Kleine Männer mit gegerbten Gesichtern, phosphoreszierenden Jacken, Sicherheitsschuhen. Männer in den winzigen Kabinen von wendigen Minibaggern. Männer hoch oben auf dem Bock eines LKWs, der sich schwerfällig über eine Sandpiste nach vorn schiebt. Bilder von Betonpfeilern, die steil in den Himmel aufragen und hoch oben in der Luft eine gewaltige Betontrasse tragen: eine sechs-, manchmal achtspurige Fahrbahn.

Autobahnbilder.

Nachts mit langer Belichtung aufgenommen, dass sich die Scheinwerfer zu langgezogenen Spuren verwischen. Tagsüber, wenn die Autos Stoßstange an Stoßstange stehen, drei oder vier nebeneinander auf jeder Seite. Wenn die Männer und Frauen in den Blechkabinen schwitzen und jeden Zentimeter, den sie in diesem Nirgendwo zurücklegen, verbittert erkämpfen. Bilder eines grauen Bandes, das sich einmal um die ganze Stadt herumwindet und über das jeden Tag Zehntausende von Autos das Häuser- und Straßenlabyrinth umkreisen, den Knäuel von Leitungen und Tunneln, Schildern und Mauern, Menschen und Maschinen, die sich in seinem Zentrum umschlingen.

Bilder des Berliner Rings.

Zwei Monate lang hat Claire daran gearbeitet - immer wieder hat sie mit Butz darüber gesprochen, dass sie vorhätte, in den Aufnahmen des Rings einen bestimmten Aspekt der Stadt einzufangen. Einen Aspekt, der das Wesen aller Bewegungen und Möglichkeiten, aller Fluchten und Triumphe, aller Eroberungen und Niederlagen - das Wesen des Biests - das Wesen der Metropole spiegeln würde.

Sie sind über den Ring gefahren, eingebunden, eingezwängt in einen Pulk von Fahrzeugen, die sich vor, neben und hinter ihnen bewegten, ein jedes in einer anderen Geschwindigkeit, ein jedes jedem anderen eine fürchterliche Bedrohung, wenn sein Fahrer es nur wagte, das Steuer herumzureißen.

‚Kannst du nicht einmal das Blaulicht aufs Dach stellen‘, hat Claire ihn gebeten. ‚Nur kurz - für mich.‘ Und ihre Augen haben voller Verheißung geblinkt.

Mit eingeschalteter Sirene und Warnleuchte ist Butz über den Ring gerast. Verwischte Aufnahmen beiseite springender Wagen sind dabei entstanden und er hat seinen Job riskiert. Claire aber hat auf dem Beifahrersitz gehockt, jeder Muskel in ihrem Körper angespannt, hat das Fenster heruntergekurbelt und ihre Kamera nach draußen gerichtet, hat Aufnahme um Aufnahme gemacht, während sie zwischen den anderen Fahrzeugen hindurchgejagt sind. Butz hat den Auslöser knattern gehört und dazwischen immer wieder Claire, die ihm zuschrie, dass er schneller fahren sollte, auf die Überholspur wechseln oder gar auf den Sicherheitsstreifen.

Er streckt die Beine unter sich aus. Die Rücklehne seines Autositzes ist ein wenig heruntergeschraubt und er starrt durch die Windschutzscheibe ins Dunkel vor ihm.

Er hat die Bilder vom Ring in Claires Zimmer auf ihrem Schreibtisch gefunden. Heute Vormittag, bevor er ins LKA gegangen ist.

Sie gehen ihm nicht aus dem Kopf.

Auf einer Aufnahme ist ein Stück von Claires Gesicht zu sehen gewesen. Sie trägt darauf eine Sonnenbrille, der Fahrtwind schleudert ihr das Haar ins Gesicht, und sie strahlt, ganz aufgeregt von dem Sirenenritt, mit dem sie über die Straße jagen.

Er hat sie nicht wieder gesehen.

Nicht wieder mit ihr gesprochen.

Heute Morgen hat er auf der Mailbox seines Handys eine Nachricht vorgefunden. „Melde mich sobald wie möglich. Alles in Ordnung. Claire.“ Er muss so erschöpft gewesen sein, dass er nicht aufgewacht ist, als das Telefon geklingelt hat.

