Nach der Schule wartete ich an der Ecke der Bedford und Church Avenue ungeduldig auf Paul. Die Uhr im Schaufenster des gegenüberliegenden Drugstore zeigte ein Viertel nach drei. Ich gab Paul noch fünf Minuten, dann wollte ich allein nach Hause gehen. In mir zitterte noch die Erregung dieses neuen Erlebnisses nach. Die Kunde von meinem Boxkampf in der
Sporthalle hatte sich wie ein Lauffeuer durch das ganze Gymnasium verbreitet. Die Burschen behandelten mich mit einem ungewohnten Respekt und die Mädchen sahen mich merkwürdig gehemmt und befangen an. Einige Male hatte ich auch verschiedene Gruppen über mich sprechen hören.
Ein Ford Roadster hielt jetzt am Straßenrand direkt vor mir und hupte. Ich sah hinüber.
»He, Fisher, komm zu mir her.« Mr. Gottkin lehnte sich aus dem Wagenfenster.
Ich trat langsam näher. Was wollte er denn jetzt wieder? Er öffnete die Türe. »Steig ein«, lud er mich ein. »Ich fahr dich nach Hause.«
Ich sah rasch auf die Uhr, dann entschloß ich mich. Paul soll nur allein nach Hause gehn. Ich stieg schweigend ein. »Wo wohnst du?« fragte Mr. Gottkin freundlich, während er den Wagen vom Straßenrand in den Verkehr steuerte. »Drüben in Clarendon.« Schweigend fuhren wir einige Häuserblocks entlang. Ich sah ihn unauffällig an. Er mußte einen Grund haben, mich mitzunehmen. Ich überlegte, wann er mit der Sprache herausrücken würde. Plötzlich bremste er scharf und lenkte den Wagen an den Straßenrand.
Eine junge Frau ging vorbei. Gottkin lehnte sich aus dem Wagenfenster und rief ihr nach. »He, Ceil!«
Sie blieb stehen, sah zu uns zurück, und jetzt erkannte ich sie auch: es war Miß Schindler, die Lehrerin für Kunstgeschichte. Ihre Stunde war eine der populärsten im ganzen Gymnasium. Die Mädchen konnten's zwar nicht verstehen und fragten sich, warum sich alle Jungen der dritten Klasse urplötzlich so für Kunstgeschichte interessieren, ich allerdings verstand es. Nächstes Jahr werde auch ich in ihrer Stunde sein.
Sie hatte dunkelbraunes Haar, dunkle Augen und einen von der Sonne leicht gebräunten Teint. Sie hatte in Paris studiert, und die Jungen behaupteten, sie trüge keinen Büstenhalter. Ich hatte zugehört, wenn sie sich darüber unterhielten, wie sie um den Ausschnitt 'rum aussieht, wenn sie sich über die Pulte beugt. »Ach, du bist's, Sam«, sagte sie lächelnd und trat an den Wagen heran.
»Steig ein, Ceil«, lud er sie ein. »Ich bring dich nach Haus.« Er wandte sich an mich. »Rück rüber, Junge«, sagte er, »und mach Platz für sie.«
Ich rückte näher zu ihm hinüber, Miß Schindler setzte sich neben mich und schlug die Türe zu. Es war auf den Vordersitzen gerade Platz genug für uns drei. Ich spürte sofort den Druck ihrer Schenkel und warf ihr verstohlen einen Blick zu. Die Jungen hatten recht. Ich rutschte unruhig hin und her.
Gottkins Stimme war lauter als gewöhnlich. »Wo hast du bloß gesteckt, Baby?«
Sie sprach dagegen sehr leise. »Ach, überall«, antwortete sie ausweichend und sah mich an.
Gottkin bemerkte ihren Blick. »Kennst du Miß Schindler, Fisher?« fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Das ist Danny Fisher«, sagte er zu ihr.
Sie sah mich neugierig an. »Bist du der Junge, der heute im Gymnasium den Boxkampf hatte?« fragte sie überrascht. »Du weißt was davon?« Gottkin war überrascht. »Die ganze Schule spricht doch darüber, Sam«, erwiderte sie mit merkwürdiger Betonung. »Heut ist der Junge hier der berühmteste Schüler.«
Ich unterdrückte das Bedürfnis stolz zu lächeln. »In dieser Schule kann man wahrhaftig nichts geheimhalten«, murrte Gottkin. »Wenn der Alte davon Wind bekommt, bin ich unten durch.«
Miß Schindler sah ihn an. »Das hab ich dir doch schon immer gesagt, Sam«, erklärte sie mit derselben merkwürdigen Betonung. »Lehrer haben eben kein Privatleben!« Ich sah sie
erstaunt an.
