2. KAPITEL

Mein inneres Lexikon weckte mich mit der Definition für Te-raphim. Bilder von Statuetten - Nippes, Hummelpuppen, Porzellanschäferinnen und Zinnfiguren aller Art - blitzten in einer Art Diashow vor meinen Augen auf.

B’seder, es handelte sich also um die Sammelpüppchen und Staubfänger dieses Zeitalters. Nein, widersprach das Lexikon, es ging um mehr. Es waren kleine persönliche Götter, Glücksbringer und der Wertbesitz eines Haushalts, alles zusammen in einem leicht transportierbaren Objekt verpackt.

Bei den pelestischen Teraphim, die von den Hochländern verbrannt worden waren, handelte es sich nicht nur um die kleinen Götzenstatuen, die viele Soldaten in der Schlacht als Glücksbringer bei sich trugen, sondern auch um riesenhafte Totemfiguren, die von den Priestern an den Kriegsschauplatz geschleppt worden waren. Diese Götzenbilder wurden auf einem Hügel oberhalb des Schlachtfeldes aufgestellt und sollten den Soldaten Mut machen. Nachdem alles, beziehungsweise die Schlacht vorbei war, wurden sie wieder auf ihre Palankine geladen und zum Tempel zurückgeschafft.

Wer wacht nicht gern dadurch auf, dass ihm eine Enzyklopädie über den Schädel gezogen wird?

Du fragst, ich antworte. Du wolltet es wissen, wurde auf die Tafel in meinem Hirn gekritzelt.

Ja, schon. Aber musst du mir so früh antworten? Ich wälzte mich herum, um noch ein paar Stündchen zu schlummern.

Der restliche Tag verstrich ereignislos und in absoluter Sicherheit. Ereignislos, weil immer wieder jemand vorbeikam; in absoluter Sicherheit, weil überall Priester mit Schwertern herumschwirrten. Ich sah mir jeden genau an, aber keiner davon war Cheftu. Es sei denn, natürlich, er war diesmal im Körper eines anderen gelandet. Aber keiner von ihnen hatte auch nur bernsteingelbe Augen.

Die Ägypter waren überzeugt, die Augen seien die Fenster zu unserer Seele. Vielleicht hatte ich deshalb immer meine Augenfarbe behalten? Wenn ich sie nicht mehr hätte, wäre ich nicht mehr ich selbst? Dieser Theorie zufolge konnte Cheftu zwar möglicherweise in einem anderen Körper gelandet sein, doch auf gar keinen Fall ohne seine bronzebraunen Augen.

Zudem erfuhr ich, dass mir die Flucht nicht leicht gemacht würde. Immer wenn ich mich allein glaubte, kam jemand anderes herein, dem ich mit weisen Ratschlägen helfen sollte und der mir dafür kleine Geschenke daließ. Ich hatte schon früher das Orakel gespielt, also spielte ich es einfach wieder.

Die größten Sorgen bereiteten ihnen, wann Dagon endlich aufhören würde, sauer auf sie zu sein. Und ob ich mich für sie einsetzen würde. Die Antwort lautete stets Ja, auch wenn ich keine Ahnung hatte, worauf ich mich da einließ. Das war egal, denn während des Mittagsschläfchens würde ich mich aus dem Staub machen.

Mein oder eher RaEms billiges Kunstseidenröckchen war vom Salzwasser bretthart geworden. Meine Haut fühlte sich an wie mit Schuppen besetzt und mein Haar war vollkommen verfilzt. Vor meiner Flucht wollte ich unbedingt baden. Die kleine Zofe brachte eine Wanne und Wasser und wusch mir das Haar. Es ließ ihr keine Ruhe, dass ich Beine hatte. Also spann ich ihr eine verwickelte Geschichte, dass ich Salzwasser brauchte, damit mir wieder ein Fischschwanz wüchse. Das schien sie zufrieden zu stellen, doch jetzt musste ich eindeutig verschwinden. Ich hatte keine Lust, dass sie mich nur so zum

Test ins Meer schubste.

Während ich überlegte, massierte sie meinen Rücken und Hals.

Ich war durch das Wasser gekommen, genau wie der Querbalken des Portals angekündigt hatte. Vor Angst, ich hätte möglicherweise etwas missverstanden und wäre darum nicht in der Lage, zu Cheftu zurückzukommen, hatte ich mir während meiner wenigen Stunden in der Neuzeit den gesamten Abschnitt eingeprägt.

Ein Portal für jene der dreiundzwanzigsten Macht, für all jene, die in der Priesterschaft des Unbekannten dienen. Für all jene existiert die Macht auf Erden, befördert durch die Himmel und gelenkt durch die Wellen. Die Wasser werden führen, sie werden reinigen, sie werden Erlösung bieten.

Vom dreiundzwanzigsten Dekan bis zum dreiundzwanzigsten Dekan bleibt diese Tür bestehen.

Also befand sich das eigentliche Portal irgendwie unter dem Wasser? War dies der einzige Ein- und Ausgang zu dieser Epoche? Wie viele von uns schwebten eigentlich verloren im Äther der Chronologie herum?

Von uns chronologisch Geforderten, berichtigte ich mit einem neu geprägten Ausdruck. Eingehüllt vom Duft kokelnden Korianders, glitt ich unter Tameras meisterhaften und kräftigen Händen langsam in den Schlaf ab.

»Meeresherrin, bist du bereit, dich anzukleiden?« Roh aus dem Schlaf gerissen, blickte ich über die Schulter nach oben. Sofort fiel mir auf, dass der Tag fast schon vorbei war. Scheiße! Ich musste noch einen Abend hier bleiben? Würde ich heute Nacht verschwinden können? »Falls sich die Meeresherrin so kleiden möchte wie wir, könnten wir sie anziehen«, schlug das Mädchen vor. Meine ursprünglichen Sachen, der blaue Minirock, die silberne Samtbluse mit V-Kragen und die Sandalen waren gewaschen worden und lagen für mich bereit. Allerdings war alles reichlich knapp und eigentlich nur für die Disco geeignet. Bedauerlicherweise war meine Halskette bereits ausgeglüht.

»Meeresherrin, haDerkato, was möchtest du tragen?«

Ich setzte mich auf, das Leintuch vor mich haltend. Mein Geist war träge und mein Herz klopfte immer noch, weil ich so abrupt aufgeweckt worden war. »Wozu denn?«, fragte ich.

»Zu der Feier heute Abend, haDerkato.«

Hatte nicht erst gestern Abend eine stattgefunden? Eines musste man diesen frühgeschichtlichen Völkern lassen, sie feierten die Feste, wie sie fielen. »Und ich gehe hin?«

»Ken, haDerkato. Erst gibt es ein kleines Ritual draußen auf dem Meer, und danach findet im Palast ein Fest statt.« Ihre Honigaugen strahlten.

»Zieh du mich an«, befahl ich. Wunderbar! Ich würde zusammen mit ihnen den Tempel verlassen und konnte mich unter die Menge mischen, um dann die Flucht nach Ägypten anzutreten. Oder vielleicht würde ich auch hier, in Ashqelon, auf Cheftu stoßen. Vielleicht diente er gar nicht hier im Tempel, und wir hatten uns deshalb noch nicht gefunden.

»Zieh mich an wie dich«, schlug ich lächelnd vor. Sie zupfte an ihrem Gewand. Es war ein schlichtes, enges Etuikleid in Dunkelgrün. Eine Schärpe mit goldenen, rostroten und grünen Streifen lag um ihre Taille und zeichnete den Schwung ihrer Hüften nach.

Das Bronzearmband mit den eingeprägten Spiralen passte zu ihrem Halsschmuck und den tropfenförmigen Ohrringen. Um den Kopf hatte sie ein Tuch gelegt, dessen Quasten über ihre Schultern strichen. Sie war barfuß und an ihren winzigen Füßen glänzten perlmuttrosafarbene Zehennägel. Sie war bezaubernd und elegant.

Und eine Philisterin?

Falls ich tatsächlich in Ashqelon war, falls dies Philister waren, dann wusste ich so gut wie nichts über sie. Nur dass sie in fünf Städten gelebt hatten - darunter Ashqelon und Gaza - und angeblich sehr hübsch waren. Delilah, jene Frau, die Samson zu Tode genervt hatte, hatte ihn anfangs durch ihre Schönheit eingenommen. Wenn ich mir Tamera so ansah, hielt ich es zum ersten Mal für möglich, dass diese Geschichte kein Märchen war.

»Ach, ken«, sagte sie. Ich erkannte »Ach ja«, doch sobald ihre Worte an mein Ohr drangen, verwandelte das Lexikon die gesprochene Sprache in lauter Bilder. Ich sah eine Barbie und dann ihren Ken vor mir. Die Barbie explodierte, doch Ken blieb stehen und nickte mir zu. Ken, schlug ich zaghaft vor, bedeutet also »ja«? Die Ken-Puppe lächelte. Das Ach war ein Kehllaut, den ich in Arabien immerzu gehört hatte. Was für einen Dialekt sprachen die Philister überhaupt?

»Wann bist du geboren?«, fragte ich.

»Ich wurde unter dem Zeichen des Krebses geboren«, antwortete sie.

Ich kannte mich nicht besonders gut bei den Sternzeichen aus, doch es überraschte mich, dass sie bereits bekannt waren. »Und in welchem Jahr?«

»Jahr?«, wiederholte sie.

»Wie alt bist du?«

»Alt? Wie alt?«

Ich formulierte es anders, um mich klarer auszudrücken. »Welches Jahr haben wir jetzt?«

»Das Jahr des roten Meeres«, antwortete sie eifrig.

Des roten Meeres. Richtig, ich hatte gesehen, dass das Wasser wie Blut aussah. Die rote Welle, dachte ich. Gab es nicht eine Band mit diesem Namen, oder bezog sich das ausschließlich auf die Ampelschaltung? Handelte es sich dabei nicht um ein Naturphänomen, das von irgendwelchen Tieren oder Pflanzen im Wasser herrührte? »Ist das Meer oft rot?«

»Nur wenn wir Dagon erzürnt haben«, erklärte sie. »Dann wird das Meer blutig, die Ernte verdorrt, und wir sterben.« Es schien ihr nicht das Geringste auszumachen, über die Auslö-schung ihres Volkes zu sprechen. »Jetzt musst du dich aber anziehen.«

Sie rannte davon, während ich mich vom Massagetisch schälte. Ich schaute aus dem schmalen Fenster. Dieser kleine Raum schloss sich direkt an den Haupttempel an. Wir befanden uns auf einer Anhöhe mit Blick auf die übrige Stadt, den Hafen und das Meer. Mit Zinnen versehene Mauern umschlossen die Stadt und reichten an beiden Enden bis ins Wasser, sodass das Hafenbecken mit all seinen Schiffen praktisch in den Armen Ash-qelons zu liegen schien.

Es waren eigenartig aussehende Boote mit schmalgesichtigen Kreaturen an beiden Enden. War ich in so einem Schiff hier angekommen? Ich wusste es nicht. Doch sie hatten die gleichen quadratischen Segel, riesige Segel, um hunderte von Männern über das Wasser zu tragen, und dazu Ruder, um die Reise noch zu beschleunigen.

Die Stadt selbst erinnerte mich mit ihren zwei- und dreistök-kigen Gebäuden, den schlichten, rechteckigen Fenstern und den vorgebauten Veranden an Griechenland. Ich sah Bäume in den Höfen, Flachdächer und schnurgerade Straßen. Alles Schnurgerade war untypisch für den Nahen Osten aus meiner Erinnerung. Ich hörte ein Geräusch hinter mir, glaubte, es sei Tamera, und drehte mich um.

Es war nicht Tamera. Es war ein Soldat.

Nur die Todesangst hielt mich davon ab, meine Nacktheit zu verhüllen und mich zusammenzukauern. Wenn ich meine Angst zeigte, würde er möglicherweise erkennen, dass ich eine Hochstaplerin war. Das durfte ich auf keinen Fall zulassen. Er andererseits erglühte zur Farbe eines Granatapfels. Seine Haare konnte ich nicht sehen, denn er hatte einen Kopfschmuck aus Federn aufgesetzt, ansonsten trug er eine Brustplatte aus Leder und Bronze über einem Schurz in klassischer A-Linie, der zwischen seinen Knien spitz zulief.

Er war glatt rasiert und hatte keinen Bleiglanz aufgelegt.

Das mag eigenartig klingen, doch es war das erste Mal, dass ich einen Mann in einem Kleid ohne Schminke sah. In Aztlan und Ägypten hatten die Männer ebenso wie die Frauen Bleiglanz, Lippenstift, Lidschatten, den ganzen Schnickschnack aufgelegt. So ganz ohne sah dieser Typ fast nackt aus.

Ich kramte wieder die Meeresherrinnenstimme hervor. »Du trittst ungebeten in mein Gemach ... Sterblicher?«

Er wusste gar nicht, wo er hinschauen sollte, darum starrte er auf den Boden. »Ich hatte, habe, hatte, habe Befehl, dich zu holen«, entschuldigte er sich.

Ich schätzte ihn auf vielleicht sechzehn. Seine Stimme war bereits tief, er war auch ausgewachsen, doch er strahlte die Tollpatschigkeit eines jungen Hundes aus, der noch nicht in seine Pfoten hineingewachsen ist.

»El’i«, kreischte Tamera von der Tür aus. »Was tust du hier?«

Das Mädchen kannte ihn? Aber wieso sollte mich das überraschen?

»Ich führe meine Befehle aus.« Er sah sie höchstens eine Sekunde lang an.

»Sie ist eine haDerkato! Man platzt nicht einfach so in das Zimmer einer Göttin! Sie könnte dich in eine Schnecke verwandeln!« Nur in eine Schnecke? Tamera traute mir offenbar nicht allzu viel zu. »Verschwinde, ehe sie es sich anders überlegt.« Damit schob Tamera ihn hinaus.

In der Tür blieb El’i stehen. »Ich warte draußen auf dich, Meeresherrin. Vergib mir mein schlechtes Benehmen.« Darin deutete sich bereits der Mann an, zu dem er heranwachsen würde: kompetent, ernsthaft, respektvoll. Bevor ich auch nur mit einem gnädigen Queen-Elizabeth-Winken reagieren konnte, knallte Tamera ihm die Tür vor der Nase zu.

Sie zeterte und ereiferte sich über El’i, bis ich fertig angezogen war. Mein Kleid war blau und hatte eine Schärpe in verschiedenen Grüntönen, Blau und Silber. Dazu trug ich meinen

Neonschmuck, den ich in kaltes Wasser getunkt hatte, um ihm neues Leben einzuhauchen, zusätzlich hatte sie mir ein silbernes Band ins Haar gesteckt. Ich blickte auf die Sandalen, die ich mitgebracht hatte. Sie waren sexy, kess und kosteten wahrscheinlich mindestens ein Monatsgehalt.

Noch ein Grund, RaEm zu erwürgen. Was hatte sie in dieser Nacht da draußen gesucht? Laut Cammy war RaEm während einer äußerst lockeren Ramadanparty, auf der sie ihren Geburtstag gefeiert hatte, plötzlich spazieren gegangen. War sie nur zufällig über das Portal gestolpert? Und was war aus Phaemon geworden?

Ich schlüpfte in die Sandalen und wuchs auf den Schlag um acht Zentimeter. Mimi hatte mir mal erklärt, dass Männer auf hohe Absätze stehen, weil sie glauben, wir könnten darin nicht weglaufen. Als ich wie auf Stelzen die ersten Schritte wagte, begriff ich, dass sie damit vielleicht gar nicht so falsch lag.

Als Erstes strich Tamera Farbe auf meine Lider, dann dekorierte sie mein ganzes Gesicht mit farbigen Kringeln und Schleifen auf Schläfen und Stirn, Wangen und Kinn. Ich würde mir das Gesicht waschen müssen, ehe ich versuchte, in der Menge unterzutauchen. Schließlich umringte sie auf meinen Wunsch hin meine Augen mit Bleiglanz.

Nachdem sie mich mit Zimt- und Minzdüften überschüttet hatte, rief Tamera nach El’i. In den kurzen Sekunden, während sie mir den Rücken zuwandte, schnappte ich mir mein kleines Überlebenspäckchen. Nach einem Nicken zu Dagon hin wurde ich von El’i aus dem Tempel eskortiert.

Auch wenn das Gebäude ausgesprochen praktisch aussah, war es von keiner Künstlerrasse errichtet worden. Sondern von Handwerkern, die nach einem Minimum an Aufwand strebten.

Malereien gab es nur wenige; Vergoldungen oder Edelsteine überhaupt nicht. Weiß gekalkte Lehmziegelwände und Steinpfeiler stützten ein Dach aus Stroh und Holzträgern. Schlichte Räucherschalen aus Messing wurden von ein paar Menschen mit Fischkopfmasken betreut. Der Tempel erfüllte seinen Zweck, doch er war kaum majestätisch zu nennen.

