Straßen, und so verursachten die Schweine dicke Staubwolken, die die Lungen verstopften und sich über alles senkten.
Weit vor ihnen sah das Kapitol auf den ersten Blick wie eine prächtige Ruine Griechenlands oder Roms aus, umgeben von den Trümmern der Vergangenheit. Aus der Nähe betrachtet war das Gegenteil der Fall, denn es war noch im Bau begriffen. Die Kuppel musste erst noch gebaut werden, und zwischen Bruchsteinen, Bauholz, den Hütten der Arbeiter und nicht fertig gestellten Treppenfluchten standen Säulen, Steinblöcke und Statuen.
Hester hätte gerne etwas Angemessenes geäußert, aber sie war keiner Worte fähig. Überall schienen Fliegen zu sein. Weder in England noch auf dem Schiff war ihr in den Sinn gekommen, dass in Amerika tropische Verhältnisse herrschen könnten, mit feuchtschwüler Luft, die sich wie eine heiße, nasse Flanelldecke um einen legte.
Sie erreichten das Willard, und nachdem Trace ein gutes Stück Überredungskunst aufgebracht hatte, wurden sie zu zwei Zimmern geführt. Hester war erschöpft und über die Maßen erleichtert, wenigstens ein paar Augenblicke lang eine Privatsphäre genießen zu können, fort von dem Lärm, dem Staub und den fremdartigen Stimmen. Selbst hier konnte man der Hitze nicht entfliehen, aber wenigstens war sie dem prallen Sonnenschein entflohen.
Dann sah sie Monk an und las den Zweifel in seinem Gesicht. Bewegungslos stand er in der Mitte des kleinen Zimmers, sein Frack war verknittert, und das Haar klebte auf seiner Stirn.
Plötzlich wurde sie sich der Lächerlichkeit ihrer Situation bewusst. Es war ein Moment, in dem sie sowohl weinen als auch lachen hätte können. Sie lächelte ihn an.
Er zögerte, sah in ihre Augen, dann lächelte er allmählich zurück und setzte sich auf die andere Seite des Bettes. Schließlich begann er zu lachen, streckte die Arme aus und zog sie an sich, dann sanken sie zurück, und er begann sie zu küssen. Sie waren müde und schmutzig, völlig derangiert und weit fort von zu Hause, und sie durften es nicht zulassen, dass etwas Schlimmes passierte. Wenn sie ihr Vorhaben auch nur ein Mal ernsthaft überdenken würden, würde sie der Gedanke lahmen, es tatsächlich anpacken zu müssen.
Beim Frühstück am folgenden Morgen trafen sie Philo Trace wieder. Es war eine ausgedehnte Mahlzeit und stellte sogar ein englisches Frühstück auf dem Land in den Schatten. Hier gab es neben dem üblichen Speck, den Eiern, Würstchen und Kartoffeln auch noch gebackene Austern, Steak mit Zwiebeln und hinterher Pudding. Dies war offenbar die erste von fünf Mahlzeiten, die während des Tages angeboten wurden, jede davon von vergleichbarer Opulenz. Hester nahm zwei leicht pochierte Eier, einige wunderbare Erdbeeren, Toast mit verschiedenen Marmeladen, die sie als viel zu süß empfand, und Kaffee, der der beste war, den sie je getrunken hatte.
Philo Trace wirkte müde. In seinem Gesicht waren tiefe Falten der Müdigkeit und Sorge. Unter seinen dunklen Augen lagen schwere Schatten, und seine Nasenflügel sahen wie zusammengequetscht aus. Doch er war makellos rasiert und gekleidet und hatte offensichtlich nicht die Absicht, die Gefühle zur Schau zu stellen, die ihn quälten, wenn er sah, dass sich sein Land vom bloßen Gerede über Krieg auf dessen Realität zu bewegte.
Der Speisesaal des Hotels war voll. Es waren meist Männer, darunter einige Armeeoffiziere, aber es war auch eine beträchtliche Anzahl von Frauen darunter, mehr, als es in einem vergleichbaren Etablissement in England gewesen wären. Überrascht bemerkte Hester, dass einige der Männer langes wallendes Haar hatten, das sie lose trugen, so dass es über ihre Kragen fiel. Nur sehr wenige waren ordentlich rasiert.
Trace lehnte sich ein wenig nach vorn und sprach leise.
»Ich habe bereits einige Erkundigungen eingezogen. Die Armee rückte vor zwei Tagen, am 16. Juli, in Richtung Süden nach Manassas ab.« Seine Stimme klang ein wenig brüchig, er konnte seinen Schmerz nicht unterdrücken.
»General Beauregard schlug ganz in der Nähe das Camp der konföderierten Armee auf, und MacDowell wird sich dort mit ihm treffen.« Ein Schatten legte sich auf seine Augen. »Ich nehme an, sie haben Breelands Waffen bei sich. Vermutlich sollte ich wohl eher sagen, Mr. Albertons Waffen.« Er schenkte der Mahlzeit auf seinem Teller keinerlei Beachtung. Er gab nicht zu, dass er gehofft hatte, verhindern zu können, dass die Gewehre die Truppen der Union erreichten. Hester hätte ihn der Realität gegenüber für blind gehalten, hätte er sich dieser Hoffnung hingegeben, aber manches Mal kann man es schlichtweg nicht ertragen, einer Tatsache ins Auge zu sehen, und Blindheit wird zur Notwendigkeit – für eine Weile jedenfalls.