Sie bemerkte meinen Blick und errötete. »Ich hab gehört, daß es ein richtiges Boxmatch war«, sagte sie.
Ich antwortete nicht. Ich hatte den Eindruck, daß sie sich nicht wirklich für den Boxkampf interessierte.
Gottkin antwortete für mich. »Das war's auch. Fisher stand einfach vom Boden auf und schlug den andern Jungen ohne weiteres k. o. Etwas Ähnliches hat die Welt noch nicht gesehn!« Miß Schindlers dunkle Augen umwölkten sich. »Du kannst eben nicht vergessen, was du einmal warst«, sagte sie heftig, »was, Sam?«
Er antwortete nicht.
Da begann sie wieder in derselben heftigen Art. »Laß mich hier aussteigen, Sam. Da ist schon meine Ecke.«
Er brachte den Wagen schweigend zum Stehen. Sie kletterte hinaus, wandte sich aber nochmals zu uns zurück. »Nett, daß ich dich kennengelernt hab, Danny« - sie lächelte freundlich -, »und schau, daß du nicht nochmals in einen Boxkampf verwickelt wirst. Auf Wiedersehen, Sam.« Damit drehte sie sich um und strebte ihrer Wohnung zu. Sie hatte einen bemerkenswert aufregenden Gang. Ich wandte mich wieder zu meinem Sportlehrer um. Er starrte ihr mit fest zusammengepreßten Lippen gedankenvoll nach. Dann schaltete er den Gang ein. »Wenn du noch ein paar Minuten Zeit hast, Junge«, sagte er, »kannst du zu mir in meine Wohnung mitkommen. Ich möcht dir was zeigen.«
»Okay, Mr. Gottkin«, erwiderte ich, und meine Neugierde war erneut aufs äußerste erregt.
Ich folgte ihm durch den Eingang des Erdgeschosses in ein kleines Zweifamilienhaus. Gottkin wies auf eine Türe. »Geh dort hinein, Junge«, sagte er. »Ich bin in einer Minute wieder bei
dir.«
Ich sah ihm nach, während er die Treppe zum oberen Stockwerk hinauflief, und betrat dann das mir bezeichnete Zimmer. Als ich die Türe öffnete, hörte ich von oben leises Stimmengemurmel. Ich blieb erstaunt in der Türe stehen und sah mich im Zimmer um. Es war wie eine kleine, aber komplette Sporthalle eingerichtet - Barren, Punchingbälle, Bock, Reck, Hanteln. Auf einer kleinen Ledercouch lehnten verschiedene Paare Boxhandschuhe gegen die Wand. Überall im Zimmer waren Photos an den Wänden verteilt. Ich trat näher, um sie zu betrachten. Es waren alles Bilder von Mr. Gottkin, aber darauf sah er ganz verändert aus. Er trug Shorts und Boxhandschuhe, und sein Gesicht hatte einen drohenden Ausdruck. Ich hatte nicht gewußt, daß er Boxer gewesen war.
Jetzt begann das Telefon neben der Couch zu klingeln. Ich sah unentschlossen hin. Es klingelte nochmals. Ich wußte nicht, ob ich mich melden sollte oder nicht. Als es aber nochmals läutete, hob ich den Hörer ab. Ich war soeben im Begriff, etwas zu sagen, als ich hörte, wie Mr. Gottkin antwortete. Oben mußte sich noch ein Anschluß befinden.
Ich lauschte. Ich hatte vorher nie einen Nebenanschluß benutzt, daher traute ich mich nicht, den Hörer aufzulegen, weil ich Angst hatte, die Verbindung zu unterbrechen.
