Flackern.

Das Flattern von Lidern, die vibrieren.

Schwarz.

Rauschen. Brausen. Summen.

Lichtsplitter.

Kalter Schmerz, der ihn durchgleißt.

Ein nackter Leib. Unter der Decke. Das Fleisch wird zentimeterhoch nach oben gezogen - von Haken - Fischhaken, die durch das Gewebe getrieben worden sind. Der Leib einer nackten Frau, die an Drahtseilen von der Decke hängt und sich unendlich langsam um sich selbst dreht.

Geschnatter. Ein Geräusch wie Flügelschläge.

„Till?!“

Sein Mund ist ausgetrocknet, als hätte jemand zehn Stunden lang den heißen Strahl eines Föhns in die offene Rachenhöhle gehalten.

Er liegt auf dem Rücken - auf einer Matratze - in einem dämmrigen Kellerraum. Vor ihm sind die Spitzen einer geteilten Zunge zu sehen … die sich drehen - eine nach rechts, die andere nach links …

er blinzelt …

die Zunge wird beiseitegeschoben, ein Narbengesicht taucht in seinem Blickfeld auf …

Wasser - ich muss etwas trinken …

Tills Blick tastet über die Decke, die über ihn gebreitet ist, es brennt - seine Seiten glühen, als würden entzündete Benzinspuren dort in Flammen stehen -

dann rutscht die Decke von ihm herunter und sein Blick gleitet an seinem Körper herab.

Seine Arme … sie sind an seinen Rumpf angenäht - seine Beine an der Innenseite zusammen.

„Hallo - ist da jemand!“ Eine Stimme durchbricht den Raum. Ein Rudel kleiner Gestalten scheint sich am Fußende seines Betts zusammenzudrängen.

„Und, Till? Was denkst du? Gefällt’s dir?“ Es ist Felix, der ihn durch das dämmrige Licht des Raums hindurch anstarrt.

Tills Nerven flattern. Die Schreie überziehen sein Denken wie Sirup, er kann keinen Gedanken fassen.

Da bricht die Erinnerung mit erschreckender Klarheit über ihn herein.

Es ist erst wenige Stunden her - es war im Gasthaus, in das sie nach Max‘ Beerdigung gegangen sind.

„Erzähl mir nichts und weich mir nicht aus, Felix!“, hat er Felix angeschrien.

Er hatte gewartet, bis Felix nach hinten zu den Toiletten gegangen ist, dann ist er ihm gefolgt.

„Du hast mit Max über mich gesprochen! Wolltest du, dass wir aneinandergeraten? Dass ich mich mit ihm streite?“

Aufgerichtet und bleich hat Felix vor Till an dem Waschbecken gelehnt. Till hat geahnt, dass man ihn vorne, im Gastraum hören konnte - aber er konnte und wollte sich nicht mehr zurückhalten. Nina hatte es ihm gerade gesagt, sie hatten noch bei der Grube von Max‘ Grab gestanden.

„Was hast du Max gesagt? Dass ich dir etwas erzählt hätte?“

Till hat gesehen, wie Felix‘ Blick auf ihm ruhte, wie Felix abzuschätzen versuchte, wie weit er gehen würde - und plötzlich ist Tills Arm nach vorn geschossen. Er hat sein ganzes Gewicht, seine Masse in die Wucht des Schlags gelegt. Seine Knöchel sind auf Felix‘ Wangenknochen gerammt, in Tills Blick haben Blitze gezuckt. Er ist viel zu aufgeregt gewesen, als dass er sich noch hätte kontrollieren können, hat gespürt, wie er von der Wucht seines eigenen Schlags nach vorn gerissen wurde, wie Felix‘ Kopf herumflog. Felix ist nach hinten getaumelt, gegen das Waschbecken geschlagen, seine Hände haben sich an das kalte Porzellan gekrallt.

„Du hast sie bekommen, die verdammten Rechte an den Büchern seines Vaters - es ist dir gelungen! Aber du hast ihn umgebracht! Er hat es nicht verkraftet!“ Till ist wie rasend gewesen. „DU hast ihn auf dem Gewissen, nicht ich - “

Plötzlich hat er gefühlt, wie etwas Heißes, Klebriges in seinen Nacken geronnen ist. Hat sich auf Felix gestürzt und ihn zu Boden gerissen, wollte ihm ein Knie auf den Brustkorb rammen - und wenn er dabei den Knochenkasten durchbrach, es war ihm egal! Till wollte, MUSSTE die quälende Verantwortung für das, was er Max angetan hatte, aus sich herausreißen, indem er denjenigen, der an ihrem Streit schuld war, dafür büßen ließ.