Um sie herum dröhnte der Speisesaal von den Unterhaltungen, ab und zu hob sich irgendwo in der Erregung die Lautstärke der Gespräche. Die Luft war von Rauch geschwängert, und selbst jetzt, um halb neun Uhr morgens, war es bereits feucht und heiß.
»Das können wir nicht verhindern«, erwiderte Monk gelassen und mit seinem üblichen Sinn für das Praktische.
»Wir sind hier, um Merrit Alberton zu finden und nach Hause zu bringen.« In seiner Stimme lag ein überraschendes Mitgefühl. »Aber wenn Sie uns verlassen möchten, um sich Ihren Leuten anzuschließen, wird Sie niemand bitten zu bleiben. Es könnte gefährlich für Sie werden.«
Trace zuckte fast unmerklich die Achseln. »Es sind immer noch genügend Südstaatler in der Stadt. Vermutlich stammt jeder Mann mit langen Haaren, den Sie hier sehen, aus dem Süden, den ›Sklavenstaaten‹, wie sie hier genannt werden.« Nun sprach Bitterkeit aus ihm. »Das ist ein Brauch, den man im Norden nicht pflegt.«
Hester mochte ihn, aber sie hatte sich während der Reise des Öfteren gefragt, wie er sich einer Sache verschreiben konnte, die nur als Gräueltat und nach sämtlichen Moralbegriffen als Verletzung der von Gott gegebenen Rechte der Menschen betrachtet werden konnte. Sie wollte seine Antwort nicht wissen, für den Fall, dass sie ihn dafür hätte verachten müssen, daher hatte sie nie gefragt. Aber als er dessen ungeachtet nun eine Antwort gab, hörte sie den unterdrückten Zorn in seiner Stimme.
»Die meisten von ihnen haben nie zuvor eine Plantage gesehen, geschweige denn darüber nachgedacht, wie sie funktioniert. Ich habe selbst nicht viele gesehen.« Er lachte barsch, als ob er sich verschluckt hätte. »Die meisten von uns Südstaatlern sind kleine Farmer, und wir bearbeiten unser eigenes Land. Sie können viele Dutzende von Meilen gehen und werden nichts anderes sehen. Aber wir leben von der Baumwolle und von Tabak. Das ist es, was wir in den Norden verkaufen, wo es in den Fabriken verarbeitet und ins Ausland verschifft wird.«
Plötzlich verstummte er, senkte den Kopf und fuhr sich mit der Hand so heftig durchs Haar, dass es wehtun musste. »Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, worum es sich bei diesem Krieg handelt und warum wir uns gegenseitig an den Hals gehen. Warum können sie uns nicht einfach in Ruhe lassen? Natürlich gibt es üble Sklavenhalter, Männer, die ihre Feld und Haussklaven verprügeln und denen nichts geschieht, auch wenn sie sie zu Tode prügeln. Aber auch im Norden gibt es Armut, und niemand setzt sich dagegen ein! Einige der industrialisierten Städte sind voller verhungernder, vor Kälte zitternder Männer, Frauen und sogar Kinder, die niemand aufnimmt oder ihnen zu essen gibt. Kein Mensch schert sich darum! Ein Plantagenbesitzer kümmert sich wenigstens um seine Sklaven, vielleicht aus wirtschaftlichen Gründen, vielleicht aber auch aus purer Anständigkeit.«
Weder Monk noch Hester unterbrachen ihn. Sie warfen einander einen Blick zu, aber es war klar, dass Trace sowohl mit sich selbst als auch mit ihnen sprach. Er war ein Mann, der von Umständen überwältigt war, die er weder verstehen noch kontrollieren konnte. Er war sich nicht einmal mehr sicher, woran er glaubte, nur dass er im Begriff war, das, was er liebte, zu verlieren und dass es schnell zu spät sein würde, um an dem bevorstehenden Grauen noch etwas zu ändern.
Hester verspürte größtes Mitleid für ihn. In den zwei Wochen, die sie ihn nun kannte, hatte sie ihn auf dem Schiff als auch im Zug sowohl in Momenten beobachtet, in denen er sich allein wähnte und sich die Einsamkeit wie eine Decke um ihn zu legen schien, als auch zu Zeiten, in denen er ein spontanes Einfühlungsvermögen für andere Passagiere bewies, die ebensolche Ungewissheit vor Augen hatten und den Mut aufzubringen versuchten, ihre Familien nicht noch weiter zu ängstigen und zu belasten, indem sie ihre Furcht schürten.
An Bord des Schiffes war eine Irin mit ausgezehrtem Gesicht gewesen. Sie hatte vier Kinder und kämpfte darum, sie zu trösten und sich zu verhalten, als ob sie genau wüsste, was sie tun würden, wenn sie in einem fremden Land ankämen, ohne Freunde und ohne einen Ort, an dem sie leben konnten. In ihrer Einsamkeit starrte sie über die endlose Weite des Wassers, und in ihrem Gesicht stand die blanke Angst. Trace war zu ihr gegangen, hatte sich still neben sie gestellt, den Arm um ihre mageren Schultern gelegt und den Augenblick mit ihr geteilt und sein Verständnis angeboten.
Doch Hester konnte sich im Moment nicht vorstellen, was sie ihm hätte sagen können, einem Mann, der den Ruin seines Landes vor Augen hatte und ihn für zwei Engländer in Worte zu fassen versuchte, die wegen einer einzigen und möglicherweise vergeblichen Mission gekommen waren, die aber hinterher in den Frieden und in Sicherheit zurückkehren konnten, auch wenn sie Judith Alberton womöglich ihr Scheitern erklären mussten.
