3
Voller Grauen starrte Monk auf Alberton hinab, bis ihn Casbolts Stöhnen schlagartig zu der Erkenntnis brachte, dass sie etwas unternehmen mussten. Er wandte sich um und sah, dass Casbolt verstört und ganz offensichtlich unfähig war, sich zu bewegen. Er sah aus, als würde er gleich das Bewusstsein verlieren.
Monk trat neben ihn. Er packte Casbolts Schultern und drehte ihn herum. Der Körper in Monks Händen war steif und doch sonderbar aus dem Gleichgewicht geraten, als ob ihn der leiseste Windstoß umwerfen könnte.
»Wir… wir sollten etwas unternehmen«, stieß Casbolt heiser hervor und stolperte, worauf er sich schwer an Monk lehnte. »Jemanden holen… Oh, Gott! Das ist…« Er konnte den Satz nicht beenden.
»Setzen Sie sich«, ordnete Monk an und half ihm zu Boden zu gleiten. »Ich sehe mich einmal um, vielleicht entdecke ich etwas. Wenn Sie sich besser fühlen, holen Sie die Polizei.«
»M-Merrit?«, stammelte Casbolt.
»Ich glaube nicht, dass sonst noch jemand hier ist«, antwortete Monk. »Ich werde alles absuchen. Bleiben Sie, wo Sie sind.«
Casbolt erwiderte nichts. Er schien zu niedergeschmettert zu sein, um sich ohne Hilfe bewegen zu können. Monk wandte sich um und ging über den gepflasterten Hof zu den beiden Männern, die nahe nebeneinander lagen. Der erste war stämmig gebaut, beleibt, und obwohl es bei seiner gekrümmten Haltung schwer festzustellen war, vermutete Monk, dass er kleiner war als der Durchschnitt.
Sein Kopf und das, was von seinem Gesicht noch übrig war, war von Blut bedeckt. Das wenige Haar, das noch zu sehen war, war hellbraun und noch nicht von grauen Strähnen durchzogen. Er könnte in den Dreißigern gewesen sein.
Monk schluckte schwer und trat vor die nächste Leiche. Dieser zweite Mann schien älter gewesen zu sein; sein Haar war grau meliert, sein Körper magerer und seine Hände voller Schwielen. Am Rücken war ihm die Kleidung von den Schultern gezerrt worden, und seitlich und senkrecht auf dem Schultergürtel waren fast blutlose Schnitte zu sehen. Sie mussten nach dem Tod angebracht worden sein.
Monk trat noch einmal vor den ersten Mann und betrachtete ihn genauer. Auf seinen Schultern fand er dasselbe Zeichen, bei ihm war es jedoch halb versteckt durch die Art, wie er gefallen war. Obwohl der Schnitt noch leicht geblutet hatte, musste auch er dem Mann beigebracht worden sein, nachdem sein Herz zu schlagen aufgehört hatte. Es war abartig, grausam, einem Toten dies anzutun. Steckte hier etwa großer Hass dahinter? Oder eine böse Absicht? Es lag kein Sinn darin, aber warum sollte jemand Zeit damit verschwenden? Sicherlich versuchte man doch nach solchen Morden, so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen?
Zunächst war Monk zu erschrocken gewesen, um den Körper zu berühren und zu prüfen, ob er noch warm war. Nun musste er es dennoch tun. Er warf einen Blick auf Casbolt, der auf dem Pflaster saß und ihn anstarrte. Monk bückte sich und berührte die Hand eines Toten. Sie wurde bereits kalt. Dann berührte er die Schulter unter Mantel und Hemd. Hier spürte er noch eine Spur der Körperwärme. Sie mussten vor zwei oder drei Stunden getötet worden sein, ungefähr um zwei Uhr nachts. Alberton konnte nicht lange nach Mitternacht angekommen sein. Die anderen beiden Männer waren vermutlich die angestellten Nachtwächter.
Bald würden ihre Kollegen von der Morgenschicht eintreffen. Hinter den Toren konnte er den Lärm der Karren in den Straßen und hier und da Stimmen hören. Die Welt erwachte und begann ihr Tageswerk. Monk erhob sich und ging zu Alberton hinüber, der in derselben grotesken Position am Boden lag. Hier war der Schuss gezielter gesetzt worden, von seinem Gesicht war noch mehr zu erkennen. Auf seiner Schulter war dasselbe V- förmige Zeichen zu sehen.
Monk war überrascht über seinen Zorn und seine Trauer. Erst jetzt erkannte er, wie sehr er den Mann gemocht hatte. Dieses Verlustgefühl hatte er nicht erwartet. Er verstand, warum Casbolt so erschüttert war und sich kaum bewegen und nicht sprechen konnte. Sie waren zeit ihres Lebens Freunde gewesen.
Trotzdem musste er Casbolt jetzt dazu veranlassen, sich zusammenzunehmen, um sich auf die Suche nach dem nächsten Dienst habenden Constable zu machen, damit dieser einen Vorgesetzten und den Leichenwagen für die Toten herbeirief. Er drehte sich um und begann zurückzugehen. Er war fast bei Casbolt angekommen, als sein Fuß im Schmutz auf den Pflastersteinen gegen etwas Hartes stieß. Zuerst dachte er, es wäre ein Stein gewesen, und warf kaum einen Blick darauf. Aber dann stach ihm ein helles Glimmen ins Auge, und er bückte sich, um es sich genauer anzusehen. Es war Metall, gelb und glänzend. Er hob es auf und rieb den angetrockneten Dreck ab. Es war eine Herrenuhr, rund und schlicht, mit einer Gravur auf der Rückseite.
»Was ist das?«, fragte Casbolt und sah zu ihm auf.
Monk zögerte. Der Name auf der Uhr lautete »Lyman Breeland«, das eingravierte Datum war »1. Juni 1848«. Monk legte sie genau dorthin zurück, wo er sie gefunden hatte.
»Was ist das?«, wiederholte Casbolt mit lauter werdender Stimme. »Was haben Sie gefunden?«
»Breelands Golduhr«, antwortete Monk ruhig. Er wünschte, mehr Mitgefühl anbieten zu können, aber nichts, was er sagen könnte, hätte das Grauen des Geschehens mildern können, und sie mussten nun dringend handeln. »Sie sollten nun all Ihre Kräfte zusammennehmen und die Polizei holen.« Er betrachtete Casbolts weißes Gesicht genauer, um festzustellen, ob er dazu in der Lage sein würde. »In der Nähe ist gewiss ein Constable auf Streife. Fragen Sie. Dort draußen sind Menschen unterwegs. Irgendwer wird es schon wissen.«
»Die Waffen!«, schrie Casbolt, stolperte auf die Füße, torkelte einen Moment, dann schleppte er sich mit schlurfenden Schritten auf die großen doppelten Holztore des Warenlagers zu.
Monk folgte ihm und hatte ihn fast eingeholt, als Casbolt am Türgriff riss und das Tor aufschwang. In dem Teil des Lagers, den man überblicken konnte, war rein gar nichts, keine Kisten, keine Weidenkörbe, nichts.
»Sie sind weg«, stieß Casbolt aus. »Er hat sie gestohlen … alle. Und die gesamte Munition. Sechstausend Musketen mit gezogenem Lauf und über eine halbe Million dazugehörende Kartuschen. Alles, was Breeland haben wollte, und zusätzliche fünfhundert Stück!«
»Gehen Sie und holen Sie die Polizei«, trug Monk ihm mit ruhiger Stimme auf. »Wir können hier nichts tun. Hier handelt es sich nicht nur um Diebstahl, sondern um dreifachen Mord.«
Casbolts Kinn klappte herunter. »Gütiger Gott! Denken Sie etwa, ich würde mich einen feuchten Kehricht um die Waffen kümmern? Ich wollte nur wissen, ob er es war, der das hier verbrochen hat! Man wird ihn hängen!« Dann drehte er sich um und ging steifbeinig, mit linkischen Bewegungen davon.
Als er den Hof verlassen und das Tor sich hinter ihm geschlossen hatte, begann Monk erneut, alles abzusuchen, dieses Mal mit größerer Aufmerksamkeit. Er ging nicht zu den Leichen zurück. Ihr Anblick, jenseits jeglicher menschlichen Hilfe, verursachte ihm Übelkeit. Überdies hatte er nicht das Gefühl, aus dem Geschehen etwas lernen zu können. Stattdessen heftete er seinen Blick auf den Boden. Er begann am Eingangstor, der Stelle, die jedes Fahrzeug passiert haben musste. Der Hof war gepflastert, darauf war eine sichtbare Schicht von Morast, Staub und Rußablagerungen eines nahen Fabrikschlotes sowie die getrockneten Überreste von Pferdeäpfeln. Mit einiger Hingabe war es möglich, die jüngsten Radspuren von wenigstens zwei Lastkarren festzustellen, die hereingefahren waren. Vermutlich hatten sie rangiert und kehrtgemacht, damit die Pferde sich wieder dem Ausgang zuwandten und die Wagen mit der Rückseite an den Lagerhaustoren standen.
Mit Schritten maß er grob aus, wo die Pferde etwa zwei Stunden gestanden haben mussten, eine Zeitspanne, die man vermutlich brauchte, um sechstausend Gewehre, je zwanzig in einer Kiste, sowie die ganze Munition zu verladen. Selbst wenn sie den Kran des Lagerhauses benutzt hatten, musste es eine enorme Anstrengung gewesen sein. Das würde erklären, was die Männer in den zwei Stunden zwischen Mitternacht und ihrem Tod gemacht hatten – sie waren gezwungen worden, die Gewehre und die Munition zu verladen.
Er fand frischen Pferdemist, der von mindestens zwei Rädern flach gequetscht worden war.
Hatten sie auch draußen vor dem Tor weitere Lastkarren stehen lassen?
Nein, die hätten Aufmerksamkeit erregt. Jemand hätte sich daran erinnert. Sie hatten sie sicherlich alle gemeinsam in den Hof gefahren und sie dort warten lassen. Er war groß genug dafür.
Offensichtlich hatte Breeland Komplizen gehabt, abrufbereit und nur auf das Einsatzkommando wartend. Aber von wem stammte die Depesche? Was war ihr Inhalt? Dass sie bereit waren, Lastkarren organisiert hatten, ja sogar ein Schiff, das mit der Morgenflut auslaufen würde? Das alles würde die Polizei ermitteln. Monk hatte keine Ahnung, wann die Flussgezeiten wechselten. Sie änderten sich ohnehin jeden Tag ein wenig.
Er ging durch den ganzen Hof, dann noch einmal durch das Innere des Lagerhauses, aber er entdeckte nichts, was ihm noch etwas verraten hätte, über das hinaus, was offensichtlich war. Irgendjemand hatte wenigstens zwei Lastwagen, wahrscheinlich waren es sogar vier, irgendwann nach Einbruch der Dunkelheit hereingefahren, vermutlich passierte es gegen Mitternacht, hatte die Nachtwächter und Alberton umgebracht und die Waffen gestohlen. Einer von ihnen war Lyman Breeland gewesen, der während der physischen Anstrengung, die mit dem Verladen der Gewehrkisten einherging, seine Uhr verloren hatte. Auch war denkbar, dass er sie während einer anderen Anstrengung, einem Kampf mit seinen eigenen Männern, mit den Wächtern oder gar mit Alberton verloren hatte. Doch die unterschiedlichen Möglichkeiten änderten nichts an den Fakten, die zählten. Daniel Alberton war tot, die Waffen ebenso verschwunden wie Breeland, und es sah so aus, als wäre Merrit mit ihm gegangen, ob sie nun eine Ahnung von seinen Plänen gehabt hatte oder nicht. Ob sie freiwillig oder als Geisel bei ihm war, konnte man nicht feststellen.
