Ich ließ mich nicht so leicht überzeugen. Sie waren gerissen, das hatten sie letzte Nacht bewiesen. Wer wollte schon sagen, was sie jetzt vorhatten? Sie rückten aus dem Wald vor, marschierten dabei aber langsamer als die Pelesti.

»Was tun sie da, Meeresherrin?«, fragte Wadia verwirrt.

Ich wusste nicht, was sie da taten. Vielleicht wollten sie ja picknicken? Ich starrte auf die Hochländer. Sie hatten sich hingesetzt.

Und das waren die Kinder Israels? Was ging hier vor?

Sie wussten doch bestimmt, dass wir sie beobachteten. Und dennoch ließen sie sich vor unseren Augen nieder, als könnten sie keinen Schritt weitermarschieren.

Wollten sie ein Mittagsschläfchen halten?

Die Pelesti waren beinahe bis zu ihnen vorgerückt. Es würde ein Gemetzel geben. Und ich hatte mir Sorgen gemacht, dass die armen Pelesti von diesen Wahnsinnigen abgeschlachtet werden könnten? Ich konnte gar nicht hinsehen; es würde grauenvoll werden. Konnten wir uns nicht auf ein Unentschieden einigen?

»Sie kämpfen überhaupt nicht.« Wadias Stimme bebte. Ich brauchte mir die Augen nicht zuzuhalten; ich hörte die Schreie, die Angst, das Entsetzen. Das Klirren von Metall auf Metall, das Brüllen von Männern und Pferden.

»Dagon sei gelobt!«, rief Takala aus. »Wir siegen!«

Ich sah hinunter und zwang mich zuzuschauen. Hatte ich mich in der Geschichte geirrt? Oder hatte sich die Geschichte verändert?

Das Tal war tief, ein Wadi, im Verlauf von Jahrtausenden vom Wasser gegraben, das sich seinen Weg durch die Felsen gesucht hatte. Auf beiden Hängen standen Bäume, und am Fuß des Berges, wo das Tal seinen Ausgang nahm, wuchs ein größerer Wald.

Die Pelesti mit ihren Pferden, Streitwagen, Uniformen und gefiederten Helmen, die sie noch größer wirken ließen, wirkten wie eine richtige Armee. Die Hochländer hingegen sahen aus wie Bauern, denen man vor zehn Minuten ein Schwert in die Hand gedrückt hatte.

Sie wichen zurück, bis die Hälfte von ihnen im Wald verschwunden war, während die andere Hälfte sich zu einer Art Schlachtordnung sammelte. Das Blut dröhnte in meinen Ohren, und die Hand um meine Lanze wurde glitschig. Die Hochländer schienen überrascht, die Pelesti zu sehen, doch auf einen Ruf hin, einen fremdartigen, jammernden Ruf - ein Shofar, wie mir mein Lexikon einflüsterte -, stand jeder Zweite von ihnen auf, während die Übrigen in die Hocke gingen.

Wir hörten ein leises, tiefes Sirren und sahen die Pelesti zu Boden stürzen. Was hatte sie gefällt? Dann sah ich die Pfeile und Speere durch die Luft fliegen. Plötzlich bekamen die grünen Uniformen rote Flecken. Gefiederte Helme rollten über den Boden.

Doch die Hochländer wichen immer noch zurück.

»Wir treiben sie in den Wald hinein«, verkündete Takala erfreut. »Bis zur Abenddämmerung haben wir Den Anderen und

seine Truppen bis nach Mamre getrieben!«

Das Lexikon blendete erneut die Landkarte ein. Mamre war das neuzeitliche Hebron. Keiner der beiden Namen sagte mir etwas. Die Hochländer tauchten in den Wald ein, doch nicht als Gejagte. Sie schlichen sich davon.

»Das ist eine Falle.« Plötzlich ging mir auf, was sie getan hatten. »Hol sie zurück!«, rief ich Takala zu.

»Wir haben so gut wie gewonnen«, erwiderte sie, ohne den Blick auf nur abzuwenden.

Ich packte sie am Arm. »Sie haben uns in einen Hinterhalt gelockt! Hol sie raus! Es ist eine Falle!« Ich wies auf das Schlachtfeld. Die Talsohle war für die wichtigsten pelestischen Waffen, für ihre Pferde und Streitwagen, zu schmal geworden. In ihrem Übereifer hatten sie sich aus der Sicherheitszone herausgewagt.

Ihr Gesicht wurde aschfahl. »Sie können nicht umkehren«, flüsterte sie. »Sie können nicht zurückweichen!«

Die Kämpfe wurden sichtlich intensiver, inzwischen kamen zwei Pelesti auf einen Israeliten. Das Herz schlug mir im Hals, ich überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Hatte ich Recht oder nicht? Der Wald schien leer zu sein, doch er wirkte irgendwie abwartend. Mit einer Hand hielt ich Wadias, in der anderen den Speer, den ich voller Angst in den Boden drückte. Es wurden immer weniger Hochländer. Ein paar von ihnen bleiben tot auf dem Boden liegen. Aber nicht viele. Die Pelesti zogen sich vom Waldrand zurück, dorthin, wo ihre Streitwagen und Pferde festsaßen.

Ein Wind wehte über uns hinweg, ebenjener Wind, von dem Takala gesprochen hatte. Dann hörten wir ein Rascheln in den Bäumen wie von schweren Geschützen, die in Position gebracht werden. Die Soldaten hörten es ebenfalls; und auch den Triumphschrei: »Shaday reitet den Elohim voran!« Laut. Und immer wieder.

In meinem geistigen Lexikon erschienen bei dem Wort Elo-him zahllose, endlose Divisionen von Engelwesen. Keine pausbäckigen Cherubim mit Pfeil und Bogen, sondern Furcht gebietende Erscheinungen mit blutbefleckten Schwertern und einer Flügelspannweite wie ein Pterodaktylus.

»Shaday ist mit den Elohim!«

Plötzlich strömten Hochländer aus den Wäldern und verwandelten dieses Scharmützel in eine ausgewachsene Schlacht. Das Adrenalin schoss mir mit solcher Wucht durch die Adern, dass ich einen Moment lang taub war. Mein Gott, nein. Nein!

Der erste Kopfputz, der zu Boden flog, war jener von Yamir. Takala schrie gellend ihren Schmerz hinaus, während Wadia mit tränenüb er strömten Wangen zusah. Ihr Sohn war tot. Ich war entsetzt; ich hatte diesen Mann gekannt, der jetzt tot war.

Ich wollte mein Gesicht verbergen, ich wollte mich abwenden. Doch das kam mir wie eine beschämende Reaktion vor. In meinen Adern floss das Blut von Soldaten, von Cromwells Zeiten angefangen bis zu dem Fiasko von Vietnam. Diese Männer hatten verdient, dass jemand zusah und Zeugnis nahm von ihrer Tapferkeit.

In diesem Moment wurde ich zur Pelesti. Das Volk, mit dem ich gespeist hatte, mit dem ich gelächelt und gelacht hatte; es wurde mein Volk.

Nach einer Weile war ich vollkommen taub geworden. Taka-la und Wadia standen an meiner Seite und schauten zu. Der Gestank von Blut und Exkrementen wehte zu uns herauf. Uns an den Händen haltend verfolgten wir, wie der Stolz der Pelesti, ihre Pferde und Streitwagen, das Todesurteil über ihre Soldaten fällte.

Die verbliebenen Pelesti versuchten, über das Gewirr aus Holz und Pferdefleisch hinwegzuklettern, das sie in dem Tal gefangen hielt. Die Pferde bäumten sich auf, in Todesangst versetzt durch den Blutgeruch und aufgescheucht durch das Kreischen der Schwerter und Männer, und versuchten sich zu befreien. Letztendlich töteten sie wahrscheinlich ebenso viele

Pelesti wie die Hochländer. Wem es gelang, aus dem Flaschenhals zu entkommen, der floh in Richtung Lakshish.

»Wir müssen weg von hier«, sagte Takala. »Wir müssen Wadia nach Ashdod oder Gaza bringen.«

Ich drehte mich zu ihr um; plötzlich kam mir alles vollkommen unwirklich vor. Kaum hatte sie das »za« ausgesprochen, da begann ihr Körper zu zappeln. Ihre Augen wurden groß, dann zuckte ihr Leib erneut zusammen. Im gleichen Moment wuchs ein roter Fleck auf ihrem blauen Kleid; ihr Blick wurde glasig, doch die Augen blieben offen. Ich rief Wadia herbei, damit wir gemeinsam ihren Fall ein wenig abfederten.

Etwas knackste zweimal und sie schrie auf. Sie blutete schwer, ihre Haut wurde kalt, dann setzten die Schmerzen ein. »Derkato«, keuchte sie, »du musst Wadia fortbringen. Ihr müsst weg von hier.« Sie war zweimal in den Rücken getroffen worden; im Fallen waren beide Schäfte abgeknickt, und die Spitzen hatten sich tief in ihr Fleisch gebohrt.

»Wir können dich nicht allein lassen.« Ich war damit beschäftigt, sie in einen Mantel zu hüllen, den ich unter ihrem Hals feststeckte.

»Er ist der Kronprinz«, flüsterte sie.

Meine vorhin so leicht dahingesagten Worte, mit denen ich ihn umgestimmt hatte, kamen mir wieder in den Sinn. Sie hatten sich bewahrheitet. Er war der letzte überlebende Prinz.

»Du musst ihn nach Gaza oder Ashdod bringen«, sagte sie.

»Was ist mit -«

»Ich sterbe, du nutzlose Göttin!«, schnaufte sie. »Lass mich bei meinen Soldaten! Geht! Sofort!«

Wadia hielt ihre Hand und weinte. Sie drückte sie und lächelte ihn an. »Sei klug, mein Sohn. Geh jetzt.«

»Ich kann dich doch nicht -«

»Du bist der König, Wadia. Du bist es deinem Volk schuldig.« Takala starrte ihm in die Augen, obwohl schon Schweiß auf ihrer Stirn perlte. Jemand zupfte an meinem Arm, und ich

sah meine Hand nach Wadias fassen.

»Du.« Takala sah mich wutentbrannt an. »Du bist für die Stadt verantwortlich - du bist unsere Göttin -« Ihre Worte gingen in einem Schrei unter, denn die Schmerzen hatten sie übermannt. Ich zog Wadia, der mir blindlings folgte, fort.

Noch im Weglaufen wurden wir von unzähligen Todesschreien eingeholt. Wadia kehrte an den Rand des Hügels zurück und zog mich dabei mit. Die Soldaten, die so tapfer gekämpft hatten, um über die Hindernisse hinwegzuklettern und sicher nach Hause zu kommen, wurden nun gnadenlos abgeschlachtet. Die nächste Truppe von Hochländern ergoss sich aus den Hügeln unter uns und fiel über die erschöpften, verängstigten Pelesti her. Die Philister wehrten sich und kämpften, doch sie waren bereits geschlagen. »Nein«, flüsterte ich, zu entsetzt, um darauf zu achten, was ich sagte. »Bitte, lieber Gott, nein.«

Ein Soldat packte mich grob am Arm und schleifte mich den Berg hinunter. Ich wiederum zog Wadia hinter mir her. Der Soldat schubste mich und Wadia in einen Streitwagen.

»Fahrt nach Ashdod«, befahl er. »Sagt ihnen, wir brauchen Verstärkung!«

Er hatte den Pferden bereits die Peitsche gegeben; ohne dass jemand die Zügel hielt, rumpelten wir über den unebenen Boden. Soldaten umringten uns, Hochländer mit blutdurstigem Blick, Bärten, glänzenden Helmen und ihren ständig wiederholten Schreien: »Shaday reitet mit den Elohim!«

Ich packte die Zügel und versuchte unbeholfen, die panischen Pferde unter Kontrolle zu bekommen. Wadia stieß mich beiseite und brüllte mich an, in Deckung zu gehen. Er peitschte die Pferde nochmals und schleuderte mich zu Boden, während wir in wilder Fahrt den Hügel hinabholperten und -polterten. Die Knochen klapperten mir im Leibe, und die Zähne flogen mir fast aus dem Mund. Wir rasten bergab bis ins flache Gelände, doch auch da wurden wir nicht langsamer. Ich riss mich

zusammen und rappelte mich auf.

Sein Blick war stumpf; das arme Kind hatte einen schweren Schock. Er hatte mit angesehen, wie sein Bruder umgebracht, seine Mutter erschossen und sein Volk massakriert worden war. Ich konnte mir seinen Schmerz nicht einmal ausmalen, doch ich wollte vermeiden, dass er jetzt durchdrehte. Dazu gab es zu viel zu tun. »Erzähl mir von damals, als die Pelesti den Teraphim der Hochländer geraubt haben«, rief ich ihm über das Getrappel der Pferde hinweg zu. Hauptsache, ich brachte ein wenig Leben in seine Augen zurück.

»Das war bei einer Schlacht«, sagte er, als läse er den Text von einem Teleprompter ab. »Wir haben die Schlacht gewonnen, darum haben wir ihr Totem als Trophäe genommen.«

»Wieso?«, fragte ich. »Wozu denn?«

»Wir wollten es durch ha Hamishah tragen, damit alle Menschen sehen, dass Dagon ihrem Gott überlegen war, dass wir den Gott der Hochländer gefangen genommen hatten.«

»Und warum hat das nicht geklappt?« Meine Fragen klangen genauso einstudiert wie seine Antworten.

Ein Hauch von Farbe kehrte in seine Wangen zurück, außerdem wurden wir allmählich langsamer. »Ihr Totem war todbringend. Wer es berührte, musste sterben. Sobald jemand in seine Nähe kam, bekam er Geschwüre und starb schließlich.«

»Die Hochländer hatten es vermint?« Offenbar gab es in seiner Sprache den Begriff »vermint« nicht. Er wurde mit »zum Bösen entstellt« übersetzt.

Er zuckte mit den Achseln. »Der König von Ashdod schickte das Totem nach Gaza. Dort starben noch mehr Menschen. Dann schickten sie es nach Lakshish. Der dortige König wollte es nicht haben, weil in nur fünf Monaten fast zwanzigtausend Pelesti gestorben waren.« Endlich kam sein Blick auf mir zu liegen. »Sie hatten uns hintergangen. Wenn man das Totem eines Volkes gefangen nimmt, muss es einem nützen, nicht schaden.«

Ich nickte.

»Dann vermutete der König von Lakshish, dass das Totem so todbringend sei, weil es uns zürnte. Man hatte ihm nicht die angemessene, ehrerbietige Behandlung zukommen lassen, die ein Gott verdient und erwartet. Darum schickten wir es in den Tempel des Dagon in Ashqelon. Es ist der heiligste Ort in ganz Pelesti.«

»Und was geschah dort?«

»Nach der ersten Nacht fanden die Priester die Statue Dagons in zwei Hälften zerbrochen am Boden liegend. Das Totem der Hochländer war ihr gegenüber aufgestellt worden.«

»Das hat den Priestern bestimmt zu schaffen gemacht.«

Damit war klar, dass die Bruchstellen, die ich gesehen hatte, nicht auf mangelnde Kunstfertigkeit, sondern auf das Totem der Hochländer zurückzuführen waren. Was war das Totem der Juden?

»Genau. In der nächsten Nacht geschah das Gleiche, diesmal wurden Dagons Hände abgebrochen.«

Ein Meeresgott ohne Hände war wie eine Papiertür an einem U-Boot, nämlich absolut nutzlos.

»Augenblicklich schickten die Bürger von Ashqelon das Totem zurück nach Lakshish. Die dortigen Priester, das heißt diejenigen, die den ersten Besuch des Totems überlebt hatten, sagten: >Lo lo lo!<, stellten es auf einen Karren und fuhren es ins Hochland.« Seine Augen begannen zu glänzen. »Doch als es dort ankam, war es immer noch wütend, das haben die Spione berichtet, die dem Karren folgten, denn es tötete auch die Hochländer.«

Wir hatten eine weitere Anhöhe erreicht - und waren dabei irgendwie auf ein zweites Schlachtfeld gestoßen.

Die Sonne stand schon dicht über dem Horizont, doch wir konnten ganz deutlich die Leichen erkennen, elegant und kräftig und aus kupfer- oder bronzefarbenem Fleisch gehauen. Jetzt lagen sie völlig verdreht da. Ströme von Blut hatten das Gras braun gefärbt und die Bäume bespritzt. Unter den Leichen war es zu glänzenden Pfützen geronnen.

