»Wieso sind wir hier?«, fragte ich schläfrig. »Was kann so wichtig daran sein, dass ich Getreide mahle und du auf dem Feld arbeitest? Ist das hier ein kosmischer Witz?«

Cheftu zog die Stirn in Falten. »Ich dachte, du bist glücklich. Ich dachte, dir gefällt es, hier zu sein und mit mir zusammen zu sein. Uns sind keine Wahnsinnigen auf den Fersen, der Boden wackelt nicht, und alle Flutwellen sind weit weg. Es ist schön hier. Endlich können wir richtig leben, statt von einer Katastrophe in die nächste zu stolpern.«

»Wie kannst du nur so selbstgefällig sein?«, fragte ich.

Er zuckte mit den Achseln, in jener gallischen Geste, die mein Blut zum Rasen brachte. »Ist es selbstgefällig, zufrieden

zu sein?«

Ich stand auf und marschierte auf und ab. Ich war zwar müde, doch ich konnte keine Ruhe finden. »Glaubst du denn nicht, dass wir hier einen ganz bestimmten Zweck erfüllen sollten? Du bist Arzt, Herrgott noch mal!«

»Welchen Zweck hat das Leben? Die Liebe? Unser tägliches Dasein?«, fragte er, ohne auf meine letzte Bemerkung einzugehen. »All das ist reiner Selbstzweck«, antwortete er selbst. »Es ist Frage und Antwort zugleich.«

»Ich finde es schrecklich, wenn du mir diese esoterischen Antworten gibst«, sagte ich. »Ich fühle mich dann immer so jung und ...« Ich suchte nach dem richtigen Wort.

»Idealistisch?«, schlug er auf Englisch vor.

»Ich meine, wieso sind wir hier?«

Er setzte sich auf, zog die Decke zurecht und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Du hast behauptet, du seist nur meinetwegen zurückgekommen.«

»Bin ich auch!«

»Doch ich allein bin dir nicht genug?«

Ich stockte, ehe ich begriff, dass er mich auf den Arm nahm.

»Ach, vergiss es.« Plötzlich war ich das Thema leid. »Heute Abend findet eine Hochzeitsfeier statt. Daduas erste Frau ist zurückgekehrt. Aus irgendwelchen politischen Gründen erneuern sie ihr Ehegelübde oder heiraten ein zweites Mal oder so.«

»Chérie, ganz gleich, wann man lebt, eines ändert sich nie. Erst in den Büchern erscheint uns die Geschichte so, als würde sie sich in jedem Augenblick ereignen. In Wahrheit führen wir einfach unser Leben, ob nun unter der Herrschaft Pharaos und an seinem Hof oder unter der Herrschaft Davids und auf den Feldern.«

Während er das sagte, spritzte ich mir etwas Wasser ins Gesicht und flocht meine Zöpfe neu. »Also, ich begebe mich dann wieder unter die Herrschaft Shanas und in die Küche«, verabschiedete ich mich im Hinausgehen.

Im Palast herrschte eine Atmosphäre gezwungener Fröhlichkeit. Kinder, die man für die Erneuerung des Ehegelübdes ihres Vaters herausgeputzt hatte, rasten treppauf und treppab. Ganz oben auf dem Treppenabsatz stand Shana und bewachte das geschmückte Flachdach.

»Du!«, fuhr sie mich an. »Du passt auf, dass keiner vor dem Fest hier heraufkommt.«

Also spielte ich die Türsteherin, verscheuchte die Kinder und ließ die Erwachsenen ein. G’vret Avgay’el durfte das Festmahl zu Ehren ihres Gemahls und seiner ersten Frau zubereiten. Das musste ihr ziemlich stinken.

Doch auch wenn die andere Frau ihre Rivalin war, sie trug ein eindrucksvolles Menü auf. Getreide in fünferlei Zubereitung, gedämpftes, gefülltes, gestampftes Obst, geröstetes Wurzelgemüse und eine Platte mit dunklem, fasrigem Fleisch zogen an mir vorbei. Als die Familie eintrudelte, knurrte mein Magen bereits vernehmlich. Das war das Verblüffende an dem heutigen Essen: Alle Familienmitglieder nahmen daran teil, Kinder und Ehefrauen eingeschlossen.

Es war eine fröhliche Runde, die Yeladim sangen und rannten herum, die Frauen lachten und plauderten, während Dadua am Kopfende thronte und mit den verschiedenen Männern, die ebenfalls zu seinem Haushalt gehörten, Freundlichkeiten austauschte. Mik’el saß, immer noch mit ihrem Taschengeld beladen, reglos und aufregend wie eine Statue neben ihm.

Eigentlich tat ich ihr damit Unrecht. Eine Statue konnte durchaus aufregend sein. Gegen Mik’el jedoch wirkte sogar meine Transuse lebendig.

Als der Mond aufging, verlangten die Männer nach einer Geschichte. Dadua, der seine Braut den ganzen Abend kaum angesehen hatte, stimmte begeistert zu. Avgay’el als beste Geschichtenerzählerin wurde bedrängt, eine zu erzählen.

Mit charmantem Zögern begann sie: »Beresheth ...«

Schon ihr erstes Wort ließ mir den Atem stocken.

Mein Lexikon übersetzte, stockte und übersetzte erneut: »Am Anfang ...«

»...schuf Yahwe die Sonne, den Mond und die Sterne mit Seinem Wort. Wie eine Zeltstatt breitete Er die Himmel über die Tiefe und schuf über den Höheren Wassern ein Heim für Seinen Hofstaat, die Elohim.« Avgay’el demonstrierte mit einer graziösen Geste, wie Gott über dem Rest des Planeten lebte.

»Sehet nun: Denn durch seine Schöpfung erhob sich Yahwe über die Tiefe, die darum gegen ihn aufbegehrte. Tehom, die dunkle Königin der Tiefe, suchte Yahwes Schöpfung zu ertränken, doch Er ritt in einem lodernden Flammenwagen wider sie, bewaffnet mit Hagel und Blitzen.«

Die Kinder sahen mit großen Augen zu ihr auf. Auch ich saß wie gebannt da.

»Tehom schickte ihren besten Krieger Leviathan gegen Yahwe aus, doch Yahwe spaltete seinen Schädel mit einem Blitz und schleuderte dann ein Schwert in das Herz der Schlange Rahab. Die Wasser der Tiefe flohen vor Yahwes Stimme. Zitternd vor Angst ergab sich Tehom. Yahwe setzte fest, dass der Mond die Jahreszeiten regieren und die Sonne den Tag von der Nacht scheiden solle. In Ehrfurcht vor Yahwes Sieg begannen die Morgensterne zu singen und die Elohim vor Freude zu jubilieren.«

Die Kinder jubelten begeistert los, während die Erwachsenen mit den Knöcheln auf den Tisch pochten - die Art der Stammesbrüder zu applaudieren. Avgay’el beugte sich zu ihrem Publikum vor und fuhr leise fort: »Noch grünte kein Strauch und kein Feld auf Erden, und kein Halm hatte Wurzel gefasst -denn Yahwe hatte noch keinen Regen herabgeschickt und das Land noch nicht mit Erdlingen bevölkert -, doch von jenem Tag an, als die Erde vom Himmel geschieden war, erhob sich ein Nebel aus der Tiefe, um das Land zu netzen.

Aus dem Adama -«

Roten Boden, übersetzte mein Lexikon.

»- erschuf Yahwe mit Seinen Händen den Erdenbewohner.«

Die Kinder hielten vor Spannung den Atem an.

»Und in seine Nase, so wie du eine hast, Avshalem, oder du, K’liab«, wandte sie sich an zwei von Daduas Kindern, »blies Yahwe Nishmat ha hayyim.«

Auf der Leinwand in meinem Kopf leuchtete das Bild Gottes und Adams bei der ersten Berührung auf, das Fresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Nur streckte bei mir das bärtige Himmelsporträt Gottes nicht den Finger nach Adam aus, sondern hauchte seinen Odem in den leblosen Leib Adams: der daraufhin die Augen aufschlug und seinen Schöpfer ansah.

Das, erklärte mein Lexikon triumphierend, ist Nishad ha hayyim. Der göttliche Odem des Allerhöchsten, der Leben spendet und die Leidenschaft am Leben.

»Sehet nun: Der Mensch wurde Fleisch«, sagte Avgay’el.

Meine Hände zitterten; ich hoffte nur, dass niemand jetzt Wein wollte.

»Also: Yahwe pflanzte einen Garten, in Eden. Gegen Morgen hin setzte Er den Menschen hinein, Adama, den er aus Lehm und seinem Odem erschaffen hatte. Auf Sein Wort hin ließ Yahwe dort alle Bäume wachsen, die das Auge und den Magen erfreuten. Der Baum des Lebens wuchs dort und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« Avgay’el hielt inne, um einem Kind durch das Haar zu wuscheln.

»Yahwe setzt den Menschen in den Garten, dass er ihn bebaue. >Du sollst von allen Bäumen essenc, spricht Er zu dem Menschen. >Doch von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen. An jenem Tag, da du davon isst, soll der Tod dich erkennen.««

»Ist er nicht einsam?«, fragte einer von Daduas Söhnen.

Avgay’el lächelte ihn an. »Ken, er ist einsam. Yahwe hat alles Getier des Feldes, der Luft und der Wasser erschaffen, und

Adama hat alles benannt, doch keines davon ist ihm ein Gefährte.«

»Doch Mik’el ist Daduas Gefährte, nachon?«, warf eines der Kinder ein. Alle im Raum erstarrten und blickten auf die reglos dasitzende Frau. Avgay’el lächelte ihre Rivalin an, ohne in ihrer Erzählung auszusetzen.

»>Armer Adame, so spricht Yahwe zu ihm. Da lässt Yahwe Adama in einen tiefen Schlaf fallen. Und während er schläft, nimmt Yahwe eine seiner Rippen und schließt die Wunde. Aus der Rippe des Mannes baut Yahwe eine Frau und setzt sie zurück an Adamas Seite.«

»Wie heißt sie? Wie heißt sie?«, rief alles durcheinander.

»Ihr wisst, wie sie heißt«, antwortete Avgay’el lächelnd. Sie sah aus wie eine Kameeschnitzerei von Wedgwood. »Die Mutter aller Dinge. Wer ist das?«

»Hava!«, riefen sie wie aus einem Mund.

Mein Lexikon lieferte mir unnötigerweise den modernen Namen: Eva.

Avgay’el wandte sich an die Braut, Mik’el. »So wie Hava über Eden und Adama herrschte, so heiße ich dich als meine Schwester willkommen, die herrschen soll -« Sie hielt inne und verbeugte sich elegant. Was kam jetzt?

Mik’el sah uns alle an. Alle beugten sich kaum wahrnehmbar vor und warteten gespannt auf ihre Antwort, auf eine elegante Erwiderung. Sie schwieg und schien ihre Gedanken zu sammeln. Dann sah sie uns alle an. »Ich möchte mich jetzt zurückziehen.«

Totenstille. Daduas Gesicht verhärtete sich, doch er erhob sich mit ihr. Avgay’el verharrte in ihrer Verbeugung, weshalb ihr Gesicht nicht zu sehen war. Die Königin Mik’el stand auf und stolzierte hinaus. Dadua folgte ihr auf dem Fuß.

»Ach, nun, sie muss müde sein nach einem so langen Tag«, nahm sie ein älterer Gibori in Schutz. »Sie ist nicht mehr so jung wie früher.«

Dafür hätte sie ihm wahrscheinlich die Augen ausgekratzt. Ich wartete, bis alle gegangen waren, dann war es wieder einmal Zeit zum Abräumen.

Ganz im Ernst, mein gegenwärtiger Dienst unterschied sich kaum von einem Job als Kellnerin. Allerdings ohne Trinkgeld. Dafür aber auch ohne Anmache. Ich war im Grunde unsichtbar. Es kam mir so vor, als seien die Sklaven so etwas wie Tapeten. Hatte ich jemals den hunderten von Männern, Frauen, Knaben und Mädchen in den ägyptischen Palästen Thebens Aufmerksamkeit geschenkt? Oder jenen auf Kallistae in Aztlan? War ich damals so blind gewesen, wie ich jetzt unsichtbar war?

RaEmhetepet versetzte dem Mädchen eine Ohrfeige und schickte es weg. Endlich allein! Endlich einmal durchatmen, ohne dass ihr auf Schritt und Tritt vierzehn Zofen, drei blumenstreuende Kinder und fünf Frauen folgten, die unablässig an ihrer Frisur, ihrer Schminke und ihren Kleidern herumfummelten. Es reichte; allmählich trieb sie das zum Wahnsinn!

Fast im selben Moment kam Meritaton herein. »Herr, du hast dieses Kind geschlagen?« RaEms Braut war zu zierlich und zu verdammt lieblich, um irgendwen zu schlagen.

RaEm konzentrierte sich auf ihr Spiegelbild. »Und wenn?«

Das Mädchen glitt durch das Zimmer heran. »Bist du nicht glücklich, Herr? Hast du irgendeinen Wunsch?«

Sie legte eine kleine Hand auf RaEms Schulter, und RaEm musste sich beherrschen, um sie nicht abzuschütteln. Sie stand am Beginn ihres Zyklus, und ihre einmonatige Verbannung hatte sich auf zwei Monate ausgedehnt. Noch nie hatte sie sich nach einem Menschen so verzehrt wie nach Echnaton. Sie brauchte seinen Körper, seine Stimme, seinen Verstand. Ihr war kalt, die Begierde ließ sie bis ins Mark frösteln. »Es ist mir zutiefst zuwider, unter diesen Rebellen zu leben«, sagte sie schließlich.

Meritaton huschte ans Fenster und sah hinaus auf die Stadt

Waset. Sie stützte sich auf die niedrige Lehmziegelmauer. »Ich muss gestehen, dass es mir hier ausgesprochen gut gefällt. Schau nur! Alles ist so bunt, so fröhlich.«

Mit steinerner Miene betrachtete RaEm sich im Bronzespiegel. Waset war ein Trümmerfeld. Die Tempel, einst bunt bemalt und mit Juwelen besetzt, waren ausgeblichen und verfallen. Die farbenfrohen Standarten, die früher aus jedem Fenster der Stadt gehangen hatten, waren verschwunden. Es war heiß und weiß, voll und laut hier. An der Straße der Adligen reihten sich die mit Brettern vernagelten Häuser. Die Exerzierplätze für Hats einstmals große Armee waren überwuchert und dienten den Feldmäusen als Tummelplatz.

Auch wenn RaEm Echnaton als Mann liebte, als Herrscher war er ihr verhasst. Hatte er denn gar keinen Stolz? Wusste er nicht, was die Menschen über ihn, den Sohn der Sonne, Pharao, ewig möge er leben!, den Fleisch gewordenen Gott, redeten? Auch ihr waren die Menschen im Grunde egal, jedenfalls als Individuen. Auf einem Feld wuchsen schließlich unendlich viele Körner. Doch als Masse stellten sie den Wohlstand Ägyptens dar, die Beine des Thrones, auf dem das Gewicht des Könighauses ruhte.

Und sie hassten Echnaton.

Meritaton war immer noch auf dem Balkon und damit beschäftigt, alles aufzuzählen, was ihr an Waset gefiel. RaEm beobachtete ungerührt, wie ihre Schminke aufgetragen wurde: Bleiglanz für die Augen, in dicken Linien, um die mandelförmigen Umrisse auszulöschen. Ihr Kopf wurde rasiert, um die nächtlichen Stoppeln zu entfernen. Ob sie sich darüber wunderten, dass sie nie im Gesicht rasiert werden musste? Ihr Magen knurrte, doch sie achtet nicht darauf. Vor allem in Waset musste sie so mager und männlich wie möglich bleiben, denn hier war man nicht an die Vorstellung gewohnt, dass sich Männer und Frauen bis auf die Kleidung möglichst ähnlich sehen sollten. Sie dankte den Göttern, dass zurzeit Hemden in Mode waren.

Zwar würde ihr Ankleider bezeugen, die Ausbuchtung von Semenchkares Männlichkeit gesehen zu haben, dennoch machte sich RaEm Sorgen. Meritaton ahnte nichts, und RaEm wollte ihr Geheimnis für sich behalten - vor allem in Waset. Dass sie so eng aufeinander lebten, machte es umso schwieriger, ihren Monatszyklus zu verheimlichen.

»Königin Tiye möchte dich sprechen«, meldete der Zeremonienmeister.

