3

Ich lief die Treppe hinauf und blieb vor der Türe stehen. Während ich den Schlüssel ins Schloß schob, hörte ich Nellie husten. Dann bemerkte ich unter der Schlafzimmertüre einen Lichtschimmer. Ich eilte ins Schlafzimmer. »Nellie, bist du wach?« rief ich. Ich blieb unter der Türe stehen. Nellie richtete sich soeben von der Wiege auf. »Danny!« rief sie. Ich eilte mit langen Schritten durchs Zimmer. »Was ist los?«

Sie klammerte sich an meine Jacke. »Du mußt sofort etwas unternehmen!« Sie hustete und versuchte gleichzeitig zu sprechen. »Vickie glüht vor Fieber!«

Ich sah in die Wiege und legte die Hand auf die Stirn des Kindes. Sie war glühend heiß. Ich sah Nellie an. »Sie hat über vierzig Grad Fieber!« Ihre Stimme zitterte. Ich starrte Nellie entsetzt in die Augen. Sie glichen schwarzen Teichen. Ich versuchte ruhig zu sprechen. »Beunruhige dich nicht«, sagte ich rasch, »Kleinkinder fiebern oft so hoch. Aber du selbst siehst aus, als hättest du hohes Fieber.«

»Mach dir meinethalben keine Sorgen«, sagte sie in fast hysterischem Ton, »aber für Vickie muß sofort etwas geschehen!« Ich packte sie unsanft bei den Schultern. »Nellie!« schrie ich ihr beinahe in die Ohren, »jetzt reg dich nur nicht auf! Ich laufe sofort zum Telefon hinunter und rufe den Arzt. In einer Minute bin ich wieder zurück.«

Die Tränen liefen ihr übers Gesicht. »Ja, Danny, ja.« Sie

drehte sich um und strich glättend über Vickies Decken. »Eil dich, Danny, sie glüht wie Feuer!«

Die Wählscheibe des Telefons verursachte, als ich sie drehte, in dem nächtlich stillen Hausflur ein lautes Geräusch. Ich hörte ein Knacken, dann begann das Telefon am ändern Ende des Drahtes zu klingeln. Es läutete einige Sekunden, ehe der Hörer abgehoben wurde. Eine verschlafene Männerstimme meldete sich: »Ja?«

»Herr Doktor, hier spricht Danny Fisher«, sagte ich hastig, »Sie waren heute bei uns, um mein Kind anzusehen.« Seine Stimme klang leicht gereizt. »Ja, Mr. Fisher, ich weiß.«

»Ich glaube, Herr Doktor, es wäre am besten, wenn Sie gleich herüberkämen. Das Kind hat über vierzig Grad Fieber und ist glühend heiß.«

Er antwortete bedächtig. »Schläft sie?«

»Ja, Herr Doktor«, antwortete ich, »aber ihr Aussehen gefällt mir nicht; sie ist krebsrot und schwitzt entsetzlich. Meine Frau auch. Sie muß gleichfalls hohes Fieber haben.«

Einen Moment schien der Arzt unschlüssig zu sein, ehe er fragte:    »Haben sie die Medikamente nach Vorschrift

eingenommen?«

»Ja, Herr Doktor.«

»Dann machen Sie sich weiter keine Sorgen, Mr. Fisher.« Seine Stimme klang völlig unpersönlich und berufsmäßig beruhigend, was mich jedoch nicht zu überzeugen vermochte. »Wenn sich's um eine schwere Erkältung handelt, ist es ganz normal, daß das Fieber im Laufe der Nacht erheblich steigt. Geben Sie den beiden Kranken ein warmes Getränk und decken Sie sie gut zu. Morgen wird's ihnen bestimmt besser gehen und dann komme ich wieder vorbei.«

»Aber, Herr Doktor.«, protestierte ich.

»Tun Sie das, was ich gesagt habe, Mr. Fisher.« Die Stimme des Arztes klang endgültig und wurde von einem Knacken im Hörer gefolgt.

Wütend schmetterte ich den Hörer auf die Gabel. Nellie starrte mir mit weitgeöffneten Augen entgegen, als ich in die Wohnung zurückkehrte. »Kommt er?« fragte sie begierig. »Nein«, sagte ich leicht. Ich wollte nicht, daß sie sich noch mehr aufregte. »Er sagt, das hat nichts zu bedeuten, das ist immer so. Ich soll euch beiden was Warmes zu trinken geben und nachher gut zudecken.«

»Danny, glaubst du, daß das genügt?« Ihre Stimme klang nervös.

Ich lächelte mit einer Zuversicht, die ich nicht fühlte. »Natürlich! Er ist doch Arzt, nicht wahr? Er muß wissen, was er sagt.« Ich führte sie behutsam zum Bett. »Jetzt leg dich ruhig hin, und ich werde dir einen heißen Tee bringen. Du fühlst dich eben selbst nicht wohl, und da sieht alles immer viel schlimmer aus, als es tatsächlich ist.«

Widerstrebend legte sie sich ins Bett. »Mach aber zuerst die Flasche für Vickie zurecht«, sagte sie.

»Natürlich, Nellie«, sagte ich. »Aber jetzt deck dich zu und halte dich warm.«

Ich trug die Teetasse vorsichtig ins Schlafzimmer und setzte mich zu Nellie auf den Bettrand. »Komm jetzt«, sagte ich leise, »und trink das. Du wirst dich gleich besser fühlen.«

Sie nahm die Tasse aus meiner ausgestreckten Hand und hob sie langsam an die Lippen. Ich glaubte zu bemerken, wie wohl ihr die Wärme tat. »Er ist gut«, sagte sie.

Ich lächelte. »Selbstverständlich ist er gut! Weißt du denn nicht, wer ihn zubereitet hat? Danny vom Waldorf Astoria!« Sie lächelte matt, während sie die Tasse wieder an die Lippen setzte. »Schau nach, wie es Vickie geht«, sagte sie. Ich beugte mich über die Wiege. Das Kind schlief ruhig. »Sie schläft wie eine verzauberte Prinzessin«, sagte ich.

Nellie trank die Tasse leer und reichte sie mir zurück. Sie legte sich wieder in die Kissen, und ihr schwarzes Haar breitete sich rings um sie aus.

»Baby«, sagte ich in verwundertem Ton, »ich hab beinahe vergessen, wie schön du bist.«

Sie lächelte schläfrig. Ich bemerkte, daß sie schrecklich müde war. »Die Nachtarbeit scheint deiner Sehkraft ja sehr zuträglich zu sein, Danny«, sagte sie in dem Versuch zu scherzen. Ich knipste das Licht aus. »Schlaf jetzt, Baby«, sagte ich, beugte mich über das Bett und küßte sie auf die Schläfe. »Es wird alles wieder gut.«

Ich kehrte in die Küche zurück und spülte die Tasse aus. Dann setzte ich mich an den Tisch und war eben dabei, meine Zigarette anzuzünden, als ich Vickie wimmern hörte.

Ich warf die Zigarette in das Becken des Spültisches und eilte ins Schlafzimmer. Vickie hustete - es war ein tief in der Brust sitzender rasselnder Husten. Ich hob sie rasch samt ihrer Decke aus der Wiege und klopfe ihr leicht auf den kleinen Rücken, bis der Husten aufhörte.

Nellie schlief den Schlaf der Erschöpfung. Ich war froh, daß Vickie sie nicht aufgeweckt hatte. Ich berührte das Gesicht des Kindes mit den Fingerspitzen. Es war noch immer heiß und fiebrig. Das Köpfchen sank auf meine Schulter, sie war wieder eingeschlafen. Ich legte sie behutsam in die Wiege zurück und deckte sie sorgfältig zu. »Papa kommt in einer Minute wieder«, flüsterte ich. Ich ging in die Küche zurück und ließ Wasser über die glimmende Zigarette laufen. Dann knipste ich das Licht aus und kehrte in das Schlafzimmer zurück. Ich stellte einen Sessel neben die Wiege und setzte mich. Dann griff ich über den Rand der Wiege und suchte Vickies Fingerchen. Instinktiv schloß sie ihre winzige Hand um meinen Zeigefinger. Ich saß ganz still und wagte mich nicht zu bewegen, weil ich Angst hatte, sie aufzuwecken. Draußen vor dem Fenster war heller Mondschein, und die Nacht selbst schien so fremdartig, als wäre sie von einer andern Welt. Ich fühlte, wie sich Vickie bewegte und sah zu ihr hinunter. Sie hatte sich auf die Seite gelegt. In der schwachen Beleuchtung konnte ich sehen, daß sie sich auf meine Hand gelegt und zu einem kleinen Knäuel zusammengerollt hatte. Meine Tochter, dachte ich voll Stolz. Es hatte erst dieser Angst um sie bedurft, um mich erkennen zu lassen, wie lieb sie mir war.

»Ich will dich dafür entschädigen, Vickiebaby, daß du jetzt so leben mußt«, versprach ich ihr. Ich erschrak vor meinem heiseren Flüstern und sah nervös zu unserm Bett hinüber.

Doch Nellie schlief ruhig weiter. »Du mußt bald wieder gesund werden, Vickie, mein Kleines«, flüsterte ich, »du mußt gesund und stark werden für deinen Daddy. Dort draußen liegt eine ganze Welt, und er will, daß du all das mit ihm teilst. Die Sonne und den Mond und die Sterne und viele, viele andre wunderbare Dinge, die deine Augen sehen, deine Ohren hören und dein kleines Naschen riechen muß. Ich will dir viele, viele Dinge kaufen, Vickie. Puppen und Spielzeug und Kleider, alles, was du dir wünschst, will ich dir schenken. Ich will schwer arbeiten, vierundzwanzig Stunden am Tag, nur um dich glücklich zu sehen. Du bist mein Baby und ich hab dich lieb.« Ich bemerkte, daß sie sich wieder bewegte und schaute in die Wiege. Was war ich die ganze Zeit für ein Narr gewesen, nicht zu erkennen, wie reich sie mich gemacht hatte!

»Bitte, lieber Gott«, betete ich zum erstenmal, seit langer Zeit, (hat ja inzwischen schon!) »bitte, lieber Gott, mach sie wieder gesund.« Die nächtliche Stille wurde durch Nellie unterbrochen, die im Schlaf hustete. Ich hörte, wie sie sich ruhelos im Bett herumwälzte. Da stand ich auf und sah nach ihr. Die Decken waren heruntergefallen. Ich hüllte sie wieder sorgsam ein, dann kehrte ich zu meinem Sessel zurück. - Die Nacht schien endlos, und nach und nach begann ich zu dösen, während meine Hand über den Rand der Wiege hing. Einige Male versuchte ich, die Augen gewaltsam offenzuhalten, aber es war vergebens. Ich war zu müde.

Wie aus weiter Ferne drang schwaches Husten an mein Ohr und das grauweiße Licht der Morgendämmerung sickerte durch meine Augenlider. Plötzlich riß ich die Augen auf und starrte in die Wiege.

Vickie begann krampfhaft zu husten. Entsetzt hob ich sie auf und klopfte ihr auf den Rücken. Wie es schien, war es ihr unmöglich, mit dem Husten aufzuhören. Sie hielt die Augen krampfhaft zusammengepreßt, und ich sah in dem grauen Morgenlicht, wie sich winzige Schweißtropfen auf ihrer Stirne sammelten. Plötzlich lag sie ganz steif in meinen Armen, ihr kleiner Körper wurde starr und ihr Gesicht nahm eine krankhaft bläuliche Farbe an. Verzweifelt versuchte ich ihr winziges Mündchen mit meinen Lippen zu öffnen. Mit aller Kraft blies ich meinen Atem in ihre Lunge und bewegte gleichzeitig ihre Seiten mit leichtem Druck. Und wieder hauchte ich ihr meinen Atem ein, während mir die Angst und das Wissen um das, was sich hier Furchtbares ereignete, das Herz zusammenschnürte.

Wieder und immer wieder versuchte ich ihr meinen Atem einzuflößen, mit meinem Leben das ihre zu retten, selbst lange nachdem ich bereits wußte, daß ich nie wieder etwas für sie würde tun können. Ich stand reglos im Zimmer, hielt ihren stillgewordenen Körper an die Brust gedrückt und fühlte, wie sie in der Morgenfrische langsam erkaltete. Sie war meine Tochter gewesen. Und erst jetzt bemerkte ich, daß ich weinte.

