18

Während ich zur Rezeption schritt, sah ich mich in der Hotelhalle um. Sie war einfach eingerichtet, aber sauber und nett. Es war genau der Hoteltyp, in dem ein Handlungsreisender absteigt. Der Portier sah mir entgegen.

»Haben Sie ein Einbettzimmer frei?« fragte ich. »Ja, Sir«, antwortete der Portier und schob mir das Fremdenbuch zu. »Bitte, sich hier einzutragen. Mit oder ohne Bad, Sir?«

»Ohne Bad«, sagte ich rasch, während ich mich in das Buch eintrug.

»Ja, Sir«, sagte der Portier. Er drückte auf eine Glocke neben dem Tisch. »Macht drei Dollar, Sir«, sagte er, drehte sich um und nahm einen Schlüssel vom Schlüsselbrett.

Ich legte das Geld auf den Tisch, während der Hotelpage

neben mich trat.

»Führe Mr. Fisher ins Zimmer 419«, sagte der Portier, nahm das Geld in Empfang und händigte dem Pagen den Schlüssel ein. »Einen Moment«, unterbrach ich ihn, »kann ich hier ein Kuvert deponieren?«

»Gewiß, Mr. Fisher«, erwiderte der Mann geschmeidig, »ich werde es im Hotelsafe aufbewahren. Schreiben Sie, bitte, Ihren Namen quer über das Siegel.« Damit schob er mir ein braunes Kuvert zu. Ich nahm meinen eigenen Umschlag mit dem Geld und steckte es in das Kuvert, das er mir gegeben hatte. Ich siegelte es sorgfältig und schrieb meinen Namen quer darüber, wie es der Mann vorgeschlagen hatte. Dann sah ich zu, wie sich der Portier umdrehte und es ins Safe legte. Dabei überlegte ich, was er wohl tun würde, wenn er wüßte, daß sich in diesem Kuvert hunderttausend Dollar befanden.

Er schloß das Safe. »Es ist hier sicher aufbewahrt, Sir, bis Sie es wieder brauchen«, sagte er.

Ich dankte ihm, dann sah ich auf meine Uhr. Es war beinahe sieben. »Ich glaube, ich werde jetzt noch nicht auf mein Zimmer gehen«, sagte ich zu dem Portier, als wäre mir jetzt etwas eingefallen. »Ich hab einem Freund versprochen, mich um sieben Uhr hier mit ihm zu treffen - Steve Parrish. Ist er schon eingetroffen?« Der Portier sah über die Schulter auf das Schlüsselbrett. »Er ist auf seinem Zimmer, Sir«, erwiderte er, »soll ich ihn verständigen, daß Sie hier sind?«

»Bitte.«

Er sagte einige Worte leise ins Telefon, wartete einige Sekunden auf Antwort, dann blickte er mich wieder an. »Er läßt Sie bitten, Sir, gleich zu ihm hinaufzukommen, Zimmer 224.«

»Danke«, sagte ich und ging bereits durch die Halle auf den Lift zu. Die goldenen Türnummern glitzerten in dem schwach beleuchteten Korridor. Ich klopfte. Plötzlich verstummte das Stimmengewirr, das bisher aus dem Zimmer gedrungen war.

Die Türe öffnete sich vorsichtig, und Parrish blickte heraus. »Danny!« rief er lächelnd, als er mich erkannte. Er trat etwas von der Türe zurück, nachdem er sie weit geöffnet hatte. »Sie kommen gerade zur rechten Zeit. Treten Sie ein.«

Im Zimmer befanden sich noch drei andre Männer. Sie starrten mich schweigend an. Ich wandte mich an Steve. Er sah etwas blaß und verlegen aus, streckte mir aber eine ziemlich ruhige Hand entgegen. Ich schüttelte sie.

»Ich bin froh, Danny«, sagte er, »daß Sie's doch noch geschafft haben.«

Ich nickte schweigend.

Jetzt wandte sich Steve zu den andern Männern. »Gentlemen«, sagte er, »das ist Danny Fisher.« Hierauf stellte er mir jeden einzeln vor. Einer nach dem andern erhob sich und schüttelte mir kurz die Hand. Sie versuchten gar nicht, ein Gespräch mit mir zu beginnen. »Wie steht's mit einem Drink, Danny?« Steve hielt eine Whiskyflasche in der Hand.

»Nein, danke, Steve«, erwiderte ich, »wenn sich's um Geschäfte dreht, trink ich nie.«

Steve nickte, während er sich selbst ein Glas vollgoß. »Gutes Prinzip, Danny«, sagte er und stürzte den Whisky auf einmal hinunter, »billige ich im höchsten Maße.«

Ich blickte ihn scharf an. Er hatte bereits eine gehörige Menge intus. Ich zog meine Zigaretten hervor und zündete mir eine an. »Ist's Ihnen recht, das Geschäftliche gleich zu besprechen?« fragte ich. Steve sah mich an. »Ich meine schon«, sagte er zögernd, »aber - haben Sie das Geld mitgebracht?« Ich nickte.

Einer der Männer stand rasch auf. »Zeigen Sie uns die Farbe der Banknoten«, sagte er.

Ich sah ihn lächelnd an. »Sie bekommen sie zu sehen«, erwiderte ich, »nachdem ich die Ware gesehen habe.«

»Haben Sie's bestimmt bei sich?« fragte der Mann argwöhnisch. »Halten Sie mich für einen Narren?« erwiderte ich. »Aber machen Sie sich keine Sorgen, ist die Ware okay, dann kriegen Sie Ihren Zaster. Wo ist die Ware?«

»In einer Garage, ein paar Häuserblocks von hier entfernt«, erwiderte der Mann, »wollen Sie sie sehen?«

»Darauf können Sie Gift nehmen.«

Der Mann nahm seinen Hut von einem Sessel. »Gut, dann gehen wir«, sagte er und ging auf die Türe zu.

Der Lastwagen war hochbeladen, so wie Steve mir's gesagt hatte. Ich betrachtete die sauber aufgestapelten Kisten mit skeptischem Blick. Ich hatte das unbehagliche Gefühl, daß irgend etwas nicht stimmte. Ich wußte aber nicht, was es war. Vielleicht war's nur deshalb, weil alles so glatt ging. Ich wandte mich an den Mann, mit dem ich im Hotelzimmer gesprochen hatte. »Nichts für ungut«, sagte ich höflieh, »aber es geht um eine Menge Geld. Ich möcht die Ware doch gern sehen.«

»Da müßten wir alle Kisten erst ab- und dann wieder aufladen«, protestierte der Mann.

Ich blickte ihm ungerührt in die Augen. »Wie gesagt, es handelt sich um einen Haufen Geld, und ich will das Zeug kontrollieren.« Er sah zu den andern hinüber, dann wandte er sich mir achselzuckend wieder zu.

»Mir ist's egal, aber Sie kommen auf diese Art vor zwei Uhr morgens nicht hier 'raus.«

»Das macht nichts«, sagte ich.

Ich betrachtete erst Steve, dann die andern mit müdem Blick. Sie standen mit geröteten Gesichtern und schweißtriefenden Hemden in einem Halbkreis um mich herum.

»Ich glaub, 's ist okay«, sagte ich. Aber ich konnte es nicht verstehen. Das sonderbare Gefühl wollte nicht weichen. Ich zuckte nervös mit den Achseln. Wahrscheinlich hatte mich Nellie mit ihrer Angst angesteckt.

»Hab's Ihnen doch gleich gesagt, Danny«, sagte Steve hastig, »Sie hätten's gar nicht erst kontrollieren müssen.«

»Wenn sich's um hunderttausend dreht«, sagte ich ungeschminkt, »kontrollier ich.« Dann wandte ich mich wieder zu den ändern. »Wer fährt den Wagen?« fragte ich. Einer der Männer trat vor. »Ich«, antwortete er. »Okay«, sagte ich, »dann steigen Sie ein und fahren Sie mich zum Hotel zurück. Wir starten von dort.«

»Jetzt gleich?« fragte der Mann und starrte mich an. »Jetzt gleich«, sagte ich kopfnickend.

»Aber mein Mitfahrer kommt vor morgen früh nicht her«, protestierte er.

»Wir warten nicht«, sagte ich, »ich werde mit Ihnen fahren. Das Zeug muß morgen früh in New York sein.«

Der Hotelportier sah mich respektvoll an.

»Ja, Mr. Fisher?«

»Ich hab's mir anders überlegt«, sagte ich, »ich reise schon jetzt ab; geben Sie mir, bitte, das Kuvert.«

»Sofort, Mr. Fisher«, antwortete er mit müder Stimme. Er öffnete das Safe und schob mir das Kuvert über den Tisch. Er sah aufmerksam zu, wie ich das Hotelkuvert aufschlitzte und hierauf das inliegende kleinere Kuvert herausnahm. »Alles in Ordnung, Sir?« fragte er gähnend.

Ich nickte und legte einen Dollar für ihn auf den Tisch. »Tadellos«, sagte ich und wandte mich ab. Sein Dank folgte mir auf die Straße. Der Lastwagen wartete unter einer Straßenlaterne. Die Männer standen darum herum. Ich kletterte in das Führerhaus und überreichte Steve das Kuvert. Steve drehte sich um und übergab es dem Mann, der im Hotel mit mir gesprochen hatte. Dieser riß es hastig auf und blickte hinein. Er

ließ die Noten beim Zählen rasch durch die Finger gleiten.

Dann sah er zu mir auf und machte eine grüßende Handbewegung. Ich winkte zurück und wandte mich an den Fahrer. »Okay, Junge«, sagte ich, »fahren wir los!«

Nachdem wir durch Newburgh durchgefahren waren, sah ich todmüde auf meine Uhr. Es war einige Minuten nach zehn. Dann blickte ich wieder auf die Straße und trat mit dem Fuß auf das Gaspedal. Nach und nach beschleunigte sich unser Tempo. Weiß und verlassen dehnte sich die Straße vor mir.

Ich fuhr jetzt mit der höchsten Geschwindigkeit, die der Motor hergab und sah zum meinem Gefährten hin. Dfer Mann schlief fest, den Kopf hatte er in einer höchst unbequemen Lage an die Türe gelehnt. Ich war sehr hungrig. Ich hatte seit gestern nachmittag nichts gegessen, aber ich wagte doch nicht stehenzubleiben. Es handelte sich um eine zu heiße Ware.

Außerdem konnte ich, wenn ich in stetigem Tempo weiterfuhr, mittags in New York sein.

Die Stimme des Fahrers unterbrach meine Gedanken. »Ich werde Sie jetzt ablösen, Danny«, sagte er, »damit Sie auch ein bißchen schlafen können. Sie schauen hundemüde aus.«

»Es macht mir nichts, noch länger zu fahren«, sagte ich, »dieses Baby fährt ja wie geschmiert.«

»Trotzdem ist's besser, wenn Sie jetzt ein wenig schlafen«, sagte er. »Ihre Augen sind ganz rot. Vielleicht spüren Sie's noch nicht, aber Sie sind müde.«

»Okay«, erwiderte ich und trat auf die Bremse. Die mächtigen Vakuumbremsen zischten. Langsam kam der Wagen zum Stillstand. Ich zog auch noch die Sicherheitsbremse an, dann schob ich mich aus dem Führersitz.

Der Mann kletterte über mich hinweg und setzte sich hinter das Steuerrad. »Sehen Sie jetzt zu, daß Sie auch wirklich schlafen«, sagte er und löste die Sicherheitsbremse. »Sie haben seit Buffalo nicht geschlafen und waren doch die ganze Nacht wach.«

»Ich kann schlafen, wenn diese Fahrt zu Ende ist«, erwiderte ich, »dann wird mir bedeutend wohler sein.« Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lehnte mich zurück.

Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung, und das Summen des Motors füllte die Kabine. Ich versuchte meine Augen von dem weißen Streifen loszureißen, der auf der Straße einförmig vor uns herlief. Aber etwas in der Art, wie er sich, so weit das Auge reichte, endlos erstreckte, faszinierte mich. Eine schmale weiße Linie, die durch die Straßenmitte lief. Bleibst du auf der rechten Seite, dann bist du in Sicherheit. Überschreite sie - dann bist du tot. Bleib auf der rechten Seite. der rechten Seite.. der rechten Seite.. der. rechten. Seite. Ich fühlte, wie sich mein Kopf schlaftrunken an die Türe lehnte. Verzweifelt schüttelte ich ihn und versuchte die Augen offenzuhalten, aber es hatte keinen Sinn. Ich war zu müde. Widerwillig überließ ich mich dem Schlummer. Ich erwachte mit einem Ruck. Der Lastwagen stand, der Motor war verstummt. Ich blinzelte und wandte mich rasch an den Fahrer, der neben mir saß. »Was ist denn los?« fragte ich verschlafen. »Ist was passiert?«

Er sah mich mit sardonischer Miene an, antwortete aber nicht. Auf meiner andern Seite ertönte jetzt eine Stimme, und ich fuhr herum. Ich riß die Augen auf. Jetzt war ich hellwach. Ein Mann stand auf dem Trittbrett des Führerhauses. In der Hand hielt er einen Revolver, der auf mein Gesicht gerichtet war. »Genug geschlafen, holder Träumer! Reib dir die Augen und steig aus!« Ich bückte mich rasch und griff nach dem Schraubenschlüssel, der neben mir auf dem Boden lag.

Der Mann fuchtelte mit dem Revolver. »Heb die Händchen hoch, Danny-Junge, damit ich sie sehen kann«, sagte er nachdrücklich.

Langsam ließ ich die Hände in den Schoß sinken. Meine Gedanken befanden sich in wildem Aufruhr. Ich sah wieder zu dem Fahrer hin. Er saß absolut regungslos, die Augen unbeweglich auf die Straße gerichtet. Jetzt begann ich mir die Sache zusammenzureimen. »Sie sind auch mit im Bunde?« fragte ich unsicher. Der Fahrer anwortete nicht. Statt dessen ergriff der Mann mit dem Revolver wieder das Wort. »Na, was denkst du dir?« fragte er ironisch.

Ich drehte mich langsam zu ihm um. »Ich hab Geld«, sagte ich verzweifelt, »lassen Sie mich die Ladung nach New York bringen, und ich werde Sie gut bezahlen.«

Der Revolvermann grinste bloß, wobei seine gelblichen Zähne sichtbar wurden. Er spie einen Strahl Tabaksaft auf die Straße. »Wir haben deinen Zaster doch schon«, sagte er unverfroren. Er riß die Türe auf und sprang vom Trittbrett, hielt seinen Revolver aber auch weiterhin auf mich gerichtet. »Steig aus«, sagte er, »die Vergnügungsfahrt ist zu Ende.«

»Zehntausend«, sagte ich hastig und starrte ihn an. Er fuchtelte wieder mit seinem Revolver. »Ich hab gesagt, du sollst 'rauskommen!«

Langsam kletterte ich hinunter. Der Himmel war bewölkt und von unheilverkündender tiefgrauer Färbung. Es würde gleich zu regnen beginnen. Ich fühlte, wie in mir die Wut aufstieg. Ich hatte mich so blödsinnig 'reinlegen lassen! Was für ein Narr war ich gewesen! Ich hätte es besser wissen müssen!

Meine Beine waren steif und müde, und ich bewegte mich ungeschickt. Jetzt hörte ich Schritte, die sich von der Rückseite des Lastwagens näherten und wandte den Kopf. Ein Auto parkte direkt hinter uns. Wahrscheinlich waren sie mir, schon seit wir Buffalo verließen, auf den Fersen gewesen und hatten lediglich eine verlassene Stelle abgewartet, um mich zu überfallen. Wut schüttelte mich, und ich spürte den bitteren Geschmack der Galle im Mund, die mir aufgestiegen war. Welch ein Idiot war ich gewesen, alles, was ich mir erarbeitet hatte, für ein solches Geschäft hinzuschmeißen! Ich sollte meinen Geisteszustand untersuchen lassen!

Der Mann, der hinter mir aufgetaucht war, rief: »Ist hier alles

okay?«

Der Revolvermann ließ mich einen Moment aus den Augen und blickte den Mann hinter mir an. Mit dem Mut der Verzweiflung stürzte ich mich auf ihn. Da er aber instinktiv zur Seite sprang, streifte meine Faust bloß sein Kinn. Durch die Schwungkraft meines Schlages schoß ich an ihm vorbei und glitt im Schmutz des Straßenrandes aus. Verzweifelt versuchte ich, mein Gleichgewicht zu bewahren.

Plötzlich fühlte ich einen heftigen Schmerz in der Schläfe und fiel vornüber mit dem Gesicht mitten in den Dreck. Ich versuchte, auf Hände und Knie gestützt, mich wieder zu erheben, erhielt aber an derselben Stelle einen furchtbaren Hieb, und Arme und Beine versagten mir den Dienst. Mein Gesicht lag mitten im Straßenschmutz, und schwärzeste Finsternis kam in schweren wuchtigen Wellen herangerollt. Ich versuchte sie mit aller Gewalt zurückzudrängen, doch sie kam unerbittlich immer näher auf mich zu. Ich fühlte, wie ich immer tiefer hineinglitt.

Wie aus weiter Ferne, nur ganz schwach, hörte ich noch Stimmen. Ich bemühte mich zu verstehen, was sie sagten, aber die einzelnen Worte drangen nur undeutlich an mein Ohr. Einer der Männer sagte, Gordon werde das übel aufnehmen. Ein andrer lachte bloß höhnisch.

Dann überließ ich mich der Finsternis. Den Bruchteil einer Sekunde jedoch raste ein Gedanke durch meinen Kopf, ehe die Finsternis ganz über mir zusammenschlug. Betrogen! Betrogen von allem Anfang an! Deswegen also hatte Steve, als er mich anrief, immer wieder von Sam gesprochen. Damit ich an ihn denken sollte! Dann verschwand auch dieser Gedanke, und ich

vermochte mich an nichts mehr zu erinnern. Ich holte tief Atem und versuchte aus der Finsternis wieder aufzutauchen. Aber vergebens. Denn jetzt umgab sie mich vollständig.

Umzugstag 3. Oktober 1944

Hände schüttelten meine Schulter. Ich rückte zur Seite und versuchte mich ihnen zu entziehen. Mein Kopf schmerzte. Die Hände schüttelten mich aber weiter. Jetzt versuchte ich mich zu einer Kugel zusammenzurollen. Sie sollen doch endlich weggehen und mich in Ruhe lassen! Jetzt, wo ich begonnen hatte, mich so behaglich zu fühlen. Mir war lange, lange Zeit schrecklich kalt gewesen, doch gerade als ich mich zu erwärmen begann, schüttelten diese Hände an mir herum. Ich versuchte sie wegzustoßen und drehte mich auf den Rücken.

Da empfing ich einen scharfen, brennenden Schlag ins Gesicht. Der Schmerz ging mir durch und durch, und ich öffnete die Augen. Ein Mann kniete neben mir und starrte mir besorgt ins Gesicht. »Geht's Ihnen wieder besser, Mister?« fragte er besorgt. Ich bewegte den Kopf ein wenig, um festzustellen, ob sonst noch jemand bei ihm war. Er war allein. Dann bemerkte ich, daß mir Regen ins Gesicht schlug. Ob's mir schon besser ginge? Ich mußte lachen. Das war verflucht komisch. Ich versuchte mich aufzusetzen. Ein scharfer, durchdringender Schmerz im Kopf ließ mich laut stöhnen. Ich fühlte, wie er seinen Arm um meine Schulter legte, um mich zu stützen. »Was ist geschehen, Mister?« fragte er bestürzt. »Man hat mich überfallen. Junge Burschen, die per Anhalter fahren wollten«, antwortete ich. Ich konnte ihm doch nicht erzählen, was sich tatsächlich ereignet hatte. »Sie haben mir meinen Wagen gestohlen«, fügte ich hinzu.

Sein Gesichtsausdruck war sichtlich erleichtert, als er mir auf die Beine half. »Ist ein Glück für Sie, daß ich so schwache Nieren habe«, sagte er, »dadurch hörte ich Sie in der Hecke neben der Fahrbahn stöhnen.«

Jetzt stand ich, leicht schwankend, wieder auf den Beinen. Ich war zwar noch immer leicht zittrig, fühlte aber doch, wie mir die Kräfte zurückkehrten.

»Sie hätten eine Lungenentzündung erwischen können«, sagte er. »Ja«, sagte ich kopfnickend, »ich hab bestimmt Glück gehabt.« Ich wollte auf meine Uhr schauen, aber sie war zerbrochen. »Wie spät ist es?« fragte ich.

»Fünf Minuten nach eins«, antwortete er, nachdem er auf seine Uhr gesehen hatte. Ich starrte ihn überrascht an. Ich mußte mehr als zwei Stunden bewußtlos gewesen sein, denn meine Uhr war um dreiviertel elf stehengeblieben. »Ich muß in die Stadt zurück«, murmelte ich, »wir ziehen heute um, und meine Frau wird sich zu Tode ängstigen. Sie weiß ja nicht, wo ich bin.«

Der Mann hielt mich am Arm, um mich zu stützen. »Ich fahre nach New York, wenn Sie dorthin wollen«, sagte er. Er erschien mir wie ein rettender Engel, als er vor mir stand und der Regen auf seinen unsichtbaren Heiligenschein herabströmte. »Das ist genau die Stadt, die ich gemeint habe«, sagte ich. »Dann kommen Sie zu meinem Wagen, Mister«, sagte er, ich bring Sie nach New York, um halb drei sind wir dort.« Ich folgte ihm zu seinem kleinen Chevrolet und setzte mich neben ihn auf den Vordersitz. Sobald sich die Türe hinter mir geschlossen hatte, begann ich zu frösteln.

Er warf einen Blick auf meine blauen Lippen, dann schaltete er die Heizung ein. »Lehnen Sie sich zurück und ruhen Sie aus«, sagte er besorgt, »das wird Sie aufwärmen und Ihre Kleider trocknen. Sie sind ja ganz durchnäßt!«

Ich lehnte meinen Kopf an das Polster und betrachtete ihn durch halbgeschlossene Augen. Er war nicht mehr jung, die Spitzen seiner grauen Haare wurden unter seinem Hut sichtbar. »Danke, Mister«, sagte ich.

»Keine Ursache, mein Sohn«, sagte er schwerfällig, »'s war nur das, was ich von jedem menschlichen Wesen erwarte.« Ich schloß müde die Augen. Da irrte er sich. Manche menschlichen Wesen zeigten nicht einmal Spuren von dem, was er von ihnen erwartete. Das leise Surren des Scheibenwischers war ein ungemein beruhigendes Geräusch. Meine Gedanken wurden immer träger. Sam ist nicht so. Sam schert sich den Teufel drum, wer man ist. Sam denkt nur an sich selbst.

Ich war ihm zu groß geworden. Sam schätzte das nicht. Schließlich war ich direkt unter seiner Nase in dieses Geschäft eingestiegen. Er hatte es zwar seinerzeit nicht gewollt, aber das spielte keine Rolle. Jetzt wußte er, was er sich hatte entgehen lassen, und beschloß kaltblütig, die ganze Sache mit einem Streich an sich zu bringen. Und das war ihm auch gelungen. Ich konnte nichts dagegen tun. Nichts? Ich begann zu überlegen, und Wut stieg wieder in mir auf. In diesem Punkt irrte sich Sam. Ich hatte zu schwer gearbeitet, um so leicht aufzugeben. Ich hatte mich von ihm prellen lassen. Er würde mir dafür büßen! Ich war ein Narr gewesen, in eine derartig plumpe Falle zu gehen, aber wir waren noch lange nicht fertig miteinander. Er würde es schon zu spüren bekommen. Meine Wut hatte mich merkwürdigerweise angenehm erwärmt, und ich begann zu dösen.