RaEm erhob sich, stieg in die geschwungenen Sandalen mit den Zehenschlaufen und rückte das schwere Gegengewicht und den Kragen um ihren Hals zurecht. »Wohin gehst du, Herr?«, fragte Meritaton. Sie stand neben ihr, mit verletzt aufgerissenen Augen. »Du hast mir doch versprochen, dass wir heute gemeinsam über den Markt gehen würden. Werden wir das nicht?« Wieder berührte sie RaEm.

Semenchkare erhob sich, während der Sklave ihm den juwelenbesetzten Dolch samt Scheide anlegte. »Mich rufen die Geschäfte. Ich komme erst spät heim.«

Zornig blinzelnd wandte Meritaton das Gesicht ab. »War ich zu redselig? Hat dir das Essen nicht geschmeckt, das ich anrichten ließ? Wieso -«

RaEm verdrehte die Augen und gab ihrer Frau einen Kuss. »Es sind Geschäfte. Sonst nichts. Geh mit deinem Cousin ... irgendeinem« - sie gab es auf, nach einem Namen zu suchen -»auf den Markt. Aber nimm auf jeden Fall eine Leibgarde mit. Diese Menschen achten das Haus deines Vaters nicht.«

»Das Haus deines Bruders«, meinte Meritaton.

»Ganz recht. Und jetzt zieh kein Gesicht, sondern geh.«

Meritaton lächelte unter Tränen und schlug fast flüsternd vor: »Vielleicht könnten wir es ja heute Nacht nach deiner Rückkehr noch mal . probieren?«

RaEm sah über sie hinweg.

»Vielleicht. Möge der Aton deinen Tag segnen.«

Ihre Gemahlin zog den Kopf ein und verschwand. Den Göttern sei Dank, dachte RaEm.

Sobald man sie in ihren Palankin verfrachtet hatte, öffnete RaEm die Schriftrollen, die ihr tief in der Nacht zugestellt wurden, solange Meritaton unter dem Einfluss der Droge schlief, die sie jedes Mal trank, bevor sie und »Semenchkare« sich liebten. Wie lästig sie war, dachte RaEm.

Einen Moment hielt sie inne, um das Siegel auf dem Papyrus zu betrachten. Hatschepsut, meine teure Freundin, wie ich dich vermisse, dachte sie. Dann ritzte RaEm den Verschluss mit dem Fingernagel auf, entrollte den Papyrus und kniff die Augen zusammen, um die winzigen, makellosen Zeichen des Schreibers zu entziffern.

Der damalige Priester hatte ohne Fehl aufgezeichnet, wo was gelagert wurde, zum Beispiel Getreide für ein Land, das kurz vor dem Verhungern stand. Feld um Feld lag brach, niemand pflügte, niemand säte, denn diese Aufgaben waren seit jeher den Priestern vorbehalten gewesen. Das einfache Volk beschränkte sich auf ein paar kleine Gemüsebeete. Im Austausch gegen ihre Steuern und zum Lohn für ihre Treue den Göttern und ihren Schreinen gegenüber erhielten die Menschen Mehl, aus dem sie Brot buken.

Nur dass es kein Mehl, kein Getreide und bald auch kein Brot mehr geben würde.

RaEms Finger folgten den Linien, die der Schreiber gezeichnet hatte. Sie zeigten mehrere unterirdische Getreidesilos. In den darauffolgenden Dynastien - RaEm wusste nicht, wie viele es gewesen waren oder wie viel Zeit inzwischen verstrichen war - waren die Priester stets diesem Muster gefolgt. Also müsste RaEm dort auf Getreide stoßen.

Sie winkte einen Sklaven herbei. »Geh zu Königin Tiye«, befahl sie. »Richte ihr aus, dass ihr Sohn Semenchkare wegen dringender Geschäfte die Stadt verlassen musste und erst am Wochenende zurückkehrt. Bitte sie, diese Information auch an seine Gemahlin, die Prinzessin Meritaton, weiterzugeben.«

Der Sklave zog den Kopf ein, und RaEm schickte ihn los, um sofort einen anderen herzuwinken. Nachdem sie ihm einige weitere Anweisungen erteilt hatte, beugte sie sich vor zu dem Palankinträger. »Bring mich zu den Ställen und besorge dann ein Boot, das mich am Nil erwartet. Einen kleinen Kahn, nichts Besonderes.«

Sie hatte noch nicht viel Macht, doch allmählich lernte sie, damit umzugehen.

Die Reise hatte doppelt so lange gedauert, wie sie veranschlagt hatte. »Stopp!«, rief sie den Ruderern zu. Wieder blickte sie auf die Karte und dann hoch. Nachdem sie wieder einmal die Moskitos weggewedelt hatte, ließ sie sich aus dem Ruderboot helfen. Sofort versanken ihre Füße bis zu den Waden im schlammigen Untergrund.

RaEm gab ihre Sandalen verloren und stapfte durch das einstmalige Feld davon. »Die Überschwemmung war doch nur schwach, wieso verrottet dieses Feld?«, fragte sie den fassungslosen Bauern, den sie ein paar Felder entfernt aufgegabelt hatten.

»Der Deich, Herr«, antwortete der Mann. »Er ist vor ungefähr zwei Überschwemmungen gebrochen, und niemand kann ihn flicken.«

»Was benötigt ihr für die Reparatur?« RaEm suchte sich vorsichtig ihren Weg. Angeblich gab es in solchen Sümpfen auch Schlangen.

»Steine, Herr. Wir haben keine Steine, nur Lehm.« Er seufzte. »Wir hatten den Deich mit Lehm geflickt, weil das immer noch besser war als nichts. Dann war der alte Ma’atonum«, korrigierte sich der Alte hastig, damit der Name religiös akzeptabel klang, »eines Nachts, ungefähr letztes Jahr um diese Zeit, hier draußen. Aii, er war gerade dabei, den Deich auszubessern, als die Götter ihn zu sich geholt haben.«

RaEm drehte sich zu dem Mann um. »Er ist gestorben?«

»Ja, Herr. Wir haben ihn nie gefunden, denn bei seinem Sturz hat er die ausgetrockneten Lehmziegel zerschlagen, und Schwapp! kam das Wasser durch und hat alles mit fortgeschwemmt, Ma’atonum, den Deich und den Fluss, alles auf unser Feld. Ein paar Tiere sind auch dabei ertrunken.«

Sofort setzte RaEm ihre Schritte behutsamer. Sie hatte keine Lust, auf Ma’atonums Überreste zu treten.

»Ist es hier, Herr?«, rief einer der Ruderer. Er stand bei einem halb unter Wasser liegenden Steinhaufen. RaEm brauchte ihre Zeichnung nicht zu konsultieren, sie kannte sie auswendig. Mit einem knappen Nicken stapfte sie weiter auf ihn zu. RaEm sah sich um und versuchte sich vorzustellen, wie diese Felder wohl vor ihrer Verwandlung in einen moskitoverseuchten Tümpel ausgesehen hatten. »Gibt es eine Möglichkeit, den Silo zu öffnen, ohne dass Wasser hineinläuft?«, fragte sie niemand Bestimmten.

»Man könnte das Feld trockenlegen«, schlug der alte Bauer vor. »Dann ist es egal, dann kannst du die Tür so weit aufreißen, wie es dir gefällt.«

Und du hast dein Feld zurück, das Pharao für dich trockenlegt, dachte RaEm. Doch sie musste ihn für seine Listigkeit bewundern. »Wie viele Sklaven für wie viele Tage?«, fragte sie ihn.

Er sah aus wie eine Rosine, kahl, braun und schrumpelig. Das Alter macht die Menschen unattraktiv, dachte sie leidenschaftslos. »Zwanzig Arbeiter würden vielleicht eine Woche, allerhöchstens fünfzehn Tage brauchen, wenn sie vom Morgen bis zum Abend hier draußen sind.« Er taxierte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Ich kenne zwanzig Männer, die das übernehmen könnten und wahrscheinlich billiger sind als Sklaven.«

RaEm verschränkte die Arme und spürte, wie der Schweiß über die Moskitopickel auf ihren Armen und Beinen rollte.

»Billiger als Sklaven?«

Er pulte in seinen Zähnen - den wenigen, die ihm noch geblieben waren -, und rückte dann seinen Schurz, einen schmuddeligen, steifen Fetzen, zurecht. »Sklaven brauchen etwas zu essen, haii! Ein paar Gurken, Brot, Salzfisch, das steht ihnen laut Vertrag zu, habe ich Recht?«

»Hast du.«

»Und da es Pharao, ewig möge er leben! -«

»Der ruhmreiche Pharao, ewig möge er im Lichte Atons leben!«, verbesserte RaEm ihn unwillkürlich.

»Genau. Da es ihm vor allem an Nahrungsmitteln fehlt, wäre es da nicht besser, ein paar Männer anzuheuern, die ihren Bauch selber füllen können, und sie mit etwas zu bezahlen, das Ägypten im Übermaß besitzt?«

»Wie etwa?« RaEm schlug einen weiteren Moskito tot.

»Steinen vielleicht?«

Sie warf den Kopf zurück und lachte. »Ihr sollt eure Steine bekommen, Alter. In sieben Tagen bin ich wieder da -«

»Sieben Tage! Hältst du mich für einen Heidengott, dass ich in sieben Tagen Wasser in Land verwandeln kann?«

»Sieben, Alter, oder unser Geschäft ist hinfällig.«

Er kreuzte respektvoll den Arm vor der Brust, eine uralte Geste, für die RaEm ihn noch sympathischer fand.

»Bis dahin müsst ihr fertig sein, sonst werde ich dich unter den Steinen begraben.«

Er wischte sich mit dem Handrücken über die Nase und meinte langsam: »Wenn du nicht an das Getreide kommst, dann wirst du dazu keine Steine mehr brauchen. Dann bringt uns schon der Hunger um.«

Plötzlich fühlte sich RaEm erschöpft. Sie sehnte sich nach einem Bad, frischen Kleidern und einem jungen Knaben, daher befahl sie den Ruderern, sie zurück zum Nil zu bringen.

Sieben Tage. Es war ihre letzte Hoffnung: ein riesiger, mit Getreide gefüllter Silo unter der Erde, um ein hungriges Volk satt zu machen. Sieben Tage.

7. KAPITEL

In dieser Nacht stand nach dem Essen der Tzadik N’tan auf, während wir Sklaven, froh über die Pause, uns setzten. Es war das Yom Rishon-Essen, das genau genommen am Abend nach dem Sabbat stattfand, da der heilige Tag von einer Abenddämmerung bis zur nächsten andauerte. Sobald N’tan seine weiße Robe straffte, verstummten die Menschen und lehnten sich zurück.

Sie waren die Art von Unterhaltung gewohnt, die N’tan mit seinen Predigten bot. Beim wöchentlichen Yom Rishon gab es immer viel Gelächter und Tanz - und viele Geschichten. Die Angehörigen der Stämme hätten wunderbare Versuchskarnickel für die Zielgruppenstudien von Fernsehforschern abgegeben; sie waren ein äußerst aufmerksames Publikum.

»Wir sollen wie Schafe sein«, sagte N’tan, und die Zuhörer stöhnten auf.

»Wenn du nicht eine so bezaubernde Braut hättest, würden wir uns wirklich Sorgen um dich machen!«, rief ein Gibori ihm zu.

N’tans hochschwangere und knallrot angelaufene Braut schleuderte einen Brotlaib auf den Zwischenrufer. »Er muss über Schafe reden, wenn er mit euch spricht, damit du, Dov ben Hamah, ihn auch verstehst!« Alle lachten.

Der Tzadik sprach weiter. »Ein einziger Hirte soll uns leiten, einer einzigen Stimme sollen wir folgen.«

Scheinbar gedankenversunken zwirbelte er seine Schläfenlocken. »Wir Stämme sollen keine anderen Götter verehren, so wie es andere Völker tun. Wir sind keine Nation unter vielen. Für uns ist el haShaday kein Teil der Natur. Er ist keine Jahreszeit, kein Wetter, er ist nichts, was wir berühren oder sehen können. Er ist nicht das Land.«

Er sah seine Zuhörer an. »Was ist dies für ein Land? Was hat Shaday uns gegeben?«

»Chalev oo’d’vash, wie die Weisen sagten«, meldete sich ein junger Gibori stolz.

Mein Lexikon zeigte mir einen Milchkarton und dann eine Bienenwabe. Milch und Honig. Schon klar.

Ich reagierte inzwischen nicht mehr so fassungslos, wenn mir ins Gesicht gebrüllt wurde, was ich aus der Bibel kannte. Ich hoffte, dass Cheftu irgendwo hinter diesem Verschlag in der Dunkelheit stand und zuhörte. Bestimmt ging ihm dort im Dunkel, unter den wie Sand am Meeresstrand verstreuten Sternen, das Herz auf. Es gab Gott wirklich. Was in der Bibel stand, war wahr.

Sein Glaube war tief, viel tiefer als meiner, doch unsere Überzeugungen waren schon immer verschieden tief gewesen. Dass ich nicht fester - und inbrünstiger - in meinem Glauben war, machte ihn traurig, das wusste ich. Doch wenn ich, nur um ihn zu trösten, behauptet hätte, aus tiefstem Herzen zu glauben, wäre das unaufrichtig gewesen.

Er empfand eine beinahe schlichte Ehrfurcht bei der Vorstellung, in Davids Israel zu sein. Ich dagegen wartete nach wie vor darauf, dass bei mir der sprichwörtliche Groschen fiel, doch zumindest festigte sich während des Wartens in meinem rationalen, gebildeten und durch und durch westlichen Gehirn die Überzeugung, dass alles, was ich je über die hebräische Mythologie gehört hatte, der Wahrheit entsprach.

»Nachon!«, sagte N’tan. »Wir sind keine Pelesti oder Mizri; wir haben keine Götter für die verschiedenen Jahreszeiten.

Shaday hat uns fruchtbares Land geschenkt, habe ich Recht?«

»Sela!«, riefen alle. Ich hatte mitbekommen, dass Sela etwa dem »Amen, brother!« in einer Gospelkirche entsprach; außerdem konnte es als Segenswunsch verwendet werden.

»Sela«, wiederholte N’tan. »Die Fruchtbarkeit des Bodens liegt im Land. Wir, wir selbst bestimmen darüber, wie wir sie nutzen. Durch unser Verhalten bestimmen wir, wie viel der Boden uns gibt und wie oft es regnet.

Wir kasteien uns, um niemals zu vergessen, darum sind unsere Zweige auch mit rotem Faden gebunden.«

Hä?

N’tan zupfte kurz an seinem Bart und starrte in die Ferne, während alle Blicke auf ihn gerichtet waren. »Unsere Traditionen konzentrieren sich auf das Erinnern. Erinnert euch daran, was Shaday für uns getan hat, als Er uns aus Ägypten führte.«

O ja, daran erinnerte ich mich. Sehr gut sogar.

Alle sagten: »Sela.«

»Erinnert euch daran, wie Er in der Wüste für uns gesorgt hat.«

»Sela.«

»Erinnert euch, wie Er als Todesengel über uns hinwegflog.«

Ein Schauer überlief mich bei der Erinnerung an jenes grauenvoll schöne Gesicht, an die Klauenzeichen, die es hinterließ, an die nächtlichen Schreie, als es Opfer um Opfer einforderte.

»Sela.«

»Erinnert euch daran, wie Er die Ägypter im Meer untergehen ließ.«

Gold und Leichen, die auf den Wellen trieben, dann das machtvolle Rauschen des Windes, der die Wasser beruhigte und reinigte.

»Sela!«

»Ihr müsst euch erinnern, erinnern, erinnern!«

Begeistert trommelten sie mit den Knöcheln auf die Tische. N’tan verstand es, das Blut in Wallung zu bringen. Er wandte sich an die Menge. »Seit Generationen, seit wir unter der Führung von Y’shua und Ka’lib in dieses Land kamen, sind die Tzadikim und Kohanim zum Berg Gottes in Midian gepilgert, um ihrer Erinnerung Füße zu verleihen. Denn dort ist der Ort, an dem haMoshe und die Zekenim bei Yahwe saßen und den B’rith speisten.«

Um ein Haar hätte ich meinen Krug fallen lassen.

Hatte N’tan da eben erzählt, dass die Anführer der Stämme -die Propheten und Priester sowie die Herrscher über die einzelnen Unterstämme - sich versammelt und mit Gott das Bündnismahl eingenommen hatten? Das stand in der Bibel? Und sie wussten, wo diese Begegnung stattgefunden hatte?

»Um den B’rith nicht zu vergessen, haben unsere Vorväter den Berg erklommen, um in Erinnerung an unsere Väter und Yahwe zu speisen.«

Offenbar hatte ich die falsche Bibel gelesen.