Ich trat in die kurze Mittelmeerdämmerung und kletterte in einen Ochsenkarren. El’i führte die Tiere, deren Hörner mit Muscheln und Glocken geschmückt waren. Sie gingen in schwerem, langsamem Schritt und ließen mir dadurch Zeit, mich auf der Fahrt durch die Stadt umzusehen. Offenbar ging alle Welt zu diesem Ritual. Menschen säumten die Straßen, anfangs flüsternd und singend - noch mehr Dagon-Verse! -und schließlich laut rufend, dass ich sie retten würde. Dagon war bereit, ihnen zu vergeben! Ich würde Ägypten zu den Pele-sti bringen! Wir würden die Teraphim zurückbekommen! Die Ernte würde nie wieder schlecht ausfallen!

Ein Ritual. Verdammt. Je länger wir durch die geraden Straßen fuhren und je näher wir dem Meer kamen, desto nervöser wurde ich. Schon konnte ich das Salz schmecken und einen Hauch von Gischt in der Luft spüren. Ehe wir auf den Boulevard stießen, der parallel zum Strand verlief, fuhren wir in Richtung Süden. Wie konnte ich von hier verschwinden? Ganz gleich, was sie von mir wollten, ich würde ihnen nicht helfen können. Ich verstand nichts von Landwirtschaft. Noch weniger von Fischerei. Es gab keine Chance auf ein Happyend. Ich blickte zurück.

In Fünferreihen folgten sie dem Karren.

Ich blickte nach vorn.

Eine Menschenmenge hatte sich im Sand niedergelassen und schaute hinaus aufs Wasser. Zwischen einer felsigen Stelle am Strand und einem riesigen Felsen im Meer zog sich eine dunkle Linie hin, die von unten angeleuchtet wurde, und zwar von Männern in kleinen Nachen, die hoch erhobene Fackeln hielten. Innerhalb dieses Felsenbeckens konnte ich die Umrisse von Tieren ausmachen, die ich mit Ägypten in Verbindung brachte: Krokodilen.

Ich hatte gar nicht gewusst, dass Krokodile Salzwasser mochten. Oder war dies ein Süßwasserteich? Wozu waren sie hier?

Wozu war ich hier?

Ich wischte mir den Angstschweiß von der Stirn. Die Menge begann einen Namen zu skandieren: »HaDerkato! HaDerkato!« Tamera hatte mich haDerkato genannt, doch was hatte das zu bedeuten? Hätte ich vielleicht danach fragen sollen? Konnte mir das Lexikon Auskunft geben?

Wir näherten uns einem überdachten Sessel auf einem Plateau oberhalb des Felsens. Überall schwärmten Frauen in Fischgewändern herum. Das Ritual am Meeresrand; ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass ich dabei die Hauptrolle spielen würde. Vor Nervosität blieb mir fast die Luft weg. Was hatte das alles zu bedeuten? Hallo, Lexikon?

Allmählich wurde die Zeit knapp.

Die Bilder kamen prompt, eine Montage von Videos, Zeichentrick und Kunstwerken aus meinem früheren Leben. Ein Mädchen, eine Magd Dagons, wird aus dem Meer gestohlen. Nachdem man Dagon mitgeteilt hat, dass sie weg ist, wird sie ihm wieder dargeboten. Auf ziemlich endgültige Weise.

Falls sie überlebt, nimmt man an, sie sei Dagons Geliebte, die ihre Ernten wiederherstellen kann. Dann lebt die Magd das ganze Jahr hindurch bei dem Volk, damit den Menschen Dagons Gunst gesichert bleibt. Falls sie nicht überlebt, wird sie vom heiligen Fisch, dem Krokodil, verschlungen und auf diese Weise an Dagon zurückgegeben.

Falls sie was nicht überlebt?, fragte ich nervös.

Den Seiltanz.

War das der dunkle Strich, den ich da sah? Ein Seil, das zwischen den beiden Felsen gespannt war? Wie kam ich nur aus dieser Sache raus? Sie erwarteten doch hoffentlich nicht, dass ich über dieses Seil spazierte? Ich sollte einen Seiltanz aufführen? Dass man im Altertum Seiltänze kannte, war mir vollkommen neu.

Wir waren angekommen, unser Karren parkte inmitten einer massiven Menschenmauer. Meine einzige Hoffnung war eine unverhoffte Rettung durch einen Hubschrauber. El’i half mir aus dem Karren und dann die durchgetretene Steintreppe hinauf. Hilfe!, brüllte ich lautlos. Cheftu, wenn du irgendwo in der Nähe bist, jetzt ist es höchste Zeit.

Der Pausenknopf meines Lexikons löste sich. Da kam noch mehr? Die Worte schoben sich über die Leinwand in meinem Kopf wie im Vorspann vom Krieg der Sterne.

Während der roten Flut gibt es eine Einschränkung gegenüber der üblichen Vorgehensweise.

Wobei die so genannte übliche Vorgehensweise darin bestand, dass eine Frau sich zu Tode stürzte und von Krokodilen aufgefressen wurde?

Ich war oben auf dem Felsen angekommen. Hunderte bevölkerten den Strand mit erhobenen Fackeln, alle Blicke waren auf mich gerichtet. Von meinem Standort bis zu dem Felsen im Hafenbecken waren es etwa zwanzig Meter Luftlinie, etwa fünf Meter oberhalb einer Krokodilgrube. Was sollte das - spielte ich hier live in einem Videospiel mit?

Etwa sieben Meter zu meiner Linken konnte ich auf Bodenhöhe einen Tümpel erkennen. Wie tief er war, konnte ich nicht einmal vermuten, doch er war einigermaßen groß. Der Wind blies mit aller Kraft und peitschte mir das Haar ins Gesicht. Wir lauschten gerade dem zirka neunhundertsten Dagon-Vers.

Ganz im Ernst, meine Alternativen waren recht beschränkt. Ich konnte unmöglich zwanzig Meter über ein Seil balancieren. Also würde ich als Krokodilköder enden? Ich sah wieder zu dem Teich hinüber, offenbar eine Art heiliger See innerhalb des Tempelbezirks. Konnte ich es bis dorthin schaffen, ohne mich dabei umzubringen? Und wie würde ich von hier, von diesem dämlichen Seil aus, dorthin gelangen? Wäre ein Sprung tödlich? Gott, womit hatte ich das nur verdient?

Das Lied endete. Tamera trat vor und bewegte den Mund, doch ihre Worte wurden vom Wind fortgerissen. Sie kniete vor mir nieder und deutete auf die Plattform. Sie war weniger als zwanzig Zentimeter tief und ungefähr dreißig breit. Wie viele Dagon-Bräute waren schon auf diese Weise gestorben?

Unten wurden die Fackeln gelöscht.

Tameras Hand auf meiner Schulter machte mir noch mehr Angst. »Warte, haDerkato. Erst muss die Geschichte erzählt werden.«

»Lasst euch Zeit«, erwiderte ich. Es war mir doch wohl nicht bestimmt, in einer lahmen Vorform von Zirkusshow zu sterben? War Cheftu hier, in der Menge, und schaute zu?

Würde er mich dadurch erkennen? Meine Handflächen waren schweißglitschig. Tamera stieg vor mir ein paar Stufen hinauf und begann die Geschichte vorzusingen. Es war eine bezaubernd lyrische, sirenenhafte Melodie.

Irgendwie würde ich das Seil zum Schaukeln bringen müssen, wenn ich es in den Teich schaffen wollte. Ich schaute hinunter ins Wasser. Vielleicht hatten die Krokodile ja schon gegessen? Und waren nicht mehr hungrig? Der Wind kühlte meinen Schweiß aus, während ich gleichzeitig zuhörte und nach einem Fluchtweg suchte.

Als die Götter der Berge mit jenen der See einst im Kriege lagen, wurden die Sippen verbannt, die einst unsre Ahnen waren.

Quer über haYam entflohen wir ihrem Groll, um hier zu siedeln, wo es flach ist und friedvoll.

Doch dem Gott des Meeres schulden wir noch heute Leben und Einkunft, Kriegsglück und Seelenfreude.

Dagons Lust kennt keine Grenzen, er verführt, wen er begehrt. In Mexos ’ Gestalt kam er von jenseits haYams zu einer Maid, sie zu umschmeicheln, sie aus dem Volk seiner Mutter in die Ehe zu gleiten, und hielt an um ihre Hand.

Sie war Derkato, ihr Anblick war eine Pracht. Ihre Stimme war hoch wie das Meer im Morgen, ihr Haar war wie die See bei Nacht. Mexos-Dagan suchte sie im Weinberg, im Feld und im Tal. Zuletzt fing er sie auf diesem Felsen, wo sie ihm nicht mehr entkam.

Ihre Rufe an die Muttergöttin blieben ungehört, sie konnte nur noch durch die Luft entschweben, sie konnte auf Dagons Gnade bauen oder sich Mexos als Geliebte ergeben.

Obgleich er um ihre Liebe weinte, ergriff sie die Flucht, die jungfräuliche Umarmung des Meeres sie sucht. Doch als sie unter den Wogen erwachte, war ihr Liebhaber längst schon da.

Dagon gewann den Leib der schönen Derkato, auch wenn ihre Seele gestorben war.

Das Lied war zu Ende, Tameras letzte Note schwebte davon zu den Sternen und stieg zum Vollmond auf.

Nach dieser Legende hatten sie mich also benannt? Nach diesem unglückseligen Wesen? Zwanzig Meter, war das zu schaffen? Aber was kam danach? Die alten Völker und ihre landwirtschaftlichen Methoden. Scheiße.

Ich musste es einfach hinüber schaffen. Irgendwie musste ich es einfach hinüber schaffen. Wenn ich mich nur irgendwie festbinden konnte . festbinden! Womit nur? Tamera sprach oder sang immer noch oder machte weiß Gott was, also fuhr ich hastig mit den Händen über meinen Körper. In meinem Notpaket war nichts Brauchbares. Meine Schärpe bestand aus leicht reißendem Stoff, mein Kleid war nutzlos. Ich schlüpfte aus meinen Sandalen, denn die waren Todesfallen.

Was nur? Was nur? Ich sah an mir herab und erblickte die Antwort.

Neon!

Die Neonhalskette bestand aus einer chemischen Flüssigkeit in einer Plastikhülle - und war über einen Meter lang. Sie würde nicht ewig halten, aber vielleicht lange genug, damit ich das Gleichgewicht wieder fand, falls ich ausrutschte? Konnten sie mich sehen? Verstieß ich damit gegen irgendwelche Regeln?

Ach Quatsch, wen kümmerte das. Mit zittrigen Fingern löste ich das Halsband und ging in die Hocke, einen Fuß auf dem Seil - das etwa sieben Zentimeter breit war -, den anderen noch auf der Plattform. Ich musste das Gelenk festbinden, damit mir noch genug Bewegungsfreiheit blieb.

Es war ein hirnrissiges Vorhaben, doch dass ich als Krokodilhäppchen endete, kam überhaupt nicht in Frage. Ich hatte Cheftu ein Versprechen gegeben. In unserer letzten gemeinsamen Stunde hatte ich ihm dasselbe geschworen wie er mir: Ich würde überallhin gehen, in jede Zeit, um ihn zu finden. Und was ich versprach, das hielt ich auch. Schließlich war ich eine Kingsley.

Tamera verstummte. Die meisten Fackeln waren gelöscht.

Sie legte mir einen Finger auf die Schulter. War das mein Startzeichen?

Das einzige Problem bei meinem Plan war, dass das Plastik nicht fest schloss. Ich hatte es mehrere Male um meinen Knöchel geschlungen, doch es bildete keinen festen, Sicherheit gebenden Knoten. Zu blöd. Tamera stupste mich noch mal an. Meine Gedanken überschlugen sich. Was könnte ich sonst noch verwenden? Ich fasste nach oben: Ohrringe. Mit Steckern und Gegensteckern!

»Ruft meinen Geliebten für mich an«, befahl ich ihr. »Dagon will unsere, ähm, Verehrung und Liebe spüren.«

»Meeresherrin -«, setzte sie an.

»Macht schon!«, befahl ich. Gleich darauf hörte ich erneut ihre Stimme über mir. Sie sang eine Art Choral, in den die versammelten Pelesti einstimmten. Gleichzeitig zog ich die Ringe aus meinen Ohren, kniete nieder und jagte den Stecker gleich hinter dem letzten Knoten durch den Plastikschlauch. Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme - es konnten gar nicht genug sein - löste ich meine Schärpe und schlang sie um die Plastikknoten, um sie durch den Stoff zu verstärken.

»HaDerkato!«, rief Tamera. Unter mir wurde die letzte Fak-kel gelöscht. Das Neon war bereits wieder verblasst, doch es glühte immerhin noch so hell, dass ich einen Schritt voraussehen konnte. »Ogottogottogott«, flüsterte ich fast unter Tränen.

Sie begannen meinen Namen zu singen. Ich wagte mich einen Schritt vor und merkte, dass mich mein Kleid umbringen würde. Ohne lange nachzudenken, streifte ich es ab. Der Wind war eisig, aber ich konnte mich wenigstens frei bewegen.

Ein Schritt und ich spürte das Seil unter meinen Füßen. Als der erste Fuß einigermaßen sicher stand, zog ich langsam das zweite Bein von der Plattform weg.

Stell dir vor, du stehst auf einem Schwebebalken, redete ich mir ein. Das ist bloß ein Schwebebalken, das ist bloß ein Schwebebalken. Konzentrier dich auf das andere Ende, schau nach vorn. Das tat ich. Dort war alles stockfinster.

O Gott, o mein Gott.

Schwebebalken, Chloe. Erinnere dich, weißt du noch, wie es in deiner Kinderzeit war? Erinnerst du dich an den Stützpunkt in Südspanien? Wie gern hast du geturnt. Du hast Turnunterricht genommen ... Ich schob das erste Bein vor und spürte, wie sich der Neonschlauch um meinen Knöchel zusammenzog. Meine Zehen berührten und erfassten gleich darauf das Seil.

Einen Sekundenbruchteil kam ich ins Schaukeln, dann spürte ich, wie ich das Gleichgewicht wieder fand. Ich stand fest und bequem. Die nächsten paar Schritte waren einfach, Schrittlänge und Timing schienen das einzig Problematische zu sein. Dann brachte mich eine Windbö aus dem Gleichgewicht. Ich hörte, wie ich den Atem anhielt, und wurde erneut von Angst gepackt. Das Gleichgewicht halten, Chloe. Mach langsam, ganz langsam.

Ehe wir aus Spanien wegzogen, war ich innerhalb weniger Wochen von einem Meter fünfundsechzig auf einen Meter fünfundsiebzig geschossen.

Wieder machte ich ein paar Schritte. Meine Brustwarzen waren so kalt, dass sie sich wie aufgeklebt anfühlten. Meine Beine zitterten vor Anstrengung. Mein Haar war schweißnass, und ich konnte immer noch nicht das Ende des Seiles sehen. Weiter, ermahnte ich mich selbst. Erinnerst du dich an den Sommer damals? Ich war heim nach Texas geflogen, zu meiner Großmutter Mimi. Sie hatte mich nur kurz angeschaut und mich dann woanders angemeldet. Beim Ballett. In der Mannequinschule. In der Tanzschule. Sie ließ mich mit einem Buch auf dem Kopf herumlaufen, sie schaute zu, während ich ohne Ende Tendus, Demipliés und Relevés übte; sie ließ sogar eine Ballettstange auf der hinteren Veranda anbringen.

Noch ein paar Schritte; es wurde allmählich leichter. Noch ein paar. Ich hatte schon fast die Hälfte geschafft! Das flüchtige Gefühl des Beinstreckens und langsamen Vorgleitens war sofort wieder da. Der Wind hatte sich gelegt; die Menge war verstummt. Mit zusammengebissenen Zähnen entkrampfte ich die Fußsohle und brachte sie behutsam nach vorn, bis knapp vor den anderen Fuß. Ich wollte mein Gewicht in den Hüften und Schenkeln nicht verlagern, deshalb kamen große Schritte nicht in Frage. Noch ein Schritt, inzwischen war mir so heiß, dass ich schwitzte. Die Arme hatte ich zur Seite gestreckt, um besser Balance halten zu können.

Bis ich aus Texas abreiste und zu meiner Familie zurückkehrte, die mittlerweile in die Türkei umgesiedelt war, hatte ich meine Glieder wieder unter Kontrolle. Ich hatte noch mal ein, zwei Zentimeter zugelegt, doch ich verstand mich zu bewegen. Als Mimi mich zum Flughafen brachte, zu dem Flug nach Rom, wo ich umsteigen musste, hatte sie mich in die Arme geschlossen. Ich hatte ihr gedankt.

Und mitten in meiner Dankesrede -

Begann das Seil zu wackeln. Die Menschen schrien auf. Ich stürzte.