Monk hörte Wagenräder draußen auf der Straße, woraufhin sich die Tore öffneten. Ein sehr großer magerer Polizist kam herein, seine Gliedmaßen schienen an seinem Körper zu baumeln, sein Gesichtsausdruck war neugierig und traurig zugleich. Sein Gesicht war schmal und sah aus, als ob es von Natur aus eher zum Komödiantischen als zu diesen totenstarr daliegenden Leichen vor seinen Augen neigte. Ihm folgte ein älterer, korpulenter Constable, hinter dem ein aschfahler Casbolt schlich, der vor Kälte schlotterte, obwohl es nun bereits heller Tag und die Luft mild war.
»Mein Name ist Lanyon«, stellte sich der Polizist vor. Interessiert musterte er Monk von oben bis unten. »Sie fanden die Leichen, Sir? Zusammen mit Mr. Casbolt…?«
»Ja. Wir hatten Grund zu der Annahme, dass etwas im Argen lag«, erklärte Monk. »Mrs. Alberton schickte nach Mr. Casbolt, weil ihr Gatte sowie ihre Tochter nicht nach Hause zurückgekehrt waren.« Monk war mit der Prozedur vertraut, was die Polizei wissen musste und weshalb. Er war selbst oft genug in ähnlichen Situationen gewesen, in denen er versucht hatte, schockierten Hinterbliebenen wichtige Fakten zu entlocken und Wahrheit und Emotionen, voreilige Schlüsse, fadenscheinige Beobachtungen, Verwirrung und Angst auseinander zu sortieren. Und er kannte die Schwierigkeiten von Zeugen, die zu viel sagten, den Schock, der das Bedürfnis weckt, sich mitzuteilen, zu versuchen, alles, was man gesehen oder gehört hatte, zu vermitteln, einen Sinn darin zu sehen, lange bevor dieser erwiesen ist, und Worte als Brücke zu nutzen, einfach um nicht im Grauen zu ertrinken.
»Verstehe.« Lanyon musterte Monk immer noch mit aufmerksamen Augen. »Mr. Casbolt sagte, Sie wären auch einmal bei der Polizei gewesen, Sir. Ist das richtig?«
Also hatte Lanyon noch nie von ihm gehört. Monk war nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht. Es bedeutete, dass sie nun ohne Vorurteil beginnen konnten. Doch was würde später sein, wenn er Monks Ruf in Erfahrung gebracht hatte?
»Ja. Aber es ist fünf Jahre her«, sagte er laut.
Zum ersten Mal ließ Lanyon nun seinen Blick über die Umgebung schweifen, wobei seine Augen zwangsläufig auf den zwanzig Schritte entfernt zusammengebrochenen Leichen haften blieben.
»Ich seh sie mir besser mal an«, murmelte er. »Der Arzt ist auf dem Weg. Wissen Sie, wann Mr. Alberton zum letzten Mal lebend gesehen wurde?«
»Gestern spät am Abend. Seine Frau sagte, er hätte zu jener Zeit das Haus verlassen. Wird sich leicht von den Angestellten bestätigen lassen.«
Sie gingen auf die Körper der beiden Nachtwächter zu, blieben vor ihnen stehen, und Lanyon beugte sich zu ihnen hinab. Monk konnte nicht umhin, sie noch einmal zu betrachten. In ihren grotesken Körperhaltungen lag eine eigentümliche Obszönität. Die Sonne stand nun hoch genug, um den Hof mit Wärme zu erfüllen. Eine oder zwei kleine Fliegen surrten durch die Luft. Eine davon setzte sich in das Blut.
Monk spürte plötzlich, wie ihm vor Zorn übel wurde.
Aus Lanyons Kehle drang ein leiser Knurrlaut. Er berührte nichts.
»Sehr sonderbar«, murmelte er leise. »Wirkt eher wie eine Art Exekution, nicht wie ein normaler Mord, finden Sie nicht? Kein Mensch nimmt freiwillig eine derartige Position ein.« Er streckte die Hand aus und berührte die Haut am Hals des nächstgelegenen Mannes, fast schon unter dessen Kragen. Monk wusste, dass er die Körpertemperatur festzustellen versuchte und sicherlich zu demselben Schluss kommen würde, wie er selbst eine Weile vorher. Auch wusste er, dass er den V-förmigen Einschnitt finden würde.
»Tja…«, meinte Lanyon, als er den Einschnitt entdeckte und dabei den Atem einsog. »Ganz definitiv eine Art Exekution.« Er sah zu Monk auf. »Und die Waffen sind alle gestohlen worden, wie Mr. Casbolt berichtete?«
»Das ist richtig. Das Lagerhaus ist vollkommen ausgeräumt.«
Lanyon erhob sich, rieb sich die Hände an den Seiten seiner Hose ab und stampfte ein wenig mit den Füßen, als ob er einen Krampf hätte oder sie kalt geworden wären.
»Und es handelte sich um qualitativ beste Gewehre – Enfield P1853, Musketen mit gezogenem Lauf – sowie einen ordentlichen Munitionsvorrat dafür. Ist das richtig?«
»Das hat man mir gesagt«, erwiderte Monk. »Ich selbst habe nichts davon gesehen.«
»Wir werden es überprüfen. Es gibt gewiss Aufzeichnungen. Und Arbeiter, die tagsüber hier beschäftigt sind. Der Constable wird sie vorerst draußen vor dem Tor aufhalten, ebenso den Wächter, wenn es denn einen geben sollte. Die Nachtschicht kann uns ja nichts mehr erzählen, die armen Teufel.« Dann ging er hinüber zu Alberton. Wieder bückte er sich und besah ihn sich genauer.
Monk schwieg. Er war sich des Constables und Casbolts bewusst, die sich in einiger Entfernung aufhielten und nun das Lager selbst inspizierten, seine Tore, die Radspuren auf dem dünnen Schmutzfilm, die sich kreuz und quer überschnitten, wo die Lastkarren zurückgestoßen waren und gewendet hatten und wo sie die Kisten mit den Gewehren beladen haben mussten.
Lanyon unterbrach seine Gedanken.
»Wofür steht das V?«, fragte er und biss sich auf die Lippen.
»V für Verbrecher? V für Verräter, vielleicht?« Er erhob sich mit gerunzelter Stirn, sein Gesicht war von Wut und Traurigkeit gezeichnet. Er war ein einfacher Mann, aber er hatte etwas Liebenswertes an sich, das den Eindruck, den er hinterließ, bestimmte.
»Dieser Mr. Breeland, der die Gewehre kaufen wollte, ist Amerikaner, nicht wahr?«
»Ja. Er kommt aus der Union.«
Lanyon kratzte sich am Kinn. »Uns kam zu Ohren, dass die Armee der Union ihre Soldaten auf etwa solche Art exekutiert, wenn es denn sein muss. Äußerst unschön. Ich für meine Person kann die Notwendigkeit dessen nicht nachvollziehen. Ein ganz normales Exekutionskommando scheint mir ausreichend zu sein.
Ich nehme an, sie haben ihre Gründe. Warum verkaufte Mr. Alberton ihm die Waffen nicht? Wissen Sie, ob er ein Südstaaten-Sympathisant war?«
»Das nehme ich nicht an«, entgegnete Monk. »Er hatte sich lediglich entschlossen, an den Käufer der Südstaaten zu verkaufen, und wollte sein Wort nicht zurücknehmen. Ich denke nicht, dass es für ihn eine Frage der ideologischen Unterschiede zwischen den beiden Seiten war, sondern lediglich eine Frage der Ehre, die verlangt, ein Versprechen zu halten.« Es fiel ihm sonderbar schwer, dies zu sagen. Im Geiste sah er Alberton lebendig vor sich, dann blickte er auf den verrenkten Körper am Boden, dessen Gesicht kaum mehr zu erkennen war.
»Nun, das kam ihn teuer zu stehen«, sagte Lanyon gelassen.
»Sir!«, rief der Constable. »Ich hab was gefunden, hier!« Lanyon wandte sich um.
Der Constable hielt die Uhr hoch.
Lanyon ging zu ihm hinüber, Monk folgte ihm auf dem Fuß. Der Polizist nahm dem Constable die Uhr aus der Hand und betrachtete sie eingehend. Der eingravierte Name war klar zu lesen.
»Sieht so aus, als ob die schon vor uns jemand gefunden hätte«, sagte Lanyon und warf Monk einen Seitenblick zu.
»Ja, das war ich. Ich säuberte die Inschrift und legte sie zurück.«
»Und ich nehme an, Sie hätten uns noch davon erzählt?«, bemerkte Lanyon mit einem scharfen Blick. Er hatte sehr klare blaue Augen. Sein Haar war gerade und stand vom Kopf ab.
»Ja, wenn Sie sie nicht selbst gefunden hätten. Aber das setzte ich voraus.«
Lanyon erwiderte nichts. Er nahm ein Stück Kreide aus der Tasche und markierte die Pflastersteine, dann gab er die Uhr dem Constable und trug ihm auf, darauf aufzupassen.
»Nicht, dass es viel zu sagen hätte, wo sie lag«, bemerkte er.
»Abgesehen davon, dass sie nicht lange dort gelegen haben konnte«, erklärte Monk. »Wäre sie irgendwo in einer Ecke gelegen, hätte sie seit Tagen dort liegen können.«
Lanyon beobachtete ihn aufmerksam. »Bezweifeln Sie, dass es Breeland war?«
»Nein«, gab Monk ehrlich zu. »Casbolt und ich fuhren zu seiner Unterkunft. Er packte alles ein, etwa eine Stunde, vielleicht etwas weniger, bevor sie hierher gekommen sein mussten, wenn ich dies nach der Zeit beurteile, die es gedauert haben musste, die Kisten zu verladen und die die Männer schon tot sein müssen.«
»Ja. Mr. Monk. Das hat Casbolt mir bereits erzählt. Deshalb kamen Sie ja auch hierher. Und wie es aussieht, ist auch Miss Alberton von zu Hause verschwunden.« Er fügte keine Schlussfolgerung hinzu.
»Ja.«
Casbolt kam auf sie zu.
»Sergeant, Mrs. Alberton weiß noch nichts, abgesehen davon, dass ihre Tochter vermisst ist. Sie weiß noch nicht …« Er deutete auf die Leichen, warf aber keinen Blick darauf. »Dürfen wir… Dürfen Monk und ich zu ihr fahren, um sie in Kenntnis zu setzen, statt dass… ich meine…« Er schluckte krampfhaft. »Könnten Sie sie wenigstens bis morgen verschonen? Sie wird am Boden zerstört sein. Sie waren einander zärtlich zugetan… beide, ihr Mann und ihre Tochter… und das von einem Mann, der Gast in ihrem Hause war.«
Lanyon zögerte nur einen kleinen Moment. »Ja, Sir. Ich wüsste keinen Grund, warum nicht. Arme Lady. Es sieht ziemlich offensichtlich so aus, dass dies ein Raub war, der in besonders brutaler Manier ausgeführt worden ist.« Er schüttelte den Kopf.