»Darum: Weil unser Brauch es so will, weil es die Erinnerung fordert, werde ich mit einer Gruppe von Kohanim aufbrechen und nach dem Shavu’ot diese Pilgerreise antreten. Wer mit mir kommen will, wer dort sitzen will, wo seine Ahnen und Väter saßen, wer den Berg Gottes sehen will, der soll mit mir gehen. Kommt mit mir und erinnert euch!«

In meinem Geist entstand das Bild eines Picknicks mit Gott auf einem Berg. Mein Gehirn, sogar mein sonst so nützliches Lexikon, musste sich redlich abmühen, diese Vorstellung zu verdauen!

»Wein!«, hörte ich eine Stimme, die so klang, als hätte sie nicht das erste Mal gerufen. Ich eilte hin, schenkte gedankenverloren aus meinem Krug nach und verschüttete dabei tatsächlich ein paar Tropfen auf den Boden. Dafür handelte ich mir einen missbilligenden Blick ein, doch das war mir gleich. Ich stolperte zurück in die Reihe der Sklaven, die alle darauf warteten, die Sitzenden zu bedienen.

Ich war hin und weg. Ich hatte mich allmählich daran gewöhnt, dass ich schon vorher wusste, was mich in dieser Zeit erwartete. Doch N’tans Ankündigung schien außer mir niemanden zu überraschen. Sie hatten alle damit gerechnet? Dadua sang einen weiteren Psalm, alle sagten »Sela«, und dann durfte ich wieder einmal aufräumen.

Als ich in unseren Wachturm zurückkroch, linste bereits die Sonne über den Horizont, und Cheftu kam zur Tür heraus. Wir gaben uns einen Kuss. »Hast du das mitbekommen?«, fragte ich schläfrig. »Das gestern Nacht. Warst du dort?«

»Lo. Was ist denn passiert?« Er blickte gehetzt in die Dämmerung. »Geliebte, erzähl es mir heute Nacht. Wir müssen heute die Ernte auf den weiter entfernten Feldern einbringen.« Er gab mir noch einen Kuss und verschwand.

Ich hatte bizarre Träume, eine Kreuzung von Alice im Wunderland und dem, was ich über die Zekenim - die Siebzig, ergänzte mein Lexikon - gehört hatte, die mit Gott zusammensaßen. Nur dass Gott diesmal Tee trank, dass die Siebzig allesamt weiße Kaninchen waren und dass RaEm in der Tracht der Herzkönigin dabeistand und kreischte: »Runter mit dem Kopf!«

Ich erwachte davon, dass Shana nach mir kreischte.

»Dieser Idiot«, zeterte sie lautstark. Ich gesellte mich zu den unzähligen anderen Sklaven: Stammesmitgliedern und Kindern, Heiden und Frauen. »Er fällt diese Entscheidungen vollkommen willkürlich und ohne einen Gedanken an die Jahreszeiten oder daran zu verwenden, welche Feiern bevorstehen. Ach! Männer!«

Ich sah zu den anderen Sklaven hinüber. Kali’a, der ich gelegentlich begegnete, beugte sich zu mir herüber. »Sie regt sich über N’tans Ankündigung von gestern Abend auf. Die ganze Woche bereiten wir schon das Shavu’ot vor. Und jetzt will er am Abend danach aufbrechen.«

Auch wenn sich die Zeiten geändert hatten, hatten Mimi und Mama sich fast wortgleich über die Männer in ihrem Leben ereifert: Die Menschen änderten sich nicht, durch alle Zeiten hindurch. Bei dem Gedanken musste ich grinsen.

»Isha! Findest du so lustig, was ich sage?« Shana steuerte auf mich zu.

Ich schüttelte heftig den Kopf. Gott bewahre, sie sollte keinesfalls glauben, dass ich über sie lachte! Sie sah mich misstrauisch an, doch sie wirkte weniger zornig als sonst.

»Darum: haMelekhs Felder brauchen B’kurim.«

Mein Lexikon blieb stumm.

»Du und du«, damit deutete sie auf zwei kleine Buben, »werdet für die Schafe und Lämmer sorgen. Du und du«, sie zeigte auf zwei Mädchen, wovon eines aus ihrem Stamm und das andere Heidin war, »werdet im Obstgarten die Zweige binden.« Sie teilte ‘Sheva zu einer Gruppe ein, welche die Trauben hochbinden sollte. »Du«, befahl sie mir mit ihrer altbekannten Feindseligkeit, »arbeitest in der Küche.«

Na super, und alle anderen durften draußen spielen. Ich fühlte mich ausgestoßen. »Du gehörst nicht unserem Stamm an«, sagte sie. »Du darfst die B’kurim nicht berühren.« Sie seufzte. »Ich sehe dir an, dass du nicht weißt, was das ist.«

Ich schüttelte den Kopf. Ich war eine Pelesti, hatte sie das etwa vergessen?

Shana wandte sich an uns alle: »Jahwe hat uns in dieses Land voller Chalev oo’d’vash geführt. Dreimal im Jahr müssen unsere Männer vor den Gnadenthron treten. Die B’kurim sind die ersten Früchte der Jahreszeit, ken! Jeder Bauer und jeder Winzer umwindet, sobald er die ersten Früchte dieser Jahreszeit sieht, den Ast mit einem roten Faden, statt sie zu essen.«

Shana machte eine Geste zu einem Sklaven hin und wandte sich dann wieder an uns. »Diese Früchte werden zusammen mit einem Gebet Shaday als Dankopfer gebracht.«

»Wie lautet das Gebet?«, fragte eine andere, mutigere Seele als ich.

Sie bedeckte ihr Haupt mit einem Schal, erhob die Arme und begann zu singen: »Mein Vater war ein Fremder im Lande Mizra ’im. Dort wurde er zum Ahnherrn einer mächtigen Nation. Die Mizri waren neidisch und versklavten uns, sie schlugen uns. Durch Wunder und Zauberei befreite Yahwe mein Volk aus ihren Händen und brachte uns in das Land, wo Milch und Honig fließen. Seht: Darum bringe ich Yahwe das Erste dessen, was Er mir geschenkt hat.« Sie öffnete wieder die Augen. »Daran erinnern wir. Und jetzt los! Wir haben viel zu tun und müssen noch das Essen für die Siebzig vorbereiten.« Sie ging davon, wobei sie wie gewohnt tch’te.

Bevor ich irgendwelche Speisen anrührte, musste ich mir die Hände waschen und die Haare zurückbinden. Dann zeigte man mir die Datteln.

Einen ganzen Berg von Datteln, einen Mount Everest! Jede Einzelne musste entkernt und dann mit Rosinen oder Nüssen gefüllt werden. Es ging um Millionen von Datteln, genug für alle im Palast, die dreißig Giborim und ihre Familien eingeschlossen.

Damit würde ich nicht vor Shavu’ot im nächsten Jahr fertig!

Als Klinge bekam ich einen scharfen Keil, und so machte ich mich daran, die Datteln aufzuschlitzen, sie von einem Korb in den anderen zu werfen und dabei zu denken, dass dies, falls ich Katholikin wäre, bestimmt das Fegefeuer für mich bedeutet hätte.

Um mich herum eilten die Menschen geschäftig hin und her. Berauschende Düfte stiegen aus den Öfen auf, wo Kuchen und Brote backten, die hinterher mit Gewürzen bestäubt oder mit Obst besteckt und anschließend in getrocknete Palmblätter gewickelt wurden, um dann beiseite gestellt zu werden.

Als ich tief in der Nacht nach Hause humpelte, merkte ich, dass die knospenden Sprosse der Rebstöcke mit Fäden, den B’kurim, geschmückt waren. Cheftu hatte ein Abendessen organisiert, ein paar Fleischstücke und Linsenbrei. »Wenn ich mich recht entsinne, ist unser Leben kaum anders als das von jenen unter meinen Freunden, die verheiratet waren und beide gearbeitet haben«, meinte ich in dem Versuch, positiv zu klingen. Ich war sogar zu müde für die Liebe.

»Frauen arbeiten?«, fragte er.

Kauend sah ich ihn an. »Manchmal liegen wirklich Lichtjahre zwischen uns.«

»Jahre voller Licht?«, fragte er verständnislos. Ich gab ihm schweigend einen Kuss, denn ich war zu erschöpft, um zu einer Erklärung anzusetzen.

»Hast du mitbekommen, was N’tan gestern Abend gesagt hat? Über die Siebzig und ihr Abendessen mit Gott?«

Er lehnte sich zurück. »Ja. Wir haben auf den Feldern über nichts anderes gesprochen. Alle Familien überlegen fieberhaft, wie sie ihre Söhne mitschicken können. Es gibt eine stillschweigende Übereinkunft, dass auf diese Weise die neuen Anführer für ihre Stämme ausgewählt werden.«

»Der Stamm hat siebzig Oberhäupter?«, fragte ich.

»Lo, die Reise steht auch allen anderen Stämmen offen. Sie werden sich in Shek’im sammeln und dann talabwärts am Salzmeer vorbeiziehen. Dort nehmen sie ein Schiff, das sie nach Midian bringt. Von da aus sind es nur noch zwei Tage zu Fuß, wie ich gehört habe.«

Ich legte die Knochen aus meinem Fleisch beiseite. »Klingst du nur so, oder bist du wirklich neidisch?«

Er sah zu Boden. »Stell dir das doch vor, Chloe: Sie wissen, wohin sie gehen. Sie wissen, wo der Berg Gottes liegt! In meiner Zeit glaubt man, es sei der Sinai. Wie haben wir uns getäuscht!«

»Auch in meiner Zeit glaubt man, es sei der Sinai. Wenn irgendwer ahnen würde, dass der Berg in Saudi-Arabien liegt, gäbe es sofort den nächsten Krieg mit Israel.«

Er sah wieder auf.

»Israel ist in deiner Zeit ein eigenes Land?«

»Ken«, bestätigte ich. »Mein Vater ist Diplomat und darum bemüht, zwischen dem jüdischen Staat und den vielen arabischen Ländern Frieden zu stiften.«

»Deshalb bist du also hier«, flüsterte er ehrfurchtsvoll. »Du weißt all diese Dinge.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe mich schon gewundert, wie du mit Yoav gesprochen hast. Du hast dich mit einem Mann aus der Geschichte gestritten, Chérie. Du hast es gewagt, eine Gestalt aus der Bibel zu beleidigen.«

»Das brauchst du mir nicht unter die Nase zu reiben. Die Vorstellung lähmt mich vollkommen. Ich darf einfach nicht daran denken, was das für ein Volk ist oder woher ich es kenne.« Hastig nahm ich einen Schluck Bier und spuckte die Spelzen wieder aus. Als Sklaven bekamen wir keine Becher mit eingebauten Filtern. »Also, was ist das für eine Geschichte, die N’tan da erzählt hat? Hast du schon davon gehört?«

Er stand auf, streckte sich und sah hinaus auf die Weinstöcke, an denen sich eben die ersten Blätter zeigten. Er hielt mir die Hand hin, und gemeinsam kletterten wir auf die Mauer, wo wir in der untergehenden Sonne saßen und auf das gedeihende Land blickten. »Chalev oo’d’vash«, flüsterte ich.

»Wirklich«, bestätigte Cheftu. »Soweit ich mich an die Heilige Schrift erinnere, steht nichts darin, dass Moshe le bon Dieu von Angesicht zu Angesicht gegenübergesessen hätte. Im Gegenteil, er konnte Gott nicht ins Gesicht sehen, sondern nur seinen Rücken. Selbst dadurch hat er sich Verbrennungen zugezogen, und sein Gesicht wurde so entstellt, dass sein Volk ihn bat, sein Antlitz zu verhüllen, als er in ihr Lager zurückkehrte.«

»Wieso?«

»Er war in Gottes Nähe gewesen, das zeigte sich auf seinem Gesicht und machte ihnen Angst.«

Puh. Als wäre er verstrahlt oder so?

»Ich dachte, wer den Berg Gottes berührt, müsste sterben«, sann er nach. »Von dieser Geschichte, die N’tan da erzählt, habe ich noch nie etwas gehört.«

»Hältst du sie für wahr?«, fragte ich. Der Himmel war in Streifen von Lavendel, Rosa und Gold unterteilt. Cheftus kräftige Finger verschränkten sich mit meinen. Mir stiegen Tränen in die Augen, so makellos kam mir dieser Moment vor. Ich spürte nicht einmal mehr meine Ketten. Meine Ohren waren verheilt, und ich begriff, dass ich meine Versklavung durch meine Angst wahrscheinlich nur verschlimmert hatte. Inzwischen fühlten sich meine Ohren an wie gepierct; gut, sie waren mit zentimetergroßen Löchern gepierct, und zwar durch den Knorpel hindurch, aber das war vollkommen unwichtig. Lächelnd drückte ich seine Hand. Endlich hatten wir unser Eckchen im Paradies gefunden.

»Ach«, sagte er. »Woher soll ich das wissen? Dieses Volk hält diese Geschichten schon seit Generationen lebendig.«

»Glaubst du, er beruft sich dabei auf eine Legende oder auf eine Tatsache? Und wenn es eine Tatsache ist, warum haben wir dann nie davon gehört?«

»Dass siebzig Männer auf einen Berg klettern und mit Gott speisen, kommt mir zu abwegig vor, als dass es erfunden sein könnte.«

»Nicht erfunden, nur übertrieben«, schränkte ich ein.

»Ist eine Übertreibung keine Erfindung?«, fragte er.

Ich sah ihn kritisch an; ich wusste es nicht. »Wann sind sie da hinaufgegangen?« Im Geist sah ich Charlton Heston als Moses ganz allein mit den Zehn Geboten vom Berg herabsteigen. »Ich dachte, Gott hätte die Gebote mit dem Finger in Stein gemeißelt.«

Cheftu lächelte und drückte mich. Die Nacht hatte sich herabgesenkt, und die Sterne begannen in weißen, grünen, rosa und gelben Sprenkeln vor dem dunklen Himmel zu funkeln. Es erstaunte mich, dass ich tatsächlich verschiedene Farben erkennen konnte, auch wenn ich stets gewusst hatte, dass sie da waren. Verhielt es sich so mit meinem ganzen Leben? War ich jemals so glücklich gewesen? »Du erinnerst dich ziemlich ge-nau für eine Isha, die behauptet, nichts von der Bibel zu wissen.«

»Mimi wäre stolz, das zu hören.« Ich gab ihm ein Küsschen auf den Hals.

»Deine grand-mère?«

»Oui.«

Cheftu legte seine Wange an meine. Seine Bartstoppeln hatten endlich das Sandpapierstadium und die Pferdehaarphase hinter sich gelassen und waren nun weich wie ein Pelz. Die Locken über seinen Ohren wurden immer länger, darum hatte er sich angewöhnt, die langen Haarsträhnen wie ein Israelit um seine Ohren zu schlingen. »Es muss Moshes zweiter Aufstieg auf den Berg gewesen sein«, murmelte Cheftu an meinem Ohr, wobei ich die Vibrationen gleichzeitig in seiner Brust spürte. »Vielleicht war es, als er Gottes Worte mit eigener Hand niederschrieb?«

»Ich liebe dich«, flüsterte ich und löste mich von ihm, um ihn ansehen zu können. »Dein Wissen erstaunt mich immer wieder. Dein Verstand verschlägt mir den Atem.«

Er zog eine Braue hoch. »Nur mein Verstand?«

»Na ja«, wand ich mich, auf meiner Lippe kauend.

Er eroberte meinen Mund und grummelte dabei, vielleicht müsse er mir mal wieder ins Gedächtnis rufen, dass er nicht nur aus Hirn bestehe.

Als wir später schon im Halbschlaf in der Löffelchenstellung nebeneinander lagen, stellte ich eine wichtige Frage. »Wir lieben uns ohne Verhütung, nachon?«

Cheftu blieb so lange still, dass ich schon glaubte, er sei eingeschlafen. »Du schon«, sagte er schließlich.