Ich fühlte eine Hand auf meinem Arm und erwachte sogleich. Ich blickte mich um. Wir fuhren soeben über den West Side Highway. Der Mann sah mich aufmerksam an. »Fühlen Sie sich schon besser?« fragte er.

Ich nickte stumm. Mein Kopfschmerz war verschwunden. »Wo kann ich Sie absetzen?«

Ich gab ihm meine Adresse. »Wenn's Ihnen nicht zu entlegen ist«, fügte ich hinzu.

»'s ist okay«, sagte er, »auf dem Weg nach Hause fahre ich dort vorbei.«

Es war viertel vier, als wir vor meinem Haus hielten. Ich stieg aus dem Wagen und wandte mich wieder dem Fahrer zu. »Nochmals vielen Dank, Mister«, sagte ich, »ich werd's Ihnen nie vergessen.«

»Schon gut, mein Sohn«, antwortete er, »wie gesagt, jedes menschliche Wesen...«

Und ehe ich's richtig bemerkte, hatte er den Gang eingeschaltet und war davongefahren. Ich starrte dem Wagen nach. Ich hatte sogar vergessen, ihn nach seinem Namen zu fragen. Komische Welt! Jemand, den du dein ganzes Leben gekannt hast, versucht dich zu ruinieren, und ein Mann, den du nie zuvor gesehen hast und nie wieder sehen wirst, kommt einfach daher und rettet dir das Leben. Ich blickte dem Wagen nach, bis er um die Ecke verschwand, dann drehte ich mich um und betrat das Haus. Der Hausmeister fegte die Halle aus. Er starrte mich mit offenem Mund an. Ich glaube, ich muß einen schrecklichen Anblick geboten haben. Das Gesicht blutig geschlagen und aufgedunsen und die Kleider völlig beschmutzt. »Der Möbelwagen ist schon fort, Mr. Fisher«, sagte er. »Ihre Frau hat so lang wie möglich auf Sie gewartet. Sie war schrecklich aufgeregt, aber Ihr Schwager hat gesagt, sie solle nur ruhig wegfahren.«

»Mein Schwager war hier?« fragte ich mit heiserer Stimme. Er nickte. »Er ist gekommen, nachdem Ihre Frau ihn angerufen hat. Ihr Bruder war bereits hier gewesen, aber sie hat sich trotzdem noch immer Sorgen um Sie gemacht.« Er blickte mich neugierig an. »Ihr Schwager hat für Sie eine Nachricht hinterlassen, falls Sie hierherkommen sollten.«

»Was hat er gesagt?« fragte ich.

»Er hat gesagt, Sie sollen kommen, er ist in seinem Büro.« Er lächelte flüchtig. »Er ist wirklich ein feiner Mann. Er hat sich Ihretwegen auch Sorgen gemacht. Meiner schert sich nicht drum, ob ich leb oder tot bin.«

»Danke«, sagte ich kurz und verließ das Haus. Sam machte sich also Sorgen um mich! Neunzigtausend waren schon einiger Sorgen wert! Nein, jetzt waren's ja schon zweihunderttausend, denn er hatte ja alles eingesteckt! Kein Wunder, daß er gelaufen kam, als Nellie ihn rief. - Ich ging um die Ecke und pfiff einem Taxi, um in sein Büro zu fahren.

Ich schritt an Sams Sekretärin vorbei, ohne zu warten, daß sie mich anmeldete. Ich öffnete die Türe, betrat sein Büro und schloß die Türe hinter mir.

Er war soeben im Begriff, den Telefonhörer niederzulegen, als er aufsah und mich erblickte. Er hielt ihn regunglos in der Luft, während mich seine Augen rasch von Kopf bis Fuß überflogen. »Wo, zum Teufel, bist du gewesen?« brüllte er schließlich los und legte den Hörer auf die Gabel. »Ich war eben im Begriff, dir die Polizei auf den Hals zu hetzen.«

Etwas in seiner Stimme reizte mich maßlos. »Was ist los, Sam?« fragte ich mit rauher Stimme, »hast du mich denn nicht erwartet?« Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor und trat auf mich zu. Ich fühlte, wie der Boden unter seinen schweren Tritten erzitterte. »Wenn man jemandem neunzigtausend gibt und er taucht nicht auf, wenn er auftauchen soll, dann überleg mal, was du dir denken würdest«, sagte er grob. »Ich hab geglaubt, du bist mit dem Zaster getürmt.«

Wäre nicht ich es gewesen, der die Geschichte in die falsche Kehle gekriegt hatte, dann hätte ich die Art bewundern müssen, wie er die Sache handhabte. Dieser Bursche war wirklich zäh! Vom Kopf bis zu den Zehennägeln. Er fuhr mich rücksichtslos an und fügte zum eklatanten Unrecht noch die Beleidigung. Er war genauso, wie ich zu sein hoffte und wünschte, aber jetzt gestand ich mir ein, daß ich bis dahin noch einen langen Weg zu gehen hatte. Ich starrte ihn an. Mich würde er nicht länger zum Narren halten! Das hatte ich gründlich satt.

»Du weißt, daß ich das nie tun würde, Sam«, sagte ich leise,

»du müßtest mich doch besser kennen.«

Er sah mich einen Moment starr an, dann drehte er sich zu seinem Sessel um und ließ sich nieder. Seine dunklen Augen glitzerten. »Woher soll ich das wissen?« fragte er, »neunzigtausend sind 'ne Menge Schotter. Vielleicht hast du deine Frau satt bekommen und willst von hier weg. Du könntest ein Dutzend Gründe haben, von denen ich nichts weiß.«

Ich sah ihm starr in die Augen, da wendete er den Blick verlegen ab. »Du traust wohl niemandem, Sam«, sagte ich langsam. Er hielt den Blick auf die Schreibtischplatte gerichtet. »Ich leb nicht davon, Kerlen deiner Sorte zu trauen«, antwortete er mürrisch. Dann blickte er mich wieder durchdringend an. »Wo sind die Zigaretten?« fragte er.

Ich zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht«, antwortete ich schlicht. Diese Frage stellte wahrhaftig der falsche Mann, denn ich könnte wetten, daß er die Antwort wußte.

Er sprang ärgerlich auf. »Was soll das heißen, du weißt es nicht?« brüllte er los, »was ist geschehen?«

Ich mußte ihn bewundern. Er ließ sich keinen Trick entgehen. Er war wirklich großartig. »Ich wurde überfallen«, antwortete ich ruhig und suchte in seinem Gesicht nach einem Schimmer von Schuldbewußtsein. »Man hat mich auf der Landstraße überfallen und in eine Hecke geworfen. Ich hab dabei noch verdammtes Glück gehabt, daß ich mit dem Leben davongekommen bin.« Er spielte seine Rolle unverdrossen weiter, aber während er wütend auf den Schreibtisch schlug, glaubte ich in seiner Wut doch eine falsche Note zu entdecken. »Ich hätte klüger sein müssen, als dir so ohne weiteres neunzigtausend anzuvertrauen!« schrie er. Ich sah ihn mit bitterem Lächeln an. »Was brüllst du so herum, Sam?« fragte ich ruhig, »du hast bei der Sache doch nichts verloren. Ich bin restlos ausgeplündert worden. Du hast ja jetzt den ganzen Zimt!«

»Wer, zum Teufel, will ihn schon?« brüllte er wieder, »ich brauch ihn genauso wie ein Loch im Kopf! Ich hab genug andre Sorgen. Ich möcht lieber meine Neunzigtausend haben!« Das war der erste falsche Ton, den er anschlug. Er brüllte zu laut für einen Mann, dem nichts geschehen ist. »Weißt du das ganz bestimmt, Sam?« fragte ich.

Er starrte mich an, und seine Augen wurden plötzlich argwöhnisch. »Natürlich weiß ich's bestimmt«, sagte er hastig. »Jetzt steck ich mit dem ganzen verdammten Zeug fest und hab dich noch obendrein auf dem Hals. Denn ich muß dich anstellen. Ich werde bald nicht mehr wissen, worüber ich mir zuerst Sorgen machen soll, um wieviel du mich bemogelst, oder ob sich der verdammte Kram überhaupt bewährt. Es wäre gescheiter gewesen, das Geschäft mit Maxie Fields zu machen, statt mit einer so lächerlichen Figur, wie du es bist. Er hat zum mindesten eine Organisation.«

Ich sah ihn einen Moment starr an, ehe ich antwortete. Ein Gedanke nahm immer deutlichere Gestalt an. Es geschah zum zweitenmal in zwei Tagen, daß mich jemand auf eine Idee brachte. Aber diesmal war es unbeabsichtigt. »Das ist ein Gedanke, Sam«, sagte ich leise, »das ist die beste Idee seit langer Zeit.«

Der Mund blieb ihm offen, er starrte mich an, als ich mich jetzt wortlos umdrehte und das Büro verließ. Ich hörte, wie er mir nachrief, ich solle zurückkommen, als ich an der Sekretärin vorbei durch die Ausgangstüre eilte. Der Lift stand eben bereit, und ich trat ein. Die Türen schlossen sich, und wir begannen die Fahrt nach abwärts. Als ich die Straße betrat, war ich überzeugt, die Lösung gefunden zu haben. Sam dachte, er könne alles haben. Aber da irrte er sich! Ich würde dafür sorgen, daß ihm dieser Bissen im Halse steckenblieb.

»Ist Maxie Fields zu Hause?« fragte ich.

Die Miene des Mannes veränderte sich unmerklich. »Wer wünscht ihn zu sprechen?«

»Danny Fisher«, sagte ich mit rauher Stimme, »sagen Sie ihm, es sind für ihn hunderttausend zu verdienen. Er wird mich bestimmt sprechen wollen.«

Der Mann griff nach dem Telefonhörer und drückte auf einen Knopf. Dann sprach er leise in den Apparat. Er sah mich wieder an. »Durch diese Türe«, sagte er und wies nach hinten. »Ich kenne den Weg«, rief ich über die Schulter, während ich bereits der Türe zuschritt. Ich schloß sie hinter mir und stand im Korridor. Ich sah die Treppe empor und begann langsam hinaufzusteigen. Als ich den Vorplatz erreichte, stand Maxie bereits in der Türe. Die harten Augen glänzten wie schwarze Perlen in seinem runden Gesicht, als er mir entgegenblickte. Sein mächtiger Körper versperrte den Eingang zur Wohnung. »Was führt dich zu mir, Danny?« fragte er, als ich nähertrat.

Ich erwiderte seinen Blick. »Haben Sie noch immer Interesse an einer hübschen Summe?«

Er nickte langsam mit dem Kopf.

»Dann hab ich ein recht nettes Päckchen für Sie«, sagte ich rasch. »Aber gehen wir erst hinein, auf dem Vorplatz mach ich keine Geschäfte.«

Er trat ins Zimmer zurück, und ich ging an ihm vorbei. Auch das Appartement hatte sich nicht verändert. Es herrschte noch immer dieselbe schwüle Üppigkeit. Ich hörte, wie sich die Türe schloß, drehte mich um und sah ihm ins Gesicht. »Wie wir's mit einem Drink, Maxie?« fragte ich. Er sah mich aufmerksam an, dann wandte er sich um und brüllte ins Nebenzimmer: »Ronnie! Bring zwei Drinks.« Ohne auf eine Antwort zu warten, schritt er an mir vorbei und ließ sich schwerfällig hinter seinem Schreibtisch nieder. Das einzige Geräusch im Zimmer war sein schweres Atmen. Nach einem Moment sah er zu mir auf. »Was ist's für 'ne Sache, Danny?«

Ich setzte mich ihm gegenüber in einen Sessel. Hinter mir ertönten Schritte und ich blickte mich um.

Ronnie trug in jeder Hand ein Glas. Im ersten Moment bemerkte sie mich nicht, doch dann flog ein erstaunter Ausdruck über ihr Gesicht. Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, schwieg dann aber. Schweigend stellte sie die beiden Gläser auf den Schreibtisch und wollte sich wieder entfernen.

Doch Maxie rief sie zurück, seine Augen glitzerten. »Du erinnerst dich doch an unsern Freund Danny, nicht wahr?« fragte er ironisch.