»Aber warum sie ihnen das angetan haben, das weiß ich nicht. Sieht so aus, als hätte Breeland sich betrogen gefühlt, obwohl, wie Sie sagen, der Konföderierte zuerst da war. Vielleicht beinhaltete der Handel etwas, wovon wir nichts wissen. Wir werden es herausfinden, aber in Bezug auf die Morde macht es keinen Unterschied. Im Geschäftsleben werden jeden Tag Menschen betrogen. Ja, Mr. Casbolt, Sie und Mr. Monk machen sich wohl am besten auf den Weg und überbringen Mrs. Alberton die Nachricht. Bleiben Sie bei ihr und kümmern Sie sich um sie. Aber später am Tag werde ich noch einmal mit Ihnen sprechen müssen.«
»Ich danke Ihnen«, sagte Casbolt aus tiefstem Herzen. Draußen auf der Straße wandte Monk sich an ihn. »Ich weiß nicht, warum Sie wünschen, dass ich Sie begleite, Sie sollten es Mrs. Alberton allein beibringen. Sie sind ihr Cousin. Ich bin fast ein Fremder. Und außerdem könnte ich mich hier nützlicher machen als anderswo.« Er war bereits stehen geblieben, als er sprach. Casbolts Equipage wartete noch, ihr Fahrer sah unruhig die Straße auf und ab, die nun von Arbeitern, Hafenarbeitern und Handwerkern bevölkert war, die ihrer Arbeit entgegenstrebten.
Ein mit Ziegeln beladener Karren fuhr in eine Richtung, ein schwerer, Kohlen transportierender Lastwagen in die andere.
Casbolt schüttelte ungeduldig den Kopf. »Wir können Daniel jetzt nicht mehr helfen.«
Seine Stimme klang heiser. Seine Augen sahen aus, als ob er die Hölle erblickt und sich ihr Bild für immer eingebrannt hätte.
»Wir müssen jetzt an Judith und Merrit denken. Die Polizei mag glauben, sie wäre freiwillig mit Breeland gegangen, oder sie denken, sie wäre seine Geisel.« Er schüttelte leicht den Kopf. »Aber wenn sie England bereits verlassen haben, dann kann auch die Polizei nichts mehr unternehmen. Amerika ist mit seinem Bürgerkrieg vollauf beschäftigt. Es hat wenig oder gar keinen Sinn, würde jemand von hier aus versuchen, den Sachverhalt in Washington zu schildern und Breeland deportieren zu lassen, damit er sich hier der Anklage des dreifachen Mordes stellt. Er wird der Held der Stunde sein. Er brachte der Union soeben genügend Gewehre, um fast fünf Regimenter zu bewaffnen. Sie werden sich schlichtweg weigern, zu glauben, dass er sie sich durch Mord verschaffte.« Er leckte über seine trockenen Lippen. »Und außerdem ist da noch die Sache mit der Erpressung. Bitte … begleiten Sie mich. Lassen Sie uns gemeinsam sehen, was Judith nun nötig hat. Ist das nicht das Mindeste, was wir nun tun können?«
»Ja«, stimmte Monk leise zu, innerlich bewegter, als er eigentlich sein wollte. Er fürchtete sich davor, Judith Alberton zu sagen, dass ihr Gatte tot war. Er war voller Erleichterung gewesen, dass es dieses Mal nicht seine Aufgabe sein würde. Er verstand nur zu gut, warum Lanyon gewillt war, Casbolt zu erlauben, dies zu übernehmen. Und jetzt war es unumgänglich. Er konnte nichts an dem ändern, was passiert war, aber Casbolt hatte Recht, er könnte auf eine Art von Nutzen sein, Merrit zu finden, die der Polizei nicht möglich war, und es war für ihn undenkbar, abzulehnen. Es kam ihm auch nicht einmal ernsthaft in den Sinn, es zu versuchen.
In Schweigen versunken, fuhren sie vom Lagerhaus durch die morgendlichen Straßen, fort aus den von Fabriken übersäten Stadtteilen mit ihrem Straßenverkehr und dem Rauch, den schmutzstarrenden Hemden und Halstüchern der in Grau und Braun gekleideten Männer, die in andere Lagerhöfe, Fabriken und Büros strömten. Immer noch schweigend, näherten sie sich den feineren Straßen der Stadt, in denen Herren in dunklen Anzügen, Händler, Angestellte und Zeitungsjungen unterwegs waren, die die Morgenschlagzeilen hinausposaunten.
Zu schnell erreichten sie den Tavistock Square. Monk war noch nicht bereit, Judith gegenüberzutreten, aber er wusste, eine Verzögerung wäre keine Hilfe. Er kletterte hinter Casbolt aus der Kutsche und folgte ihm die Treppen hinauf. Die Haustür öffnete sich, bevor Casbolt die Glocke betätigt hatte.
Der bleichgesichtige Butler gewährte ihnen Eintritt.
»Mrs. Alberton ist im Salon, Sir«, informierte er Casbolt, wobei er Monks Gegenwart fast nicht zur Kenntnis nahm. Er musste an Casbolts Gesicht die Art der Nachrichten, die er bringen würde, abgelesen haben. »Soll ich ihr Kammermädchen holen lassen, Sir?«
»Ja, bitte.« Casbolts Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.
»Ich fürchte, die Nachricht ist… schrecklich. Sie sollten vielleicht auch nach Dr. Gray schicken«
»Ja, Sir. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«
»Ich könnte einen Brandy vertragen, und ich wage zu behaupten, dasselbe gilt für Mr. Monk. Dies war der schrecklichste Morgen meines Lebens.«
»Haben Sie Mr. Alberton gefunden, Sir?«
»Ja. Ich muss Ihnen leider sagen, dass er tot ist.«
Der Butler sog den Atem ein und schwankte einen Augenblick, dann gewann er die Selbstkontrolle zurück.
»War es der amerikanische Gentleman wegen der Waffen?«
»Es sieht so aus, aber sagen Sie noch niemandem etwas. Nun muss ich gehen, um…«
Weiter kam er nicht. Judith öffnete die Tür des Salons und starrte sie an. In Casbolts gequältem Gesicht las sie, was sie bereits befürchtet haben musste.
Casbolt trat auf sie zu, als ob er sie auffangen wollte, für den Fall, dass sie stürzen würde, aber mit einer Anstrengung, die sich heftig in ihrem Gesicht abzeichnete, fasste sie sich und blieb aufrecht stehen.
»Ist er… tot?«
Casbolt schien keines Wortes fähig zu sein. Er nickte lediglich.
Sehr langsam stieß sie den Atem aus, ihr Gesicht war aschfahl.
»Und Merrit?« Ihre Stimme brach.
»Kein Zeichen von ihr.« Er ergriff ihren Arm, sehr zärtlich, aber fast schien er sie zu stützen. »Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass ihr etwas zugestoßen ist«, sagte er mit fester Stimme. »Deshalb brachte ich auch Mr. Monk mit. Er ist vielleicht in der Lage, uns zu helfen. Komm herein und setz dich. Hallows wird nach Dr. Gray schicken und uns Brandy bringen. Bitte… komm…« Er drehte sie herum, während er sprach, und fast zog er sie in den Salon, und Monk folgte ihnen und schloss hinter sich die Tür. Angesichts der heftigen intimen Trauer kam er sich wie ein Eindringling vor. Casbolt gehörte zur Familie, war vielleicht alles, was ihr noch geblieben war. Sie kannten sich seit ihrer Kindheit. Monk war ein Außenstehender.
Judith stand mitten im Raum, erst als Casbolt sie zu einem Sessel führte, sank sie hinein. Sie sah vernichtet aus, hohläugig, ihre Haut wirkte blutleer, aber sie weinte nicht.
»Was ist passiert?«, fragte sie, wobei sie Casbolt ansah, als ob ihn aus den Augen zu lassen bedeutete, jegliche Hilfe oder Hoffnung zu verlieren.
»Wir wissen es nicht«, antwortete er. »Daniel und die zwei Wächter des Lagerhauses wurden erschossen. Es ging vermutlich sehr schnell. Sie litten keine Schmerzen.« Er erwähnte die sonderbaren Stellungen nicht, in denen man die Leichen vorgefunden hatte, und auch nicht die V- förmigen Einschnitte in ihrem Rücken. Monk war froh darüber. Er hätte es ihr ebenso verschwiegen. Wenn sie es nie erfahren müsste, umso besser. Wenn es je bekannt werden würde, dann später, wenn sie wieder zu mehr Kraft gekommen sein würde.
»Und die Waffen und die gesamte Munition sind verschwunden«, fügte Casbolt hinzu.
»Breeland?«, flüsterte sie und suchte in seinem Gesicht nach Bestätigung. Er saß eng neben ihr und griff instinktiv nach ihr.
»Es sieht so aus«, erwiderte er. »Wir begaben uns zunächst zu seinen Räumen, um ihn zu suchen«, fuhr er fort.
»Eigentlich um Merrits willen, aber er war verschwunden, mitsamt seinen Habseligkeiten, mit allem. Laut dem Portier hatte er eine Nachricht bekommen und binnen Minuten gepackt, woraufhin er eiligst verschwand.«
»Und Merrit?« In ihrer Stimme und ihren Augen lag Panik, ihre schlanken Hände verkrampften sich in ihrem Schoß.
Casbolt streckte den Arm aus und legte seine Finger auf die ihren. »Wir wissen es nicht. Sie war in seinen Räumen und verließ sie gemeinsam mit ihm.«
Judith begann, hin und her zu schaukeln, und schüttelte verneinend den Kopf. »Das hätte sie niemals getan! Sie konnte nichts gewusst haben! Sie würde nie…«
»Natürlich nicht«, sagte er leise und umschloss ihre Hand fester. »Sie hatte sicher nicht die leiseste Ahnung von seinen Absichten, und vielleicht gesteht er es ihr auch niemals. Denke bitte nicht das Schlimmste, dazu besteht keinerlei Grund. Merrit ist jung, voller leidenschaftlicher Ideale, und ganz gewiss brachte Breeland sie um den Verstand, aber im Herzen ist sie immer noch das Mädchen, das du kennst, und sie liebte ihren Vater, trotz dieses dummen Streits.«
»Was wird er ihr antun?« In ihren Augen lag Todesangst. »Sie wird ihn fragen, wie er an die Waffen kam. Sie weiß, ihr Vater weigerte sich, sie ihm zu verkaufen.«
»Er wird lügen«, sagte Casbolt leichthin. »Er wird behaupten, Daniel habe schließlich seine Meinung doch noch geändert, vielleicht gibt er sogar zu, sie gestohlen zu haben… das würde sie nicht stören, da sie die Sache der Sklaverei für über normale Moralmaßstäbe erhaben hält. Aber niemals würde sie Gewalt gutheißen.« Seine Stimme drückte tiefste Überzeugung aus, und einen Augenblick lang glomm ein Hoffnungsschimmer in Judiths Gesicht. Zum ersten Mal wandte sie sich an Monk.