Jetzt hörte ich eine Frauenstimme. »Sam«, sagte sie, »was fällt dir denn ein, du verdammter Narr, mich mitzunehmen, wenn du den Jungen im Wagen hast!«
Diese Stimme erkannte ich gleichfalls. Und ich lauschte weiter. Jetzt klang Gottkins Stimme beschwörend. »Baby«, sagte er, »ich kann's einfach nicht mehr aushalten. Ich muß dich sehen. Sonst werd ich noch verrückt, hörst du?!«
Miß Schindlers Stimme klang hart. »Ich hab dir schon gesagt, daß wir nichts mehr miteinander zu tun haben. Das ist mein voller Ernst. Es war ja von allem Anfang an verrückt, mich mit dir überhaupt einzulassen. Käme uns Jeff je drauf, wären wir beide erledigt.«
»Aber Baby, er wird's doch nie erfahren. Er ist viel zu intensiv mit seinen Klassen beschäftigt. Er weiß doch nicht mal, welcher Tag es ist. Ich verstehe nicht, wie du diesen Schafskopf je hast heiraten können.«
»Wenigstens ist er nicht so verrückt wie du, Sam. Jeff Rosen wird eines Tages Schuldirektor sein. Er wird's weiter bringen als du«, sagte sie, ihren Mann verteidigend. »Aber du wirst eines Tages damit enden, daß man dich glatt rausschmeißt.«
Jetzt klang Gottkins Stimme wieder viel sicherer. »Aber um dich, Baby, kümmert er sich nicht. Mit Abendkursen und all dem bleibt ihm keine Zeit, ein echtes Vollblutweib, wie du's bist, glücklich zu machen.«
»Sam!« Sie protestierte nur ganz schwach.
Jetzt kam seine Stimme wieder selbstbewußt durchs Telefon. »Erinnerst du dich denn nicht, Ceil, was du das letzte Mal gesagt hast? Wie's bei uns beiden ist? Für dich hat's das noch nie gegeben. Erinnere dich nur! Du selbst hast's gesagt. Ich erinnere mich. Baby, der Gedanke allein. Komm her zu mir, Baby, ich muß dich haben!«
»Ich kann nicht, Sam.« Jetzt klang ihre Stimme beschwörend. »Ich hab bloß gesagt.«
»'s ist mir ganz egal, was du gesagt hast, Ceil« unterbrach er sie. »Komm sofort zu mir! Ich laß die untere Tür angelehnt, damit du nur 'reinzuschlüpfen brauchst.«
Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann kam ihre Stimme wieder erregt durch den Hörer: »Hast du mich lieb, Sam?«
»Wahnsinnig, Baby.« In Gottkins Stimme schwang rauhe Zärtlichkeit. »Ich bin ganz toll nach dir! Kommst du rüber?« Ich hörte beinahe, wie sie noch zögerte. Dann sagte sie leise: »Ich
bin in einer halben Stunde bei dir, Sam.«
»Ich wart auf dich, Baby.» Gottkins Stimme klang so, als würde er lächeln.
»Ich liebe dich, Sam«, hörte ich sie noch sagen, dann gab's einen Knacks, und die Verbindung war unterbrochen. Sie hatten abgehängt. Ich legte den Hörer auf die Gabel zurück. Von der Stiege her hörte ich Schritte, und ich betrachtete wieder eifrig die Fotos an den Wänden.
Als ich hörte, wie sich die Türe hinter mir öffnete, drehte ich mich um. »Mr. Gottkin«, sagte ich. »Ich hab gar nicht gewußt, daß Sie Boxer waren.«
Er sah sehr erhitzt aus. Er blickte rasch zum Telefon hinüber, dann wieder zu mir zurück. »Ja«, antwortete er, »ich wollte dir meine Sachen zeigen und dir, falls du Interesse hast, ein paar Stunden geben. Ich glaube, du hast Anlagen zu einem großen Boxer, mein Junge.«
»Oh, Mr. Gottkin«, sagte ich rasch, »das wäre einfach pyramidal. Können wir gleich anfangen?«
»Gern, mein Junge« - es klang verlegen -, »aber es hat sich eine unerwartete Sache ergeben, und es ist jetzt nicht möglich. Ich werd dir morgen in der Klasse sagen, wann wir beginnen können.«
»Oh, Mr. Gottkin«, sagte ich enttäuscht, »das ist aber schade!« Er legte mir die Hand auf die Schulter und schob mich zur Türe. »Tut mir leid, mein Kind, aber Geschäft ist Geschäft. Verstehst du?«
Ich lächelte ihm von der Türschwelle aus zu. »Gewiß, Mister Gottkin. Ich verstehe. Morgen ist's auch okay.«
»Ja, Kind, morgen.« Mr. Gottkin schloß hinter mir rasch die Türe. Ich rannte hastig über die Straße und in einen kleinen Seitenweg. Dort setzte ich mich auf einen Platz, von dem aus ich die Türe beobachten konnte und wartete. Etwa fünfzehn
Minuten später kam sie die Straße entlang.