»Wieso?«, fragte ich halb im Traum und halb wach. »Ich dachte, du wolltest auf keinen Fall, dass ich hier ein Kind bekomme?«

Er küsste mich auf den Wangenknochen, zog mich fester heran und breitete seine Finger über meinen Bauch. »Ich hatte Angst davor, ein Kind zu haben, während wir all diese Katastrophen durchstehen mussten«, korrigierte er. »Außerdem hatte ich Angst davor, was passieren würde, wenn du dabei nicht in deinem eigenen Körper bist.«

Meine Augen flogen auf; schlagartig war ich hellwach. Ich hatte nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass ich nicht in meinem eigenen Körper gewesen war. Vielleicht weil es sich für mich wie mein eigener Körper angefühlt hatte, ganz gleich, wo ich gewesen war. Mir war es beinahe so vorgekommen, als wären die Körper anderer Menschen Gymnastikanzüge, die ich mir nur überstreifte. So gut passten sie mir. Als ich mich umdrehte und ihn ansah, machte sich ein Zittern in meiner Kehle bemerkbar. Das Licht der Sterne fiel von oben auf sein Gesicht und malte die Schatten der Wimpern auf seinen Wangen nach. Dunkel zeichnete sich sein Haar auf dem gebleichten Weiß der Strohmatte ab. »Meinst du damit ... was ich glaube, dass du meinst?«, fragte ich. Ich hörte das Wackeln in meiner Stimme.

Mimi hatte mir oft gesagt, im Leben gebe es immer wieder Coca-Cola-Momente. Zeitschnipsel, an die man sich, solange man lebte, liebevoll über einer Coca-Cola erinnern würde. Mi-mi liebte ihre Coca-Colas. Als ich auf der Uni war, saßen wir oft auf ihrer Veranda hinter dem Fliegengitter, und sie offenbarte mir ihre Coca-Cola-Momente:

Als sie ihren ersten Mann heiratete; als sie erfuhr, dass er gestorben war und sie deshalb fast ihr erstes Kind verloren hätte. Als sie die Liebe ihres Lebens kennen lernte, den Stiefvater meines Vaters. Als sie meinen Vater seinen ersten arabischen Satz sprechen hörte und begriff, dass er zum Nomaden geboren war und auf keinen Fall zu Hause bleiben würde. Als sie zum ersten Mal in ein Flugzeug gestiegen war, nach Griechenland nämlich, zur Hochzeit meiner Eltern. Als sie mich das erste Mal gesehen hatte, mit so großen grünen Augen, dass niemand

ihr erklären musste, wer ihr Enkelkind sei.

All das waren Coca-Cola-Momente.

Cheftu öffnete die Augen. »Was glaubst du denn, dass ich meine?«

Ich suchte sein Gesicht ab und spürte im selben Moment, wie in meinem Leben eine neue Seite aufgeschlagen wurde: ein Gefühl, das für alle Zeit bei mir bleiben würde, eindeutig ein Coca-Cola-Moment. »Was immer es auch ist, meine Antwort lautet ja.«

Dann lag ich flach auf dem Rücken und mein Mann war über mir. Die Umrisse seines Leibes, die vom Schwingen der Sense, vom Worfeln der Gerste, vom Halten meines Körpers gehärteten Muskeln zeichneten sich scharf über mir ab. Seine Augen waren so dunkel, dass ich sie nicht klar erkennen konnte. Doch ich spürte seine Begierde und merkte, wie meine eigene Begierde meinen Körper überschwemmte. »Meine Antwort lautet ebenfalls ja, chérie. Allerdings ist es ein verzögertes Ja. Ich werde kein Kind, keine Kinder zeugen, selbst wenn le bon Dieu uns damit segnen sollte, die als Sklaven geboren werden.«

Ich merkte, wie ich meine Enttäuschung hinunterschlucken musste und zugleich merkwürdig erleichtert war.

»Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sich unsere Leben auf diese Weise verbinden, doch nicht solange mich diese Ketten binden.« Seine Stimme war fest geworden; ich wusste, dass er nicht umzustimmen war. »Doch sorge diesmal ich für die Verhütung.«

»Wie das denn?«, fragte ich völlig fassungslos.

»Es wäre tolldreist von mir, dich so oft und so innig zu lieben, wie es mir danach verlangt. Darum habe ich eine weise Frau befragt, wie ich dich davor bewahren könnte, ein Kind zu empfangen, und dich gleichzeitig lieben könnte. Sie hat mir ein Kraut gegeben, das die Kraft meines Samens mindert.«

Er drückte mein Gesicht gegen seine Schulter.

»Weine nicht, Geliebte«, sagte er. »Irgendwie werden wir bald wieder freikommen.«

Seine Küsse waren sanft. Ich wusste nicht, warum ich weinte, doch ich fühlte mich betrogen. So viel zu Coca-Colas.

Als ich am nächsten Morgen zur Arbeit antrat, hinkten bereits alle Shanas Vorgaben hinterher. Ich fand mich am Mühlstein wieder, und zwar mit doppeltem Tagespensum. Wahrscheinlich konnten meine Datteln warten. ‘Sheva und ich waren fast mit dem Mehl fertig, als Shana auf mich zukam. Augenblicklich begann es fieberhaft in meinem Kopf zu arbeiten: Hatte ich vielleicht etwas kaputtgemacht? Jemanden beleidigt? Mir wollte nichts einfallen, doch andererseits hatte das nicht viel zu bedeuten.

»Du«, sagte sie, doch weniger heftig als üblich. »Komm mit. ‘Sheva, übernimm ihre Arbeit.«

Die Transuse nickte bedächtig, während Shana mich hochriss. »Du musst dich erst waschen«, meinte sie mit einem prüfenden Blick. Ich zupfte an meinem Kleidsaum. Ich hatte gestern gebadet und mich heute Morgen mit dem Schwamm gewaschen, doch mein Haar sah schrecklich aus. Seufzend befahl sie mir, ihr zu folgen.

Wir gingen in den Palast und bogen dann in den Frauenflügel ab.

Kaum waren wir dort angekommen, bellte Shana nach Wasser und Kleidern. Was ging hier vor? Durfte ich sie das fragen? »Zieh dich aus«, sagte sie. »Du sollst vor haMelekh treten. So wie du jetzt aussiehst, würdest du ihn beleidigen und damit ein schlechtes Licht auf mich werfen.«

»Den König?«, wiederholte ich baff.

Sie sah mich grimmig an. »Ken. Den König.«

Ich wurde ausgezogen, untergetaucht, gewaschen, abgetrocknet; mein Haar wurde gekämmt und geflochten.

Dann überreichte Shana mir widerstrebend ein neues Kleid.

Es sah phantastisch aus, dunkelgrün mit einem blauen Band. Dazu bekam ich eine passende Schärpe mit winzigen blauen, grünen und goldenen Streifen.

»Das gehört dir«, sagte sie und überreichte mir das Goldgeschmeide, das ich bei meiner Ankunft getragen hatte. Der pele-stische Schmuck war wunderschön: kompliziert gearbeitete Arabesken und Wirbel, die sich durch alle vier Reihen der Halskette wiederholten. Die Ohrringe waren schwer; tatsächlich baumelten sie bis auf meine Schultern.

Es war keine Aufmachung für eine Sklavin. »Todah«, sagte ich, »doch das hier stammt aus einem anderen Leben.«

Ihr Blick fiel auf das Loch in meinem Ohr und auf das Kettenstück, das sich von einem Ohr zum anderen zog. Die Enden verbarg ich zum Schutz unter meinen Kleidern, direkt auf der nackten Haut. Shana winkte eine der Frauen herbei, die mein Haar zurechtrückte und dann ein blaues Stirnband festknotete, mit dem das ganze Arrangement an Ort und Stelle gehalten wurde. Was sollte das alles? Ich war eine Sklavin!

»Möchtest du diese hier haben?«, fragte ich wenig später und streckte Shana dabei die Ohrringe mit der Halskette hin.

Sie errötete! Die Falten in ihrem Gesicht glätteten sich, während sie ehrfürchtig die Halskette betastete. »Ich habe noch nie etwas so Feines gesehen«, gestand sie leise.

»Dann nimm es, es ist für dich«, drängte ich.

Sie lächelte. »Diese Zeiten sind für mich vorbei.«

»B’seder«, bestätigte ich und gab ihr dabei mein Geschmeide zurück. »Für mich auch.«

Sie sah mich kurz an und verwandelte sich gleich darauf wieder in die altbekannte Shana. »Was stehst du noch hier rum? Los!« Sie wandte sich an die Übrigen. »Ist sie nicht bezaubernd? Ein Bild von einer Frau! Seht ihr? So gut sorgt Sha-na für den Palast und für ihre Sklavinnen. Jetzt geh«, befahl sie mir. »In den Audienzsaal.«

Ich klappte den Mund auf, um zu fragen, wo der sei, doch sie kam mir zuvor: »Mach dir keine Gedanken, wo der Saal ist, dein Mann wartet vor der Tür auf dich.«

Ich kam mir ein wenig wie Aschenputtel vor - hatte sie sich auch so benommen gefühlt? -, als ich durch den Harem eilte. Cheftu stand, sauber und gestärkt wie ich selbst, im Gang. Sein Schurz war eng gebunden und bunt gemalt. Das Haar reichte ihm inzwischen beinahe bis auf die Schultern, und sein Bart war frisch gestutzt. Die Schläfenlocken fielen in tintenschwarzen Kringeln über seine Ohren. Auch er war über diese Anordnung und die zuvorkommende Behandlung verblüfft.

Er streckte mir die Hand entgegen. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich, während wir Hand in Hand loszogen.

»Du!«, hörte ich, noch ehe wir drei Schritte weit gekommen waren. Automatisch drehte ich mich um. Shana steuerte mit entschlossener Miene auf uns zu. »Vielleicht sind die hier jetzt besser für dich«, erklärte sie mit ausgestreckter Hand.

Sie überreichte mir zwei Kreolen. Sie waren klobiger als mein früheres Geschmeide, doch sie waren auf irgendeine Weise bearbeitet worden, die das Gold zum Glitzern brachte. »Die sind aber schön«, sagte ich und probierte sie sofort an. Sie verfingen sich nicht in der Sklavenkette, die von dem einen Loch in der Mitte des Knorpels an meiner Ohrmuschel zum anderen Ohr verlief.

Sie strahlte. »Shana sorgt für die ihren«, sagte sie. »Und jetzt los! Ihr kommt zu spät!«

Aufgekratzt marschierten wir durch die Gänge. Als Sklaven bekamen wir diese Bereiche des Palastes sonst nicht zu sehen. Normalerweise blieben wir in den Dienstbotengängen, die unsichtbar die Zimmer miteinander verbanden und dadurch die Illusion von Eleganz wahrten. Es wäre äußerst uncool gewesen, Nachttöpfe durch die Hallen der Adligen zu tragen.

Gott sei Dank war mir diese Arbeit bislang erspart geblieben.

Wir blieben vor den Türen zum Audienzsaal stehen und hielten nach dem Zeremonienmeister Ausschau. Es ließ sich niemand blicken, darum klopfte Cheftu zaghaft an.

»Was soll das alles?«, fragte ich.

»Ich habe keine Ahnung. Es kommt mir ausgesprochen eigenartig vor, dass sie mich sehen wollten.« Er blickte mich an. »Ich habe sie gebeten, auch nach dir zu schicken.«

»Wieso ist das eigenartig? Du hast extrem viele Begabungen, es überrascht mich, dass ihnen das nicht schon früher aufgefallen ist.«

»Geliebte, als ich hier mit dir ankam, war ich bereits ein Sklave, nachon?«

Richtig. Niemand konnte ahnen, dass Cheftu ein Arzt und ein ehemaliger ägyptischer Adliger und ein Schreiber oder auch nur eines davon war.

»Hat dir die Arbeit auf dem Feld gefallen?«, fragte ich.

Wir hörten, wie jemand hinter der Tür uns hereinrief. Cheftu blickte kurz über die Schulter zurück, dann drückte er die Holztüren an ihren Lederangeln auf. »Ausgesprochen gut.« Plötzlich schüttelte er gedankenverloren den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ich je wieder als Arzt arbeiten will.« Noch bevor ich etwas auf diese merkwürdige Bemerkung erwidern konnte, schwang die Tür auf.

Es war der lausige Abklatsch eines Audienzsaales: dunkel, mit niedriger Decke und so klein, dass man sich fast in einer Zelle der Bastille wähnte. N’tan lagerte in seiner weißen Robe. Dadua saß gedankenversunken Yoav gegenüber an einem Spielbrett. In einer Ecke zog ein Mädchen neue Saiten auf ihren Kinor. In einer anderen Ecke saß Avgay’el und webte, wobei sie schweigend und geschickt mit Kamm und Schiffchen hantierte. Dies also war der Saal des Königs von Israel? Im Vergleich dazu nahm sich der Rest von Mamre beinahe kosmopolitisch aus.

»Dein Sklave ist Ägypter, Isha?«, fragte mich Yoav ohne jede Vorrede. Mein Sklave? Ich war Sklavin. Sie starrten mich an, bis mir wieder einfiel, dass technisch gesehen Cheftu mein

Sklave war. Irgendwie. »Äh, ken«, sagte ich mit einem verstohlenen Seitenblick auf Cheftu.

»Dann frag ihn, ob er jemals Gerüchte über Gold in der Wüste vernommen hat.«

Glaubten sie, Cheftu würde sie nicht verstehen? Wollte Cheftu sie in dem Glauben lassen, er verstünde sie nicht? Er schüttelte unmerklich den Kopf. Ich begriff nicht recht, warum er es ihnen verheimlichen wollte, doch ich übersetzte die Frage Wort für Wort. Er antwortete in fließendem Ägyptisch: »Welcher Wüste?«

Sie wechselten Blicke untereinander, als ich ihnen das übersetzte. »Der Wüste von Midian.«

Ich übersetzte und gab mir dabei alle Mühe, nicht mehr so begriffsstutzig zu klingen. »Lo, er hat nichts dergleichen gehört«, sagte ich.

»Kennt er die Legende, wie die Stämme aus seinem Heimatland flohen?«

Redeten sie vom Exodus? Würden die Ägypter die Kunde von ihrer Niederlage weitergeben? Wohl kaum! Ich übersetzte und Cheftu erwiderte, dass er als Ägypter nie davon gehört hätte. Allerdings sei er zusammen mit einem Apiru versklavt gewesen, der ihm von diesen Geschichten erzählt habe.

»Einem Apiru!«, schnaubte N’tan.

Cheftu und ich tauschten einen Blick, denn als »Apiru« hatten die Ägypter die Israeliten bezeichnet. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und meinte: »Für die Ägypter seid ihr Apiru.«

Yoav sah mir ins Gesicht. »Die Apiru sind ein entfernter Zweig«, erklärte er. »Es ist eine abfällige Bezeichnung für all jene, die sich nicht dem Vertrag anschließen wollten, den unsere Vorväter mit unserem Berggott geschlossen haben, als sie in seinem Heim waren.«

Sprachen sie von Gott auf dem Berg Sinai?

»Es sind keine vollwertigen Bürger«, ergänzte N’tan. »Sie stammen wie wir von Avraham ab und sind beschnitten, doch sie blieben hier, als Yacov und sein Stamm nach Ägypten gingen und dort zu Sklaven wurden.«

Sie waren also Bürger zweiter Klasse, weil sie vernünftig genug waren, sich nicht versklaven zu lassen?

»Kennt dein Sklave den Weg durch den Sinai?«, fragte Yoav.

Allmählich zeichnete sich ab, wohin sie wollten. Auf den Sinai und nach Midian. Ich wiederholte die Frage, und Cheftu zögerte. Keiner von uns wusste, wie wir uns verhalten sollten. »Halbwegs«, übersetzte ich seine Antwort.

Am Spielbrett hatte Dadua über Yoav gesiegt. Er lachte laut auf und lehnte sich zurück. »Erzähl ihnen die Geschichte, Yo-av«, befahl er.

Wie ich schon geargwöhnt hatte, sah Yoav Cheftu an und begann die Geschichte zu erzählen; auf Ägyptisch.

»Vor Generationen war mein Volk Sklave deines Volkes.« Er lächelte grimmig. »Eigenartig, welche Windungen ein Fluss manchmal nimmt, aii! Unser Gott schlug die Götter der Ägypter. Schließlich erklärte sich euer Pharao Thutmosis bereit, mein Volk ziehen zu lassen. Doch erst nachdem viel Leid, viele Plagen und Pocken über dein Volk gekommen waren.«

Cheftus Miene blieb versteinert. Doch mir fiel zum ersten Mal auf, dass er zwar die Kleider und sogar das Haar der Stammesmänner trug, aber immer noch fremdländisch aussah. Er war durch und durch Ägypter, selbst wenn er als Franzose geboren worden war, ganz gleich, welches Kostüm er trug. Ich hatte mich in einen Ägypter aus dem Altertum verliebt. Cheftu nickte knapp, um Yoavs Worte zu bestätigen.

»Weil wir bei unserem Auszug so viel Chaos und Kummer auslösten, gingen wir zu unseren Nachbarn, den Ägyptern, und baten sie um ihr Gold.«

»Nachdem euer Gott ... mein Volk mit Pocken geschlagen hatte?«, stellte Cheftu klar.