»Wir ahnen noch nicht einmal, was wir im Begriff sind, zu tun!«, sagte Trace bedächtig und sah nun zu Monk auf.
»Es muss doch einen besseren Weg geben! Die Gesetzgebung mag zwar Jahre dauern, aber das Vermächtnis des Krieges wird nie mehr weichen.«
»Sie können nichts daran ändern«, erwiderte Monk schlicht, aber in seinem Gesicht stand die ganze Vielfalt seiner Gefühle geschrieben. Trace sah es und lächelte leicht.
»Ich weiß. Ich würde besser daran tun, mich der Aufgabe zu widmen, derentwegen wir gekommen sind«, bekannte er. »Ich sage es, bevor Sie es tun. Wir müssen Breelands Familie finden. Sie hält sich gewiss noch hier auf, und Merrit Alberton wird vermutlich bei ihnen sein.« Er fügte nicht hinzu: »wenn sie noch am Leben ist«, aber der Gedanke äußerte sich in dem schnellen Herabziehen seiner Mundwinkel. Hester hegte denselben Gedanken und wusste, dass dies auch bei Monk der Fall war.
»Wo wollen wir beginnen?«, fragte Monk. Er warf einen Blick durch den Speisesaal, in dem sämtliche Tische besetzt waren. Während der ganzen Zeit, die sie hier gewesen waren, waren viele Menschen gekommen und gegangen. »Wir müssen diskret vorgehen. Wenn sie hören, dass sich ein paar Engländer nach ihnen erkundigen, könnten sie abreisen oder – im schlimmsten Fall – versuchen, sich Merrits zu entledigen.«
Trace’ Gesichtsausdruck wurde strenger. »Ich weiß«, sagte er leise. »Daher schlage ich vor, dass ich die Erkundigungen einziehe. Deswegen kam ich ja mit Ihnen. Sie werden auch Hilfe benötigen, wenn Sie mit ihr von hier abreisen wollen. Vielleicht gelingt es uns noch, wieder in den Norden zu kommen, vielleicht aber auch nicht. In dem Fall könnte ich Sie durch Richmond und Charleston nach Süden begleiten. Es wird davon abhängen, was während der nächsten Tage passiert.«
Monk hasste es, von jemandem abhängig zu sein, was Hester in seinem Gesicht ablesen konnte. Aber es gab keine Alternative, und abzulehnen wäre kindisch und riskant gewesen und hätte ihre Chancen auf Erfolg geschmälert.
Vielleicht war sich auch Trace dieser Tatsache bewusst. Wieder hellte ein flüchtiges Lächeln seine Gesichtszüge auf. »Bringen Sie so viel wie möglich über die Armee in Erfahrung«, schlug er vor.
»Truppenbewegungen, Ausrüstung, Anzahl der Soldaten, ihren Gemütszustand. Je mehr wir wissen, desto besser können wir beurteilen, welchen Weg wir einschlagen müssen, wenn wir Merrit… und wenn möglich Breeland haben. Gewiss halten sich genügend Kriegskorrespondenten von englischen Zeitungen hier auf. Niemand wird Ihre Fragen sonderbar finden.« Er zuckte leicht die Achseln, und ein Anflug von Schalk zeigte sich in seinen Augen. »In diesem Krieg gelten Sie als neutral, wenigstens theoretisch.«
»In der Tat«, fügte Monk hinzu. »Ich mag ja den Wunsch hegen, Breeland vom nächsten Baum baumeln zu sehen, aber ich schere nicht die gesamte Union über denselben Kamm.«
»Und wie steht es mit den Sklavenhaltern?«, fragte Trace mit großen Augen.
»Für die gilt dasselbe.« Monk lächelte ihm zu, erhob sich und ließ den Rest des Frühstücks unberührt. »Komm mit«, forderte er Hester auf. »Wir werden jetzt einen brillanten und scharfzüngigen Artikel für die Illustrated London News verfassen.«
Den Rest des Tages verbrachten sie damit, durch die Straßen und über die Plätze der Stadt zu wandern, den Leuten zuzuhören, sie sowohl in den Straßen als auch im Foyer des Hotels zu beobachten. Sie bemerkten ihre Besorgnis und spürten die Unruhe, die in der Luft lag. Einige Leute hatten ganz offensichtlich Angst, als ob sie erwarteten, die Konföderierten würden geradewegs in Washington einmarschieren, aber die große Mehrheit schien sehr siegesgewiss zu sein und hatte kaum eine Vorstellung davon, welchen Preis es kosten würde, selbst wenn sie jede einzelne Schlacht gewinnen würden.
Monk hörte die Klagen über die überwältigende Präsenz der Armee allerorten, den Aufruhr in der Stadt und vor allem über den ekeligen Gestank der Entwässerungsgräben, die mit dem plötzlichen Anwachsen der Bevölkerung nicht fertig wurden. Aber das alles beherrschende Thema waren die politischen Streitfragen darüber, dass sich die Debatte über die Sklaverei in eine Debatte gewandelt hatte, die nun die Erhaltung der Union selbst betraf.
