Es war kalt, als Lisa auf die Straße trat. Kalt, nass und dunkel. Die Stadt schien wie ein geducktes Raubtier auf sie zu lauern: Ein Mosaik schwarzglänzender Flächen, zwischen denen sich Lichter bewegten und blinkten. Passanten hatten keine Gesichter, nur Rücken, Beine, klappernde Absätze. In der Ferne sah Lisa die S-Bahn über die Überführung rattern, die jenseits der Linden die Friedrichstraße kreuzte.

Unwillkürlich schlug sie den Kragen ihres Mantels hoch und begann Richtung S-Bahn zu laufen. Sie wollte nach Hause. Es war spät. Fast Mitternacht.

So lange wie möglich hatte sie sich noch in der Redaktion aufgehalten. Hatte mit Jenna und Enrico den Sekt ausgetrunken und über alles Mögliche geredet - nur nicht über das, was ihr im Kopf herumging.

Sie hatte Felix seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, hatte hin und wieder etwas von seinen Unternehmungen mitbekommen, aber jedes Mal, wenn das Telefon geklingelt hatte, gehofft, dass er nicht dran sein würde.

Es war zu kompliziert. Sie hatte keine Zeit dafür. Und doch hatte sie vorhin sogar noch angefangen, für einen neuen Artikel zu recherchieren, nur um sich noch ein wenig in dem Gebäude aufhalten zu können, nachdem Jenna und Enrico bereits gegangen waren.

Felix und Treibel hatten im Großraumbüro nur kurz die Redakteure begrüßt, bevor sie - ohne sich auf größere Gespräche einzulassen - weitergegangen waren. Lisa vermutete, dass sich Felix als neuer Besitzer den Rest des Hauses zeigen lassen wollte. Im Großraumbüro waren die beiden zwar nicht mehr aufgetaucht, aber Lisa war die ganze Zeit über das Gefühl nicht losgeworden, dass Felix sich ganz in ihrer Nähe aufhalten müsste. Schließlich hatte sie ihren Aufbruch jedoch nicht länger hinausschieben können, ihren Mantel genommen, den Computer ausgeschaltet und sich auf den Weg nach Hause gemacht. Nach Hause, das hieß in die kleine Wohnung, die sie sich genommen hatte, nachdem sie bei Felix ausgezogen war.

Sie lief die Friedrichstraße an den geschlossenen Geschäften entlang, der Bürgersteig glänzte noch feucht vom Regenschauer früher am Abend. Hinter ihr war das ruhige Brummen eines Dieselmotors zu hören, dann zog ein schwerfälliges Taxi langsam an ihr vorbei, die Räder beinahe krumm vom jahrzehntelangen Dienst in der Stadt. Mit leise prasselndem Geräusch durchpflügten die Reifen die dünne Feuchtigkeitsschicht, die sich vom Niederschlag auf dem Asphalt gehalten hatte. Gedankenverloren folgte Lisas Blick dem Fahrzeug, den rot glimmenden Rücklichtern, die sich im Geflecht der Schattenschattierungen verloren - da fielen ihr die Scheinwerfer eines anderen Fahrzeugs auf, die in ihre Richtung wiesen. Die Lichter waren heruntergedimmt, aber nicht ganz ausgeschaltet. Der Wagen stand gut zwanzig Meter vor ihr am Bordstein. Dunkelblau schimmerte der glänzende Lack der Limousine, der Kühler wirkte geschmeidig, wie kurz vorm Sprung.

Lisa warf einen Blick auf die Windschutzscheibe, konnte dahinter aber nichts erkennen, weil das Glas den Schein der Straßenlaterne zurückwarf, die zwischen ihr und dem Wagen in die Straßenschlucht aufragte. Ihr fiel auf, dass die hintere Tür auf der Fahrerseite geöffnet war - und begriff im gleichen Moment, dass etwas nicht in Ordnung war.

Instinktiv verlangsamte Lisa ihre Schritte.

Unterhalb der geöffneten Tür war etwas zu erkennen.

Zwei Arme.

Nackte Unterarme, die Hände abgeknickt, mit der Innenseite auf das Pflaster gestützt, die Fingernägel zugespitzt und lackiert. Die Finger gespreizt, angespannt, angewinkelt.

Die Arme einer Frau.

Nackt, schlank und gepflegt.

Lisa blieb stehen. Ihr Herz stampfte.

Der Kopf der Frau musste sich genau hinter dem geöffneten Türflügel befinden, doch sie konnte ihn nicht sehen.

Ist ihr schlecht geworden?

Lisas Blick sprang zurück zur Windschutzscheibe.

Die Reflexion der Straßenlaterne hatte sich verschoben, so dass sie jetzt durch das Glas ins Innere des Wagens blicken konnte.

