Heute
Er kann Lisa neben ihrer Mutter stehen sehen, vor den Nadelbäumen, die hinter ihnen in den Himmel aufragen. Lisas dunkelblonde Haare schimmern auf der schwarzen Jacke, die sie übergeworfen hat. Sie kommt ihm anziehender vor, als Till sie jemals in Erinnerung hatte.
Zwei Jahre lang sind sie sich nicht begegnet - und jetzt ist Till zu benommen, zu betäubt von den Geschehnissen, als dass er mit ihr reden könnte.
Er ist ein paar Schritte vom Grab zurückgetreten. Gerade steht Nina an der Grube und starrt hinein. Weiter links hat Julia Bentheim die Arme um Lisa und Betty gelegt. Julias Kopf ist zwischen ihre Schultern gezogen, ihr Gesicht wirkt in sich gekehrt, fast verrutscht. Die drei Frauen stehen so nah beieinander, dass es aussieht, als würden sie sich gegenseitig stützen.
Gleich, gleich wird er zu ihnen gehen, aber noch fühlt sich Till zu zerschlagen dafür.
Es kommt ihm wie gestern vor, dass er sich zum letzten Mal mit Max in dessen Wohnung unterhalten hat. Nach ihrem Streit ist Till nach Toronto zurückgekehrt und hat sein Leben dort wieder aufgenommen. Hat sich in den Abschluss seiner Arbeit gestürzt und ist beinahe wie ein Schlafwandler durch die Tage gedriftet.
Wieder in Berlin zu sein, kommt ihm jetzt vor wie ein Erwachen aus diesem Schlummer, wie ein Aufschrecken aus einer totenähnlichen Erschöpfung.
Diesmal ist es nicht Lisa gewesen, die ihn benachrichtigt hat, wie damals, als er zu Bettys Hochzeit gekommen ist. Diesmal ist es Julia gewesen, die ihm geschrieben hat. ‚Max würde es sicher freuen, wenn Du es einrichten könntest‘, hatte sie handschriftlich auf der Anzeige notiert, mit der sie die Beerdigung ihres Sohnes bekannt gegeben hat.
Es hat Till getroffen wie ein Faustschlag ins Gesicht.
Er hatte von Max seit ihrem Streit nichts mehr gehört. Er hatte geahnt, gefürchtet, gebangt, dass es Max nicht gut gehen würde, hatte über Bekannte auch mitbekommen, dass Max Berlin verlassen habe und nach Süden gezogen sei. Dass er ihn jedoch beerdigen würde, wenn er das nächste Mal nach Berlin kommen würde, hätte sich Till niemals träumen lassen.
„Till?“
Er schaut zur Seite.
Nina.
Seine Arme breiten sich wie von allein aus und er zieht sie an sich. Ninas Stirn schmiegt sich an seinen Hals. Er fühlt, wie ihr schlanker Körper es förmlich aufsaugt, umarmt zu werden.
„Till, ich … ich wollte so lange schon mit dir sprechen … “
Er hält sie fest.
„Aber du warst plötzlich weg aus Berlin, es hieß, ihr hättet euch gestritten … und … ich wusste nicht, wie ich dir das am Telefon … oder per Mail - “
„Was denn, Nina?“ Till lässt sie los und beugt sich etwas herunter, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Ihre Augen sind gerötet und sie hält den Kopf gesenkt, als wollte sie nicht, dass er sie anschaut.
„Till, ich - ich … “ Sie bricht ab.
Tills Blick ruht auf ihrem dunkelbraunen Scheitel. Max ist verrückt nach ihr gewesen, keine andere hat ihm so gut gefallen wie sie.
Sie hebt den Kopf und ihre dunklen Augen richten sich auf Till. „Ich“, flüstert sie, „ich meine Felix und ich … “ Ihre Stimme wird heiser und sie bricht ab.
Felix?
Tills Augen irren an Nina vorbei zu den anderen Trauergästen. Richtig, dort hinten kann er Felix stehen sehen. Till hat ihn vorhin schon flüchtig bemerkt, aber nicht weiter auf ihn geachtet.
„Felix hat mich damals gebeten“, Nina rückt ganz nah an Till heran, während sie weiterspricht, ihr sanfter Geruch weht ihn an, „er hat mich gebeten … “ Doch anstatt den Satz zu beenden, unterbricht sie sich. „Er wollte etwas von Max, verstehst du?“
„Von Max?“
„Ja.“
„Entschuldige Nina, aber … nein, ich verstehe nicht - “
„Es ging um die Bücher seines Vaters … Felix hatte damit etwas vor, er wollte von Max die Erlaubnis, die Stoffe seines Vaters zu verwenden … aber Max … er wollte Felix diese Rechte nicht verkaufen - “
Till nickt. Vage kann er sich daran erinnern, dass Max ihm damals so etwas erzählt hat.