Sie sah ihn flüchtig an, dann wendete sie ihren Blick mir zu. Ihre Augen waren stumpf und ausdruckslos. Einen kurzen Augenblick lang flackerte etwas in ihnen auf, dann war es wieder erloschen. Ihre Stimme war flach und tonlos. »Ich erinnere mich«, sagte sie. »Hallo, Danny.«

Die Jahre hatten sie äußerlich wenig verändert. Sie sah noch genauso aus wie damals. Aber ihre Lebensfreude war verschwunden, vernichtet unter dem Druck der Zeit. »Hallo, Ronnie«, sagte ich ruhig. Ich erinnerte mich, daß es das letztemal genauso gewesen war, aber damals hatte nicht ich Maxie aufgesucht, sondern er hatte mich rufen lassen.

Er war aber nicht zufrieden, die Dinge ruhen zu lassen, er mußte es einem unter die Nase reiben, seinen Triumph voll auskosten. »Danny ist gekommen, um mit mir über ein Geschäft zu verhandeln«, sagte er, und im Ton seiner Stimme schwang sein ganzes

Machtgefühl. »Niemand kann sich von Maxie Fields fernhalten, Baby, das sag ich doch immer.«

»Ja, Maxie.« Ihre Stimme war völlig ausdruckslos. Sie drehte sich um und wollte das Zimmer verlassen, doch er rief sie abermals zurück.

»Setz dich, Ronnie«, sagte er mit rauher Stimme, »setz dich und leiste uns Gesellschaft.«

Gehorsam sank sie neben ihm in einen Sessel. Sie saß da wie ein Automat, ihr Gesicht war völlig ausdruckslos.

Jetzt wandte er sich wieder mir zu und griff nach seinem Drink. »Also, Danny«, sagte er gewichtig.

Auch ich griff nach meinem Drink und trank genießerisch in kleinen Schlucken. Es schmeckte köstlich, und der Alkohol wärmte mich auf. Ich sah Maxie durch das erhobene Glas hindurch an. »Zigaretten im Wert von hunderttausend«, sagte ich einfach. Er stellte seinen Drink nieder, ohne ihn berührt zu haben, und lehnte sich vor. »Was ist's damit?« fragte er. »Sie können Sie haben«, sagte ich gelassen und stellte mein Glas neben das seine, »wenn - Sie mir einen Gefallen tun.« Er holte tief Atem. »Ich kenne dich, Danny«, schnaufte er heiser, »du möchtest im Winter Eis verkaufen. Außerdem - wo hast du das Zeug her?«

»Ich habe es«, sagte ich, »also hören Sie.« Ich erzählte ihm die ganze Geschichte - wie ich die Zigaretten bekommen, wie ich sie wieder verloren hatte. Nachdem ich geendet hatte, merkte ich, daß er sich für die Sache interessierte.

»Auf welche Art willst du sie zurückbekommen?« fragte er. »Ich übernehme Sams Geschäftsführung«, sagte ich zuversichtlich.

In seinen Augen tauchte jetzt Vorsicht auf, wie das warnende gelbe Licht der Verkehrsampeln. »Und wie willst du's anstellen?«

»Ganz einfach«, antwortete ich. Jetzt war ich eiskalt. »Erinnern Sie sich, was wir an dem Tag gesprochen haben, als ich Sie von Lombardi nach Hause fuhr? Erinnern Sie sich, was Sie damals sagten?« Maxie nickte. »Ich erinnere mich.« Er blickte mich aufmerksam an. »Wird ihm denn was zustoßen?« fragte er.

Ich griff wieder nach meinem Drink und zuckte die Achseln. »Das werden Sie mir sagen.«

»Nein, Danny!!« Ronnies Stimme klang wie ein Schrei. Ich drehte mich überrascht um und sah sie an. Ihre Augen waren plötzlich wieder lebendig. »Das darfst du nicht tun! Sam war der einzige.« Maxies Stimme unterbrach sie brutal. »Halts Maul, Ronnie!« schrie er wild.

Sie wandte sich ihm mit ängstlicher Miene zu. »Maxie, du mußt ihm erzählen..«

Hinter mir bewegte sich jemand, und plötzlich stand Spit neben ihr. Ich hatte ihn nicht einmal gehört, als er ins Zimmer getreten war. »Bring sie hinaus!« brüllte Maxie.

Spit griff rasch nach ihrer Hand, aber sie entzog sich hastig seinem Griff und floh, die Hände vors Gesicht geschlagen, aus dem Zimmer.

Maxie atmete schwer, als ich mich ihm wieder zuwandte. Er winkte Spit in den Sessel, den Ronnie soeben verlassen hatte. Er sah mich einen Moment starr an. In seiner Stimme klang Habgier, als er schließlich wieder zu sprechen begann. »Woher soll ich wissen, daß du sie mir auch wirklich liefern wirst?« fragte er. »Du weißt nicht mal bestimmt, ob er sie tatsächlich hat.«

»Kann ich Ihr Telefon einen Moment benützen? Dann werden wir's gleich erfahren«, antwortete ich. Er nickte.

Ich hob den Hörer ab und wählte die Nummer von Sams Lagerhaus. Es war ungemein günstig, daß ich für ihn gearbeitet hatte, denn dadurch kannte ich dort alle Leute.

Jetzt meldete sich eine Stimme, die ich zu erkennen glaubte. »Joe?« fragte ich.

»Ja«, antwortete er, »wer ist dort?«

»Danny Fisher«, sagte ich rasch, »ich will bloß nachfragen, ob mein Lastwagen schon eingetroffen ist. Der große Fernlaster.«

»Gewiß, Danny«, antwortete Joe, »wir laden gerade ab.« »Okay, Joe, danke.«

Ich legte den Hörer auf die Gabel und blickte Maxie wieder an. Er hatte das Gespräch mit abgehört. »Zufrieden?« fragte ich. Seine    Augen leuchteten.    »Bekomm    ich die    ganze

Wagenladung?« fragte er.

»So    hab ich's gesagt«,    antwortete    ich, »die    ganze

Wagenladung.«

»Wirklich anständig«, sagte er schnaufend und bemühte sich auf die Beine zu kommen. »Spit, der Kassierer und ich werden die Sache persönlich übernehmen. Ehe die Nacht vorbei ist, wird die ganze Angelegenheit bereinigt sein.«

»Hände weg von diesem Burschen, Boß, er ist korrupt bis in die Knochen!« Spits Stimme war schrill. Er war aufgesprungen und starrte Maxie an.

»Was ist denn los, Spit«, fragte ich kalt, »wieder mal feig?« Er wandte sich mir knurrend zu. »Ich trau dir nicht, ich kenn dich zu genau!«

Maxie ergriff gewichtig das Wort. »Setz dich, Spit, und    halts's

Maul!«    schnauzte er ihn an,    »hier hab    nur ich zu    reden!«

Langsam sank Spit wieder in den Sessel zurück und warf mir wütende Blicke zu.

Maxies Stimme war noch immer bedeutungsvoll, doch jetzt sprach er mit mir. »Abgemacht, Danny«, sagte er langsam, »aber diesmal gibt's kein Zurück, wie du dir's schon mal geleistet hast. Versuchst du diesmal mich an der Nase 'rumzuführen, dann bist du aber auch schon mausetot und in der Hölle.«

Während ich mich erhob, lief mir unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. Spit sah mich haßerfüllt an. Maxies Augen waren eiskalt, sein Gesicht völlig ausdruckslos. Ich bemerkte, wie schwer er atmete.

»Sie können den Wechsel präsentieren, Maxie«, sagte ich ruhig, »ich werde bezahlen!« Damit schloß ich die Türe hinter mir und lief die Treppe hinab.

Es war wenige Minuten vor sechs, als ich den Taxifahrer vor meinem Haus entlohnte. Während sich der Wagen in Bewegung setzte, blieb ich noch auf dem Gehsteig stehen und blickte auf das Haus. Ich fühlte mich unsäglich müde, alt und wie ausgehöhlt. Es tat wohl, endlich heimzukehren.

Auf einmal kam mir zum Bewußtsein, daß ich niemals eine andre Wohnung als mein richtiges Heim betrachtet hatte. Keine war mir etwas gewesen, hatte für mich Geborgenheit bedeutet, so zu mir gehört wie dieses Haus. Während ich noch hier stand, fiel mir ein, was ich getan hatte, und die ganze Freude, endlich heimkehren zu können, fiel von mir ab. Jetzt schien es nicht mehr wichtig zu sein.

Ich hatte zuviel durchgemacht. Ich hatte einen zu großen Umweg gemacht. Ich war nicht mehr derselbe Mensch, der dieses Haus vor so vielen Jahren verlassen mußte. Ich hatte meinen Kinderglauben verloren. Das Leben war zu hart. Man mußte immer nur kämpfen und wieder kämpfen, sonst war und blieb man ein Niemand. Es gab keinen Frieden, keine Freunde, kein wirkliches Glück. Die Welt war nichts als ein ewiger Kampfplatz. Man mußte kämpfen, um zu überleben, man mußte töten, um nicht getötet zu werden. Meine Schritte hallten auf dem Betonboden der Veranda. Es hatte mich viel Zeit gekostet, klüger zu werden. Es bleibt nicht viel für Gefühle übrig, wenn man etwas erreichen, wenn man weiterkommen will. Man muß sein Herz verschließen und gegen die übrigen Menschen abschirmen. Niemand darf dir nahekommen, denn du warst allein, als du geboren wurdest, und wirst allein sein, wenn du stirbst.

Ich hob die Hand, um die schwere Eingangstüre zu öffnen, aber sie tat sich auf, ehe ich sie berührte. »Hallo, Danny«, sagte

eine ruhige Stimme.

Ich war nicht überrascht. Diese Stimme hatte ich schon einmal vernommen. Es war die Stimme des Hauses, die an jenem Tag zu mir gesprochen hatte, an dem Nellie und ich hierhergekommen waren, um das Haus zu kaufen. »Hallo, Papa.«

Mein Vater nahm mich an der Hand, und wir betraten, genauso wir vor vielen Jahren, gemeinsam das Haus. Einen Moment schwiegen wir, es bedurfte keiner Worte. Dann blieben wir im Wohnzimmer stehen und blickten einander an. In seinen Augen standen Tränen. Es war das erstemal, daß ich ihn weinen sah. Seine Stimme war sehr leise, doch von ungeheurem Stolz erfüllt, und als er zu sprechen begann, wurde mir klar, daß dieser Stolz mir galt. »Wir sind alle heimgekehrt, Danny«, sagte er demütig, »und wenn du einem alten Mann seine Fehler verzeihen kannst, werden wir das, was wir hier gefunden haben, nie wieder verlieren.« Ich lächelte bloß, und langsam begann ich viele Dinge zu verstehen. Seine Stimme war die Stimme des Hauses. In Wirklichkeit war es nie mein Haus gewesen, es hatte immer ihm gehört. Als ich dem Haus von meiner Liebe erzählte, hatte ich in Wirklichkeit zu ihm gesprochen, und als das Haus zu mir sprach, war es in Wirklichkeit seine Stimme gewesen. Es würde nie mein Haus sein, einerlei, wieviel ich dafür bezahlt habe, außer er schenkte es mir. Ich sah mich in dem Zimmer um. Etwas hatte immer gefehlt, aber jetzt, da er gekommen war, war das Haus wieder warm und lebendig. Ich war glücklich, daß er hier war. Ich brauchte es ihm nicht zu sagen, er schien genau zu wissen, was ich fühlte. »Papa, es war das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe«, sagte ich.