Hester sah die Männer und Frauen in den Straßen, insbesondere die Frauen, die ihre Söhne, Gatten und Brüder an die Front geschickt hatten und sich Ruhm für sie erträumten, wobei sie kaum ahnen konnten, welche Verletzungen sie erleiden könnten und an welchen Gräueltaten sie teilhaben würden, die sie für immer verändern würden. Die amputierten Gliedmaßen, die narbigen Gesichter und Körper würden lediglich die äußeren Wunden sein. Für die inneren würden sie keine Worte finden, um sie jemandem mitzuteilen, und sie würden zu bestürzt und beschämt sein, um es überhaupt zu versuchen. Sie hatte dies auf der Krim schon einmal erlebt, und es war eine der universellen Wahrheiten des Krieges, dass dieser Freund und Feind vereinte und sie gemeinsam von jenen abgrenzte, die ihn nicht erlebt hatten, wie tief die Treue zueinander auch immer sein mochte, die sie einst verband.
Zwei Mal sprach sie im Hotel mit Frauen, um ihnen zu sagen, wie viel Leinen sie für Bandagen brauchen würden und welch banale Dinge nötig waren, um Verletzte sauber zu halten, wie zum Beispiel Seifenlauge, Essig und einfacher Wein. Doch sie verstanden das Ausmaß des kommenden Geschehens nicht, konnten sich die Anzahl der Männer nicht annähernd vorstellen, die verwundet werden würden, und nicht erahnen, wie schnell jemand mit einem zerschmetterten Körperteil verbluten konnte.
Einmal versuchte sie etwas über Krankheiten zu erklären und wie sich Typhus, Cholera und Ruhr schnell wie ein Feuer in einem trockenen Wald bei den Männern in einem Feldlager ausbreiten konnten. Aber sie stieß nur auf Unverständnis, und in einem Fall begegnete man ihr gar mit Aggression. Es waren gute, aufrichtige und mitfühlende Menschen, aber vollkommen blind. In England war es dasselbe gewesen. Die quälende Enttäuschung und die Wut auf die eigene Hilflosigkeit waren nichts Neues für Hester. Sie wusste nicht, warum es sie nun beim zweiten Mal mehr schmerzte, Tausende von Meilen von zu Hause entfernt und inmitten eines Volkes, das auf vielerlei Weise so anders war als ihr eigenes und dessen Schmerzen sie nicht miterleben würde, weil sie nicht lange genug hier sein würde. Vielleicht kam es daher, dass sie beim ersten Mal selbst noch so unwissend gewesen war, nicht vorausgeschaut hatte und sich nicht einmal hatte vorstellen können, was kommen würde. Dieses Mal wusste sie es. Die Wirklichkeit hatte ihr schon einmal Verwundungen zugefügt, die immer noch empfindlich waren.
Bis zum Abend war es Trace bereits gelungen, Breelands Eltern ausfindig zu machen, und er hatte zudem bewerkstelligt, dass er, Hester und Monk im selben Restaurant wie sie dinieren würden. Natürlich war es eine forciert herbeigeführte Situation, aber um zehn Uhr abends standen sie alle in einer Gruppe beisammen und unterhielten sich, und um fünf Minuten nach zehn wurden sie einander vorgestellt.
»Ich freue mich, Sie kennen zu lernen«, sagte Hester zunächst an Hedley Breeland gewandt, einen imposanten Mann mit starrem weißem Haar und einem so durchdringenden Blick, dass er einen fast in Verlegenheit brachte. Dann begrüßte sie Mrs. Breeland, eine Frau mit wärmerer Ausstrahlung, die aber ganz nahe bei ihrem Mann stand und ihn mit offensichtlichem Stolz betrachtete.
»Nett, Sie kennen zu lernen, Ma’am«, sagte Hedley Breeland höflich. »Sie kamen zu einer ungünstigen Zeit. Man ist allgemein der Auffassung, das hochsommerliche Wetter in Washington sei stets bedrückend, und gerade jetzt haben wir Probleme, von denen ich zu behaupten wage, dass Sie sogar in England bereits davon gehört haben dürften.«
Hester war nicht überzeugt, ob ein Teil seiner Worte nicht als Kritik an ihrer Wahl der Reisezeit gemeint gewesen war. Sein Gesicht verriet jedenfalls nichts, was die Schroffheit seiner Worte gemildert hätte.
Mrs. Breeland mischte sich ein. »Wir wünschten nur, wir könnten Ihnen einen angenehmeren Empfang bereiten, aber all unsere Aufmerksamkeit gilt momentan dem Kampf. Gott weiß, wir taten alles, was in unserer Macht stand, um ihn zu vermeiden, aber es gibt keine Möglichkeit, sich mit der Sklaverei zu arrangieren. Sie ist schlichtweg falsch.« Sie lächelte Hester entschuldigend an.
»Es geht nicht nur um Sklaverei«, korrigierte ihr Mann sie.
»Es geht hier um die Union. Doch man kann von Ausländern nicht verlangen, dafür Verständnis aufzubringen, aber wir müssen schon bei der Wahrheit bleiben.«
Ein Anflug von Ärger deutete sich auf Mrs. Breelands Gesicht an, verschwand aber sogleich wieder. Hester konnte nicht umhin, sich zu fragen, was sie wirklich fühlte, welche Gefühle ihr Leben bestimmten, von denen ihr Gatte möglicherweise keine Ahnung hatte.
»Unser Sohn hat sich soeben verlobt, er will ein englisches Mädchen heiraten«, fuhr Mrs. Breeland fort.