Der Platz hinter dem Steuerrad war leer. Hinter der Kopfstütze des Beifahrersitzes jedoch war ein Profil zu erkennen. Verschattet, angeschnitten, zu der Frau gedreht, die sich hinter der Tür auf das Pflaster stützte.

Abrupt zog Lisa Luft durch die Nase ein und wich ein paar Schritte zur Seite, brachte einen hervorspringenden Schaufensterkasten, der an dem Geschäft neben ihr befestigt war, zwischen sich und die Limousine. Starrte gebannt auf die Autotür, hinter der die Frau mit den entblößten Armen und den kleinen gespreizten Händen jetzt wie ein Hund auf seinen Vorderpfoten einen Schritt nach vorn machte. Im nächsten Moment konnte Lisa ihren Rücken erkennen, der sich hinter der Autotür hervorschob, einen entblößten Rücken, langgestreckt, gebogen und zweifellos überzogen von einer Gänsehaut bei der Kälte. Der Kopf der Frau war über die Schulter nach hinten gewandt, wahrscheinlich redete sie noch mit der Person im Auto. Was Lisa von diesem Kopf jedoch sah, war kein Gesicht, kein Profil, keine Haare, kein nackter Schädel, sondern nur eine unheimlich glatt glänzende Fläche.

Gleichzeitig glitt die Frau in einer geschmeidigen Bewegung ganz aus dem Wagen heraus auf den Bordstein, zog die Beine von dem Rücksitz nach draußen, stützte die Knie auf das Pflaster, ohne ihre krabbelnde Haltung dabei aufzugeben. Und plötzlich erkannte Lisa, was es war, das den Kopf der Frau umschloss wie eine Faust: Eine rosafarbene Plastikhaut, die weder für den Mund noch für die Augen Löcher zu haben schien, und stattdessen dort, wo sich die Löcher hätten befinden müssen, volle Lippen und glänzende Augen von fotografischer Plastizität aufgedruckt hatte. Aufdrucke, die mit einem leicht über das Gummi der Maske herausstehenden Lederband übernäht waren, so dass es wirkte, als seien die empfindlichen Öffnungen darunter von einem unzerreißbaren Gitter verschlossen.

Lisas Lippen öffneten sich, ohne dass sie etwas dagegen machen konnte. Ihre Bauchmuskeln zogen sich zusammen, sie sank gegen die Fassade, die hinter ihr aufragte - und beobachtete entsetzt und zugleich gebannt, wie die junge Frau ihren entblößten, angespannten und biegsamen Leib über den Bürgersteig bewegte und den Kopf nach oben reckte, um dessen Hals ein mattschwarzes Band geschnallt war. Im gleichen Augenblick tauchte ein Schuh unterhalb der Türkante auf.

Lisas Blick ging nach oben - und sie sah eine Gestalt hinter der Tür aufsteigen, für einen Moment schien sich ein schwarzer Mantel über die nackte Frau zu beugen, die jetzt den Rücken ganz durchgebogen hatte -

dann stand er, und Lisa erkannte, dass es Felix war.

War er nicht mehr in dem Gebäude?

Was … was machte er mit dieser Frau --

Gleichzeitig huschte die Nackte auf allen Vieren an den gewaltigen Rädern des Fahrzeugs vorbei nach hinten. Mit einem Klacken sprang die Heckklappe der Limousine auf, zischte nach oben, ragte senkrecht und schwarz in die nächtliche Luft. Der Körper der Maskierten spannte sich an, wie eine Katze schnellte sie mit einem Satz unter der Heckklappe hinweg in den Kofferraum, ohne dass Lisa noch einen Blick auf das erstarrte Manga-Gesicht erhascht hätte, das auf das glänzende Plastik gedruckt war.

Im nächsten Augenblick schlug Felix die Heckklappe herunter und ließ mit scharfen Klack das Schloss einrasten. Dann wandte er sich langsam um.

Lisa stand an den Schaukasten gelehnt keine zehn Meter hinter ihm und begriff, dass er sie längst gesehen haben musste.

Für einen Sekundenbruchteil hatte sie den Eindruck, einen haarlosen Fangarm aus dem Mantelkragen hervorschießen zu sehen, an dessen Seite eine mächtige Ader schwoll und dessen Spitze in ihre Richtung stieß.

Sie prallte gegen die Mauer, die hinter ihr aufragte, sah die übergroßen Augen ganz auf sich gerichtet, sein Blick beinahe in sie gebohrt.

Und ohne dass sie es gewollt hätte, entfuhr ihr ein kurzes Ausatmen, dessen Geräusch ihr Ohr wie eine Liebkosung berührte.

Berlin Gothic 7: Gottmaschine
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