Zum erstenmal bemerkte er jetzt, wie übel ich zugerichtet war. »Mein Gott!« rief er, »Danny, was ist denn geschehen?« Seine Worte riefen mich in die Gegenwart zurück. »Ich hatte einen Unfall, Papa«, erwiderte ich mit rauher Stimme. »Aber wo ist Nellie?«

Er starrte mich noch immer an. »Mama hat sie dazu überredet, sich oben hinzulegen. Sie ist vor Angst um dich beinahe hysterisch geworden.«

Vom oberen Treppenabsatz hörte ich jetzt ein Geräusch. Nellie stand dort und starrte mich mit kreidebleichem Gesicht entsetzt an. In dem harten weißen Licht der noch unverkleideten Glühbirnen mußte ich tatsächlich einen grauenerregenden Anblick geboten haben. Ihre Lippen öffneten sich zu einem Schrei: »Danny!« Ihre Stimme hallte noch von den Wänden zurück, als ich bereits die Treppe zu ihr hinauflief. Sie machte mir einen kleinen Schritt entgegen, dann verdrehten sich ihre Augäpfel nach oben, und sie stürzte bewußtlos zusammen.

»Nellie!« schrie ich und sprang auf sie zu, um sie aufzufangen. Aber sie rollte schwerfällig über die halbe Treppenflucht, ehe ich sie zu fassen vermochte. Sie lag als kleines zusammengerolltes Bündel an der Wand, als ich bei ihr niederkniete und voll Verzweiflung ihr Gesicht zu mir drehte. »Nellie!« rief ich.

Ihr Gesicht hatte ein durchscheinendes Weiß angenommen, und sie preßte die Augen vor Schmerz krampfhaft zusammen. Und nun hörte ich, wie sie trotz qualvoller Schmerzen mit blutlosen Lippen flüsterte: »Danny, Danny, ich hab mir deinetwegen so schreckliche Sorgen gemacht.«

Ich wandte mich aufgeregt an Papa. »Im Eckhaus auf der andern Straßenseite wohnt ein Arzt«, rief ich ihm zu, »hol ihn! Rasch!« Dann wandte ich mich wieder Nellie zu; gleich darauf hörte ich das Zuschlagen derHaustüre. Ich bettete ihren Kopf an meine Schulter. Ihre Augen waren geschlossen, und sie lag ganz still. Sie schien kaum noch zu atmen.

Meine Mutter kam jetzt die Treppe herunter. In ihren Augen spiegelte sich eine Welt tiefsten Mitgefühls. Stumm legte sie ihre Hand auf meine Schulter.

Ich blickte wieder auf Nellie zurück. Warum lernt man so viele Dinge erst so spät? Jetzt überblickte ich die Zusammenhänge. Es war meine Schuld. Nellie hatte immer recht gehabt. Ich drückte ihren Kopf an meine Brust, ihr konnte, ihr durfte nichts geschehen! Sie war doch meine ganze Welt. Ich schloß die Augen und begann zu beten. Tränen flossen mir über die Wangen. »Bitte, lieber Gott. bitte.«

Ich lief in dem kleinen Wartezimmer des Krankenhauses nervös auf und ab. Mir schien es, als wäre ich nicht einige Stunden, sondern bereits tagelang hier. Ich steckte eine frische Zigarette in den Mund und versuchte sie anzuzünden. Ich zerbrach drei Streichhölzer, ehe Zep schließlich eines anzündete und an meine Zigarette hielt. Ich sah ihn dankbar an. Ich weiß nicht, was wir an diesem Tag ohne ihn angefangen hätten. Er war den ganzen Tag über bei Nellie gewesen, hatte sie beruhigt und ihr geholfen. Und jetzt war er hier bei mir. »Danke, Zep«, murmelte ich. Erschöpft ließ ich mich zwischen meinem Vater und Zep in einen Sessel fallen. »Der Arzt ist schon schrecklich lang bei ihr«, sagte ich.

Zep sah mich mit tiefem Verständnis an, er wußte, wie mir zumute war. »Mach dir keine Sorgen, Danny«, sagte er und klopfte mir unbeholfen auf die Schulter, »sie wird bestimmt bald wieder ganz okay sein. Der Arzt hat gesagt, daß sie eine Chance hat, und ich kenne meine Schwester - sie ist zäh! Sie wird bestimmt durchkommen.« So stand es. Sie hatte eine Chance. der Arzt hat's gesagt. Sie hatte eine Chance. Ich mußte mich an diesen Gedanken klammern, sonst wäre ich verrückt geworden - restlos und unwiderruflich verrückt. Den ganzen Weg ins Krankenhaus mußte ich immer nur daran denken, während ich neben ihr im Ambulanzwagen saß, ihre eiskalte schlaffe Hand in der meinen, und wir mit heulender Sirene durch die Straßen rasten.

Sie hatte innere Verletzungen erlitten. Das Kind hatte seine Lage verändert, wie der Arzt sagte, sie fühlte einen starken

Druck und blutete aus einer inneren Wunde. Aber das wußte man bereits, wenn man in ihr blutleeres Gesichtchen sah.

Man hatte sie rasch und geschickt auf ein schmales weißes Rollbett gelegt und unverzüglich in den Operationssaal gefahren. Ihre Augen waren noch immer geschlossen, sie konnte mich nicht sehen. Leises Stöhnen drang durch ihre blassen Lippen. Und dann war sie hinter den weißen Türen verschwunden, und ich. ich mußte warten.

Das war vor mehr als zwei Stunden gewesen, und ich wartete noch immer. Wir warteten alle. Ich blickte zu ihrer Mutter hinüber, die am Fenster saß und nervös ihr Taschentuch zerknüllte. Ihre Augen waren vom Weinen verschwollen, und sie hörte meiner Mutter zu, die versuchte, sie ein wenig zu trösten. Sie hatte zu mir kein Wort gesagt, aber ich wußte, sie gab mir die Schuld an dem, was Nellie zugestoßen war. Und irgendwie hatte sie auch recht. Dennoch. wäre Sam nicht gewesen, dann wäre all das nicht passiert. Draußen auf dem Korridor näherten sich jetzt Schritte. Mimi kam mit besorgter Miene auf mich zu. »Danny, was ist geschehen?« Ich antwortete nicht. Meine Augen waren starr auf Sam gerichtet, der hinter ihr eingetreten war. Auf seinem Gesicht lag ein fremder, gequälter Ausdruck. »Was suchst du hier?« schrie ich ihn an. »Dein Vater hat angerufen und uns erzählt, daß Nellie einen Unfall hatte. Und da Mimi zu aufgeregt war, um selbst zu fahren, hab ich sie hergebracht«, erklärte er.

Ich stand langsam auf und fühlte, wie meine Beine vor Wut zitterten. Mein Mund war plötzlich ganz trocken. »Bist du nun endlich zufrieden?« fragte ich mit rauher Stimme, »ist jetzt alles so, wie du's wolltest?«

In seinen Augen stand ein merkwürdig beschämter Ausdruck. »Danny, das hab ich bestimmt nicht gewollt«, erwiderte er leise. Ich sah ihn einen Augenblick starr an, dann brach die aufgespeicherte Wut aus mir hervor und ich stürzte mich mit drohend geschwungenen Fäusten auf ihn. Ich traf ihn mitten aufs Kinn, und er stürzte rücklings zu Boden. Der Krach hallte in dem kleinen Raum, als ich mich wieder auf ihn stürzte.

Zwei Hände hielten meine Arme fest, und ich hörte, wie Mimi auf mich einschrie. Verzweifelt versuchte ich meine Arme loszureißen. Ich wollte ihn mit eigenen Händen töten. Dann begann ich zu weinen. Er hätte die ganze Sache ebensogut zugeben können. Auf einmal hörte ich die Stimme des Arztes. »Mr. Fisher!« Sam war im Augenblick vergessen, ich drehte mich um und hielt den Arzt an seinem Mantelaufschlag fest. »Wie geht's ihr, Herr Doktor?« fragte ich mit heiserer Stimme, »was macht sie?« Sein müdes, faltiges Gesicht erhellte sich etwas, als er mich ansah. »Sie ruht jetzt, Mr. Fisher«, antwortete er ruhig, »sie hat zwar noch ziemliche Schmerzen, wird aber durchkommen.« Ich wurde auf einmal ganz schlaff, meine Erregung schwand dahin. Ich sank kraftlos in meinen Sessel und bedeckte mein Gesicht mit den Händen. Diesmal war mein Gebet erhört worden. Ich fühlte die Hände des Arztes auf meiner Schulter und sah zu ihm auf. »Darf ich jetzt zu ihr, Herr Doktor?«

»Jetzt noch nicht«, sagte er kopfschüttelnd, und sein Gesicht wurde sehr ernst. »Mr. Fisher, wir haben eine ganz schwache Aussicht, Ihrem Sohn das Leben zu retten, wenn wir einen Blutspender der richtigen Blutgruppe finden können.«

Ich sprang auf. Ich hatte ihn wohl nicht richtig verstanden. »Was meinen Sie, Herr Doktor?«

Er blickte mir in die Augen. »Das Kind hat keine schwereren Verletzungen erlitten, vielleicht weil es eine Frühgeburt war und er daher noch sehr klein ist, aber es hat einen ziemlichen Blutverlust gehabt. Wenn wir imstande sind, das Blut früh genug zu ersetzen, dann hat es die besten Aussichten durchzukommen.«

Ich zog ihn heftig am Arm. »Kommen Sie rasch«, sagte ich eifrig, »ich hab mehr als genug Blut.«

Er schüttelte wieder den Kopf. »Ich fürchte, Ihr Blut wird uns nichts nützen«, erklärte er, »ein schwacher Rhesus-Faktor spielt dabei eine Rolle, und Ihr Blut wird damit nicht übereinstimmen. Die Blutgruppe, die wir brauchen, kommt unter tausend Blutspendern vielleicht einmal vor. Ich habe bereits einen Aufruf durchsagen lassen. Alles hängt jetzt davon ab, wie schnell wir ihn hierherbekommen können.«

Ich versank aufs neue in abgrundtiefe Verzweiflung. Kein Glück! Ich lehnte mich in den Sessel zurück, während der Arzt mit seinen Erklärungen fortfuhr. »Die einzige Chance für Ihr Kind wäre höchstens ein Kaiserschnitt mit einer kompletten Bluttransfusion gewesen.«

Das war kein Trost. Mein Sohn lebte und hatte eine Chance. Nur das zählte! Die Verzweiflung drang mir durch Haut und Knochen wie ein körperlicher Schmerz.

Doch jetzt klang mir Zeps Stimme wie die schönste Musik in den Ohren. »Vielleicht paßt mein Blut dazu, Herr Doktor.« Ich sah ihn dankbar an und wieder zum Arzt zurück. »Vielleicht«, sagte der Arzt müde, »kommen Sie mit, wir werden ja sehen.« Er blickte sich im Zimmer um. »Wenn jemand von Ihnen mitkommen will, um sich testen zu lassen, dann bitte sich anzuschließen.« Wir folgten ihm alle. Mimi half Sam in einen Sessel, während wir andern auf den Korridor traten. Nach einigen Schritten kamen wir zu einem kleinen Laboratorium, in dem sich eine Schwester aufhielt, die in einer Zeitung las. Als wir eintraten, erhob sie sich rasch. »Stellen Sie sofort die Blutgruppen dieser Leute fest, Schwester«, sagte der Arzt.

»Gewiß, Herr Doktor«, erwiderte sie und machte sich bereits an dem Tisch zu schaffen.

Ich sah zu, wie sie die Glasplättchen vorbereitete und in die Nähe des Mikroskops legte. Nachdem allen Blut abgenommen worden war, schob sie eins der Plättchen geschickt unter die Linse. »Ich sehe mir's selbst an, Schwester«, sagte der Arzt rasch. Sie trat beiseite. Der Arzt beugte sich hinunter und spähte durch das Mikroskop. Er schüttelte den Kopf, und sie schob das nächste Plättchen unter die Linse. Ich hielt den Atem an, bis er alle angesehen hatte. Dann richtete er sich auf und schüttelte den Kopf. »Nichts, Herr Doktor?« fragte ich hoffnungslos. Er blickte sich im Zimmer um. Meine Eltern, Zep und seine Mutter sahen ihn gespannt an. Dann wandte er sich zurück. »Tut mir leid, Mr. Fisher«, sagte er aufrichtig, »niemand von den Anwesenden hat die richtige Blutgruppe. Es bleibt uns daher nichts übrig, als zu warten, bis der richtige Blutspender hier eintrifft.«

»Dann kann es schon zu spät sein«, sagte ci h leise, »mein Sohn könnte. könnte.« Zum erstenmal hatte ich die Worte ausgesprochen: mein Sohn. Aber ich konnte den Satz nicht beenden. Voll Mitgefühl legte der Arzt seine Hand auf meinen Arm. »Wir können bloß hoffen, daß er bald kommt«, sagte er tröstend, »er kann jede Minute hier sein.«

Die Türe öffnete sich jetzt, und ich drehte mich hoffnungsfroh um. Doch gleich darauf sank mein Herz wieder in den tiefsten Abgrund. Es war bloß Sam.