Waren wir im Kreis gefahren, oder hatte diese Schlacht hier schon früher stattgefunden? »Offenbar jagen die Hochländer«

- Wadia spuckte aus, um seine Verachtung zu zeigen - »uns zurück nach Gezer.« Er blickte über die Schulter auf unseren Weg zurück. »Vermutlich haben sie Lakshish umgangen.«

»Wir sollten doch nach Ashdod fahren.«

Wadia sah mich an; sein Blick war gehetzt wie der eines Sechzigjährigen. »Lo, nur ich.«

Takalas Worte wehten noch einmal über mich hinweg. Für die Stadt war ich verantwortlich. Ich sah nach Süden.

»Ashqelon liegt dort unten?«

»Ken.«

Obwohl meine Beine schlotterten, stieg ich ab. »Wie soll ich in die Stadt kommen, falls sie schon dort sind?«

Nachdem Wadia mir verraten hatte, wie ich mich in die Stadt schleichen konnte, falls das notwendig werden sollte, fuhr er los in Richtung Ashdod, um neue Truppen zu sammeln. Der Knabe war zum Mann geworden.

Mir war klar, dass ich nun nicht mehr klammheimlich verschwinden konnte. Abwechselnd auf Takala fluchend und mit Gott hadernd, machte ich mich auf den Weg zum Meer. Bis zum Morgengrauen müsste ich es und damit Ashqelon erreicht haben.

Immer mehr Sterne besprenkelten den Himmel über mir. Kaum zu glauben, dass dies noch dasselbe Universum war wie heute Morgen. Ich kam mir verändert vor, dabei hatte sich nichts geändert. Die Bäume wuchsen immer noch nach oben, immer noch deckte das Dunkel alles zu, und immer noch vermissten kleine Jungs ihre Mama. Die Last des Tages zwang mich in die Knie.

Ich hatte eine Schlacht beobachtet. Einen Krieg, in dem Menschen getötet und verstümmelt wurden. Und ich hatte

nichts unternommen, sondern einfach nur zugesehen.

Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, ich wusste nur, dass ich müde war. Todmüde.

Hatte das Ganze wirklich nicht einmal vierundzwanzig Stunden gedauert? Erst heute Morgen waren wir losgefahren, da hatten wir uns noch wie Sieger gefühlt. O Gott, dachte ich. Doch bist du der Gott der gegnerischen Mannschaft? Heißt das, die Pelesti hatten von Anfang an keine Chance gehabt? Es erschien mir schrecklich gemein, die Karten so ungerecht zu verteilen.

Diese Männer brachten andere Männer um. Jene Männer, die die Bibel verfasst hatten, mitsamt der Stelle »Du sollst nicht töten«, schlachteten andere Männer ab. »Ich glaube, ich werde Hinduistin«, flüsterte ich.

5. KAPITEL

Selbst so weit von Ashqelon entfernt konnte ich die Schreie, das Klirren und Scheppern der primitiven Waffen hören. Die Pelesti und Hochländer kämpften also immer noch?

Meine Schritte wurden schneller, denn ich musste an Cheftu denken. War er in Sicherheit? War er verletzt? Warum war er nicht in Lakshish aufgetaucht?

Als ich zwischen den Bäumen hervortrat, sah ich Männer, die sich gegenseitig an die Kehle gingen. Immer noch.

Dies war der Grund, weshalb der Friedensprozess hier selbst in der Neuzeit einem gordischen Knoten glich, begriff ich.

Diese Leute hatten in all den Jahrhunderten nie gelernt, miteinander auszukommen. Vielleicht sollten wir einfach abwarten, bis sie sich gegenseitig umgebracht hatten, und dadurch der Geschichte wie auch dem Rest des Planeten eine Menge Ärger ersparen? Ich konnte mich nicht entsinnen, wann mich die Menschheit im Allgemeinen je so angewidert hätte.

Ich schlich um das Schlachtfeld herum in die tiefer werdenden Schatten im Tal. Das Geschrei der Männer, das Wiehern der Pferde und das unablässige Scheppern von Metall auf Metall gellte mir in den Ohren. Zu tausenden kämpften sie hier inmitten der Überreste ihrer Kameraden. Es war ein gespenstisches Chaos.

Die schwerterschwingenden Pelesti waren alte Männer mit viel zu schweren Waffen und notdürftig geflickten Rüstungen.

Das sollte die Verstärkung für jene sein, die in der Schlacht niedergemäht worden waren? Mir sank das Herz in die Hose.

Von einer Schlachtordnung war nichts mehr zu erkennen. Jetzt hieß es einfach federbuschiger Mann gegen bärtigen Mann. Hinter den Zinnen der Stadtmauern warteten Pelesti darauf, dass die Schlacht näher kam, damit sie ihre Pfeile, Speere und das vorbereitete heiße Öl nutzbringend einsetzen konnten.

Am Horizont sah ich die Sonne in blutigen Farben über einem blutigen Land aufgehen. Das Licht stahl sich über den Strand und kletterte schnell höher, bis es schließlich die Schatten der sich gegenseitig tötenden Männer auf den Boden legte, in schwarzen und grauen Umrissen auf dem rötlich-braunen Gras. Dann lösten sich die Schatten der Morgendämmerung auf, und auch der Schlachtenlärm, das Schreien und Sterben, nahm allmählich ein Ende.

In wenigen Stunden würde es keine Pelesti mehr geben. Nicht in Ashqelon. Ich kehrte auf demselben Weg zum Strand zurück, auf dem ich gekommen war, und tappte dann vorsichtig durch die Umfriedung des Heiligen Sees. Die Krokodile sonnten sich schon in der Morgensonne.

Der Tempel Dagons war leer, denn die männlichen Priester hatten ihren Kopfschmuck aufgesetzt, um ihr Leben und ihre Lebensweise zu verteidigen. Die Priesterinnen standen vermutlich zusammen mit allen anderen auf den Stadtmauern.

Ich öffnete die Tür zu dem Zimmer, in dem Cheftu und ich uns geliebt hatten. Cheftu war immer noch dort, mit den Ohren an die Wand gekettet und zusammengekauert. Schlief er? War er tot?

»Cheftu!«, rief ich und lief auf ihn zu. Seine Haut war warm, doch er lag in tiefer Bewusstlosigkeit. Hatte man ihm Drogen eingeflößt? Ich war rasend wütend auf Takala; bestimmt steckte sie dahinter! Ich kniete neben meinem Ehemann nieder und betrachtete sein Gesicht. Die Falten um seine Augen waren schärfer und tiefer eingekerbt. Seine Haut war so dunkel, dass man ihn für einen Indonesier halten konnte. Und diese Löcher

- sie waren verheilt, aber immer noch so riesig, als hätte man sie mit einem Nagel oder einer Ahle durchstoßen. Instinktiv fasste ich an meine Ohren. Mein Gott, musste das wehgetan haben.

Er würde noch Stunden bewusstlos bleiben.

Ich ließ mich auf der Bettkante nieder. Der Schlachtenlärm war verstummt. Bald würde man das Lärmen der Invasion hören. Ich sah an mir herab und stellte fest, dass ich mit Blut überzogen war. Es lag wie Latex auf meiner Haut. Ich ließ den Kopf in die Hände sinken.

Ich war für die Stadt verantwortlich. Wie hatte das geschehen können? Widerwillig zwang ich mich zum Aufstehen und ging durch die Tür in den Hauptraum.

Tameras Gesicht war tränenfleckig; keuchend und schluchzend lag sie Dagon zu Füßen. Als sie mich sah, kreischte sie auf und warf sich sofort vor meinen Schwanz. »Du, meine Meeresherrin! Du bist alles, was uns bleibt! Takala-dagon ist tot. Wadia ist verloren -«

»Er ist in Ashdod«, verbesserte ich.

»Yamir-dagon wurde schon als Asche zum Himmel geschickt.«

Ich brauchte einen Moment, um ihre Worte zu verarbeiten.

»Er ist eingeäschert worden?«

»So ist es bei uns Brauch, haDerkato«, erwiderte sie würdevoll.

Ich nickte benommen. Mein Mund öffnete sich wie von selbst. »Was soll ich tun?« Scheiße! Ich wollte mich doch gar nicht einmischen! Wir standen als Verlierer der Mannschaft Gottes gegenüber! Doch Takala hatte ihre letzten Worte an mich gerichtet. Yamir hatte mich stets angelächelt, und Wadia war zu jung, um all das allein durchzustehen.

»Die Hochländer werden uns bald ihre Bedingungen mittei-len«, meinte sie unter Tränen. »Sie lagern vor der Stadt, doch ich habe gehört, sie haben heute ihren heiligen Tag. Deshalb werden sie sich bis morgen Abend nicht vom Fleck rühren oder arbeiten oder kämpfen. Unsere Männer sind fast alle tot. Nur Frauen und Kinder sind noch in der Stadt.«

»Wir haben noch einen Tag«, meinte ich.

Sie versuchte zu lächeln.

»Was habt ihr mit meinem Sklaven gemacht?«, fragte ich. Ich brauchte Cheftu - ich brauchte seinen Rat. Er konnte mir helfen herauszufinden, was wir überhaupt noch unternehmen konnten.

»Er wird bald wieder aufwachen«, sagte sie.

»Behandeln die Hochländer ihre Gefangenen gut?«

Ich musste versuchen, mich an verschiedene Möglichkeiten heranzutasten. Ich war für eine ganze Stadt verantwortlich. Tameras Gesicht fiel in sich zusammen.

»Das tun sie nicht, Meeresherrin.« Sie sagte es ganz leise und ergeben, und mir fiel mein Lexikon wieder ein.

Hal und Herim. Ich schloss die Augen, denn die Welt wurde eine Sekunde lang weiß. »Sie machen keine Gefangenen«, erkannte ich und hoffte dabei im Stillen, sie würde mir nicht zustimmen.

»Niemals, Meeresherrin.«

Ich drehte mich unvermittelt um und starrte auf die nutzlose, armselig ausgebesserte Statue. Mir blieb keine Zeit zum Raten, weshalb ich hier war, ob durch Zufall oder aus Absicht, ob es ein - geschickt getarnter - Segen war oder eine Strafe. Jetzt war der Zeitpunkt zum Handeln gekommen.

Schweigend stand ich da und starrte ins Leere. Draußen war es schwarz geworden. Die Nacht des Sabbats. Die Hochländer durchsangen sie mit einer geisterhaften Mollmelodie. Mein Atem hallte mir in den Ohren.

Nach einer Weile hörte ich Geräusche aus dem Tempel: Cheftus Aufwachgeräusche. Ich rannte zurück und riss die Tür auf. »Mon Dieu! Du bist hier! Du lebst!«, sagte er und starrte mich dabei aus blutunterlaufenen Augen an.

»Ja«, antwortete ich. »Wie kriege ich dich von der Wand los?«

Er wandte den Kopf langsam zur Seite, bis er die Kette sah und sein Blick matt wurde. »Schneide sie durch.«

Nach langer Suche quer durch den ganzen Tempel stieß ich auf zwei Priester, die sich in einer Kammer gemeinsam betranken, sowie in einem zweiten Raum auf einen Eisendolch. Ich hieb auf die Kette ein und richtete dabei meinen ganzen Zorn auf die Eisenglieder. Als Cheftu endlich befreit war, gab ich ihm etwas Brot und Wein und verwandte zwanzig Minuten sowie ein Wannenbad darauf, ihm zu versichern, dass ich nicht verletzt war und dass das Blut nicht von mir stammte.

»Was ist passiert?«, fragte er.

»Was ist mit dir passiert?«

»Als ich aufgewacht bin, war ich angekettet«, antwortete er. »So wie mir der Schädel brummt, nehme ich an, dass sie mir ein Schlafmittel verabreicht haben.«

Ich seufzte, weil ich es nicht schaffte, die Bilder abzuschütteln, die ständig hinter meinen Lidern vorbeizogen, ob ich sie nun geschlossen hatte oder nicht.

»Die Pelesti sind die Philister.«

»Oui?«

»Die Hochländer, gegen die sie in die Schlacht ziehen und von denen sie eben abgeschlachtet wurden, sind die Juden. Die Israeliten.«

Cheftus Augen wurden groß.

»Aus der Heiligen Schrift?«, fragte er.

»Samson? Saul? David?«

Der Mann war ein wandelndes Bibellexikon. »Dadua ist David.«

»Wir leben in Daduas Zeit? Wir kennen dieses heilige Volk?« Sein Englisch klang ehrfurchtsvoll.

Für mich hatten diese Menschen nichts Heiliges.

Sie schlachteten ihre Gegner ab wie Metzger. Ich redete auf Englisch weiter. »Dumm ist nur, dass wir sie allzu gut kennen und dass wir auf der anderen Seite stehen. Die Königsfamilie ist ausgelöscht, und ich«, ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen, »trage jetzt die Verantwortung.«

Er sah mir prüfend ins Gesicht, in die Augen. »Sie haben eine gute Wahl getroffen.«

Mir stiegen Tränen in die Augen. »Danke.«

»Wie kann ich dir beistehen?«, fragte er, nachdem er mich ein paar Atemzüge lang nur angestarrt hatte. Wie lebte meine Seele doch in seiner Nähe auf, selbst jetzt.

»Hast du irgendeine Ahnung, mit wem ich verhandeln werde?«

»Davids General war Joab«, antwortete er prompt. »Und Nathan war sein Prophet.«

»Wissen wir irgendwas über sie?«

Er runzelte die Stirn.

»Joab war offenbar ein Menschenschlächter. Blutrünstig. Er war Davids, wie sagt man, Hinrichter?«

»Henker.«

»Oui. Henker. Er hat für David all das erledigt, womit David sich nicht die Finger schmutzig machen wollte.«

»Und was ist mit Nathan?«

»Er war ein Prophet.«

»Noch etwas?«

»Ach, na ja. Nathan hat seine Prophezeiungen hin und wieder umgeworfen. Manchmal hat er sich korrigiert, auf Grund eines Traumes zum Beispiel. Er war kein besonders zuverlässiger Prophet.«

»Was erhofft sich Tamera deiner Meinung nach von meinem Eingreifen?«

Cheftu antwortete absolut tonlos: »Einen schmerzlosen, schnellen Tod.«

»Ist das dein Ernst, oder möchtest du mir nur Mut machen?«, fuhr ich ihn an. Es wurde bald hell; und ich bekam allmählich Todesangst. Das Leben dieser Menschen hing von mir ab.

»So steht es in der Bibel, allerdings gab es auch Zeiten, in denen es den Israeliten gestattet war, Beute zu machen«, führte er aus.

»Es geht also um Tod oder Sklaverei?«

Er nickte knapp.

»Heilige Scheiße«, flüsterte ich. Gleich darauf fragte ich: »Äh, was für verschiedene Todesarten gibt es? Ich meine, haben sie Erschießungskommandos? Würden sie uns unter einem Pfeilhagel begraben?«

Er stand auf und ging ärgerlich im Raum auf und ab.

»Woher soll ich das wissen, Chloe? Als ich die Bibel gelesen habe, stand mir dabei nicht vor Augen, was für abenteuerliche und grausame Methoden das Volk Gottes bei der Hinrichtung seiner Feinde anwandte! Wieso bist du so morbid, so auf Einzelheiten versessen?«

Ich merkte, wie mich sein Ausbruch in Rage brachte.

»Ich habe nur versucht, mir ein Bild zu machen«, verteidigte ich mich. »Schließlich musst nicht du um das Leben dieser Menschen feilschen. Schließlich musst nicht du wissen, welcher von beiden Wegen der qualvollere oder weniger qualvolle ist. Ich kann nicht mal um ein Paar Sandalen feilschen!« Plötzlich sackte die ganze Last auf mich herab. »Hier geht es um das Leben dieser Menschen! Und es ruht auf meinen Schultern!«

»Ach, chérie«, sagte er zerknirscht, dann umarmte er mich und strich über mein windzerzaustes Haar. Er zog mich an seine Brust, sodass ich seine Worte gleichzeitig spürte und hörte. »Fürchtest du dich?«

»Ich sterbe vor Angst. Und du?«

Er brauchte einen Moment, ehe er mir antwortete, darum schloss ich die Augen und gab mich ganz dem Gefühl seiner Finger hin, die durch mein Haar fuhren und meine Kopfhaut massierten. »Ich sorge mich um dich, doch das ist nicht die Quelle meiner Angst.«

»Sondern die Tatsache, dass dies eine Geschichte aus der Bibel ist?«, fragte ich ein wenig später.