Vom Bett her kam Nellies entsetzte Stimme: »Danny!!« Langsam wandte ich mich zu ihr. Sie wußte alles. Sie hatte es die ganze Zeit über gewußt. Davor hatte sie Angst gehabt. Sie streckte ihre Arme nach Vickie aus. Langsam trat ich an ihr Bett

und hielt ihr das Kind entgegen.

Die hölzernen Stufen knarrten unter unsern Füßen, als wir die Treppe langsam und schwerfällig emporstiegen. Es war ein wohlvertrautes Geräusch, an das sich unsre Ohren seit langer Zeit gewöhnt hatten, aber jetzt klang es für uns nicht mehr freudig. Mehr als drei Jahre waren vergangen, seit wir diese Treppe zum erstenmal erklommen hatten.

Damals waren wir glücklich gewesen. Wir waren jung und unser Leben lag strahlend vor uns. Irgendwo in meinem Gedächtnis schlummerte die Erinnerung daran, wie ich Nellie über die Türschwelle getragen hatte. Doch wenn ich daran dachte, war diese Erinnerung nur noch undeutlich und trübe. Es war vor so langer Zeit geschehen - und jetzt waren wir nicht mehr jung. Ich sah Nellies Rücken, steif und gerade aufgerichtet, während sie die Treppe, eine Stufe vor mir, hinaufstieg. Sie hatte sich tapfer gehalten, sie war stark gewesen, wie sie immer stark gewesen war. Es hatte in ihrem Schmerz keine Tränen, keinen Aufschrei des Protestes gegeben. Nur die stumme Qual in ihren dunklen Augen, der schmerzlich verzerrte Mund verrieten mir ihre Gefühle. Sie blieb auf dem Treppenabsatz stehen und taumelte ein wenig, als sie sich unsrer Türe zuwandte. Ich streckte ihr sofort die Hand entgegen aus Angst, daß sie fallen könnte. Sie faßte meine Hand und hielt sie fest.

Mit meiner freien Hand griff ich in die Tasche, um die Schlüssel herauszuholen. Sie waren nicht da. Ich mußte Nellies Hand loslassen, um in den anderen Taschen zu suchen. Als ich

den Schlüssel schließlich in der Hand hielt, schob ich ihn noch immer nicht ins Schloß, ich konnte mich nicht entschließen, die Türe zu öffnen. Nellie blickte mich nicht an, ihr Blick war starr zu Boden gerichtet. Schließlich schob ich den Schlüssel ins Schloß, aber die Türe öffnete sich sogleich bei meiner Berührung. Ich sah mich verwundert nach Nellie um. »Ich glaube, ich habe vergessen abzuschließen«, sagte ich.

Ihre Augen waren noch immer starr auf den Boden geheftet. Sie sprach so leise, daß ich ihre Antwort kaum zu verstehen vermochte. »Das ist doch gleichgültig«, sagte sie, »wir haben ja nichts mehr zu verlieren.«

Ich führte sie behutsam durch die Türe und schloß sie hinter uns. Wir hatten Angst, einander anzusehen, ja sogar miteinander zu sprechen. Wir fanden keine Worte mehr.

Schließlich brach ich das Schweigen. »Gib mir deinen Mantel, Liebling«, sagte ich, »ich werde ihn aufhängen.« Sie schlüpfte aus ihrem Mantel, den sie mir stumm überließ. Ich hängte ihn in den Schrank und meinen Mantel daneben. Als ich mich wieder umdrehte, stand sie noch immer starr und unbeweglich da.

Ich nahm wieder ihren Arm. »Komm, wir wollen hineingehen, ich mache dir rasch eine Tasse starken Kaffee.« Sie schüttelte abwehrend den Kopf. Ihre Stimme war stumpf und unsäglich müde. »Ich möchte nichts.«

»Dann setz dich wenigstens«, drängte ich.

Sie ließ sich widerstandslos ins Wohnzimmer führen. Ich setzte mich neben sie und zündete mir eine Zigarette an. Sie sah starr vor sich hin, ihre Augen waren völlig ausdruckslos, sie nahmen nichts wahr. Im Zimmer war es unheimlich still, eine tiefe ungewohnte Stille. Ich merkte, daß ich auf die vertrauten Laute meiner Tochter in unsrer Wohnung horchte, die manchmal so störend sein konnten.

Ich schloß einen Moment die Augen. Nach den endlos langen

Stunden dieses Tages begannen sie zu brennen und zu schmerzen. Das ist ein Tag, den du vergessen mußt, den du in einer geheimen Ecke deines Bewußtseins verbergen und vergraben mußt, damit du dich der Qual dieses schmerzlichen Verlustes, der dich getroffen, nicht mehr erinnerst. Vergiß den metallischen Klang der Schaufel, den Schauer von feuchter Erde und kleinen Steinen, der auf den Sarg niederprasselte. Vergiß, vergiß, vergiß.

Aber wie kannst du all das jemals vergessen? Wie kannst du die Güte der Nachbarn vergessen, ihr Mitgefühl, ihre Hilfsbereitschaft? Du hattest kein Geld, und dein Kind hätte in einem Armengrab liegen müssen, wären sie nicht gewesen. Fünf Dollar hier, zwei Dollar dort, zehn Dollar, sechs Dollar - alles in allem siebzig Dollar. Um den Sarg zu bezahlen, die Messe, das Grab, den Ruheplatz für ein Stück von dir, das nicht mehr war. Siebzig Dollar ihrer eigenen Armut abgerungen, um die Bitternis deines Schicksals ein wenig zu mildern. Du willst vergessen, aber einen Tag wie diesen kannst du nie vergessen. Ebenso wie sie niemals vergessen werden wird. Es ist seltsam, aber sogar vor dir selbst widerstrebt es dir, ihren Namen auszusprechen - statt dessen sagst du >sie<. Ich schüttelte den Kopf, um ihn klar zu bekommen. In meinen Ohren lag es wie ein dumpfschmerzender Nebel. »Sprich ihren Namen aus!« befahl ich mir verzweifelt, »sprich ihn aus!«

Ich holte tief Atem, meine Lunge schien bersten zu wollen. »Vickie!« Der Name dröhnte, wenn auch unhörbar, in meinen Ohren. Und es war ein triumphierender Ton. »Vickie!« Und wieder brannte sich ihr Name in mein Denken. Es ist ein sieghafter, ein glorreicher Name... für einen Lebenden.

Doch jetzt ist er's nicht mehr. Verzweiflung überwältigte mich. Von jetzt an ist er nichts mehr. Nur das >sie< wird bleiben, das wußte ich irgendwie.

Ich zog noch einmal an meiner Zigarette, dann drückte ich sie aus. »Glaubst du nicht, daß es am besten wäre, wenn du dich ein bißchen hinlegen würdest?« fragte ich. Langsam wandte Nellie mir ihr Gesicht zu. »Ich bin nicht müde«, erwiderte sie. Ich nahm ihre Hand. Sie war eiskalt. »Es ist doch besser, wenn du dich hinlegst«, sagte ich eindringlich.

Sie sah rasch zur Schlafzimmertüre, dann wieder zu mir zurück. Es war ein Blick unendlicher Verlassenheit. »Danny, ich kann nicht dort hineingehen, ihre Wiege, ihr Spielzeug.« Ihre Stimme brach.

Ich wußte genau, was in ihr vorging, und auch meine Stimme zitterte, als ich wieder zu sprechen vermochte. »Jetzt ist alles vorbei, Baby«, flüsterte ich, »du mußt weiterleben, du mußt dich aufraffen.«

Sie klammerte sich wild verzweifelt an meine Hand. Ein hysterischer Ausbruch flammte in ihren Augen. »Wozu, Danny, wozu?« schrie sie.

Ich mußte ihr antworten, obwohl ich nicht wußte, was ich sagen sollte. »Weil du mußt«, erwiderte ich lahm, »weil sie es gewollt hätte.«

Ihre Nägel gruben sich in meine Handflächen. »Sie war ein Baby, Danny, mein Baby!« Ihre Stimme brach plötzlich, und zum erstenmal, seitdem es geschehen war, kamen die erlösenden Tränen. »Sie war mein Kind und wollte doch nur eines: leben! Und ich, ich habe ihr dieses furchtbare Schicksal bereitet, ich habe sie jämmerlich im Stich gelassen!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich.

Ich legte meine Arme unbeholfen um ihre Schultern und zog sie an mich. Ich versuchte, soviel Tröstliches in meine Stimme zu legen, als ich vermochte. »Es war nicht deine Schuld, Nellie. Niemand war schuld daran. Es war Gottes Wille.«

Ihre Augen schimmerten matt in ihrem blassen Gesicht. Langsam schüttelte sieden Kopf. »Nein, Danny«, sagte sie in hoffnungslosem Ton, »es war meine Schuld. meine Schuld von allem Anfang an. Ich habe eine Sünde begangen, und durch mich hatte auch sie Anteil daran. Sie mußte für meine Sünde bezahlen, nicht ich! Ich hätte es besser wissen müssen! Wie durfte ich annehmen, ich verstünde es besser als Gott!«

Als sie jetzt zu mir aufsah, flammten ihre Augen in einem Fanatismus, den ich bisher nie bemerkt hatte. »Ich habe gesündigt und in Sünde gelebt«, fuhr sie düster fort, »ich habe nie versucht, Gottes Segen für meine Ehe zu erbitten. Ich war bereit, mich mit den Worten der Menschen zu begnügen. Wie konnte, wie durfte ich Seinen Segen für mein Kind erwarten? Pater Brennan hat es mir von Anfang an gesagt.«

»Pater Brennan hat nichts Derartiges getan!« rief ich verzweifelt, »er hat heute in der Kirche gesagt, daß Gott sie liebevoll aufnehmen wird.« Ich hielt ihr Gesicht mit beiden Händen umfaßt. »Wir haben uns geliebt und lieben einander noch immer. Das ist alles, was Gott von uns verlangt.«

Sie blickte mich an, ihre Augen waren tieftraurig, und ihre Hand berührte mich flüchtig. »Armer Danny«, flüsterte sie, »du kannst es einfach nicht verstehen.«

Ich starrte sie an. Sie hatte recht - ich verstand sie nicht. Liebe ist etwas, das zwischen Menschen entsteht, und wenn sie echt ist, ist sie auch gesegnet. »Ich liebe dich«, sagte ich. Sie lächelte unter Tränen, erhob sich und sah mitleidig auf mich herab. »Armer Danny«, wiederholte sie, »du glaubst, daß deine Liebe alles ist, wessen du bedarfst, und kannst nicht verstehen, daß es für Ihn nicht genug ist.«

Ich küßte ihre Hand. »Für uns war es immer genug.« In ihre Augen trat ein abwesender Blick. »Das war eben falsch, Danny«, sagte sie mit einer Stimme, die wie aus weiter Ferne kam, »auch ich glaubte, daß es für uns genügt, aber jetzt weiß ich, wie sehr ich gesündigt habe.« Ich fühlte noch, wie sie mir mit der Hand leicht über das Haar strich. »Wir müssen aber auch mit Gott leben, nicht bloß miteinander.«

Damit verschwand sie im Schlafzimmer und schloß die Türe hinter sich. Ich zündete mir eine frische Zigarette an und blickte aus dem Fenster. Es hatte zu regnen begonnen. Es war ein Tag, den man vergessen muß. Die Totenstille begann mir bis ins innerste Mark zu kriechen.

5

Eine eigenartige Unempfindlichkeit hatte sich meines Körpers bemächtigt, durch die sich ein seltsam halbwacher Zustand einstellte. Es war beinahe so, als wäre mein Körper eingeschlafen, während mein Denken wach geblieben war. Ich hatte jeglichen Zeitbegriff verloren, nur meine Gedanken waren lebendig. Halbgeformte, undeutliche Erinnerungsreste gingen mir durch den Kopf, während mein Körper kalt und unberührt von dem Schmerz blieb, den sie mit sich brachten.