Weil ich festgebunden waren, blieben meine Füße am Seil; außerdem hatte ich mich mit den Händen festgehalten. Doch mein Körper hing jetzt nach unten. Unter mir sperrten die Krokodile erwartungsvoll ihre Mäuler auf. Ich zögerte keine Sekunde; ich zog mich wieder auf das Seil hoch, mit brennenden Händen und einer ganz oder fast ausgerenkten Schulter.

Das Seil wackelte zwischen meinen Schenkeln hin und her. Die Neonfessel hatte sich verdreht, sodass ich verkehrt herum auf dem Seil zu liegen kam. Die Zuschauer zischten.

Worte, bei denen sich Mimi im Grabe umgedreht hätte, schossen aus meinem Mund. Auf dem Bauch liegend und gegen die Tränen ankämpfend fragte ich mich, wie ich wohl wieder hochkommen sollte. Scheiße! Scheiße! Konnte ich mich mit den Händen bis zum anderen Ende schieben?

Die Menschen unter mir klangen nicht besonders begeistert. Scheiße! Nach einer Auszeit, die erst zu Ende war, als der Schweiß auf meinen Händen getrocknet war und ich meine Fußfessel entwirrt hatte, stand ich wieder auf.

Ganz vorsichtig, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen, arbeitete ich mich erst in eine Fötusstellung und dann in die Hocke hoch. Es war genau wie beim Wasserskifahren. Ganz, ganz langsam aufstehen. Meine Beine schlotterten, doch ich stand wieder auf den Füßen.

Unter mir brachen sie in Jubel aus.

Ich schaute nach vorn; immer noch dunkel, aber nur noch halb so schwarz.

Nach zwei weiteren Stürzen ertastete ich endlich die Felskante. Meine Schulter war inzwischen komplett ausgerenkt. Ich brach auf dem festen Stein zusammen und zerrte mit meiner unversehrten Hand an der Neonschnur. Ich musste sie verschwinden lassen, ich ahnte nämlich, dass sie einen solchen Beschiss nicht gutheißen würden.

Hände legten sich auf mich, Wein netzte meine Lippen und für kurze Zeit spürte ich nur noch den Adrenalinrausch, es geschafft zu haben. O Gott, ich hatte überlebt! Danke, petroche-mische Industrie! Danke, Gott! Meine Hände zitterten zu stark, als dass ich mir das Gesicht abwischen konnte. Meine Schulter schmerzte unerträglich.

Ich hoffte nur, dass ich den Felsen nicht mehr hinunterklettern musste. Ich glaubte nicht, dass ich noch stehen konnte.

»HaDerkato?«, fragte Tamera.

Jemand zerrte an meinem ausgerenkten Arm; ich hörte mich schreien, dann wurde es schwarz um mich herum.

Nur weil RaEm von Chloes Welt erzählte, war sie zu ertragen. Sie erzählte Cheftu von Chloes Schwester, der Ägyptologin Camille; von Chloes Kleidung, die größtenteils schwarz und asymmetrisch geschnitten war; von Chloes Exfreunden, die RaEm zwar aus halb verblassten Erinnerungen seiner Geliebten gestohlen hatte, die ihm aber dennoch unangenehm waren; und von Chloes Tätigkeit als Grafikerin. Für RaEm war Kunst etwas, das Sklaven und Dienern vorbehalten und somit weit unter ihrer Würde war.

Soweit Cheftu erkennen konnte, hatte RaEm, nachdem sie sich monatelang gegen die gemachte Erfahrung gesträubt hatte, beschlossen, die Rolle der Chloe zu spielen. Ihm fiel auf, dass jeder von ihnen, er, RaEm und Chloe, nach dem ersten Zeitsprung in eine fremde Rolle geschlüpft war. Weil sie Angst davor hatten, entdeckt zu werden? Oder war das einfach auf die Erkenntnis zurückzuführen, dass man, wenn man sich nicht einfügte, in einer fremden Welt ungeheuer einsam war?

Allerdings hatte RaEm ihre Fassade von Anfang an nur notdürftig aufrechterhalten können, denn ihr fehlte jedes Talent. Chloes Malsachen hatte sie kein einziges Mal angerührt, was in der Neuzeit anscheinend einige Fragen aufgeworfen hatte. Doch hätte RaEm sich, falls sie sich anders geäußert oder anders gehandelt hätte, um einige physische Annehmlichkeiten und um Gesellschaft gebracht. Und das würde RaEm auf gar keinen Fall tun. Dennoch hatte es ihr keine Ruhe gelassen, dass sie in Chloes Zeitalter und Gesellschaft so unbedeutend sein sollte; das wusste er inzwischen.

Natürlich wusste er inzwischen alles. Er wusste, dass sie Neon und fluoreszierende Materialien liebte sowie alles, was im Dunklen leuchtete. Er wusste, wer J. R. erschossen hatte. Er kannte alle Speisen, die im Hilton von Kairo serviert wurden.

Dieses Wissen wäre angenehm, sogar unterhaltsam gewesen, wäre es nicht mit negativen Kommentaren durchtränkt worden. Mit Klagen und Sticheleien, die ihre Weltsicht prägten. Sechs Tage mit dieser Frau zusammen auf einem Felsen - durch diese Strafe waren gewiss all seine Sünden getilgt!

Der Wassermangel machte sich bemerkbar, beide litten unter grauenvollen Kopfschmerzen. Salzwasser zu inhalieren verätz-te nur ihre Nasenhöhlen, und das wenige Süßwasser, das sie auflecken konnten, machte sie krank. Die Situation spitzte sich allmählich zu.

Er besaß immer noch die Orakelsteine, die Urim und Thummim, die er und Chloe aus Aztlan mitgebracht hatten, doch RaEm sollte keinesfalls erfahren, dass er sie bei sich hatte. Da das Inselchen kaum breiter war, als er von Kopf bis Fuß maß, gab es keinerlei Intimsphäre. Falls sie erfuhr, dass er die Zukunft vorhersagen oder zumindest mit dem einen Gott Verbindung aufnehmen konnte, würde sie ihn wahrscheinlich umbringen. Die Vorstellung, RaEm könnte in die Zukunft schauen, war beängstigend. Wie würde sie dieses Wissen für sich ausnutzen ... diesen Gedanken wollte er lieber nicht weiterspinnen.

Er wälzte sich auf die Seite.

Bald würde die Abenddämmerung des sechsten Tages anbrechen. Das mit dem Angeln hatte drei Tage lang ganz gut funktioniert, doch die vergangenen drei Tage hatten ihm nichts eingebracht. Nichts außer RaEms stichelnden Nörgeleien und ihren egozentrischen Bemerkungen.

Schließlich war Cheftu ihr über den Mund gefahren. Sie hatte ihn mit obszönen Beschimpfungen überhäuft und dann den restlichen Tag nur aufs Wasser gestarrt. Eigentlich war es ganz angenehm gewesen, so in aller Stille vor sich hin zu dösen.

War das gestern oder vorgestern gewesen? Er konnte sich nicht mehr entsinnen, er konnte sich keine andere Zeit mehr vorstellen als jenen Moment, den sie gerade durchlebten. Er hatte so lange auf den Horizont gestarrt, dass sich das Bild in seine Augäpfel geätzt hatte; ob Morgen, Mittag oder Abenddämmerung machte keinen Unterschied.

Wieder ging sein Blick übers Wasser, aber Moment! War da nicht ein Schatten? Langsam setzte er sich auf und beobachtete, wie der Schatten an Masse gewann. Es wurde schon dunkler, doch er war sicher, dass da ein Schiff fuhr! Wie konnte er die Seeleute nur auf sich aufmerksam machen?

Was hatte das Schiff hier zu suchen?

Die ganze Nacht hindurch heftete Cheftu seinen Blick auf denselben Fleck und betete dabei, dass er nicht halluziniert hatte, dass der Schatten am nächsten Morgen noch da sein würde. Als das Licht auf sein Gesicht fiel, wachte er mit einem Ruck auf und starrte hinaus aufs Wasser. Kein Schiff.

Die Enttäuschung war so bitter, dass er sie auf der Zunge schmeckte. Sie würden verdursten, inmitten von lauter Wasser. Vielleicht sollte er die Steine befragen; was sollte denn jetzt noch geschehen? Er schaute über die Schulter zurück, nur für den Fall, dass er sich in der Richtung getäuscht hatte.

Das Schiff hielt genau auf sie zu! Das war ihre Rettung! Ein Wunder!

»RaEm, schau! Schau!«

Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen.

»Ob sie uns sehen?«

»Ganz bestimmt«, sagte Cheftu. »Sie halten genau auf uns zu.« Er sah wieder auf das Schiff und versuchte einzuschätzen, in welcher Epoche sie sich befanden. Die Takelage war nicht typisch ägyptisch, trotzdem leuchtete auf dem Toppsegel ein ägyptisches Zeichen. »Was ist das für ein Symbol?«, fragte er.

»Die Scheibe mit den Händen?« RaEm blinzelte zu dem

Tuch hoch, das sich im Wind blähte.

»Ist das eine Hieroglyphe?«

»Nein, ich glaube nicht.«

Das Schiff steuerte immer noch genau auf sie zu, doch es behielt auch sein Tempo bei. Im Gegenteil, es beschleunigte noch, denn es setzte Segel und Ruder ein. »Bist du sicher, dass sie uns gesehen haben?«, fragte RaEm. Sie waren beide aufgestanden; die Hoffnung hatte ihnen neue Kraft verliehen.

Das Schiff würde an ihrer Insel zerschellen!

»Nein«, erkannte Cheftu. »Sie sehen uns nicht! Wir müssen schreien, brüllen, sie warnen.«

Plötzlich drehte das Schiff ab, weg von ihnen und der Insel.

»Was in Horus’ Namen tun sie da?«, entrüstete sich RaEm, die Hände in die Hüften gestemmt. Wenn das Schiff seinen jetzigen Kurs beibehielt, würde es einfach an ihnen vorbei segeln.

Vorbeisegeln und sie zurücklassen. Cheftu legte die Hände an den Mund und brüllte aus Leibeskräften. Würden sie seine Rufe über dem Schlag der Trommel hören? Wieder hielten die Ruderer inne und die Segel welkten dahin. Das Schiff kam zum Stehen.

RaEm und Cheftu sahen stehend zu, wie die Sonne aufging. Sie hörten Gesprächsfetzen, konnten aber nichts verstehen.

»Was tun sie da?«

RaEm war vom vielen Schreien schon heiser.

»Das kann ich beim besten Willen nicht sagen«, antwortete Cheftu und blinzelte zum Schiff hin. Plötzlich setzten die Ruder wieder ein, sodass das Schiff fast rückwärts setzte.

»Sie werden uns hierlassen!«

RaEm sprang ins Wasser und schwamm auf das Schiff zu, das jetzt wieder von ihnen wegsegelte.

Cheftu sah entsetzt zu. Was für eine Farce! Das durfte doch nicht wahr sein! Er schob die Finger in den Mund und blies mit aller Kraft, sodass der schrille Pfiff bestimmt bis Kreta zu hören war.

Das Schiff kam zum Stehen.

»Mann über Bord!«, rief jemand. Cheftu sackte erleichtert in sich zusammen, als er sah, wie ein Kahn an der Schiffswand herabgelassen wurde und auf RaEm zuruderte.

Grâce à Dieu! Welcher Idiot stand denn da am Steuer?

Erstaunt, dass RaEm ihn nicht vergessen hatte, verfolgte Cheftu, wie der Kahn sich seinem Inselchen näherte. Als das Boot größer wurde, erkannte er, dass drei Männer darin saßen. Zwei ruderten, der dritte hatte den Kopf über die Reling gehängt. Was für ein Seemann war das denn?

Das Boot setzte auf dem Felsen auf. Die beiden Matrosen kümmerten sich gar nicht um RaEm, sondern halfen dem Dritten, einem spindeldürren Ägypter, an Land. Mit einer präzisen, extravaganten Geste wischte sich der Mann das Gesicht ab und wandte sich dann an Cheftu.

»Aii, du Narr! Was im Namen des großen Gottes Aton tust du hier, so mitten im Meer? Sprich!«

Cheftu starrte den Mann wortlos an, komplett überfahren durch die vehemente Begrüßung.

»Sprich! Oder bist du vielleicht ein ungewaschener Ausländer, der keine zivilisierte Sprache versteht?«

»Es verschlägt ihm bisweilen die Sprache, wenn er einem so angesehenen Reisenden gegenübersteht«, meldete sich RaEm mit einer Stimme zu Wort, die auf wundersame Weise mürrisch und respektvoll zugleich klang. Der Mann warf ihr einen abschätzigen Blick zu, und Cheftu sah RaEms Nasenflügel vor Zorn erbeben.

»Ist das dein Sklave?« Der Mann sah Cheftu an und deutete dabei mit dem Daumen auf RaEm. »In diesem Fall musst du mehr Gold verdienen und dir einen gesünderen kaufen. Er sieht aus, als würde er bald sterben.«

»Sklave?«, wiederholte RaEm entrüstet. »Er?«

Der Mann schenkte ihr gar keine Beachtung, sondern wandte sich ausschließlich an Cheftu. »Bist du ein Bauer? Oder ein Handwerker?« Er schaute über die Schulter zurück. »Ihr habt ja nicht einmal ein Dach über dem Kopf! Welche Götter haben euch nur an einen so elenden Ort verbannt?«

»Der eine Gott«, mischte sich RaEm ein.

»Verzeih mir«, meinte Cheftu in äußerst diplomatischem Tonfall, »doch wer bist du?«

»Wenamun - aii, nein, ich bin Wenaton. Herr Wenaton. Botschafter Wenaton.«

Cheftu und RaEm wechselten einen Blick. Er wusste nicht, wie er hieß?

»Fünfundzwanzig Überschwemmungen lang war ich Wena-mun, doch dann hat dieser Geck sich den Thron unter den Nagel gerissen und Amun-Re verbannt, und wir mussten alle unsere Namen ändern«, grollte er.

»Er hat den König der Götter verbannt?« RaEms Stimme hob sich entsetzt.

»Ruhe, Mann!«, bellte er. »Es ist ein Verbrechen, auch nur seinen Namen zu nennen.«

»Ich bin eine Frau«, zischte RaEm ihn an. »Kannst du das nicht sehen?«

Wenaton warf einen kurzen Blick auf ihre Brüste und ihren Rock. »Aii, das bist du wohl.« Er sah wieder Cheftu an. »Der Aton hat uns alle durcheinander gebracht - Männer, Frauen, alle sehen heutzutage gleich aus.«

»Wer oder was ist der Aton?«, fragte Cheftu.

Wenaton drehte sich um und deutete auf das schlaff am Mast hängende Segel. »Siehst du diese Scheibe mit den Händen?« Cheftu und RaEm nickten einträchtig. »Das ist der Aton. Die kleinen Hände sind die Sonnenstrahlen, die er ausschickt und mit denen er unsere Köpfe berührt.« Er senkte wieder die Stimme. »Pharao hat er damit sogar im Kopf berührt, wenn ihr mich versteht.«

Wieder tauschte Cheftu einen Blick mit RaEm. »Was führt dich hierher, Herr?«, erkundigte sich Cheftu.

»Ich bin gerade auf der Heimfahrt aus Tsor. Dieser unnütze Sohn eines Ziegenhändlers, Zakar Ba’al, hat mich zwei Jahreszeiten lang warten lassen, ehe er Pharaos Wunsch nachgekommen ist, etwas Holz auszuführen.«

»Holz?« Cheftu kam sich allmählich vor wie ein Papagei, derart idiotisch wiederholte er jedes zweite Wort, doch es gab so viel zu verstehen, so viel zu verarbeiten. Ihm war leicht im Kopf, und er war durstig; wahrscheinlich hing das damit zusammen.

»Genau. Pharao. Seine hohe Geckenhaftigkeit errichtet soeben den nächsten Anbau zu seinem Kochpott von Palast in Achetaton.«

»Wieso nimmt er keine Lehmziegel?«

»Also, dieser Aton«, Wenaton sah zur Sonne auf und machte das Zeichen gegen den bösen Blick, »der ist verflucht heiß in Achetaton. Lehmziegel sind viel zu heiß, um darauf zu gehen, deshalb brauchen wir Holz für die Böden im Palast und im Tempel.«

»Wieso sollte der Boden des Tempels heiß werden?«

»Weil die Sonne darauf scheint, du Idiot!«, fuhr Wenaton ihn an. »Bist du ein Bauer? Weißt du etwa nicht, dass die Hitze der Sonne den Boden erwärmt?«

»Der Tempel hat doch ein Dach, um die Menschen vor der Hitze zu schützen«, erwiderte Cheftu langsam und mit mühsam gezügeltem Zorn.

»Nein.«

»Nein?« Jetzt war es an RaEm, ihn zu wiederholen, und zwar mit so weit aufgerissenen Augen, dass Cheftu rund um die Pupillen das Weiße sehen konnte.

