„Wenn Gott die Welt, das All, das Sein - wie auch immer man es nennen will - so geschaffen hat, wie ein Autor die Welt seiner Geschichte erschafft - wenn wir für einen Moment davon ausgehen, dass diese Analogie uns ein neues, TIEFES, großartiges Verständnis von der Lage gibt, in der wir uns als Menschen befinden - wenn wir begreifen, dass Gott ein SCHÖPFERGOTT ist, so wie es die Menschen schon seit Jahrtausenden begriffen haben, egal in welcher Sprache sie über ihn nachgedacht oder geredet haben, ob in einer Höhle, einer Kathedrale oder einem Bunker - wenn wir begreifen, dass er ein Schöpfergott ist - dann haben wir einen Zipfel in der Hand, um Gottes Willen, den Willen, mit dem er das Sein erschaffen hat, zu verstehen.“

Den verstecken Willen.

„Denn wir müssen nur eines fragen: Wozu erschafft der Autor sein Buch? Und die Antwort darauf gibt Aufschluss auf die Frage: Wozu hat Gott das Sein erschaffen? Also: Was WILL der Autor? Du hast es gerade selbst gesagt, Till.“

„Er will einem Leser eine Geschichte erzählen.“

„GENAU! Er will einem Leser eine Geschichte erzählen. Und wozu hat Gott die Welt, das Sein, UNS erschaffen?“

Till sieht Felix an.

„Muss er nicht das Sein FÜR JEMANDEN geschaffen haben, Till? Können wir uns das Schaffen von etwas vorstellen OHNE dass es FÜR jemanden geschaffen wurde? Und wenn es auch nur FÜR DEN SCHÖPFER selbst ist?“

Aber …

„Das ist die Frage, die uns bei unserem Vorhaben einen WICHTIGEN Schritt voranbringt, Till: WENN Gott der Autor des Seins ist - WER IST DANN SEIN LESER?“

Till fühlt, wie sich seine Mundwinkel auseinanderziehen. Das hat er sich tatsächlich noch nicht gefragt.

„Ich finde diese Frage ungeheuer wichtig, Till. Wir beginnen, etwas von uns zu verstehen, wenn wir Gott als unseren Autor begreifen. Aber wie können wir uns diesen Autor, diesen Schöpfer OHNE jemanden vorstellen, der sein Werk wahrnimmt?“

Gar nicht.

„Eben! Wie gesagt: Von mir aus können wir auch denken: Gott schafft das Werk FÜR SICH SELBST. Um sich selbst ansehen zu können, wie es geworden ist. Und doch bleibt es dabei, dass es JEMANDEN geben muss, der das Werk rezipiert. Richtig?“

Till greift sich mit der Hand an die Schläfe. Aber was er denkt, ist: Ja.

Felix macht einen Schritt auf ihn zu, so dass er jetzt genau vor ihm steht. „Wir haben gesagt, dass wir Menschen Gottes Figuren sind, von ihm geschaffen wie die Figuren in einem Buch von einem Autor. Er hat uns vielleicht nicht direkt geplant und ausgeführt, aber er hat das SEIN geschaffen, von dem wir ein Teil sind. Wir sind ein TEIL seiner Schöpfung. Denk jetzt an denjenigen, FÜR DEN GOTT sein Werk geschaffen hat. Muss Gott nicht eine bestimmte WIRKUNG mit seinem Werk auf denjenigen, der das Werk wahrnehmen soll, ausüben wollen - so wie ein Autor will, dass sein Buch auf den Leser wirkt! Er will ihn vielleicht zum Nachdenken damit bringen, er will ihm gruseln - oder allgemeiner gesprochen: er will, dass sein Werk seinem Leser gefällt, richtig?“

Ja, natürlich, aber …

„Muss es UNS dann als Gottes Figuren nicht gelingen können, uns so zu verhalten, dass sich Gott als Autor in das Buch, ins Sein HINEINSCHREIBEN MUSS, damit sein Werk demjenigen, der es wahrnimmt, GEFÄLLT?!“

Unwillkürlich muss Till Luft holen, von dem plötzlichen Gefühl durchzuckt, dass das der Kern dessen ist, was Felix ihm zu sagen versucht.

„Das ist die GOTTMASCHINE“, hört er ihn hervorstoßen. „Das ist ihr Mechanismus! Begreifst du, was für eine UNGEHEURE KRAFT DARIN STECKT?“

Es kommt Till so vor, als würden die Ideen, Vorstellungen, Begriffe, Erkenntnisse von ihm wegströmen wie das Meer beim Eintritt der Ebbe.

„Wir sind Gottes Figuren - er ist unser Autor. Wie SPANNEND Gottes Werk für seinen Rezipienten - wer auch immer das sein mag - ist, HÄNGT von UNS MENSCHEN ab, Till. Von den FIGUREN! Ein Buch, ein Werk ist nur so spannend, wie es spannend ist, was die Figuren machen! Wir aber sind Gottes Figuren, Till. Je nachdem was wir machen, ist Gottes Werk spannend oder nicht. Begreifst du?“

Ja … ja …

„Was wollen wir erreichen?“

„Wir wollen ihm begegnen.“

„Genau - aber wir kommen aus dem Sein - aus dem Buch - als seine Figuren ja nicht heraus. Doch er kann SICH UNS OFFENBAREN: Er kann sich ins Sein hineinschreiben! Und indem wir uns jetzt als seine Figuren begreifen, bekommen wir Macht über ihn, Till. Verstehst du? Wir bekommen Macht über Gott! Bei dem Gedanken wird dir schwindlig? Ich habe drei Wochen lang nicht schlafen können, nachdem sich dieser Gedanke zum ersten Mal in meinem Kopf festgesetzt hat!“

Macht über unseren Schöpfer?