Deshalb hörte ich wohl auch die Türklingel beim erstenmal nicht, das heißt, ich hörte wohl den Ton, vermochte ihn aber nicht richtig einzuordnen. Beim zweitenmal war er eindringlicher, fordernder. Stumpfsinnig überlegte ich, wer da läuten mochte. Es klingelte wieder, diesmal drang das Geräusch über meine Bewußtseinsschwelle. Ich sprang von meinem Sessel auf. Ich erinnere mich, während ich zur Tür ging, einen Blick auf die Uhr geworfen zu haben, und an meine Überraschung, daß es erst drei Uhr war. Mir schien es, als sei seit diesem Morgen ein ganzes Jahr verstrichen. Ich öffnete die Türe. Ein fremder Mann stand vor mir. »Was wünschen Sie?« fragte ich. Ein verdammt falscher Zeitpunkt, um von einem Hausierer belästigt zu werden. Der Fremde zog eine Brieftasche aus seinem Rock und hielt sie mir geöffnet hin, und zwar so, daß ich das rote Dienstabzeichen sehen konnte: »N. Y. C. Sozialamt, Erhebungsbeamter.«

»Mr. Fisher?« fragte er. Ich nickte.

»Ich heiße Jim Morgan und bin vom Sozialamt«, sagte er ruhig, »kann ich Sie einen Augenblick sprechen? Ich habe Ihnen einige Fragen zu stellen.«

Ich starrte ihn an. Für mich war das nicht der geeignete Zeitpunkt, um Fragen zu beantworten. »Könnten Sie das nicht an einem andern Tag besorgen, Mr. Morgan?« fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich muß Sie jetzt fragen«, erwiderte er, und in seine Stimme kam ein unangenehmer Ton. »Miß Snyder hat über Ihren Fall verschiedene Informationen erhalten, die überprüft werden müssen. Es ist zu Ihrem eigenen Besten, wenn Sie meine Fragen beantworten.«

Ich begann gegen den Kerl eine tiefe Abneigung zu empfinden. Wegen seines Dienstabzeichens ist er noch lange nicht der liebe Gott.

Ich werde ihn nicht eintreten lassen. »Okay«, sagte ich kalt, »ich werde Ihre Fragen beantworten.«

Er sah sich einen Moment verlegen um. Nachdem er aber offenbar einsah, daß ich ihn nicht in die Wohnung ließ, zog er ein kleines Notizbuch hervor und öffnete es. Er blickte kurz hinein, dann sah er mich an.

»Sie haben heute Ihre Tochter begraben?«

Ich nickte stumm. Die Worte, so kalt und unpersönlich ausgesprochen, klangen wie eine Profanierung.

Er kritzelte etwas in sein Notizbuch. Diese Erhebungsbeamten sind doch alle gleich. Würde man ihnen diese kleinen Büchlein wegnehmen, dann wären sie wohl kaum mehr imstande, zu sprechen. »Die Beerdigungskosten inklusive Sarg haben vierzig Dollar ausgemacht, die Friedhofsgebühren zwanzig Dollar, das sind insgesamt also sechzig Dollar für das Begräbnis. Stimmt das?«

»Nein«, antwortete ich voll Bitterkeit, »Sie haben etwas

vergessen.«

Er sah mich scharf an. »Was?«

»Wir haben der Ascension-Kirche zehn Dollar für eine Sondermesse gegeben«, sagte ich kalt, »das Ganze kam daher auf siebzig Dollar.« Sein Bleistift kratzte wieder im Notizbuch herum. »Woher haben Sie das Geld gehabt, Mr. Fisher?«

»Das geht Sie einen verdammten Dreck an!« schrie ich hemmungslos.

Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Es geht mich allerdings etwas an, Mr. Fisher«, erwiderte er mit scheinheiliger Freundlichkeit, »sehen Sie, Sie leben von der Unterstützung, das heißt, Sie gelten als völlig mittellos. Das heißt also weiter, weil Sie kein Geld haben, helfen wir Ihnen. Aber auf einmal sind Sie im Besitz von siebzig Dollar. Daher sind wir berechtigt zu erfahren, woher Sie sie haben.«

Ich blickte zu Boden. So also machen's diese Leute. Entweder du beantwortest ihre Fragen, oder sie stellen die Unterstützung ein. Dennoch brachte ich's nicht über mich, ihm zu sagen, woher ich das Geld bekommen hatte. Es war etwas zu Persönliches zwischen Vickie und uns. Niemand andrer durfte erfahren, woher wir das Geld hatten, um unser einziges Kind zu begraben. Ich antwortete nicht. »Vielleicht haben Sie das Geld mit Nachtarbeit, die Sie uns nicht gemeldet haben, verdient?« sagte er in triumphierendem Ton. »Sie haben uns doch nichts verschwiegen, wie, Mr. Fisher?«

Jetzt sah ich auf und blickte ihm ins Gesicht. Wie konnten sie das herausbekommen haben? »Was hat das damit zu tun?« fragte ich rasch.

Er sah mich lächelnd an und schien ungeheuer stolz auf sich zu sein. »Wir haben eben unsre Mittel und Wege, diese Dinge ausfindig zu machen«, sagte er in geheimnisvollem Ton, »es macht sich nicht bezahlt, uns zu hintergehen. Wissen Sie, Mr. Fisher, daß man Sie dafür einsperren kann? Es ist nämlich ein

Betrug an der Stadt New York.«

Jetzt riß mir die Geduld. Für einen Tag hatte ich genug Jammer erlebt. »Seit wann kommt ein Mensch ins Gefängnis, wenn er arbeiten will?« brach ich wütend los. »Was, zum Teufel, wollen Sie mir da überhaupt anhängen?«

»Nichts, Mr. Fisher, gar nichts«, sagte er aalglatt, »ich versuche bloß die Wahrheit herauszubekommen, das ist alles.«

»Die Wahrheit ist, daß drei Menschen von zweiundsiebzig Dollar im Monat und einer Zusatznahrung von Backpflaumen und Futterkartoffeln nicht leben können.« Ich hatte die Stimme erhoben, und sie hallte in dem kleinen Vorplatz. »Man muß versuchen, sich zusätzlich ein paar Dollar zu verdienen, sonst krepiert man!«

»Sie geben also zu, eine Nachtarbeit angenommen zu haben, während Sie uns vorspiegelten, völlig arbeitslos zu sein?« fragte er gelassen.

»Ich gebe gar nichts zu!« schrie ich.

»Und trotzdem verfügen Sie über siebzig Dollar, um Ihr Kind zu begraben!« stellte er triumphierend fest.

»Ja, ich habe mein Kind begraben!« Ich fühlte, wie mich der Knoten in meiner Kehle zu ersticken drohte, »das war alles, was ich für sie tun konnte. Hätte ich nämlich etwas Geld gehabt, glauben Sie, ich hätte gewartet, bis sich Ihr Scheißdoktor bequemt hätte, zur Visite zu kommen? Dann hätte ich einen andern Arzt geholt. Vielleicht wäre sie dann noch am Leben!«

Er musterte mich mit kaltem Blick. Ich hatte nicht gewußt, daß es menschliche Wesen mit sowenig Gefühl geben konnte. »Dann arbeiten Sie also nachts?« fragte er nochmals.

Plötzlich stiegen die ganze Qual, alle Bitternis und Herzensnot in mir auf, ich packte ihn an der Krawatte und zog sein Gesicht ganz nahe heran. »Ja«, schrie ich, »ich hab nachts gearbeitet!« Sein Gesicht wurde kreidebleich, und er wand sich in meinem Griff. »Lassen Sie mich los, Mr. Fisher!« keuchte er, »eine derartige Gewalttätigkeit wird Ihnen nicht gut bekommen! Sie haben sowieso schon genug Unannehmlichkeiten!«

Er wußte nicht, wie recht er hatte. Etwas mehr oder weniger spielte jetzt keine Rolle. Ich schlug ihn mitten ins Gesicht, und er taumelte an die andre Wand des kleinen Vorplatzes. Während ich mich wieder auf ihn stürzte, sah ich, daß ihm das Blut aus der Nase floß. Er sah mich entsetzt an und stürzte auf die Treppe zu. Am obersten Treppenabsatz drehte er sich nochmals um und blickte zu mir zurück. »Dafür werden Sie mir büßen!« schrie er. »Sie werden verhungern, dafür lassen Sie nur mich sorgen!«

Ich machte drohend einen Schritt auf ihn zu. Da lief er eilig die Stufen hinunter. Ich beugte mich über das Geländer. »Sollten Sie zurückkommen, Sie Dreckskerl«, schrie ich ihm nach, »dann bring ich Sie um! Zum Teufel, bleiben Sie mir ja vom Hals!« Er verschwand um den nächsten Treppenabsatz, und ich trat in die Wohnung zurück. Mir war speiübel. Und ich schämte mich, denn mir war, als hätte ich diesen Tag entweiht. Ich hätte mich nicht so benehmen dürfen. An jedem andern Tag vielleicht, aber heute nicht.

Nellie stand in der Schlafzimmertüre. »Wer war das, Danny?« Ich versuchte mit ruhiger Stimme zu sprechen. »Ach, so ein Affe vom Sozialamt«, sagte ich, »ich hab ihn gleich wieder weggeschickt.«

»Was wollte er denn?«

Für diesen Tag hatte sie bereits genug mitgemacht, es hatte keinen Sinn, sie auch noch damit zu belasten. »Nichts Besonderes«, sagte ich ausweichend, »er wollte mir bloß ein paar Fragen stellen, das war alles. Und jetzt geh wieder ins Bett und ruh dich aus, Baby.« Ihre Stimme klang dumpf und hoffnungslos. »Sie wissen etwas von deiner Nachtarbeit, nicht wahr?«

Ich starrte sie an. Sie hatte alles mit angehört. »Warum versuchst du nicht zu schlafen, Baby?« sagte ich, ihrer Frage ausweichend. Doch ihre Augen blieben starr auf mich gerichtet. »Lüg mich nicht an, Danny. Es stimmt doch, was ich gesagt habe, nicht wahr?«

»Und wenn es so wäre?« gab ich zu, »das ist jetzt nicht so wichtig. Wir werden es durch meinen Job wieder wettmachen. Der Boß hat versprochen, mir in den nächsten Tagen eine Aufbesserung zu geben.«

Sie starrte mich noch immer an. Ich sah, wie ihr die Tränen wieder in die Augen traten. Ich eilte rasch durchs Zimmer und ergriff ihre Hand. »Für uns geht nichts gut aus, Danny«, sagte sie hoffnungslos, »nicht einmal an einem solchen Tag. Kummer und Sorgen, nichts als Kummer und Sorgen!«

»Die sind jetzt vorbei, Baby«, sagte ich und hielt ihre Hand fest in der meinen, »von jetzt an wird alles wieder besser werden.« Sie sah mich mit erloschenen Augen an. »Es wird nie anders werden, Danny«, sagte sie trostlos, »wir sind verflucht. Ich habe dir nichts als Unglück gebracht.«

Ich drehte ihr Gesicht so, daß ich ihr in die Augen sehen konnte. »Nellie, du mußt dir solche Ideen aus dem Kopf schlagen!« Ich küßte sie auf die Wange. »Du mußt an die besseren Zeiten glauben!« Unsre Blicke begegneten sich. »Was bleibt uns noch zu hoffen?« fragte sie still, »woher weißt du, ob du deinen Job jetzt überhaupt noch hast? Du hast dort während vier Tagen nicht einmal angerufen.«

»Darüber mach ich mir keine Sorgen«, sagte ich, und das Herz sank mir bis in den Magen. Es stimmte, ich hatte völlig vergessen, im Laden anzurufen. »Jack wird alles verstehen, wenn ich's ihm erkläre.« Sie sah mich zweifelnd an. Etwas von ihrem Zweifel übertrug sich auf mich. Und wie sich herausstellte, sollten wir auch recht behalten.

Jack blickte auf, als ich den Laden betrat, aber in seinen Augen war kein Willkommensgruß. Ich sah den Bartisch entlang. Ein fremder Mann arbeitete in meiner Abteilung.

»Hallo, Jack«, sagte ich ruhig.

»Hallo, Danny«, erwiderte er ohne Begeisterung.

Ich wartete auf seine Frage, wo ich denn gewesen sei, aber er schwieg. Da merkte ich erst, daß er sehr ärgerlich war. Ich entschloß mich daher zu sprechen. »Es ist etwas geschehen, Jack«, erklärte ich, »ich konnte nicht kommen.«

Sein Ärger spiegelte sich in seinen Augen. »Du hast vermutlich auch fünf Tage lang nicht telefonieren können, was?« fragte er ironisch.