»Sie ist bezaubernd! Sie benötigte wirklich allen Mut der Welt, einfach zu packen und mit ihm hierher zu reisen, ganz allein, weil ihr Vater nämlich dagegen war.«
Hester spürte eine Welle der Erleichterung, dass Merrit hier war und offenbar freiwillig gekommen war. Das Mädchen konnte unmöglich die Wahrheit wissen.
Hester spürte, wie Monk sich versteifte, und sie legte warnend ihre Hand auf seinen Arm.
»Sie hat gleich erkannt, welch großartiger Mann er ist, schon als sie ihn zum ersten Mal sah«, erklärte Hedley Breeland mit erhobenem Kinn. »Sie hätte in keinem Land auf Gottes grüner Erde einen Besseren finden können, und sie hatte den Verstand, das zu wissen! Prima Mädchen!«
»Ist Ihr Sohn auch hier?«, fragte Hester arglistig. »Ich wäre entzückt, das Mädchen kennen zu lernen. Ich bewundere Tapferkeit sehr! Ohne sie können wir alles verlieren, was wir im Leben so sehr schätzen.«
Breeland starrte sie an, als ob er sich ihrer Existenz gerade eben zum ersten Mal bewusst würde und sich nicht sicher war, ob ihm dies zusagte oder nicht.
Sie erkannte, dass sie etwas gesagt hatte, was er vage als unschicklich betrachtete. Vielleicht war Breeland der Auffassung, Frauen sollten über ein derartiges Thema ihre Meinung nicht äußern. Sie musste sich dazu zwingen, an Judith Alberton zu denken und sich auf die Zunge zu beißen, um ihm nicht zu erklären, was sie über den stillschweigenden Mut von Frauen auf der ganzen Welt dachte, die Schmerz, Unterdrückung und Unglück ohne Klagen ertrugen. Doch ganz konnte sie sich nicht zurückhalten.
»Nicht jede Art von Mut ist offensichtlich, Mr. Breeland«, sagte sie mit leiser, gepresster Stimme.
»Sehr oft besteht Mut darin, eine Wunde zu verbergen, statt sie unverhohlen zu zeigen.«
»Ich kann nicht behaupten, dass ich Sie verstehe, Ma’am«, sagte er abweisend. »Ich fürchte, mein Sohn befindet sich an der Front, wo in einer Zeit wie dieser jeder gute Soldat sein sollte.«
»Wie tapfer«, warf Monk mit undeutbarer Stimme ein. Nur Hester wusste, dass sie eine abweisende Ironie zum Ausdruck brachte und er an die grotesken Stellungen der Leichen auf dem Hof des Lagerhauses in der Tooley Street dachte.
Um sie herum ertönten Musik, Gelächter und das Klingen von Gläsern. Damen mit nackten Schultern glitten vorbei, an ihren Kleidern steckten Magnolienblüten, die süßen Duft verströmten. Es schien Mode zu sein, echte Blumen zu tragen.
»Und seine Verlobte ist tatsächlich hier bei Ihnen?«, fragte Hester hastig, in der Hoffnung, Breeland würde sich noch über Monks Bemerkung wundern.
»Natürlich«, erwiderte Breeland und wandte sich zu ihr um.
»Aber auch sie ist begierig darauf, ihre Pflicht zu tun. Sie sollten stolz auf sie sein, Ma’am. Sie hat eine klare Vorstellung von Recht und Unrecht und hungert regelrecht danach, für die Freiheit aller Menschen zu kämpfen. Das bewundere ich über alle Maßen. Alle Menschen sind Brüder und sollten einander auch so behandeln.« Es klang wie eine Verteidigung, und er blickte Monk an, als ob er Widerspruch erwartete.
Eine Welle der Panik durchflutete Hester und brannte auf ihren Wangen, als sie an all die Antworten dachte, die Monk geben könnte, die meisten davon gesalzen mit rasiermesserscharfem Sarkasmus.
Stattdessen lächelte Monk, allerdings etwas hinterhältig.
»Natürlich sollten sie das«, sagte er sanftmütig. »Und wie ich es sehe, tun Sie alles in Ihrer Macht Stehende, um sicherzustellen, dass sie es auch tun.«
»Das stimmt, Sir!«, nickte Breeland. »Ah! Da kommt Merrit! Miss Alberton, die Verlobte meines Sohnes.« Er drehte sich um, und sie alle beobachteten, wie Merrit auf sie zukam. Sie war in weite, in der Taille geraffte Röcke und ein in dekorative Falten gelegtes Mieder gekleidet, das mit Gardenien geschmückt war. Sie war vor Erregung errötet und sah bezaubernd aus.
»Brüder?«, sagte Hester sehr leise zu Monk.
»Heuchler!«
»Kain und Abel«, hauchte er ihr zu.
Hester schluckte den Lachanfall und verwandelte ihn in ein Hüsteln, gerade in dem Augenblick, als Merrit sie erblickte und abrupt stehen blieb. Einen Moment lang drückte ihr Gesicht nur Schock aus. Dann schien sie sich einen Augenblick lang das Gehirn zu zermartern, um sich daran zu erinnern, woher sie diese Menschen kannte. Dann fiel es ihr ein, und sie kam mit unsicherem Lächeln, aber hoch erhobenem Kopf auf sie zu.