»Nein«, bestätigte Wenaton. »Er hat kein Dach.«

»Was für ein Idiot baut so etwas?«, fragte RaEm.

Ausnahmsweise war Cheftu mit ihr einer Meinung.

Wenaton schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht, aber entworfen hat es Pharao. Amun-Re, der nicht wollte, dass das wenige Gehirn seiner Priester auch noch verglüht, hatte Tempel mit Dächern. Es war sogar kühl darin, falls du jemals in einem warst.« Er betrachtete Cheftu mit seinem langen, lockigen Haar.

»Offenbar nicht«, urteilte Wenaton schließlich. »Jedenfalls will der Aton sein Licht auf uns herabregnen lassen. Und zwar den ganzen Tag. Jeden Tag. Von morgens bis abends. In heißer, glühender Hitze.« Wenaton legte eine Hand an die Stirn. »Die Seereise hat meine Brandblasen geheilt, aber du hättest sie sehen sollen! Ich habe mich geschält wie eine Zwiebel aus Ashqelon! Was für ein Opfer an Aton.«

»Widerwärtig«, bekundete RaEm von oben herab.

»Das ist die neue Hoftracht. Ein Sonnenbrand.

Ein Sonnenbrand bezeugt, dass man ein guter Ägypter und dem Aton treu ergeben ist.«

Wenaton zögerte einen Augenblick und wirkte plötzlich weniger lächerlich und wesentlich nachdenklicher.

»Die Gesandten aus dem Ausland sind überzeugt, dass Pharao verrückt geworden ist«, meinte er betreten. »Die meisten Adligen Ägyptens haben ihm bereits abgeschworen.«

RaEm sah den kleinen Mann mit offenem Mund an.

Wahrscheinlich hatte sie noch nie gehört, dass jemand nicht zufrieden mit der herrschenden Klasse war, und schon gar nicht in Ägypten. Cheftu erstickte ein Lächeln. Was sie wohl sagen würde, wenn er ihr erzählte, dass seine Landsleute ihren Monarchen Louis XVI. nicht nur abgesetzt, sondern auch einen Kopf kürzer gemacht hatten?

Rebellion war im alten Ägypten unbekannt, denn Pharao war die Verkörperung Gottes. Wenigstens war Rebellion früher im alten Ägypten unbekannt gewesen.

»Wer ist Pharao?«, erkundigte sich Cheftu vorsichtig.

Der Kleine richtete sich zu voller Größe auf, drehte die Handfläche nach oben und hob die Hand. »Pharao, ewig möge er im Aton leben!, ist Echnaton.«

Ech-na-ton, wiederholte Cheftu im Geist. Er lebt in Ach-et-a-ton, das offenbar nach ihm benannt wurde.

»Wer ist seine Gefährtin?«

Cheftu sah, wie die Räder ihrer Habgier zu mahlen begannen.

»Ah, früher war das Nofretete. Was für eine Frau ...«

Wenaton verstummte mit verträumter Miene. »Sie hat sogar wie eine Frau ausgesehen. Zu schade, dass sie verbannt wurde. Sogar über das große Grün verschifft wurde, glaube ich. Ihr Gesicht war so lieblich, dass ihretwegen tausend Schiffe Segel gesetzt hätten.« Er seufzte wieder.

Cheftus Haut kribbelte. Wann würden diese Männer ihnen etwas zu trinken geben? Seine Zunge war festgeschwollen.

»Wenn sie nicht mehr da ist, wer regiert dann an Echnatons Seite?«, schmunzelte RaEm den spindeldürren Botschafter an.

»Niemand lange. Pharao hat alle seine Töchter geheiratet, in dem Versuch, einen Sohn und Thronerben zu zeugen.« Der kleine Ägypter wischte sich die Nase an der Handfläche ab. »Seit zwei Überschwemmungen habe ich keinen Fuß mehr auf ägyptischen Boden gesetzt. Neues werde ich erst erfahren, wenn wir im Delta anlegen.«

Auf einen Ruf hin drehten sie sich um, und Wenaton strahlte vor Freude, als er das Schiff jetzt dicht vor der Insel liegen sah. »Aii, ich weiß es zu schätzen, dass ihr mich in eurem Heim empfangen habt.« Er verbeugte sich. »Der Aton segne euch.«

»Warte!«, rief RaEm. »Du kannst uns nicht hier zurücklassen! Hier haben wir überhaupt nichts!«

»Daran hättest du denken sollen, als du diesen langhaarigen Gecken geheiratet hast. Wovon lebst du eigentlich?«, wandte sich Wenaton an Cheftu.

»Wir sind nicht verheiratet«, widersprach Cheftu, die Zähne fest zusammengebissen. »Und ich bin . königlicher Berater«, ergänzte er, ohne sich von RaEms Schnauben aus dem Konzept bringen zu lassen.

Wenaton hielt inne und sah ihn zornig an. »Und wieso bist du dann nackt? Und sitzt hier draußen mit deiner Braut, wenn du nicht mal mit ihr verheiratet bist? Was für ein Berater bist du denn, so ganz ohne König?« Er blickte über Cheftus Schulter. »Oder ist hier irgendwo ein König?«

»Ich war nicht - es ist nicht -«, setzte Cheftu an, dann gab er auf und lief Wenaton hinterher, der bereits in seinen Kahn kletterte. »Herr, wir sind nicht verheiratet. Wir leben nicht hier. Wir sind schiffbrüchig.«

»Bringt uns nach Ägypten«, heulte RaEm. »Bitte, bei aller Liebe zu den Göttern! Wir sind Ägypter!«

Wenaton hielt inne und sah sie abwechselnd an. »Wieso habt ihr das nicht gleich gesagt? Zu dumm, hierher zu ziehen, mitten ins Nichts, wo man nicht das Geringste anbauen kann«, grum-melte er. Er rief einem Matrosen etwas zu, befahl ihm, zwei weitere Schlafmatten vorzubereiten, warf Cheftu einen Umhang zu und ließ sich schließlich in seinem Kahn nieder.

»Hoffentlich vergisst er nicht, uns holen zu lassen«, murmelte Cheftu, während er dem kleinen Boot hinterherschaute und endlich wieder die Wärme festen Leinens auf seinem Körper spürte. Der kleine Ägypter wurde wie ein Paket an der Bordwand hochgezogen, dann wurde das Boot zu Cheftu und RaEm zurückgerudert.

Als sie beide hineingeklettert waren, wechselten sie ein erleichtertes Lächeln - wahrscheinlich der erste nicht feindselige Kontakt seit einer Woche. Cheftu sah sich noch einmal im hellen Tageslicht um. Es war ein Wunder, dass sie gerettet worden waren.

Sie legten längsseits am Schiff an und warteten darauf, dass ein Seil zu ihnen herabgelassen wurde. Sie warteten noch länger. Der Ruf, Anker zu lichten, wehte über sie hinweg, und RaEm hechtete schreiend und trommelnd gegen das große Schiff.

Die beiden Matrosen sahen sich kopfschüttelnd an. Keiner von beiden hatte auch nur ein Wort gesprochen, und Cheftu bemerkte, dass sie keine Ägypter und auch nicht wie Ägypter gekleidet waren. Wenn Echnaton der nicht anerkannte Pharao Ägyptens war, wer war dann sein Vater? Wie war er dazu gekommen, den Aton zu verehren? Die drei Männer schauten zu, wie sich RaEm in die Schlacht gegen die Schiffswand stürzte.

»Was soll das Getobe?«, bellte Wenaton, der oben über die Reling schaute.

»Herr! Bitte nimm uns mit nach Ägypten!«, rief Cheftu nach oben, über RaEms Kopf und Gezeter hinweg.

Ein Seil schlackerte herab und Cheftu zog es straff, um sich hochzuziehen. RaEm sprang auf seinen Rücken, sodass er beinahe das Gleichgewicht verlor. »Glaub bloß nicht, dass du mich so leicht los wirst«, sagte sie schnell. »Ich bleibe bei dir.«

»Schon gut.« Cheftu biss die Zähne zusammen. Seit er mit RaEm zusammen war, tat ihm der Kiefer weh. Und zwar ununterbrochen. »Du hängst an meinem Rücken. Ich kann so nicht klettern, RaEm.«

»Du findest mich zu fett?« Die Entrüstung war ihr deutlich anzuhören.

In Wahrheit war sie dürr wie ein Gerippe und ihrem Körper fehlte jeder weibliche Zug. »Nicht allzu -«

»Mach schon, du Geck!«, rief Wenaton von oben. »Hör auf, mit deiner Dirne zu poussieren, und klettere wie ein Mann nach oben!«

Die Matrosen lachten, auch wenn sie ihr Prusten hinter vorgehaltenen Händen verbargen. Cheftu wünschte RaEm zusammen mit Wenaton auf den Meeresboden, ehe er sich und RaEm die Schiffswand hochzog. Nach Wasser lechzend, brach er auf dem Deck zusammen.

Am nächsten Morgen, nach einer kleinen Mahlzeit aus Obst und etwas Wasser, um ihren Magen zu schonen, sah Cheftu den Wellen zu, die gegen den Schiffsrumpf leckten. Dies sei ein Schiff aus Tsor, von Zakar Ba’al persönlich erbaut, hatte Wenaton behauptet.

Der Botschafter war für Pharao auf Reisen gewesen und nun dabei, zwei Jahre später als vorgesehen, an den Hof zurückzukehren. Cheftu sah, wie sich RaEm bei dem Gedanken an Gold, einen Pharaonenhof und viele Adlige die Lippen leckte. Wenatons Navigator war einen Monat nach dem Ablegen gestorben, und seither versuchten sie, den Heimweg nach Ägypten zu finden.

Jeder der Männer wollte in eine andere Richtung segeln, was jene Segelmanöver zur Folge hatte, die Cheftu und RaEm beobachtet hatten: erst eine halbe Seemeile in die eine Richtung, dann eine Wende, um an den Fleck zurückzukehren, von dem aus sie losgesegelt waren, aber ohne ihn zu finden. Cheftu meinte zu wissen, wo sie waren, also schlug er vor, in Richtung Südosten zu segeln.

Nach langem Lippenkneifen und Stirnrunzeln erteilte Wenaton den entsprechenden Befehl. Die Tsori sahen einander an, setzten dann widerwillig die Segel und wiederholten den Befehl in ihrer eigenen Sprache: »Der alte Narr weiß plötzlich, wie er heimkommt. Setzt die Segel, wir denken uns solange etwas anderes aus.«

Mit aufflammendem Zorn brüllte Cheftu in ihrer Sprache: »Nach Südosten in Richtung Ägypten zu segeln ist das Einzige, was ihr tun werdet!« Die Matrosen erstarrten und sahen ihn entsetzt an. »Am Abend des dritten Tages müssten wir in Ägypten ankommen.«

Wenaton und RaEm verfolgten den Wortwechsel zwischen ihm und den Matrosen wie ein Tennisduell. Cheftus Blick kam auf dem Bootsmann zu liegen. »Herr«, sagte der gerissene Tso-ri, »wir sind weit draußen auf dem Meer; wir haben Monate gebraucht, um hierher zu kommen. Ich fürchte, es wird auch Monate brauchen, bis wir den Nil erreichen, selbst wenn wir wüssten, in welche Richtung wir segeln müssen.«

Cheftu ging über das Deck auf den Mann zu, bis sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. »Wozu ihr auf dem Weg nach Norden Wochen und Monate gebraucht habt, werdet ihr in Richtung Süden genau drei Tage brauchen«, erklärte er tonlos. »Ich weiß es. Ich kenne den Weg.«

Der Tsori erbleichte und senkte den Blick.

»Ihr habt den Botschafter hintergangen«, sagte Cheftu in der Sprache des Bootsmannes. »Glaubt nicht, dass ihr das mit mir tun könnt.« Meine Frau erwartet mich, dachte er. Ich werde mich nicht von euren Komplotten daran hindern lassen, sie wieder zu sehen. »Falls ihr es probiert, werdet ihr meinen Zorn zu spüren bekommen.« Cheftu starrte dem Mann provozierend in die Augen. »Die Antwort, die ich erwarte, lautet: >Ja, Herr.<«

Der Mann schwieg, doch aus seinen Augen leuchtete es rebellisch. Cheftu trat einen Schritt zurück und rief zwei Matrosen herbei, stämmige Kerle mit flinken, dunklen Augen und vorspringenden Nasen. »Dieser Mann ist seines Ranges enthoben«, wies er an. »Er wird in den Schiffskerker gesperrt, bis wir Kemt erreicht haben.«

»Herr -«, protestierte der Bootsmann.

»Sofort«, befahl Cheftu.

Belämmert führten die Matrosen ihren Vorgesetzten unter Deck ab. Cheftu winkte RaEm heran. Sie überquerte das Deck, den Körper keck entblößt. Cheftu flüsterte ihr zu: »Wir können uns nicht darauf verlassen, dass der Bootsmann wirklich eingesperrt wird. Geh ihnen nach und überzeuge dich davon.« Sie nickte knapp. »Vergiss nicht, RaEm, wenn sie meutern, wirst du Ägypten nie wieder sehen, und du wirst auch Pharao nicht begegnen.«

»Darf ich ihn schlagen?« Ihre Lippen waren leicht geöffnet.

Cheftu sah hinaus aufs Wasser, und sein Blut gefror. »Nicht so sehr, dass er medizinische Pflege braucht. Ich habe keine Lust, ihn wieder gesund zu pflegen.« Ihr Atem ging schwer, und ihre Pupillen waren geweitet. »Treib kein falsches Spiel mit mir, RaEm«, sagte er. »Sonst werde ich dir beibringen, was wahrer Schmerz ist. Und jetzt geh«, befahl er, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Matrosen standen wie erstarrt und glotzten ihn an. Cheftu musterte sie der Reihe nach. »Dieses Schiff gehört Wenaton, eurem Herrn. Ihr gehört ihm ebenfalls, ihr seid ein Geschenk eures Königs.« Seine Stimme hallte durch das abwartende Schweigen. »Ihr habt meinen Herrn zum Narren gehalten, doch das hat ab sofort ein Ende.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, es war ihm unangenehm, dass er ihnen drohen musste. Doch andernfalls würden sie sich nicht fügen. Vielleicht hatte man ihnen aufgetragen, den Botschafter irgendwo unterwegs loszuwerden. »Wir werden Ägypten innerhalb einer Woche erreichen, wobei genug Zeit für widriges Wetter eingerechnet ist, andernfalls werdet ihr eure erbärmlichen Segelkünste mit dem Leben bezahlen.«

Sie zuckten zusammen. Gut, dachte Cheftu.

»Euer Bootsmann hat bereits seine gerechte Strafe bekommen. Es wäre schade, wenn noch mehr von euch sie erdulden müssten.« Vor allem, da RaEm sie bis zur Ekstase peitschen würde. Ein Schauder überlief Cheftu. »Und jetzt nehmen wir Kurs auf Ägypten. Und zwar sofort!«

Die Tsori liefen los, um die Segel zu setzen, den Schlag für die Ruderer zu beschleunigen, in die Wanten zu klettern oder unter Deck zu verschwinden. Kurz darauf hatte das Schiff Fahrt aufgenommen, die Segel blähten sich unter dem Wind und die Ruderer legten ein angenehmes, kraftvolles Tempo vor. Wenaton wartete unter dem Mast auf Cheftu.

»Ausgezeichnete Arbeit, Herr«, lobte er ihn ohne jede Vorrede. »Es ist mir eine Ehre, dich an Bord zu haben.«

Cheftu senkte den Kopf, sein Ärger war verraucht. »Es ist von höchster Dringlichkeit, dass ich möglichst schnell in Ägypten ankomme.«

»Wartet Pharao auf dich? Bist du ein Geschenk für den

Thron? Wie bist du mitten im Meer gelandet? Und wie heißt du?« Wenaton zeigte mehr Respekt, aber auch mehr Verstand, als Cheftu ihm zugebilligt hatte.

»Das ist eine lange Geschichte«, antwortete er. Und ich habe sie mir noch nicht ausgedacht. »Um die Wahrheit zu sagen, ich bin müde.« Und ich habe Angst, dir meinen wahren Namen zu verraten. »Sag Chavsha zu mir«, ergänzte Cheftu. Die Namen waren sich in ihrer Bedeutung so ähnlich, dass sich die Täuschung in Grenzen hielt.

Wenaton klatschte in die Hände, und Sklaven eilten herbei. »Du kannst dich in meiner Kajüte ausruhen, Herr Chavsha. Zum Essen werde ich dich wecken.«

Unter Deck gellte ein Schrei. Die Matrosen hielten kurz inne und arbeiteten dann noch emsiger weiter. Cheftu ließ sich in Wenatons Kajüte führen. Kaum hatte er die Tür geschlossen, da wurde sie erneut geöffnet, und RaEm trat ein. Hatte Wena-ton vergessen, dass sie nicht verheiratet waren? Schon wieder hatte Cheftu keine Gelegenheit, die Steine zu fragen, was er unternehmen sollte.