Er seufzte tief. »Für mich ist dies eine heilige Zeit. David und Joab mit eigenen Augen zu sehen ist für mich fast unmöglich zu glauben.«

»Weil sie sich so gar nicht heilig verhalten?«

Tamera erschien in der Tür, frisiert und elegant gekleidet. »Die Priester möchten dich für morgen früh reinigen und schmücken«, sagte sie. »Bitte komm mit mir.«

Cheftu drückte meine Hand. »Ich werde für dich beten.«

»Hab keine Angst«, flüsterte ich.

Als zuständige Göttin wurde ich gebadet, geschminkt, angebetet, angefastet, gefeiert und schließlich kurz ins Bett geschickt. Als ich aufwachte, war der Tag meines Treffens mit den Hochländern angebrochen: den Israeliten. Ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was ich ihnen sagen sollte.

Tamera kam mit dem Fischmantel herein. Als Repräsentantin Ashqelons war es mein Job, ihn zu tragen. So viel zu der Theorie, dass man in den eigenen Kleidern sicherer auftritt.

»Kommen sie in die Stadt?«, fragte ich.

»Lo, haDerkato. Wir werden sie am Stadttor erwarten.«

»Lo, nicht am Stadttor.«

Ich versuchte mir alles ins Gedächtnis zu rufen, was mein Vater mir über Diplomatie, über das richtige Diskutieren und über das Verhandeln beigebracht hatte. O Gott. »Wir werden uns am Strand mit ihnen treffen, am heiligen Fischweiher.« Das erschien mir neutral genug.

Sie verbeugte sich und verließ rückwärts den Raum. Ich rief sie noch einmal zurück, um sicherzustellen, dass es dort Wein und etwas zu essen geben würde - und zwar nicht nur Getreide. Und auch keine Schalentiere und kein Schwein, denn das wür-den sie, genau wie Moslems, als Beleidigung auffassen. Ich war nicht umsonst Tochter eines Botschafters gewesen.

Der Gedanke schlug wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein.

War es möglich, dass ich nicht nur hier war, um Cheftu zu finden?

Meinen Fischmantel hatte ich an, und mein Leib war bemalt, allerdings ohne die kunstvollen Bleiglanzmuster auf meinem Gesicht. Eine erfolgreiche Verhandlungsführung hing auch davon ab, dass man der anderen Seite so ähnlich wie möglich sah, so viel war mir klar. Das würde ihnen bewusst machen, wie viel man gemeinsam hatte.

Ich hoffte, dass es funktionierte.

Cheftu blieb die ganze Zeit an meiner Seite, doch niemand schien sich an seiner Anwesenheit zu stören oder daran, dass ha-Derkato plötzlich von einem Sklaven begleitet wurde. Schweigend zogen wir zum Strand hinab. Wohin ich auch schaute, blickte ich in die Gesichter der Pelesti. In Augen, honigbraun, blau, grün oder schwarz, die mich anflehten, sie zu retten. Die Stadt Gezer hatte ein grauenvolles Ende genommen. Die Hochländer hatten erst alles umgebracht, was atmete, und dann alles niedergebrannt, was sich anzünden ließ.

Das einzig Gute an der ganzen Sache war, dass die Truppen, die vor unseren Stadtmauern lagerten, ihre Zerstörungslust bereits gestillt hatten. Haufenweise Gold, Ölkrüge und Proviant war aus den Trümmern von Gezer in ihr Lager gekarrt worden. Doch kein einziger Gefangener.

Meinen Anweisungen getreu hatte Tamera dafür gesorgt, dass an unserem Treffpunkt zwei abgedeckte Sessel mit einem kleinen Tisch dazwischen aufgestellt worden waren. Zu beiden Seiten warteten Diener mit Fächern, Wein und Süßigkeiten. Die morgendliche Brise war ausgesprochen mild, ein Zeichen dafür, dass wir uns schon mitten im Frühling befanden. In der Kriegssaison.

»Sobald der Unterhändler eintrifft, möchte ich, dass sich alle außer meinem Sklaven zurückziehen«, wies ich die wartenden Priester, Priesterinnen und Sklaven an. »Nur mein Sklave wird uns bedienen.« Als Tamera Protest einlegen wollte, erklärte ich ihr, dass das Gesinde des Unterhändlers unterhalten werden sollte, um es abzulenken. Es war besser, wenn ich allein mit dem Unterhändler sprach.

Die Hochländer erschienen erst in der größten Tageshitze. Ich sah sie über den Strand auf uns zukommen. Fünf Männer in glänzender Rüstung.

Okay, Chloe. Showtime.

»Chérie, versuch mit dem Propheten zu verhandeln«, meldete sich Cheftu plötzlich zu Wort. »Ich habe eine Idee.«

Ich drehte mich mit weit aufgerissenen Augen zu ihm um. »Sie sind noch fünfzehn Schritte von uns entfernt, und du hast jetzt eine Idee?« Er zog seine Bauchschärpe nach unten. Ich sah etwas Längliches, Weißes darin liegen. »Du hast die Steine noch? Wie das denn?«

»Ich habe sie versteckt«, antwortete er. »Sie antworten immer noch. Hol den Heiligen her.«

Die Gruppe war fast auf Hörweite herangekommen. Ich stellte mich dem Blick ihres Anführers, während ich Cheftu aus dem Mundwinkel fragte: »Hat man dich nicht ausgeraubt? Geschlagen? Wie kommt es, dass du sie immer noch hast?«

»Glaub mir«, erwiderte er bestimmt, »das willst du nicht wirklich wissen.«

Mir blieb keine Zeit, über seine Antwort nachzusinnen; die Hochländer waren da.

Unsere beiden Gruppen starrten einander an. Es waren fünf auf ihrer Seite und drei auf unserer. Schon dieses Kräfteverhältnis musste ihnen Vertrauen geben. Von den fünf sah einer aus wie ein Klingone aus Cammys jüngeren RaumschiffEnterprise-Folgen. Zwei andere waren Zwillinge. Der vierte trug eine weiße Robe unter seinem Brustpanzer. Der fünfte war der Anführer. Er hatte grüne Augen und schwarze Locken. Er war zwar nicht groß, doch gut gebaut. Alle fünf hatten Bärte und Locken, die über ihre Ohren hingen und bis auf ihre Schultern reichten.

In ihren bronzenen Schuppenpanzern mussten sie fast verglühen, auch wenn sie darunter Schurze und Hemden trugen. Sie waren eindeutig fürs Gebirge gekleidet, nicht für den Strand. Ich erhob mich und streckte dem Anführer die Hand entgegen. Jede Berührung zählte, hatte mein Vater immer gesagt. Jede Berührung und der richtige Blickwinkel.

Gebe Gott, dass ich beides richtig einsetzen würde.

»Willkommen in Ashqelon«, hörte ich mich in unserer gemeinsamen Sprache sagen.

»B’vakasha, nehmt Platz. Eure Männer können sich in jenem Zelt dort erfrischen und unterhalten lassen.« Ich deutete auf ein hastig errichtetes Zelt knapp außer Hörweite. Ich winkte Cheftu, einem von ihnen einen weiteren Stuhl zu bringen. Der Anführer würde auswählen müssen, welcher der Männer bei ihm blieb. Die Entscheidung würde eine Menge über ihn und darüber verraten, wie flexibel er in dieser Sache agieren wollte.

»Yoav ben Zerui’a ist mein Name«, sagte der Schwarzhaarige. »Ashqelon ist dem Untergang geweiht, Isha. Euer Gott Dagon ist schwach.«

Ich machte den Mund auf, um ihm zu antworten: »Ich bin haDerkato.« Doch stattdessen sagte ich: »HaDerkato ist mein Name.« Ich konnte nicht sagen: »Ich bin.« Schräg. »Möchtet ihr Wein? Oder Bier?«

»Ich schließe keinen B’rith mit einer Unbeschnittenen.«

Ich sah zu ihm auf. »Würde es dir tatsächlich gefallen, wenn ich beschnitten wäre?«

Seine Lippen zuckten, doch ich glaubte, dass er ein Lachen zu unterdrücken versuchte. Das gab mir ein wenig Auftrieb.

»B’vakasha«, sagte ich. »Nimm Platz.«

Cheftu kehrte mit einem dritten Stuhl zurück. Der Mann in Weiß nahm ihn an. Er sah aus wie ein Asket, dunkel, hager, nervös. Seinen Bart zwirbelnd beobachtete er, wie Yoav - Joab in neuzeitlicher Aussprache - und ich miteinander sprachen. Dies also war Davids Henker? Auf mich machte er einen recht zivilisierten Eindruck.

Widerwillig ließen sich die beiden Männer nieder, wenn auch nur auf der äußersten Stuhlkante. Yoav schätzte ich auf Ende dreißig oder Anfang vierzig. Der andere war wahrscheinlich noch keine dreißig. Die Zwillinge und der Klingone gingen, von Tamera eskortiert, von der Bühne ab. Aber sie behielten uns im Auge.

Ich hoffte, dass Yoav jetzt zugänglicher wurde.

Möglicherweise ließ es sich ohne Publikum, ohne aufgeplusterte männliche Egos, besser feilschen.

»Die Schlacht in den Refa’im wurde klug gewonnen«, sagte ich. »Sich die Naturerscheinungen zu Nutze zu machen, den Wind in den Bäumen, ihn klingen zu lassen, als würde eine Kriegsmaschine durch den Wald brechen, war wirklich eine glänzende Idee.«

»Es war der Plan unseres Gottes.«

»Und eure Armee hat ihn hervorragend ausgeführt«, schloss ich. Wir saßen uns schweigend gegenüber.

Mein Vater hatte mir immer erklärt, dass Schweigen wie ein Korkenzieher funktionierte. Mit der Zeit konnte man damit selbst die verschlossensten Lippen öffnen. Also saßen wir nur da und starrten einander an. Yoav war forsch, sein Blick musterte unzweifelhaft lüstern meinen Körper. Damit will er mich nur nervös machen, dachte ich. Ich weigerte mich zu erröten, sondern wartete einfach ab, bis er sich zum Narren machte.

Cheftu stand ganz gelassen an der Zeltwand, einen Krug in der Hand. Die Muskeln an seinem Oberkörper waren angespannt. Ich hatte nicht den leisesten Zweifel, dass Yoav, falls ich auch nur eine Sekunde in Bedrängnis geriet, mit dem Leben bezahlen würde. Es war ein gutes Gefühl, denn die beiden schüchterten mich tatsächlich ein. Der Wind wehte um uns herum, und wir starrten einander an. Gelegentlich lächelte ich sie an, weil die Situation immer grotesker wurde.

Yoav wandte als Erster den Blick ab. Ha! Eins zu null für die Braut im Fischkostüm!

Der andere, der mir immer noch nicht vorgestellt worden war, erwiderte mein Lächeln. Er wirkte auf mich wie ein überzüchteter Jagdhund. Mager und spitz. Und irgendwie waren mir seine Gesichtszüge und die Form seiner Schultern vertraut. Kannte ich ihn irgendwoher? Die ganze Zeit hatte er seine Finger im Bart, und die Schläfenlocken reichten ihm weit über die Ohren bis auf die Brust. Schweiß rann über meinen Rücken. Wir befanden uns wohl im März, tippte ich. Und schon war es heiß. Endlich beugte sich Yoav vor. »Die Pelesti sind geschlagen«, sagte er. »Euer Gott ist schwach, ihr habt keine Soldaten mehr, ihr seid keine Bedrohung mehr für uns.«

»Dann zieht eurer Wege und lasst uns in Frieden«, antwortete ich. »Ihr habt gesiegt.«

Er blinzelte. Wahrscheinlich war eine Kapitulation hier nicht üblich. Nach einem kurzen Blick auf den Mann in Weiß ergriff er wieder das Wort. »Das kann ich nicht. Es ist Herim; darum ist alles, was Odem hat, Hal.«

»War es deine Entscheidung oder die deines Königs, gegen Ashqelon zu ziehen?«

»Meine.«

»Also bist auf diesem Schlachtfeld du der König?«

Seine Augen wurden schmal. Seine Antwort kam langsam.

»Ken.«

»Gezer wurde zerstört, nicht wahr?«

»Ken. Dem Erdboden gleichgemacht. Es war Hal.«

»Welche Städte meines Volkes sind erhalten geblieben?«

»Lakshish, Qisilee, Yaffo, Ashdod und Ashqelon.«

»Wie viele Männer im kampffähigen Alter sind deiner Schätzung nach noch am Leben?«

Er zupfte an seiner Schläfenlocke, während er über die Ant-wort nachsann. »Die Männer aus Lakshish und Ashdod haben unter dem Seren Yamir gedient, nachon?«

Das Lexikon kam mir mit einem Spickzettel zu Hilfe. Na-chon konnte alles Mögliche bedeuten, von »genau« über »richtig?« bis zu »Bingo!«. Ich nahm an, dass er es in der mittleren Bedeutung gebraucht hatte. Ich nickte. »Yaffo und Qisilee sind vor allem Hafenstädte«, sagte ich. »Von dort aus importieren wir ebenjene Luxuswaren, die dein König und dein Volk begehren.« Jetzt beugte ich mich vor. »Ihr seid Hochländer. Ihr seid Bauern, Familienväter und Ehemänner mit Feldern, Vieh und Weinbergen.«

Er lehnte sich zurück; kein gutes Zeichen. »B’seder.«

»Ohne uns werdet ihr auf die fein gefärbten Kleider verzichten müssen, die du gerade trägst.« Ich deutete auf die rote Tunika, die er unter seinem Panzer angezogen hatte. »Ohne uns werden eure Tempel und vornehmen Häuser stinken, denn ihr werdet keine Myrrhe, keinen Weihrauch und keine Gewürze mehr bekommen. Diese Dinge bringen wir aus fremden Ländern mit.«

Sein Blick blieb vollkommen undurchsichtig. Wie grünes Strandglas.

»Vor allem«, jetzt lehnte auch ich mich zurück, »haben wir Eisen.«

»Wir werden euch vom Angesicht der Erde tilgen, dann brauchen wir auch kein Eisen mehr.«

»Irgendwann wird Pharao aus seinem Schlaf erwachen«, wandte ich ein. »Die Menschen im Norden, in Tsor und Tsi-don, werden begehrliche Blicke auf euch werfen. Unseren Verwandten von jenseits haYam wird es nach euren Feldern gelüsten. Und alle haben Eisen.

Mit ihren seetüchtigen Schiffen, die an euren Ufern landen werden - denn wenn ihr uns >vom Angesicht der Erde tilgte, dann werden es eure Ufer sein -, ihren Streitwagen, die bis in die Hügel eures Königreichs vordringen können, und ihrem nie versiegenden Nachschub an Männern, Proviant und Pferden -denn sie alle kommen aus großen Nationen, nicht aus einem unbedeutenden Königreich, dessen Berggott für sie kämpft -werden sie mit einer Hand eure Bronzeschwerter zersplittern, während sie mit der anderen euer Land, eure Frauen und eure Totems rauben.

Wir sind euer Schutzwall, wir schützen euch vor Plünderern, die nach Osten vordringen wollen. Wir sind euer Schutzpanzer, und wir treiben Handel für euch. Wir betreiben eure Häfen in Ashqelon, Yaffo und Qisilee; wir schmieden eure Waffen in Lakshish, Ashqelon und Ashdod. Ihr habt weder die Kenntnisse noch die Menschen, uns zu ersetzen.«

Der Mann in Weiß sprang auf. »Sie beleidigt uns!«, brüllte er. »Sie führt uns ihren Gott vor und beschämt el haShaday! Wir dürfen ihr kein Gehör schenken!«

»Setz dich, N’tan«, bellte Yoav ihn an. »Was sie sagt, sind ökonomische Wahrheiten.« Er sah mich finster an.

Mein Rücken war schweißnass. Ich wagte nicht, auf Cheftu oder auf das Meer zu blicken. Stattdessen starrte ich wie hypnotisiert Yoav an. Gib uns eine Chance, dachte ich. Bitte!

Er schwieg lange. Er spannte mich auf die Folter. Hätte ich anders vorgehen sollen? Hätte ich weniger überheblich sein sollen? Hätte ich um Gnade bitten sollen? Allmählich lernte ich sein Gesicht besser kennen als mein eigenes, so lange schaute ich ihn inzwischen an. Hätte er nicht ganz so viele Narben gehabt, hätte er fast gut ausgesehen. So jedoch wirkte er vor allem verwegen, ein wenig piratenhaft. »Es geht darum, unser Gesicht zu wahren«, meinte er schließlich. »Die Pelesti haben uns immer wieder angegriffen.«

»Wie du selbst gesagt hast, sind keine Männer mehr übrig.«

»Wenn alle Frauen so sind wie du, dann weiß ich nicht, ob ihr Männer braucht, um Krieg zu führen«, brummelte er.