»Sie hätten uns alles gegeben«, sagte Yoav, »nur um uns loszuwerden. Und so zogen die Abkömmlinge unseres Stammes, der frei, aber arm in Ägypten eingezogen war, vierhundert Jahre später frei und wohlhabend wieder aus.«

Wieder ließ Yoav die Zähne unter seinem dunklen Bart zu einem Lächeln aufblitzen. Ich hörte das Flüstern und Schlagen Avgay’els am Webstuhl. Daduas kritischer Blick lag auf Cheftu, nicht auf Yoav.

N’tan musterte uns alle. Wem sah er nur ähnlich?

»Mit diesem Gold beladen, reisten wir durch den Sinai hinab, bis unser Gott das Rote Meer für uns öffnete und uns trockenen Fußes ans andere Ufer gelangen ließ.«

»Ihr habt einen sehr mächtigen Gott«, meinte Cheftu höflich. Er war ein exzellenter Schauspieler; man hätte nicht geahnt, dass er denselben Gott verehrte. Oder dass er mit eigenen Augen verfolgt hatte, was für diese Menschen nur eine Legende war.

»Also«, Yoav lehnte sich zurück, »überlegte Pharao es sich anders und schickte uns seine Pferde und Streitwagen nach. Sie sind dort ertrunken.«

Ich erinnerte mich noch gut daran. Ich war dabei gewesen, ich hatte wie versteinert vom Strand aus zugesehen. Ich war erschüttert, entsetzt gewesen. Bei der Erinnerung wurde mir immer noch ein wenig übel und zittrig. Dies war kein ruhiger, vernünftiger Gott. Dies war Gott, der Herrscher über das Universum, der Oberkommandierende in der Höhe, GOTT der Allgewaltige.

Irgendwie machte er mir Angst.

»Mein Volk tanzte vor Freude am anderen Ufer und zog dann tiefer in die Wüste hinein, wo ihr Anführer, haMoshe, schon früher gelebt hatte. Sein Schwiegervater hatte dort Schafe gezüchtet, also führte er die Stämme hindurch. Nun ...« Yoavs Arroganz legte sich allmählich. »Sie schlugen ihr Lager am Fuße des Berges Horeb auf, wo haMoshe schon einmal mit Shaday gesprochen hatte. Er brachte sein ganzes Volk dorthin, denn so war es ihm aufgegeben worden: nach Ägypten zu gehen, sein Volk zu holen und es zurückzubringen.«

Yoav rief nach Wein; ich wollte schon loslaufen, doch Cheftu legte beschwichtigend die Hand auf meinen Arm. Ich war nicht als Sklavin hier. Benimm dich nicht wie eine, schalt ich mich selbst. Yoav trank aus seinem Becher und beendete dann seine Geschichte.

»#aMoshe ging los, um vor Gott zu treten. Dabei wurde er von den siebzig Ältesten der Stämme begleitet, den Zekenim, während er seinen Bruder Aharon und seine Schwester Miryam zurückließ.« Alle im Raum verstummten. Er nahm die siebzig schon beim ersten Mal mit? Yoav sah besorgt aus; er wollte uns nicht in die Augen sehen.

N’tan seufzte und übernahm das Erzählen. Auf Aramäisch oder Akkadianisch oder Hebräisch oder was für eine Sprache das auch sein mochte. War das ebenfalls ein Test? Rechneten sie damit, dass Cheftu ihre Sprache ebenfalls verstand? Verstand er sie? »Die Menschen hatten Angst. Sie hatten in Städten gewohnt, jetzt waren sie in der Wüste. Sie waren die üppigen Ufer des Nils gewohnt und daran, jederzeit Wasser zu haben und Essen im Übermaß. Hier gab es nichts als Sand und hin und wieder eine Palme. Dann verschwinden all ihre Anführer und bleiben tagelang, wochenlang weg. Die Menschen bekommen Angst.«

»Sie gingen zu Aharon«, fiel Dadua N’tan ins Wort. »Sie baten ihn, eine Statue zu machen. Irgendetwas, das sie sehen konnten, damit sie keine Angst mehr zu haben brauchten.

Diese Statue würden sie anbeten können, sie würden um die Sicherheit haMoshes und der Zekenim bitten können.

Aharon war das unangenehm, darum versuchte er, ihnen die Idee abspenstig zu machen, indem er sie um all ihr Gold bat. Nun war das meiste Gold, das sie aus Ägypten mitgenommen hatten, gemeinsam verwahrt worden. Nur Kleinigkeiten wie Ohrringe oder Armbänder, die leicht zu tragen und zu transportieren waren, hatten die Menschen für sich behalten. Doch goldene Bilder, Lampen, Kisten, all das war auf einen Karren geladen worden und wurde in einem verschlossenen Zelt aufbewahrt.

Aharon glaubte, seine Stammesgefährten würden ihre Ohrringe und Armbänder nicht hergeben und er brauchte die Statue darum nicht herzustellen.«

»Er irrte«, unterbrach N’tan wiederum Dadua. »Sie brachten ihm ihr Gold. Dann versuchte er wiederum, ihnen den Gedanken abspenstig zu machen, doch sie bauten erst einen Altar und entzündeten dann ein Feuer, in dem sie das Gold schmelzen wollten. Ein paar Goldschmiede hatten ihr Handwerk in Ägypten gelernt.

Darum machten sie Bier wie die Ägypter, kleideten sich, wie sie es über Generationen hinweg bei den Ägyptern gesehen hatten, und machten sich schließlich daran, das Abbild eines Gottes zu formen. Eines ägyptischen Gottes.«

Yoav schnitt N’tan das Wort ab. Es war ein strategischer Schritt, um die Verfehlungen der Stämme nicht zu enthüllen. Der General sprach wieder Ägyptisch. »Der Rest der Geschichte tut wenig zur Sache. Die Hauptsache ist, dass ein Großteil des Goldes nicht verwendet wurde, weder für das Götzenbild oder die nachfolgende Bestrafung noch für den Bau des Gnadenthrones, unseres Totems, und seiner Werkzeuge.«

»Deswegen«, sagte Dadua, »geht N’tan in die Wüste. Sobald er wiederkehrt, werden wir den Gnadenthron in die Stadt bringen und Anspruch auf Jebus, seine Heimatstadt, erheben. Aber wir brauchen das Gold.« Der König sah Cheftu an. »Yoav kann ich nicht entbehren; doch niemand außer ihm spricht Ägyptisch und versteht zugleich unsere Sprache. Verstehst du unsere Sprache?«, fragte er plötzlich verunsichert.

»Ken«, antwortete Cheftu.

Wieso hatte ich dann übersetzen müssen? Sie hatten mich auf die Probe gestellt! Oder hatten sie Cheftu auf die Probe gestellt?

»Zwischen hier und dort gibt es viele ägyptische Außenposten. Pharao scheint sich zwar für nichts zu interessieren, was außerhalb seines Flusstales vor sich geht, doch wir sollten trotzdem Vorsicht walten lassen. Es wäre besser, einen Ägypter dabeizuhaben, der mit ihnen sprechen kann.« Daduas Blick war abwägend. »Es ist nicht zu übersehen, dass du nicht von Geburt an Sklave warst.«

Cheftu blieb reglos stehen.

»Als Ägypter weißt du auch manches über die goldenen Götter, über die Statuen, die wir ans Licht bringen werden. Du liest und schreibst, hat man mir berichtet?«

Wer hatte ihm das berichtet?, fragte ich mich.

»Hieroglyphen, Keilschrift, die Sprache der Seevölker«, bestätigte Cheftu.

Dadua warf Yoav einen zornigen Blick zu. »Wieso haben wir diesen Mann auf die Felder geschickt?«, fragte er. »Ich hätte einen Schreiber brauchen können!« Er sprach in einem anderen Dialekt als üblich, doch ich verstand ihn trotzdem. Ich sah aus dem Augenwinkel zu Cheftu hinüber. Hatte er ihn ebenfalls verstanden? Verfügte auch er über ein inneres Lexikon? Woher kannte er diese Sprachen? Alle?

Cheftus Miene war ausdruckslos wie ein Grabgemälde. Und ebenso schön.

»Du bist ein Sklave, man könnte dir also leicht befehlen, mit N’tan zu gehen«, fuhr Dadua fort. »Doch stattdessen sage ich dir, dass du eingeladen bist, mit ihm zu gehen. Die Reise wird mehrere Monate dauern, doch zur Traubenernte, zur Ankunft des Gnadenthrones, werdet ihr wieder hier sein.«

Daduas Worte drangen mir nur langsam ins Bewusstsein: Cheftu würde weggehen? Für wie viele Monate? Würde ich mitgehen? Würden wir wieder getrennt? Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Das durfte doch nicht wahr sein, nicht nachdem wir so viel auf uns genommen hatten, um zusammen zu sein. Nicht nachdem wir uns sogar in die Sklaverei begeben hatten, um zusammen zu sein. Bitte nicht.

Cheftu senkte den Kopf. »Ha-adoni ehrt mich, doch ich bin es inzwischen zufrieden, auf den Feldern zu arbeiten und zu meinem Weib heimzukehren.«

Daduas schwarze Augen glitzerten; nur daran ließ sich erkennen, dass er verärgert war. Vermutlich bekam er nicht allzu oft ein Lo zu hören. Er antwortete knapp, wobei die weißen Zähne in seinem rötlichen Bart aufflammten: »Geh nach Midi-an und kehre zurück. Bei deiner Rückkehr bist du ein freier Mann.«

Cheftu erstarrte; wäre er ein Hund gewesen, hätte er die Ohren aufgestellt und mit dem Schwanz gewedelt.

Ein freier Mann. Seine Kinder wären keine Sklaven. Er hätte einen festen Stand in der Gemeinschaft. Er würde selbst über sein Leben bestimmen können. Ich kannte Cheftu, ich wusste, dass dies der süßeste Knochen überhaupt für ihn war, der königliche Verführungshappen. Cheftu würde seine Freiheit zurückbekommen; dazu brauchte er nur etwas zu tun, wonach er ohnehin heimlich gelechzt hatte, seit er davon erfahren hatte. Er würde zum Berg Gottes reisen.

»Nur wenn mein Weib ebenfalls freigelassen wird«, sagte er.

Dadua sah kurz auf mich und dann wieder weg. »Geh und kehr als freier Mann zurück. Ein Jahr darauf, am Jahrestag deiner Abreise, wird sie ebenfalls frei sein.«

»Nach spätestens sechs Monaten.«

»Bis zum Fest des Ungesäuerten Brotes im nächsten Jahr.«

Cheftu überschlug den Zeitraum und sah mich dann an. »Was sagst du dazu?«, fragte er mich auf Englisch.

Die Antwort brach mir fast das Herz, doch ich wusste, dass ich ihm keine andere geben durfte. Vor allem nach unserer Unterhaltung vom Vorabend. »Wie du willst. Ich möchte, dass du glücklich bist, dass du frei bist.«

»Ich werde versuchen, ihn auf sechs Monate herunterzu-handeln.«

»Wieso willst du das überhaupt auf dich nehmen?«, fragte ich in dem Versuch, vernünftig zu klingen.

»Weil noch keiner von uns ein Portal gefunden hat. In Ägypten habe ich siebzehn Jahre verbracht. Wenn wir frei wären, könnten wir genauso gut hier leben. Unsere Kinder unter dem Einen Gott großziehen, sicher und glücklich sein.« Er sah zu unseren Zuhörern hinüber. »Vertrau mir, Chloe. So können wir uns ein Leben zurechtzimmern.«

»Tu, was du für richtig hältst«, sagte ich, auch wenn ich diese Worte nur mit äußerster Anstrengung über die Lippen brachte. »Ich liebe dich.«

»Ach, aber vertraust du mir auch?«

»Das versteht sich von selbst.«

Sein Blick blieb noch kurz auf meinem Gesicht liegen, dann wandte er sich an Dadua.

»Dein Wille geschehe«, sagte er. »Ich werde gehen.«

Sie boten Cheftu einen Stuhl an und schickten mich fort.

Er geht weg, dachte ich in einem monotonen Singsang, der sich bei jedem Schritt durch die Gänge zurück zu den Frauengemächern wiederholte. Er geht weg. Er geht weg. Ich trat in den Hauptraum im Frauenflügel und dachte: Er geht weg.

Shana warf nur einen einzigen Blick auf mich und schloss mich in die Arme. Einen Moment lang waren wir nicht Sklavin und Besitzerin, sondern einfach zwei Frauen. »Sie denken sich so dumme Dinge aus«, erkannte sie, während ich schluchzend und unter Tränen erklärte, was Dadua uns angeboten und dass Cheftu angenommen hatte. »Immer streben sie nach Ruhm für sich oder für ihre Götter oder ihren König.« Sie tätschelte mir die Schulter. »Dabei wollen wir eigentlich nur, dass sie bei uns zu Hause bleiben, mit uns lachen und mit unseren Kindern spielen. Arme Isha«, sagte sie. »Jetzt weißt du, was es heißt, eine Frau aus unserem Stamm zu sein.«

Schniefend löste ich mich von ihr. »Wieso?«

»Weil jede Frau aus unserem Stamm ihrem Vater, ihren Brüdern und schließlich auch ihrem Mann Lebwohl sagen muss. So ist es bei uns üblich. Jetzt komm, du. Zieh diese Sachen aus, wasch dein Gesicht und geh in die Küche. Sag der alten Vettel, ich hätte befohlen, dir etwas Gurkensuppe mit Honig zu geben.« Ich versuchte, ihr für ihre Güte mit einem Lächeln zu danken, heulte aber stattdessen wieder los. »Geh schon«, sagte sie und schob mich zu den wartenden Sklavinnen hin, die mich wieder auszogen.

Nach meiner Suppe mit Honig erklärte mir Shana, es sei an der Zeit, dass ich das Brotbacken lernte; die Datteln waren vergessen. »Das Teigkneten ist Shekinas Weg, unseren Zorn zu lösen«, sagte sie.

»Ich fühle keinen Zorn«, protestierte ich.

»Trotzdem«, meinte sie dunkel. Wir gingen auf die andere Seite des Hofes, gegenüber dem Mühlstein. »Hier«, sagte sie. Ich blickte auf das nächste Steingebilde. Es handelte sich um eine rechteckige Fläche, um die herum eine u-förmige Rinne verlief. »Sobald ‘Sheva mit dem Getreide fertig ist, mischst du es mit Wasser und einer Hand voll Teig von gestern, um neues Brot zu backen. Dann«, sagte sie mit einem kritischen Blick auf mich, »deckst du den Teig zu, während du das Wasser holst, das du für den Tag brauchst.«

»Am Brunnen?«

»Wo willst du sonst Wasser holen?«

Keine Ahnung, an einem Wasserhahn vielleicht? Oder im Supermarkt? Ich fühlte mich ein wenig daneben. Cheftu hatte beschlossen, mich zu verlassen. Aus gutem Grund, na gut. Aber trotzdem. Wo lag Midian? Die flüchtenden Apiru hatten das Meer am Ende des Golfes von Akaba durchquert, und zwar in Richtung ... Saudi-Arabien? Ein hysterisches Lachen kroch in meiner Kehle nach oben. Das Gold der Juden lag in einem arabischen Land?

Das weißt du bereits, kritzelte das Lexikon auf die Tafel in meinem Kopf.

Ich habe es gehört, gab ich zurück. Ich habe es nicht gewusst, so wie ich es jetzt weiß.

»Danach wartest du etwa eine Woche lang«, setzte Shana ihre Kochstunde fort. »Lass dir Zeit. Dann holst du den Teig herunter und knetest ihn. Du weißt nicht, wie man knetet.« Ich merkte sofort, dass das keine Frage war.

»Ach, lo«, sagte ich unnötigerweise.

Sie tch’te nur einmal und zog mich dann nach unten, um mir zu zeigen, wie man knetete. Man musste auf den Teig einprügeln, ihn flach ausbreiten und dann wieder einrollen.

»Jetzt du.«

Ich kam einigermaßen zurecht, doch ich würde ganz bestimmt keinen vorchristlichen Pizzastand aufmachen.

Dafür aber wusste ich, wie ich meinen Trizeps bis ans Ende der Zeit trainieren konnte. »Das musst du etwa vierzigmal wiederholen«, sagte sie. »Und schließlich machst du kleine runde Fladen.«

Fladen würde ich noch zu Wege bringen.

»Wenn du sie hier liegen lässt, kommen die Küchensklavinnen sie holen.«

Ich nickte.

»Und jetzt geh wieder an deine Datteln!«

Ich war etwa sechs Datteln weit gekommen, bevor ich mich zu fragen begann, wer eigentlich Shekina war.