Ob sie in dieser Epoche auch funktionierten?

Würden sie ihm die gewünschten Antworten geben?

Aii, Chloe, Geliebte, wo bist du? Konnte er vielleicht in die Zukunft und in ihre Zeit reisen? Und lernen, ein Flugzeug zu fliegen? Fernsehen? Bei Meckdonnels essen? Jedes Bröckchen, das er über Chloes Welt erfahren hatte, nährte seinen Hunger nach ihr und gab der grässlichen Angst Aufschub, dass ihr letzter Abschied möglicherweise endgültig gewesen war.

Als Cheftu am nächsten Morgen aufwachte, blähten sich die Segel unter dem Wind, und die Matrosen schliefen, spielten Würfel oder erledigten die an Bord anfallenden Routinearbeiten. In der Zeltkajüte sah Cheftu Wenatons Schatten über einen Schreibtisch gebeugt.

War er dabei, die Papyrusdokumente vorzubereiten, die es ihnen erlauben würden, nilaufwärts bis nach Achetaton zu segeln? RaEm hatte sich bereits von ihrer Liege erhoben; er sah sie im Bug sitzen, wo der Wind durch ihr versengtes Haar wehte. Sie gab einen ausgesprochen gefälligen Anblick für die Matrosen ab.

Echnaton. Der Name sagte Cheftu nichts. Ob Wenaton wohl Pharao Hatschepsut kannte, die kluge Herrscherin, unter der Cheftu als Höfling gedient hatte? Oder hatte ihr Nachfolger Thutmosis sein Gelübde gehalten und sie aus allen Aufzeichnungen getilgt? Was war mit dem Allerprachtvollsten, ihrem Totentempel auf dem Westufer des Nils? Er war bis in Chloes Zeit erhalten geblieben; wurde er jetzt einfach ignoriert? Die Sonne ging auf, und Cheftus Gehirn arbeitete noch schneller. Man konnte den Eindruck bekommen, Pharao sei verrückt geworden. Lebte Chloe an seinem Hof?

»Träumst du schon wieder von deiner Geliebten?« RaEm hatte sich von hinten angeschlichen; offenbar war er immer noch erschöpft, sonst hätte er sie gehört.

Er überging ihre Frage. »Was tust du, wenn wir angekommen sind?« Ihm fiel auf, dass die Verletzungen, die ihr jetziger schwarzhaariger, kupferfarbener Leib bei dem Vulkanausbruch erlitten hatte, allmählich verheilten. Wenigstens war dem Gesicht, das sie jetzt trug, nichts passiert.

»Ein Pharao, der zurzeit keine Frau hat - da fragst du noch?«

RaEm lachte, und Cheftu fiel auf, dass die Matrosen zu ihr hersahen. Sie mochten für RaEm zu unbedeutend sein, um Notiz von ihnen zu nehmen, doch umgekehrt galt das keineswegs. Allerdings hatten die Peitschenhiebe, die RaEm ihrem Bootsmann verabreicht hatte, Angst und Respekt in ihre lüsternen Blicke treten lassen. Alle Augen lagen auf ihr, wenn sie über Deck wandelte, die Schultern dem winterlichen Wetter zum Trotz frech entblößt. In Ägypten waren ein solches Verhalten und eine derartige Aufmachung akzeptabel; doch leider stammten die Ruderer aus Tsor. In ihren Augen war RaEm leichter bekleidet als eine Hure. Cheftu hatte ihr einen Umhang vorgeschlagen, doch sie hatte ihn nur ausgelacht; sie sei viel zu dankbar, endlich die Fesseln von Levi’s und Dessous abstreifen zu können, hatte sie erwidert.

»Und was wirst du tun?«, fragte sie ihn. »Willst du als >Kö-niglicher Berater< arbeiten? Wann hast du die Sprache dieser Menschen gelernt? Wie kannst du all das so gefasst aufnehmen?« Sie sagte das fast spöttisch, doch Cheftu war auf der Hut. RaEm war über alle Maßen selbstverliebt; noch dazu war sie eitel. Doch er durfte nie vergessen, dass sie schlau war, gefährlich schlau sogar.

»Natürlich werde ich Pharao meine Dienste anbieten.«

Vielleicht konnte er in eine so hohe Position aufsteigen, dass er Chloe finden konnte? Oder dass sie ihn finden konnte? Was bedeutet hätte, dass sie ihr zwanzigstes Jahrhundert wieder verlassen hatte. War das möglich? Und hatte sie es getan?

Er musste so bald wie möglich die Steine befragen.

»Richtig, fast hätte ich es vergessen, du bist ja ein so edler Adliger, dass du es nicht ertragen kannst, deine Zeit mit anderen Menschen als den Reichen und Mächtigen zu verbringen«, bemerkte RaEm in sein Schweigen hinein.

Er klappte den Mund auf, um zu protestieren, und klappte ihn dann wieder zu. Was für einen Wert hatte es, mit RaEm zu streiten? Vielleicht konnte er, wenn er schwieg, in Frieden den Sonnenaufgang beobachten. Würde er Chloe schon in wenigen Tagen Wiedersehen? War sie in diesem Achetaton?

Wenaton drängte sich zwischen sie. »Aii, die Morgengöttin möge euch grüßen.« Er schlug sich mit der Hand auf den Mund. »Aton, vergebe mir! Möge euch der eine Gott Aton grüßen«, verbesserte er sich. »Ich darf auf keinen Fall die richtigen Begrüßungen vergessen! Isis - ähm, Aton steh mir bei!« Damit marschierte er weiter zum Galeerentrommler.

»Was hältst du von dieser Aton-Verehrung?«, fragte RaEm flüsternd.

»Wenn ich mir ansehe, wie nervös unser Gastgeber ist, bin ich mir nicht sicher«, antwortete Cheftu.

»Ob er wohl übertreibt? Ich kann mir Ägypten nicht ohne Götter und Göttinnen vorstellen. Ein einziger Gott erscheint mir viel zu wenig für ein so reiches Land.«

»Auch im modernen Ägypten gibt es nur einen Gott. Einen strengen, blutdürstigen Gott«, sagte RaEm. »Er hat wenig Sinn für Schönheit oder Größe; er trachtet einzig und allein danach, über möglichst viele Menschen zu herrschen.«

»Allah?«, fragte Cheftu.

»Genau. Und Mohammed -«

»Ist sein Prophet.« Cheftu sah aufs Wasser. Auch zu seiner Zeit war Ägypten mohammedanisch gewesen.

»Woher weißt du das?«, fragte ihn RaEm mit deutlich hörbarem Misstrauen. »Woher hast du gewusst, dass ich in diesem Körper stecke? Woher kannst du Chloes Sprache?« Sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Du reist ebenfalls durch die Portale? Auch du gehörst der dreiundzwanzigsten Macht an?«

Wenaton ersparte Cheftu die Antwort auf ihre Fragen.

»Wir werden die gesegneten zwei Länder erreichen, sobald Re - Aton im Zenit steht«, verkündete er. »Ich habe ein Bad und alles zum Rasieren bereitmachen lassen, wir sollten den Wachen also als Ägypter gegenübertreten können. Endlich wieder daheim!«, sang er und tänzelte an ihnen vorbei.

»Dieser Mann macht mich noch ganz irre«, erklärte RaEm. Der Satz klang so sehr nach Chloe, dass Cheftu beinahe gelacht hätte. Er strich mit der Hand über sein bärtiges Kinn und stellte dabei fest, dass sein Haar immer noch im aztlantischen Stil über seinen Rücken floss. Kein Wunder, dass Wenaton anfangs nichts von ihm gehalten hatte. Ich sehe so ägyptisch aus wie ein Philister.

»Wenn du einverstanden bist«, schlug er vor, »mache ich den Anfang.« Er wusste nicht, was er auf ihre Fragen antworten sollte. Jede Information, die diese Frau besaß, war eine Gefahr, denn RaEm kannte keine Grenzen. Sie wollte alles besitzen. Das, dachte Cheftu, war möglicherweise der tödlichste Ehrgeiz, den eine Seele entwickeln konnte.

RaEm musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Aber bitte doch. Ich bin es leid, dich so zu sehen. Und rasiere und parfümiere dich. Du weißt ja, der erste Eindruck zählt.«

Er runzelte die Stirn und trat in den Schatten. Ein Bad wäre angenehm und eine Rasur nicht minder. Genauso wie die Rückkehr nach Ägypten. Und das Wiedersehen mit Chloe. Aii! Götter! Doch er verfolgte noch eine zweite Absicht mit seinem Bad.

Sobald er in der Wanne lag und das kalte Wasser das Salz wegspülte, ließ er die Orakelsteine in seine Hände gleiten. Beide waren länglich, einer war schwarz, einer weiß, und auf beiden waren Buchstaben eingekerbt. Die Einkerbungen waren mit Gold und Silber ausgelegt und bildeten Zeichen, die man eines Tages Protohebräisch nennen würde. Die Urim und Thummim. Cheftu konnte immer noch nicht recht begreifen, auf welchem verschlungenen Pfad die Steine in seine Hände gelangt waren, doch er kannte ihren Wert.

Selbst wenn er sie nur in der Hand hielt, spürte er ihr Leben.

Mit einem nervösen Blick über die Schulter stellte er seine Frage.

»Wo bin ich?«

Er warf die Steine hoch, dass sie in der Luft tanzten und bei jeder Umdrehung ein anderer Buchstabe in ihrer Seite aufleuchtete. »I-M-W-A-S-S-E-R.«

Cheftu trennte die Steine wieder. Natürlich, wie hatte er nur vergessen können, wie wörtlich diese Steine jede Frage nahmen.

»Bist du immer noch nicht fertig?«, fragte RaEm ganz in der Nähe.

»Kann man denn nicht mal in Ruhe baden?«, bellte er und verbarg dabei die Steine in seinen Händen.

Laut fluchend stapfte sie davon. Cheftu wartete, bis es wieder vollkommen still geworden war, dann stellte er flüsternd die Frage, die ihm auf dem Herzen brannte. »Wie kann ich Chloe finden?«

»F-O-L-G-E.«

Wem folgen? Was folgen? Und wohin folgen? Vielleicht sollte er am Anfang beginnen. »Ist Chloe hier?«

Sie schwiegen, ein Hinweis darauf, dass er die Frage nicht korrekt gestellt hatte. »Ist Chloe hier in dieser Zeitepoche?«

»J-A.«

Freude durchzuckte ihn. Sie war hier! Sie war hier! Jetzt musste er nur noch -

»Mach nicht das ganze Wasser schmutzig«, rief RaEm.

Unter Verwünschungen packte Cheftu die Steine weg und widerstand der Versuchung, ins Wasser zu pinkeln, nur um RaEm zu ärgern. Stattdessen stand er auf, trocknete sich ab, zog sich an und ging los zum Haareschneiden. Die Steine steckten wieder sicher in der Schärpe um seinen Bauch: einer auf der linken, der andere auf der rechten Seite.

Chloe war hier, irgendwo in dieser geschichtlichen Epoche. Um zu ihr zu gelangen, brauchte er nur die erste Botschaft richtig zu deuten. Falls er folgte, würde er Chloe finden.

Dankbar legte er sich unter die heißen, dampfenden Gesichtstücher, während er gleichzeitig über die Antwort auf seine Frage nachsann. Die Steine irrten sich nie, doch sie gaben nur selten eindeutige Antworten.

Er brauchte genauere Anweisungen.

Doch sie war hier. Die Welt war nicht so groß, dass er sie nicht finden konnte. Denk an deinen Schwur, dachte er. Ich denke an meinen.

Ägypten.

Es erstreckte sich vor ihnen wie ein Juwel mit unzähligen Facetten. Auf den Feldern grünte das wachsende Getreide, und in

den Wassern des Nils spiegelte sich der blaue Himmel.

Cheftu betastete sein frisch rasiertes Kinn und spürte den Winterwind, der um seine Beine peitschte und in den langen, schweren Schurz fuhr. Die Haut um seine Augen spannte sich unter dem trockenen Bleiglanz und sein Hals war wieder nackt der Sonne dargeboten.

Sie hatten das Tsori-Schiff mit den misstrauischen Matrosen gegen ein Nilboot getauscht. Mit seinem flachen, kiellosen Boden war es leichter, über die Felsen und durch die manchmal gefährlichen Flusswindungen zu manövrieren. Wenaton und sein Gefolge hatten die Inspektion der gleichgültigen Beamten im Delta problemlos überstanden; jetzt waren sie unterwegs nach Achetaton.

Tempel, die einst stolz und königlich die Flussufer gesäumt hatten, waren nun von Unkraut überwuchert und dienten den Ratten als Bau. Vielen Statuen, die anderen Göttern und Göttinnen geweiht waren, hatte man das Gesicht abgeschlagen und nur noch die Sonnenscheibe mit den ausgestreckten Händen, den Aton, übrig gelassen, wo einst das Antlitz eines Tieres gewesen war. Die katzenköpfige Bastet, der ibisköpfige Thoth, der falkenköpfige Horus - sie alle waren zu Sonnenscheiben mit Händen entstellt worden.

Die Obeliske waren gefällt worden, und die Felder lagen brach, weil es an Priestern fehlte, um sie zu bestellen. Welches andere Gewerbe hatte mit einem Schlag zehntausenden von Priestern Arbeit gegeben?

»Was hat er Ägypten angetan?«, sagte RaEm neben ihm.

»Das ist . das ist ja peinlich!«

Cheftu sah die Wasser vorbeigleiten, fühlte die Zeitlosigkeit des Nils, die Trauer des Verfalls um sie herum. »Ich habe den Eindruck, er ist ein Zerstörer, kein Schöpfer«, sagte er. Die Tempel am Ufer waren eingefallen, doch es schien keine neuen an ihrer Stelle zu geben. »Was macht das Volk?«, fragte er sich laut.

RaEm sah noch kurz aufs Ufer, dann verkündete sie, bei dem Anblick werde ihr übel, und kehrte auf ihre Liege zurück.

Wenatons Liege, dachte Cheftu, über die sie nun verfügte, nachdem sie Wenaton davon verbannt hatte.

Wenig später stellte sich der Botschafter neben Cheftu an die Reling und trommelte mit den Fingern aufs Holz.

»Was bedrückt dich, Herr?«, fragte Cheftu langsam. Wo war Chloe? War sie in Ägypten? Wem folgen, was folgen, wie folgen ... Die Worte jagten sich in seinem Kopf wie ein Hund seinen eigenen Schwanz.

»Ich habe an der Grenze kurz mit einem Bekannten gesprochen. Pharao, ähm, ewig möge er leben!, hat drei Aufstände in Kush hingenommen, ohne einzuschreiten.« Wenaton hatte eine neue Perücke aufgesetzt, diesmal eine mit kurzen Locken. »Und obwohl Kanaan bald überkocht, sind im Osten alle Vorposten aufgegeben worden bis auf einen einzigen alten Diplomaten.«

»Ägypten ist das mächtigste Land der Welt.« Cheftu fragte sich, ob das immer noch zutraf. »Wir haben doch bestimmt nichts von Kanaan zu befürchten?«

»All das Land, das Thutmosis der Große für uns erobert hat, ist dahin.«

Was bedeutet, dass die Zeit Thuts des Großen bereits vorüber ist, dachte Cheftu, und die Zeit von Ramses noch nicht angebrochen. In diesem Abschnitt der Geschichte kenne ich mich nicht aus. Merde!

»Einen Vasallen nach dem anderen haben wir verloren.« Irritiert rückte Wenaton seine Perücke gerade. »Diesmal werden wir möglicherweise die Straße der Könige verlieren.«

»Wo befindet sich die?« Dieser Ausdruck war Cheftu neu.

»Sie verläuft vom Salzmeer hinauf nach Mitanni und Assyrien. Quer über die Hochebene und durch das Land der Canani, sodass wir uns keine Gedanken wegen dieser gerissenen tsido-nischen Diebe an der Küste zu machen brauchen. Sie haben keinen Respekt vor Ägypten«, knurrte er.

»Diese unbeschnittenen Söhne eines Schakals!«

»Wie können wir die Straße der Könige verlieren?«

Wie konnte Ägypten irgendwas verlieren? Cheftu starrte auf die verlassenen Dörfer, die verfallenen Straßen; würde er es nicht mit eigenen Augen sehen, hätte er es nicht geglaubt. Wie mussten die Menschen leiden!

Wenaton begann an einem losen Faden in seiner Schärpe herumzufingern und mit seinen kurzen, dürren Fingern am Saum zu zupfen, bis er ihn herausgezogen hatte.

»Dieser Idiot hat sie durch reine Untätigkeit verloren. Genauso wie er die Straße der Meere verloren hat, die von Sais nach Gaza verläuft.«

Der Faden zerriss in seiner Hand, darum machte er sich kopfschüttelnd daran, einen zweiten herauszuzupfen.