Ich beschloss, das als Kompliment zu nehmen.

»Was willst du?«, fragte er. »Was erhoffst du dir von mir und den Männern meines Stammes?«

»Unser Leben«, antwortete ich schlicht. »Unsere Städte und unser Leben. Ihr habt uns bereits unsere Männer, unsere Brüder und Väter genommen. Unser Seren und seine Mutter wurden ebenfalls von euch niedergemetzelt. Erlaubt uns, hier zu leben, sonst nichts.«

Sein Blick gab mich frei und richtete sich auf die Stadtmauern in meinem Rücken. Die weißen Gebäude waren wie Bauklötze übereinander gestapelt, und die Sonne legte bläuliche Schatten in Fenster und Türen. Die ersten Blumen blühten bereits und ergossen sich wie bunte Wasserfälle aus Balkonkästen, Bäumen und Blumentöpfen. »Es ist eine schöne Stadt«, bemerkte er. »Im Süden habt ihr einen sicheren Hafen.«

»Ken. Doch für ein Volk, das die Hügel beackert und nichts von Schiffen versteht, ist er ohne Nutzen.«

»Ich will das Geheimnis des Erzschmelzens. Bringt uns bei, wie man Eisen macht.«

Sag niemals Nein. Die Worte meines Vaters zogen durch meinen Kopf. Ein Nein ist das Ende jeder Verhandlung. Lüge, falls es nicht anders geht, biege die Wahrheit zurecht, doch sag niemals Nein. Ich fuhr mir mit der Zunge über die spröden Lippen. »Was würde euch daran hindern, uns zu töten, sobald wir euch unsere Geheimnisse verraten haben?«

Er drehte eine der Locken vor seinen Ohren. »Nichts.« Er fixierte mich wieder mit seinem Blick, mit grünen Augen wie Laserstrahlen. »Ihr müsst uns vertrauen.«

»Du musst bei deinem Gott schwören«, verlangte ich.

»Wir missbrauchen den Namen unseres Gottes nicht zum Schwur!«

Ich zuckte mit den Achseln. »Er ist das Einzige, was euch wirklich teuer ist. Es wäre der einzige Beweis dafür, dass ihr euren Teil der Abmachung einhaltet.«

»Ich will noch mehr«, sagte er.

Das hatte ich befürchtet. »Was noch?«

»Euer kleiner Prinz muss sterben.«

Nicht Wadia, er war noch ein Junge! Ich konnte mir nur mit Mühe ein entschiedenes Nein verkneifen. »Ihr habt alle seine Brüder, seinen Vater und seine Mutter getötet, wieso lasst ihr den Knaben nicht in Frieden? Er ist doch nur ein Kind.«

»Er kann gegen eine Mauer pinkeln; er ist ein Mann. Wenn er älter wird, wird er von neuem mit den Pelesti gegen uns in den Krieg ziehen.« Seine Augen verrieten, dass es ihm Ernst damit war. »Mein Herr und König Dadua hat anderes zu tun, als jedes Jahr im Frühling die Pelesti wie lästige Mücken zurückzuschlagen.«

»Und wenn Wadia schwört, nicht anzugreifen?« Ich hörte das Zittern in meiner Stimme und verfluchte mich insgeheim dafür.

»Was hindert ihn daran, sein Wort zu brechen? Welche Sicherheiten hätte ich?«, fragte Yoav.

»Er ist zwar jung, doch er ist ein Mann von Ehre.«

Yoav lehnte sich zurück und streckte seine Beine knapp neben meinen aus. War das Zufall oder Absicht? »Ich glaube, ich werde jetzt etwas Wein trinken«, beschloss er. Cheftu hatte schon welchen eingeschenkt, ehe er fertig gesprochen hatte. Yoav nahm den Becher entgegen und reichte ihn an mich weiter. »Die Höflichkeit gebietet, dich zuerst trinken zu lassen.«

Da ich wusste, dass der Wein nicht vergiftet war, nahm ich einen Schluck. Er schmeckte süffig, erfrischend und absolut ungefährlich. Ich gab ihm den Becher zurück. »Im Gegensatz zu euch wahren wir die Regeln der Gastfreundschaft.«

Er leerte den Becher auf einen Sitz und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. »Im Gegensatz zu euch bieten wir unseren Wein nur jenen an, die unseresgleichen sind und denen wir vertrauen können.«

Dieser Mann brachte mich noch auf die Palme. Ganz ruhig, Chloe. Cheftu reichte mir ebenfalls einen Becher, den ich ebenso schnell leerte wie Yoav, wenn auch reinlicher. Ich stellte den Becher ab, um deutlich zu machen, dass ich die Herausforderung angenommen hatte.

»Wie lauten deine Bedingungen, Yoav?«

»Das Geheimnis der Erzschmelze. Eure fortdauernden Dienste als Seefahrer und Kaufleute. Euer vollkommener Rückzug aus den Tälern. Stattdessen werden wir diese Wachtürme bemannen. Nur Ashqelon, Ashdod und Yaffo werden verschont.«

Sie würden das ganze Land an sich nehmen?

»Und was ist mit Lakshish? Und Qisilee?«

»Menschen aus unseren Stämmen werden zu den Pelesti in diese Städte ziehen. Wir werden unsere eigenen Tempel bauen, unseren Gott verehren und von eurem Volk die Künste der Erzschmelze, des Töpferns und Färbens lernen ... jene gottlosen Kleinigkeiten, die für jede Nation, ganz gleich welcher Größe, bedeutsam sind.«

Eine friedliche Invasion. »Und was ist mit Wadia?«

Seine Augen wurden schmal, tasteten mich ab und schwenkten dann auf das Wasser in meinem Rücken, die auf den Strand klatschenden Wellen. »Ich nehme dich stattdessen.«

Adrenalin schoss durch meine Adern. Schlagartig war mir so kalt, dass ich fast bibberte. »Mich?«

»Du bist das Oberhaupt von Ashqelon. Wenn wir dich mitnehmen, haben sie niemanden mehr, dem sie folgen können. Mehr noch, wenn du unsere Geisel bist, dann wird der junge Wadia jede seiner Taten genau überlegen.«

»Das wird er nicht mehr, wenn ihr mich tötet«, wandte ich ein. Meine Stimme klang fest, was ein wahres Wunder war. Innerlich lag ich am Boden.

Er lächelte. »Ich will dich nicht töten, ich will, dass deine überheblichen Hände mich bedienen.«

Irgendwo fiel klirrend ein Krug zu Boden.

»Was?«

»Du, haDerkato, bist die größte Trophäe überhaupt«, erklärte er mit einem Wolfslächeln. »Eine Göttin, die als Sklavin in meinem Hause dient.«

»Mein Gemahl ...«, flüsterte ich wie vor den Kopf geschlagen.

Er zuckte mit den Achseln. »Ihr gehört einer unbeschnittenen Rasse an. Ich bin kein Samson, der sich von den Reizen einer Pelesti betören lässt.« Sein Blick war voller Verachtung. »Deinen Gemahl können wir ebenso leicht versklaven. Ihr könnt euch vereinigen und mir noch mehr Sklaven schenken, das ist mir egal.« Er drehte seinen Becher um, ein Zeichen, dass die Unterhaltung beendet war. »Doch du wirst mir dienen.«

Es hieß also ich oder Wadia? Wie hatte ich bloß derart in die Klemme geraten können? Mich ging die ganze Sache doch gar nichts an! Scheiße, Scheiße, Scheiße. »Was wird aus der Stadt und den Menschen?« Den wenigen Überlebenden.

»Um mein Gesicht und meinen Stolz zu wahren, muss ich alle übrigen Männer töten.«

Ich öffnete den Mund, um zu protestieren, klappte ihn dann aber wieder zu. »Weiter.«

»Ich werde die Hälfte der Bevölkerung versklaven und dazu alle eure Sklaven mitnehmen.«

Die Hälfte der übrig gebliebenen Frauen, dachte ich, und Cheftu noch dazu. »Weiter.«

»Wir werden die Hälfte eurer Felder niederbrennen, doch die Stadt werden wir unversehrt lassen.«

Ich schluckte. »Weiter.«

»Lakshish wird unberührt bleiben, doch auf den Feldern zwischen den beiden Städten werden meine Männer wohnen.«

Genau wie ich gedacht hatte! Er würde das ganze Land annektieren und die Pelesti in ihre Städte einsperren wie in Ghettos. Angenehme, schöne Ghettos, aber trotzdem Ghettos.

»Lakshish wird uns während der Erntezeit beherbergen. Genau wie Qisilee. Ashdod, nun ja, ich glaube, die Lehre von Ashqelon -«

»Du meinst, die Zerstörung von Ashqelon.«

Er sah mich an. »Die Eroberung von Ashqelon wird den übrigen Städten deutlich genug zeigen, dass wir von nun an die Herren über euer Land sind.« Er rieb sich mit den Händen über die Schenkel. »Meine Männer sind müde, sie sehnen sich nach ihren Frauen und nach der Kühle des Berglandes. Auf diese Weise sollte der Ehre beider Seiten Genüge getan sein.«

Konnte ich ihn nicht einfach umbringen? Konnte ich ihn nicht einfach umbringen und dann abhauen? »Schwöre, dass ihr die Frauen weder töten noch schänden werdet«, verlangte ich leise. Mir war klar, dass ich die Männer, die wenigen noch lebenden alten und jungen Männer, nicht retten konnte.

Zum ersten Mal wirkte er beleidigt. »Wir sind Männer des Glaubens, Isha. Wir schänden keine Frauen. Der Samen unseres Stammes wird nicht achtlos verstreut wie jener von Götzendienern! Wir führen unseren Krieg auf dem Land im Auftrag von el haShaday, nicht um unsere Körper zu beflecken.« Er sah mich an, als wollte er mich gleich anspucken.

Mein Atem ging flach. Sollte ich seinen Bedingungen zustimmen? Oder gab es eine bessere Zukunft für mein, für dieses Volk? Jetzt sah ich zum ersten Mal über Yoavs Schulter hinweg auf Cheftu. Sein Blick war dunkel, seine Miene eingefroren. Die Alternative wäre der Tod gewesen, Chloe. Verglichen damit sieht es gar nicht so schlecht aus.

Aber nur verglichen damit - aus jedem anderen Blickwinkel war es grauenvoll!

Yoav erhob sich. »Denk darüber nach, haDerkato. Ich werde auf deine Antwort warten.« Er blickte zum Himmel auf. »Ich lasse euch Zeit bis zur Abenddämmerung.«

»Wie soll Ich mit dir Verbindung aufnehmen?«

»Ich werde an deinen Taten erkennen, wie du entschieden hast. Wenn ich die Hälfte der verbliebenen Einwohner unter deiner Führung aus dem Tor kommen sehe, dann weiß ich Bescheid. Falls nicht, werde ich Ashqelon dem Erdboden gleichmachen. Wie du selbst gesagt hast, haben Yaffo und Qisilee

ebenfalls einen Hafen. Wir brauchen eure Stadt nicht.«

Er drehte sich um und ging davon.

Die Zwillinge und der Klingone eilten an Yoavs Seite, während N’tan ihnen hinterhertrödelte. Wieder marschierten sie zu fünft über den Strand.

Am ganzen Körper zitternd, sackte ich auf meinem Stuhl zusammen. Was hatte ich getan? Was konnte ich noch tun? Wieso musste ausgerechnet ich das tun? Wieso hatte mir Takala diesen Fluch auferlegt? Wieso konnte ich nicht einfach abhauen? Tamera erschien mit einem Jogurt-Gurken-Getränk in der Hand. Es besänftigte meinen Magen, während ich die verschiedenen Alternativen abwog. »Wie viele Boote liegen im Hafen? Genug, um uns alle nach Qisilee zu bringen?«

»Lo, Meeresherrin. Sie liegen alle noch nach dem Winter im Trockendock und müssen repariert werden.« Sie rückte ihren Fischanzug gerade. »Zu dieser Jahreszeit segelt niemand.«

So viel zu einer Flucht. Ich kippte den Rest meines Drinks hinunter. »Was ist vorgefallen?«, fragte sie. »Die Serenim der überlebenden Städte in ha Hamishah erwarten sehnlichst einen Bericht.«

Würden sie meine Vorschläge tatsächlich befolgen? Ich war ihre Göttin, aber sie glaubten doch bestimmt nicht, dass ich deshalb gottgleich war? Allein die Vorstellung erschien mir anmaßend. Doch andererseits war auch die Sache mit dem Seiltanz ziemlich unglaublich gewesen, und trotzdem hatten sie mich dadurch erwählt. Ich atmete tief durch und brachte mit ein paar Sätzen ihre Welt zum Einsturz.

»Die Tage unserer, ähm, Überlegenheit sind vorüber«, antwortete ich ihr. »Bis zur Abenddämmerung muss die Hälfte von uns bereit sein, sich versklaven zu lassen. Die Hälfte unserer Felder wird niedergebrannt. Wadia kann aus Ashdod zurückkehren und wieder herrschen, doch unter dem Auge der Hochländer, die alle Felder zwischen hier und Lakshish besetzen werden.« Sie setzte sich im Schneidersitz vor mich hin.

»Was wird aus dir?«

Meine Hände zitterten. »Ich werde zur Sklavin.«

Tränen traten in Tameras Augen, darum schickte ich sie weg.

Sobald sie verschwunden war, legte Cheftu seine Hand auf meine Schulter. »Ich werde mich mit dir versklaven lassen«, sagte er.

»Das kann ich nicht von dir verlangen«, widersprach ich. »Du solltest hier bleiben und Wadia beim Regieren helfen.«

»Lo. Dies ist nicht meine Zeit. Dieser Junge Wadia liebt dich, nicht deinen Sklaven. Ich habe gelobt, bei dir zu bleiben. Außerdem endet bei den Juden die Sklaverei nach sieben Jahren.«

»Willst du mir damit Mut machen?«, platzte es aus mir heraus.

»Wir werden nicht einmal ein Jahr lang hier bleiben«, sagte er. »Dann öffnet sich das Portal, und wir sind frei.«

»Ich weiß nicht, wo hier ein Portal sein soll. Ich bin im Wasser gelandet.« Seine Hände bohrten sich kurz in meine Schultern, entspannten sich jedoch gleich wieder. »Ich werde mit dir zusammen sein. Dafür können wir Gott dankbar sein.«

»Ist für dich unsere Ehe nicht Sklaverei genug?«

Mein Witz stieß auf taube Ohren. Ich konnte es ihm nicht verübeln; er war nicht komisch.

In der Abenddämmerung öffneten wir die Stadttore.

Das Jammern und Klagen brannte sich wie Peitschenhiebe in mein Gewissen. Hätte ich noch mehr tun können? Wieso hatte ausgerechnet ich diese Aufgabe übernehmen müssen? Gott vergebe mir, aber ich wusste wirklich nicht, was ich da tat.

Wie Schafe auf dem Weg zur Schlachtbank folgten sie mir, eine abgerissene Ansammlung meist älterer Frauen und einiger weniger Mädchen. Die Stadt hatte mit festem Griff die wenigen übrig gebliebenen Knaben, die bald ins heiratsfähige Alter kommen würden, und die Frauen mit fruchtbarem Leib zurück-behalten. Ashqelon musste die Möglichkeit zur Wiederbevölkerung bewahren.

Cheftu ging an meiner Seite, stolz und schön trotz der Ketten in seinen Ohren. Ketten, wie ich sie auch bald tragen würde. Das machte mir die meiste Angst - weil es so beängstigend real war. Ich hatte die Narben an seinen Ohren gesehen. Wie Leuchtfeuer, die nie verglimmen würden. Ich streckte die Schultern durch und ging weiter.

Wir hatten die Urim und Thummim geworfen, doch die Antwort war so vage ausgefallen, dass wir uns nur darüber geärgert hatten. »Dienst bedeutet dienen.« Was zum Teufel sollte das heißen? Als immer und immer wieder nur diese Antwort kam, gaben wir schließlich auf. Cheftu zog sich zurück, um die Steine wieder zu verstecken - ich hatte schließlich begriffen, in welchem Geheimversteck sie auch unentdeckt blieben, wenn er sich nackt ausziehen musste. Manchmal war er geradezu ekelhaft schlau.