Ich hielt seinem Blick stand. »Das tut mir aufrichtig leid, Jack«, sagte ich entschuldigend, »ich weiß, ich hätte anrufen müssen, aber ich war so verzweifelt, daß ich alles andre vergaß.«

»Blödsinn!« fuhr er auf. »Zwei Nächte lang hab ich mich fast zugrunde gerichtet und hab gewartet, daß du endlich aufkreuzen wirst, und du? Du hast nicht mal Zeit gefunden, um mich anzurufen!« Ich blickte wieder den Bartisch entlang. »Ich kann nichts dafür, Jack«, sagte ich, »es ist etwas geschehen, und ich konnte nicht telefonieren.«

»Was? In fünf Tagen nicht ein einziges Mal?« sagte er ungläubig. »Da müßte die Welt erst zugrunde gehen, ehe ich jemandem einen solchen Bären aufbinden würde.«

Ich sah ihn noch immer nicht an. »Jack, ich hatte einen schweren Kummer«, sagte ich ruhig, »meine Tochter ist gestorben.« Einen Moment trat tiefe Stille ein. Dann sagte er: »Danny, ist das wirklich wahr?«

Jetzt sah ich ihm in die Augen. »Mit solchen Dingen scherzt man nicht«, antwortete ich. Da schlug er die Augen nieder. »Es tut mir leid, Danny, es tut mir aufrichtig leid.«

Ich sah wieder den Bartisch entlang. Der neue Mann beobachtete uns verstohlen, wobei er den Anschein zu erwecken versuchte, sich für das, was wir sprachen, nicht zu interessieren. Aber ich kenne diesen Blick. Er hatte Angst, seinen Job zu verlieren. Ich selbst hatte zu oft so geblickt, um seine Gefühle nicht zu verstehen. Ich blickte wieder zu Jack zurück. »Ich sehe, du hast einen neuen Angestellten.«

Er nickte etwas verlegen, sagte jedoch nichts. Ich versuchte meiner Stimme einen sorglosen Ton zu geben. Aber es fällt einem schwer, wenn von den nächsten Worten abhängt, ob du etwas zu essen hast oder nicht. »Hast du noch Platz für mich?«

Er antwortete nicht gleich. Ich merkte, wie er den Bartisch entlang zu dem neuen Angestellten hinüberblickte und dann wieder zu mir zurück. Der neue Mann machte sich sofort geschäftig daran, den Grill zu säubern. »Im Augenblick nicht, Danny«, sagte er leise, »es tut mir aufrichtig leid.«

Ich wandte mich halb ab, um ihn die Tränen nicht sehen zu lassen, die mir in die Augen traten. »Schon gut, Jack«, sagte ich, »ich verstehe.«

Seine Stimme verriet jetzt ein Mitgefühl, für das ich ihm dankbar war. »Vielleicht ergibt sich bald etwas«, sagte er eilig, »ich werde dich anrufen.« Er schwieg einen Moment. »Wenn du bloß angerufen hättest, Danny.«

»Ach, Jack, wenn. wenn. wenn«, unterbrach ich ihn, »aber ich hab eben nicht angerufen. Jedenfalls vielen Dank.« Und ich verließ den Laden.

Vor der Ladentüre sah ich auf meine Uhr. Es war sechs vorbei. Ich überlegte, wie ich es Nellie beibringen sollte, besonders nach dem, was sich am Nachmittag abgespielt hatte. Es war ein unglückseliger Tag.

Ich beschloß, zu Fuß nach Hause zu gehen. Es war zwar ein langer Weg, aber fünf Cent sind viel Geld, wenn man keinen Job hat. Von der Dyckman Street zur East Fourth waren es beinahe drei Stunden. Mir machte es nichts aus. Um so länger dauerte es, bis ich's Nellie eingestehen mußte.

Es war bereits neun Uhr, als ich unser Haus erreichte. Die Nacht war kalt geworden, aber mein Hemd war dennoch schweißnaß, als ich die Treppe hinaufstieg. Ich blieb zögernd stehen, ehe ich die Türe auf schloß. Was sollte ich ihr sagen? Ich ließ die Türe weit aufschwingen, ehe ich über die Schwelle trat. Im Wohnzimmer brannte Licht, doch in der Wohnung war es totenstill. »Nellie«, rief ich, drehte mich um und hängte meine Jacke in den kleinen Garderobenschrank.

Ich hörte Schritte, dann rief eine Männerstimme: »Das ist er!« Ich fuhr herum. Nellie und zwei Männer standen in der Türe zum Wohnzimmer. Sie war blaß und sah sehr leidend aus. Ich trat rasch auf sie zu, ehe ich noch den Mann erkannte, der neben ihr stand. Es war der Beamte, den ich am Nachmittag weggejagt hatte. Über dem Nasenrücken hatte er einen Verband, ein Auge war purpurrot und geschwollen. »Das ist er!« wiederholte er.

Der andre Mann trat auf mich zu. Er hielt eine Marke in der Handfläche. »Daniel Fisher?« Ich nickte.

»Mr. Morgan hat gegen Sie wegen tätlicher Mißhandlung Anzeige erstattet«, sagte er ruhig, »ich muß Sie mitnehmen.« Ich fühlte, wie sich meine Muskeln spannten. Das hatte mir noch gefehlt: die Polizei! Dann sah ich zu Nellie hinüber, und meine Auflehnung war wie weggeblasen.

»Darf ich einen Moment mit meiner Frau sprechen?« fragte ich den Detektiv.

Er warf mir einen kritischen Blick zu, dann nickte er. »Gewiß«, sagte er freundlich, »wir warten draußen im Vorzimmer auf Sie.« Er nahm Morgan am Arm und schob ihn vor sich her in die Halle. Ehe er die Türe schloß, sah er zu mir zurück. »Aber nicht so lang, mein Sohn.« Ich nickte dankbar, und die Türe schloß sich. Nellie hatte bisher kein Wort gesagt, aber ihre Augen durchforschten angstvoll mein Gesicht. Schließlich holte sie tief Atem. »Keinen Job?«

Ich antwortete nicht. Sie starrte mich noch einen Moment an, dann lag sie in meinen Armen und schluchzte fassungslos an meiner Schulter. »Danny, Danny«, rief sie, »was sollen wir jetzt tun?« Ich streichelte ihr Haar. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Die Mauern schlossen sich immer dichter um uns. Sie sah zu mir auf. »Was, glaubst du, werden sie dort mit dir machen?« fragte sie.

Ich zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht«, antwortete ich. Ich war so müde, daß es mir in Wirklichkeit gleichgültig war. Wäre es nicht ihrethalben, wäre mir alles verteufelt egal. »Sie werden mich wahrscheinlich kurz verhören und bis zur Verhandlung wieder laufen lassen.«

»Nehmen wir aber an, sie behalten dich dort?« rief sie. Ich versuchte zu lächeln. »Das tun sie nicht«, antwortete ich viel sicherer, als ich mich fühlte, »es ist nicht wichtig genug. Ich bin in ein paar Stunden wieder zurück.«

»Aber dieser Mr. Morgan war fürchterlich, er sagte, sie würden dich ins Gefängnis stecken.«

»Dieser lausige Dreckfink!« rief ich. »Es gibt eine Menge Dinge, die er nicht weiß. Wenn sie dort hören, was sich tatsächlich ereignet hat, werden sie mich laufen lassen. Mach dir keine Sorgen.« Sie verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter. »Ach, Danny, es geht für uns nichts gut aus«, sagte sie verzweifelt, »ich hab dir nichts als Unglück gebracht. Du hättest nie zurückkommen sollen.« Ich hob ihr Gesicht und küßte sie. »Wäre ich nicht zurückgekommen, Baby«, flüsterte ich, »dann hätte ich das einzige auf der Welt entbehren müssen, das mir wichtig ist. Es ist nicht deine Schuld, es ist niemandes Schuld. Wir haben bisher nur noch keine Chance gehabt.«

Es wurde an der Türe geklopft. »Ich komme in einer Minute«, rief ich, dann sah ich wieder auf Nellie hinunter. »Leg dich jetzt hin«, sagte ich, »ich bin bald wieder zurück.« Sie sah mich, nicht sehr überzeugt, an. »Bestimmt?«

»Bestimmt«, antwortete ich und holte meine Jacke aus dem Schrank.

Während wir durch die Straßen gingen, maß mich Morgan mit triumphierenden Blicken. »Ich hab Ihnen ja gesagt, daß ich zurückkomme«, sagte er höhnisch. Ich antwortete nicht.

Der Polizist, der zwischen uns ging, knurrte ihn an: »Halten Sie's Maul, Morgan! Der Junge hat genug Sorgen, auch wenn Sie Ihre Schnauze nicht aufreißen!«

Ich sah ihn verstohlen an. Ich merkte, daß er Morgan nicht leiden konnte. Er war einer jener warmherzigen Iren mit den sanften Augen. Ich überlegte, wie ein solcher Bursche jemals den Beruf eines Polizisten ergreifen konnte.

Wir waren nahezu zwei Häuserblocks entlanggegangen, ehe ich mich zu sprechen entschloß. »Was geschieht gewöhnlich in Fällen wie dem meinen?« fragte ich den Polizisten. Er wandte mir sein Gesicht zu, dessen gesunde Röte in der Straßenbeleuchtung glänzte. »Man wird Ihre Personalien aufnehmen und eine Verhandlung im Sinne der Anklage festsetzen.«

»Bis zum Verhandlungstermin wird man aber wieder freigelassen, nicht wahr?« fragte ich.

In den Augen des Polizisten war Mitgefühl zu lesen. »Falls Sie die Kaution erlegen können, ja.«

Aus meiner Antwort war meine grenzenlose Überraschung zu hören. »Kaution?« rief ich, »wie hoch ist diese Kaution?«

»In der Regel sind es fünfhundert Dollar.«

»Wenn ich das Geld aber nicht habe?« fragte ich, »was geschieht dann?«

Ehe der Polizist antworten konnte, rief Morgan in bösartigem Ton: »Dann steckt man Sie eben bis zur Verhandlung ins Gefängnis!« Ich blieb stehen. »Aber das kann man doch nicht tun!« rief ich, »meine Frau ist krank und hat heute Schreckliches durchgemacht. Ich kann sie heute nacht nicht allein lassen.« Der Polizist faßte meinen Arm. »Es tut mir leid, mein Sohn«, sagte er freundlich, »aber dagegen kann ich nichts machen. Meine Aufgabe besteht nur darin, Sie hinzubringen.«

»Aber Nellie. meine Frau.« - ich vermochte kaum zu sprechen - »ich kann sie nicht allein lassen! Sie ist krank!« Seine Stimme war noch immer gütig. »Regen Sie sich nicht auf, mein Sohn, und kommen Sie jetzt ruhig mit.« Ich fühlte, wie er meinen Arm fester umfaßte und ging weiter. Ich hatte in der Zeitung gelesen, daß derartige Verhandlungen manchmal erst nach Wochen anberaumt wurden. Visionen tauchten auf, in denen ich mich selbst bis zur Verhandlung im Kittchen sitzen sah. Ich kochte vor Wut und sah zu diesem niederträchtigen Morgan hinüber.

Er schritt mit selbstzufriedener Miene auf der andern Seite des Polizisten. Dieser Schweinehund! Wäre er nicht gewesen, dann stünde vielleicht alles besser. Es hatte schlimm genug um uns gestanden, aber er hatte alles noch viel ärger gemacht.

Ich mußte etwas unternehmen, wußte allerdings nicht was. Ich konnte mich von ihnen nicht einsperren lassen und so lange im Gefängnis sitzen, bis sie bereit waren, die Verhandlung anzusetzen. Ich konnte Nellie nicht so lange allein lassen. Es war nicht abzusehen, was ihr geschehen könnte.

Wir waren eben auf die Fahrbahn getreten, als das Licht wechselte. Autos flitzten an uns vorbei, während wir in der Mitte der Fahrbahn stehenblieben. Plötzlich fühlte ich, daß mich der Polizist losließ, und sprang instinktiv vorwärts. Ich hörte erst einen leisen Fluch hinter mir, dann einen Schrei, während der Fahrer eines Wagens heftig auf die Bremsen trat. Ich drehte mich aber nicht um, um zu sehen, was geschehen war, sondern lief blindlings weiter. Hinter mir ertönte der Ruf: »Stehenbleiben! Stehenbleiben!« Eine zweite Stimme nahm den Ruf auf. Ich erkannte die schrille Stimme Morgans.

Da ertönte das Signal einer Polizeipfeife. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich die entfernteste Straßenecke schon erreicht und blickte über die Schulter zurück.