Schwerfällig schob er sich ins Zimmer. Auf seinem Kinn befand sich eine riesige Beule, die sich bereits schwarz verfärbte. Mimi folgte ihm auf dem Fuß. Er sah mich einen Moment verlegen an, dann wandte er sich an den Arzt. »Herr Doktor«, sagte er mit rauher Stimme, »in der Blutbank hat man mir gesagt, daß ich einer sehr seltenen Blutgruppe angehöre. Vielleicht ist's gerade die, die Sie suchen.«

»Das werden wir gleich haben«, sagte der Arzt und winkte der Schwester.

Ich sah Sam eine Sekunde starr an, dann stürzte ich an ihm vorbei auf den Korridor. Die Türe des Laboratoriums schloß sich hinter mir. Es hatte keinen Sinn, länger dort drinzubleiben, von Sam kam mir bestimmt nichts Gutes. Er hatte mir immer nur Unglück gebracht, vom ersten Moment an, da ich ihn gesehen hatte. »Danny! Danny«, rief Zep aufgeregt hinter mir. Er lief durch den

Korridor auf mich zu, sein dunkles Gesicht zuckte vor Erregung.

»Der Arzt sagt, Sam hat die richtige Blutgruppe!«

Ich starrte ihn an und konnte meinen Ohren nicht trauen.

Eine halbe Stunde später betrat der Arzt das Wartezimmer, in dem wir uns noch immer aufhielten. Er trat lächelnd auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen. »Ich glaube, Mr. Fisher, Sie werden jetzt doch Zigaretten verteilen müssen«, sagte er, »ich gratuliere!« Durch den Tränenschleier vor meinen Augen vermochte ich sein Gesicht kaum zu sehen. »Danke, Herr Doktor«, sagte ich inbrünstig, »danke!«

Der Arzt lächelte wieder. »Danken Sie nicht mir«, sagte er rasch, »danken Sie Gott und Ihrem Schwager, weil er hier war! In Anbetracht des Rhesus-Faktors grenzt es übrigens an ein Wunder, daß die Schwangerschaft sieben Monate gehalten hat.« Meine Schwiegermutter begann vor Glück zu weinen. Zep umarmte sie. Mama, Papa und Mimi drängten sich um mich. Mimi umarmte mich und küßte mich auf die Wange. Meine Tränen befeuchteten ihr Gesicht. Nichts war noch von Bedeutung - nichts als das unendliche Glück dieses Augenblicks.

Ich wandte mich wieder an den Arzt. »Darf ich meine Frau jetzt sehen, Herr Doktor?«

Er nickte. »Aber nur ein paar Minuten«, sagte er warnend, »sie ist noch immer sehr schwach«

Die Schwester, die neben ihrem Bett saß, erhob sich rasch, als ich das Zimmer betrat. Dann hörte ich, wie sich die Türe leise hinter ihr schloß. Ich starrte auf das Bett. Zwischen den weißen Decken war nur Nellies Gesicht und ihr blauschwarzes Haar sichtbar, das in schweren Flechten über die Kissen fiel. Ihre Augen waren geschlossen. Sie schien zu schlafen.

Ich trat an das Bett heran und setzte mich neben sie. Ich wagte kaum zu atmen, denn ich hatte Angst, sie zu stören. Aber irgendwie mußte sie gefühlt haben, daß ich bei ihr war. Ihre Lider flatterten, und sie öffnete ihre sanften dunkelbraunen Augen. Ihre Lippen bewegten sich kaum. »Danny.« Sie versuchte zu lächeln. Ich legte meine Hand auf die Stelle der Decke, unter der sich ihre Hand abzeichnete. »Bemühe dich nicht, mit mir zu sprechen, Baby«, sagte ich leise, »jetzt ist ja alles in Ordnung.«

»Auch das Baby?« Ihre Stimme war ganz schwach, doch voll Besorgnis.

Ich nickte. »Es ist einfach vollkommen«, sagte ich, »alles ist jetzt vollkommen. Mach dir nur keine Sorgen mehr, ruh dich bloß aus und werde rasch wieder gesund.«

Tränen traten ihr in die Augen. »Ich hätte beinahe alles verdorben, nicht wahr?« fragte sie.

Ich preßte mein Gesicht an ihre Wange. »Nein«, sagte ich, »ich war an allem schuld, denn du hast recht gehabt. Ich hätte gestern nicht weggehen dürfen.«

Sie versuchte den Kopf abwehrend zu schütteln, aber die Anstrengungwar zu groß. Sie schloß müde die Augen. »Nein«, flüsterte sie, »es war meine Schuld. Ich hätte mir denken können, daß du nach Hause gekommen wärest, hätte dich nicht etwas verhindert. Aber ich habe immer nur daran gedacht, was ich damals gelitten habe, als du mich zum erstenmal verließest, und ich konnte den Gedanken einfach nicht ertragen, ohne dich zu leben. Ich hatte deinetwegen ein so furchtbares Vorgefühl«, Tränen rollten über ihre Wangen, »daß dir etwas Schreckliches zustoßen würde. uns zustoßen würde. und daß ich dann allein bleiben müßte.«

»Denk jetzt nicht mehr dran, wir werden uns nie wieder voneinander trennen«, sagte ich feierlich, »was jetzt auch geschehen mag, wir werden immer unsern Jungen bei uns haben.« Sie öffnete die Augen und sah mich an. »Hast du ihn schon gesehen, Danny?« fragte sie beinahe scheu, »wie sieht er aus?« Der Arzt hatte mich nur einen flüchtigen Blick auf das Kind werfen lassen, als wir hier heraufkamen. Er war beim Kindertrakt stehengeblieben, um mich in den Inkubator schauen zu lassen. Nellie betrachtete mich liebevoll, und ich bemerkte, daß ein Hauch von Farbe in ihre Wangen stieg.

»Er ist kleinwinzig und furchtbar lieb«, sagte ich lächelnd und fügte leise hinzu, »genauso wie seine Mama.«

Als ich zum Wartezimmer zurückkehrte, drang aufgeregtes Stimmengewirr heraus. Und nachdem ich eingetreten war, griffen alle voll freudiger Erregung nach meinen Händen. »Viel Glück, Danny!« sagte mein Vater mit frohem Lächeln. Alle drängten sich um mich, und alle sprachen gleichzeitig. Meine Schwiegermutter ergriff meine andre Hand und gab mir einen schallenden Kuß auf die Wange. Ich grinste sie freudestrahlend an. Irgendwie hatte mein Vater eine Flasche Whisky aufgetrieben, und ietzt standen wir in einem kleinen Halbkreis, und der Alkohol machte in den Papierbechern ein leise gluckerndes Geräusch. Mein Vater brachte einen Toast aus.

»Auf deinen Sohn!« sagte er und blickte mich voll Stolz an, »auf daß er immer glücklich sei! Und auf deine Frau, auf daß sie immer nur Freude an ihm habe! Und auf dich, mein Sohn, mögest du immer so stolz auf ihn sein. wie ich es auf dich bin!« Tränen standen in meinen Augen, die nicht der Whisky verursacht hatte. Denn ich hatte lange darauf warten müssen, ehe mein Vater das aussprach. Vielleicht verdiente ich es in Wirklichkeit nicht, ich wollte diese Worte aber dennoch hören.

Papa hob seinen Becher nochmals und wandte sich zu Sam. »Und auf meinen zweiten Sohn«, sagte er bedächtig, »der einen alten Mann dazu brachte, endlich einzusehen, wie unrecht er getan, und dem ich jetzt noch tiefer zu Dank verpflichtet bin, weil er sein Blut geopfert hat!«

Ich war etwas verblüfft. »Was meinst du damit, Pa?« fragte ich. Papa sah mich an. »Sam hat so lange mit mir gestritten, bis er mir zum Bewußtsein brachte, was ich verschuldet habe. Er hat mich davon überzeugt, daß ich ein Narr gewesen war, und er brachte mich auch dazu, zu dir zu gehen.«

Ich starrte Sam an, und er errötete. Papas Stimme schien aus einer ungeheuren Entfernung zu mir zu dringen. »Und jetzt hat er auch noch das Leben deines Sohnes gerettet. Wir haben ihm beide unendlich viel zu verdanken. Ich, weil er dich mir zurückgegeben hat, und du, weil er deinem Sohn das Leben schenkte.« Papa lachte unmerklich. »Unendlich viel«, wiederholte er, »in früheren Zeiten hätte es ein Mann auf gleiche Weise zurückzahlen müssen. Er hätte ein Anrecht auf unser Blut, selbst auf unser Leben, wenn er es so wollte.« Ich trat näher zu Sam, und ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit überwältigte mich. Mein Vater sprach weiter. »Jetzt, da du selbst einen Sohn hast, Danny, wirst du das Leid kennenlernen, das deine eigenen Taten verschulden. Selbst die kleinen Dinge, von denen du glaubst, sie könnten niemandem wehtun, werden ihn schmerzen, und damit auch dich. Mögest du nie den Schmerz kennenlernen, den ich erleiden mußte, diese unsägliche Qual, daß dein eigenes Kind für deine Fehler bezahlen muß.« Papa hatte recht. Vielleicht werde ich nie für das bezahlen müssen, was ich getan habe, aber doch mein Sohn. Ich starrte Sam noch immer an. Er lächelte. Und dann erinnerte ich mich! Irgendwo lauerte Fields auf ihn. Und ich hatte diesen üblen Handel abgeschlossen! Gedanken rasten mir durch den Kopf. Es muß einen Weg geben, es rückgängig zu machen!

Ich blickte hastig auf die Uhr an der Wand des Wartezimmers. Es war nach zehn. Ich mußte Maxie erreichen und alles widerrufen. Ich mußte!! »Ich muß telefonieren«, sagte ich

verstört und eilte aus dem Wartezimmer.

Im Korridor befand sich eine Telefonzelle. Ich stürzte hinein und wählte hastig Fields Nummer.

Das Telefon läutete einige Male, ehe sich jemand meldete. Es war eine Frauenstimme.

»Kann ich Maxie Fields sprechen?« fragte ich rasch. »Er ist nicht hier«, antwortete eine müde Stimme. »Wer spricht?«

»Danny Fisher«, sagte ich, »wissen Sie, wo er ist? Ich muß ihn finden!«

»Danny!« rief die Stimme. »Ja, du mußt ihn finden! Hier spricht Ronnie. Du darfst ihn das nicht tun lassen! Sam war dein einziger Freund! Er war es, der damals, als du zurückkamst, Maxie dazu brachte, die Hände von dir zu lassen. Sam hatte geschworen, ihn zu töten, sollte er je Hand an dich legen!«

Ich schloß müde die Augen. »Und ich dachte, du bist's gewesen«, sagte ich.