Cheftu schwieg in jener Nacht. Ich schwieg ebenfalls.

Was sollte ich auch sagen. Er hatte gute Gründe; er verhielt sich vernünftig. Ich dagegen war neurotisch. Wir lagen still nebeneinander, ohne uns zu berühren. Wir erwachten schweigend und berührten uns immer noch nicht. Er verschwand auf die Felder, und ich kehrte zu meinem unbesiegbaren Dattelhaufen zurück.

Nur dass ich dem Sieg ganz langsam näher kam. Eine Dattel nach der anderen war von einem Haufen auf den anderen gewandert. Jetzt brauchte ich sie nur noch mit Gewürzen oder anderem Zeug zu füllen und sie in Krügen einzulagern. Nachdem ich meinen Keil gegen einen Löffel eingetauscht hatte, ging ich in die Hocke und machte mich ans Stopfen.

Als wir in Saudi-Arabien lebten, hatte ich eine Freundin gehabt, die mir beteuerte, Datteln seien beinlose Kakerlaken. Damals hatte mir schon bei dem bloßen Gedanken gegraust, und die Wirkung hatte seither nicht nachgelassen. Dennoch verbannte ich Kafka aus meinen Gedanken und stopfte die Datteln mit Pistazien und stopfte sie mit Rosinen, während ich dem Getratsche der Frauen zuhörte.

Irgendwo im Palast knallte eine Tür. Das ganze Gebäude erbebte. In der Küche erstarrte alles in der Bewegung. Selbst das ständige Geplapper der spielenden Kinder verstummte.

»Wie kannst du es wagen?«, hörten wir. Das Gezeter kam zum Fenster herein, allerdings konnte ich es auch näher hören. Eine erboste Frau, die aus Leibeskräften schrie.

»Wagen? Und das sagst du zu mir, der Prinzessin des Herrschers über unser Volk?«

Erboste Frau Nummer zwei, ebenfalls kreischend.

»Eine Prinzessin warst du nur, bis dein Vater sein Anrecht auf die Krone weggepisst hat.«

Die Stimmen waren leicht zu erkennen: Avgay’el und Mik’el. Die Übersetzung in meinem Kopf zeigte einen Mann, der nicht nur urinierte, sondern seinen Urin auch als Wertsache sammelte. Jemanden, der verquere Prioritäten setzte. Ich sah mich um; alle lauschten gierig.

Wie peinlich für die Prinzessinnen und wie demütigend für Dadua.

»Die Königswürde kann auf keinen Fall verloren gehen«, sagte Mik’el. Der Frost in ihrer Stimme hätte Fensterscheiben vereisen können. »Aber das begreift ein Weib deines Standes natürlich nicht. Du bist der Beweis dafür, dass Tiefes sich zu Tiefem hingezogen fühlt und Flaches zu Flachem.«

Wir alle schnappten hörbar nach Luft. Der Mann mochte in einem schäbigen Verschlag wohnen und über eine Horde von religiösen Raufbolden regieren, doch er war immerhin König. Ein König! Er war ein Mann, der zum Beispiel gebieten konnte: »Runter mit ihrem Kopf!«

»Wie kannst du es wagen, Dadua flach zu nennen?«

Ich vermutete, dass Mik’el das durchaus sagen konnte, schließlich wussten wir alle, dass Dadua sich nichts aus ihr machte. Ich konnte fast vor mir sehen, wie sie mit den Achseln zuckte. »Er ist nichts als ein Mann aus dem gemeinen Volk. Der Abkömmling eines Yudi-Bauern«, sie lachte, »und einer Apiru-Sklavin.«

Das war eine schwere Beleidigung, so viel hatte ich inzwischen begriffen.

Mik’el lachte wieder. »Nur durch Muskelkraft hat er den Thron gewonnen. Er steht ihm nicht zu; er war nicht auserwählt, er hat einfach danach gegrabscht!«

»Ach, sie ist so dumm!«, flüsterte eine der Küchensklavinnen.

»Vom Grabschen verstehst du natürlich etwas.« Avgay’els Stimme war schneidend vor Ekel. »Hast du dir nicht den ersten sabbernden Narren gegrabscht, der gewillt war, dich, eine verstoßene Frau, aufzunehmen?«

»Dadua hat mich nicht verstoßen«, zischte Mik’el ohrenbetäubend laut. »Er hat begriffen, dass ich zu fein war, um in einer Höhle zu wohnen!«

»Das stimmt«, kommentierte eine andere Sklavin. »Sie hätte nicht mal gewusst, wie sie ihr Stroh wechseln soll!«

Ich zuckte zusammen, denn das war eine grobe Beleidigung: die Frauen aus dem Stamm saßen auf Stroh, wenn sie ihre Tage hatten. Ich hätte die Sklavinnen gern zum Schweigen gebracht; sonst würde uns die Erwiderung entgehen.

»Nein, er hat gewusst, dass du zu kalt bist, um mit einem Mann zusammenzuleben«, brüllte Avgay’el.

»Nein, ich habe sehr gut mit einem Mann zusammengelebt. Er hat gewusst, dass ich zu sehr G’vret bin, um wie eine grunzende Sau um die Aufmerksamkeit eines lüsternen Apiru zu buhlen!«

Schweigen. Der armen Avgay’el blieb nichts anderes übrig, als mit den anderen Frauen in Daduas Leben zu konkurrieren. Das war ihr Los; so war es in ihrer Zeit üblich. Doch das Thema war tabu. Man sprach nicht darüber, weil es geschmacklos und schmerzhaft war und weil es keine geeignete Erwiderung darauf gab. Es war einfach so.

Dazu kam noch die Beleidigung mit den Schweinen. In meiner Zeit war der Verzehr von Schweinefleisch für Muslime wie für Juden eine schwere Sünde. Galt diese Regel schon jetzt?

»Wenigstens bietet er mir an, bei mir zu liegen«, erklärte Avgay’el gekränkt. »Bei mir lässt seine Kraft nie nach, bei mir verströmt er seine Leidenschaft. Er begehrt mich.«

»Autsch«, entfuhr es mir. Alle wussten, dass Dadua zwar Mik’els Rückkehr erzwungen hatte, aber noch nicht mit ihr ins Bett gegangen war. Nicht einmal in der Nacht, als sie ihr Ehegelübde erneuert hatten. Darauf gab es für Mik’el nichts zu erwidern. Zum ersten Mal tat sie mir aufrichtig Leid.

Ihn zu ertragen, obwohl sie ihn nicht begehrte, war das eine; so abgewiesen zu werden, dass es der ganze Hof mitbekam, etwas anderes. Eine öffentliche Demütigung in Reinkultur nämlich.

Jetzt knallten die Türen in Stereo.

In der Küche wagte keine, die anderen anzusehen. Wir konzentrierten uns einfach auf unsere Arbeit und wirkten, als Sha-na wenig später auftauchte, wie Sinnbilder von Würde und Anstand. Sie war knallrot. Natürlich wusste sie, dass wir alles mitbekommen hatten. Ich füllte unschuldig meine Kakerlaken und stopfte sie in die Krüge.

»Vergiss die Mandeln nicht«, erklärte sie.

Mandeln! Von Mandeln hatte sie kein Wort gesagt. Noch während ich darüber grübelte, wie ich mich beschweren konnte, ohne dabei allzu viel Staub aufzuwirbeln, erklärte sie mir, dass die Transuse mir welche bringen würde und dass ich damit die Datteln schließen konnte. Ich zog den Kopf ein und stopfte weiter.

Bis zum Nachmittag schmerzte mir jeder Muskel im Leib. Meine Arme kreischten vor Schmerz, weil ich nichts anderes getan hatte als Datteln zu füllen, meine Waden waren steif, weil ich die ganze Zeit in der Hocke gekauert hatte, und ich hatte mir den Hals verzogen. Ich konzentrierte mich gerade darauf, noch ein paar letzte Datteln fertig zu machen, um mich dann unauffällig abzuseilen, als eine andere Frau meine Schultern berührte. »Isha, dein Mann steht draußen.«

Ich blickte auf die Datteln und meine mit Fruchtmark verklebten Hände. »Geh schon«, sagte sie. »Ich mache für dich weiter.«

»Todah«, bedankte ich mich. »Dafür stehe ich in deiner Schuld.«

Sie lächelte. »Ich liebe Datteln. Ich kann nicht versprechen, dass die Krüge sehr viel voller werden, aber ich werde für dich sauber machen.«

»Wenn du welche isst«, sagte ich, »dann nimm bitte welche, die noch nicht entsteint sind.«

Sie lachte und half mir auf. Ich versuchte, meine Hände abzuspülen, doch Dattelfleisch ist klebrig. Kurz darauf trat ich ins Freie. Cheftu stand in der Sonne, den Blick fest nach Süden gerichtet.

»Hi«, sagte ich.

Er drehte sich zu mir um, umfasste meinen Kiefer und eroberte meinen Mund mit einem zärtlichen Kuss, bei dem meine Knie zu Wasser wurden. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Küchensklavinnen jubeln. »Komm mit«, sagte er.

»Sollte ich das als Zweideutigkeit auffassen?«, fragte ich mit einem benommenen Lächeln.

Er ließ ein Grinsen aufblitzen. »Ich hoffe doch.«

Ich drehte mich um. »Kann ich einfach so weggehen?«

»Vertrau mir.« Er nahm meine Hand und verschränkte seine Finger mit meinen. Über seine Stirn zogen sich leichte Denkerfalten. Wir gingen aus dem Palast, den Hügel hinunter und auf die Felder. Zum ersten Mal seit Wochen schaute ich mich um. Endlich war ich einmal im Tageslicht draußen und bekam mehr als nur einen Lehmziegelpalast und den blauen Himmel zu sehen. »Kriegen wir keine Schwierigkeiten -«

»Non«, sagte er.

Achselzuckend folgte ich ihm weiter. Wir nahmen einen steilen Ziegenpfad hügelabwärts, passierten unseren Weingarten und unseren Wachturm und wanderten immer tiefer ins Tal.

»Weißt du, dass ich dich liebe?«, fragte er, während wir uns den schmalen Weg entlangschlängelten. Meine Hand lag fest in seiner, die andere hatte ich ausgestreckt, um das Gleichgewicht zu halten. Es war kaum zu fassen, wie fest meine Fußsohlen geworden waren.

»Ich, äh, natürlich.« Den letzten Meter übersprang ich. Wir waren wieder auf ebenem Grund, in einem Olivenhain. Das Flüstern der silbergrünen Blätter war fast so beruhigend wie Meeresrauschen. Überall um uns herum waren die Zweige mit roten Fäden umwunden. Weitere B’kurim. Schillernde Schatten fielen über uns.

Er nahm auch meine andere Hand, sodass ich mich zu ihm umdrehen musste.

»Du sagst das mit wenig Überzeugung, chérie.«

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Mir war klar, dass er mich liebte, ich ... ich spürte es einfach nicht so sehr, wie ich mir gewünscht hätte.

»Ich habe dich hierher gebracht, weil du dabei sein sollst, wenn ich erfahre, ob es mein Schicksal ist, diese Reise nach

Midian zu unternehmen.« Er sprach wieder Ägyptisch.

»Wie willst du -«, setzte ich an, doch dann fielen mir die Steine wieder ein, die Urim und Thummim. »Du hast sie immer noch?«

Er errötete und nickte. »Ja.«

»Versteckst du sie immer noch in deinem, äh ...« Ich deutete in Richtung seines Schurzes.

»Dort sind sie am sichersten aufgehoben«, sagte er.

Als Ägypterin und vor allem als Frau eines Arztes wusste ich, dass der Anus ein äußerst wichtiger Körperteil war. Einlaufe waren das Aspirin des alten Ägyptens. Ob die Israeliten das genauso sahen, wusste ich nicht; und ich wollte es auch nicht wissen. »Kannst du es verstehen, wenn ich sie nicht werfen möchte?«, fragte ich.

Er lächelte und holte sie dann aus seiner Bauchschärpe. Die Urim und Thummim: auf den länglichen Steinen waren althebräische Buchstaben eingraviert. Sobald man die Steine zusammenbrachte, begannen sie zu tanzen. Cheftu hielt einen in jeder Hand, und plötzlich begriff ich, woraus sie bestanden, durch welchen »Zauber« sie funktionierten.

»Es sind Magneten!«, platzte es aus mir heraus.

»Aber natürlich«, bestätigte er. »Jetzt schau zu, du musst die Zeichen lesen.« Er sah mir tief in die Augen. »Du fragst, weshalb wir hier sind, Geliebte. Vielleicht werden wir das gleich erfahren?

Soll ich, Cheftu, in die Wüste und zum Berg Gottes ziehen?«, fragte er langsam. Er warf die Steine aus, und ich sah sie miteinander reagieren. Die Sonne schien einen Buchstaben nach dem anderen zum Leuchten zu bringen, und Cheftu las sie der Reihe nach vor.

Vor meinen Augen verwandelte sich das Gekritzel und Gekrakel in mir bekannte Buchstaben:

»D-E-R-W-I-L-L-E-Y-A-H-W-E-S-G-E-S-C-H-E-H-E.«

Er zog die Stirn in Falten.

»Heißt das, du sollst gehen, oder du sollst nicht gehen?« Ich starrte auf die Steine. Sie lagen reglos auf dem Boden, etwa zwei Handspannen voneinander entfernt. »Ich finde das eine schreckliche esoterische Antwort.«

»Das sind sie oft«, bestätigte er düster.

»Darf ich mal?« Ich fasste nach dem weißen.

»Ich dachte, du wolltest sie nicht anfassen?«

Ohne auf seine Bemerkung einzugehen, nahm ich erst den einen, dann den anderen auf. Als ich meine Hände zueinander führte, spürte ich, wie sie in meinen Handflächen zu vibrieren begannen. Kraftblitze zuckten durch meine Arme. Es tat fast weh. »Soll ich gehen?«, fragte ich und warf sie aus.

»T-A-U-C-H-I-N-D-I-E-W-A-S-S-E-R-D-I-E-D-I-C-H-F-Ü-

H-R-E-N.«

»Vielleicht sind sie kaputt«, meinte ich. »Das ergibt doch keinen Sinn.«

»Non, du hast die falsche Frage gestellt«, widersprach er. »Du hättest fragen müssen: >Soll Cheftu gehen?<«

»Huch!« Ich stellte die Frage noch einmal, und wir erhielten wieder

»D-E-R-W-I-L-L-E-Y-A-H-W-E-S-G-E-S-C-H-E-H-E.«

»Ach, als sie sagten, du seist bei Dagon, habe ich sie auch erst verstanden, nachdem ich nach Ashqelon gekommen war.«

Einen Moment lang wirkte er verwirrt. »Damals haben sie behauptet, du seist in Gefahr, doch als ich ankam, warst du ganz obenauf.«

»Wahrscheinlich habe ich in dem Moment gerade meinen Seiltanz absolviert.« Unwillkürlich war ich erstaunt über die Steine.

Cheftu wiederholte das Wort ganz langsam auf Englisch.

»Was ist das?«

»Eine lange Geschichte. Du hast sie nach mir befragt?«

Irgendwie konnte ich immer noch nicht fassen, dass dieser wunderbare, gut aussehende, witzige und liebevolle Mann mich liebte.

»Du wunderschöne idiote, aber natürlich! Allerdings hast du kaum fünf Tage später um das Leben von uns allen gefeilscht. Sie antworten immer genau, wir verstehen sie nur nicht.«

»Was ist mit dir passiert?«, fragte ich. »Während du bei den Sklavenhändlern warst?«

Er presste die Hände gegeneinander und verstummte kurz.

»Ich werde es dir ein einziges Mal erzählen, und dann werden wir diese Sache hier in diesem Olivenhain zurücklassen, und zwar für alle Zeit, nachon?«

»B’seder.«

»Sie haben mich geschlagen«, erzählte er tonlos.

»Ausdauernder als alle anderen. Sie haben mich hungern lassen. Sie haben versucht, mich zu vergewaltigen, aber die, äh, Steine ...«

Mein Kopf lag in meinen Händen. Es machte mich verlegen, ihm zuzuhören, es tat mir Leid, dass ich gefragt hatte, dass ich das hatte wissen wollen. Cheftu räusperte sich. »Danach haben sie mich in Ruhe gelassen.«

Ich schwieg eine Weile. »Wieso willst du nicht wieder als Arzt arbeiten?«

»Wegen Aztlan.«

»Wieso?« Wir sahen einander nicht einmal an.

»Sie sind alle gestorben, Chloe.