»Er hatte ganz offensichtlich Komplizen«, erklärte Monk. »Irgendjemand kam mit einer Nachricht zu seiner Wohnung. Allein hätte er die Waffen niemals verladen können. Es müssen mindestens zwei Helfer gewesen sein, wahrscheinlicher ist es jedoch, dass es sogar drei waren.« Er erwähnte nicht, dass er glaubte, die Hilfe sei mit vorgehaltener Waffe erzwungen worden. »Vielleicht kümmerte sich während der Zeit jemand anderes um Merrit.«
»Könnte…« Sie schluckte und brauchte einen Augenblick, um ihre Fassung wiederzugewinnen. »Könnte es nicht sein, dass sie einfach nur mit Breeland geflohen ist und keiner von beiden irgendetwas mit dem… den Waffen zu tun hatte?« Sie konnte sich nicht überwinden, das Wort »Mord« auszusprechen.
»Könnte es nicht der Erpresser gewesen sein?«
Casbolt erschrak. Fragend sah er Monk an, dann wieder Judith.
»Monk erzählte mir nichts davon«, sagte sie schnell. »Es war Daniel selbst. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, und fragte ihn. Ich glaube nicht, dass er je Geheimnisse vor mir hatte.« Tränen schossen in ihre Augen.
Casbolt sah verzweifelt und hilflos aus. Der Schock und die Erschöpfung hatten ihn gezeichnet. Mit einem Mal spürte Monk ein überwältigendes Mitleid mit dem Mann. Er hatte seinen engsten Freund verloren und mit dem Diebstahl der Waffen auch einen erheblichen Geldbetrag. Er hatte die Leichen in ihrem grotesken, grauenhaften Zustand mit eigenen Augen gesehen, und nun musste er versuchen, die Witwe zu trösten, die nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr Kind verloren hatte. Es würden Tage vergehen, bis sie einen Gedanken an ihren Anteil an dem finanziellen Verlust verschwenden würde, wenn sie es überhaupt je tun würde.
»Es tut mit Leid, dass du es erfahren musstest«, sagte Casbolt, als er seine Stimme wiederfand. »Das alles war sehr dumm. Daniel nahm sich des jungen Mannes an, weil die arme Kreatur krank und einsam war. Er bezahlte seine Rechnungen, nichts weiter.«
»Ich weiß…«, erwiderte sie hastig.
»Es ist lediglich eine Frage des Rufes«, fuhr er fort. »Er wollte dich vor Kummer bewahren, aber er hätte den Erpressern niemals die Waffen verkauft, wohl wissend, zu welchem Zweck sie eingesetzt werden sollten.« Seine Augen waren sanft und voller Verständnis für ihren Schmerz. Schließlich war ihr Bruder auch sein Cousin und Freund gewesen. »Und ich glaube auch nicht, dass er etwas bezahlt hätte«, fügte er verbittert hinzu. »Sobald man einen Erpresser bezahlt, gibt man stillschweigend zu, etwas zu verbergen zu haben. Dann hört es nie auf. Daher habe ich auch Mr. Monk jetzt mitgebracht. Vielleicht können wir seine Hilfe immer noch gebrauchen…« Er vollendete den Satz nicht, sondern wartete darauf, dass sie die Antwort selbst fand.
»Ja«, sagte sie zitternd. »Ja, ich denke, wir müssen diesen Erpresser dennoch ausfindig machen. Ich fürchte … ich habe nicht mehr daran gedacht.« Sie wandte sich an Monk.
»Ich werde tun, was Sie wünschen, Mrs. Alberton«, versprach er. »Doch nun würde ich mich gerne der Polizei anschließen und sehen, wie weit sie mit ihren Ermittlungen fortgeschritten sind. Das ist im Moment das Wichtigste.«
»Ja.« Wieder glomm Hoffnung in ihren Augen auf.
»Vielleicht… Merrit…« Sie wagte nicht, ihre Hoffnung in Worte zu fassen.
In Casbolts Gesicht war deutlich zu sehen, dass er keine derartigen Illusionen hegte, aber er konnte sich nicht überwinden, ihr dies mitzuteilen.
»Ja«, sagte er und nickte Monk zu. »Ich werde hier bleiben. Sie sollten in Erfahrung bringen, was Lanyon herausgefunden hat. Gehen Sie zu ihm. Bitte betrachten Sie sich als immer noch von uns beauftragt, das zu tun. Helfen Sie uns auf jegliche nur mögliche Weise. Treffen Sie Ihre eigenen Entscheidungen… Tun Sie, was Sie für nötig erachten. Aber, bitte, halten Sie uns auf dem Laufenden, ja?«
»Sicherlich.« Monk erhob sich und entschuldigte sich. Er war zutiefst erleichtert, dem Haus der Tragödie entfliehen zu können. Es war schmerzlich, Judiths Gram so nahe zu sein, obwohl er die Erinnerung daran in sich tragen würde, wo er auch war. Dennoch empfand er es als eine Art Erleichterung, sich körperlich zu betätigen, als er auf die Gower Street zuging, wo er einen Hansom finden konnte, der ihn zu dem Lagerhaus zurückbringen würde.
Er begann mit dem Constable in der Tooley Street, der vor den Toren des Lagerhauses postiert worden war und nur zu willig Auskunft darüber gab, dass Lanyon intensive Befragungen durchgeführt hatte, woraufhin er sich auf den Weg zum Hayes Dock gemacht hatte, das der nächstgelegene Punkt am Fluss war, an dem es einen Kran gab, mit dem sie die Gewehre auf Flusskähne hätten verladen können.
Natürlich war es auch möglich, dass sie zum Verladebahnhof gefahren waren oder über die London Bridge zurück zur Nordseite des Flusses. Aber die nahe liegende Wahl müsste auf den Transport auf dem Wasserweg gefallen sein. Monk folgte also der Wegbeschreibung des Constable zum Dock, obwohl er nicht erwartete, Lanyon noch dort vorzufinden.
Auf dem Dock herrschte geschäftiges Treiben, es wimmelte von Karren und Lastwagen, die mit allen möglichen Arten von Waren beladen waren. Die Läden waren geöffnet und bereit, Geschäfte zu machen, und Frauen und Männer schleppten Bündel hinein und heraus. Sie schienen alle möglichen Dinge zu enthalten: Lebensmittel, Schiffsvorräte, Seile, Kerzen oder Bekleidung für jegliches Wetter, ob zu Lande oder zu Wasser.
Eilig ging er am Ufer in Richtung Süden und flussabwärts. Möwen kreisten in der Luft. Ihr schrilles Kreischen übertönte das Rauschen der beginnenden Flut, die sich an den Steinen brach, den Wellenschlag der vorbeifahrenden Kähne, der Prahme oder eines gelegentlichen schwereren Schiffes, sowie die Rufe der Menschen, die sie während der Arbeit des Be oder Entladens austauschten. Der Geruch von Salz, Fisch und Teer drang ihm schwer in die Nase, und plötzlich übermannte ihn eine Erinnerung an die ferne Vergangenheit, an seine Kindheit am Hafen in Northumberland. Dort hatte er am Meer gelebt, nicht an einem Fluss, und hatte von einem kleinen Steinpier auf einen schier endlosen Horizont hinausgesehen und den melodiösen Stimmen der Landbevölkerung gelauscht.
Dann verwischte sich die Erinnerung. Er stand auf dem Hayes Dock und entdeckte die nicht zu verwechselnde, große magere Gestalt von Lanyon, sein glattes helles Haar, das im Wind wie eine Bürste abstand. Er sprach mit einem korpulenten Mann mit einem dunklen, dreckverschmierten Gesicht und fast schwarzen Händen. Monk wusste, ohne erst fragen zu müssen, dass er Kohlenträger war und die Säcke über die sechs Meter hohen Leitern aus den Frachträumen der Schiffe und über oft ein halbes Dutzend Kähne an das Ufer schleppte, je nach Gezeitenhöhe und Frachtmenge der Schiffe weitere Leitern hinauf oder hinunter. Es war eine mörderische Arbeit. Für gewöhnlich war ein Mann, hatte er einmal die Vierzig erreicht, nicht mehr fähig, sie noch zu leisten. Oft hatten lange vor diesem Zeitpunkt schon Verletzungen ihren Tribut gefordert. Monk konnte sich nicht erinnern, woher er dies wusste. Dies war wieder einmal eine von so vielen Erinnerungen, die in der Vergangenheit verloren waren.
Aber das war im Moment nicht relevant.
Lanyon entdeckte Monk und winkte ihn zu sich heran, bevor er die Befragung des Kohlenträgers fortsetzte.
»Sie waren gestern Abend um neun mit der Arbeit fertig und schliefen auf dem Kahn dort drüben unter der Plane?« Dabei lächelte er, als ob er seine Worte wiederholte, um sie klarer zu formulieren.
»Stimmt«, nickte der Mann. »War besoffen, dann macht mir meine Alte immer die Hölle heiß. Die kann einfach nicht mehr aufhören mit dem Gezeter! Kann nicht sagen, Schwamm drüber. Dann fangen auch noch die Kinder zu schreien und zu jammern an. Na, und deswegen bin ich einfach hier umgekippt. Aber ich war nicht so müde, dass ich sie nicht hätte kommen hören, als sie diese Kisten, oder was das alles war, verladen haben. Mussten ja Dutzende gewesen sein! Ging eine Stunde oder noch länger so dahin. Kiste auf Kiste. Und keiner hat auch nur ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Benahmen sich nicht wie normale Kerle, die miteinander reden. Rannten nur hin und her mit diesen verdammten großen Kisten. Muss wohl Blei in ihnen gewesen sein, so wie die damit herumgestolpert sind.« Verdrossen schüttelte er den Kopf.
»Haben Sie eine Ahnung, wie spät es war?«
»Nee… Aber es war stockschwarze Nacht, also denk ich, dass es zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens gewesen sein muss, wenn man bedenkt, welche Jahreszeit wir gerade haben.«
Lanyon warf Monk einen kurzen Blick zu, um sich zu vergewissern, dass er zuhörte.
»Warum?«, fragte der Kohlenträger und wischte sich mit der schmutzigen Hand über die Wange, wobei er die Nase hochzog. »War das Zeug gestohlen?«
»Wahrscheinlich«, räumte Lanyon ein.
»Tja, die sind längst über alle Berge«, meinte der Mann lakonisch. »Sind längst auf der anderen Seite des Flusses, hinter der Isle of Dogs. Da haben Sie keine Chance mehr, die zu erwischen. Was war’s denn? Muss verdammt schwer gewesen sein, was immer auch drin war.«
»Fuhr der Kahn flussabwärts oder -aufwärts?«, fragte Lanyon.
Der Mann sah ihn an, als ob er nicht ganz gescheit wäre.
»Abwärts, natürlich! In Richtung Pool, höchstwahrscheinlich, oder sogar weiter. Vielleicht auch bis Southend, was weiß ich?«
Ständig fuhren Schleppkähne an ihnen vorüber. Männer schrien sich gegenseitig etwas zu. Das Kreischen der Möwen mischte sich mit dem Klirren von Ketten und dem Quietschen von Seilwinden.
»Wie viele Männer sahen Sie?«, drang Lanyon erneut in ihn.