»Nein«, antwortete sie, »auf mich hätte er nie gehört. Ich kam zurück, weil Ben erkrankte und ich das Geld brauchte. Aber es half nichts. Er ist dennoch gestorben.«

»Sarah, das tut mir aufrichtig leid.«

Ich weiß nicht, ob sie mich hörte, weil die weiteren Worte wie eine Flut aus ihrem Munde hervorbrachen. Sie sprach wieder von Sam von Sam und mir. »Du darfst es nicht zugeben, daß er Sam etwas antut, Danny. Du darfst nicht! Sam war es, der verhindert hat, daß Maxie sich in dein Geschäft eindrängt. Er überredete Lombardi, Maxie zu sagen, daß er sich zurückziehen müsse, weil er selbst sich dafür interessiere. Und dagegen konnte Maxie nichts tun. Er war wütend. Du weißt ja nicht, wie abgrundtief schlecht und verworfen er ist. Du mußt ihn davon abbringen, Danny!«

»Das will ich doch, Sarah«, sagte ich ungestüm, »hör mich jetzt an. Hast du eine Ahnung, wo ich ihn finden kann?«

»Er sagte etwas davon, daß er nach Brooklyn fahren will«, antwortete sie. »Er meinte, Sam werde wahrscheinlich heute abend in deinem neuen Haus auftauchen.« Ich sank in der Zelle zusammen. Das bedeutete wahrscheinlich, daß er Sam in der Nähe meines Hauses auflauerte. Und wenn Sam vom Krankenhaus hinfuhr, dann war er verloren. Ich starrte wie betäubt auf das Telefon. Jetzt blieb mir nur ein einziger Ausweg. Nach Hause fahren, ehe irgend jemand andrer es tat. »Okay, Sarah«, sagte ich langsam und legte den Hörer auf die Gabel. Ich verließ die Telefonzelle und kehrte in das Wartezimmer zurück.

Ich ging auf Sam zu und versuchte so gleichgültig wie möglich zu sprechen. »Kann ich mir deinen Wagen für ein paar Minuten ausleihen, Sam?« fragte ich. »Nellie hat mich gebeten, ihr von zu Hause verschiedene Sachen zu bringen, und mein Wagen steht noch immer am Flughafen.«

»Ich fahr dich 'rüber, mein Junge«, erbot er sich. »Nein, nein«, sagte ich hastig, »du bist noch von der Blutentnahme geschwächt. Ruh dich noch eine Weile aus. Ich bin in zwanzig Minuten zurück.«

Er holte den Wagenschlüssel aus seiner Tasche und reichte ihn mir lächelnd. »Okay, Champion.«

Plötzlich sah ich ihm in die Augen. Seit Jahren hatte er mich nicht mehr so genannt. Und nun bemerkte ich auch die Wärme in seinem Blick.

»Alles okay, Champ?« fragte er. Nur wir beide wußten, was diese Worte bedeuteten. Eine ganze Welt lag darin. Ich ergriff seine Hand. »Alles ist okay, Champ«, antwortete ich. Er erwiderte meinen Händedruck, und ich sah auf unsre Hände hinab. Sie hielten einander fest umschlossen. Merkwürdig, wie ähnlich unsre Hände waren - dieselbe Form, dieselbe Bildung der Finger. Ich blickte ihm wieder ins Gesicht. Er sah mich mit Wärme an, und ich liebte ihn. Er war all das, was ich immer sein wollte. Und so war es immer gewesen. Was immer ich getan hatte, stets versuchte ich ihm gleichzukommen. Ich lächelte, als ich langsam zu verstehen begann. »Alles ist okay, Champ«, wiederholte ich, »danke, Sam, danke für alles.« Damit nahm ich den Wagenschlüssel aus seiner Hand und eilte auf die Tür zu.

Mein Vater hielt mich zurück. »Fahr vorsichtig, Danny«, ermahnte er mich, »wir möchten nicht, daß dir etwas zustößt.«

»Mir wird nichts zustoßen, Papa«, antwortete ich, »und wenn, dann gibt's kein Bedauern. Ich hab alles vom Leben gehabt, was man haben kann. Ich habe mich weder zu beklagen noch gegen etwas aufzulehnen.«

Papa nickte. »Es ist gut, Danny, daß du so denkst«, sagte er feierlich. »Fahr dennoch vorsichtig. Du bist noch immer aufgeregt, weil du jetzt einen Sohn hast.«

Der starke Motor des kanariengelben Cadillac-Kabrioletts summte leise, als ich den Wagen heimwärts lenkte. Es freute mich, Sams Wagen zu fahren, denn das erleichterte es mir wesentlich, Maxie zu finden, da er nach diesem Wagen Ausschau hielt. Ich machte mir seinetwegen keine Sorgen. Ich würde schon einen Weg finden, ihn umzustimmen.

Ich brauste über den Linden-Boulevard nach Kings Highway und bog dann nach Clarendon ab. Bei Clarendon fuhr ich rechts herum und steuerte den Wagen auf meine Straße zu. Ich blickte in den Rückspiegel. Hinter mir blinkte ein Wagen mit den Scheinwerfern. Er wollte vorfahren. Ich lachte vor mich hin und trat mit dem Fuß kräftig auf das Gaspedal. Ich hatte gleichfalls Eile. Der schwere Motor reagierte unverzüglich auf meinen Druck, und wir brausten durch die nächtliche Straße. Ich sah wieder in den Rückspiegel. Der andre Wagen kam langsam näher. Plötzlich kam mir eine Idee: Maxie hatte Sams Wagen vom Krankenhaus aus verfolgt.

Ich nahm meinen Fuß vom Gas weg, und der Wagen verringerte sein Tempo auf fünfzig. Der andre Wagen holte rasch auf. Ich blickte aus dem Fenster. Ja, ich hatte recht gehabt. Aus dem andern Wagen sah mich Spit starr an. Ich grinste ihm zu und winkte mit der Hand. Dann sah ich die Maschinenpistole in seiner Hand. Er hob sie ganz langsam.

»Spit!« schrie ich ihm zu, »ich bin's doch, Danny! Das Ganze gilt nicht mehr!«

Die Maschinenpistole hob sich noch mehr. Ich schrie ihn nochmals zu: »Spit, du verrücktes Aas! Ich bin's, Danny!« Da bemerkte ich, wie er eine Sekunde zögerte. Er wandte den Kopf zum Rücksitz hin, und ich sah, daß er die Lippen bewegte. Ich warf rasch einen Blick über ihn hinweg nach hinten, vermochte aber nichts andres zu erkennen als das schwache Glimmen einer Zigarre. Spit drehte sich wieder um, und die Maschinenpistole begann sich wieder zu heben. Da fielen mir Maxies Worte ein: »Aber diesmal gibt's kein Zurück.« Und Maxie saß im Rücksitz. Mir blieb nur noch eines. Ich trat aufs Gas, während die Maschinenpistole Feuer spie. Ich fühlte plötzlich einen durchdringenden Schmerz, der mich vom Lenkrad wegzureißen schien. Verzweifelt griff ich danach, in dem Wunsch, mich daran festzuklammern. Eine kurze Sekunde war ich wie geblendet; dann klärte sich mein Blick. Der Wagen holperte wie verrückt durch die nächtliche Straße. Ich blickte zu Spit hinüber. Er grinste! Da packte mich eine entsetzliche Wut. Haß auf ihn und all das, was ich gewesen war, stieg mir heiß und klebrig wie Blut in die Kehle. Da hob er die Maschinenpistole nochmals.

Ich blickte über seinen Wagen hinweg zur Straßenecke. Es war schon meine Ecke, meine Straße. Ich sah mein Haus. Dort stand es, und in einem Fenster brannte Licht, das wir bei unserer überstürzten Abfahrt auszuschalten vergessen hatten. Wenn ich bis nach Hause käme, dann wäre ich in Sicherheit. Dort wäre ich für immer geborgen, das wußte ich.

Mit aller Kraft drehte ich das Lenkrad, um in meine Straße einzubiegen. Dxh Maxies Wagen war mir im Weg. Trotzdem schlug ich das Lenkrad ein. Da sah ich, wie sich Spits Gesicht in Todesangst verzerrte. Funken sprühten aus der Maschinenpistole, aber ich fühlte nichts. Er mußte mir ausweichen, sonst würde ich einfach in ihn hineinfahren! Ich spürte, wie die Räder blockierten, aber das war mir egal. Ich wollte heim.

Plötzlich sah ich einen grellen Lichtschein und spürte, wie der Wagen durch die Luft sauste. Ich holte tief Atem und erwartete das Krachen und Splittern. Doch es blieb aus.

Statt dessen war ich ein kleiner Junge, der in einem Möbelwagen saß und in eine fremde Umgebung fuhr. Ich hörte, wie der Kies unter den Rädern knirschte. Es war helles strahlendes Tageslicht, und das vermochte ich nicht zu verstehen.

Etwas war schiefgegangen. Die Zeit war aus den Fugen geraten. Ich schlug mich wie verrückt mit diesem Gedanken herum. Es konnte nicht wahr sein. Derartige Dinge geschehen nicht. Ich war wieder am Urbeginn meiner Erinnerungen.

Dann verschwand der ganze Spuk, und ich fühlte, wie das Lenkrad zersplitterte. Einen Moment blickte ich wie betäubt auf meine Hände, die sich an die Bruchstücke des Lenkrades klammerten, das keines mehr war, im nächsten Augenblick stürzte ich in eine ferne drohende Finsternis.

Irgendwo, tief verborgen in der stummen regungslosen Dunkelheit, rief jemand meinen Namen. Er hallte dumpf und metallisch in meinem Kopf, und die Silben rollten auf mich zu wie Meereswogen. »Danny Fisher. Danny Fisher.« Immer wieder vernahm ich die Stimme, die mich rief. Doch irgendwie wußte ich, daß ich auf diese Töne nicht hören durfte. Verzweifelt kämpfte ich dagegen an. Ich mühte mich ab und verschloß meine Gedanken vor diesen Tönen. Plötzlich durchfuhr mich ein wilder Schmerz. Ich straffte mich, überwältigt von Qual.

Der Schmerz wurde immer heftiger, und doch.. es war nichts Physisches, das ich fühlte. Es war eine vage körperlose Qual, in der ich dahintrieb, wie in der Luft, die ich einst geatmet hatte. Geatmet hatte? Wieso habe ich das gedacht? Der Schmerz kam wieder, er durchdrang mein ganzes Bewußtsein, und die Frage war vergessen. Ich hörte meine eigene Stimme, sie schrie irgendwo in weiter Ferne. Dieser Schrei grenzenloser Qual hallte in meinen Ohren. Langsam glitt ich wieder in die Finsternis zurück. »Danny Fisher, Danny Fisher.« Jetzt vernahm ich die seltsam beruhigende Stimme wieder. Sie war weich und sanft und klang wie die Verheißung von Ruhe und Frieden und der Erlösung von aller Pein. Und dennoch kämpfte ich mit einer Kraft dagegen an, die ich nie zuvor gegen irgend etwas aufgewendet hatte. Und wieder schwand die Stimme aus meinem Bewußtsein, und der Schmerz kehrte zurück.

Wie süß kann diese Schmerzempfindung sein, wenn jedes andre Gefühl deinen Körper verlassen hat! Wie sehnsüchtig klammerst du dich an diese Qual, die dich an die Erde bindet! Du atmest den Schmerz, als wäre er die köstlichste Luft, du trinkst ihn mit jeder Faser deines dürstenden Seins. Du sehnst dich nach dieser Qual, weil sie Leben bedeutet.

In meinem Innern brannte der Schmerz. Der geliebte Schmerz, an den ich mich klammerte. Ich hörte meine Stimme in weiter Ferne, die in wildem Protest aufheulte, und die Qual machte mich glücklich. Begierig streckte ich meine Hände nach ihr aus, konnte sie aber nicht fassen, sie entschlüpfte mir wieder, und ich tauchte zurück in die stille besänftigende Finsternis.