„Felix hat angefangen, mich unter Druck zu setzen, verstehst du? Er dachte, er könnte über mich an Max herankommen, über mich Max dazu bringen, das zu machen, was er von ihm wollte.“
Till muss sich konzentrieren, um ihren hastig hervorgewisperten Sätzen folgen zu können.
„Aber ich wollte nicht, dass Felix sich zwischen uns schob - zwischen Max und mich“, hört er sie an seinen Hals flüstern.
„Ja, ja, ich glaube, ich weiß, was du meinst.“ Max wollte nicht, dass die Bücher seines Vaters von Felix für dessen Zwecke benutzt würden … Till weiß noch, wie Max ihm gegenüber so etwas in jenem Spielsalon hinter dem kleinen Theatersaal erwähnt hat. „Aber das ist alles so lange her, warum … ich meine, Max ist tot, warum erzählst du mir das, Nina - “
Doch sie lässt ihn nicht ausreden. „Felix hat mich bedrängt, es war ihm alles egal, jedes Mittel war ihm recht, um an sein Ziel zu kommen. Ich habe ihm gesagt, dass er sich an dich wenden soll, Till, wenn er von Max etwas will. Ich habe ihn an dich verwiesen, um ihn von mir und Max abzulenken! Ich habe ihn auf dich gehetzt, Till!“ Ihre hübschen Augen blitzen ihn an. „Felix hätte sonst nicht eher nachgelassen, als bis er das, was damals zwischen mir und Max war, vollkommen beschmutzt und zerstört gehabt hätte. Ich weiß, es war nicht richtig - aber Max … Max hat mir damals sehr viel bedeutet.“
Till sieht, wie ihr Blick sein Gesicht absucht.
„Max hatte einmal erwähnt, dass du und er - dass es zwischen euch etwas geben würde, was euch beide verbindet. Ein Erlebnis, eine gemeinsame Erfahrung … “
„Ja?“
„Davon habe ich Felix erzählt, Till.“ Jetzt fließen ihr die Tränen übers Gesicht.
Die Beerdigung, die Erinnerung - alles scheint auf einmal über ihr zusammenzubrechen. Unwillkürlich berührt Till Ninas Wange, wischt eine Träne fort, die dort hinunterläuft, ist für einen Moment von dem Drang durchflossen, sie einfach zu küssen - und hört sie schon weiterflüstern.
„Ich habe Felix gesagt, dass es ein Erlebnis aus eurer Kindheit gibt, über das ihr mit niemandem sprecht. Max hatte mir gegenüber so etwas angedeutet. Und kaum hatte ich Felix das gesagt, konnte ich fühlen, wie er darauf ansprang. Er wollte unbedingt mehr darüber erfahren. Es war klar, dass er sofort überlegte, ob er so von Max bekommen könnte, was er von ihm wollte.“
Till spürt, wie sich seine Stimmung verdüstert. Es hat nur ein Erlebnis in ihrer Kindheit gegeben, über das er und Max mit niemandem gesprochen haben. Ein Erlebnis, das hinunter führte in die Gänge unter der Stadt.
„Felix hat Max danach gefragt, hat ihm gesagt, du, Till, hättest so etwas erwähnt. Aber es stimmte nicht, Till, er hat das nur gesagt, um Max zu verunsichern, um ihn gegen dich aufzubringen. Er wusste, dass er am besten an Max herankam, wenn er einen Keil zwischen ihn und dich trieb, zwischen dich und Max. Dass er ihn am besten schwächen konnte, wenn er die Freundschaft zwischen euch beiden beschädigte.“
Er will ihren Mund mit seinen Lippen verschließen, aber sie spricht immer weiter.
„Felix ging es nur darum, dich und Max gegeneinander aufzubringen. Es tut mir so leid, Till“, hört er sie neben sich wispern. „Ich hätte niemals mit Felix sprechen dürfen, aber ich wollte ihn von mir ablenken. Und das war falsch, entsetzlich falsch. Du … warst für Max immer so wichtig … der Streit zwischen euch, er hat ihn praktisch zerrissen.“
Wieder sieht Till seinen Freund vor sich, wie er auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzt. Wie Max ihm entgegenschleudert, dass er Lisa alles sagen wird. Wie Max‘ Blick hasserfüllt auf ihn gerichtet ist und alles an Max‘ Haltung signalisiert, dass er bereit ist, seine Drohung wahr zu machen.
Felix hat es eingefädelt - er WOLLTE, dass sie sich stritten.
Und Felix hat sein Ziel genau so, wie er sich das vorgestellt hat, auch erreicht.