Hester hatte angenommen, sie wüsste, was sie empfinden würde, wenn sie Merrit wieder begegnen würde. Doch nun war all das verschwunden, und sie kämpfte lediglich darum, in dem Gesicht des Mädchens lesen zu können, ob es unverschämte Herausforderung war, die ihr Gesicht zum Leuchten brachte, oder ob sie keine Ahnung von dem hatte, was im Hof des Lagerhauses geschehen war. Gewiss lag jedoch keine Angst oder der Wille zu Rechtfertigung in ihrer Miene.
Breeland stellte sie einander vor, und es entstand ein kurzer Augenblick, in dem sie alle unsicher waren, ob sie zugeben sollten, dass sie einander bereits kannten.
Merrit sog den Atem ein, schwieg dann aber. Hester warf Monk einen Blick zu.
»Guten Abend, Miss Alberton«, sagte er leicht lächelnd, um höflich zu wirken. »Mr. Breeland spricht ja in den höchsten Tönen von Ihnen.«
Dies war zweideutig, verpflichtete ihn jedoch zu nichts. Sie errötete. Offensichtlich freute sie die Bemerkung. Sie wirkte sehr jung. Trotz der weiblichen Rundungen ihres Körpers und ihres romantischen Kleides konnte Hester immer noch das Kind in ihr sehen. Es bedurfte keiner großen Vorstellungsgabe, sie sich mit über den Rücken fallendem Haar, einem Schürzenkleid und Tintenklecksen an den Fingern in der Schule vorzustellen.
In einem Aufruhr der Gefühle sehnte sich Hester nach einer Möglichkeit, der Wahrheit entfliehen zu können, sehnte sich danach, alles ungeschehen machen zu können, die Leichen auf dem Lagerhaushof und Breeland in der Armee der Union und mit Daniel Albertons Gewehren auf dem Weg nach Manassas. Die anderen unterhielten sich, doch sie hatte nichts gehört.
Monk antwortete für sie.
Irgendwie stolperte sie durch den Rest der Unterhaltung, bis man sich entschuldigte und weiterschlenderte, um mit anderen Menschen zu sprechen.
Später in der Nacht kam Trace in Monks und Hesters Zimmer. Sein Gesicht war ernst, seine dunklen Augen wirkten müde, und die tiefen Linien zwischen Nase und Mund betonten seine Erschöpfung.
»Haben Sie Ihr Urteil gefällt?«, fragte er und sah sie nacheinander an.
Hester wusste, was er meinte. Sie wandte sich zu Monk um, der in der Nähe des Fensters stand, von dem aus man über die Dächer blicken konnte. Es war fast Mitternacht, aber immer noch erdrückend heiß. Die Geräusche der Stadt schwebten hoch in die Luft, begleitet von dem Duft der Blumen, dem Geruch des Staubs und der Tabakwolken sowie der übervollen Abflussrinnen, über die sich alle beklagten.
Monk antwortete mit leiser Stimme, da er sich der anderen geöffneten Fenster sehr wohl bewusst war.
»Wir glauben nicht, dass sie vom Tod ihres Vaters Kenntnis hat«, sagte er. »Wir haben vor, es ihr zu sagen, und was wir danach tun, hängt von ihrer Reaktion ab.«
»Vielleicht glaubt sie Ihnen nicht«, warnte Trace mit einem Blick auf Hester, dann wieder auf Monk. »Mit Sicherheit glaubt sie nicht, dass Breeland es war.«
Hester dachte an die Uhr. Sie erinnerte sich, wie stolz Merrit darauf gewesen war und wie zärtlich ihre Finger über die glänzende Oberfläche geglitten waren.
»Ich denke, wir können sie überzeugen«, sagte Hester grimmig. »Doch ich weiß nicht, wie sie reagieren wird, wenn sie die Wahrheit erkennt.«
»Wir müssen sie um jeden Preis voneinander fern halten.«
Monk betrachtete Trace. »Breeland könnte sie als Geisel festhalten. Kampflos wird er nicht nach England zurückkehren.« Seine Stimme klang fast wie eine Frage. Monk wollte erfahren, inwieweit Trace der Sinn nach einer Konfrontation und der damit eventuell verbundenen Gewalt stand. Trace lächelte, und zum ersten Mal sah Hester in ihm weder den sanftmütigen Herrn, der Mitleid mit der Irin auf dem Schiff gehabt hatte oder der bei Judith Albertons Dinner großen Charme bewiesen hatte, noch den Menschen, der unter dem Konflikt, der sein Volk bedrohte, so sehr litt. Stattdessen sah sie den Marineoffizier, der nach England reiste, um für den Krieg Waffen zu kaufen, und der in den Kaufverhandlungen Lyman Breeland ausgestochen hatte.
»Ich würde mir sehnlichst wünschen, ihn zurückzubringen, damit er vor Gericht gestellt wird und sich für Daniel Albertons Tod verantworten muss.«
Als er sprach, war es kaum mehr als ein Flüstern, dennoch klangen seine Worte scharf und hart wie Stahl.
»Daniel Alberton war ein anständiger Mann, ein ehrenhafter Mann, und Breeland hätte sich die Waffen nehmen können, ohne ihn zu töten. Das war eine Barbarei, die auch ein Krieg nicht entschuldigen kann. Er tötete aus Hass, weil Alberton sich weigerte, sein Wort mir gegenüber zu brechen. Ich bin dafür, ihn zu verfolgen, außer wenn dies bedeutete, Merrit dafür zu verlieren.«
»Wir werden es ihr morgen sagen«, versprach Monk.