Die Stimme war jetzt dicht neben mir. »Warum wehrst du dich gegen mich, Danny Fisher?« fragte sie vorwurfsvoll, »ich bin gekommen, um dir Frieden zu bringen.«

»Ich will keinen Frieden!« schrie ich verzweifelt, »ich will leben!«

»Aber leben heißt leiden, Danny Fisher.« Die Stimme war tief und warm, wohltönend und trostreich. »Das müßtest du jetzt doch schon wissen.«

»Dann geh! Und laß mich leiden«, schrie ich, »ich will leben. Es gibt noch so viele Dinge, die ich tun will!«

»Was bleibt dir denn noch zu tun übrig?« fragte die Stimme in gelassener Ruhe. »Denk an das, was du vor wenigen Minuten gesagt hast. Erinnere dich der Worte, die du zu deinem Vater sagtest: >Es gibt kein Bedauern. Ich habe alles vom Leben gehabt, was man haben kann. Ich habe mich weder zu beklagen noch gegen etwas aufzulehnen. <«

»Ach, die Menschen sagen so viele Dinge, die sie nicht wirklich meinen«, rief ich verzweifelt. »Ich muß leben. Nellie hat gesagt, daß sie ohne mich nicht leben kann. Und mein Sohn braucht mich.« Die Stimme war weise und nachsichtig wie die Zeit. Sie hallte dumpf durch meinen Sinn. »Glaubst du das wirklich, Danny Fisher, wie?« fragte sie ruhig. »Du wirst doch bestimmt wissen, daß das Leben für die andern wegen eines Mitmenschen nicht aufhört.«

»Dann will ich um meiner selbst willen leben«, rief ich weinend, »ich will die harte Erde unter meinen Füßen spüren, ich will das Glück kosten, das mir meine geliebte Frau schenkt, und mich am Heranwachsen meines Sohnes erfreuen.«

»Wenn du weiterleben würdest, Danny Fisher«, sagte die Stimme unerbittlich, »dann könntest du nichts von all dem genießen. Der Körper, der dir gegeben wurde, ist unheilbar zerschmettert. Du würdest nicht sehen, nicht fühlen, nicht schmecken. Du wärest nichts als eine Hülle, die ein lebender Organismus geblieben ist, eine dauernde Bürde und Qual für die, die du liebst.«

»Aber ich will leben!« schrie ich und wehrte mich mit aller Kraft gegen die Stimme. Ich fühlte, wie der Schmerz in meinen Körper zurückkehrte.

Ich hieß ihn willkommen, wie eine Frau den langentbehrten

Geliebten. Ich gab mich ihm hin und ließ ihn freudig in mich ein. Ich fühlte, wie die ersehnte Qual meinen ganzen Körper durchflutete, so wie das rote Blut den ganzen Körper durchfließt. Einen Augenblick lang war alles klar, und ich vermochte im hellsten Licht wieder zu sehen. Ich sah mich selbst, zerfetzt, verstümmelt und verunstaltet. Hände streckten sich mir entgegen, hielten aber bei dem furchtbaren Anblick, den ich bot, von Grauen geschüttelt inne. So sah mein Körper also jetzt aus, und so würden mich die Menschen von nun an ansehen.

Ich fühlte, wie sich die Tränen meines Grams mit den Schmerzen, die mich folterten, vereinten. War denn nichts mehr von mir übriggeblieben, was das Herz eines ändern erfreuen konnte? Ich blickte scharf auf mich hinab. Mein Gesicht war unverletzt. Es war still und friedlich. Selbst der Abglanz eines Lächelns lag noch auf meinen Lippen. Ich blickte noch schärfer hin.

Meine Lider waren geschlossen, ich vermochte jedoch dahinter zu sehen. Leere Höhlen starrten mich an. Von Grauen gepackt, wandte ich mich vor mir selbst ab. Meine Tränen strömten und spülten diese neue unbekannte Pein hinweg.

Während das Licht verblaßte und die Finsternis zurückkehrte, verschwand auch der Schmerz. Die Stimme war wieder dicht an meiner Bewußtseinsschwelle.

»Nun, Danny Fisher«, sagte sie teilnehmend, »willst du mir jetzt erlauben, dir zu helfen?« Ich verbannte die Tränen aus meinem Bewußtsein. Mein ganzes Leben hatte immer wieder aus Übereinkommen bestanden. Jetzt war die Zeit gekommen, noch ein letztes Mal ein Übereinkommen zu treffen. »Ja«, flüsterte ich, »ich will mir von dir helfen lassenwenn du meinen Körper wieder so unversehrt erscheinen läßt, daß sich meine Lieben nicht voll Entsetzen und Abscheu von mir wenden.«

»Das kann ich tun«, erwiderte die Stimme ruhig. Irgendwie hatte ich gewußt, daß es geschehen würde, ich hätte nicht darum bitten müssen. »Dann hilf mir, bitte«, sagte ich, »und ich will zufrieden sein.«

Auf einmal umgab mich liebevollste Wärme. »Dann ruhe, Danny Fisher«, sagte die Stimme mild, »gib dich der stillen friedvollen Dunkelheit hin und fürchte dich nicht. Es ist nicht anders, als schliefest du ein.«

Ich überließ mich vertrauensvoll der Dunkelheit. Es war eine freundliche, gute Dunkelheit, und in ihr fand ich die Liebe und die Wärme aller jener, die ich gekannt. Es war wirklich so, als schliefe man ein.

Die Dunkelheit umhüllte mich wie sanft gleitende Wolken. Die Erinnerung an Schmerz und Qual war nur noch schwach und weit entrückt, und bald schwand auch die letzte Spur von ihr daran. Jetzt wußte ich, weshalb ich nie zuvor Frieden gekannt hatte. Ich war zufrieden.

Einen Stein für Danny Fisher

Du legst den Stein hastig auf das Grabmal und stehst nun feierlich da, die blauen Augen weit geöffnet. In dir lebt ein schwaches, aber wachsendes Mißtrauen. Dein Vater.

In deiner Erinnerung habe ich keine Gestalt, und du hast keine klare Vorstellung von mir. Ich bin nichts als ein Wort, ein Bild auf dem Kaminsims, ein flüchtiger Laut auf den Lippen andrer Menschen. Denn du hast mich nie gesehen, und ich sah dich nur einmal. Wie soll ich dich gewinnen, mein Sohn, wie soll ich es erreichen, daß du mich hörst, wenn selbst meine Stimme deinen Ohren fremd ist? Ich weine, mein Sohn, um des Lebens willen, das ich dir gegeben habe und nicht mit dir teilen kann. Alle Freuden, alle Schmerzen, ich kann sie nicht mit dir teilen, wie sie mein Vater mit mir geteilt hat.

Obwohl ich dir das Leben gab, gabst du mir weit mehr. In dem kurzen Augenblick, den wir teilten, lernte ich viele Dinge. Ich lernte meinen Vater wieder lieben, seine Gefühle verstehen, seine Freuden und auch seine Unzulänglichkeiten. Denn all das, was ich ihm bedeutete, das warst du mir in einem kurzen Augenblick. Ich hab dich nie auf meinem Arm gehalten und an mein Herz gedrückt, und doch fühle ich all diese Dinge. Hast du dich verletzt, dann fühle ich deinen Schmerz; hast du Kummer, dann teile ich deine Tränen, und wenn du lachst, zieht Freude in mich ein. Alles war ja einmal ein Teil von mir. dein Blut, dein Gebein, dein Fleisch.

Du bist ein Teil des Traums, den ich geträumt und der noch immer währt. Du bist der Beweis, daß ich gelebt habe und auch einmal über die Erde ging. Du bist mein Vermächtnis an die Welt, das kostbarste Gut, das ich zu verschenken hatte. Mit dir

verglichen, ist alles andre wertlos.

In deiner Zeit wird's viele Wunder geben. Die entferntesten Winkel der Erde werden in wenigen Stunden zu erreichen sein; des Ozeans tiefste Tiefe, der Gipfel des höchsten Berges, ja vielleicht die Sterne selbst werden dir nicht unerreichbar sein. Und doch, all diese Wunder sind nichts, verglichen mit dem Wunder deines Seins. Denn du bist das Bindeglied, das mich mit dem Morgen verknüpft, das Glied einer Kette, die sich vom Anbeginn aller Zeiten bis zur nimmer endenden Zeit erstreckt. Und doch liegt etwas Seltsames darin.

Wir teilen nichts miteinander als einen flüchtigen Augenblick, den Augenblick deiner Erweckung - und so kennst du mich nicht. »Wie bist du eigentlich, mein Vater?« fragst du in der Tiefe deines Herzens. Schließe beide Augen, mein Sohn, ich will versuchen, dir's zu sagen. Verschließe deine Augen nur einen Moment vor der strahlenden grünen Welt und versuche mich zu hören. Jetzt bist du ganz still. Deine Augen sind geschlossen, dein Gesicht ist blaß, und du beginnst zu lauschen. Der Ton meiner Stimme ist in deinen Ohren wie die Stimme eines Fremden, und doch, in den geheimsten Tiefen deines Herzens weißt du, wer ich bin. Meine Gesichtszüge werden nie klar vor deinen Augen stehen, du wirst dich ihrer aber doch erinnern. Denn eines Tages, zu irgendeiner Zeit, wirst du von mir sprechen. Und in deiner Stimme wird die Trauer mitschwingen, daß wir einander nie gekannt haben. Und aus dieser Trauer wird gleichzeitig eine gewisse Befriedigung zu hören sein, die von dem Wissen herrührt, daß alles, was du bist, von mir stammt. All das, was du dereinst deinem Sohne geben wirst, entsprang aus mir, wie das, was mein Vater mir vererbte und zuvor sein Vater ihm.

Höre mich, mein Sohn, und erkenne deinen Vater. Wenn die Erinnerung an einen Menschen auch allzu vergänglich ist, das Leben nur ein flüchtiger Augenblick, so ist er dennoch unsterblich wie die Sterne.

Einst atmete ich die Luft, die heute du atmest, einst fühlte ich die sanfte Nachgiebigkeit der Erde unter meinen Füßen. Einst raste deine Leidenschaft durch meine Adern, und dein Kummer ließ die Tränen durch meine Augen fließen. Denn einst war ich ein Mensch wie du.

Mein Sohn, ich war ein alltäglicher Mensch, einer von vielen, mit alltäglichen Hoffnungen, alltäglichen Träumen und alltäglichen Befürchtungen.

Auch ich habe von Reichtum und Luxus, von Gesundheit und Kraft geträumt.

Auch ich habe Armut und Hunger, Krieg und Gebrechlichkeit gefürchtet.

Ich war der Nachbar, der im Haus nebenan wohnt. Der Mann, der auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn steht; der ein Streichholz an eine Zigarette hält; der mit seinem Hund spazierengeht. Ich war der Soldat, den die Angst schüttelt; der Mann, der mit dem Schiedsrichter bei einem Ballspiel Streit bekommt; der Staatsbürger, der in der Verborgenheit der Wahlzelle höchst befriedigt einen wertlosen Kandidaten wählt.

Ich war der Mann, der tausendfach gelebt hat und tausendfach gestorben ist, in den sechstausend Jahren, die die Menschen aufgezeichnet haben. Ich war der Mann, der mit Noah in der Arche fuhr, ich gehörte der Menge an, die das Meer durchschritt, das Moses teilte, ich war der Mann, der neben Christus am Kreuze hing. Ich war der Dutzendmensch, den nie ein Lied besingt, den keine Geschichte rühmt, von dem keine Legende berichtet. Doch ich bin der Mann, der in kommenden lausenden Jahren weiterleben wird. Denn ich bin der Mann, der den geringen Gewinn ernten und für die vielen Irrtümer bezahlen wird, die die Großen der Welt begehen.

Diese Großen liegen einsam in ihren Grüften, unter mächtigen Monumenten, denn man erinnert sich ihrer nicht um ihrer selbst willen, sondern ihrer Tagen wegen.

Alle jedoch, die um ihre Lieben weinen, weinen auch um mich. Und immer, wenn jemand trauert, trauert er auch um mich. Du öffnest langsam deine Augen und siehst verwundert auf die sechs Steine auf meinem Grab. Jetzt weißt du alles, mein Sohn. So war dein Vater. Die Arme deiner Mutter umfassen dich, doch du starrst noch immer auf die Steine. Deine Finger deuten auf die Worte, die hinter ihnen in das Grabmal eingemeißelt sind. Ihre Lippen bewegen sich leise, während sie dir die Worte vorliest. Höre aufmerksam zu, mein Sohn. Sind sie nicht wahr?

In den Herzen jener weiterzuleben, die wir hinterlassen, heißt nicht sterben.