„Indem Gott sein Werk schafft, verfolgt er damit ein Ziel - DAS IST DER SINN. Wir haben gesagt, er will, dass es jemandem - und wenn er das auch nur selbst ist - GEFÄLLT! Also gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sein Werk ERREICHT sein Ziel, ist so, wie er das möchte, ist so GUT wie ein Buch GUT ist, wenn es den Lesern gefällt. ODER sein Werk erreicht sein Ziel nicht, ist so SCHLECHT, wie ein Buch, das den Lesern nicht gefällt. WIR als Figuren prägen durch unser Handeln aber, wie das WERK ist, wie die GESCHICHTE verläuft, begreifst du? DAS gibt uns die Macht, zu beeinflussen, ob Gott mit seinem Werk sein Ziel erreicht ODER NICHT!“

Er ringt nach Luft und Till kann ihm ansehen, dass Felix sich im Herzen seiner Überlegungen befindet.

„Genau das gibt uns, wie gesagt, Macht über ihn! Das gibt uns das Instrument an die Hand, mit dem wir ihn ZWINGEN können, sich uns zu offenbaren. Denn wenn wir dafür sorgen, dass sein Werk NUR DANN GELINGT, wenn er sich in es selbst hineinbegibt, so WIRD ER ES TUN - denn er WILL ja, dass sein Werk sein Ziel erreicht!“

Das ist die Gottmaschine.

„Das ist die Gottmaschine, Till, begreifst du?“

Ja.

„Und bei all dem gilt“, Felix‘ Stimme überschlägt sich, „dass wir keinen Willen haben. Alles was ich hier zu erklären versuche, ist, wie wir HANDELN MÜSSEN. Vielleicht ist, was ich sage, nur ein Blick in die Zukunft, vielleicht bin ich nur der erste, der es so sagt. Am verständlichsten aber ist es, wenn ich sage, wie wir handeln sollten. Und zwar so, dass wir Gott dazu bringen, sich ins Sein einzuschreiben, damit das Sein als DARBIETUNG, wenn du so willst, ihm selbst - oder wem auch immer - gefällt!“

Felix‘ Unruhe hat sich längst auf Till übertragen.

„Indem wir Menschen als Gottes Figuren alles auf seine Offenbarung AUSRICHTEN, wird es für den Rezipienten des Seins langweilig, wenn sich Gott NICHT offenbart. Kannst du das sehen? NIEMAND hat es, so weit ich weiß, jemals so beschrieben, Till, und doch leuchtet es unmittelbar ein: Es sind die Gesetze der DRAMATURGIE, die uns schließlich Gott offenbaren werden - NIEMAND hat in all den Jahrtausenden je daran gedacht. Aber es ist soweit - es ist soweit, das zu erkennen!“

Er wartet nicht ab, was Till ihm antworten würde, und nimmt seinen Gang durch das Zimmer wieder auf. „Stell es dir so vor: Wenn wir Menschen nur noch auf eine Stelle starren und erwarten, dass er sich DORT zeigt … wenn wir nichts anderes mehr tun, als DORTHIN zu sehen. Alle stehen still, warten, blicken auf diese Stelle - ALLE, verstehst du? Alle WARTEN DARAUF, DASS ER SICH DORT ZEIGT!“ Wieder bleibt Felix stehen und starrt Till an, als sei dies die Stelle, von der er spricht. „DANN IST ES TOTLANGWEILG, dem zuzusehen. Dann ist Gottes Werk langweilig - dann bleibt ihm nur noch eines übrig: Dann muss er sich dort, an der Stelle auf die wir alle starren, ZEIGEN, Till! UND GENAU DAZU brauche ich das fiktive Universum! Das ist seine versteckte Bedeutung!“

Tills Herz hämmert in seiner Brust. Das ist es! Das ist, worum es ihm geht! Worum es Felix die ganze Zeit über gegangen ist - was er angedeutet hat in unzähligen Gesprächen, worüber Till und Max als Kinder schon gerätselt haben. Das ist, was Felix und Bentheim ausgeheckt haben. Sie wollten schon immer die Offenbarung erzwingen!

„Wir machen die Menschen süchtig Till, wir bieten ihnen ein fiktives Universum, von dem sie nicht mehr loskommen, in dem sie sich verlieren, in dem sie alles finden, wonach sie sich sehnen, wonach sie lechzen. Wir geben ihnen Liebe, Sex, Freundschaft, Horror, Angst, Hoffnung, Erfüllung, Sinn … wir lassen sie nicht mehr frei, wenn sie einmal begonnen haben, im fiktiven Universum zu versinken. Und DANN bringen wir sie dazu zu begreifen, dass sie gemeinsam zu einer Gottmaschine werden, wenn sie alle an einer bestimmten Stelle Gott erwarten. Wir schalten die Menschen gleich, Till, wir koordinieren ihre Gefühle, ihre Gedanken, Wünsche und Gelüste - und bringen sie so dazu, als Gottes Figuren ihn gemeinsam zur Offenbarung zu zwingen! Das fiktionale Universum ist die Gottmaschine. Und dabei tun wir Menschen zugleich nichts anderes, als den göttlichen Willen zu vollziehen, den er in seiner Schöpfung ja bereits gesetzt hat. Er WILL SICH OFFENBAREN - und ich, du, wir, führen seinen Willen aus!“

Berlin Gothic 7: Gottmaschine
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