Vor der Stadt zog sich eine Kette von Hochländern über den gesamten Horizont. Sie standen in Habtachtstellung wie die Rockettes, vollkommen reglos, während der Wind unter ihre Röcke fuhr und die untergehende Sonne in ihren Schilden und den kuppelförmigen Helmen blinkte.

Eindrucksvoll.

Yoav wartete davor, in strahlendes Rot und Grün gekleidet. Ich roch meine Angst, obwohl ich, bevor ich die Stadt verlassen musste, in Zimt und Minze gebadet hatte. Falls ich Ashqelon repräsentierte, hatte Tamera gesagt, während sie mich einkleidete, dann sollten sich die Hochländer für alle Zeit an die Schönheit und Erhabenheit dieser Stadt erinnern.

Mein Gewand war fein gewebt, gefärbt und bestickt. Gold hing an meinem Hals, meinen Schultern und meinen Ohren. Tamera hatte eine aus Goldfäden gewebte Schärpe um meine Stirn gebunden, deren Gold, Blau und Grün von der Schärpe um meine Taille aufgenommen wurde. Hinten an meinem

Kleid war ein kunstvoller Fischmantel befestigt, diesmal mit Schuppen und Flossen aus Stoff. Mein Gesicht, meine Schultern und mein Schlüsselbein waren mit Goldstaubmustern überzogen, die einen Schutzzauber darstellten.

Hatte sich Kleopatra genauso gefühlt, als sie sich herausputzte, ehe sie sich ergab?

Die Schultern zurückgezogen, den bleiglanzumringten Blick fest auf Yoav gerichtet, blieb ich einen Meter vor ihm stehen.

»Du verlangst die Unterwerfung der Ashqeloni«, sagte ich. »So wie du gewünscht hast, sollst du die Hälfte ihrer Felder, die Hälfte der Menschen und ihre Göttin, haDerkato, bekommen. Schwöre, Yoav ben Zerui’a, in heiliger B’rith, dass du diese Gefangenen gerecht und ehrvoll behandeln wirst, dass die Mägde rein bleiben und die Mütter nicht gezüchtigt werden. Schwöre, dass Ashdod unberührt bleiben wird, dass Seren Wa-dia am Leben bleibt, dass Qisilee, Yaffo und Lakshish weder unter dem Schwert noch unter der Fackel leiden müssen. Schwöre all dies, dann werden diese Pelesti dir gehören.«

»Ich schwöre niemals beim Namen meines Gottes«, widersprach er.

»Dann schwöre bei Seinem Fußschemel, eurem Totem.«

Er sah mich wutentbrannt an, biss kurz die Zähne zusammen und brüllte unvermittelt: »Beim Gnadenthron schwöre ich es! Beim Schemel el haShadays, diese Worte sind wahr!«

Cheftus Hand krampfte sich in meine Schärpe. Yoav sah mich mit einem herablassenden Lächeln an.

»Unterwirf dich, Göttin.«

So hoheitsvoll wie nur möglich ging ich in die Knie. Ein Hochländer trat hinter mich, zwei andere an meine Seiten. Yoav ließ sich von N’tan einen Holzhammer und eine Ahle geben. Ich begann unkontrollierbar zu schlottern; ich betete nur, dass Cheftu nicht eingreifen würde.

Wir hatten darüber gesprochen. Es würde hoffentlich nicht viel schlimmer werden, als sich Ohrringe schießen zu lassen.

Ein Mann zog mein Haar zurück, der andere nahm meine Ohrringe ab und reichte sie mir. Die beiden Männer neben mir drückten meine Schultern nach unten und hielten mich bewegungslos auf dem Boden fest.

Eigenartigerweise machte Yoav nicht den Eindruck, als würde ihm das hier Spaß machen. Ich blinzelte wütend die Tränen zurück. Zum Glück hatte ich zuvor meine Blase geleert. Er reichte mir ein Blatt. »Wermut«, sagte er. Ich nahm es entgegen und kaute wild drauflos. Dann spürte ich, wie oberhalb des Läppchens ein Holzblock gegen den Knorpel in meiner Ohrmuschel gedrückt wurde.

Das Pieken der Ahle.

»Atme aus dem Bauch«, sagte er und schlug die Ahle durch mein Ohr.

Der Schmerz kam schlagartig und raubte mir die Sinne. Noch während ich benommen und kurz vor dem Erbrechen zusammensackte, nahm er sich das andere Ohr vor. Der Blockhalter und Yoav traten zurück und riefen den Pelesti zu: »So wie ich eure Göttin versklavt habe, ist auch das Volk des Meeres versklavt. Wir haben euch zwar am Leben gelassen, doch dafür werdet ihr den Stämmen dienen!«

Die beiden Männer halfen mir auf und drehten mich in Richtung Stadt. Ich spürte das Zerren der blutigen Haut, als die Kette eingefädelt wurde. Sie zog an meinen Ohren; mir fehlten die Worte dafür, wie es sich anfühlte. Mein Kopf war leicht, und ich fürchtete, mich gleich übergeben zu müssen. Als ich aufsah und dabei die Kette in meinem Haar und das Gewicht an meinen empfindlichen Ohren spürte, knieten die Menschen vor mir, die überlebenden Pelesti, nieder. Ich konnte kein einziges Gesicht erkennen; so weit konnte ich nicht sehen.

Von den Mauern der Stadt her hörte ich: »Gesegnet sei haDerkato, denn sie hat sich für Ashqelon hingegeben.« Die Hochländer brachen auf in Richtung Stadt, um dort die noch lebenden, die wenigen noch lebenden Männer umzubringen.

Die stolzen Rufe verwandelten sich in ängstliche Schreie. Plötzlich schien die an meinen Ohren zerrende Kette keine Bedeutung mehr zu haben. Vielleicht hatte ich dadurch ja ein paar Leben gerettet?

Cheftu half mir behutsam auf und lockerte den Zug des Metalls.

Er schob mir etwas in den Mund, noch ein Blatt. »Kau und schlafe«, sagte er. »Das wird dir gut tun.«

Ich bekam nur noch mit, dass sich die Angstschreie in Wehklagen über einen unersetzlichen Verlust verwandelt hatten. Und dieses Wehklagen folgte mir in den Schlaf.

»Das bedeutet, dass ich nicht mehr an deiner Seite sein werde?« RaEm richtete den Blick durch das Dunkel der Nacht auf Echnaton.

Seine Hand fand ihren Schenkel, strich über ihre Haut und beruhigte ihr Ka. »Es ist nur ein kurzer Besuch, nur um klarzustellen, dass die Herrschaft des Aton nicht enden wird. Außerdem müsst ihr eine Brautreise unternehmen.«

Seufzend rückte RaEm die Stütze unter ihrem Kopf gerade und ließ ihren Körper von der warmen Brise, kühlen. »Deine Tochter ist die reine Freude, doch ein ganzer Monat mit ihr raubt mir den Verstand.«

Er lachte und küsste sie auf die Stelle, wo eben noch seine Hände gewesen waren. »Sie liebt dich von Herzen, Semenchkare; sie würde alles tun, um dir zu gefallen.«

Das wusste RaEm bereits. Seit ihrer Heirat mit dem Mädchen hatte sie praktisch keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt. Meritaton liebte sie rasend, ständig wollte sie RaEm berühren, küssen, bei ihr sein. RaEm setzte sich auf und stützte den Kopf in die Hände. »Ich muss ihr ein Kind machen.«

»Aii, ich kenne keinen Priester, der einen so großen Zauber vollbringen könnte«, meinte Echnaton. »Außerdem lasse ich nicht zu, dass sie mit einem anderen als einem königlichen

Werkzeug gepflügt wird.« Sein Tonfall machte klar, dass er keinen Widerspruch duldete.

Aber sie treibt mich noch zum Wahnsinn, wenn sie nicht bald schwanger wird, dachte RaEm. Derart in die Zange genommen von Tiye, die zwar misstrauisch war, aber allmählich erblindete, und Meritaton, die zwar blind, aber bezaubernd war, bezahlte RaEm einen zu hohen Preis für zu wenig Macht. »Deine Mutter -«

»Die auch deine ist -«

»Ja, schon gut, also, sie möchte in Waset einen Tempel errichten lassen.«

Echnaton stand von der Liege auf. »Ich will nichts davon hören«, sagte er fest. »Ich schulde ihr Respekt dafür, dass sie mich geboren hat, doch sie hat trotzdem das Herz einer ... einer Ungläubigen.«

»Der Tempel bedeutet mir nichts.« RaEm folgte ihm auf den Balkon unter dem Mond hinaus. »Ich will nur, dass Meritaton glücklich bleibt. Du, Meine Majestät, bist alles, was ich begehre.« Sie presste die Lippen zusammen, um nicht weiter zu betteln. »Bitte schick mich nicht fort, fort von deinem Feuer.« Sie küsste ihn auf die Schulter. »Sonst müsste ich erfrieren.«

Augenblicklich war Echnaton über ihr und in ihr. »Du willst Hitze, du willst brennen?«

»Ja, Meine . Majestät«, keuchte sie.

»Du willst, dass mein Feuer durch deine Adern fließt?«

»Ja! Ja!«

Rücksichtslos riss er sie auf, um noch tiefer vorzudringen. »Du wirst für niemanden außer mir schmelzen. Ganz gleich, wie gut du meiner Tochter gefällst, Semenchkare, ich allein werde deine Hitze spüren. Nie wieder wird ein anderer dich keuchen und stöhnen hören. Das bleibt mir allein vorbehalten.« Er ohrfeigte sie rücksichtslos und schloss eine Hand um ihre Kehle. »Ich bin deine Gottheit. Du sollst keinen Gott neben mir haben. Ich bin der Aton.«

Er löste sich aus ihr und ließ sein flüssiges Feuer auf sie herabregnen, Salz aus seiner Tiefe, das sich mit den Tränen mischte, die aus ihrem tiefsten Herzen aufstiegen. Pharao ging aus dem Zimmer, doch in der Tür blieb er stehen.

»Du verbringst einen Monat mit deiner Braut. Danach kehrst du als mein Mitregent nach Achetaton zurück.«

Die Tür fiel zu, während RaEm sich einrollte, in das verglimmende Feuer ihres Gottes gehüllt.

DRITTER TEIL

6. KAPITEL

Meine erste Woche in Sklaverei zog im Drogennebel an mir vorbei. Irgendwie schafften wir es von Ashqelon nach Mamre. Das Einzige, woran ich mich deutlich erinnere, waren die Nächte, in denen Cheftu die Ketten in meinen Ohrlöchern hin-und herzog. Ich heulte und beklagte mich jedes Mal, doch er hatte Recht. Wenn ich die Ketten nicht bewegte, würden sie, sobald die Löcher verheilt waren, in meinen Ohren festwachsen. So hingegen würde ich zwar zeit meines Lebens Narben, aber nicht die Ketten darin behalten.

»Du musst an unsere Zukunft denken, chérie«, sagte er. »Das hier wird nicht ewig dauern.«

Doch unter dem Ziehen und Reißen, das mir permanent Kopfschmerzen bereitete, fiel es mir schwer, an die Zukunft zu denken.

Eines Nachts blieb, während sich hunderte von uns Ashqelo-ni um ein Feuer versammelt hatten, ein gebeugter Alter vor uns stehen. »Shalom, willkommen unter den Stämmen Y’srael.«

Cheftu und ich tauschten einen fassungslosen Blick. Es war das eine zu wissen, dass man ein Teil der Geschichte und der Bibel geworden war, doch etwas ganz anderes, es durch eine entsprechende Begrüßung bestätigt zu bekommen!

»Der Krieg hat euch zu Sklaven gemacht«, sagte der Gebeugte. »Doch wir von den Stämmen behandeln unsere Sklaven anders, als ihr Heiden es tut.« Er hustete und spuckte ins Feuer.

»Hier kann jeder zum Sklaven werden. Vielleicht, weil er seinen Grundherren nicht bezahlen kann? Oder vielleicht ist der Mann gestorben und er hatte keinen Bruder, der die Witwe heiraten und ihr ein Heim bieten konnte? Dann verkauft sie sich und ihre Kinder in die Sklaverei. Das kommt oft vor.«

War das hier der Kurs >Sklaverei für Anfängen?

»Sieben Jahre lang werdet ihr den Stämmen gehören. Ihr werdet Sklaven des Landes, unseres Volkes und unseres Gottes Shaday sein. Ihr seid Heiden, wir nehmen also an, dass ihr die Götter verehren werdet, die ihr mitgebracht habt. Doch ihr werdet unsere Feier- und Fastentage achten.«

Er begann sie an seinen Fingern abzuzählen. »Echad: Jeder siebte Tag ist ein Ruhetag. Es wird nicht gearbeitet, nicht gekocht, nicht gewandert und nichts getragen. Keine Arbeit. Wer gegen dieses Gesetz verstößt, lädt den Tod durch Steinigung auf sich. Keine Arbeit.«

Cheftus Hand spannte sich fester um meine.

»Shtyme: Im Frühling gibt es eine Woche lang keine Hefe. Nirgendwo. Aus keinem Grund. Shalosh: Es werden keine Kinder geopfert. Das ist eine Todsünde. Wer es dennoch tut, wird zu Tode gesteinigt.«

Er war noch nicht am Ende. »Nach Abschluss der sieben Jahre steht euch ein Ruhejahr zu. Das Shabat-Jahr. Ihr werdet freigelassen, doch alle eure Kinder bleiben versklavt, bis ihr sie mit Geld ausgelöst habt.« Sein schwarzer Blick huschte über uns hinweg. »Morgen werden wir Mamre erreichen. Einige von euch sind für den Dienst im Palast eingeteilt worden; andere für die Arbeit auf den Feldern rund um die Stadt. Die Gerstenernte geht eben zu Ende. Weil Adoni Yoav den Angriff auf Ashqelon geführt hat und weil ihr euch ihm ergeben habt, ist er für euch alle verantwortlich.« Er hielt inne und musterte uns der Reihe nach. »Habt ihr irgendetwas zu sagen?«

Wir durften Fragen stellen? Cheftu warf mir einen warnenden Blick zu. Ich schluckte meine Kommentare hinunter. In dieser Nacht wurden Männer und Frauen voneinander getrennt und dann für den Marsch in die Stadt aneinander gekettet; das waren die Männer des Stammes ihrem Stolz schuldig.

Ich schlief schlecht. Mich quälten Bilder von schwarzen Mädchen, die von ihren weißen Besitzern vergewaltigt wurden, von starken Männern, die ausgepeitscht wurden, von einem Teil der Bevölkerung, der auf fremden Feldern schwitzen musste.

So sollte fortan mein Leben aussehen? Gestern noch Göttin, heute eine Sklavin - hatte ich mir irgendwas zu Schulden kommen lassen? Nein, es war keine persönliche Sache, die Umstände wollten es verrückterweise so. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, wie das Volk der Bibel die Versklavung anderer Menschen zulassen konnte.

Das Lexikon kritzelte auf die Tafel in meinem Geist: Hier gelten Sklaven nicht als persönliches Eigentum. Wie zu Zeiten der Römer oder Byzantiner stellen die Sklaven eine eigene Klasse innerhalb der Gesellschaft dar.

Na toll, ich stand also ganz unten in der Nahrungskette?

Du bist dafür verantwortlich, dass die Nahrungskette in Gang kommt, aber im Grunde hast du Recht. Du bist eine Drohne. Kein Sklave wie auf einer Südstaatenplantage, denn du hast weitaus mehr Rechte als jede dieser armen Seelen.

Ich fasste an meine Ohren, während ich mir das durch den Kopf gehen ließ: Ich bin eine Drohne.

Mein erster Eindruck von Mamre war der von Krach, Chaos und Kindern.

Sie waren überall - sie rannten über die Straßen, zupften an Röcken, spielten laut lachend, arbeiteten an der Seite ihrer Eltern, kletterten auf Bäume oder verkrümelten sich in die Seitengassen. Kinder über Kinder.

Für jemanden mit rasenden Kopfschmerzen, der seit einer Woche nicht gebadet hatte, war Mamre die Hölle. Die meisten

Sklaven waren bei den Familien auf den Feldern geblieben, wo sie bei der Gerstenernte halfen.

Ich hatte noch nie Gerste gegessen, ganz zu schweigen davon, dass ich welche geerntet hätte.

Cheftu und ich wurden in die Stadt geführt, denn wir sollten im Palast dienen. Offenbar lebten alle Giborim, wie Daduas Führungsmannschaft genannt wurde, gemeinsam. Auch wenn wir Sklaven waren, würden wir wenigstens zusammenbleiben. Schon das allein war eine Menge wert. Bis jetzt war uns das nur selten vergönnt gewesen.