»Keine Ahnung. Zwei, glaub ich. Schauen Sie, ich hab versucht, ein ruhiges Fleckchen zu finden… ein bisschen Frieden.
Ich hab sie nicht beobachtet. Wenn die Leute mitten in der Nacht Zeug herumschleppen wollen, dann geht mich das nichts an –«
»Haben Sie nicht gehört, ob sie irgendetwas gesagt haben?«, unterbrach Monk ihn.
»Was, zum Beispiel?« Der Kohlenträger sah ihn überrascht an.
»Hab doch gesagt, dass die nicht geredet haben. Rein gar nichts.«
»Überhaupt nichts?«, insistierte Monk.
Das Gesicht des Mannes verhärtete sich, und Monk wusste, dass er nun zu seiner Geschichte stehen würde, ob sie der Wahrheit entsprach oder nicht.
»Haben Sie vielleicht gesehen, wie groß die Männer waren?«, fragte er weiter.
Einen Augenblick lang dachte der Mann nach und ließ Monk und Lanyon warten.
»Hm… einer von ihnen war eher klein, der andere war größer und sehr dünn. Er stand sehr aufrecht, als ob er einen Spazierstock verschluckt hätte, aber er hat schwer geschuftet… nach dem bisschen, was ich gesehen hab, zu schließen«, fügte er hinzu. »Hat ’ne Menge Radau gemacht dabei.«
Lanyon dankte ihm und wandte sich ab, um die Straße zur Flussbiegung zurückzugehen. Monk hielt mit ihm Schritt.
»Sind Sie sicher, dass es sich um den Lastkarren aus dem Lagerhaus handelte?«, fragte er.
»Ja«, erwiderte Lanyon, ohne zu zögern. »Mitten in der Nacht sind nicht viele Leute unterwegs, nur ein paar wenige. Ich habe auch Männer in andere Richtungen ausgeschickt. Sie haben in anderen Höfen gesucht, nur für den Fall, dass sie die Kisten nur eine kurze Strecke transportiert hätten. Nicht sehr wahrscheinlich, aber man will ja nichts übersehen.« Er trat vom Randstein herunter, um einem Stapel von Seilen aus dem Weg zu gehen. Sie passierten die Horsleydown New Stairs, und vor ihnen lagen vier weitere Kais, bevor sie fast eine Viertel Meile landeinwärts um das St.-Saviour’s-Dock herumgehen mussten, dann zurück zum Flussufer und zur Bermondsey Wall und weiteren Kais und Lagerhäusern, Am gegenüberliegenden Ufer, ein wenig hinter ihnen, war der Tower von London weißgrau und klar erkennbar. Die Sonne zeichnete helle Flecken auf das Wasser, und hier und da sah man einen dünnen Dunstfilm und Rauchwolken. Vor ihnen lag der Pool von London, von einem Wald aus Masten übersät. Schleppkähne bewegten sich mit der Flut, so schwer beladen, dass das Wasser über ihre Schandeckel zu lecken schien. Hinter ihnen lagen die dunklen, von Krankheitserregern verseuchten und zerfallenden Gebäude auf Jacob’s Island, ein fälschlich so benannter Slum, in dem im letzten Jahrzehnt zwei Mal Choleraepidemien zu verzeichnen gewesen waren, denen Tausende von Menschen zum Opfer gefallen waren. Der Geruch von Abwasser und verrottendem Holz erfüllte die Luft.
»Was wissen Sie von Breeland?«, fragte Lanyon und legte einen zügigeren Schritt vor, als ob er der bedrückenden Umgebung entfliehen wollte, obwohl sie gerade der Flussbiegung in Richtung Rotherhithe folgten. Und was sie dort erwartete, war nicht einen Deut besser.
»Sehr wenig«, entgegnete Monk. »Ich traf ihn zwei Mal, beide Male in Albertons Haus. Er schien von der Sache der Union regelrecht besessen zu sein, aber ich hatte ihn nicht als einen Mann eingeschätzt, der sich zu dieser Art von Gewalt hinreißen lassen würde.«
»Erwähnte er jemals Freunde oder Verbündete?«
»Nein, niemanden.« Monk hatte selbst schon versucht, sich daran zu erinnern. »Ich nahm an, er würde sich allein in England aufhalten, um den Kauf zu arrangieren – wie das auch der Mann der Konföderierten tut, Philo Trace.«
»Aber Alberton hatte die Waffen bereits Trace versprochen?«
»Ja. Und Trace hatte bereits eine Hälfte des Betrages als Anzahlung geleistet. Das war auch der Grund, warum Alberton von der Abmachung nicht mehr zurücktreten konnte.«
»Aber Breeland versuchte es dennoch weiter?«
»Ja. Er schien den Gedanken nicht akzeptieren zu können, dass es für Alberton auch eine Frage der Ehre war. Er war auf eine Art fanatisch.«
Hätte er vorhersehen sollen, dass Breeland der Gewaltbereitschaft so nahe war, dass eine endgültige Absage die zerbrechlichen Verbindungsglieder zu Anstand, vielleicht sogar zu geistiger Zurechnungsfähigkeit zerbrechen würde? Wäre es seine moralische Pflicht gewesen, dies zu verhindern, obwohl es doch nicht das war, wofür man ihn engagiert hatte?
Lanyon schien tief in Gedanken versunken zu sein, in seinem schmalen Gesicht stand gespannte Konzentration.
Sie gingen schnell. Es war eine halbe Meile um das Dock herum, und sie mussten Ballen und Kisten ausweichen, Seilstapeln, Ketten, rostigen Tonnen und Männern, die Ladungen aus dem hoch aufragenden Lagerhaus der Werft dorthin schleppten, wo die Schleppkähne ankerten und im klatschenden Wasser schaukelten und aneinander stießen, wenn sie das Kielwasser eines vorübergleitenden Schiffes erreichte. Die Dockarbeiter waren Männer aller Altersklassen und verschiedenster Herkunft. Es war eine Arbeit, die jeder verrichten konnte, vorausgesetzt, seine Kraft erlaubte es. Es überraschte Monk, dass er dies wusste. Irgendwann in der Vergangenheit war er an Orten wie diesem gewesen. Er kannte die verschiedenen Arten von Männern, wenn er sie ansah: die bankrotten Metzger oder Bäckermeister, Lebensmittelhändler oder Wirte; Anwälte oder Regierungsangestellte, die suspendiert oder entlassen worden waren; Diener ohne Referenzen, Rentner, Almosenempfänger, alte Soldaten oder Matrosen; Gentlemen, die eine harte Zeit durchmachten; Flüchtlinge aus Polen und anderen mitteleuropäischen Ländern und die gewöhnliche Anzahl von Dieben.
»Es muss sehr sorgfältig geplant gewesen sein«, sagte Lanyon und unterbrach Monks Gedanken. »Alles lief nach einem genauen Zeitplan ab. Die Frage ist, inszenierte er den Streit, um sich über Albertons Schritte auf dem Laufenden zu halten und um in Erfahrung zu bringen, ob die Waffen nicht bereits übergeben worden waren? Ging er davon aus, dass Alberton seine Entscheidung nicht mehr rückgängig machen würde?«
Der Gedanke war Monk noch gar nicht gekommen. Er hatte angenommen, die Dispute wären so spontan entstanden, wie es den Anschein gehabt hatte. Breelands Empörung hatte vollkommen echt gewirkt. Konnte ein Mann so hervorragend schauspielern? Breeland war ihm nicht als Mann erschienen, der über genügend Vorstellungskraft verfügte, um etwas vorzutäuschen. Lanyon wartete auf eine Antwort und sah Monk von der Seite her neugierig an.
»Es war sicherlich geplant«, stimmte Monk widerstrebend zu.
»Er musste Männer gehabt haben, die zur Hilfe bereit waren und über einen Karren verfügten. Sie mussten den Fluss gekannt und gewusst haben, wo man einen Lastkahn mieten konnte. Vielleicht war dies auch der Inhalt der Nachricht, die er erhielt, bevor er seine Räumlichkeiten verließ und in der Nacht verschwand. Ich frage mich, wie Merrit Alberton in dieses Bild passte, wenn ihre Flucht von Zuhause der Auslöser war, der das Geschehen in Gang setzte.«
Lanyon gab einen brummenden Laut von sich. »Ihre Rolle in dem Ganzen würde mich auch interessieren. Wie viel Ahnung hatte sie, welche Art von Mann Breeland wirklich war? Und was ist sie im Augenblick – Geliebte oder Geisel?«
»Sie ist sechzehn«, erwiderte Monk und vermochte nicht zu sagen, was er damit eigentlich meinte.
Lanyon antwortete nicht. Sie waren wieder am Ufer angekommen. Auf beiden Flussseiten spien hohe Schornsteine schwarzen Rauch aus, der sich nach oben zog und den Himmel verdunkelte. Aus den Dächern massiver Schuppen schwangen sich Räder, die wie die Schaufelräder unvorstellbar großer Dampfschiffe wirkten. Eine Erinnerung aus irgendeiner Vergangenheit sagte Monk, dass die Londoner Hafenanlagen ungefähr hundert Schiffe aufnehmen konnten. Allein die Lagerhäuser für Tabak bedeckten fünf Morgen. Er konnte den Tabak nun sogar riechen, daneben den Teer, Schwefel, das Salz der Flut, den Gestank der Tierhäute und den Duft von Kaffee. Um ihn herum erklangen der Lärm von Arbeit und Handel, Schreie, das Klingen von Metall auf Metall, von Holz, das über Stein schrappte, von sich brechenden Wellen und dem Jammern des Windes.
Ein Mann ging an ihnen vorüber, sein Gesicht war von dem Indigo, den er entlud, blau gefärbt. Hinter ihm ging ein Schwarzer mit einem reich verzierten Wams, wie es vielleicht ein Schiffskapitän tragen würde. Ein fetter Mann mit grauem Haar, das sich um seinen Kragen lockte, trug einen Zollstock mit Messingspitze, von der Alkohol tropfte. Ein Dutzend Schritte entfernt standen Stapel von Fässern. Der Mann hatte sie untersucht, um ihren Inhalt zu prüfen, er war Eichmeister.
Einen Moment lang umgab sie die süßlich scharfe Duftwolke eines Gewürzes, dann mussten Monk und Lanyon sich ihren Weg um ein Sack Korkrinde herum bahnen, dann um gelbliche Behälter voller Schwefel und bleifarbene voller Kupfererz.
Zwanzig Schritte von ihnen entfernt versüßten sich ein paar Matrosen die Arbeit, indem sie gemeinsam sangen.
Lanyon hielt einen Zollbeamten an und erklärte ihm, wer er sei, ohne dabei näher auf Monk einzugehen.