»Wie?«, fragte Trace.
»Darüber haben wir bereits nachgedacht.« Monk entspannte sich ein wenig und entfernte sich vom Fenster.
»Die Schlacht wird bald beginnen, vielleicht sogar schon morgen. Die Frauen treffen Vorbereitungen für eine Art von Sanitätsdienst für die Verwundeten. Hester hat mehr Erfahrung in Feldchirurgie, als es aller Wahrscheinlichkeit nach sonst jemand hier hat. Sie wird ihre Hilfe anbieten.«
Er bemerkte den skeptischen Ausdruck in Trace’ Gesicht und lächelte gepresst. »Ich könnte sie nicht davon abhalten, selbst wenn ich es für keine gute Idee hielte. Und glauben Sie mir, Sie könnten es auch nicht!«
Trace wurde unsicher.
»Doch ich finde, es ist eine gute Idee«, fuhr Monk fort.
»Auf diese Weise wird es einfach sein, ihre Bekanntschaft mit Merrit wieder aufleben zu lassen, die ebenso den Willen hegen wird, zu helfen. Sie sind beide Engländerinnen, die von denselben Umständen eingeholt wurden, weit fort von zu Hause und mit denselben Auffassungen über Sklaverei wie über die Pflege der Verwundeten.«
Trace war immer noch im Zweifel. »Sind Sie sicher?«, fragte er Hester.
»Ganz sicher«, antwortete sie spontan. »Haben Sie je eine Schlacht miterlebt?«
»Nein.« Plötzlich wirkte er verletzlich, als ob sie ihn unbeabsichtigt verpflichtet hätte, endlich die Realität des bevorstehenden Krieges zur Kenntnis zu nehmen.
»Ich werde am Morgen anfangen«, sagte sie einfach. Trace straffte sich. »Gott sei mit Ihnen. Gute Nacht, Ma’am.«
Für Hester war es genauso leicht, wie Monk es prophezeit hatte, sich den Bemühungen der unzähligen Frauen anzuschließen, die versuchten, dem einzigen Lazarettarzt, der jedem einzelnen Regiment zugeteilt wurde, Hilfe zu leisten und Nachschub näher an das Schlachtfeld zu transportieren, das fast dreißig Meilen entfernt war. Sie fragte sich durch, half, wo es nötig war, wofür diese optimistischen, herzensguten und unschuldigen Frauen stets dankbar waren, und schließlich befand sie sich mit Merrit Alberton im selben Hof. Sie reichten zusammengerollte Leinenbandagen auf einen zweirädrigen Lastkarren hinauf, der dazu dienen würde, die Verletzten an den nächsten Ort zu bringen, an dem es ihnen gelingen würde, ein Lazarett aufzubauen. Rundherum war es schmutzig, und es war erbärmlich heiß. Die Luft schien zu dick zum Atmen zu sein und schien die Lungen zu verstopfen, als wäre sie warmes Wasser.
Es dauerte einen Augenblick, bis Merrit Hester erkannte. Zunächst war sie nur ein weiteres Paar Arme, eine weitere Frau mit zurückgebundenem Haar, aufgerollten Ärmeln und auf dem Boden schleifenden, vom Staub der Straßen verschmutzten Röcken.
»Mrs. Monk, Sie bleiben hier, um uns zu helfen!« Ihr Gesichtsausdruck wurde weicher. »Ich bin ja so froh!«
Sie schob sich das Haar aus dem Gesicht. »Wie ich hörte, verfügen Sie über Erfahrungen, die für uns von unschätzbarem Wert sind. Wir sind Ihnen sehr dankbar!« Sie übernahm einen Stapel von Vorräten – Bandagen, Schienen und ein paar Flaschen Alkoholika – aus Hesters Händen.
»Wir werden noch viel mehr als das brauchen«, sagte Hester und vermied im Augenblick die Wahrheit, die sie Merrit beibringen musste, obwohl sie über eine Situation sprach, die weit quälender war. Sie waren hoffnungslos schlecht vorbereitet. Sie hatten den Krieg nie erlebt, dachten über wichtige Streitfragen nach, über Angelegenheiten, für die es zu kämpfen lohnte, ohne jedoch die leiseste Ahnung zu haben, was der Preis dafür sein würde.
»Wir werden weit mehr Essig und Wein, Flachs, Brandy und viel mehr Leinen brauchen, viel mehr Stofftupfer, um Blutungen zu stoppen.«
»Wein?«, fragte Merrit voller Zweifel.
»Als Stärkungsmittel.«
»Da haben wir doch genügend.«
»Für etwa einhundert Männer. Wir werden vielleicht tausend schwer Verwundete bekommen… möglicherweise gar mehr.«
Merrit sog den Atem ein, als ob sie zu diskutieren beginnen wollte, doch dann erinnerte sie sich anscheinend an einen Teil der Unterhaltung am Dinnertisch zu Hause in London. Ihr Gesicht verzerrte sich bei der Erkenntnis, dass Hester die Ungeheuerlichkeit dessen, was ihnen bevorstand, kannte. Es hatte keinen Sinn, vorzubringen, dass dieser Krieg hier etwas anderes war als der auf der Krim. Denn gewisse Dinge waren immer gleich.
Hester konnte ihren Auftrag nicht länger aufschieben. Eine Weile waren sie allein, da sich die anderen Frauen entfernten, um sich anderen Aufgaben zu widmen.