»Inzwischen nennt man die Straße schon den Weg der Pele-sti. Untätigkeit«, brummelte er. »Die Pelesti haben sie jetzt umbenannt, als hätte sie nicht seit Generationen den Ägyptern gehört.« Der zweite Faden riss ab. »Es war die Straße der Meere, die Ägypter haben ihr diesen Namen gegeben, ehe diese Seeräuber mit ihren Angriffen unser Land ins Unglück getrieben haben.«

Cheftu nickte, als wäre ihm das wohl bekannt. Pelesti; was waren das für Leute? Waren sie die Seeräuber, oder waren die Tsidoni die Seeräuber? Machte inzwischen alle Welt Ägypten das Wegerecht streitig?

»Einer der vielen unbedeutenden Bergherren in Zentralkanaan hat das Land der übrigen unterworfen«, erläuterte Wenaton. »Der Seren, wie die Pelesti ihren König nennen, hat Ägypten angefleht einzuschreiten.«

»Die Pelesti sind unsere Vasallen?«

Wenaton sah ihn entrüstet an. »Was weißt du überhaupt, du Tölpel? Die Pelesti sind unsere Vasallen, doch das haben sie vergessen. Haii, dieser Geck auf den Thron, statt sie an ihre

Verpflichtungen zu erinnern, indem er ihnen ein paar Soldaten schickt, beruft er den einzigen kompetenten Idioten zurück, der dort ausgeharrt hat!«

»Ägypten gebietet über ein Imperium. Solange es Tribute entgegennimmt, muss es auch Schutz gewähren, gleichgültig, ob es vergessen wurde oder nicht. Das beinhaltet der Suzeränskontrakt«, widersprach Cheftu.

Wenaton sah ihn zornig an. »Bestimmt bist du ein königlicher Ratgeber; du redest eindeutig wie einer.«

Aus seinem Tonfall schloss Cheftu, dass Wenaton das nicht als Kompliment gemeint hatte. »Na ja«, fuhr der Botschafter fort, »die Überschwemmungen waren dürftig, unsere Priester verwelken wie Lotospflanzen ohne Wasser. Selbst der Hof siecht dahin, obwohl jeder Adlige, der Achetaton verlässt, augenblicklich zum Staatsfeind erklärt wird. Ägypten ist kaum mehr ein Imperium, so traurig das auch ist.«

»Musst du denn an den Hof zurückkehren?«, erkundigte sich Cheftu. »Ich könnte mit dem Schiff eine Nachricht von dir an den Hof überbringen.«

Wenaton kniff die Lippen zusammen. »Ich habe viel von der Welt außerhalb Ägyptens Grenzen gesehen. Selbst wenn Pharao, ewig möge er leben!, vollkommen verrückt geworden ist, so ist doch unser Land immer noch friedlicher, schöner und lieblicher als jedes andere auf der Welt. Sieh doch«, sagte er und deutete dabei auf den Horizont. »Man kann Hentio weit sehen. Keine Berge oder Bäume, die den Blick begrenzen und das Auge ermüden.« Wenaton seufzte. »Ah, Ägypten, der Garten der Götter, ähh, Gottes.«

»Wann werden wir Achetaton erreichen?«

»Bei dieser Strömung? In zwei Wochen.«

Ein paar Tage später speisten sie unter den Sternen zu Abend. Wenaton hatte am oberen Ende des Deltas erneut Halt gemacht und dort eine Schriftrolle von einem Freund, einem weiteren

Gesandten, ausgehändigt bekommen. Während er Fisch, Geflügel und Obst verspeiste, las er leise kichernd in dem Papyrus.

Cheftu und RaEm tauschten einen Blick. Er verhielt sich unhöflich, doch andererseits war er zwei Jahre lang unterwegs gewesen. Bestimmt genoss er es, wieder daheim zu sein.

RaEm hatte sich nach ägyptischer Sitte den Kopf rasiert und trug eine neue Perücke, >Kushitin< genannt und genauso schräg geschnitten und gelockt wie Wenatons. Das sei der letzte Trend am Hof, hatte man ihr erzählt, außerdem war es ein weiterer Hinweis darauf, dass man unter diesem neuen Regime hohe Stücke auf ein androgynes Aussehen hielt. Nach mehreren Versuchen hatte sie es aufgegeben, Cheftu zu erklären, was »Trend« bedeutete, da das Ägyptische, in dem sie sich unterhielten, keinen entsprechenden Begriff kannte.

Trendig oder au courant widersprach dem ägyptischen Ideal von Perfektion, der Ma’at In der Ma’at veränderte sich nie etwas. Alles verharrte in einem universellen Gleichgewicht - in dem ganz oben ein Pharao herrschte, während die Gemeinen das Feld bestellten und sich die Adligen am Nil gütlich taten -, und zwar in diesem Leben wie im nächsten. Diese göttliche Stabilität war es, wonach jeder vernünftige, ergebene Ägypter strebte.

Neue Moden waren eine Veränderung. Neue Perückenstile waren eine Veränderung. Der neue künstlerische Stil war eine noch größere Veränderung. Der Ägypter, der Cheftu siebzehn Jahre lang gewesen war, fand das erschreckend; dies war nicht das Ägypten, das er kannte und verstand. Hingegen betrachtete der Franzose in ihm, der von ganzem Herzen an Liberté, Fraternité, Égalité geglaubt hatte, Veränderungen als Fortschritt. Die meisten Veränderungen wenigstens. Cheftu drehte sich zu RaEm um.

Geplättete Leinenärmel bedeckten ihre Arme vom Schlüsselbein bis zu den Handgelenken, auch das war neu, während der

Rock ihres Gewandes in mehreren Schichten über einem festen Unterrock lag.

RaEm hatte erklärt, sie genieße es, wieder in einem schwarzhaarigen und kupferhäutigen Körper zu stecken, selbst wenn er einem anderen Menschen gehörte; alles andere war ihr egal.

Die Götter seien gelobt, dachte Cheftu, der Körper, in den sie getreten war, hatte den Vulkanausbruch auf Aztlan ohne bleibende Narben überstanden, selbst wenn RaEm immer noch knabenhaft zierlich war. Ohne Perücke oder Kleid hätte man sich fast fragen können, welches Geschlecht sie hatte.

Die laszive Hathorpriesterin wirkte plötzlich geschlechtslos: eine interessante, ironische Wendung.

Wenaton rollte die Schriftrolle ein und leerte seinen Bierkrug in einem Zug. »Aii, na, wollt ihr das Neueste hören?«

RaEm nickte und lächelte ihn an. Ob der kleine Mann wohl begriff, dass sie sogar mit ihm ins Bett steigen würde, um seine Neuigkeiten zu erfahren? Cheftu lehnte sich mit einem Becher Bier zurück und hörte zu.

»Es fliegen dichte und flinke Gerüchte durchs Land, dass Echnaton nach seinem Cousin geschickt hat«, verkündete We-naton.

Cheftu war klar, dass mit der Bezeichnung Cousin jeder gemeint sein konnte, in dessen Adern auch nur ein Tropfen königlichen Blutes floss. Und da die ägyptischen Pharaonen bekanntermaßen ihren Samen generös verteilten, war möglicherweise halb Ägypten ein Cousin Pharaos.

»Wo ist sein Cousin?«, erkundigte sich RaEm.

»An, nun ja, hinter den Katarakten«, antwortete Wenaton mit gesenkter Stimme. »Königin Tiye aus Kush war bereits verheiratet, ehe sie die Gefährtin von Echnatons Vater Amenhotep Osiris wurde. Und Ay ist Tiyes Bruder.«

Cheftu versuchte sich an irgendeinen dieser Namen zu erinnern. Auch Hatschepsuts Vater hatte Amenhotep geheißen, doch es war ein ägyptischer Brauch, dass ein König die Namen von fast allen seinen Vorfahren trug. Jeder Pharao hatte einen Vornamen und einen geheimen Namen und dazu eine ganze Liste von Ahnennamen.

»Ay ist Pharaos Fächerträger.«

Wenaton beugte sich vertraulich vor.

»Tiyes Gemahl in Kushi schenkte ihr ein Kind, ehe erkannt wurde, dass sie das Thronrecht hat.«

Richtig, das königliche Blut Ägyptens wurde in den Adern der Frauen weitergegeben, das war Cheftu bekannt. Selbst wenn Tiye mit einem anderen verheiratet war, entsprach es also der Ma’at, dass sie noch einmal heiratete, um dem Thron zu dienen, falls sie die einzige verbliebene Frau mit königlichem Blut war.

»Sie wurde zu Amenhotep Osiris gebracht und ließ ihr Kind und ihren Gemahl in Kush zurück.«

»Einen Sohn?«, warf RaEm ein.

Wenaton zuckte mit den Achseln. »Niemand hat ihn je zu Gesicht bekommen, deshalb nimmt man an, dass es ein Sohn ist.« Den Rest murmelte Wenaton hastig vor sich hin. »Pharao braucht einen Ko-Regenten, damit jemand all den Kleinkram erledigt, der mit der Herrschaft über ein Imperium anfällt, während Pharao sich auf seine Gebete und die Opfer an seinen heißen Gott konzentrieren kann.« Er starrte für einen Moment in die Ferne. »Mehrere Gesandte warten schon seit Jahren darauf, dass Pharao einschreitet. Ihre Länder hoffen auf eine Rettung durch Ägypten.«

»Wie viele Amenhoteps hat es schon gegeben?« Cheftu wollte Einblick in die chronologische Abfolge bekommen, er wollte einengen, in welcher Zeit sie sich befanden.

Wenaton starrte ihn an. »Die Amenhoteps haben schon immer über Ägypten geherrscht.« Er klang verwirrt.

Genau, und erst die Europäer hatten die Herrschaft der Pharaonen über Ägypten in Dynastien unterteilt, denn die Ägypter hatten keine Vorstellung von einer individuellen Herrschaft.

Selbst wenn Wenaton ihm also die Pharaonen aufzählen würde, könnte er sie nicht einordnen, erkannte Cheftu.

»Und niemand hat diesen Cousin je zu Gesicht bekommen?«, fragte RaEm, womit sie Wenaton wieder auf sich aufmerksam machte. »Obwohl er ein Thronerbe ist? Ich dachte, alle Erben würden gemeinsam großgezogen?«

Der Gesandte zupfte an einem Hautfetzen auf seinem Arm.

»Aii! Thutmose war Echnatons Bruder, doch er ist schon früh gestorben. Dann gab es noch einen Bruder, der schon in der Wiege gestorben ist. Deshalb erschien es klug, alle anderen Erben zu verstecken. Als Echnaton noch Amenhotep genannt wurde, herrschte er zusammen mit seinem Vater Amenhotep. Um die Wahrheit zu sagen, herrschte Tiye über sie beide«, ergänzte er mit einem ironischen Unterton.

RaEms Augen glänzten. »Mächtige Frauen werden in Ägypten immer noch bewundert?«

Wenaton kniff die Lippen zusammen. »Sie ist mehr als eine Frau, sie ist ein General!« Er schauderte. »Eine ganze Reihe hochrangiger Soldaten und Diplomaten sind schon vor ihr in Tränen ausgebrochen.«

»Und lebt die Königinmutter ebenfalls in Ach-, in derselben Stadt wie Pharao?«, fragte Cheftu.

»Was ist mit seinem unbekannten Sohn?«, mischte sich RaEm mit einem Blick auf Cheftu ein.

»Semenchkare ist der dritte Sohn -«

»Semenchkare könnte genauso gut ein Frauenname sein«, warf RaEm ein.

Wenaton antwortete RaEm: »Es ist wohl möglich, dass er eine Sie ist. Wer weiß? Die Hauptsache ist doch, dass jemand, irgendjemand von königlichem Blut, über Ägypten herrscht, statt es vor die Hunde gehen zu lassen.«

»Erzähle uns von Achetaton«, sagte Cheftu mit Blick auf RaEm, die schlagartig verstummt war und mit leicht gerunzelter Stirn in die Ferne schaute. Er meinte beinahe, Pech und

Schwefel in ihrem Kopf brodeln zu hören.

»Lebt die Königinmutter auch dort?«

»Es ist eine ganz neue Stadt, die kaum erbaut war, als ich fort musste«, erzählte Wenaton. »Der größte Teil des Hofes lebte damals noch in Waset, wenngleich Achetaton sich schon bevölkerte.« Er schloss die Augen und rief sich das Bild ins Gedächtnis. »In der Stadt gibt es riesige Gebäude und kaum Dächer. Wir alle sollen unser Gehirn im Dienste des Atons braten lassen.«

»Nimmt der Aton auch Opfer entgegen?«, drängte sich RaEm wieder ins Gespräch.

»Nein.« Wenaton schüttelte den Kopf. »Der Einzige, der weiß, was der Aton will oder wann oder wieso er etwas will, ist Echnaton.«

»Er hat keine Priester?«, fragte Cheftu.

Wenaton füllte ihre Becher nach. »Priester gibt es zuhauf, doch keiner davon spricht mit dem Aton. Und ebenso wenig spricht er mit ihnen.« Er wedelte mit einer Hand vor seinem Gesicht herum. »Ich weiß es nicht genau. Ich habe mich nie für besonders religiös gehalten. Die Götter waren die Götter, wir trugen Amulette, um uns zu schützen, und wenn wir etwas brauchten, haben wir ein Opfer gebracht. Sie waren im Himmel und wir waren auf der Erde. Jetzt, jetzt ...« Er seufzte und kippte das nächste Bier hinunter.

RaEm wirkte unruhig. »Ist dieser Aton wirklich Allah?«, flüsterte sie Cheftu zu. »Er ist ein so strenger Gott.« Zu Wenaton sagte sie: »Und was ist mit den alten Göttern?«

»Die sind verbannt«, antwortete er knapp. »Weg.«

Wie konnte ein einziger Mensch das gesamte ägyptische Pantheon abschaffen?

»Sie sind doch gewiss zu kleineren Gottheiten geworden?«, hakte Cheftu nach. »So ähnlich wie Amun-Re -«

»Bist du des Wahnsinns?«, fiel ihm Wenaton zischend und flüsternd ins Wort, wobei er sich hastig umsah. »Dieser Name bedeutet den Tod. Den Tod, glaube mir! Es gibt nur noch einen Gott in Ägypten! Einen einzigen! Und dessen Name ist Aton!« Wenaton lehnte sich zurück, anscheinend beruhigt, und fuhr mit normaler Stimme fort: »Den Namen eines anderen Gottes auszusprechen ist ein strafbares Vergehen. Die Verehrung findet täglich im Tempel des Aufgangs des Atons statt, wo sich alle einzufinden haben. Keiner darf fehlen. Falls jemand zu spät oder gar nicht erscheint, werden Strafen erhoben.«

Er stand unvermittelt auf.

»Ich muss pissen«, sagte er und taumelte davon.

Cheftu nahm einen Schluck Bier. »War der Aton nicht nur eine unbedeutende Eigenschaft Amun-Res?«, flüsterte er RaEm zu.

Sie sah ihn zornig an, weil er den Namen von Ägyptens Gott ausgesprochen hatte; doch nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass niemand ihnen zuschaute, zuckte sie mit den Achseln. »Ich habe noch nie von diesem Gott, diesem Aton gehört. Wie eigenartig, Ägypten ohne Götter. Was ist aus Hathor geworden? Isis? Neith? Bastet?« Sie sah ihn an. »Gibt es überhaupt keine Göttinnen mehr?« Sie wies auf das Toppsegel, das schlaff über ihnen hing. »Dieser Gott hat nicht mal ein Gesicht! Wie können wir etwas verehren, das keine Augen hat, uns zu sehen, und keine Ohren, uns zu hören?«

Cheftu blickte auf das Symbol: eine Scheibe, von der Strahlen ausgingen, die jeweils in einer offenen Hand endeten. Wie hatte dieser Pharao sein Volk von etwas abbringen können, das die Menschen seit vielen Jahrtausenden gekannt und verehrt hatten? Das ergab keinen Sinn.

»Ich gehe auf meine Liege.«

Er stand auf und leerte sein Bier.

RaEm sah weg.

»Ich glaube, ich werde noch etwas wach bleiben«, sagte sie.

Du meinst, du willst Wenaton noch verführen, erkannte Cheftu. Dennoch nickte er und ging davon. Sobald er in seiner

Zeltkabine war, streckte er sich auf seiner Strohmatte aus und zog die Steine wieder hervor.

»In welchem Land befindet sich Chloe?«, fragte er flüsternd.

»I-N-D-E-M-L-A-N-D-

D-E-I-N-E-R-B-E-S-T-I-M-M-U-N-G«

Cheftu pustete die Lampe aus.

»Zut alors.«

Fluchend wälzte ich mich herum. Meine Schulter war immer noch extrem empfindlich, doch wenigstens war sie wieder eingerenkt. Wie zum Teufel ich diese wahnsinnige batmaneske Seiltänzerei überlebt hatte, war mir nach wie vor nicht klar.