»Ja, Sir«, sagte der Zollbeamte hilfsbereit. »Worum geht es denn?«
»Um dreifachen Mord und Diebstahl aus einem Lagerhaus an der Tooley Street, letzte Nacht«, erwiderte Lanyon knapp. »Wir glauben, die Waren wurden auf einen Lastkahn verladen und flussabwärts gebracht. Vermutlich kam der Kahn gegen ein oder zwei Uhr morgens hier vorbei.«
Der Zöllner biss sich zweifelnd auf die Lippe. »Ich selbst weiß nichts, aber vielleicht haben Sie eine bessere Chance, wenn Sie es beim Fährmann versuchen, oder gar bei den Wracktauchern. Die arbeiten oft auch während der Nacht, suchen nach Leichen und so was. Man kann nie sagen, was der Fluss alles mit sich führt. Sie suchen nicht nach Leichen, oder?«
»Nein«, erwiderte Lanyon grimmig. »Wir haben alle Leichen, die wir brauchen. Ich wollte ohnehin den Fährmann und die Wracktaucher befragen. Aber ich dachte, Sie wüssten vielleicht von Schiffen, die aus dem Hafen in Richtung Amerika auslaufen wollten, vor allem solche, die heute Morgen auslaufen sollten.«
Auf dem bekümmerten Gesicht machte sich ein sarkastischer Zug breit, als ob der Mann sich der Ironie bewusst wäre.
Er zuckte die Achseln. »Nun, wenn das der Fall gewesen wäre, nehme ich an, hätte sich Ihr Mörder und Dieb damit längst aus dem Staub gemacht.«
»Ich weiß«, stimmte Monk ihm zu. »Es wird mir nicht recht weiterhelfen. Aber ich muss mich vergewissern. Es kann sein, dass er hier Komplizen hat. Es war mehr als ein Mann vonnöten, um das auszuführen, was letzte Nacht geschah. Wenn ihm ein Engländer dabei half, dann will ich das Schwein kriegen und es hängen sehen. Der Amerikaner mag irgendeine Rechtfertigung für sich finden, wenn auch nicht vor meinen Augen, aber unsere Landsleute werden keine finden. Sie hätten die Tat nur wegen des Geldes begangen.«
»Na, dann kommen Sie mit in mein Büro, ich werde mal nachsehen«, bot der Zollbeamte an. »Ich glaube, die Princess Maude könnte mit der ersten Flut ausgelaufen sein, ihr Ziel war auch Amerika, aber ich muss mich vergewissern.«
Lanyon und Monk folgten ihm gehorsam und erfuhren, dass an diesem Morgen zwei Schiffe mit dem Ziel New York ausgelaufen waren. Sie brauchten bis in den frühen Nachmittag hinein, um die Hafenarbeiter, die Sackmacher und die Lastenträger zu befragen, bevor sie sicher sein konnten, dass Albertons Waffen auf keinem der beiden Schiffe außer Landes transportiert worden waren.
Mit dem Gefühl tiefster Enttäuschung kehrten sie zu einem verspäteten Mittagessen im Ship Aground ein.
»Was, in Teufels Namen, hat er dann damit angestellt?«, fauchte Lanyon zornig. »Er muss doch beabsichtigen, sie in sein Land zu transportieren. Ansonsten hätte er doch keine Verwendung dafür.«
»Er muss sie weiter flussabwärts gebracht haben«, sagte Monk und biss in eine dicke Scheibe seiner Rindfleischpastete mit Zwiebeln. »Nicht mit einem Frachtkahn, sondern mit etwas Schnellem und Leichtem, bestens geeignet für diesen Zweck.«
»Aber wohin? Zwischen Limehouse und der Isle of Dogs gibt es keinen vernünftigen Anlegeplatz, jedenfalls nicht für etwas, das mit einer Ladung Gewehre über den Atlantik segeln könnte. Blackwall, Gravesend, irgendwo die Flussmündung entlang womöglich?«
Monk runzelte die Stirn. »Würde er sich mit einem Flusskahn so weit wagen? Ich weiß, es ist später Juni, trotzdem kann das Wetter noch sehr rau werden. Ich meine, er hätte die Waffen in ein vernünftiges Schiff geladen und so schnell wie möglich den Anker gelichtet. Sie etwa nicht?«
»Doch«, bestätigte Lanyon und trank einen kräftigen Schluck von seinem Ale. Der Raum um sie herum war voll mit Hafen und Schiffsarbeitern, alle aßen, tranken und schwatzten miteinander. Die Hitze war bedrückend, und die Gerüche blieben in der Nase hängen. »Ich nehme an, uns bleibt nichts anderes übrig, als unser Glück bei den Fährmännern und den Wracktauchern zu versuchen. Zuerst die Fährmänner. Jeder, der letzte Nacht gearbeitet hat, könnte etwas gesehen haben. Irgendjemand muss unterwegs gewesen sein, es ist schließlich immer jemand unterwegs. Es ist nur die Frage, wann man denjenigen findet. Es ist, als würde man in einem Heuhaufen nach einer Stecknadel suchen. Der Zöllner hatte Recht. Warum sich aufregen?«
»Weil Breeland es nicht allein getan haben konnte«, erwiderte Monk und steckte sich das letzte Stück der Pastete in den Mund.
»Und ganz sicher brachte er keinen Lastkahn aus Washington hier herüber!«
Lanyon warf ihm einen schiefen Blick zu, seine Augen funkelten humorvoll. Auch er beendete seine Mahlzeit, woraufhin sie sich erhoben und die Wirtsstube verließen.
Sie brauchten den Rest des Nachmittags und bis in den Abend hinein, um sich bis Deptford am südlichen Verlauf des Flusses und bis zur Isle of Dogs im Norden vorzuarbeiten. Sie fuhren mit den kleinen Booten hin und zurück, wie sie die Fährmänner benutzten, und führten ihre Befragungen durch.
Am folgenden Morgen begannen sie von neuem und setzten schließlich vom West India Basin in Blackhurst, direkt hinter der Isle of Dogs, über den Blackwall Reach zu Bugsby’s Marshes an der Flussbiegung hinter Greenwich über.
»Hier gibt’s nichts zu finden, meine Herren«, sagte der Fährmann trübselig und schüttelte den Kopf, während er sich in die Riemen legte. »Da sind Sie einem Trugschluss aufgesessen. Hier gibt’s nur Sumpfland, Morast und so was.« Dabei begutachtete er Monk mit einem kritischen traurigen Blick. Sein gut geschnittenes Jackett, die sauberen Hände und die Stiefel, die ihm wie angegossen passten, hatte er bereits genau in Augenschein genommen.
»Sie stammen nicht aus der Gegend. Wer hat Ihnen denn gesagt, dass es hier etwas gibt, was es wert wäre, nach Bugsby zu kommen?«
»Ich stamme aus dieser Gegend«, sagte Lanyon scharf.
»Geboren und aufgewachsen in Lewisham.«
»Dann sollten Sie mehr Verstand haben«, erwiderte der Fährmann unumwunden. »Ich warte auf Sie und bringe Sie wieder zurück. Außer, Sie überlegen es sich jetzt anders, dann gilt der halbe Fahrpreis.«
Lanyon lächelte. »Waren Sie in der Nacht auf gestern auf dem Fluss?«
»Wieso? Manchmal arbeite ich nachts, manchmal tagsüber. Warum?« Er stützte sich einen Augenblick lang auf die Ruder, wartete, bis ein Flusskahn vorüber war, in dessen Kielwasser sie sanft schaukelten.
Lanyon lächelte halb freundlich, halb jämmerlich, als ob er ein Amateur wäre, der sich in dem Beruf versuchte und auf ein wenig Hilfe hoffte. »In der Tooley Street, hinter Rotherhithe, wurden drei Männer ermordet. Eine Schiffsladung von Waffen wurde gestohlen und mit einem Kahn flussabwärts gebracht. Aber wir wissen nicht, wie weit. Weiter als bis hierher, das wissen wir jedenfalls. Wir glauben, dass die Waffen irgendwo in dieser Gegend an Bord eines schnellen leichten Schiffes geladen wurden, um nach Amerika transportiert zu werden. Wenn es so war, müssten Sie sie gesehen haben.«
Die Augen des Fährmannes wurden groß, als er wieder zu rudern begann. »Ein Schiff nach Amerika! Ich hab nie ein Schiff vor Anker liegen sehen hier in der Gegend. Könnte aber hinter der Flussbiegung gegenüber den Victoria Docks gewesen sein. Und ich glaube fast, dass ich die Masten gesehen habe.« Monk spürte, wie sich bittere Enttäuschung seiner bemächtigte. Wie weit konnten sie flussabwärts fahren? In der Flussmündung gab es keine Fährmänner mehr. Unwahrscheinlich, dass sich dort vor der Morgendämmerung überhaupt jemand aufhielt. Wenn Breeland jedoch so weit gefahren sein und mitten in der Nacht einen schwer beladenen Kahn durch den Hafen von London manövriert haben sollte, vorbei am Limehouse Reach, um die Isle of Dogs herum und über Greenwich hinaus, dann müsste es schon früher Morgen gewesen sein und volles Tageslicht geherrscht haben, als er das offene Wasser erreichte.
»Haben Sie nun etwas gesehen?«, hakte er nach und war sich bewusst, dass die Eindringlichkeit der Frage seiner Stimme einen brüsken Unterton verlieh.
»Hab einen Kahn gesehen hier unten, war ein großes, schwarzes Ding, lag tief im Wasser«, erwiderte der Mann.
»Zu tief, wenn Sie mich fragen. Der hat um Schwierigkeiten gebettelt. Weiß nicht, warum die Kerle so was riskieren. Ist doch besser, noch einen Kahn zu mieten, als die ganze Ladung zu verlieren. Habsucht, das ist es. Hab schon einige Wracks gesehen, die das beweisen. Fragen Sie ein paar der Wracktaucher. Sind schon mehr Männer wegen Gier ertrunken als aus anderen Gründen.«
Lanyon hatte sich aufgerichtet. »Ein schwer beladener Kahn, sagen Sie?«
»Genau. Fuhr den Fluss hinunter, aber ich hab kein Schiff gesehen.«
»Wie nahe waren Sie dran?«, drang Lanyon in ihn und beugte sich eifrig nach vorn. Möwen kreisten über ihnen, der schwere Geruch schlammigen Wassers lag in der Luft, und das seichte Sumpfgebiet befand sich vor ihnen.
»Zwanzig Meter«, antwortete der Mann. »Nehme an, die hatten Ihre Gewehre?«
»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen? Erzählen Sie mir alles. Ich bin hinter den Männern her. Sie haben drei Engländer umgebracht, um das zu kriegen, was sie mit sich führten. Wenigstens einer der Toten war ein braver Mann mit Frau und Tochter, die anderen beiden waren ebenfalls rechtschaffene Männer, arbeiteten schwer und ehrlich. Los, beschreiben Sie mir den Kahn!«
»Wollen Sie jetzt in das Sumpfgebiet oder nicht?«
»Nein. Erzählen Sie mir erst von dem Lastkahn!«
Der Fährmann seufzte und stützte sich auf seine Ruder. Er ließ das Boot sanft dahingleiten. Die Gezeiten wechselten gerade, und er konnte es sich erlauben, sich von der Strömung treiben zu lassen. Er konzentrierte sich und versuchte, sich den Prahm vorzustellen.