»Es gibt noch einen Grund, warum ich mit dir sprechen wollte«, sagte Hester. Sie hasste den Schmerz, den sie verursachen würde, und das Urteil, das sie fällen musste.
Merrits Gesicht war von Schweißperlen bedeckt, und auf ihrer Wange war ein Schmutzfleck, aber es lag nicht der Hauch einer Ahnung darin.
Die Zeit war begrenzt. Der Krieg überschattete den Mord und würde ihn bald in den Hintergrund drängen, doch für einen trauernden Menschen ist der eigene Verlust immer einzigartig.
»Dein Vater wurde in der Nacht, in der du fortgingst, ermordet«, sagte Hester ruhig. Es gab keine Möglichkeit, die Tatsache in freundlichere Worte zu kleiden oder ihr die Schärfe zu nehmen, und sie konnte es sich auch nicht leisten. Sie, Monk und Trace würden ihre künftigen Entscheidungen davon abhängig machen, wie Hester Merrits Komplizenschaft bei dem Verbrechen einschätzen würde.
Merrit stand bewegungslos vor ihr, als ob sie die Worte nicht verstanden hätte. Ihr Gesicht war ausdruckslos.
»Es tut mir Leid«, fuhr Hester bedächtig fort. »Er wurde auf dem Hof vor dem Lagerhaus in der Tooley Street ermordet.«
»Ermordet?« Merrit kämpfte darum, einen Sinn in etwas zu erkennen, das unbegreiflich erschien. »Was wollen Sie damit sagen?«
Hester beobachtete sie, registrierte jede flüchtige Regung in ihrem Gesicht, jede Spur des Schmerzes, der Verwirrung und Trauer. Sie empfand es selbst als derbe Zudringlichkeit, aber wenn sie ihr Versprechen Judith Alberton gegenüber halten wollten, blieb ihr keine Wahl.
»Er wurde gefesselt und erschossen«, sagte sie mit klarer Stimme. »Dasselbe geschah mit den zwei Nachtwächtern. Dann wurde die gesamte Ladung von Waffen und Munition genommen – gestohlen.«
Merrit war verdutzt, als ob ein Freund sie so hart geschlagen hätte, dass sie nach Luft schnappen musste, um ihre Lungen zu füllen. Ihre Knie wurden weich, und sie setzte sich ungelenk auf das Rad des Lastkarrens, der hinter ihr stand, wobei sie Hester immer noch mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, in denen das Grauen stand.
Hester konnte es sich nicht leisten, Mitleid zu bekunden, noch nicht.
»Wer… wer hat das getan?«, fragte Merrit heiser.
»Philo Trace? Weil Papa die Waffen doch an Lyman verkaufte?« Sie stieß ein lang gezogenes Stöhnen voller Kummer und Trauer aus, und ihre Hände krampften sich ineinander.
Nur mit Mühe konnte sich Hester davon zurückhalten, sich zu ihr hinunterzubeugen. Sie hätte jedem geschworen, Monk oder auch Judith, dass Merrit glaubte, was sie sagte. Doch sie musste das Mädchen weiter prüfen. Diese Chance würde sich nicht noch einmal ergeben.
»Lyman Breelands Uhr wurde auf dem Hof gefunden«, fuhr sie fort. »Diejenige, die er dir schenkte. Und du sagtest, du würdest sie nie mehr aus den Augen lassen.«
Merrits Hand löste sich und flog zu ihrer Brusttasche. Es war eine instinktive, keine beabsichtigte Bewegung, denn einen Moment später erinnerte sie sich. »Ich habe mein Kleid gewechselt«, flüsterte sie. »Ich habe sie abgelegt …«
»Die Uhr wurde im Schlamm auf dem Hof gefunden«, wiederholte Hester. »Und für die Waffen wurde kein Geld bezahlt. Sie wurden gestohlen.«
»Nein! Das ist unmöglich!« Merrit sprang auf, taumelte ein wenig. »Philo Trace muss das getan haben… aber was mit dem Geld geschehen ist, das weiß ich nicht. Aber Lyman kaufte die Gewehre! Ich war doch dabei! Er würde niemals… niemals stehlen! Und der Gedanke, er hätte… Mord… das ist ungeheuerlich… das kann nicht wahr sein! Ist es auch nicht!« Ihre Überzeugung entsprang nicht einem Wunsch, sie war absolut und stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie war zornig und traurig, fühlte sich aber nicht schuldig.
Hester war es nicht möglich, ihr keinen Glauben zu schenken. Hier war kein Urteil zu fällen, kein Aufwägen von Beweisen möglich. Breeland musste die Uhr genommen und im Hof fallen gelassen haben, unabsichtlich oder absichtlich. Aber warum?
Plötzlich ertönte das Klappern von Hufen, und einen Moment später waren Stimmen zu hören. »Beeilt euch! Macht die Wagen fertig! Die Schlacht findet morgen bei Manassas statt, das ist gewiss! Wir müssen bis zum Morgengrauen dort sein!«
Hester reagierte, ohne auch nur einen Augenblick an weitere Gedanken zu verschwenden. Jetzt galt es nur, eine Sache zu tun. Breeland, Merrit und die Fragen bezüglich des Mordes oder einer möglichen Geiselnahme mussten warten. Es gab Männer, die schon am nächsten Morgen verwundet sein würden. Grauen erfüllte sie, vertraut wie ein altbekannter Albtraum, und sie antwortete, wie sie es immer getan hatte. »Wir kommen!«