Wenigstens war ich am Leben. Ich konnte gehen.

Außerdem war ich, ob es mir gefiel oder nicht, die lokale Göttin. Ich wusste nicht genau weshalb, doch indem ich es ans andere Ende des Seiles geschafft hatte, hatte ich den Liebhaber Mexos überlistet, ich hatte Dagon nicht umarmt, und ich war eins mit der Muttergöttin geworden. Wie bei vielen Völkern des Altertums - allmählich hatte ich das Gefühl, zu einer Autorität in Sachen Völker des Altertums zu werden - musste nicht alles, was die Menschen glaubten, mit allem anderen, was sie glaubten, zusammenpassen. Tatsächlich konnten die Geschichten einander sogar widersprechen, ohne dass das als inkonsequent empfunden wurde.

Der westlichen, linearen Denkweise lief das zuwider.

Doch für den östlichen Geist, in dessen Gesellschaft ich hier wie in meiner Kindheit lange Zeit gelebt hatte, ergab alles auf eigenwillige, verdrehte und verworrene Weise Sinn.

Infolgedessen war ich die örtliche Göttin, eine Facette der großen Göttin Astarte. Man hatte mir ein Haus, Tamera als Zofe, etwas zu essen, Kleider und Macht gegeben. Man hatte mich eingeladen, bei den Serenim, den Stadtältesten, zu sitzen, wenn sie sich Rechtsstreitigkeiten anhörten und Urteile fällten. Ich sollte an jedem Essen und jedem Ereignis teilnehmen, und davon gab es eine Menge. Dumm war nur, dass ich nie ohne Begleitung unterwegs war, dass ständig jemand für mich sorgte und dass meine Chancen, in der Menge unterzutauchen und per Anhalter nach Ägypten zu gelangen, gleich null waren.

Vor allem solange ich meine linke Schulter mitsamt dem zugehörigen Arm und der Hand nicht einsetzen konnte. Sie war noch nicht ausgeheilt. Auch wenn man sie wieder eingerenkt hatte, so war die Schwellung noch nicht ganz zurückgegangen. Ich blickte zu Dagon auf, da ich noch an seiner Schwanzspitze logierte, bis ich mein neues, göttinnenwürdiges Domizil in Besitz nehmen würde. »Heya«, flüsterte ich dem Götzenbild zu. Stöhnend und gar nicht meeresherrinnengemäß setzte ich mich auf. Was hätte ich nicht für einen Kaffee gegeben! Oder eine Schmerztablette.

»HaDerkato?«

Ich winkte Tamera herein. Sie brachte mir ein Frühstück aus gegrilltem Fisch mit winzig kleinen, süßen Zwiebeln.

Schalotten? Es schmeckte vorzüglich, auch wenn es nach kurzer Zeit wehtat, die Platte zu halten. Ich setzte sie ab, schaute mich um und versuchte mich zu orientieren.

Wer, was, wann, wo und warum lauteten meine Fragen, und auf keine einzige davon wusste ich eine Antwort. War dieses Volk aus der Asche jener Epoche auferstanden, in der ich zuvor gelebt hatte, damals auf Aztlan? Hatte ich mich in der Zeit nach vorn bewegt? Niemand schien zu wissen, wie Pharao hieß, auch das gab mir also keinen Anhaltspunkt. Alles in allem trieb ich orientierungslos dahin und konnte nur darauf warten, dass Cheftu zufällig meinen Weg kreuzte. Ich beugte mich zur Seite und sah, wie ein Priester mit einem Speer in der Hand um die Ecke schielte.

Meine Ketten waren zwar unsichtbar, doch straff. Man hatte mir nicht einmal Schuhe gegeben!

Tamera mixte mir ein Gebräu aus Salzwasser, einem rohen Ei, Korianderblättern und noch etwas zusammen. Was immer es auch war, es linderte meine Schmerzen. Mühselig kletterte ich in eine Wanne, dann ließ ich mir geduldig das Haar kämmen und ölen, während meine Beine gewachst wurden.

Die Pelesti waren längst nicht so hygienebewusst wie die Ägypter oder auch die Aztlantu. Ich dagegen sehr wohl.

Brauenzupfen, Rasieren und Wachsen waren ein Teil meines Lebens geworden, den ich nicht ohne Not aufgeben würde. Mit so vielen blauen Flecken war es freilich eine Tortur. Ich beschränkte mich auf ein Mindestmaß an Pflege, denn was Schmerzen angeht, bin ich ein echter Feigling.

Nicht einmal beim Baden war ich allein.

Bis Mittag war ich angekleidet, geschmückt, frisiert und geschminkt. Ich aß gerade ein paar Rosinen mit Brot, als Tamera hereinkam, gefolgt von einer Abordnung Priesterinnen. Alle trugen Fischmasken und Fischleibmäntel.

Tamera überreichte mir eine ebensolche Ausstattung und erklärte, dass ich nun zu ihrem Orden gehöre, und zwar als Göttin, die Dagon diente, so wie jede unter diesen Sterblichen ihm diente.

Wieder fehlte dem Gedankengang die innere Logik. Niemand schien sich daran zu stören, dass ich keine Ahnung hatte, was ich tun sollte, dass ich keine Gebete aufsagen konnte und nicht einmal das Ritual kannte. Wahrscheinlich hielten sie mich für eine besonders stupide Göttin, doch jedermann war so hingerissen von meinem Marsch über das Seil, dass jeder bereit war, über alles andere hinwegzusehen. Der Göttin sei Dank!

Dieses Fischkostüm war eindeutig ein modisches Disaster; doch ich hatte keine Wahl. Ich zog es an, streifte die Maske über den Kopf und ging dann nach draußen, um auf El’i, meinen Chaffeur, zu warten.

Die Pelesti befanden sich gerade zwischen zwei Zeiten des Keimens und hatten nichts zu tun. Deshalb hatten die Serenim eine Massenveranstaltung angesetzt, um die Leute bei Laune zu halten. Heute gab es Gladiatorenspiele. Sie bezeichneten es anders, doch mein Lexikon hatte mir genug Bilder von Matineefilmstars in kurzen Röckchen und Helmen geliefert, um mir einen ziemlich guten Eindruck zu geben.

Statt im Schutz des komfortablen Dagon-Tempels zu bleiben, saßen wir draußen in einer Gruppe rund um die Hauptbühne unter den Bäumen. Als haDerkato stand mir ein Thron neben Takala und Yamir zu. Der jüngste Sohn, Wadia, etwa vierzehn Jahre alt, saß mir zu Füßen und reichte Trauben und Oliven nach hinten durch, als wären diese Popcorn.

Sechs Männer erschienen auf der einen Seite der Sandgrube, sechs weitere auf der anderen. Ein Priester in seiner offiziellen Fischrobe rief Götter und Göttinnen an, diesen Kampf anzusehen. Dann zog er sich unter Verbeugungen zurück, und die Mannschaften griffen einander an.

Säbelnd, hackend, stechend und hauend versuchten sie enthusiastisch, sich gegenseitig umzubringen. Ich biss die Zähne zusammen und ließ das Blickfeld verschwimmen, um nicht mehr zuschauen zu müssen, ohne das ich mich dabei unter meinem Stuhl verkroch, wozu ich größte Lust hatte, was aber zu viele Fragen aufgeworfen hätte. Das erste Blut ließ einen Aufschrei aus dem Publikum aufsteigen, durch den sich die Anspannung löste. Männer wie Frauen waren gleichermaßen gebannt. Ich hatte keinen Zweifel, dass vor den Toren ein Buchmacher auf die Wettscheine wartete.

Noch bevor der Nachmittag zu Ende gegangen war, war der Sand blutdurchtränkt, alle waren tot, und wir machten uns auf den Heimweg. Mir war speiübel; ich hatte gerade mit angesehen, wie elf Männer einander abgeschlachtet hatten.

Was war mit meiner Seele geschehen? Was hatte mich dazu getrieben auszuharren?

Die Angst. Die Angst davor, allein zu sein, einsam zu sein.

Es war eine beängstigende, unbekannte Welt. Solange ich mitspielte, überlebte ich.

Wenigstens rechtfertigte ich mich damit.

Wir stiegen in unsere klobigen Karren und rumpelten zurück zum Palast. Ich wurde mit allen anderen auf die Feier begleitet. Das Essen wurde serviert, Getreidebrei mit Getreideküchlein in Fischform. Wir waren mitten im Essen, als ich einen Schrei hörte.

»HaDerkato, für dich!«, erklärte Tamera.

Entsetzt sah ich auf. Der überlebende Gladiator strahlte mich an, ein Tablett in den ausgestreckten Armen haltend. Ein Tablett mit den offenen, blinden Augen, dem zu einem Schrei aufgerissenen Mund und dem durchtrennten Hals des letzten Duellgegners. Man servierte mir den Kopf des Mannes auf einem Silbertablett!

Das Getreide schoss mir aus dem Magen zurück in den Mund; was sollte ich nur tun? Lieber Gott, bitte hilf mir!

Ich schaute hoch in die Augen des Gladiators.

In seine bronzefarbenen Augen. Schwarzes Haar fiel über seine breiten Schultern. Er glänzte ölig nach seinem Nachgemetzelbad. Er trug den spitz zulaufenden Schurz der Pelesti, und die untere Hälfte seines Gesichtes verschwand hinter einem Bart. Wieder sah ich in seine leuchtenden Augen, und mein Herz begann wild zu klopfen.

War das möglich?

»Meeresherrin«, meldete sich König Yamir zu Wort, »es ist Brauch, den Sieger mit einem Kuss zu belohnen.«

Der Gladiator stellte das Tablett mit dem Kopf auf dem Tisch ab, direkt neben meinem Essen. Ich hob das Gesicht an, denn mir war klar, dass ich Cheftu, falls er das war, falls er in den Körper dieses Mannes geschlüpft war, an seinem Kuss wieder erkennen würde.

Erst strich der Gladiator mit seinen Lippen über meine, dann zog er mich mit Bärenkräften in seine Arme und dabei quer über den Tisch. Grob bohrte er seine Zunge mehrmals in mei-

nen Mund, zerquetschte dabei meine Schulter und drückte seine Lippen auf meine, bis ich die Zähne darunter spüren konnte. Meine Schulter schmerzte so sehr, dass ich Sterne sah.

Das war nicht Cheftu.

Der Gorilla gab mich frei, und ich sackte benommen auf meinen Platz zurück.

Die Pelesti jubelten; es war ein leicht zu unterhaltender Menschenschlag. Der Gladiator grinste und ließ dabei erkennen, dass die Zähne, die er gegen meinen Mund gepresst hatte, seine letzten vier waren. Ich unterdrückte ein Schaudern. Mein Blick fiel auf das Tablett, auf die schlammbraunen Augen des unglückseligen Gegners. Ich redete mir ein, es sei nur Wachs. Nur eine Nachbildung. Nicht echt. Echt nicht, Chloe.

Wadia untersuchte währenddessen mit der transchronologischen Faszination aller männlichen Teenager für das Grausame den abgetrennten Kopf, hob dabei die Haare an und schaute in die Ohren. Meine Wangen waren blutleer. Ich fühlte mich schrecklich. Bitte mach, dass ich nicht spucken muss, flehte ich das Universum an.

»Bringt ihn zu Dagon«, flüsterte ich.

»Opfert ihn dem Meer«, erklärte ich Tamera.

Das fanden sie eine tolle Idee, darum machte sich eine Gruppe tanzend und singend auf den Weg ans Ufer, den Kopf wie ein Banner vorneweg tragend.

Das blutbesudelte Tablett ließen sie mir da. Ich winkte Tame-ra zu mir.

»Bring das weg«, sagte ich. »Ich kehre zum Tempel zurück.«

»Möge die Göttin deinen Schlaf behüten.«

Möge die Göttin mich vor Albträumen bewahren, dachte ich, während ich in den Karren kletterte.

Ich erwachte in einer anderen Stadt.

Es war keine physische Ortsveränderung, doch die Fröhlichkeit und die verspielte Atmosphäre waren über Nacht in grimmigen Ernst und Kampfbereitschaft umgeschlagen. Hochländer waren gesichtet worden, die von ihren Festungen im Gebirge auf uns herabschielten. Das war das erste Anzeichen des Frühlings, erläuterte man mir.

»Sie haben Angst, sich in der Ebene mit uns zu messen«, prahlte Wadia später. Wir hatten zusammen zu Abend gespeist; jetzt saßen wir draußen unter den Sternen. Mit Wadia kam ich besser aus als mit jedem anderen.

Er war ein Teenager; die waren überall gleich.

»Wenn sie sich in der Ebene mit uns messen würden, würden wir sie mit unseren Streitwagen vernichten.«

»Sie haben keine Streitwagen?«

»Lo, nicht einmal Pferde.«

»Wie kommen sie dann voran?« Ich zupfte mir eine Feige aus der Obstschale. Es war die Zeit der Feigen, eine willkommene Abwechslung von der Getreide- und Schalottendiät. Nur zum Frühstück bekam ich Meeresfrüchte.

»Sie schwärmen aus wie die Bienen«, sagte er, wobei er die Hände parallel zueinander bewegte, um den Schwarm zu imitieren. »Dann bsss, raus aus dem Wald ihres Gottes und los auf unsere Männer! Bssss! Sie stechen uns immer wieder.«

»Aber sie haben keine Pferde?«

»In den Hügeln kann es den Tod bedeuten, Pferde zu haben«, erläuterte er mir langsam. »Sie bleiben stecken, sie können nicht Fuß fassen. Sie können nicht wie Bienen ausschwärmen. Die Hochländer haben nicht einmal gute Waffen.«

»Wieso habt ihr dann solche Angst?«, fragte ich, während ich die Samenkerne aus meiner Feige lutschte.

Er schenkte mir einen Blick, wie ich ihn früher meinen Eltern vorbehalten hatte, wenn sie sich so verstockt gezeigt hatten, dass es nicht mehr in Worte zu fassen war. »Bienen können töten, obwohl sie klein sind, obwohl sie winzige Stacheln haben, und zwar weil sie wild sind.«

»Bienen? Sind wild?«

»Hast du jemals versucht, einer Biene etwas wegzunehmen?«, fragte er mich.

Nein, hatte ich nicht. Ich ging Bienen nach Möglichkeit aus dem Weg. »Sie schwärmen also aus und stechen euch«, sagte ich.

»Außerdem haben sie einen mächtigen Gott, weswegen sie ihre Schlachten durch göttliches Eingreifen gewinnen. Ihr Gott ist mächtig, er ist gemein.«

»Aber wieso, ich weiß es ja nicht, wieso verehrt ihr ihn nicht einfach auch? Wenn er mächtiger ist als Dagon?« Ich hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da dämmerte mir, dass meine Fragen an Blasphemie grenzten. Ich hielt den Atem an.

»Ihr Gott lässt sich nur von den Hochländern verehren. Andere Völker will er nicht.«

Ein Gott, der an einer Weiterverbreitung nicht interessiert war? Das war mir neu.

»Darum geben wir uns Mühe, ihrem Hochland fernzubleiben, damit sie nicht in unser Tiefland kommen.« Er wandte den Blick ab. Sein Profil glich dem seines Bruders, mitsamt der hervorstechenden Nase. Im Gegensatz zu Yamir jedoch hatte er ein dazu passendes Kinn, dass sich bereits jetzt in sein Gesicht fügte. Er war ein Teenager, doch die typisch jugendliche Verlegenheit fehlte ihm. Seine Stimme war tief. »Sie sind so unaussprechlich, sie sind solcher Abfall, dass sie sogar unsere Teraphim verbrannt haben.«

Womit wir wieder bei den Statuetten wären, dachte ich. Ich fragte mich, ob ich nicht einfach welche aus Lehm formen und uns damit eine Menge Schmerz und Leid ersparen konnte.

»Wenn ihr Gott nicht will, dass ihr ihn verehrt, welches göttliche Zeichen hat er euch dann gesandt? Und wozu das Ganze?«

Wadia grinste. Er erzählte zu gerne Geschichten. Auch wenn er der nächste Anwärter auf den Thron war, hatte er den Geist eines Gelehrten. Oder eines Hofnarren.

Er setzte an: »Lifnay ...«

Mein Lexikon hielt eine Karte hoch, auf der stand: »>Einst< oder >Es war einmal<.«

»... war der Löwe, der nun in den Bergen jagt, nur ein kleines Kätzchen.«

Wieso war kein Mensch mit einer Adresse im Nahen Osten zu einer kurzen und bündigen Antwort im Stande? Wenn man diesen Leuten die Metaphern nahm, würden sie wohl verstummen. Ich nickte Wadia aufmunternd zu.