Zugleich haben ihn jedoch fein wie Spritzen die Zweifel durchschossen: War es wirklich wegen Felix, dass du Max ins Gesicht getreten hast?

Im gleichen Moment ist der Schmerz an seinem Hinterkopf explodiert. Till hat sich an den Nacken gegriffen, die warme Flüssigkeit gespürt, die ihm in den Hemdkragen gesickert ist - und erst da realisiert, dass er einen Schlag abbekommen hatte.

Im nächsten Augenblick traf ihn der zweite Hieb. Ein Schlag, der Tills Kopf nach vorn geschleudert hat, der bewirkt hat, dass er über Felix hinweg an das Waschbecken gestolpert ist, sich darüber gebeugt und hinein übergeben hat.

Gleichzeitig hat Till Stimmen hinter sich gehört - vage mitbekommen, dass jemand Felix vom Boden aufgeholfen hat -  hat sich ruckartig umgedreht, einen Schritt nach vorn gemacht - und ist in sich zusammengesackt.

 

Felix muss ihn in das Kellerloch geschafft haben.

Till fühlt, wie sich ein Schrei seiner Brust entringt, reißt seine Beine an sich und die Schenkel auseinander, spürt, wie die Naht an den Beinen platzt, rammt die Ellbogen nach außen, sprengt das zusammengenähte Fleisch.

Dann steht er.

Hört das Toben des Mannes hinter der Wand und sieht es vor sich, wie die Tiere begonnen haben, den Rattenmann zu verspeisen.

Du kannst ihn dort nicht verrecken lassen, Felix! Sie fressen ihn doch glatt auf! Hörst du nicht, wie er schreit - weil sich das Getier in seinen Körper bohrt?

Durch das dämmrige Licht des Kellerlochs hindurch sieht er, wie Felix die Hände hochwirft. „Jetzt!“, hört Till ihn rufen - fährt herum, hat den Griff an der Wand gepackt - reißt daran.

Es ist nur ein Gerät - sie sind aufgezeichnet - die Schreie - es ist niemand in dem Loch hinter der Wand - der Rattenmann - es gibt ihn gar nicht -

aber …

das Kratzen, Rutschen, tausendfältiges Bitzeln, wie wenn ganze Spinnenhorden über einen Spiegel trippeln -

das bildet er sich nicht nur ein - das gibt es wirklich!

Außer sich vor Entsetzen weicht Till zurück gegen die raue Betonwand - sieht, wie sie auf ihn zukrabbeln,

schnüffelnd,

kratzend,

suchend,

hungrig.

Was da aus dem Stollen heraufbrodelt - die pelzigen Leiber, die Krallen, die über den Betonboden rutschen - die wachsamen Augen -

das ist keine Einbildung -

kein Irrtum -

kein Traum.

Das ist ein Schwarm Tiere. Ein Rattenrudel, dessen erste Nager jetzt Tills Füße erreichen.

 

Er hetzt.

Stolpert.

Hetzt weiter, während an seinen Seiten das Blut aus den aufgerissenen Nähten rieselt.

Die Gänge entlang, die sich unter der Stadt hindurchwinden - die Tunnel, die er mit Bentheim vor Jahren schon einmal entlanggehetzt ist,

die ihn von dem Rattenloch fortbringen.

Er hetzt hinter dem Narbengesicht hinterher, das ihn von den Tieren befreit hat,

durch die ehemalige China-Bude in den grüngekachelten U-Bahn-Gang, die Treppe hoch auf den Platz …

Bis sie eine Wohnung erreichen und sie ihm die Tür öffnet. Till hat Lisa vorhin auf der Beerdigung gesehen, aber kein Wort mit ihr gewechselt.

Jetzt steht sie vor ihm, das Haar gelöst, der Mund einen winzigen Spalt weit geöffnet, die Hände ihm entgegengestreckt.

Alles in Till treibt ihn auf sie zu, er hat sie so lange nicht bei sich gehabt, will sie umarmen, die Kleidung von ihr ziehen. Sie hochheben und zu einem Bett tragen, mit den Lippen über ihren Körper wandern, den er so lange entbehrt hat -

DER IHM GEHÖRT -

fühlen, wie sie sich aufbäumt, wenn er sich nicht länger zurückhalten kann und seine Gier nach ihr stillen muss.

Berlin Gothic 7: Gottmaschine
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