»Nun, er lag sehr flach im Wasser, die Fracht war hoch aufgetürmt«, begann er. »Konnte nicht sehen, woraus sie bestand, weil sie abgedeckt war. Es war noch nicht hell, aber am Himmel waren die ersten hellen Streifen, deshalb konnte ich auch die Umrisse gut erkennen. Und natürlich hatte er auch Ankerlampen.«
Er beobachtete Lanyon. »Hab zwei Männer gesehen. Können auch mehr gewesen sein, aber ich hab nur zwei gleichzeitig gesehen… glaub ich. Einer war groß und dünn. Ich hab gehört, wie er dem anderen etwas zurief, er konnte nicht aus dieser Gegend sein. Sie müssen wissen, ich tu mich ziemlich schwer, unterschiedliche Dialekte auseinander zu halten. Kann einen Kerl aus Northumberland nicht von einem aus Cornwall unterscheiden.«
Weder Lanyon noch Monk unterbrachen ihn, aber sie warfen sich einen kurzen Blick zu, dann sahen sie wieder den Fährmann an, der über seine Ruder gesackt war und die Augen halb geschlossen hatte. Das Boot trieb immer noch in der trägen Strömung.
»Ich erinnere mich nicht, dass der andere Mann viel gesagt hätte. Der Große schien das Kommando zu führen, erteilte die Befehle.«
Lanyon konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Haben Sie sein Gesicht gesehen?«
Der Mann wirkte überrascht. Seine Augen waren plötzlich groß geworden, und er starrte an Lanyon vorbei auf das Wasser.
»Nein – sein Gesicht hab ich nie klar gesehen. Es war noch vor der Dämmerung. Sie müssen ziemlich gute Fahrt den Fluss abwärts gemacht haben, wenn sie nördlich von Rotherhithe abgelegt haben. Aber er hatte eine Pistole im Gürtel, das hab ich so deutlich gesehen, als ob er vor mir stehen würde. Und er hatte Blut an den Händen, verschmiert wie…«
»Blut?«, rief Lanyon scharf. »Sind Sie sicher?«
»’türlich bin ich sicher«, erwiderte der Fährmann mit stetem Blick und grimmigem Gesicht. »Ich hab doch die rote Farbe gesehen, als er unter der Ankerlampe hindurchging, und auf seiner Hose und seinem Hemd waren dunkle Flecken. Aber ich hab mir zu dem Zeitpunkt keine Gedanken darüber gemacht.« Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht. »Sie vermuten also, dass er es war, der Ihre drei Männer in der Tooley Street umgebracht hat, hm?«
»Ja«, sagte Lanyon leise. »Das glaube ich. Ich danke Ihnen, Sie waren äußerst hilfreich. Nun muss ich herausfinden, wohin der Prahm zurückgefahren ist, wem er gehört und was mit dem anderen Mann geschah. Irgendjemand muss ihn doch wieder flussaufwärts gesteuert haben.«
»Hab ihn nicht zurückkommen sehen. Aber vielleicht war ich da ja auch schon zu Hause.«
Lanyon lächelte. »Wir werden jetzt auch zurückfahren, wenn es Ihnen recht ist. Ich habe nicht den Wunsch, in Bugsy’s Marshes auszusteigen. Es sieht abstoßend aus.«
Der Fährmann grinste, obwohl sein Gesicht immer noch blass war und seine Hände die Ruder umklammerten.
»Hab ich doch gesagt.«
»Nur noch eine Frage«, sagte Monk, als sich der Mann in die Ruder stemmte, um das Boot zu wenden. Die Tide begann in die andere Richtung zu fließen, und plötzlich musste er seine ganze Körperkraft einsetzen. Monk konnte das Ziehen in den Muskeln fast spüren, als er ihn beobachtete.
»Und die wäre?«
»Sahen Sie irgendein Anzeichen von einer Frau… einem jungen Mädchen? Sie könnte sich möglicherweise sogar als Junge verkleidet haben?«
Der Fährmann war erschrocken. »Eine Frau? Nein, eine Frau hab ich auf einem der Flusskähne noch nie gesehen! Was sollte eine Frau auch hier draußen zu schaffen haben?«
»Sie könnte als Geisel mitgeführt worden sein. Oder sie kam aus freien Stücken mit, um weiter unten auf dem Fluss ein seegängiges Schiff zu besteigen.«
»Nein, ich hab keine gesehen. Aber, ich meine, diese Kähne haben so ’ne Art Kabine. Sie hätte ja dort unten sein können… Gott beschütze sie. Wünschte, ich hätte es gewusst. Dann hätte ich irgendwas unternommen!« Er schüttelte den Kopf. »Es gibt schließlich auch noch die Flusspolizei!« Sein Gesichtsausdruck verriet jedoch, dass diese Institution sein letzter Ausweg gewesen wäre, nur in Zeiten der höchsten Not würde er seine eigenen Prinzipien über Bord geworfen und bei ihr Hilfe gesucht haben.
Lanyon zuckte sorgenvoll die Achseln.
Monk sagte nichts, sondern lehnte sich während der Rückfahrt nach Blackwall und in die City in seinem Sitz zurück. In der Stadt würde er Mrs. Alberton berichten müssen, dass Breeland entkommen war und dass niemand, weder er und Lanyon noch irgendjemand anderes etwas dagegen unternehmen konnte.
Am frühen Abend erreichte Monk den Tavistock Square. Er war nicht überrascht, Casbolt dort anzutreffen. In Wahrheit war er sogar erleichtert, denn es war einfacher, ihm die nackten Tatsachen, wie er sie zu berichten hatte, zu unterbreiten, da seine Gefühle unmöglich so intensiv und sein Gram nicht so schrecklich sein konnten wie der Judiths.
Monk wurde sogleich in den Salon geführt. Casbolt stand vor dem leeren Kamin, der im Moment mit einer zarten Tapisserie abgedeckt war. Er sah blass aus, und es schien ihn große Mühe zu kosten, Haltung zu bewahren. Judith Alberton stand am Fenster, als ob ihr Blick auf den Rosen hinter dem Glas geruht hätte, aber sie wandte sich augenblicklich um, als Monk eintrat. Die Hoffnung in ihren Augen erregte sein Mitleid, aber auch Schuldgefühle, da er nichts tun konnte, um zu helfen. Er brachte keine Nachrichten, die Trost versprochen hätten.
Die Atmosphäre schien elektrisch aufgeladen zu sein, als ob selbst die Luft im Zimmer auf den Donner wartete.
Sie starrte ihm entgegen, als ob sie aus seinem Gesicht ablesen wollte, was er sagen würde, und sich gegen den Schmerz wappnen wollte, und doch konnte sie noch nicht alle Hoffnung aufgeben.
Er räusperte sich. »Sie luden die Gewehre auf einen Lastkahn und brachten sie damit bis Greenwich. Dort muss ein Schiff auf sie gewartet haben, auf das die Waffen dann verladen wurden.« Er sah bei seinen Worten Judith an, nicht Casbolt, und doch war er sich bewusst, dass der Mann ihn beobachtete und förmlich jedes Wort aufsaugte.
»Wir konnten keinen Hinweis auf Merrit entdecken«, fügte er hinzu, wobei seine Stimme noch leiser wurde.
»Der letzte Zeuge, mit dem wir sprachen, ein Fährmann aus der Gegend von Greenwich, sah zwei Männer, einen großen, der sich sehr aufrecht hielt und dessen Akzent er nicht lokalisieren konnte, und einen kleineren, dickeren Mann, aber keine Frau. Sergeant Lanyon, der mit dem Fall betraut ist, gibt nicht auf, aber das Beste, was wir noch hoffen können, ist, dass er den Besitzer des Lastkahns ausfindig machen und seine Mittäterschaft beweisen kann. Er könnte ihn als Komplizen vor Gericht bringen.«
Er erwog, hinzuzufügen, dass es keinen Beweis dafür gab, dass Merrit etwas passiert sei, aber er erkannte, dass dies unsinnig gewesen wäre. Nichts hätte leichter sein können, als Merrit mitzunehmen und ihren Leichnam ins Wasser zu werfen, sobald sie die Flussmündung hinter sich gebracht hatten. Judith hatte diese Möglichkeit gewiss bereits in Erwägung gezogen, und wenn sie es noch nicht getan hatte, dann würde sie es sehr bald tun, während der langen Tage, die vor ihr lagen.
»Ich verstehe…«, flüsterte sie. »Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind, um mir das zu berichten. Es kann nicht einfach gewesen sein.«
Casbolt trat zu ihr. »Judith…« Sein Gesicht war grau und von Mitleid verzerrt.
Sehr sanft hob sie die Hand, als wollte sie ihn davon abhalten, näher zu treten. Monk fragte sich, ob sie die Kontrolle über sich verlieren würde, wenn er sie berührte. Mitgefühl war vielleicht mehr, als sie im Moment vertragen konnte. Vielleicht war jegliches Gefühl zu viel.
Sehr langsam kam sie auf Monk zu. Selbst in diesem Zustand des Kummers war sie bemerkenswert schön und unterschied sich von jeder anderen Frau, die er jemals gesehen hatte. Mit diesen vollen Lippen hätte sie eigentlich gewöhnlich wirken müssen, doch sie wirkten sinnlich, waren noch in jüngster Vergangenheit schnell zu einem Lächeln bereit gewesen. Jetzt, da sie kurz davor stand, in Tränen auszubrechen, waren ihre Lippen jedoch streng geschlossen, was ihre Verletzlichkeit verriet. Auf ihren hohen Wangenknochen schimmerte das Licht.
»Mr. Monk, wohin, glauben Sie, ist Mr. Breeland gefahren?«
»Nach Amerika, mitsamt seinen Gewehren«, antwortete er augenblicklich. Daran bestand für ihn kein Zweifel.
»Und meine Tochter?«
»Ist bei ihm.« In dieser Beziehung war er sich nicht ganz so sicher, aber dies war die einzig mögliche Antwort, die er ihr geben konnte.
Sie bewahrte Haltung. »Freiwillig, glauben Sie?«
Er hatte keine Ahnung. Es gab diverse Möglichkeiten, die meisten davon waren hässlich. »Ich weiß es nicht, aber von den Leuten, mit denen wir sprachen, hatte niemand etwas von einem Kampf bemerkt.«
Sie schluckte angestrengt. »Es könnte auch sein, dass sie als Geisel mitgeführt wird, nicht wahr? Ich kann einfach nicht glauben, dass sie willentlich am Tod ihres Vaters Mitschuld trägt, auch wenn sie gegen den Diebstahl der Gewehre nichts einzuwenden hatte. Sie ist leidenschaftlich und noch sehr jung.« Ihre Stimme wurde brüchig und hätte fast versagt. »Sie denkt die Dinge nicht bis zum Ende durch, aber es steckt keine Bösartigkeit in ihr. Niemals würde sie… Mord gutheißen.« Sie zwang sich, das Wort auszusprechen, aber der Schmerz, den es ihr verursachte, klang schrill in ihrer Stimme. »An niemandem.«
»Judith!« Casbolt protestierte erneut, und die Seelenqual, die er um ihretwillen litt, stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Bitte! Quäle dich nicht! Es gibt einfach keine Möglichkeit, festzustellen, was passiert ist. Selbstverständlich würde Merrit nicht freiwillig an… an einer Gewalttat mitwirken. Mit größter Wahrscheinlichkeit weiß sie von all dem nichts. Und ganz offensichtlich ist sie in Breeland verliebt.«
Er stand nun sehr nahe bei ihr, aber er unterließ jeglichen Versuch, sie zu berühren. »Menschen unternehmen außergewöhnliche Dinge, wenn sie verliebt sind. Männer wie Frauen opfern alles für den Menschen, den sie ins Herz geschlossen haben.« Seine Stimme klang rau, als ob er beständig in schrecklicher Angst spräche und ihm diese Stimmlage zur zweiten Natur geworden wäre. »Wenn Breeland sie liebt, wird er ihr niemals ein Leid zufügen, egal, wozu er sonst noch fähig sein mag. Das musst du einfach glauben. Selbst der bösartigste Mann kann der Liebe fähig sein. Breeland ist besessen davon, diesen Krieg zu gewinnen. Er hat jeden Maßstab von Moral verloren, den du und ich in einem zivilisierten Leben als Notwendigkeit erachten, aber deshalb kann er die Frau, die er liebt, immer noch mit Zärtlichkeit und Umsicht behandeln und sogar sein Leben geben, um sie zu beschützen.«
Schließlich berührte er sie, zärtlich und mit zitternden Fingern. »Bitte fürchte nicht, dass er ihr Leid zufügt. Sie hat sich entschlossen, mit ihm zu gehen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiß sie gar nicht, was er getan hat. Er wird es um ihrer selbst willen vor ihr geheim halten. Sie wird es nie erfahren. Wenn sie Amerika erreicht hat, wird sie dir vielleicht sogar schreiben, dass es ihr gut geht und sie in Sicherheit ist. Bitte… verzweifle nicht.«
Nun wandte sie sich zu ihm um, den schwachen Anflug eines Lächelns auf den Lippen.