»Damals regierte ein anderer, Labayu. Er war der erste König, der die Hochländer einte. Er war sehr groß«, sagte Wadia. »Noch größer als du. Er führte sie gegen uns in die Schlacht und war damit einverstanden, dass ihr Bester gegen unseren Besten kämpfen sollte, um die Ehre der Hochländer an unserer Ehre zu messen.« Er zuzelte die Samenkerne aus seiner Feige.

Ich versuchte, das Bild eines Lancelots mit eingelegter Lanze mit dem Bild eines Mannes im Schurz in Einklang zu bringen.

»Das ist so Brauch bei uns«, führte Wadia aus. »Wenn bei jedem Krieg unsere gesamte Armee ausziehen würde, bliebe niemand mehr übrig, um die Frauen zu heiraten oder die Felder zu beackern. Die Pelesti würden aussterben.« Er zuckte mit den Achseln, dass die dünnen Schultern sich durch die Wolle seines Umhangs bohrten.

Das klang sinnig. Mein größter und gemeinster Kerl kämpft gegen deine und alle anderen schauen zu. Weniger Ärger, weniger Beulen. Doch was taten die übrigen Soldaten solange?

»Und was geschah?«, fragte ich.

»Wir wählten den größten unter unseren Männern aus, unseren Besten, einen Riesen. Fünfmal ungeschlagen!« Er hob die Hand. »Fünfmal!«

»Doch ihr Bester war noch besser?«

»Ach! Sie wählten ein Kind! Einen kleinen Jungen, nicht älter als ich jetzt bin! Und kleiner als ich. Es war demütigend. Labayu wollte uns lächerlich machen.«

Meine Nackenhärchen begannen sich aufzustellen. Ein Kind und ein Riese?

»Es war nicht mal ein Soldat, nur ein Kind, und noch dazu ein dürres kleines Wiesel!«

»Vielleicht, vielleicht hatten sie niemand Besseren?«, schlug ich vor, wohlwissend, dass ich log.

Wadia tadelte mich wieder mit einem dieser Blicke.

Wahrscheinlich hatte er sie von seiner Mutter gelernt, der ausladenden Takala-dagon. »Ein Kind gegen unseren besten Krieger in den Kampf zu schicken war eine schreckliche Beleidigung. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Familie, unseren Gott und vor allem für die Serenim.« Er hielt inne, ein Märchenerzähler kurz vor dem Höhepunkt der Geschichte. »Aber keiner war so wütend wie unser bester Krieger.« Er senkte die Stimme. »Nun ist unser bester Krieger ohnehin nicht der höchste Baum im Wald. Er zürnt, er kocht. Er zerbricht Möbel, reißt einer Katze die Beine aus, so wütend ist er.«

Er reißt einer Katze die Beine aus? Das war doch hoffentlich nur eine Redensart? Ich verzog das Gesicht.

»Er ruft den Himmel an, um gegen diese Schändlichkeit zu protestieren.« Wadia zog die Stirn in Falten. »Wir haben versucht, ehrenhaft zu handeln, indem wir unseren Besten gegen ihren kämpfen ließen. Das ist nur gerecht.« Er schüttelte den Kopf und zupfte am Stängel einer Feige herum. »Mit ihrem Verhalten ziehen sie unsere Ehre in den Staub.« Er seufzte tief. »Die Hochländer sind ein wilder, unzivilisierter Haufen.« Plötzlich klang er ausgesprochen reif - aber das war auch zu erwarten -, schließlich war er ein kommender König. Ein verdrehtes Paradigma.

»Hat euer Bester trotz seiner verletzten Ehre gegen diesen Jungen gekämpft?«

Wadia lutschte die letzten Reste von Feigensaft von seinen Fingerspitzen. »Schon mit dem ersten Streich war alles vorüber. Ein göttlicher Hauch aus dem Mund ihres Gottes und der andere, dieser kleine Junge, hatte unseren Vorkämpfer gefällt. Es war eine Schande.«

Plötzlich schmeckte meine Feige nach Golfball. Ich fand kaum die Stimme wieder. »Hieß euer Vorkämpfer vielleicht, ähm, Goliath?«

Er hob abrupt den Kopf. »Gol’i’at, ken. Woher hast du das gewusst?«

Ogottogott. Ich schluckte schwer. Go-li-at. »Ich bin eine Göttin, hast du das vergessen?«

»Der kleine Junge schlug unseren Riesen Gol’i’at nieder und zog später für seinen Herrscher Labayu in den Krieg. Dann wurde der andere von Labayus Hof verbannt, darum diente er zeitweise als Söldner unserem Bruderseren, Akshish von Gath. Doch nachdem Labayu in der Schlacht gegen Akshish und die anderen Serenim starb, wandte sich der andere gegen uns. Jetzt herrscht er über das Hochland, doch er ist gerissen, und man kann ihm nicht trauen.« Wadia beugte sich vor. »Er kennt keine Ehre, er achtet die Gesetze des Landes genauso wenig wie die des Himmels. Er schmäht die anderen Götter, und er trampelt auf unserem Volk und unseren Traditionen herum. Voll Eroberungslust blickt er aufs Meer, auf die Städte, mit denen wir Handel treiben.« Er beugte sich noch näher heran, bis seine Stimme fast nur noch ein Flüstern war. »Er will die Geheimnisse unserer Schmelzhütten.«

Mein Lexikon arbeitete so schnell, dass ich schon fürchtete, es könnte einen Kurzschluss geben. Bilder aus der Sonntagsschule, von Männern in Gewändern, mit Bärten und Kronen: den Ältesten, Labayu, kannte ich als Saul. Die Rolle Gol’i’ats wurde von Goliath gespielt.

»Wieso nennt ihr ihn den anderen?«, fragte ich, auf meiner Golfballfeige kauend.

»Meine Mutter hat verboten, seinen Namen auszusprechen«, erwiderte Wadia. »Doch er heißt Dadua.«

Das Lexikon ließ das nächste Bild aufblitzen: Der junge, harfespielende Teenager mit lockigem Haar und Schleuder war Dadua.

David.

Ich fürchtete umzukippen. Das war unglaublich! David und Goliath? War denn alles in der Bibel, der »hebräischen Mythologie«, die ich bislang für ein besseres Märchenbuch gehalten hatte, wahr?

»HaDerkato, ist etwas mit dir?«

»Ich brauche was zu trinken«, stieß ich hervor.

Wadia befahl den Sklaven, mir etwas zu trinken zu bringen. Genau, pelestischen Wein, der war möglicherweise stark genug. »Also«, meinte ich hüstelnd und versuchte dabei wieder einen klaren Kopf zu bekommen, »ist der andere jetzt der König der Hochländer?«

In meinem Kopf wurden die schottischen Kilts durch Yar-mulkes und die Dudelsäcke durch Widderhörner ersetzt. Nun war mir klar, worüber wir sprachen . nämlich, o Gott . über die Kinder Israels. Ich war in Israel. In Ashqelon. In Israel. Im Altertum, unter lauter Bibelgestalten. In Israel. Bei den Juden. Ich wusste nichts über die Juden. Ich war praktisch Muslimin ehrenhalber.

Und doch war ich jetzt hier? Dies war die Bibel; was würde wohl passieren, wenn ich hier Mist baute?

Wo in aller Welt steckte Cheftu?

Wir mussten von hier verschwinden!

3. KAPITEL

Am Nachmittag des folgenden Tages erschien Achetaton am Horizont. Nichts daran kam Cheftu bekannt vor; es war keine Stadt, die bereits zu Hatschepsuts Zeiten existiert hatte, und auch auf seiner Ägyptenreise im neunzehnten Jahrhundert hatte er nichts von einer Stadt dieses Namens gehört. Die Sonne brannte, obwohl es Winter war, doch das war nichts verglichen mit dem Sommer. Er wischte sich den Schweiß von der glatten Oberlippe und blinzelte gegen das Licht Res - des Aton - an.

Es war eine flache, weiße Stadt mit grünen Nischen am Rande des Nils und inmitten einer halbrunden, von hohen Felsen umstandenen Ebene gelegen. Die Sonne strahlte auf die breiten, leeren Prachtstraßen herab. Im Hafen war alles ruhig, ein paar Schiffe lagen hier vor Anker, doch es herrschte keine Geschäftigkeit, keine Hektik.

Es fehlten die Menschen.

Cheftu strich mit den Fingerspitzen über die Orakelsteine. So durfte der Sitz eines gedeihenden - lebendigen - Imperiums nicht aussehen.

Weil die Überschwemmung in diesem Jahr so karg ausgefallen war, hatte der Nil seine Ufer nicht überflutet, und die Schifffahrtsrinne lag weiter von der Stadt entfernt als üblich. Darum kletterten sie aus der Nilbarke in kleine Ruderboote. Unter Moskitoschwärmen hielten sie quer über den Fluss auf die Kais zu. Ein paar lustlose Hafenarbeiter wuchteten Wena-tons zahlreiche Pakete in einen leichten Karren, der von einem alten Klepper gezogen wurde.

Keine Abordnung war im Hafen erschienen, um den heimkehrenden Gesandten zu begrüßen. Abgesehen von den Arbeitern war kein Mensch da.

»Hat man Ägypten nicht nur die Götter, sondern auch die Menschen gestohlen?«, fragte RaEm leise.

»Ich weiß es nicht.« Wenigstens würde es nicht schwierig sein, Chloe zu finden, denn es gab hier keine Menschenmassen.

»Der Aton grüßt euch«, sagte einer der Hafenarbeiter. »Verfügt euch zu dem, der herrscht in der Höhe mit Echnaton, möge er ewig glorreich im Lichte des Aton leben!, in der Kammer des Apek an der Westseite der Halle der ausländischen Tribute.« Er rasselte den Satz ohne abzusetzen herunter, vermutlich eine Formel, die er jedem Besucher wiederholte, tippte Cheftu.

»Wir sind schmutzig von der Reise -«, setzte Cheftu an.

»Das ist ohne Bedeutung«, unterbrach ihn der Dockarbeiter. »Für den Aton zählt einzig und allein eure Anwesenheit, damit er euch mit seinem Licht segnen kann.«

»Ich würde gern erst baden«, wandte RaEm ein. Freundlich, für ihre Verhältnisse.

»Der Aton liebt seine Kinder, wie sie sind, vor allem wenn sie von den verdorbenen Gestaden der Fremde heimkehren. Bitte verfügt euch zu Echnaton, er möge ewig ruhmreich im Lichte des Aton leben!, während er dem Erschaffer ganz Ägyptens huldigt.«

»Wir sind müde. Wir sind hungrig. Wir möchten uns erst ausruhen«, meldete sich Wenaton zu Wort. Er sah auf Cheftu und RaEm. »Dennoch wissen wir, wie wichtig es ist, dem Aton zu huldigen.«

»Der Herr ist weise«, sagte der Arbeiter.

»Eure Habseligkeiten werden euch im Palast erwarten. Der Karren erwartet eure Reise zum Aton.«

Das Lächeln des Mannes blieb höflich, aber kalt.

Verschwitzt von der Reise und mit knurrendem Magen, da die Lagerräume des Schiffes seit zwei Tagen geleert waren, kletterten sie widerwillig in den Karren. Es war eine kurze Fahrt durch die leeren, von der Dürre gezeichneten Straßen Achetatons.

Die Bäume verdorrten in der Erde und von den nackten Gärten vor den neuen Häusern der Adligen wehte Staub auf. Keine Menschenseele, kein Kind, Sklave oder Fremder war auf der Straße zu sehen. Niemand außer ihnen. Der Karren blieb vor einem riesigen Gebäude stehen, das in Cheftus Augen aussah wie ein kunstvoller Zaun. Zu tausenden stiegen Stimmen von drinnen auf.

Der Dockarbeiter geleitete sie bis zur Tür, ohne ihnen auch nur eine Atempause zu gönnen. Cheftus Beklommenheit wuchs. Ein weiterer Mann, ein Priester mit Schwert und Speer, geleitete sie durch einen langen, schmucklosen Gang. Die Stimmen wurden lauter.

RaEm schob ihre Hand in Cheftus Armbeuge. Er zuckte nicht zurück, auch er konnte etwas Trost gebrauchen. Welcher Wahnsinn hatte Ägypten ergriffen? Man durfte nicht mehr baden, bevor man den Tempel betrat? Oder, was schon überraschend genug war, man ging in den Tempel, statt daheim in aller Stille im Kreis der Familie vor einer persönlichen Gottesstatue zu beten? Ägypten war nie ein Ort kollektiver Gottesdienste gewesen; das hatte es mit allen Kulturen des Altertums gemeinsam. Erschöpft, vergrätzt und mit dem Gefühl, am falschen Ort zu sein, schüttelte Cheftu den Kopf.

Um nicht jene zu stören, die bereits von den Klauen der Verehrung ergriffen waren, würden sie sich heimlich einschleichen, erklärte ihnen der Wachpriester. Er führte sie eine Treppe hinab in die Dunkelheit. »Ihr geht durch die Tür da hinten und dann die Treppe hinauf«, erklärte er ihnen.

Wenaton nickte und übernahm die Führung. In der Dunkelheit war es kühl und frisch. Über ihnen bebte der Boden unter den rezitierten Gebeten. Wenaton öffnete eine Tür, und sie

folgten ihm hinauf, hinaus in den Tempel.

Die Hitze traf sie wie ein Hammerschlag, denn die Strahlen der Sonne wurden durch die Körperwärme lausender Menschen verstärkt. Sie raubte ihnen den Atem, sie sog ihnen jedes Leben aus.

Der Saal war leicht so groß wie die Place des Vosges, überlegte Cheftu. Zehntausend Menschen oder mehr standen mit erhobenem Gesicht, aufgerissenen Augen und ausgestreckten Armen da und wiegten sich im Rhythmus des Sprechers.

Überall waren bereits Menschen auf dem Boden zusammengebrochen. Sie blieben unbeachtet liegen, die Arme immer noch ausgestreckt. Cheftu fiel auf, dass sich einige von ihnen befleckt hatten, doch die Stehenden ignorierten sie; dieses Ägypten erkannte Cheftu nicht wieder.

Der Mann war böse, war Cheftus erster Gedanke. Echnaton war ein Verbrecher. Die Hälfte der Menschen würde vom In-die-Sonne-Starren erblinden. Ein weiteres Achtel bekäme einen Hitzschlag. Der Rest schien wie unter Drogen zu stehen und vollkommen benommen. Was für ein Regent tat seinem Volk so etwas an? Cheftu musste seinen Zorn mit aller Kraft zügeln.

Wenaton drängte durch die Menge nach vorn. Der Gestank nach Schweiß, menschlichen Ausscheidungen und Erbrochenem legte sich wie ein Film über sie, vermengt mit dem schweren Myrrhegeruch der ägyptischen Religion.

Sobald sie eine Stelle gefunden hatten, an der sie bequem stehen konnten, schielte Cheftu durch die Menge, weil er einen Blick auf jenen Wahnsinnigen werfen wollte, dem so wenig an dem Wohlergehen seines Volkes lag.

Pharao lagerte auf einer goldenen Liege, nur mit einem Schurz und der blauen Krone der Krieger bekleidet. Er hatte Hängeschultern, eingefallene Wangen, einen Fassbauch und von der Sonne schwarz gebrannte Haut. Noch während Cheftu ihn betrachtete, regte sich der König und setzte sich dann auf, als wollte er das Licht umfangen.

Cheftu erlitt den zweiten Schock.

Der Mann hatte eine Stimme wie ein Engel! So unförmig sein Körper auch wirkte, so pervers seine Ideologie auch war, seine Stimme war makellos. Befehlend, stark, musikalisch und mit einem so auserlesenen Timbre, dass die einzelnen Worte kaum zu verstehen waren.

Und als er sie verstand, erlitt Cheftu den dritten und heftigsten Schock: Er kannte diese Worte. Er hatte sie immer wieder gelesen und abgeschrieben:

»Lobe den Aton, mein ka. Der Aton ist herrlich, er ist schön und prächtig geschmückt. Licht ist sein Kleid, er breitet aus den Himmel wie einen Teppich. Die Pfeiler seines Hauses stehen über den Wassern im Himmel. Er fährt auf den Wolken wie auf einem Wagen, von Blitzen gezogen. Er macht die vier Winde sich zu Boten und Feuerflammen zu seinen Dienern.«

Cheftu sah, wie sich die Gläubigen um ihn herum im Klang von Echnatons Stimme wiegten, und begriff, weshalb sie gekommen waren. Seine Rede strahlte Charisma, ein Gefühl von Tiefe aus - selbst wenn die Worte gestohlen waren.

»Das Erdreich hat er auf seinen Boden gegründet, dass es bleibt immer und ewiglich. Mit dem Großen Grün deckte er es wie mit einem Kleide, und die Wasser standen über den Bergen. Aber vor deinem Schatten flohen sie dahin, vor deinem Donnern senkte sich der Fluss ins Tal und ruhet fortan in Fruchtbarkeit am Busen des Roten und des Schwarzen Landes.«