Morgan lag ausgestreckt im Rinnstein, und der Polizist stand neben ihm und sah mir nach. Er winkte mir mit der Hand, dann sah ich etwas Metallisches in seiner Hand aufblitzen. Er rief mir zu, stehenzubleiben, machte mir aber ein Zeichen, ich solle weiterlaufen. Da holte ich tief Atem - und raste um die Ecke.

7

Ich machte einen langen Umweg, ehe ich nach Hause zurückkehrte. Ich mußte Nellie sehen und ihr alles erklären. Ich mußte ihr sagen, was ich getan hatte und daß sie sich keine Sorgen machen solle. Als ich aber das Haus erreichte, sah ich bereits das weiße Dach des Polizeistreifenwagens vor der Haustüre. Ich blieb an der Ecke stehen und starrte hinüber. Zum erstenmal kam mir zu Bewußtsein, was ich getan hatte. Die Polizei war hinter mir her! Ich hatte alles nur noch ärger gemacht.

Ich überquerte die Straße und ging langsam den Häuserblock entlang. Verzweiflung erfaßte mich. Ich hatte alles verdorben. Ich blickte auf meine Uhr, es war einige Minuten nach zehn. Ich war ein Narr gewesen, und es gab jetzt nichts andres für mich, als zurückzugehen und mich selbst zu stellen. Wenn ich weiter so umherliefe, gäbe es kein Ende. Ich wäre nie mehr imstande zurückzukehren.

Ich kehrte um. Vielleicht war's besser, die Sache hinter mich zu bringen. Dann erinnerte ich mich. Die ganze Sache hatte begonnen, als ich erfuhr, ich müsse eine Kaution erlegen, um wieder entlassen zu werden, aber ich hatte auch jetzt keine Kaution. Ich blieb wieder stehen und dachte nach. Ich mußte das Geld irgendwo auftreiben. Nellies Leute hatten keine solchen Beträge zur Verfügung, selbst wenn sie bereit wären, mir damit auszuhelfen. Der einzige Mensch, den ich kannte, der soviel Geld zur Verfügung hatte, war Sam.

Ich erinnerte mich an unser letztes Gespräch. Komisch, wie sich die Dinge entwickeln. Es war am Tag nach Vickies Geburt gewesen. Er hatte geglaubt, ich sei wieder betteln gekommen. Damals hatte ich mir geschworen, ihn nie wieder um etwas zu bitten. Doch heute befand ich mich in wirklicher Bedrängnis. Es blieb mir nichts andres übrig. Es hieß, entweder zu ihm oder -ins Kittchen. Ich betrat die Konditorei an der Ecke und blätterte rasch im Telefonbuch. Ich versuchte zuerst, ihn zu Hause zu erreichen. Von der Telefonzelle aus konnte ich den Polizeistreifenwagen stehen sehen. Der Polizist, der im Wagen saß, rauchte heimlich eine Zigarette. Eine Frauenstimme meldete sich: »Hallo.«

»Ist Mr. oder Mrs. Gordon zu Hause?« fragte ich rasch und hielt die Augen auf den Polizeiwagen geheftet.

»Miß Gordon ist aufs Land gefahren«, erwiderte die Stimme, »Mr. Gordon ist noch im Büro.«

»Können Sie mir seine Telefonnummer geben?« fragte ich, »ich muß ihn sofort sprechen.«

»Gewiß«, erwiderte die Stimme, »einen kleinen Moment, ich werde sie heraussuchen.«

Ich schrieb mir die Nummer auf und legte den Hörer auf die Gabel, während ich in meinen Taschen nach einer Münze suchte. Nach dem Erfolg, den ich dabei erzielte, hätte ich ebensogut nach einer Goldmine suchen können. Ich hatte soeben

meine letzten fünf Cent verbraucht.

Ich blickte wieder zu dem Polizeiwagen hinüber. Der Polizist war ausgestiegen und schritt den Häuserblock in meiner Richtung herauf. Ich entschloß mich rasch, drückte mich aus der Konditorei und eiligst um die Ecke, ehe er nahe genug gekommen war, um mich zu erkennen.

Sams Büro befand sich im Empire State Building. Ich begann rasch auszuschreiten. Mit ein wenig Glück konnte ich in etwas mehr als einer halben Stunde dort sein. Ich hoffte, ihn dann noch anzutreffen.

Sein Name stand im Namensverzeichnis der 34. Straße: »Sam Gordon, Finanzierungen & Management.« Zweiundzwanzigster Stock. Ich eilte zu der weißen Tafel, auf der >Nachtlift< stand. Neben einem kleinen Tisch mit dem Besucherbuch befand sich ein Nachtportier. Er hielt mich an. »Wohin wollen Sie, Mister?« fragte er argwöhnisch.

»Zweiundzwanzigsten Stock«, antwortete ich rasch, »ich habe eine Verabredung mit Mr. Gordon.«

Er blickte in sein Verzeichnis. »Okay«, sagte er, »Mr. Gordon ist noch oben. Er hat sich noch nicht abgemeldet, seit er vom Dinner zurück ist. Bitte hier zu unterschreiben.« Er reichte mir einen Bleistift.

Ich ergriff ihn und schrieb meinen Namen an die Stelle, die er mir bezeichnete. Ich sah mir die vorhergehenden Unterschriften an. Etwa vier Zeilen vor meinem Namen sah ich Sams wohlbekanntes Gekritzel. Neben seinem Namen befand sich ein Kreis, in welchem die Ziffer zwei stand.

Ich sah den Nachtwächter an. »Ist jemand bei Mr. Gordon oben?« Ein kaum merkliches Lächeln überflog das Gesicht des Mannes. »Seine Sekretärin ist mit ihm zurückgekommen.« Ich nickte, ohne zu antworten. Sein Lächeln hatte mir genug verraten. Ich war überzeugt, daß Sams Sekretärin ein hübsches Mädel war. Er hatte sich nicht im geringsten verändert. Ich trat aus dem Lift und ging durch die Halle auf Sams Büro zu. Sein Name stand mit eindrucksvollen goldenen Buchstaben über zwei mächtigen Glastüren. Ich konnte bis in den Empfangsraum sehen. Eine einzige Lampe brannte. Die Türen waren nicht verschlossen.

In dem luxuriös ausgestatteten Wartezimmer befand sich neben dem Schreibtisch der Empfangsdame eine Türe. Ich öffnete sie und betrat jetzt einen großen Büroraum. Etwa zwanzig Schreibtische waren über das ganze Zimmer verteilt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers befand sich noch eine Türe. Ich ging darauf zu. Die Türe öffnete sich geräuschlos. Das Büro lag in völliger Dunkelheit. Ich streckte die Hand aus und fand sogleich den Lichtschalter an der rechten Wand. Ich drückte darauf, und blendendes Licht überflutete den Raum. Ich hörte einen gemurmelten Fluch, während ich in das grelle Licht blinzelte. Gleichzeitig vernahm ich den erschrockenen Aufschrei einer Frauenstimme. Inzwischen hatten sich meine Augen an das Licht gewöhnt, und ich sah auf die Couch hinunter. Sam erhob sich und starrte mich wütend an. Das Mädchen versuchte seine Blöße höchst unzulänglich mit den Händen zu bedecken.

Ich starrte sie an, dann wandte ich mich mit einem spöttischen Lächeln an Sam. Sein Gesicht war beinahe purpurfarben, während er sich bemühte, seine Hose anzuziehen. Ich entfernte mich wortlos durch die Türe, die ich hinter mir schloß. Vor seinem Büro setzte ich mich auf einen Sessel, zündete eine Zigarette an und wartete, daß er herauskommen würde. Ich hatte also recht gehabt - er hatte sich nicht verändert!

Ich hatte fast fünfzehn Minuten zu warten, ehe sich die Türe wieder öffnete. Ich blickte erwartungsvoll auf.

Ich wurde aber enttäuscht, denn nicht Sam war es, sondern das Mädchen. Wenn man nach ihrem Aussehen schloß, war es kaum glaublich, daß ich sie noch vor wenigen Minuten in einer völlig eindeutigen Situation erwischt hatte. Sie blickte mich an.

»Mr. Gordon läßt bitten«, sagte sie förmlich.

Ich erhob mich. »Danke«, sagte ich ebenso unbewegt und betrat das Büro. Noch während ich die Türe schloß, hörte ich bereits das Geklapper einer Schreibmaschine.

Sam saß jetzt hinter seinem Schreibtisch. »Bist du etwa draufgekommen, daß die Mädels besser arbeiten, wenn man sie vorher. ausruhen läßt?« sagte ich lächelnd.

Er ignorierte meinen Versuch, die Angelegenheit humoristisch aufzufassen; er hielt ein Streichholz an seine Zigarre, die er zwischen die Zähne geklemmt hatte. Das Licht flackerte in seinen kalten Augen. Schließlich legte er das Streichholz hin und starrte mich an. »Was willst du?« schnauzte er mich an.

Mein Respekt vor ihm wuchs. Dieser Bursche hatte es wirklich in sich! Kein Wort darüber, daß ich bei ihm eingedrungen war! Es hatte keinen Sinn, mit ihm spielen zu wollen. Ich trat an den Schreibtisch und blickte auf ihn hinunter.

»Ich brauche Hilfe«, sagte ich unumwunden, »ich bin in ernste Schwierigkeiten geraten«

Die schwarzen Pupillen seiner harten Augen verengten sich. »Und warum kommst du zu mir?« fragte er. »Ich habe niemand andern«, sagte ich gelassen. Er legte seine Zigarre umständlich auf den Aschenbecher und erhob sich. Er sprach zwar leise, aber seine Stimme füllte den ganzen Raum. »Hinaus, du Lump«, sagte er brüsk, »von mir bekommst du keine Almosen mehr!«

»Ich brauche kein Almosen«, sagte ich verzweifelt, »ich brauche Hilfe!« Ich blieb eigensinnig stehen und starrte ihn an. Diesmal würde er mich nicht wieder hinausjagen!

Er ging um den Schreibtisch herum, und trat drohend auf mich zu. »Hinaus!« brüllte er.

»Um Himmels willen, Sam, hör mich an«, beschwor ich ihn, »alles ist schiefgegangen! Die Polizei ist hinter mir her.

und.« Er schnitt mir das Wort ab, als hätte ich überhaupt nicht gesprochen. »Du taugst nichts!« schnauzte er mich an und brachte sein gerötetes wütendes Gesicht dicht an das meine. »Du hast nie etwas getaugt und wirst nie etwas taugen! Ich hab genug für dich getan. Schau, daß du weiterkommst, ehe ich dich persönlich 'rausschmeiße!« Damit hob er seine Faust.

Jetzt wurde ich eiskalt. Es gab nur eine Sprache, die dieser Bursche verstand. »An deiner Stelle würde ich das nicht erst versuchen«, sagte ich und ließ seine Hände nicht aus den Augen, »du bist nicht in der richtigen Kondition!«

»Ich werde dir schon zeigen, wer in Kondition ist!« knurrte er und versuchte einen Schwinger anzubringen.

Ich wehrte seinen Schlag mit Leichtigkeit mit dem Unterarm ab. »Erinnerst du dich nicht an deine eigenen Lehren, Sam?« sagte ich höhnisch, »scharf. schwing nicht wie ein Ballettänzer!« Damit trat ich beiseite, ohne auch nur zu versuchen, seinen Schlag zu erwidern. Er verfolgte mich aber, und seine Arme wirbelten durch die Luft. Doch er war schwerfällig in der Fußarbeit, und ich konnte ihn mir leicht vom Leibe halten. Eines ist zugunsten meiner Diät zu sagen: ich hatte nie Gelegenheit, so wie er um die Mitte herum Fett anzusetzen. Einige Minuten stand er diese Jagd durch und nur sein Keuchen unterbrach die Stille des Büroraums. Schließlich sank er erschöpft und schwer atmend in seinen Sessel. Ich blieb auf der andern Seite des Schreibtisches stehen und blickte ihn an. Sein Gesicht war von der Anstrengung krebsrot, und der Schweiß lief in Strömen über seine mächtigen Backen. »Willst du mich jetzt anhören, Sam?« fragte ich.

Er griff nach seiner Zigarre und steckte sie in den Mund. Er sah mich nicht an. »Geh!« sagte er leise und verärgert. »Ich kann nirgends hingehen«, sagte ich, »du mußt mir helfen! «

»Ich hab von dir genug«, sagte er und blickte müde zu mir auf. »Seit du ein Junge warst, hast du mir nur immer was angetan. Auf dem Land mit Ceil, und schließlich bei dem Boxmatch, als du dich auf den Handel mit Maxie Fields eingelassen hast. Wie oft, glaubst du, werd' ich das noch fressen?!«

Er hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Er vergaß nichts. »Es kostet dich keinen Cent«, sagte ich, »ich brauche bloß deine Hilfe und eine Anstellung, bis ich alles in Ordnung gebracht habe.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hab keinen Job für dich. Du hast keine entsprechende Ausbildung.«

»Ich kann noch immer boxen«, sagte ich.