Butz richtet sich in seinem Autositz ein wenig auf. Es ist ohnehin nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis sie ihn verließ. Er stützt die Ellbogen auf das Steuerrad, legt die Fingerspitzen beider Hände an die Nasenwurzel, als er an das letzte Mal denken muss, dass sie miteinander geschlafen haben. Claire ist in Gedanken schon nicht mehr bei ihm gewesen, er hätte sie eigentlich nicht anfassen dürfen.

Sein Blick geht durch die Seitenscheibe seines Wagens auf den unruhigen Schein einer offenen Flamme, die draußen flackert. Ab und zu stäuben Funken von den Spitzen der Flammen in die Nacht. Das Feuer züngelt aus einer Blechtonne heraus und sein Widerschein erhellt die schlanke Silhouette einer Frau, die neben der Tonne steht. Sie ist verpackt wie ein Weihnachtsgeschenk. Schleifchen, Spitzen, Streifen nackter Haut. Ein Bonbon. Zum Vernaschen.

Vorhin ist er im Comfort gewesen.

Dort haben sie sich an Fehrenberg gut erinnert. Butz‘ Kollege habe nach einem jungen Mann und einem Mädchen gefragt, an die sich die Rezeptionistin ebenfalls noch vage erinnern konnte. Wie die meisten Gäste hatten die beiden jungen Leute jedoch gleich bar bezahlt, um sich gar nicht erst ins Buch eintragen zu müssen. Die Rezeptionistin hat dem Kellner recht gegeben: Das Paar wirkte ganz so, als wären sie von der Straße mit den Blechtonnen gekommen. Wer das Comfort aufsuche, komme meistens von dort, Butz wisse schon, von der Straße, die weiter unten unter dem Autobahnring hindurchführe. Wenn er herausbekommen wolle, wer das Mädchen gewesen ist, sollte er sich am besten dort einmal umhören.

Butz‘ Wagen steht auf einem Parkplatz an genau dieser Straße. Eine ehemals durchaus biedere Vorstadtgasse zwischen Berlin und Bernau, die zum Teil unterhalb der Trasse des Berliner Rings verläuft und deren Häuser seit ein paar Jahren von keinen Familien mehr bewohnt werden. Stattdessen haben sich die Typen ihre Büros dort eingerichtet, die die Mädchen an den Tonnen zu laufen haben. Ein ganzer Straßenzug ausgehöhlt und besetzt von Leuten, denen unbescholtene Bürger lieber aus dem Weg gehen.

Butz‘ Blick folgt dem Bonbonmädchen neben der Tonne. Sie hat ihr Beine in den überlangen Stiefeln zu einem X gestellt, die Schultern hochgezogen und ein Handy am Ohr. Ein Scheinwerferpaar gleitet auf sie zu, wird langsamer, hält. Sie steckt das Handy weg und beugt sich zum Beifahrerfenster herunter, ihr Hintern steht steil nach außen ab.

Den ganzen Abend lang hat sich Butz mit den Männern herumgeschlagen, die in den Häusern über die Frauen wachen. Er hat Aufnahmen von Fehrenberg gezeigt und vom Tatort. Vergeblich. Es ist den Typen nur zu deutlich anzumerken gewesen, dass sie mit der Kripo möglichst wenig zu tun haben wollen - auch wenn das natürlich keiner gesagt hat. Bis Butz zu guter Letzt doch noch auf einen stämmigen Glatzkopf gestoßen ist, der eingeräumt hat, bereits mit Fehrenberg über die Tote in dem Restaurant gesprochen zu haben. Sein Mädchen wäre das jedoch nicht gewesen - und er wüsste auch nicht, wer sich um sie gekümmert habe. Aber er erinnerte sich daran, dass Butz‘ Kollege ihm genau das Foto unter die Nase gehalten habe, das auch Butz ihm jetzt zeigen würde: Die Toilettenkabine des Lokals, die Tote, die neben die Porzellanschüssel gerutscht ist.

„Aber wissen Sie was?“, hat der Glatzkopf gebrummt und seine Augen haben seltsam wässrig geschimmert. „Mir kam es so vor, als würde sich ihr Kollege - wie hieß er noch?“

„Fehrenberg, Volker Fehrenberg.“

„Genau - als würde der sich mehr für unsere Mädels hier interessieren als für seinen Fall!“

Der Bonbon steigt hinter den Scheinwerfern in das schwarz in der Nacht kauernde Fahrzeug. Die Lichter des Wagens richten sich kurz ein wenig nach oben, als der Wagen anfährt, dann gleiten sie über Butz hinweg. Er schaut zur Seite, während das Auto an ihm vorbeizieht, doch hinter den spiegelnden Scheiben kann er nichts erkennen.