»Mein lieber Robert, du warst mir schon immer eine Stütze, und du bist es auch jetzt, dafür liebe ich dich. Ich vertraue dir, wie ich sonst niemandem vertraue. Aber ich muss tun, was ich für richtig erachte. Bitte versuche nicht, mich davon abzuhalten. Ich bin fest entschlossen. Ich würde dich noch mehr schätzen, wenn das überhaupt möglich wäre, wenn du mich darin unterstützen könntest, aber ungeachtet dessen muss ich es tun. Du hast bereits so viel für uns getan, und wäre die Situation nicht so verzweifelt, würde ich dich nicht um mehr bitten, aber mein Kind befindet sich in einer Gefahr, in der ich es nicht beschützen kann. Im besten Fall floh sie mit dem Mann, der ihren Vater umbrachte, und er kann durchaus die Absicht hegen, ihr ein Leid zuzufügen. Aber er ist ein schlechter Mensch, und selbst wenn er glaubt, sie zu lieben, kann er nicht der Mann sein, den sie sich wünscht.«
»Judith…«, begann Casbolt aufzubegehren.
Sie ignorierte ihn. Vielleicht hörte sie ihn nicht einmal.
»Im schlimmsten Fall liegt ihm nichts an ihr, und er machte sich ihre Liebe zu ihm nur zu Nutze, um sie als Geisel mitnehmen zu können. Und wenn er fürchtet, die englische Polizei könnte ihn verfolgen, wird er sie dazu benutzen, seine Flucht zu bewerkstelligen. Wenn sie ihm nicht weiter von Nutzen ist, dann… bringt er sie womöglich auch um.«
Casbolt sog keuchend den Atem ein.
Monk widersprach nicht. Sie hatte Recht, und es wäre grausam gewesen, ihre Zweifel zu zerstreuen.
»Mr. Monk, würden Sie nach Amerika reisen und alles unternehmen, was in Ihrer Macht steht, um Merrit wieder nach Hause zurückzubringen… mit Gewalt, wenn Argumente sie nicht dazu bewegen können?«
»Judith, das ist äußerst…«, versuchte Casbolt einzuwenden.
»Schwierig«, schloss sie für ihn, ohne den Blick von Monk zu nehmen. »Ich weiß. Aber ich muss Sie bitten, alles zu tun, was getan werden kann. Ich werde alles Geld bezahlen, was ich habe, und das ist eine nicht unbeträchtliche Summe, um sie von Breeland befreit und wieder zu Hause zu wissen.«
Casbolts Finger umklammerten ihren Arm. »Judith, selbst wenn Mr. Monk Erfolg haben würde und sie nach Hause zurückbrächte, freiwillig oder unfreiwillig, er ist ein Mann, und mit ihm zu reisen würde sie in einem Maße kompromittieren, dass sie in England gesellschaftlich ruiniert wäre. Wenn du –«
»Daran habe ich gedacht.« Sie legte ihre Hand auf die seine und krümmte ihre Finger, um den Druck ein wenig zu verstärken. »Mr. Monk hat eine tapfere und höchst ungewöhnliche Frau. Wir haben sie bereits kennen gelernt und von ihren Erfahrungen auf den Schlachtfeldern der Krim gehört. Es mangelt ihr sicherlich nicht an Mut, Charakterstärke und praktischen Fähigkeiten, um mit ihm nach Amerika zu reisen und Merrit dazu zu überreden, nach Hause zurückzukehren. Sobald Merrit einmal weiß, was Breeland wirklich ist, wird sie alle Hilfe nötig haben, die wir ihr geben können.«
Casbolt schloss die Augen, die Muskeln um seine Kinnpartie zuckten, und an seiner Schläfe pochte ein Nerv. Als er sprach, war seine Stimme kaum hörbar.
»Und was ist, wenn sie es bereits weiß, Judith? Hast du daran schon gedacht? Was ist, wenn sie Breeland so sehr liebt, dass sie ihm vergibt? Schließlich ist es möglich, so sehr zu lieben, um alles verzeihen zu können.«
Mit großen Augen starrte sie ihn an.
»Willst du dann immer noch, dass sie nach Hause gebracht wird?«, fragte er. »Glaube mir, wenn ich einen Weg wüsste, dies nicht zu dir sagen zu müssen, dann würde ich ihn wählen. Aber Merrit ist vielleicht nicht mehr so frei wie du denkst, um nach England zurückkehren zu können.«
Einen Augenblick lang bebten ihre Lippen, aber sie wandte den Blick nicht von ihm ab. »Wenn sie am Tod ihres Vaters aus freien Stücken mitwirkte, wie indirekt auch immer, dann muss sie hierher zurückkommen, um sich der Verantwortung zu stellen. Breeland zu lieben oder an die Sache der Union zu glauben, ist keine Entschuldigung.« Erneut wandte sie sich an Monk, ohne allerdings von Casbolts Seite zu weichen oder sich von seinem Arm zu befreien. »Ich werde für Sie und Ihre Gattin die Passage nach Amerika bezahlen, werde für sämtliche Ausgaben aufkommen, die Sie haben, solange Sie dort sind, und ich werde alles bezahlen, was Sie für Ihre Mühe und Ihr Können berechnen, wenn Sie alles in Ihrer Macht Stehende tun, meine Tochter zurückzubringen. Wenn Sie überdies Breeland verhaften lassen können und ihn für den Mord an meinem Mann und den beiden anderen Männern vor Gericht bringen, dann umso besser. Das fordert die Gerechtigkeit, obwohl ich keine Rache suche. Ich will meine Tochter in Sicherheit und von Breeland befreit wissen.«
»Und wenn sie nicht kommen möchte?«, fragte Monk. Ihre Stimme klang weich und sanft. »Bringen Sie sie trotzdem.
Ich glaube nicht, dass sie bei ihm zu bleiben wünscht, wenn sie einmal die volle Wahrheit begriffen hat. Ich kenne sie manchmal besser, als sie sich selbst. Ich habe sie in meinem Leib getragen und sie geboren. Ich beobachte und liebe sie seit ihrem ersten Atemzug. Sie ist voller Leidenschaften und Träume, undiszipliniert, zu schnell mit ihren Urteilen und manches Mal sehr närrisch. Aber sie ist nicht unehrenhaft. Sie sucht einen Traum, dem sie nachjagen kann, dem sie sich widmen kann… aber es ist nicht dieser. Bitte, Mr. Monk, bringen Sie sie zurück.«
»Und wenn sie sich vor Gericht verantworten muss, Mrs. Alberton?«, fragte er. Er musste es wissen.
»Ich glaube nicht, dass sie sich irgendeiner Untat schuldig gemacht hat, höchstens der Dummheit und momentanen Selbstsucht«, antwortete sie. »Sollte sie dennoch Schuld auf sich geladen haben, dann muss sie sich verantworten. Im Weglaufen liegt kein Lebensglück.«
»Judith, du weißt nicht, was du sagst!«, protestierte Casbolt.
»Monk soll Breeland verfolgen, um jeden Preis. Der Mann soll am Ende eines Strangs baumeln! Aber nicht Merrit! Wenn sie erst einmal hier ist, kannst du sie nicht vor dem schützen, was das Gesetz vorsieht. Bitte… überlege noch einmal, was das für sie bedeuten könnte!«
»Du redest, als hieltest du sie für schuldig«, entgegnete sie. Nun war sie verletzt und wütend auf ihn.
»Nein!« Er schüttelte den Kopf, um dies in Abrede zu stellen.
»Nein, natürlich nicht. Aber das Gesetz ist nicht immer gerecht und richtig. Denke doch daran, wie sie leiden könnte, bevor du so etwas in die Wege leitest!«
Sie sah Monk an, ihre Augen waren groß und flehend.
»Ich werde meine Frau fragen«, erwiderte Monk. »Wenn sie dazu bereit ist, werden wir fahren und versuchen, Merrit zu finden. Wenn es uns gelingt, werden wir erfahren, was passierte und wie viel sie wusste. Werden Sie mir vertrauen, wenn ich meine eigene Entscheidung treffen muss, bezüglich der Frage, ob es besser für sie ist, wenn sie zurückkehrt oder wenn sie in Amerika bleibt, ob nun mit Breeland oder allein?«
»Sie kann weder das eine noch das andere tun!«, rief sie verzweifelt, und nun begann ihre Stimme brüchig zu werden. »Sie ist erst sechzehn! Was kann sie allein tun? Sie wird auf der Straße enden! Schließlich ging sie mit Breeland - unverheiratet!« Ihre Hand umklammerte Casbolt, der sie immer noch hielt. »Welcher anständige Mann würde sich denn noch ihrer annehmen? Breeland ist im besten Fall ein Mörder… im schlimmsten… zudem ein Entführer! Bringen Sie sie zurück, Mr. Monk. Oder… oder, sollte sie schuldig sein, bringen Sie sie nach Irland … irgendwohin, wo sie niemand kennt. Dann werde ich von hier fortgehen und mich ihr anschließen. Ich werde mich ihrer annehmen…«
Casbolts Finger drückten ihre Hand so fest, dass sie aufschrie, aber er erwiderte nichts. Er starrte Monk an, bat ihn flehentlich um eine abschlägige Antwort.
Aber es kam keine.
»Ich werde mit meiner Frau sprechen«, versprach Monk erneut. »Ich werde morgen mit meiner Antwort wiederkommen.«
»Ich… ich wünschte, ich hätte Ihnen bessere Nachrichten bringen können.« Es war überflüssig, dies zu sagen, und er wusste es, aber er meinte es so inbrünstig, dass die Worte gesprochen waren, bevor er ihre Leere abgewogen hatte.
Sie nickte, und endlich quollen die Tränen über ihre Wangen.
Er sagte nichts mehr, drehte sich um und verließ das Haus. Als er in die Sommernacht hinaustrat, war sein Kopf bereits voller Pläne.