»Nein«, antwortete er, »du bist zu alt, um damit von neuem anzufangen. Du hast zu lange ausgesetzt. Als Professional würdest du keine fünf Cent verdienen.«

Darüber ließ sich nicht streiten. Dreiundzwanzig war zu alt, besonders, wenn man sechs Jahre nicht trainiert hatte. »Wie steht's dann mit einer Anstellung hier in deinem Büro?« fragte ich, »du hast ein Riesenunternehmen.«

»Nein«, sagte er rundweg.

»Auch dann nicht, wenn ich verspreche, Mimi nicht zu erzählen, was ich heute abend gesehen habe?« fragte ich lauernd. Ich sah an seiner Miene, daß ich gesiegt hatte. »Es würde sie kaum sonderlich freuen«, fuhr ich rasch fort.

Er kaute schweigend an seiner Zigarre. Ich schaute ihm geduldig zu. Das war die einzige Sprache, die er verstand. Ich hatte genug vom Bitten, genug davon, vor Angst zu kriechen, genug davon, etwas zu erbetteln! Es gibt nur einen Weg, um in der Welt vorwärtszukommen: sich das zu nehmen, was man haben will. Das ist die Art, wie Sam arbeitet, und wenn's für ihn gut genug ist, dann auch für mich!

Seine Augen blieben ausdruckslos und leicht verschleiert, während er mich ansah. »Bist noch immer dieselbe Rotznase wie früher und glaubst die Welt ist's dir schuldig, für deinen Lebensunterhalt zu sorgen, eh, Danny?« fragte er kalt.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Sam, ich bin nicht mehr derselbe«, antwortete ich voll Bitterkeit, »du siehst einen neuen Danny Fisher vor dir. Ich hab zuviel durchmachen müssen, um noch derselbe zu sein. Ich hab eineinhalb Jahre von der Sozialhilfe gelebt und hab vor diesen Leuten kriechen müssen, nur um genug zu essen zu haben. Heute nachmittag hab ich einen Wohlfahrtsbeamten verprügelt, weil er wissen wollte, woher ich das Geld ge nommen habe, um mein einziges Kind zu begraben. Nachher kam er mit einem Polizisten angerückt. Meine Frau liegt krank zu Hause und fragt sich verzweifelt, wo ich bin. Nein, Sam, ich bin nicht mehr derselbe und kann es nie wieder sein. «

»Was ist geschehen, Danny?« fragte er in betroffenem Ton. »Du hast's ja gehört«, antwortete ich und starrte ihn kalt an. »Ich kann nie mehr derselbe sein. Wirst du mir also helfen, oder soll ich Mimi erzählen, was ich gesehen hab?«

Er schlug die Augen nieder und starrte einen Moment auf den Schreibtisch. Dann sagte er ohne aufzublicken, mit einer sonderbar weichen Stimme: »Okay, mein Junge, du hast gewonnen.«

8

Als ich durch die Glastüre getreten war, blickte mich die Empfangsdame lächelnd an. »Guten Morgen, Danny«, sagte sie und schob den Kaugummi in eine andre Ecke ihres Mundes. »Der Boß hat nach dir gefragt.«

»Danke, Baby«, sagte ich lächelnd.

Ich ging durch die Türe, die in das Hauptbüro führte. Alles saß bereits an der Arbeit. Das leise Summen des

Geschäftsbetriebs umgab mich. Ich durchquerte das Büro, um zu meinem Schreibtisch zu gelangen, der in der Nähe des Fensters in einer Ecke stand. Ich setzte mich und sah einige Papiere durch, die sauber aufgestapelt in dem Eingangskörbchen auf dem Schreibtisch lagen. Ich war nicht länger als einige Minuten im Zimmer, als ein Schatten über meinen Schreibtisch fiel. Ich blickte auf. »Danny.«, begann Kate.

Ich hob die Hand, um sie zu unterbrechen. »Ich weiß, Baby«, sagte ich rasch, »der Boß will mich sprechen.« Sie nickte mit dem Kopf. »Nun, ich bin ja hier«, sagte ich.

»Worauf wartest du dann?« fragte sie ironisch, »auf eine gedruckte Einladungskarte?« Sie drehte sich auf dem Absatz um und kehrte beleidigt zu ihrem Schreibtisch zurück.

Kate war ein nettes Ding und sie hatte mich gern, obwohl ich sie beständig hänselte. Wahrscheinlich war sie nicht die erste Sekretärin, die was mit dem Boß hatte, und sie würde auch nicht die letzte sein. Sie war aber seit dem erstenmal, als wir uns gesehen hatten, mir gegenüber immer etwas reizbar.

Ich lächelte verstohlen, während ich daran dachte. Das war vor mehr als dreieinhalb Jahren gewesen. Inzwischen hatte sich viel ereignet. Der Krieg war ausgebrochen. Viele junge Leute waren eingezogen worden. Ich hatte Glück gehabt. Die Musterungskommission fand bei der Untersuchung etwas, von dem ich selbst nichts gewußt hatte: einen Riß im Trommelfell. Und damit war ich untauglich... 4 F, meine höchstpersönliche Abkürzung für die vier Freiheiten. Ich sah die Papiere auf meinem Schreibtisch nochmals durch, bis ich das Blatt gefunden hatte, das ich suchte. Als ich im Begriff war aufzustehen, klingelte das Telefon auf meinem Schreibtisch und ich meldete mich.

Es war Nellie, die aus der Munitionsfabrik in Long Island anrief, wo sie arbeitete. »Ich hab vergessen dir zu sagen, daß du die Wäsche zu dem Chinesen hinuntertragen sollst«, sagte sie.

»Ich hab daran gedacht, Herzchen«, sagte ich. Nellie mußte morgens sehr zeitig weggehen. um sechs Uhr, noch ehe ich aufgewacht war. »Wie geht's bei dir draußen?« fragte ich. »Heiß, Danny«, antwortete sie, »wir haben in der Fabrik über fünfunddreißig Grad.«

»Warum gibst du's denn nicht auf?« fragte ich, »wir brauchen das Geld nicht mehr, ich verdiene genug.«

Ihre Stimme klang nachsichtig, aber entschlossen. Wir hatten das bereits zahllose Male durchgesprochen. »Was hab ich denn sonst zu tun?« fragte sie, »soll ich den ganzen Tag zu Haus sitzen? Dabei würde ich verrückt. Ich fühle mich bedeutend wohler, wenn ich nicht zu Hause bin. Auf diese Art bin ich wenigstens beschäftigt.« Ich war vorsichtig genug, diesen Punkt mit ihr nicht mehr zu diskutieren. Seit Vickies Tod hatte sie sich sehr verändert, ich konnte zwar nicht sagen, auf welche Art, aber sie war viel stiller geworden. Der Glanz war aus ihren Augen verschwunden. »Essen wir he ute abend zu Hause oder auswärts?« erkundigte ich mich.

»Auswärts«, antwortete sie, »unsre Fleischmarken sind für diesen Monat beinahe verbraucht.«

»Okay«, sagte ich, »dann hole ich dich um sechs Uhr von zu Hause ab.«

Während ich die Türe zu Sams Büro öffnete, sah ich grinsend zu Kate hinüber. Sie schnitt mir eine Grimasse, dann beugte sie sich über die Schreibmaschine, und ihre Finger flogen über die Tasten. Ich lächelte verstohlen, während ich durch die Türe trat. Ich glaube, Kate hatte mich trotz allem gern.

Sam blickte von seinem Schreibtisch auf. »So? Hast du endlich doch den Weg zu mir gefunden?« brummte er.

Deswegen machte ich mir keine Sorgen. Ich wußte, daß ich in den wenigen Jahren, die ich hier gearbeitet hatte, genug gelernt habe, um bei ihm etwas zu gelten. Man mußte sich allerdings bei dieser Art von Geschäft einer Menge Kniffe bedienen, aber gerade das sagte mir zu. Es setzte einen Spürsinn voraus, den nur ganz wenige in Geld umzusetzen verstanden: Burschen wie Sam und ich. Und das wußte er. »Wenn's hier keine Klimaanlage gäbe, war ich überhaupt nicht gekommen«, sagte ich und ließ mich in den Sessel vor seinem Schreibtisch fallen. »Du weißt gar nicht, was du für ein Glück hast.«

Sam sah nicht gesund aus, er hatte zuviel Fett angesetzt. Er hatte jetzt bereits zwei Doppelkinne. Er sah genauso aus, wie man sich einen Vater von drei Buben vorstellt, der im Central Park South wohnt. Also genau das, was er in Wirklichkeit war. »Mimi hat mir aufgetragen, ich soll dich und Nellie für heute abend zum Dinner einladen«, sagte er.

»Okay«, sagte ich, »und deshalb hast du so ein Theater gemacht?« Er schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er kurz, »ich möchte, daß du die Sache mit den Automaten aufgibst.«

Ich starrte ihn an. »Weshalb?« fragte ich, »ich dachte, daß du scharf darauf bist.«

»Ich hab's mir überlegt«, sagte er mürrisch, »die Erhaltung der Automaten bringt einen um, sie rentieren sich ja nur, wenn sie funktionieren. Im Krieg kannst du aber keine Ersatzteile bekommen.«

»Ist das der wahre Grund, Sam«, fragte ich, »oder ist's deshalb, weil sich Maxie Fields, wie ich gehört habe, auch dafür interessiert?« Er wurde puterrot. Ich fragte mich, ob Sam vielleicht an zu hohem Blutdruck litt. Er befand sich jetzt in einem sehr gefährlichen Alter. »Ich scher mich den Teufel um Maxie Fields!« sagte er, »aber mir paßt dieser Schwindel einfach nicht, 'ne schöne saubere Konzession in 'nem Hotel oder Nachtklub für Garderobe, Andenken, Fotos, das ist was für mich - etwas, das meine Leute verstehen. Ich weiß mit Menschen umzugehen, ich kann sie behandeln - aber aus Automaten werd' ich nich klug.«

»Ich hab aber eine ganze Woche damit zugebracht, das

Geschäft unter Dach zu bringen«, protestierte ich, »für fünfzehntausend ist's geschenkt.«

»Dann wirst du eben Maxie dieses Geschenk überlassen«, schnauzte er mich an, »bin nicht interessiert, ich laß mich auf nix ein, was ich nicht versteh. Fünfzehntausend sind mir ein zu großes Risiko.« Ich beugte mich vor. Ich war überzeugt, daß Sam sich eine wirklich gute Sache entgehen ließ. Zum erstenmal stimmte ich mit ihm nicht überein. »Du versäumst die große Chance, Sam«, sagte ich eindringlich. »Ich hab mir das ganze Geschäft genau durch den Kopf gehen lassen, und was man aus diesen Automaten herausschlagen kann, ist einfach astronomisch. Nach dem Krieg kannst du einfach alles mit ihnen verkaufen, von heißem Kaffee bis zu Rasierklingen.«

»Verschon mich damit«, sagte er abschließend. Ich bemerkte, daß die Sache für ihn erledigt war. »Jetzt sind sie ja doch nur für Zigaretten und Coca-Cola da, iein, ich steig da nicht ein.« Er blätterte in verschiedenen Papieren, die auf seinem Schreibtisch lagen. »Ich hab da was andres, das du dir ansehn sollst. Die Konzession der >Trask< in Atlantic City ist ausgeschrieben. Ich möcht, daß du 'runterfährst und dir's ansiehst.«

Ich starrte ihn einen Augenblick an. »Meinst du das mit den Verkaufsautomaten im Ernst?« fragte ich.

»Hast du's nich gehört?« fragte er ärgerlich, »natürlich mein ich's im Ernst. Schlag dir's also aus dem Kopf, und.« »Sam, mir gefällt die Sache«, sagte ich leise, und eine Idee begann sich immer deutlicher zu formen.

Er blickte mich scharf und durchdringend an. »Dir gefällt sie also«, sagte er ironisch, »aber 's ist mein Zaster und ich sag -nein! Sei also ein guter Junge und reg mich nich weiter damit auf. Ich...«:

Ich unterbrach ihn neuerlich. »Ich möcht sie kaufen, Sam«, sagte ich.