Die Flammen in der Tonne züngeln weiter in die Nacht.

Fehrenberg hat wegen der Toten in dem Restaurant ermittelt. Was ist es, das ihn bei seinen Ermittlungen bis in das Sekretariat von Felix von Quitzow geführt hat? Die Nachforschungen im Restaurant-Fall und dass Fehrenberg Merle Heidt, von Quitzows Sekretärin, kennengelernt hat: Beide Ereignisse haben sich kurz vor Fehrenbergs Urlaub zugetragen. Doch was ist die Verbindung zwischen den beiden? Hat der Restaurant-Fall Fehrenberg zu von Quitzow geführt? Oder ist es eine pure Koinzidenz, dass beides zuletzt vor seinem Urlaub passiert ist?

Mit einem Aufheulen startet der Motor, als Butz den Zündschlüssel dreht. Versehentlich hat er das Gaspedal zu stark nach unten gedrückt.

‚Mir kam es so vor, als würde sich ihr Kollege mehr für unsere Mädels hier interessieren als für seinen Fall!‘, hört er den Glatzkopf sticheln. Ist es das gewesen? Ist es Fehrenbergs Frauenbesessenheit gewesen, die ihn ins Verderben gestürzt hat?

Mit laufendem Motor steht Butz‘ Wagen auf dem Schotterparkplatz. Jeder in der Abteilung wusste, dass Fehrenberg sich die Anspannung, die der Job mit sich brachte, hin und wieder bei einer Tour aus den Knochen schüttelte, die ihn bis in die hintersten Winkel der Stadt und die Verlockungen führen konnte, die dort bereit gehalten wurden. Wenn Fehrenberg danach wieder bei ihnen in der Abteilung aufkreuzte, wirkte er meist zwar ein wenig hohlwangig, aber das bedrohliche Grollen, das zuvor von ihm ausgegangen war, schien für ein paar Wochen nachgelassen zu haben.

Butz legt den ersten Gang ein und kuppelt dann doch wieder aus.

Er kann versuchen, so lange hier weiterzufragen, bis er den Zuhälter ausfindig gemacht hat, der für das ermordete Mädchen zuständig war. Würde ihn das jedoch weiterbringen? Auf die Spur des Mörders führen? Sicher nicht.

Es gibt nur einen Weg, wie er an den Täter herankommt: Indem er versucht, Fehrenbergs Ermittlungen nachzuvollziehen. Und die haben Fehrenberg zu Merle Heidt geführt. Merle aber liegt im Sterben. Infiziert von der Tollwut, die um sich greift.

Butz presst die Hände an die Schläfen. Mit jeder Faser seines Körpers kann er spüren, dass er kurz davor steht, die Zusammenhänge zu begreifen. Die Zusammenhänge zwischen dem Tod der Frau auf dem Parkplatz, dem Tod der Frau in der Baugrube, dem Tod Anni Eislers, Fehrenbergs, auch seines Assistenten Micha.

Ja, er steht kurz davor und doch ist es, als würde er sich noch kilometerweit davon entfernt befinden. Denn er weiß nicht, in welcher Richtung er weitergehen soll. Und es scheint unendlich viele mögliche Richtungen zu geben. Aber nur eine kann die Richtige sein!

Verbissen legt Butz erneut den ersten Gang ein, gibt Gas und wendet auf dem Parkplatz. Gleitet unter der Ringtrasse hindurch und biegt rechts ab, um die Auffahrt zu erwischen.

Fehrenberg ist der Schlüssel. Butz hat keine Wahl, er muss versuchen, hinter die Maske des toten Kollegen zu blicken. Und soweit er weiß, gibt es nur einen Menschen auf der Welt, dem Fehrenberg vertraut hat.

Er wird sie zur Rede stellen. Nicht locker lassen, bis sie ihm endlich gesagt hat, was sie weiß. 

Fehrenbergs Mutter - die Butz schon einmal in die Irre geführt hat, als sie ihm gesagt hat, ihr Sohn befände sich in einem Hotel im Urlaub. Letztes Mal ist er auf sie hereingefallen. Das wird ihm nicht noch einmal passieren.

 

Berlin Gothic 7: Gottmaschine
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