Weil Mamre auf einem Hügel lag, war es nur schlüssig, dass die Stammesbrüder - wie sie sich selbst nannten - von allen anderen »Hochländer« genannt wurden. Es war eine alte Stadt. Windschief und halb verfallen lehnten die Gebäude aneinander. Selbst die Stadttore wirkten wenig eindrucksvoll. Doch dieser Ort war den Männern heilig, und zwar seit Lifnay, was so viel hieß wie »zuvor«, und zwar im Sinne von »Vor langer, langer Zeit .«

Dafür bot sich, wenn man den Hügel heraufkam, ein atemberaubender Blick auf die terrassierten Abhänge und grünen Felder.

Wir erreichten den Palast, marschierten aber an der halb eingesunkenen Front des Gebäudes vorbei bis zu dem Schlammpfad dahinter. Schließlich waren wir jetzt Sklaven. Kreischende und lachende Kinder rannten kreuz und quer durch unsere Gruppe. Mein Kleid, das vor den Toren Ashqelons noch von bezaubernder Schönheit gewesen war, war inzwischen blut-, schlamm-, dreck- und weinfleckig - es sah grässlich aus, ich hätte es am liebsten ausgezogen. Doch ich hatte nichts anderes.

Drei Männer standen in dem kleinen, überfüllten Hof. Einer stellte sich als Aufseher vor. Es gebe drei Klassen von Sklaven, erläuterte er. Die kleinen Kinder waren Leibsklaven und stammten größtenteils aus den Stämmen selbst. Danach kamen die Stammesbrüder, Erwachsene, die von Armut oder Obdachlosigkeit in die Sklaverei gezwungen worden waren. Und dann kamen wir, die Niedrigsten der Niedrigen, denn wir zählten zu den Unbeschnittenen. Wir würden überall dort aushelfen, wo Not am Mann war.

»Du.« Ein Mann vor einer verriegelten Tür deutete auf Cheftu. »Melde dich auf den Feldern.«

»Man hat uns gesagt, wir würden zusammen in einem Haus wohnen«, sagte ich. »Wo ist das?«

»Ihr seid das Ehepaar?« Der Mann musterte uns beide.

»Ken«, antworteten wir wie aus einem Mund.

Er zuckte mit den Achseln.

»Es gibt jede Menge Wachkabinen, die ihr beziehen könnt.«

»Aber -«, protestierte ich, doch er hatte sich bereits abgewandt.

»Ich werde dich finden, chérie«, versicherte mir Cheftu, der bereits weggezerrt wurde.

Noch mehr Kinder, diesmal älter und besser gekleidet, spielten in den Gängen und Gärten Fangen. Auf meinem Weg in einen weiteren Innenhof fiel mir auf, dass Erstere dunkel und eng waren und mich an Karnickelbauten erinnerten; und dass Letztere etwas Pflege vertragen hätten.

Vom Morgen bis zum Nachmittag saß ich auf einer Stufe im Hof und wartete. Jedes Mal wenn ich aufstehen wollte, tauchte irgendwer auf und erklärte mir, dass gleich irgendwer anderer erscheinen würde. Ich hätte beinahe gelächelt, so typisch orientalisch kam mir das vor. Oder auch militärisch: Zack, zack, antreten zum Warten.

Bis der vierte, fünfte und schließlich sechste Stern am Firmament erschien, war ich halb verhungert, doch man hatte mir eingebläut, mich nicht vom Fleck zu rühren.

Dann kam ganz unerwartet eine winzige Frau mit ausgebleichten roten Haaren auf mich zugeschossen. »Du!« Sie zielte mit ihrem Finger auf mich. »Was sitzt du hier herum?« Ich wollte schon zu einer Erklärung ansetzen, doch sie riss mich hoch und schubste mich aus dem Hof. »Du gehst hier zur Hand«, sagte sie.

Wir waren in einer Küche, die abseits des Haupthauses errichtet worden war, damit die übrigen Bewohner von der Hitze und den Gerüchen verschont blieben. Sowie ich über die Schwelle getreten war, wurde mir ein Weinkrug in die Hand gedrückt und befohlen, aufs Hauptdach zu steigen, um dort nachzuschenken.

Es war kein zierlicher Krug. Er war etwa achtzig Zentimeter hoch und hatte eine zehn Zentimeter breite Öffnung sowie zwei Griffe. Mein allzeit bereites Lexikon zeigte mir das Bild einer Kanne, eines Behälters mit einem Fassungsvermögen von etwa einem Liter. Dann schrieb es das >=<-Zeichen neben das Wort Krug. Offenbar war hier und jetzt ein Krug mit einer Kanne gleichzusetzen. Wie auch immer, das Ding fasste einen ganzen Weinsee. Ich folgte einigen anderen Sklaven und wuchtete meinen Krug nach oben.

Wieder entsprach die Bauweise jener des modernen Nahen Ostens. Das Flachdach wurde zur Unterhaltung genutzt. Auf allen vier Seiten des Daches waren Unterstände errichtet worden, die Schutz vor dem kühlen Nachtwind boten. An der Küste war der Frühling bereits eingezogen, hier noch nicht.

Ich füllte alle Tonbecher nach - etwa fünfzig - und tappte dann wieder nach unten, um einen weiteren Weinkrug zu holen. Noch mehr Gäste waren eingetroffen, Männer und Frauen, die Schwerter trugen, allerdings in der Scheide, sodass sie eher wie Insignien wirkten als wie Waffen.

Die Rothaarige, die sich als Shana, Schwester des Königs, vorgestellt hatte, warf einen finsteren Blick auf meine Kleider und befahl mir, ihr zu folgen. »Hier.« Damit warf sie mir ein Stoffbündel in die Arme. »Zieh das an.«

Kaum war sie weg, rollte ich das Bündel auf. Es war ein gerade geschnittenes Etuikleid in Erntegold mit einer Schärpe in Rot, Gold und Braun. Ich schlüpfte aus meinem zerfetzten Ensemble und zog mich um. Das Kleid war ärmellos mit asymmetrisch geschnittener Schulter, doch es war einigermaßen lang. Geschwind flocht ich mein Haar, das RaEm sehr lang hatte wachsen lassen, und setzte dann den goldenen Stirnreif wieder auf. Auf diese Weise fielen mir die Haare nicht ins Gesicht.

Ich eilte zurück in die Küche, schnappte meinen Weinkrug und hastete wieder hoch aufs Dach.

Zu den Giborim, wörtlich »die Mächtigen«, wie die Israeliten ihre Krieger nannten, zählten sowohl Männer als auch Frauen. Sie lagerten um den langen, niedrigen Tisch herum. Bestickte Tücher in Rot, Schwarz, Blau und Safrangelb lagen unter den Tonwaren, die pelestischer Sitte gemäß schwarz und rot glasiert waren. Schüsseln mit Getreide, mit Gewürzen und Kräutern garniert, dienten als Dekoration. Auf Bronzeplatten dampfte Fleisch, und entlang der Mitte des Tisches war eine hefige Wand aus Brotlaiben aufgeschichtet.

Zum ersten Mal auf meinen Reisen durch das Altertum wurde ich nicht eingeladen, mich zu setzen. Ich war ein Niemand -oder noch weniger. Ich war unsichtbar.

Die Musik setzte ein: Kanaatische Mädchen bliesen auf ägyptischen Doppelrohrflöten, spielten Tamburin und schlugen die Trommeln. Ein Blinder saß ein wenig erhöht und spielte zu ihren Improvisationen den Kinor - mein Lexikon hielt das Bild einer Harfe und ein weiteres >=<-Zeichen hoch. Die Musik bildete einen gefälligen, festlichen Hintergrund.

Frauen kamen die Treppe heraufgeschwebt; sie hatten das Haar zu Zöpfen geflochten und ihre Leiber in gleichermaßen freizügige wie bunt gemusterte Tücher gehüllt. Wer war das?

Auf ihren Kissen lagernd oder gegeneinander gelehnt, scherzten die Giborim und forderten sich gegenseitig zum Wetttrinken heraus.

Ich konnte noch immer kaum glauben, dass ich jedes Wort verstand.

Meine Aufgabe an diesem Abend war simpel: Ich musste dafür sorgen, dass die Becher mit dem gewässerten Wein nicht leer wurden. Den großen Krug mit den zwei Henkeln auf der Schulter balancierend, ging ich von einem zur anderen und schätzte den Pegel in den Bechern ab. Shana erklärte uns, dass Dadua und seine Privatarmee heute Abend von der zweiten Gemahlin des Königs, nämlich von G ’vret - was »Herrin« bedeutete - Ahino’am bedient würden, wobei ihr seine Konkubinen zur Hand gingen.

Dies also waren die zuvor erwähnten herumschwebenden Frauen. Wobei auf einen Mann mindestens zwölf Frauen kamen.

Ich erspähte einen leeren Becher und schlängelte mich durch die Menge, ganz darauf konzentriert, Daduas Konkubinen auszuweichen und nichts zu verschütten. Eine weibliche Gibor hielt ihren Becher hoch, ohne mich auch nur anzusehen.

Jetzt würde ich zum ersten Mal vor Publikum einschenken.

Aus Angst, etwas zu verschütten, kippte ich den Krug ganz vorsichtig an, bis ich merkte, wie sich das Gewicht des Weines darin verschob. Ich hatte meine Bewegungen genau synchronisiert. Ein Strahl ergoss sich über meine Schulter in ihren Becher. Sobald er voll war, drehte ich den Krug, damit der letzte Tropfen am Rand entlang und schließlich wieder in den Krug zurück lief.

Kein Wort des Dankes und erst recht kein Trinkgeld. Ich hob den Kopf und hielt nach dem nächsten leeren Becher Ausschau. Als ich den Raum in entgegengesetzter Richtung durchquerte, fiel mir auf, dass es still geworden war. Sogar die Musik war verstummt. Ganz langsam drehte ich mich um, damit der Krug nicht aus der Balance geriet.

Nur weil ich dabei die Zähne zusammenbeißen musste, blieb mir nicht der Mund offen stehen. Drei Menschen waren auf dem Fest erschienen. Der Erste war Yoav, äußerst eindrucksvoll in seiner langen, fransenbesetzten und bei jeder Bewegung aufglänzenden Robe. An seiner Seite ging eine dunkle, zierliche Frau, die ganz in Blau gekleidet war und einen milchigen Edelstein von der Größe eines Baseballs am Handgelenk trug.

Der Dritte war in ein langes, einärmliges Gewand gehüllt, doch seine Kleidung verblasste angesichts seiner Schönheit zur Bedeutungslosigkeit. Mahagonibraunes Haar kringelte sich rotschimmernd über seine Schultern. Schwarze Augen glänzten unter rötlichen Brauen hervor. Sein überraschend weißes Lächeln war von einem rötlichen Kinnbart, Schnurrbart und Schläfenlocken umrahmt, die ihm fast bis zur Taille reichten. Er wirkte wie ein mythologischer Held aus einem Gemälde Dante Rossettis, des präraffaelitischen Malers aus dem neunzehnten Jahrhundert.

Er hob eine Hand und bat um Shadays Segen, womit er mir eine halbe Herzattacke bescherte. Das also war Dadua? Ich drehte mich zu Cheftu um und fing quer durch den Raum seinen Blick auf. Bildete ich mir das nur ein, oder war er genauso geschockt wie ich?

Als das Gebet gesprochen war, begann die Feier. Nachdem meine Kost sich in der letzten Zeit ausschließlich auf Getreide, abwechselnd mit Meeresfrüchten oder Feigen, beschränkt hatte, bereitete es mir Tantalusqualen, anzusehen, welche Vielfalt an Speisen diese Menschen verzehrten. Erst gab es eine Jogurtsuppe mit Rosinen und Getreidegarnierung, dann Fleisch: Lamm, Geflügel und Fisch. Mit Öl und Kräutern aromatisierte Gerste lag hoch aufgetürmt auf kupfernen Platten. Und zu allem gab es Brot, tonnenweise Brot.

Sie brauchten eine Menge Wein, darum war ich ununterbrochen unterwegs, immer bemüht, nichts zu verschütten, und ständig durch die Menge wandelnd, elegant und schnell, damit niemand mich herbeirief: »Sklavin!«

Schließlich wurden die Teller abgeräumt, die Becher leerten sich langsamer, und die Menschen wurden ruhiger. Dadua griff nach einem Kinor.

Ich konnte nicht fassen, dass ich hier war.

Stille senkte sich über die Gäste. Er spannte ein paar Mal die Finger an und strich dann über die Saiten, um den Klang zu testen.

Wer kann auf dem Berge Shadays stehen? Wer kann auf Seinem heiligen Hügel wohnen?

Gehet aufrecht, doch geht nicht vom rechten Wege ab, sprecht, wie euer Herz befiehlt.

Schmähet keinen, nicht eines seiner Glieder.

Arbeitet Hand in Hand mit eurem Nächsten, erhebt eure Stammesbrüder.

Verachtet alle, die Shaday fluchen, und ehret jene, die an Ihn glauben.

Achtet die Wahrheit selbst im Schmerz, und gebt von ganzem Herzen.

Ihr sollt auferstehen und durch Shadays heilige Hallen wandeln.

Es war eine eingängige Melodie, ein richtiger Ohrwurm. Noch während der letzte Ton verhallte, sah ich auf die Giborim. Auf allen Wangen glänzten Tränen. Dadua hob den Kopf und blickte in ihre erwartungsvollen Gesichter.

»Ich spreche von einem Ort, der noch nicht unser ist«, erklärte er. »Doch mein Nefish sagt mir, dass el haShaday an diesem Ort wohnen muss.«

Mein Lexikon hielt ein Kärtchen hoch: Nefish = Ka = Psyche = Seele.

»Dort«, verkündete er, »werde ich uns einen Palast erbauen und einen Palast für den Gott unserer Väter. Er soll nicht länger in einem Zelt wohnen wie ein Heidengott ohne festes Heim. Er wird eine Wohnung unter Seinem Volk haben.«

Sie schwiegen verblüfft.

»Ihr, meine dreißig Getreuen, meine Giborim, werdet an un-seren Grenzen wohnen. Du und du«, damit deutete er auf zwei junge Bärtige, »werdet im Süden leben und uns vor den Wegelagerern auf dem Negev beschützen. Du und du«, wandte er sich an zwei weitere, »werdet nach Norden gehen, zwischen die Stämme Zebuions und Ahsers, und uns gegen die Tsori, Tsidonni und Mitanni verteidigen.« Entsprechend teilte er auch den übrigen eine neue Heimat zu. Eine Heimat, die ihn nichts kosten und ihm dafür sichere Grenzen schaffen würde. Denn so würden die Männer nicht nur für ihren Herrn, sondern auch für ihr Heim und ihre Familie kämpfen.

Ich sah zu Cheftu. Er schaute mit großen Augen zu.

»Wir werden eine Flotte bauen«, fuhr Dadua fort. »Auf diese Weise wird sich unser Gebiet von der Wüste bis zu den Zedern erstrecken!«

Die Männer jubelten; es gefiel ihnen zu herrschen; sie liebten ihren siegreichen Gott. Dadua trug sein Lied noch mehrmals vor, bis wir alle einstimmten. Es war nicht gerade ein Trinklied, aber davon ließ sich niemand bremsen.

Inzwischen schenkte ich bereits meinen vierten Krug aus.

Dadua erzählte von einer Bibliothek, die er errichten wollte. Danach von einer Herberge für alle, die Shadays Wort studieren wollten, und von einem Stadtviertel, in dem ausländische Handwerker und Künstler ihre Fähigkeiten an die Hochländer weitergeben sollten. Und all das sollte auf einem Hügel errichtet werden.

Einem Hügel? Ich spürte stoppelige Gänsehautpickel unter meinem Kleid. Nicht auf jenem Hügel; deswegen war ich doch bestimmt nicht hier? Ich packte den Krug fester, um mein Zittern zu unterdrücken.

»Dieser Hügel liegt fast zum Greifen nahe«, sagte Dadua. »Doch ich biete euch, meinen besten, meinen heiligsten Brüdern, einen Wettkampf an. Wir, die wir gemeinsam als Gesetzlose in den Höhlen von Abdullum gelebt haben, werden auch

gemeinsam herrschen.«

Enthusiastischer Jubel übertönte seine Worte.

»Doch wer diese eine Tat begeht, dem will ich die größte Belohnung gewähren.«

»Du hast von Labayu gelernt, wie?«, kommentierte ein Gibor lachend.