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. »Hast du das Geld?« fragte er. Ich sah ihm über den Schreibtisch hinweg in die Augen. »Du weißt ganz genau, daß ich eine solche Summe von den großartigen fünfundsiebzig in der Woche, die du mir zahlst, nicht sparen kann.« Er grinste befriedigt, weil er das Gefühl hatte, wieder einmal gewonnen zu haben. Ich kannte diesen Blick. »Wie steht's aber mit den Spesen für deine auswärtigen Fahrten, he? Hast sie dir schon mal angeschaut, was? Du glaubst wahrscheinlich, ich weiß nicht, daß du dir dabei was abzweigst?«

Ich grinste ebenfalls. »Das stimmt allerdings, Sam«, gab ich zu, »es sind aber bloß ein paar Dollar. Du gibst mir ja nie genug mit, damit ich mal 'nen wirklich guten Schnitt machen kann.«

»Woher willst du dann den Zaster nehmen?« fuhr Sam plötzlich auf mich los.

Ich dachte eine Minute nach. »Ich hab etwa fünfzehnhundert Dollar auf unserm Konto. Die Hälfte der Summe würde mir die Bank geben, wenn ich ihr meine Wohnungseinrichtung verpfände, und den Rest bekomme ich... von dir.«

Sam sprang auf. »Von mir?« brüllte er wütend. »Hältst du mich für 'nen Trottel? Welche Sicherheit kannst du mir geben, daß ich mein Geld wieder zurückbekomme?«

Ich sah ihn gelassen an. »Du bekommst mein Wort.«

»Auf dein Wort hin hab ich schon einmal fünftausend verloren«, rief er höhnisch. »Du glaubst wohl, ich laß mich ein zweitesmal von dir 'reinlegen?«

Meine Augen waren eiskalt. »Damals hast du dir einen dummen Jungen gekauft, Sam. Es hatte aber nichts mit mir zu tun, denn du wolltest ja nur durch mich zum Ruhm gelangen. Ich hätte nie was davon gehabt. Mein einziger Gewinn war gewesen, ständig herumgeboxt zu werden.«

»Nun, ich kaufe aber nicht«, sagte er nachdrücklich und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.

Doch ich war bereits entschlossen. »Aber ich«, sagte ich, »und du wirst auch noch einsteigen.«

»Wie kommst du auf diese Idee?« fragte er.

Ich sah ihn listig an. »Erinnerst du dich, auf welche Art ich meine Anstellung bei dir bekommen hab?« fragte ich. »Damals glaubte ich, ich war jemand. Seither bin ich viel 'rumgekommen. Du bist ja der geborene Don Juan. Ich hab tatsächlich nicht gewußt, welche diesbezüglichen Qualitäten du hast, hätte ich nicht eine gewisse kleine Tänzerin kennengelernt, die du in einem Hotel außerhalb der Stadt einquartiert hast.«

Ich glaubte, ihm würde eine Ader platzen. Sein Gesicht nahm eine dunkle Purpurfarbe an. »Wieso weißt du von ihr?« gelang es ihm schließlich zu fragen.

»Man kommt 'rum, Sam«, erwiderte ich lächelnd, »jetzt bin ich eben ein großer Junge.«

Er räusperte sich unsicher, griff nach einem Bleistift und spielte damit. »Du weißt doch, wie das ist, mein Junge«, sagte er verwirrt und mied meinen Blick, »ich bin verrückt nach deiner Schwester, aber sie bildet sich jedesmal, wenn ich ihr in die Nähe komme, ein, krank und erschöpft zu sein. Ein Mann muß sich doch mal irgendwo austoben können.«

»Ich übe keine Kritik an dir, Sam«, sagte ich in nachsichtigem Ton, »vielleicht beneide ich dich sogar. Ich glaube aber nicht, daß Mimi diese Sache sehr schätzen würde. Sie ist nämlich ein besonders stolzer Mensch.«

Sam starrte mich an, dann lehnte er sich behaglich in seinem Sessel zurück. Alle Gehässigkeit war aus seiner Stimme verschwunden.

»Hör mal, mein Junge, ist's nicht genug, daß ich mich deiner damals angenommen hab, als du dich in dieser scheußlichen Situation befunden hast und sonst niemanden hattest, an den du dich wenden konntest? Ist's nicht genug, daß ich dafür gesorgt hab, daß du nicht in den Knast kommst, daß ich die Kaution erlegt, die Sache mit der Anklage geregelt und dir obendrein noch eine Anstellung gegeben hab? Bist du noch immer nicht zufrieden?«

Ich erhob mich und lehnte mich über den Schreibtisch. Ich sprach jetzt ganz aufrichtig mit ihm. »Ich verdanke dir mehr als irgend jemandem auf der Welt, Sam. Glaub mir, ich bin dir für alles dankbar, was du getan hast. Mir ist's ebensowenig recht, dich erpressen zu müssen, wie dir selbst. Aber 's gibt mehr auf der Welt als bloß 'ne Anstellung, von der man leben kann. Ein Mann muß auch etwas eigenes Geld haben. In einer Stellung gelingt's dir nie, Sam. 's gibt nur einen Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Du mußt selbst nach dem großen Geschäft greifen. Dir ist's im ersten Jahr oben auf dem Land klargeworden und du bist dabei nicht schlecht gefahren. Jetzt möcht ich mein Glück versuchen. Gewiß, ich war bisher zufrieden, aber jetzt will ich meine Chance, um selbst ins große Geschäft einzusteigen.«

Er blickte mir lange in die Augen, dann breitete sich langsam ein Lächeln über seine Züge. Er wußte genau, wann er geschlagen war. Es hinderte ihn allerdings nicht, noch einen Versuch zu machen. »Nimm an, Fields versucht dir in die Quere zu kommen?«

»Das wird er nicht«, antwortete ich zuversichtlich, »das hab ich nämlich 'rausbekommen, während ich für dich gearbeitet hab. Für ihn ist's nich groß genug.«

Sam lehnte sich in seinen Sessel zurück und griff nach seinem Scheckbuch. »Okay, Danny«, sagte er gelassen, »wieviel brauchst du?«

»Sechstausend«, antwortete ich. »Für wie lange?«

»Ein Jahr nach Kriegsende«, erwiderte ich rasch, »ich darf nichts riskieren.«

»Himmel, der Krieg kann noch zehn Jahre dauern«, platzte er los. Ich lächelte. »In dem Fall hast du auch kein Geld mehr. Ich schätze, die Automaten werden noch drei Jahre lang funktionieren. Und bis dahin muß ich schon in der Lage sein, mir neue zu beschaffen.« Sam rechnete. »Zu den üblichen Zinsen, Danny?« fragte er gerissen.

Bei diesen Geschäften waren die üblichen Zinsen der reinste Wucher. »Übertreib nur nich, Sam«, sagte ich, »schließlich bleibt's in der Familie.«

»Zehn Prozent, mit undatierter Rechnung«, sagte er rasch. Ich nickte. »Das ist fair, Sam«, sagte ich grinsend. »Willst du, daß ich jetzt für dich nach Atlantic City fahre?«

»Zum Teufel, nein!« fluchte er, während er bereits in seinem Scheckbuch schrieb, »schlag dich mit deinem eigenen Schwindel 'rum, jetzt bist du selbständig!«

9

Ich kam aus Sams Büro und setzte mich wieder an meinen Schreibtisch. Ich betrachtete den Scheck in meiner Hand. Ich konnte noch immer nicht glauben, daß es mir gelungen war. Der Gedanke war mir zuvor nie gekommen, erst nachdem ich das Büro betreten hatte. Ich breitete den Scheck auf dem Schreibtisch aus und glättete ihn.

Die Schrift starrte mich an: sechstausend Dollar. Ich hatte die seltsame Anwandlung, das Geld zu nehmen und eiligst abzuhauen. Ich hatte nie im Leben soviel Geld gehabt.

Dann geriet ich wieder stark in Versuchung, zu Sam zu gehen und ihm den Scheck zurückzugeben. Ich wollte ihm sagen, daß ich mir's überlegt habe und doch lieber meine Stellung behalten möchte. Es war verrückt, auch nur anzunehmen, daß mir die Durchführung eines so gigantischen Plans gelingen könnte. Sam war ein äußerst gerissener Kaufmann, und wenn er darin kein

Geschäft sah, hatte er vielleicht doch recht. Ich hatte von seiner Geschäftsgebarung genug gesehen und gelernt, um zu wissen, daß er gewöhnlich recht hatte. Niemand baute ein Unternehmen, wie Sam es hatte, aus Luftschlössern. Wer war denn ich, daß ich zu behaupten wagte, er sei im Irrtum?

Ich war plötzlich sehr müde und schloß erschöpft die Augen. Was war denn in mich gefahren? Wozu diese großen Pläne? Zum Leben hatte ich genug, und ich war zufrieden. Noch vor wenigen Jahren hätte ich alles dafür gegeben, um so eine Stellung zu erhalten. Und jetzt war sie nicht mehr gut genug. Ich suchte krampfhaft nach einer Antwort dafür. Es gab eine -irgendwo - es mußte eine geben. In irgendeiner geheimen Ecke verborgen, nicht greifbar, wie ein wohlvertrautes Wort, das einem auf der Zunge liegt. Es mußte einen Grund geben. Ich konnte nicht glauben, daß es nur deshalb war, weil Sam es nicht wollte.

Ich überdachte die ganze Sache nochmals gründlich. Vielleicht war etwas dabei, was mich faszinierte. Es hatte vor einigen Wochen begonnen, als Sam mich über Land schickte, um seine Verkaufsautomaten zu überprüfen.

Am ersten Tag meiner Anstellung bei ihm hatte er mich in sein Büro gerufen. Da wurde mir zum erstenmal klar, daß er in Wirklichkeit ein Riesenunternehmen aufgebaut hatte. Er wartete, bis sich die Türe hinter mir geschlossen hatte. Dann erst begann er zu sprechen. Seine Augen waren kalt und herausfordernd. Er sprach in einem Ton, den ich von ihm nie zuvor gehört hatte, präzis und geschäftsmäßig.

»Danny, wenn du glaubst, daß dir hier was geschenkt wird, kannst du gleich wieder gehen.« Ich antwortete nicht.

»Und wenn du glaubst, du hast die Stellung nur bekommen, weil du was über mich weißt, dann vergiß es lieber«, fuhr er in demselben

Ton fort. »Ich zahle dir dreißig Dollar in der Woche, weil ich erwarte, daß deine Arbeit dreißig Dollar wert ist.« Er starrte mich einen Augenblick an, als erwarte er eine Antwort. Da ich jedoch schwieg, fuhr er fort. »Erwarte keinerlei Protektion, weil du Mimis Bruder bist, du kannst das daher auch vergessen. Du wirst arbeiten, sonst fliegst du 'raus. Bei mir gibt's nichts andres. nichts andres zählt, 's ist mir egal, was du über mich zu wissen glaubst, wenn du nicht wirklich arbeitest. Ich würde dich 'rausschmeißen, ehe du wüßtest, was dir geschieht!« Er starrte mich wieder an. »Verstanden?«

Bei diesem vertrauten Wort mußte ich beinahe lächeln. Es war immer sein Lieblingswort gewesen. »Hab's kapiert«, antwortete ich, »so möchte auch ich es haben. Ich hab Gnaden und Almosen satt bekommen.«

Er nickte schwerfällig mit dem Kopf. »Gut«, sagte er, »dann verstehen wir einander. Geh jetzt und mach dich an die Arbeit.« Damit wandte er sich wieder seinem Schreibtisch zu, und ich war entlassen. Als ich wieder hinaustrat, war das Gesicht der Sekretärin heftig gerötet. Ich lächelte ihr zu und trat an meinen Schreibtisch, der damals noch mitten unter den andern Angestellten stand. Meine Aufgabe war es, die Umsätze aller Unternehmen festzustellen und ihre Lagerbestände laufend zu überprüfen.