Was wir auch versucht haben, sie sind gestorben. Nur ich, der Arzt, ach, nun, ich wurde urgesund.«

»Ich kann dir nicht folgen.«

»Die Krankheit.«

Er seufzte tief.

»Ich habe mein Einfühlungsvermögen verloren.«

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Cheftu war eindeutig der einfühlsamste Mensch, den ich kannte. War er ausgebrannt? Ich wartete schweigend ab. Wenn er mir mehr erzählen wollte, würde ich ihm zuhören. Doch ich hatte eben eine unan-genehme Lektion bekommen, was das Fragenstellen anging.

Mit einem Seufzer lehnte Cheftu sich zurück. »In Aztlan sind die Menschen gestorben, ganz gleich, was wir versucht haben. Also haben wir nach dem Grund dafür gesucht.« Er sah auf seine Hände und drehte sie dabei hin und her, als könnte er die Antwort vielleicht in den Handfalten, in den Hautzellen lesen. »Als wir den Grund entdeckt hatten, als wir weitere Erkrankungen verhüten wollten, weil es keine Heilung gab, befolgte niemand unseren Rat. Niemand hörte auf uns. Niemand glaubte uns. Alle sind gestorben. Ohne Ende und ohne Sinn.« Er faltete die Hände und starrte mir in die Augen. »Ich merke, dass ich wütend auf sie bin. Sie haben ihren Tod selbst verschuldet, und dennoch lastet er auf meinen Schultern.«

Er spannte den Unterkiefer an.

»Dann musste ich daran denken, was ich im Laufe der Jahre alles verschrieben und verordnet und vorgeschlagen habe und wie wenige Menschen meinen Rat tatsächlich befolgt haben und geheilt wurden und -« Er warf die Hände hoch. »Es kommt mir so sinnlos vor. Ich will mir nicht weiter die Finger und das Herz blutig arbeiten, wenn ich so wenig damit erreiche.«

»Also geh nach Midian«, sagte ich mit gespielter Heiterkeit. »Mal sehen, wie du dich fühlst, wenn du zurückkommst.«

Er zuckte mit den Achseln.

Ich reichte ihm die Steine zurück und sah zu, wie er sie wieder in seine Schärpe steckte, einen auf jede Seite, damit sie nicht tanzten. »Wann geht ihr los?«

Sein Blick traf auf meinen.

»Nächste Woche. Nach Shavu’ot.«

»Feiern wir mit?«, fragte ich. Bis auf die Vorbereitungen hatte Shana kein Wort darüber verloren.

»Sie gehen dafür in die Stadt Shek’im«, sagte er. »Dort ist ihr Totem. Ich glaube, wir bleiben so lange hier und bewachen die Felder.«

Die Verlegenheit war wieder da.

Ich fühlte mich auf merkwürdige Weise allein gelassen, wie ich so im Schneidersitz im Olivenhain saß. »Wo bist du?«, platzte es aus mir heraus.

Er blinzelte überrascht. »Wie meinst du das?«

»Du. Du bist nicht hier. Bist du schon am Berg Gottes?«

Er schlug die Augen nieder. Ich hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

»Cheftu, du wirst auf diese Reise gehen. Ihr werdet nächste Woche losziehen. Allmählich beginne ich das zu verstehen und zu glauben. Doch solange du noch hier bist, sei bitte auch wirklich hier.« Ich beugte mich hinüber und drehte sein Gesicht zu mir her. »Erzähl mir, wie aufregend du das findest, erzähl mir, was du zu finden hoffst oder warum du mit willst. Schließ mich nicht aus. Verlass mich nicht schon, bevor du losgehst. Bitte.«

Das Sonnenlicht vergoldete ihn wie mit Speeren, brachte die Lichter in seinem schwarzen Haar zum Funkeln und hob die kleinen Narben auf seiner Haut hervor. »Was wirst du als >un-beschnittener< Ägypter überhaupt mitbekommen?«, fragte ich. »Sie lassen dich bestimmt nicht auf den Berg, sie werden dich nichts berühren und tun lassen, sobald sie dort angekommen sind.« Ich drückte seine Hand, um meinen Worten die Schärfe zu nehmen. »Sie benützen dich.«

»So wie ich sie benütze«, antwortete er. »B’seder, du willst die Wahrheit hören? Du willst hören, was in meinem Herzen vorgeht?«

»Ja!«, antwortete ich auf Englisch. »Natürlich will ich das! Wie konntest du auch nur daran zweifeln? Ach!«, entfuhr es mir verärgert.

»Chloe, wir leben hier unter einem Volk, dessen Vorväter Gott von Angesicht zu Angesicht gegenübergesessen haben. Sie haben mit ihm gespeist, sie haben mit ihm gesprochen. Das war keine Gottheit, die so mächtig war, dass man nur auf ihren Hinterkopf blicken durfte. Er war da, in Fleisch und Blut, und hat bei ihnen gesessen. Er war schon vor jeder Inkarnation, von der wir wissen, zum Menschen geworden!«

Seine Augen glühten, er war begeistert, er war schön. Und ich hatte keine Ahnung, wovon er da redete.

»Als MMoshe Gott nach seinem Namen fragte, bekam er ein unergründliches Rätsel zur Antwort. Doch Moshe hatte Gott bereits seinen Namen gegeben, darum stand er in Gottes Macht.«

»Weil er seinen Namen kannte?«

»Namen sind ein mächtiger Zauber, chérie. Wenn man den Namen eines Menschen kennt, weiß man etwas über ihn. Darum hatten zu allen Zeiten viele Menschen, vor allem jene aus Herrscherfamilien, einen geheimen Namen.« Er streichelte mein Gesicht und fuhr dabei mit seinen Fingerrücken über meine Wangenknochen. »Als du mir zum ersten Mal deinen Namen gesagt hast - Chloe -, da wusste ich, dass er die Wahrheit über dich verriet.«

Ich runzelte leicht die Stirn, während der Wind in den Bäumen raschelte und silbrig grüne Blätter auf uns herabregneten. »Wieso das?«

»Im Griechischen, das habe ich dir schon mal erklärt, bedeutet dein Name >Grün< und >Aufblühend<. Mehr noch, er bedeutet auch >Lebendig<, >Wachsend< und >Hoffnungsvoll<.« Er strahlte mich an, mit einem langsam aufleuchtenden Lächeln, das von seinen Augen ausging und dann zu seinem Mund hinunterwanderte. »Für mich bist du genau das. Was auch geschieht, du wächst darüber hinaus. Nie verlierst du die Hoffnung, immer bist du voller Leben.«

Mein Gesicht glühte, und das Herz schlug mir im Hals. Wir sahen einander schweigend und glücklich an. Ich hatte vollkommen vergessen, worüber wir gesprochen hatten. »Küss mich, chérie«, sagte er.

Wir verschmolzen erst unsere Münder im sonnengetupften Schatten, dann unsere Leiber, dann unsere Seelen. Als wir schließlich nebeneinander lagen und zum blauen Himmel aufsahen, sagte er: »Ich bin Gelehrter und außerdem Katholik; deshalb möchte ich mitgehen. Mein Leben würde so viel dadurch gewinnen, dass ich diese Dinge sehe und sie erfahre. Selbst wenn ich den Berg nicht berühre. Ich habe nicht den Wunsch, Gott zu sehen; ich werde ihn ohnehin sehen, wenn ich sterbe.«

»Falls du stirbst«, verbesserte ich.

»Ach, Chloe.«

Er sah mich an und betrachtete seine braune Hand auf meiner weißen Haut.

»Die einzige Unsterblichkeit, die ich mir wünsche, sind unsere Kinder«, flüsterte er. »Für mich selbst löst sich die Zeit aus ihren Grenzen, wenn ich mit dir vereint bin und an deiner Seite lebe.«

Er küsste mich und flüsterte gegen meine Lippen: »Das ist die Ewigkeit für mich.«

WASET

Zornig sah RaEm den Priester an, der die Frechheit hatte, sie unaufgefordert aufzusuchen. Vor zwei Tagen hatte Echnaton die Neuigkeit im Reich kundtun lassen: Sein Bruder und Schwiegersohn Semenchkare werde für alle Zeiten als Mitregent an seiner Seite im Lichte des Aton herrschen.

Seither hatte RaEm den Audienzsaal nicht mehr verlassen, denn plötzlich tauchten viele der Adligen, die aus Achetaton geflohen waren, aus der Versenkung auf und baten um Vergebung.

Und Meritaton glaubte, den Göttern und Göttinnen sei Dank, schwanger zu sein, weshalb Tiye RaEm nicht mehr ganz so scharf im Visier ihrer Falkenaugen hatte.

»Mein Name ist Horetamun«, erklärte der Priester mit einer

Verbeugung. »Ich komme als Hohe Priester, um dich im Tempel Amun-Res willkommen zu heißen, Semenchkare.«

Genau das war der springende Punkt. Sollte Semenchkare diesen Priester offiziell willkommen heißen oder seinen Gott anerkennen, dann würde Semenchkare höchstwahrscheinlich die gesamte Macht verlieren, die ihm Pharao, ewig möge er leben!, übertragen hatte. Falls Semenchkare jedoch die Ohren vor diesem Geflöte verschloss, konnte es leicht passieren, dass er von einem Hagel verdorbenem Gemüses aus Waset hinaus eskortiert würde.

RaEm dröhnte der Kopf. »Sprich mich mit Semenchkare, ewig möge er leben!, an, Horetaton.« Schon jetzt war es heiß. Der Priester blinzelte sie dreist an. Die Sonne glänzte auf seiner kahlen Platte, leuchtete in seinem weißen Schurz und glitzerte bernsteingelb in den Augen des Leoparden, den er sich über die Schultern gelegt hatte. So langsam, dass es eher beleidigend als gehorsam wirkte, senkte er den Kopf.

Aus dem Augenwinkel sah sie, dass sein Nicken auch die umstehenden Höflinge beeindruckte. Gut, dass sie überhaupt etwas beeindruckte; bald würden sie ebenfalls verhungern, ganz gleich, welchen Pharao sie unterstützten oder welche Götter sie verehrten.

Es gab nichts mehr zu essen, alle Lager waren bereits geöffnet worden. In ihrer Faust hielt sie den Papyrus mit der Antwort auf die erboste Anfrage, die sie an Echnaton geschickt hatte. Zwei Wochen nach der angemessenen Antwortszeit hatte sie zu lesen bekommen: »Ja, diese Lager wurden zur Feier des letzten Geburtstages von Amenhotep Osiris geöffnet.«

Glücklicherweise wollten die Männer, die auf dem Feld gearbeitet hatten, mit Steinen bezahlt werden, die es in Ägypten im Übermaß gab. Zu dumm, dass man Steine nicht essen konnte. Sie wandte sich wieder an den Priester.

»Meine Majestät -« aus irgendeinem Grund faszinierte es sie weniger, diese Worte auszusprechen, als sie geglaubt hatte, »heißt dich an seinem Hof willkommen, auch wenn du einen gesetzlosen Gott verehrst, dessen Name fürderhin nicht mehr fallen wird.«

Der Priester kniff die Lippen zusammen, erwiderte aber nichts darauf. Das Schweigen dehnte sich, das Rascheln der anwesenden Höflinge wurde provozierender. »Hast du noch etwas zu sagen?«, fragte RaEm irritiert.

Er sah zu ihr auf und blickte mit seinen braunen Augen direkt in ihre. »Der Segen der Jahreszeiten sei mit dir, Meine Majestät.«

RaEm erhob sich. Die Audienz war beendet.

Sie hatte eben ihre Robe an- und ihre Krone abgelegt, als der Zeremonienmeister den Kopf durch die Türe streckte. »Ein Mann möchte dich sehen, Meine Majestät.«

Wenigstens war es nicht dieses Muli Meritaton. RaEm rieb sich den Hals und bat den Mann herein. Eine Gestalt im Umhang trat ins Zimmer und schob gleich darauf die Kapuze ins Genick.

Der Hohe Priester Amun-Res? »Was tust du hier?« Sie sah sich um. Gleich darauf hatte sie die Türen verriegelt, durch die man auf den Gartenweg kam, und die Vorhänge zugezogen. »Wenn uns einer sieht, müssen wir beide sterben.«

Er blieb stehen und sah sie tapfer an.

»Meine Majestät, Herrin -«

RaEm wirbelte herum. »Was hast du gesagt?«

Sein Blick war fest und trotzig. »Herrin, denn das bist du doch, oder nicht?«

RaEm verschränkte die Arme. »Ich bin Semenchkare, der Gemahl Meritatons und Mitregent Ägyptens.«

»Das tut für mich nichts zur Sache, auch wenn mir das Kind Meritaton Leid tut«, sagte er. »Sie weiß es nicht, oder?«

RaEm schwieg. Woher wusste er Bescheid? Wie war er darauf gekommen?

Hatte er mit jemandem darüber gesprochen?

»Es tut nichts zur Sache«, wiederholte er. »Nur insofern: Wir müssen Amun-Res Priesterschaft wieder zusammenführen. Die Felder verrotten, die Menschen werden verhungern, weil uns die Männer fehlen, um das Essen zu verteilen.«

»Ich kann nichts unternehmen«, wehrte sie ab. »Allein dadurch, dass ich dir zuhöre, setze ich mein Leben aufs Spiel.«

Horetamun zog seine Kapuze wieder über. »Wenn du bereit bist, wie ein wahrhafter Pharao zu handeln, dann lass es mich wissen.«

Er drehte sich um und entriegelte die Tür zum Garten.

»Wenn die Zeit zu handeln für uns gekommen ist, Horet«, sagte sie, »dann lass es mich wissen.«

Über Shavu’ot leerte sich die Stadt, denn alle Männer mussten nach Shek’im ziehen, wo der Be’ma-Thron, der Gnadenthron, wartete. Auf ihm ruhte Yahwes Macht.

Wenn Yahwe in Shek’im war, warum stiefelten die Zekenim dann auf den Berg, um ihn zu sehen?, fragte ich mich. Doch ich stellte keine Fragen. Sklavinnen stellen keine Fragen. Ich wurde allmählich so stumm wie meine Transuse.

Ich würde also vorübergehend meinen Mann verlieren. Dann beschloss jemand, dass ich nicht allein wohnen sollte, und ich wurde in den Frauenflügel des Palastes umgesiedelt: Avgay’els Territorium, da Mik’el auf die andere Straßenseite umgezogen war.

Die Männer kehrten allmählich von ihrer Reise zurück und machten sich an die niemals endende Arbeit in ihren Weingärten. Ich war damit beschäftigt, wie besinnungslos Getreide zu mahlen und zu schwitzen, als eines Nachmittags ein Soldat, kein Gibori, sondern ein normaler Soldat, neben mir niederkniete. Die Transuse war irgendwohin verschwunden. Sie tauchte immer öfter ab. Mir war das gleich; solange sie weg war, brauchte ich mich nicht abzumühen, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Isha, in der dritten Wache möchte Yoav dich sehen.« Außer seinen kristallblauen Augen nahm ich kaum etwas an ihm wahr.

Damit verschwand er wieder. Während der dritten Wache des Tages oder der Nacht? Ich zog es eindeutig vor, Yoav im hellen Tageslicht aufzusuchen, vor allem da mir diese Einladung zu einer Unterredung reichlich unorthodox vorkam. Schließlich war ich seine Sklavin und hatte ihm jederzeit zur Verfügung zu stehen. Warum ließ er mich nicht einfach abholen?

Doch immerhin bot sich dadurch ein Vorwand, aus dem Palast zu kommen.

Gegen vier Uhr schien die Sonne immer noch, und der Hof war menschenleer. Es war die dritte Tagwache. Ich stand auf, schüttete das Mehl in den entsprechenden Vorratsbehälter und sah mich dabei um. Niemand beachtete mich.

Ich schlenderte durch den Gang und schnappte mir einen Wasserkrug. Wenigstens konnte ich so behaupten, ich sei auf dem Weg zum Brunnen, obwohl man mir diese Aufgabe nie zuvor übertragen hatte - ich war nur ein einziges Mal dort gewesen. Ich huschte durch den Hof und bemerkte dabei, dass niemand mich bemerkte. Mal was ganz anderes, dachte ich sarkastisch.

Draußen. Wow! Ich war draußen! In der Stadt. Mamre. Noch nie war ich ohne Begleitung auf dieser Seite der Palasttore gewesen. Vor Aufregung musste ich beinahe kichern.

Yoavs Heim stand Seite an Seite mit Daduas, da wir alle miteinander in einer Art Kommune lebten. Sollte ich vorn oder hinten an seinem Haus vorbei?