Dadua lächelte. »Ken. Ich habe gelernt, dass ein Mann eine Menge auf sich nimmt, um mit einer Frau zu schlafen.«

Alle lachten. Cheftu flüsterte mir etwas ins Ohr und jagte mir damit einen Mordsschrecken ein, denn ich hatte nicht mitbekommen, dass er so nahe bei mir stand. »Laut der Heiligen Schrift hat David seinem König Saul die Vorhäute von zweihundert Pelesti überreicht, ehe er Sauls Tochter Mik’el zur Frau nehmen durfte.« Er küsste mich aufs Ohr und tauchte wieder in der Menge unter.

»Lo«, sagte Dadua. »Doch hier geht es nicht um eine Frau, die sich in den Kopf setzen kann, einem Mann selbst dieses Vergnügen zu verwehren, wenn es ihr beliebt«, meinte er viel sagend. Die Männer brüllten, während ich mich fragte, welche Frau ihn jemals abgewiesen hatte. Er sah phantastisch aus, er hatte Charisma ... verflixt, er beherrschte sogar ein Musikinstrument. Keine unter meinen Freundinnen hätte ihn abgewiesen. Ich blickte auf die Frau an seiner Seite, G’vret Aygay’el. Sie war seine zweite Frau, sie war ein Juwel, und sie sah selbst nach dieser Bemerkung mit absoluter Bewunderung zu ihm auf.

Dadua war noch nicht fertig. »Für diese Tat, falls er sie durch Shadays Willen überlebt, will ich ihn für alle Zeit zum Rosh Tsor haHagana machen.«

Das Lexikon in meinem Kopf schmiss nur so mit Bildern um sich. Ich sah eines von George Washington als General; dann Mac-Arthur bei seinem Satz: »Ich komme zurück«; und schließlich Colin Powell. Dadua hatte die Ausschreibung für das Amt des Oberkommandierenden eröffnet.

»Er muss mir Jebus geben.«

Unerbittlich und alles erstickend wie ein Bühnenvorhang senkte sich Schweigen herab. Dadua lächelte seine Krieger an. »Abdiheba, der König von Jebus, behauptet, nur die Blinden und Lahmen könnten seine Bergzitadelle einnehmen. Damit nicht genug, er behauptet, dass jeder, der in seine Burg eindringe, blind und lahm werde. Ich fürchte, ich begreife ihn da nicht ganz.« Dadua lachte, und die Giborim fielen in sein Lachen ein. »Dies also ist meine Forderung: Ich will, so wie es Shaday auch will, das Fest der Wochen in Jebus feiern! Als meiner Stadt!«

Jebus? Wieso Jebus?

Das Lexikon ließ erneut die Landkarte aufleuchten, auf der die Städte der Philister eingezeichnet waren. Im Osten, hoch in den Bergen, las ich das Wort Jebus. Dann verschmolzen die Buchstaben zu einem englischen, einem neuzeitlich englischen Wort, das mir verriet, wonach sich Dadua verzehrte. Ich war zwar halb darauf gefasst, doch meine Ahnung war nichts verglichen mit der Gewissheit.

Jerusalem.

David und Jerusalem. Ich wusste nicht viel über die Bibel, doch ich hatte viel über Jerusalem gehört. Mein Vater hatte einen Gutteil seiner beruflichen Laufbahn mit dem Thema Jerusalem verbracht. Trotzdem wollte mir der zeitliche Ablauf nicht in den Kopf. Würde David die Stadt schon jetzt erobern? Oder würde eine Zeit des Abwartens oder der Belagerung vorausgehen?

Cheftu trat hinter mich. Während ich mich umdrehte, um meinen leeren Krug gegen seinen vollen zu tauschen, flüsterte ich: »Unsere Kinder müssen ihre Geschichtsbücher auswendig lernen.« Auf diese Weise wären sie besser gerüstet als ihre ahnungslose Mutter, falls sie sich irgendwann für eine Karriere im Zeitreisen entscheiden sollten.

»Nachon«, antwortete er, und ich marschierte los, einen frischen Krug auf der Schulter.

Würde Cheftu den zeitlichen Ablauf wissen? Wenn er in der Bibel stand, dann bestimmt. Aber stand er in der Bibel?

»Erobert die Stadt, und das haHagana sei eures«, sagte Dadua zu den Giborim. »Der Erste, der mir die Tore nach Jebus öffnet, wird für alle Zeit der Erste Befehlshaber sein.« Diese Position war noch frei? Ich blickte auf Yoav, der reglos und mit Augen wie grünes Glas dabeisaß. Wurde hier eben sein Job zur Disposition gestellt?

Wie aus einem Mund erwiderten sie: »Dein Wille geschehe.«

Ich schenkte Becher um Becher voll und lauschte dabei den leisen Gesprächen der Männer, während zusätzlich zu den vielen Musikern nun auch Tänzer und Artisten für Unterhaltung sorgten. HaMelekh Dadua, König David, lehnte sich zurück, ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. Er verstand es, seine Männer zu motivieren.

Die Nacht verstrich, überall schliefen die Giborim ein, manche taumelten auf ihre Zimmer, die Übrigen schnarchten vor den Türen. Wir Sklaven schlichen leise zwischen ihnen hindurch, sammelten Becher und Teller ein oder verscheuchten Katzen und Hunde, die glaubten, in aller Ruhe schmausen zu können, solange die Soldaten schliefen.

Cheftu wartete auf mich, um mir zu zeigen, wo ich heute Nacht schlafen würde. Ich konnte kaum glauben, dass wir erst an diesem Morgen angekommen waren. »Wir wohnen in einem Wachhaus«, sagte er, während wir durch den Weingarten gingen. An den Weinstöcken sprossen die ersten Blätter. Im Gegensatz zu den französischen Weinstöcken waren diese hier nicht an einem Spalier festgebunden. Sie wuchsen in kleinen Büschen und wurden von einer einzigen Schnur in Reih und Glied gehalten.

In der Mitte des Feldes stand ein zylindrischer Bau mit einer Wendeltreppe vor der Tür. »Unser Heim«, sagte er und drückte mich dabei. Wir würden zusammen in einem Haus leben, wie ein richtiges Ehepaar. Zwei Jahre waren wir inzwischen verheiratet, und endlich durften wir Mann und Frau spielen. Ich ließ meinen Kopf auf seine Schulter sinken.

Für mich war es das Paradies.

Der Morgen brach bereits an, als wir die Stufen hinaufkletterten und die Türe aufschoben. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Dunkelheit anzupassen. Innen war das Haus kaum luxuriöser als außen. Es war wie eine Grube ausgehoben und so tief, dass ich darin stehen und gleichzeitig hinausschauen konnte, denn die Wände endeten etwa fünfzig Zentimeter unter dem Dach, wodurch sich ein vollständiger Panoramablick bot.

Eine flüchtige Inspektion offenbarte mehrere, mit staubigen und struppigen Strohmatten ausgelegte Nischen in den Mauern; zwei Decken aus kratziger Wolle; einen runden, unglasierten Teller; einen Wasserkrug; eine Öllampe.

Wir schüttelten die Strohmatte auf, und Cheftu ließ sich aufs Bett fallen. Er war Feldarbeiter und musste in einer Stunde zur Arbeit antreten - auch wenn die Israeliten keinen Begriff für eine so kurze Zeitspanne wie eine Stunde hatten. Mattes Licht fiel auf die Decken über seinen Waden. Sein Haar war deutlich gewachsen, und er war zu der Überzeugung gelangt, dass die Hochländer Bärte trugen, weil ihre Bronzeklingen zu stumpf zum Rasieren waren. Alle Versuche, die Stoppeln an seinem Kinn zu entfernen, hatten ihm nichts als verschorfte Kratzer eingebracht.

»Bist du fertig mit Nachdenken?«, flüsterte er.

»Woher hast du gewusst, dass ich nachdenke?«, flüsterte ich zurück. Ich hatte geglaubt, er sei eingeschlafen.

»Du runzelst die Stirn.«

Ach, das hatte ich gar nicht gemerkt.

»Komm ins Bett, Geliebte, lass mich deine Falten glätten.« Noch im Sprechen beugte er sich vor, auf einen Arm gestützt und verschlafen blinzelnd.

»Er hat seine Männer zu einem Wettstreit um die Eroberung von Jebus aufgerufen«, meinte ich und löste dabei meine Schärpe. »Löscht David Jebus schon jetzt aus? Ich weiß, dass es ihm irgendwann gelingt.«

»Woher weißt du das?« David schlug die Decke für mich zurück.

»Weil man Jerusalem auch die Stadt Davids nennt . « Ich verstummte und schlüpfte aus meinen Sandalen. »Es sei denn, damit ist Bethlehem gemeint.«

Er lachte leise. »Jebus ist ebenfalls die Stadt Davids.«

Ich löste mein Haar und fuhr mit den Fingern hindurch, um wenigstens die dicksten Knoten zu entwirren. »Wieso sind wir in dieser Epoche gelandet?«, fragte ich. »Ich bin nur deinetwegen zurückgekommen. Wir befinden uns an einem Wendepunkt der Geschichte, Cheftu. Nicht irgendwo im Dunkel der Vergangenheit oder auf einer Insel, die von den meisten Menschen für eine Sage gehalten wird. Wir durchleben einen Abschnitt der Geschichte, auf dem die gesamte westliche Zivilisation beruhen wird.« Ich hörte das Beben in meiner Stimme; ich war total aufgedreht. Meine Ergriffenheit war mir so peinlich, dass ich mich wegdrehte.

Während ich das Kleid über den Kopf zog, spürte ich plötzlich Cheftu an meinem Rücken, die schläfrige Wärme seines Leibes an meiner nachtkühlen Haut. Seine Arme umschlangen mich und zogen mich in den sicheren Kokon seiner Wärme. Wir waren fast gleich groß, sodass wir Wange an Wange in der Dämmerung standen.

»Erzähl es mir«, sagte er. »Wovor hast du Angst?« Ich spürte seine Worte an meinem Hals.

»All das geschieht wirklich«, antwortete ich. »Was tun wir hier? Und was passiert, wenn wir Mist bauen?«

Er küsste mich auf die Schulter, hob mich dann auf und trug mich auf die Strohmatte. Sein Leib folgte meinem, doch gerade als ich den vertrauten Hitzeschub spürte, der allein durch den

Gedanken, mit ihm zusammen zu sein, ausgelöst wurde, sagte er: »Was können wir denn falsch machen?«

Statt die Millionen möglicher Fehler aufzuzählen, die ich mir ausmalen konnte, zog ich ihn in mich. Sein Mund war heiß und süß und sein Leib wie mit meinem verwachsen. »Sieh mich an, bene«, sagte er. »Was können wir denn falsch machen? Du klingst, als sei die Geschichte für dich wie in Stein gemeißelt.«

»Ist sie das denn nicht?«

»Geschichte besteht aus Alltäglichkeiten, Geliebte. Die Geschichte eines Volkes, das sind zwei Menschen, die sich lieben, die eine Familie gründen, die miteinander lachen und weinen. Erst wenn diese zwei Menschen zu Staub zerfallen sind und ihre Kindeskinder einander lieben und Familien gründen, wird man wissen, welchen Verlauf die Geschichte genommen hat.«

»Das ist einer der Gründe, weshalb ich dich liebe«, flüsterte ich. Ich hob die Hüften an, um besser zu spüren, wie er in mich drang. Was für ein Wunder, derart miteinander verbunden zu sein. Was für einen befreienden Paradigmenwandel er da andeutete.

»Wie die Geschichte aussieht, hängt vom Blickwinkel ab«, hauchte er gegen meine Haut. Seine Pupillen waren riesig. Ich umklammerte ihn mit Armen und Beinen, während Tränen aus meinen Augenwinkeln sickerten. Für mich war das wie ein Gebet.

Cheftu zog meine Arme nach oben und hielt mich fest, so-dass ich ihn anschauen musste. »Sieh mich an, Geliebte. Wir sind Geschichte. Gott hat uns hierher geschickt, und nur er allein weiß warum. Aber«, damit stieß er tiefer vor, »wir werden es erfahren. Wenn die Zeit verstrichen und zur Geschichte geworden ist.«

Ich streckte den Kopf hoch und leckte einen Schweißtropfen von seinem Kinn. »Also machen wir gerade Geschichte?«

»Lo«, widersprach er mit einem atemberaubenden Lächeln. »Wir machen gerade Eiscreme.« Dann begann er mich zu schmelzen, mich zu verhärten, mich zu schmecken und in mir, seiner liebsten Leckerei, aufzugehen.

Von diesem Gipfel aus konnte es nur noch bergab gehen; und so lernte ich den Mühlstein kennen.

Plötzlich ergaben alle Klischees Sinn. Wer einen Mühlstein um den Hals hängen hatte, konnte leicht ertrinken. Und schlechte Neuigkeiten konnten wie ein Mühlstein wirken.

Und die Arbeit einer Frau ist niemals erledigt.

Das Grundnahrungsmittel aller Völker im Altertum - darin war ich inzwischen Expertin - war Brot. Brot wurde aus Teig gemacht. Teig wurde aus Wasser, Sauerteig und Mehl gemacht. Das Wasser wurde von Gott gemacht, der Sauerteig wurde von der letzten Ladung Teig abgezweigt, und Mehl zu machen war meine Aufgabe.

Es war eine stumpfsinnige, den Rücken strapazierende Arbeit für zwei.

Ich arbeitete mit einem Mädchen zusammen, einem reizlosen Geschöpf mit Glupschaugen, vorstehenden Zähnen und Sprachfehler. Sie war schlaksig und ungelenk. Ihre Mutter hatte sie als Zehnjährige in die Sklaverei verkauft. Inzwischen war sie zwölf, und ihre Brüste begannen zu knospen. Allerdings war sie die erste echte Platinblonde, die mir diesseits irgendwelcher Malibu-Schönheiten unter die Augen gekommen war. Weißblond, wikingerblond, California-dreaming-blond. Sie hieß Sheva und sprach kaum ein Wort, selbst wenn man mit ihr redete.

Shana, die herrische Rothaarige, zeigte mir den Mühlstein, der einen Durchmesser von etwa dreißig Zentimetern und ein Loch in der Mitte hatte. Er sah aus wie ein Donut aus Granit. »Ich brauche sieben Maß Getreide«, kommandierte sie. »Da drüben ist der Vorratsraum. Sheva wird dir helfen.«

Sie marschierte ab. Ich sah das Mädchen an. »Weißt du, wie das geht?«

Sie starrte mich blöde an.

»Weißt du es? Ich weiß es nämlich nicht.«

Keine Reaktion.

Aus lauter Angst, etwas falsch zu machen, lief ich Shana hinterher - dafür dass die Frau so kurze Beine hatte, konnte sie verdammt schnell laufen. »Verzeih mir, G’vret, aber -«

Die Hände in die Hüften gestemmt, fuhr sie herum. »Was ist denn noch?«

»Ich, tja, also ich weiß nicht, was du von mir willst.«

Sie blieb einen Augenblick stumm. »Du weißt nicht, wie man Brot macht?«

Zaghaft schüttelte ich den Kopf.

»Du weißt nicht, wie man Getreide mahlt?« Sie wurde immer lauter. Alle im Hof sahen inzwischen zu uns her, weil sie wissen wollten, was dieser Lärm zu bedeuten hatte.

Wieder schüttelte ich den Kopf, wobei ich mir alle Mühe gab, demütig zu lächeln. Mein Gesicht wurde heiß.

»Du bist die nutzloseste Sklavin, die mir je untergekommen ist!« Sie drehte sich zu ihrem Publikum um. »Seht euch das an! Eine erwachsene Frau! Mit einem Ehemann! Und sie kann kein Brot machen! Sie kann nicht einmal Getreide mahlen! Ach! Shaday sei Dank, dass dir keine Kinder geschenkt wurden, Isha. Sie wären verhungert!«

Mein Gesicht glühte derart, dass man Eier darauf braten konnte. Sie sah mich wieder an, als hätte ich durch ihre öffentliche Demütigung lernen müssen, den Mühlstein zu benützen. Ich sah auf ihre Füße und wartete auf den nächsten Anpfiff.

»Ach! Man hat dich also zur G’vret erzogen, zu einer Dame. Kein Wunder, dass unser Gott euren besiegen kann; unsere Frauen sind nicht so empfindlich. Empfindliche Frauen kriegen auch empfindliche Kinder.« Wir kehrten zum Mühlstein zurück, wobei sie ununterbrochen tch’te.