Nach dieser Unterredung bekam ich nicht mehr viel von Sam zu sehen. Er behandelte mich genauso wie seine übrigen Angestellten, nicht besser und nicht schlechter. Ich hatte diese Stellung über ein Jahr inne, als bei der ersten Friedensrekrutierung einer der Inspektoren einberufen wurde. Sam beförderte mich auf seinen Posten. Ich erhielt fünfundvierzig Dollar in der Woche und einen Firmenwagen. Meine Aufgabe war es von nun an, die verschiedenen Konzessionen zu besuchen, den Geschäftsgang zu überprüfen und herauszubekommen, ob unsere Firma ihren richtigen Anteil erhielt. Ein gewisser Verlust konnte bei einem so unsicheren Geschäft nicht vermieden werden, wir versuchten aber, ihn auf

ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Ich stellte mich bei dieser Sache recht geschickt an. Es kam so weit, daß ich, wenn ich an einem Ort eintraf, bloß einige Zeit herumsaß und dann instinktiv wußte, wie wir dran waren. Ich lernte, wieviel Gewinn für uns dabei herausschaute, und was wir zu tun hatten, um unsern richtigen Anteil zu bekommen. Es dauerte nicht lange, bis Sam bemerkte, daß ich von dem Geschäft etwas verstand. Er übertrug mir die Aufgabe, gewisse Geschäfte abzuschätzen. Ehe er ein Lokal übernahm, schickte er mich hin, um die Gewinnchancen vorher für ihn zu taxieren. Ich verbrachte damit stets nur soviel Zeit, als unbedingt nötig war, dann kehrte ich ins Büro zurück und erstattete Sam Bericht. Es stimmte gewöhnlich bis auf wenige Dollar. Er gab mir einige Gehaltsaufbesserungen und verwendete mich bald ausschließlich für diese Schätzungen. Das freute mich aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich aber, weil wir beide wußten, daß ich mein Geld wert war. Für mich gab's in keiner Beziehung die geringste Bevorzugung, doch ich war der einzige Mensch, dessen Wort er bei der Beurteilung eines Geschäfts gelten ließ. Bis dahin hatte er die neuen Unternehmen stets selbst abgeschätzt. Ich hatte nie an etwas andres als meine Arbeit gedacht, bis mich Sam eines Tages zur Begutachtung der Verkaufsautomaten schickte. Etwas an diesem Geschäft faszinierte mich im selben Augenblick, als ich Mr. Christensons Laden betrat. Es war keineswegs das Geld, denn Sam besaß viele Betriebe, die ich ihm empfohlen hatte, bei denen bedeutend mehr Geld auf dem Spiele stand. Es war einfach die Idee, die mich faszinierte. Ich konnte diese Automaten über die ganze Stadt verstreut vor meinem geistigen Auge sehen, auf den besten Plätzen - in Restaurants, auf Bahnhöfen, Flughäfen, auf jedem Platz, wo sich Menschen länger aufhielten, wo sie sich ansammelten oder wohin sie sich begaben, um die Zeit totzuschlagen. Riesige Metallautomaten, die unpersönlich dastanden und doch die Hand in jedermanns Tasche hatten, die jeden Geschmack reizten und jedermanns Bedarf befriedigten. Haben Sie Durst? Trinken Sie eine Coca-Cola. Und hier sind Kaugummi, Süßigkeiten, Zigaretten.

Vielleicht war es die Art, wie Mr. Christenson darüber gesprochen hatte. Ich entnahm seinem ganzen Gehaben, daß er an einem Verkauf nicht wirklich interessiert war. Aber was sollte der Bursche tun, wenn sein Arzt ihm sagt, er habe einen Herzfehler und müsse die Sache entweder aufgeben oder ins Gras beißen? Woher Sam davon Wind bekommen hatte, habe ich nie herausbekommen; aber als ich hinkam und sah, daß die Sache mit einer Belegschaft von nur fünf Mann betrieben wurde und daß die Einnahmen in der Woche dreitausend machten, reizte es mich sofort. Es reizte mich sogar noch mehr, nachdem ich das ganze Unternehmen genau geprüft hatte. Christenson hatte einhunderteinundvierzig Verkaufsautomaten für Zigaretten und zweiundneunzig für Coca-Cola in Betrieb. Im Laden befanden sich vierzehn Automaten, für die er keine Ersatzteile bekommen konnte. Wären sie aber im Betrieb, so brächten sie weitere dreihundert Dollar in der Woche ein. Außerdem waren vierzig Prozent aller Lokalitäten schlecht gewählt, aber Christenson war zu schwer krank, um neue Aufstellungsplätze ausfindig zu machen, mit denen man die Bruttoeinnahmen mit Leichtigkeit auf viertausend in der Woche bringen konnte.

Christenson schätzte seinen Reingewinn mit zehn Prozent der Bruttoeinnahmen, was also etwa dreihundert Dollar in der Woche ergab. Wenn alles getan würde, was ich mir ausgedacht hatte, könnten wir den Reingewinn nach meiner Berechnung um mindestens fünfzehn Prozent erhöhen. Das hieße sechshundert in der Woche bei einer Bruttoeinnahme von viertausend. Das ist schon ein recht hübscher Verdienst. Und deshalb hatte ich Sam das Geschäft empfohlen.

Er konnte einen solchen Betrieb leicht mit der linken Hand führen und mit seinen Beziehungen wahrscheinlich auch noch mehr Automaten bekommen. Damals hatte ich mich zum erstenmal auf rein private Weise damit beschäftigt. Ich hatte mir überlegt, wenn Sam darauf einginge, könnte ich mit ihm einen Vertrag schließen und den Betrieb für ihn führen. Als nächstes fuhr ich zu den Erzeugern der Automaten, um mich über die Beschaffung von Ersatzteilen und die Liefertermine zu informieren. Natürlich war nichts vorrätig, sie hatten viel zuviel mit Heereslieferungen zu tun; aber einer der Leute hatte mir einen Prospekt gezeigt, in dem die Nachkriegsautomaten abgebildet waren.

Ich hatte die Augen weit aufgerissen. Das war ein Feld, das wir beide uns nicht entgehen lassen durften. In diesem Prospekt befanden sich mehr Taschendiebe als auf Coney Island an einem Tag mit großer Besucherzahl. Automaten, die Hot Dogs brieten und in einem getoasteten Brötchen, säuberlich in eine Serviette gewickelt, lieferten; Automaten, die heißen Kaffee in Papierbechern verkauften; Sandwiches - einfach alles, was man sich nur ausdenken konnte. Es gab sogar Automaten, die auf dem Flugplatz Versicherungspolicen verkauften, ehe man eine Flugreise antrat. Sie hatten an alles gedacht - mit Ausnahme der entsprechenden Lokalitäten. Die große Chance lag im Rinnstein, wie eine Zweidollarhure. Es handelte sich nicht darum, daß Christensons Geschäft jetzt ungemein einträglich war, denn es war völlig gleichgültig, ob es zur Zeit auch nur einen Cent einbrachte. Es drehte sich bloß um die ungeheuren Absatzmöglichkeiten der Nachkriegszeit, diesen Reiz und Ansporn, den man in jedem Geschäft suchte. Während jedermann mit andern Dingen beschäftigt war, konnte man bei einem Geschäft wie diesem in aller Gemütsruhe herumschnüffeln und sich die besten Lokalitäten des Landes sichern. Dann wäre es wirklich das große Geschäft.

Aber Sam war eben wie alle andern. Er verdiente gut; er wollte sich nicht anstrengen. Wozu sich noch auf Spekulationen einlassen? Ich blickte wieder auf den Scheck in meiner Hand. Ich hatte noch immer keine Antwort auf meine Frage gefunden.

Was drängte mich dazu, es zu tun? Ich wußte jetzt, daß es nicht das Geschäft allein war, es war noch etwas anderes. Aber erst als ich an diesem Abend nach Hause kam und mit Nellie sprach, fand ich die Antwort.

Ich betrat leise die Wohnung und überlegte, wie Nellie die Neuigkeit aufnehmen würde. Ich hoffte, daß sie sich keine Sorgen machen würde, aber in dieser Beziehung war sie komisch. Sie hielt große Stücke auf stetige Arbeit und erspartes Geld; und eine feste Anstellung schien ihr der einzige Weg zu sein, um Geld zu verdienen. Sie hatte sich verschiedene Male geweigert, aus unsrer Wohnung auszuziehen, als ich es ihr vorschlug. »Wozu das Geld für die Miete ausgeben?« hatte sie argumentiert, »wir fühlen uns hier doch sehr wohl.«

»Aber, Herzchen«, hatte ich eingewendet, »für etwas mehr Geld könnten wir anderswo noch viel behaglicher leben.«

»Nein«, hatte sie gesagt, »es ist viel besser zu sparen, während wir noch verdienen. Niemand kann sagen, ob es nicht wieder aufhört, und dann werden wir jeden Penny brauchen, den wir uns erspart haben.«

Einige Zeit sprach ich nicht mehr darüber, denn ich verstand sehr gut, wovor sie sich fürchtete, und dazu hatte sie auch allen Grund. Bisher hatten wir nichts als Armut gekannt. Welches Recht hatten wir zu erwarten, daß sich dieser Zustand je ändern könnte? Es ist die Philosophie der Armen, deren Wurzeln so tief saßen, daß sie niemand auszurotten vermochte.

Ich schloß die Türe geräuschlos hinter mir. »Nellie«, rief ich leise, denn manchmal schlief sie schon, wenn ich heimkam. Sie arbeitete den ganzen Tag an der großen Plastikmaschine, und das beanspruchte ihre ganze Kraft.

Da ich keine Antwort erhielt, schlich ich mich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer. Als ich halbwegs durch das Wohnzimmer gekommen war, bemerkte ich sie in einer Ecke der Couch, wo sie, bereits für das Dinner gekleidet, zusammengekauert schlief. Ich trat leise näher.

Die eine Hand hing ausgestreckt von der Couch herab, die andre drückte sie fest an ihre Brust. Sie hielt etwas in dieser Hand, und ich sah, daß es ein Foto von Vickie war, das wir während des kurzen Sommers ihres Lebens auf dem Hausdach aufgenommen hatten. Nellie hatte sie gehalten, während ich das Bild mit einer ausgeliehenen Kamera aufnahm. Ich erinnere mich, wie begierig wir auf die Bilder gewartet hatten, die wir im Drugstore an der Ecke hatten entwickeln lassen, und wie mühsam wir uns jeden Penny absparten, um das Geld für die Abzüge zusammenzubekommen. Nellie hatte das Kind hoch in die Luft gehalten, es hatte selig gelacht, und Nellie hatte strahlend zu Vickie emporgelächelt. Ich fühlte einen Knoten in der Kehle. Nellie sah auf dem Bild selbst noch wie ein Kind aus.

Ich betrachtete sie, ihre Augen waren geschlossen, sie atmete leicht und regelmäßig. Ihre langen schwarzen gebogenen Wimpern lagen auf der zarten weißen Haut, und von ihren Augen liefen feine Streifen über ihr Makeup. Sie hatte geweint, sie hatte das Bild angeschaut und geweint! Plötzlich kannte ich die Antwort, die ich vergeblich gesucht hatte.

Ich wußte, weshalb wir nie wieder ein Kind bekommen hatten, warum Nellie so ängstlich bestrebt war, keinen unnötigen Penny auszugeben, warum sie nicht wollte, daß wir von hier wegziehen. Sie hatte Angst! Sie schob sich selbst die Schuld zu für das, was Vickie geschehen war, und sie wollte nicht, daß es sich wiederholte weder die Angst noch die Armut, noch die Herzensqual. Und ich wußte, weshalb ich in das große Geschäft wollte, weshalb ich die Chance ergreifen mußte. Es hieß, entweder unser ganzes Leben lang im Schatten der Angst zu leben, oder sich ein für allemal davon zu befreien, um alle Schätze der Welt erringen zu können, die man sich wünschte. Wir mußten uns von der Angst befreien, damit wir auf ein Morgen hoffen konnten, an das zu denken wir uns bisher fürchteten, weil es sosehr dem Gestern glich. Jetzt würden wir wieder an uns selbst denken können. Wie andre Menschen dürften wir uns die verschiedensten Dinge wünschen, wir dürften wieder fühlen und hoffen. Das war es.

Du stirbst nicht so einfach, gleichgültig, was geschieht; du gibst nicht auf, du lebst weiter. Das Leben ist nicht etwas, das man auf- oder abdrehen kann wie einen Wasserhahn, keinesfalls solange das Blut in deinen Adern kreist, das Herz schlägt und die Seele hofft. Das ist es.

Ich nahm das Foto behutsam aus Nellies Fingern, steckte es in meine Tasche und setzte mich ihr gegenüber in einen Sessel, um zu warten, bis sie erwachte, und ihr zu erzählen, was ich soeben erkannt hatte.