»Isha, komm mit.« Verdutzt drehte ich mich um. Es war derselbe Soldat wie am Morgen, nur wirkten seine Augen jetzt weniger atemberaubend und eher roboterhaft. Er war mir ein wenig zu entgegenkommend. Ich wurde misstrauisch. Wer war dieser Typ? Wusste ich mit Sicherheit, dass Yoav ihn geschickt hatte?

»Sag mir, wohin ich gehen soll, dann werde ich schon hinfinden«, entgegnete ich.

»Ich bringe dich hin.«

»Ich finde schon hin«, wiederholte ich entschiedener. Ich war als Frau allein in einer mir unbekannten Stadt. Ich hatte diesen Soldaten heute Morgen zum ersten Mal zu Gesicht bekommen. Ich streckte die Schultern durch und wurde dadurch sichtlich aggressiver.

Er nickte zustimmend. »Wie du meinst. Yoav will sich in der Taverne am Tor mit dir treffen. In der Honigbiene.«

Die Israeliten hatten Tavernen?

»Geh rein und zum Wirt, dann wird er dir zeigen, wo du Yo-av finden kannst.«

»Todah«, sagte ich und schulterte meinen Krug. Er würde mir wenigstens einen fadenscheinigen Vorwand bieten, sollte ich einen brauchen. Sobald ich mich auf den Weg gemacht hatte, stellte ich fest, dass mir der Soldat in einigem Abstand folgte. Das machte mich nervös, doch immerhin waren Menschen auf den Straßen. Ich war eindeutig weniger gefährdet als bei einem Spaziergang durch das nächtliche Dallas oder durch Istanbul bei Tag. Vielleicht würde sich diese Gelegenheit kein zweites Mal bieten - und bei meiner Arbeit im Harem bekam ich immer öfter Hummeln im Hintern.

Während ich mich mit dem Krug auf der Schulter durch die Menschen schlängelte, versuchte ich mir darüber klar zu werden, warum er mir folgte. Wäre ich allein gewesen, hätte mir möglicherweise Gefahr gedroht. Doch da ich verheiratet war, hätte alles von einer Vergewaltigung bis zur Verführung als Ehebruch gezählt, da die Definition von Ehebruch auf dem weiblichen Part beruhte.

Es war weniger eine moralische Frage als vielmehr eine - ich biss die Zähne zusammen - des Besitzanspruchs. Ein Mann musste die Gewissheit haben können, dass seine Kinder von ihm stammten. Doch jedermann wusste, dass ich verheiratet war. Da ich nicht glaubte, dass dieser Soldat das Risiko eines Todes durch Steinigung eingehen würde, weil er eine verheiratete Frau vergewaltigt hatte, musste es einen anderen Grund geben.

Wieso blieb dieser Typ mir auf den Fersen? Ich nahm den Krug von der Schulter und schlüpfte in eine Seitengasse, um meine Theorie zu überprüfen. Mit seinen unheimlich blauen Augen nach allen Seiten spähend, ging er an mir vorbei. Zu dutzenden trugen die Frauen irgendwelches Zeug auf ihren Schultern und Köpfen durch die Straßen. Ich beobachtete, wie er eilig zu einer Frau aufschloss, deren Krug so aussah wie meiner. Dann schlüpfte ich wieder aus meiner Gasse heraus und folgte ihm.

Erst als sie abbog, begriff er, dass sie nicht ich war. Ich machte eine Kehrtwendung, denn mir war klar, dass er sich jetzt nach allen Seiten umsehen und sich fragen würde, wohin ich verschwunden war. Irgendwie machte mir die Sache Spaß -jedenfalls mehr, als weinerlichen Weibern dutzende von Kleidern nachzutragen!

Nach einigen weiteren Fehlschlägen, nachdem ich ihn ein paar Mal verloren und ein paar Mal entdeckt worden war, begriff ich, dass ich vor einem vertrackten Problem stand: Ich wusste nicht, wohin ich gehen musste. Ich kannte mich in Mamre nicht aus. Allmählich rückte der Abend näher; die Straßen leerten sich bereits.

Am Stadttor, hatte der Soldat gesagt, darum folgte ich einigen Tageshändlern, die diese Nacht vor der Stadt verbringen würden. Es war reines Glück, dass ich zwei Mitanni dabei belauschte, wie sie sich über die Linsensuppe unterhielten, die in der Honigbiene serviert wurde. Mein Krug war zwar leer, doch ganz schön schwer geworden.

Ich heftete mich an ihre Fersen, spazierte in die Taverne hinein und wurde sofort angeherrscht, meinen Krug draußen zu lassen. In der Hoffnung, dass niemand ihn stehlen würde, kam

ich der Aufforderung nach und ging dann an die Bar. Der Mann musterte mich von Kopf bis Fuß, um schließlich eine Kinnbewegung zur Seite zu machen.

Ich trat durch eine Vorhangtür.

»Shalom«, sagte Yoav. Avgay’el saß an seiner Seite.

»Shalom, Adon, G’vret. Du wünschtest mich zu sehen?«

»Du hast meinen Boten geschickt überlistet«, sagte er. »Das beweist mir, dass du die bist, nach der ich suche.«

Schweigend überlegte ich, wie er das wohl meinte. Du musst pokern, Chloe. Lass ihn nicht wissen, was du denkst.

»B’vakasha, nimm Platz«, bot er mit einem spröden Lächeln an.

B’seder, Yoav, auch ich habe nicht vergessen, dass einst unsere Rollen vertauscht waren. Ich nahm den Hocker, etwas anderes bot sich nicht an, und ließ meinen Blick zwischen Dadu-as zweiter Frau und seinem zweiten Oberkommandierenden hin und her wandern. War es nicht verdächtig, dass sie hier waren? Allein? Zusammen?

Ich bin eine richtige Klatschbase geworden, dachte ich.

Er beugte sich vor, wobei die schwarzen Locken über seinen Ohren nach vorne fielen. »Dein Mann ist ein ägyptischer Schreiber, Ishat«

»Ja«, antwortete ich.

»Und du bist >eine Göttin<? Was noch? Kannst du Gold aus Stroh spinnen oder weißt du von einem Geheimnis, das du uns zu verraten vergessen hast?«

»Lo.«

Er lehnte sich zurück. »Ich weiß noch von unseren Verhandlungen in Ashqelon, dass du strategisch denken kannst«, sagte er. »Das hast du heute Nacht erneut bestätigt. Du nimmst deine Umgebung wahr, du verstehst mit Licht und Schatten zu verschmelzen. Woher kannst du das?«

Ich sah auf Avgay’el. Ihr Blick war düster, aber freundlich. Oder spielten sie >guter Israelit/böser Israelit< mit mir?

»Weshalb willst du das wissen?«, fragte ich. »Was hätte ich daraus lernen sollen, dass dein Mann mir durch die Stadt folgte?«

»Eine dir unbekannte Stadt«, sagte er. »Die Stadt eines Volkes, dem du nicht angehörst. Doch du hast dich mit einem Krug getarnt und dein Haar und deine Ohren bedeckt, damit niemand von dir Notiz nimmt.«

Darauf gab es nichts zu sagen. Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht. Er hielt mir meine List unverdienterweise zugute, doch das würde ich ihm keinesfalls auf die Nase binden.

»Wer bist du? Was bist du?«

»Du hast es selbst gesagt. Eine >Göttin<.«

Seine grünen Augen sprühten.

»B’seder. Behalte deine Geheimnisse für dich«, knurrte er.

»Todah«, erwiderte ich sarkastisch.

Auf meinen Tonfall hin zog er die Brauen hoch, um mich daran zu erinnern, dass ich eine Sklavin und er mein Herr war. Jesus, Chloe, reiß dich zusammen! »Verzeih mir«, sagte ich, ohne es auch nur im Entferntesten zu meinen.

»Sieh mich an und sag das noch mal.«

Ich hob den Blick; seine Augen hatten fast dieselbe Farbe wie meine, allerdings glaubte ich nicht, dass meine so ausdruckslos blicken konnten wie seine. Aus irgendeinem Grund irritierte er mich zutiefst, genau wie damals in Ashqelon. Ich biss die Zähne zusammen und weigerte mich wegzusehen. Er blieb ebenfalls standhaft. Das nächste Blickduell.

Ich weigerte mich, als Erste zu blinzeln, und sollten mir die Augäpfel aus den Höhlen fallen. Offenbar dachte er genauso. Wir starrten einander an, ohne dass einer aufgegeben hätte. Meine Augen begannen auszutrocknen und zu tränen. Yoavs untere Lider zuckten und füllten sich mit Tränen.

»Ach! Seid nicht so kindisch!«, mischte sich Avgay’el verärgert ein. »Das führt doch zu nichts, Yoav. Sklavin, Isha, ach, wie heißt du?«

»Chloe«, antwortete ich, ohne den Blick abzuwenden. Die Frau hätte das eigentlich wissen müssen, schließlich arbeitete ich tagein, tagaus vor ihrer Nase.

»Klo-ee? Na gut. Ihr habt beide gewonnen, also hört auf.«

Keiner von uns wollte wegsehen, ihren Worten zum Trotz. Tränen liefen in Strömen über meine Wangen, genau wie bei ihm. Avgay’el schlug ihm auf die Schulter. »Yoav ben Zerui’a, deine Kinder sind vernünftiger als du! Schluss damit!«

Seine Augen wölbten sich erbost vor, doch er weigerte sich wegzusehen. Ich musste kichern; ich lieferte mir mit einer Bibelgestalt ein Starrduell! Er begann leise zu lachen. Avgay’el versetzte ihm den nächsten Schlag. Inzwischen lachte ich schon lauthals. Sie schwenkte ihre Hand zwischen uns auf und ab und baute sich dann zwischen uns auf.

Mein Blick wurde abgelenkt, und meine Lider begannen zu blinzeln. »Shekina sei gelobt!«, entfuhr es ihr.

»Ihr zwei ... ach! Sieh nur, wie viel Zeit du mit diesem Unfug vertan hast, Yoav!«

Ich rieb meine Augen, aus denen die Tränen liefen.

»Gar nichts war vertan«, widersprach er. »Ich habe mehr über Klo-ee erfahren, als wenn ich eine Stunde mit ihr gesprochen hätte.« Sie hatten in einen anderen Dialekt gewechselt, doch ich verstand sie immer noch. Sollte ich das? Wussten sie das?

»Isha«, sagte er zu mir. »Willst du deine Freiheit zurück?«

DIE WÜSTE

»Todah«, sagte Cheftu zerstreut zu dem Sklaven. Zu dem anderen Sklaven, korrigierte er. Bis das Gold ausgegraben, aufgeladen und Dadua übergeben war, würde Cheftu ebenfalls Sklave bleiben, auch wenn man ihm die Ohrketten abgenommen hatte.

Er sah über das Land. Nicht einmal eine Eidechse krabbelte unter der glühenden Sonne herum, kein Lufthauch regte sich, sogar die Luft roch nach Schwefel.

Als er gegen das Licht anblinzelnd in die Ferne sah, stellte er fest, dass sich die Mühe des Blinzelns nicht lohnte; es sah überall gleich aus.

Neben ihnen erstreckte sich das Salzmeer, in dessen blaugrüner Oberfläche sich der Himmel spiegelte. Keine Fische schwammen in diesem Gewässer, keine Tiere labten sich an seinem Ufer. Felsbrocken und phantastisch geformte Salzgebilde ragten aus dem Wasser auf oder lagen am Strand herum. Selbst der Wind war mit einem stechenden Salzgeruch beladen.

Über einen Tag lang würden sie durch die sengende Hitze am Ufer dieses Meeres, das keinerlei Erfrischung bot, entlangwandern. Die weit entfernten und oben abgeflachten Hügel im Westen waren mit Felsbrocken übersät, unter denen Berglöwen und wilde Ziegen hausten. Und Briganten.

Cheftu drehte sich zu der zusammengestellten Karawane um: siebzig Söhne aus den edelsten Familien, dreißig Sklaven sowie hundert Esel, eine Hand voll Priester, N’tan und er selbst. Erste Wahl für eine Brigantenbande, vor allem auf dem Rückweg. Wieder einmal ging ihm durch den Kopf, dass es nicht besonders schlau war, das Gold quer durch die Wüste zu schleifen, nicht solange sie keine Armee-Eskorte hatten.

Bald würde die Sonne untergehen, und sie würden noch weiterwandern. Um die Männer, vor allem jene aus den kühleren Hügeln um Jebus und das Galil, an die Hitze zu gewöhnen, marschierten sie bei Nacht. Außerdem fiel, solange die Männer in der Abenddämmerung erwachten und sich im Morgengrauen schlafen legten, weniger ins Gewicht, dass es weder Wein noch Weiber gab.

Cheftu wünschte, sein Körper und Geist würden sich genauso leicht in Ketten legen lassen. Er konnte halb tot sein und trotzdem seine Frau begehren, nicht allein um der physischen Er-leichterung willen, sondern auch, weil er bei ihr, in ihr, sein Heim fand. Er nahm einen Schluck lauwarmes Bier, dann stand er auf und riss seine Gedanken gewaltsam von Chloe los. Etwas an dieser Reise machte ihn nervös; irgendetwas stimmte nicht.

Sein Blick strich über die fernen Hügel, die von sterbendem Sonnenlicht überspült wurden. Sie wurden beobachtet, doch er wusste nicht von wem. Er wünschte, er hätte ein Schwert; doch das durften nur freie Männer tragen.

»Ich werde dir eins geben.« N’tan war neben ihn getreten und hatte seine Gedanken erraten.

»Adon!«, begrüßte Cheftu den Tzadik. Der Nathan der Bibel; bisweilen war es einfach nicht zu glauben. »Wie kann ich dir helfen?«

Der Prophet zwirbelte den Bart zwischen den langen braunen Fingern und kniff die Augen vor der Sonne zusammen. »Wie lautet dein Name?«

»Du kennst meinen Namen.«

»Chavsha ist nicht dein wahrer Name, Ägypter. Wie lautet dein Name?«

Cheftu spürte ein Prickeln in den Nerven, sagte aber nichts. Vielleicht hatte man ihn bei einer Lüge ertappt, dennoch war er nicht gewillt, die Wahrheit zu sagen. N’tan wartete schweigend ab.

»Wenn du mir deinen Namen nennst und mir verrätst, wie du zum Sklaven in Ashqelon wurdest, dann werde ich dir eine Klinge anvertrauen.«

»Der Preis erscheint mir zu hoch, Adon«, erwiderte Cheftu kühl. »Ich soll meine geistige Verteidigung gegen eine physische eintauschen?«

»Das wird mir zeigen, welche Welt du mehr fürchtest.«

N’tan drehte sich zum Gehen um.

»Wie lautet dein wahrer Name, Adon?«, fragte Cheftu verärgert.

N’tan wandte sich noch einmal um. »Wenn du der bist, für den ich dich halte, dann kennst du meinen Namen. Du kennst meine Familie und meine Ahnen. Wenn du es nicht bist, dann werde ich mich nicht vor dir offenbaren.«

Cheftu blieb wie angewurzelt stehen und sah dem kleinwüchsigen, dunkeläugigen Mann mit den langen Locken und dem langen Lockenbart nach. N’tan deutete ein Lächeln an.

»Siehe das, was ist, nicht das, was du zu sehen meinst.«

Cheftus verwirrtes Stirnrunzeln ließ sein Lächeln verschwinden. »Hinfort, Sklave.«

Cheftu klaubte seine Habseligkeiten zusammen und trat auf den Pfad, der ihn in die Freiheit führen würde.

WASET

RaEm starrte auf die Zähltafel. Es war hoffnungslos. Es gab keine Nahrung für Ägypten. Es gab kaum genug für die königliche Familie! Im ganzen Lande hatte es Missernten gegeben. Die Überschwemmung hatte den Boden kaum angefeuchtet. Ohne die Tränen des Nils gab es kein schwarzes Land, nur das alles umschließende Rot der Wüste.

Sie hatte alte Lagerhäuser ausfindig gemacht, die mit Amen-hoteps Kartusche versiegelt waren. Nach dem Öffnen der Türen hatten die Soldaten die Fackeln aufgenommen und waren ihr vorangegangen.

In die Leere.

Es war nichts mehr übrig. Kein Halm, kein Körnchen, kein Samenkorn. Es gab nichts zu essen.

Echnaton hatte bestätigt, dass sie selbstverständlich alles aufgegessen hätten. RaEm schluckte schwer und rief sich ins Gedächtnis, dass er Pharao war und sie von ihm nur geduldet wurde; selbst wenn sie Mitregent war, konnte sich dieser Status von einem Wimpernschlag auf den nächsten ändern. Aii, wie