‘Sheva, die Transuse, saß reglos daneben und stierte vor sich hin.

»Yelad«, Shana bezeichnete ‘Sheva als Kind, »lauf und hol Getreide!« Sie klatschte in die Hände, und die Transuse rannte los. »Du!« Damit war ich gemeint. »Setz dich hierhin.«

Ich sollte mich auf den Steinkringel setzen? Gehorsam raffte ich die Röcke und schaffte es schließlich, mich im Schneidersitz darauf niederzulassen.

»Du wirst dich im Kreis drehen, während das Yelad Getreide in das Loch laufen lässt, siehst du?« Ich nickte. Ich hätte auch genickt, wenn ich kein Wort verstanden hätte. Für einen Tag hatte ich mich genug blamiert.

»Schau her.« Sie deutete auf einen Kanal, der unter dem Mühlstein austrat. Erst jetzt begriff ich, dass der Mühlstein aus zwei Teilen bestand, und plötzlich ergab alles einen Sinn. Ich würde mein Gewicht und das des Granits dazu verwenden, die Körner zu zerquetschen, bis sie so fein gemahlen waren wie Sand. Dann würde das Yelad das Mehl aufkehren, wiegen und entweder ins Lager bringen oder zum Backen verwenden.

»Ihr werdet sieben Maß mahlen«, sagte Shana. »Danach zeige ich dir täppischer Pelesti, wie man Brot bäckt.«

Sie verschwand, und ‘Sheva kehrte zurück.

Wären wir in einem Kurs in antiker Hauswirtschaftskunde gewesen, wäre ich durchgefallen. Die erste Ladung war so grob, dass ich sie ein zweites Mal mahlen musste. Danach war sie zu fein, eher wie Staub als wie Mehl. Sie sah wie das Zeug aus, mit dem Mimi immer gebacken hatte, doch da ich nicht wusste, was nach dem Mahlen kommen würde, schwieg ich. Shana hatte es aufgegeben, mich anzuschreien. Sie seufzte nur noch vielsagend und schüttete dann neues Getreide nach, damit ich einen zweiten Versuch starten konnte.

Bis zum Mittagessen hatte ich drei Maß zusammen. Da ich mit der Arbeit hinterherhinkte, musste ich durcharbeiten statt zu essen. ‘Sheva schüttete mechanisch Getreide ins Loch und bohrte gleichzeitig in der Nase. Ich behielt ihre zwei Hände ununterbrochen im Blick, um sicherzustellen, dass sie die

Schütthand nicht mit der Popelhand verwechselte.

Mein Rücken tat mir weh, meine Beine taten mir weh, und mein Hintern tat mir erst recht weh. Die Arbeit erinnerte mich an meine Kindheit, als ich auf dem Spielplatzkarussell saß und mich selbst im Sitzen anschubste. Nur dass Stein auf Stein sich nicht so leicht anschubsen ließ.

Zum ersten Mal bedauerte ich wirklich, dass ich keine Priesterin oder Prinzessin oder Prophetin mehr war. Mein Gott, selbst als Nixe war das Leben besser gewesen! Das hier war die reine Schinderei.

Bis zur Abenddämmerung konnte ich mich kaum mehr rühren. Shana seufzte, schickte mich aber dennoch fort. Ich durchquerte den Weinberg und erklomm langsam eine Stufe nach der anderen. Unser Zimmer war finster und leer. Ich fiel bäuchlings auf die Strohmatte.

Später weckte Cheftu mich auf. Ich meine mich zu entsinnen, dass er mit mir zu reden versuchte, aber ich schlief immer wieder darüber ein.

Ich erwachte im Morgengrauen vom Krähen des Hahnes. Und ich fühlte mich, als hätte ich selbst unter dem Mühlstein gelegen. Cheftu war bereits verschwunden.

Da ich in meinem einzigen Gewand erst Getreide gemahlen und dann geschlafen hatte, schlüpfte ich in mein altes Kleid und humpelte los durch den Weingarten. In der Ferne konnte ich bereits die Männer auf den Gerstefeldern arbeiten sehen. Manche schnitten Getreide, andere trennten die Spreu vom Korn, indem sie es in die Luft warfen, wieder andere standen nur dabei. Cheftu konnte ich aus dieser Distanz nicht ausmachen.

Bis zum Mittag hatte ich etwa fünf Maß gemahlen. Shana ließ mich etwas essen und schickte mich dann wieder an die Arbeit. Cheftu kam erst spät heim, verschwitzt und müde, und wir lagen nebeneinander auf der Strohmatte, zu erschöpft, um auch nur zu essen.

Bis zum Wochenende waren wir jedoch in weitaus besserer Verfassung. Tatsächlich führten wir ein so unabhängiges Leben, dass wir uns, abgesehen von den Ketten, beinahe frei fühlten. Auch wenn Cheftu bis zur Erschöpfung arbeiten musste, beklagte er sich nie. Er meinte, es sei eine interessante Abwechslung zu seiner Arbeit als Arzt. Der Kommentar befremdete mich, doch ich fragte nicht weiter nach. Er brachte mir ein Lied bei, das sie auf den Gerstefeldern sangen, einen swingenden Bauernalmanach.

»Zwei Monate für die Olivenernte; zwei Monate für die Getreidesaat. Dann zwei Monate für die Spätaussaat. Der Monat des Flachshechelns, ein Monat zur Getreideernte. Dann zwei Monate für die Pflege des Weinstocks und einen Monat für die Früchte des Sommers.«

Israel war ein anstrengendes Land, in dem jeder schwer zu schuften hatte, doch die Menschen verrichteten ihre Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Lied auf den Lippen. Wir konnten sie sogar im Palasthof singen hören, während wir dafür dankten, verhätschelte Palastsklaven zu sein.

»Singet mit Freuden Shaday euer Lied, denn es gebühret dem Volk, ihn zu preisen. Preist ihn mit Harfen, stimmet mit ein in den Klang des Kinor, singt ihm ein neues Lied. Spielt mit all eurer Kunst und singet laut vor Freuden.

Denn aus den Himmeln blickt el haShaday herab und sieht auf alle Erdenbewohner. Aus seiner Wohnstatt sieht er alle, die auf Erden leben. Er, der die Herzen aller formt, der alles bedenkt, was ein jeder tut.«

Die Gerstefelder wurden als Daduas Eigentum betrachtet, das haMelekh aber natürlich nicht eigenhändig bestellte. Bei der Ernte bewegten sich die Schnitter im Kreis wie Ochsen, die an einen Pfosten in der Mitte angebunden sind. Die Felder waren quadratisch - aber sie ernteten einen perfekten Kreis ab. Ich war gerade unterwegs, um Wasser zu verteilen, als sie mir zum ersten Mal auffielen. Die Armen.

Ich war zwar theoretisch eine Sklavin, doch ich hatte zu essen und ein Dach über dem Kopf. Sie waren zwar theoretisch frei, doch sie hatten keines von beiden. Plötzlich begriff ich, warum so viele Menschen sich selbst oder ihre Kinder in die Sklaverei verkauften. In gewisser Hinsicht war das Leben als Sklave besser als ihres. Das erschien mir schrecklich pervers.

Ich sah sie in den Ecken der Felder hocken und Gerste zupfen. Als ich mich nach ihnen erkundigte, antwortete Shana: »So will es das Gesetz. Nicht alle haben Felder geerbt, also sind jene, die welche geerbt haben, gehalten, sie mit jenen zu teilen, die keine besitzen. Sie dürfen alles aufsammeln, was auf den Feldern und in den Ecken zurückbleibt.«

Als ich in den Hof zurückkehrte und das Thema anschnitt, wachte ‘ Sheva zum ersten Mal auf und bot mir an, mit mir zusammen auf die Felder zu gehen. Wahrscheinlich war es der längste Satz, den sie jemals zu Stande gebracht hatte. Wir zogen gemeinsam los, bis sie mich stehen ließ und auf einige der Getreidesammler zulief.

»Das ist ihre Familie«, klärte mich eine andere Sklavin auf. »Sie haben sie verkauft, weil sie sich keine zwei Mädchen und einen Jungen leisten konnten.«

Ich beobachtete, wie ‘Sheva vor einem Mann mit herabsak-kenden Schultern und einer kauernden Frau mit einem Baby an der Brust stehen blieb.

»Sobald sie verkauft war, bekamen sie noch ein Kind. Einen Sohn«, erläuterte die Sklavin. Offenbar hatten sie den behalten. Arme ‘Sheva.

Keiner rührte die Transuse auch nur an, und dann sahen wir ihre Familie abziehen. ‘Sheva ließ den Kopf sinken, nahm ihren Krug auf und stolperte über das Feld davon. Sie hatte die falsche Richtung eingeschlagen und ging weder auf den Palast noch auf die Stadt zu. Schweigend sahen wir ihr nach.

»Die vielen Ecken summieren sich zu einem Viertel der ganzen Ernte. Das ist eine Menge«, meinte ich, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

Der Blick der anderen Sklavin wurde kalt.

»Es sind Stammesbrüder. Entweder sorgen wir auf diese Weise für sie, oder sie werden darum betteln müssen, das Gleiche zu werden wie wir. Sklaven.« Sie zog ab und ließ mich gedankenversunken stehen, bis ich mein Stichwort hörte:

»Du! Isha! Wasser!«

An jenem Nachmittag gab ich mir redlich Mühe, nett zu der Transuse zu sein. Sie war stumm wie ein Hefepilz, vollkommen abgeschottet und in sich gekehrt. Zwischen uns lagen Welten, dabei war sie kaum jünger als Wadia, mit dem ich mich von Anfang an verstanden hatte. Ich seufzte und drehte den Stein.

»Sie kommt!«, hallte es plötzlich durch den Hof. Shana tauchte aus dem Nichts auf und schubste mich vom Mühlstein. Hag’it, eine von Daduas Konkubinen, sammelte eilig das Mehl auf, und dann verschwanden beide Frauen durch das Hoftor hinaus.

Wer kam? Männer und Frauen drängten durch den Hof, doch niemand schenkte mir oder ‘Sheva Beachtung. »Hast du gesehen, was für ein Spektakel er für sie aufführt?«, hörte ich.

‘Shevas Kopf fuhr hoch wie der einer Marionette. Sie sah mich mit klarem Blick an. »Mik’el«, sagte sie und schnappte meine Hand. Wir liefen durch den Hof, aus dem Tor hinaus und mischten uns unter die Menge.

Man konnte den Eindruck bekommen, dass alle Bewohner Mamres draußen waren und alle zum Tor rausdrängten. ‘Sheva war dünn und geschmeidig und ließ meine Hand keine Sekunde los, als wir uns durch die Menge quetschten und uns durch das Gedränge an den Toren schoben und schubsten, bis wir endlich ganz vorne standen. An der Stadtmauer gleich neben dem Tor wartete Dadua, in seine feinsten Gewänder gehüllt.

Die Sonne brach sich in der Krone auf seinem Kopf. Er trug ein in Gold gefasstes, lilablaues Gewand, das sich in einer Spirale um seine Beine zog. Bart und Haar waren geölt, und in seinen Ohren hingen goldene Reifen. Selbst seine Sandalen waren golden. Neben ihm wartete N’tan, dessen weiße Amtstracht in der Nachmittagssonne strahlte. Manchmal kam mir N’tan äußerst vertraut vor.

»Ist er nicht göttlich?« ‘ Sheva starrte mit großen Augen auf den Monarchen.

Was wurde hier gespielt? Ich blickte auf Dadua. »Ken, er ist wirklich ganz ansehnlich.«

»Er schreibt einfach göttliche Musik«, meinte sie hingerissen.

Ich spähte über die Menge hinweg und versuchte auszumachen, worauf wir alle warteten. Die Menschen steckten fest, sodass wir nicht weiter vorwärts kamen. Ich murmelte etwas Zustimmendes in ‘Shevas Richtung.

»Er kann göttlich mit der Schleuder umgehen«, fuhr sie fort. Das Mädchen war ein Groupie, begriff ich. Ein Groupie, dessen Vokabular sich auf ein einziges Wort beschränkte.

»Wie ich sehe, haben die Jahre sie keine Demut gelehrt«, meinte jemand hinter mir.

Durch die Schatten des Tores näherte sich eine Frau auf einem weißen Esel, der von einem elegant gekleideten Krieger geführt wurde. Dahinter folgte ein Mann, der seinen Kopf mit Asche beschmiert hatte und dessen Kleider so zerrissen waren, dass das schmuddelige Weiß seines Unterhemdes zu sehen war. Ihm zockelten vier kleine Kinder hinterdrein, deren ältestes ein Baby auf dem Arm trug.

»Sie haben so lange gebraucht, um sie zu holen, weil erst ihre Zeit der Unreinheit verstreichen musste. Sie hat eben ihren jüngsten Sohn geboren«, bemerkte ein anderer aus der Menge.

»Seht sie nur an, aufgeputzt wie eine Braut«, empörte sich eine Frau. »Eine Jungfrau, beim Auge Astartes, ich glaube es nicht!« »Nur diese arroganten Binyami würden es wagen, eine Braut zu schicken, die bereits mit einem anderen verheiratet war.«

»Ein Wunder, dass Dadua sie zurückwill.«

»Sie ist eine Metze!«

»Sie war ein Werkzeug für Labayus Rache.«

Unzählige Kommentare umschwirrten mich, die mir jedoch allesamt nichts nützten, da ich keine Ahnung hatte, was hier vor sich ging, und mir auch niemand eine Erklärung bot. Nicht einmal ‘Sheva achtete auf mich, sie war damit beschäftigt, Da-dua anzuhimmeln und zu seufzen. Dieses Kind war bis über beide Ohren in den König Israels verknallt. So wie ich es sah, brauchte sie sich keine allzu große Hoffnungen zu machten. Natürlich stand es ihm jederzeit frei, seine Sammlung von Eroberungen zu vergrößern, doch ich bezweifelte, dass er sie jemals eines Blickes würdigen würde.

Das Objekt des umherfliegenden Klatsches kam direkt an mir vorbei. Sie war verschleiert, und ihr Kopfputz, der Rand ihres Schleiers wie auch die Säume an Armen und Beinen waren mit Münzen besetzt. Die Frau trug mindestens zehn Kilo Hartgeld mit sich herum.

Wer war das?

»Wieso ist sie dann zurückgekommen? Wenn sie so glücklich war?« Die Menge war mit ihren Kommentaren noch nicht am Ende.

»Dadua hat das in den B’rith-Vertrag aufgenommen, als er sich einverstanden erklärte, über Yuda und Y’srael zu herrschen.«

»Ach, er vereint auf diese Weise das alte Haus Labayus mit dem neuen Haus Daduas.«

Dies war also Michal, Sauls Tochter? Daduas erste Frau? Das Weinen des Grauhaarigen, der ihr folgte, schnürte mir das Herz zu. Er musste sie über alle Maßen lieben, um sich derart zu erniedrigen.

Mik’el hatte nicht einen einzigen Blick für ihn übrig.

Dadua trat auf sie zu, hob sie von ihrem Esel und stellte sie neben sich. Auf ein Fingerschnippen hin wurde ihm eine Krone gereicht. Er hob ihren Schleier an, wobei er ihr Gesicht mit seinem Körper vor der Menge abschirmte. Sowie die Krone ihren Scheitel berührte, zerriss das Heulen des von der Mutter verlassenen Kindes die Luft. Dadua küsste Mik’el auf beide Wangen und drehte sie dann zu ihren Untertanen um.

Sie hatte zwar ein bezauberndes Gesicht, doch ihre Miene wirkte wie erstarrt. Lange braune Haare fielen ihr bis auf die Taille, und große Rehaugen wanderten leidenschaftslos über uns hinweg. Aufrecht und königlich stand sie da, während der Wind das Kleid gegen ihre hohen Brüste und den weichen Bauch wehte. Dann schritt Mik’el, von Dadua untergehakt, in die Stadt. Das Kind weinte von neuem. Beide blieben einen Moment stehen und gingen dann weiter.

Als wir in die Küche zurückkamen, mussten wir unseren Ausflug teuer bezahlen. Shana schrie uns an und ließ uns dann Gemüse putzen. Ihre Beschimpfungen gellten mir immer noch in den Ohren, als ich in unser Haus zurückkehrte. Ich kuschelte mich an Cheftu, der bereits auf der Strohmatte schlief.

Er wälzte sich herum und legte seinen Arm um mich. Dass ich noch angezogen war, schien ihn aufzuwecken.