Sie ging sehr rasch und sah sich nicht um, bis sie die Türe erreicht hatte. Dann blickte sie die Straße hinauf und hinunter und huschte durch die Türe, die sie wieder hinter sich schloß. Ich blieb noch weitere fünf Minuten sitzen, ehe ich aufstand. Mr. Gottkin wäre überrascht gewesen, hätte er gewußt, wieviel ich verstand.
Welch ein Tag war das gewesen! Zuerst der Boxkampf in der Schule und jetzt das hier. Und Miß Schindler war doch mit Mr. Rosen, dem Mathematikprofessor verheiratet! Ich verspürte ein ganz neues Machtgefühl. Ein Wort von mir, und alle wären erledigt! Auf meinem Weg stand ein Feuerhydrant. Ich setzte mit einem Bocksprung darüber hinweg. Junge, Junge, war ich froh, daß sich Paul verspätet hatte!
Meine Arme erlahmten. Der Schweiß lief mir über die Stirn und in die Augen, die entsetzlich zu brennen begannen. Ich fuhr mit dem Rücken der Boxhandschuhe darüber, dann sah ich meinen Lehrer an.
Seine Stimme klang rauh, auch er war schweißbedeckt. »Halt deine Linke immer oben, Danny. Dein Schlag muß schnell, hart und kraftvoll sein! Schwing den Arm nicht wie ein Ballettänzer. Blitzschnell und von der Schulter her. Schnelligkeit ist alles! Sieh mal, so!« Er drehte sich zum Punchingball und schlug mit der Linken eine ganze Serie.
Seine Hand bewegte sich so rasch, daß ich sie nur noch verschwommen sehen konnte. Der Ball wirbelte wie toll gegen das Brett. Dann wandte er sich zu mir zurück. »Los, bemüh dich
jetzt, mich zu treffen - schnell und hart!«
Ich hob die Hände wieder und umkreiste ihn mit gespannter Aufmerksamkeit. Das ging nun schon zwei Wochen so, und ich hatte genug gelernt, um bei ihm vorsichtig zu sein. Er war ein sehr strenger Lehrer, und wenn ich einen Fehler machte, mußte ich gewöhnlich schwer dafür büßen - zumeist mit einem Schlag auf das Kinn. Auch er umkreiste mich, und seine Handschuhe verschoben sich unmerklich. Ich versuchte mit meiner Rechten einen Scheinangriff. Für den Bruchteil einer Sekunde folgten ihr seine Augen. Da stieß ich mit der Linken blitzschnell in sein Gesicht vor, so wie ich's gelernt hatte.
Durch die Wucht des Stoßes schnellte sein Kopf plötzlich zurück, und als er ihn wieder senkte, befand sich auf seinem Backenknochen eine rote Quetschwunde. Er richtete sich auf und ließ die Hände sinken. »Okay, Junge«, sagte er etwas mitgenommen, »das genügt für heute. Ich merk schon, du lernst rasch.«
Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Ich war müde. Rasch knüpfte ich die Bänder meiner Boxhandschuhe mit den Zähnen auf.
»Nächste Woche ist Schulschluß, Danny.« Mr. Gottkin sah mich nachdenklich an.
Es gelang mir, einen Handschuh auszuziehen. »Ich weiß«, antwortete ich.
»Gehst du über den Sommer in ein Lager?« fragte er. Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ich muß meinem Dad im Geschäft helfen.«
»Ich hab für den Sommer in einem Hotel in den Catskills eine Anstellung als Sportlehrer«, sagte er. »Ich könnte dir dort einen Posten als Pikkolo verschaffen, wenn du magst. Ich möchte die Stunden nicht gern unterbrechen.«
»Ich auch nicht, Mr. Gottkin« - ich sah zögernd auf meine Handschuhe -, »aber ich weiß nicht, ob Pop mir's erlaubt.«
Gottkin setzte sich auf die Couch. Seine Augen überflogen mich prüfend. »Wie alt bist du, Danny?«
»Dreizehn«, antwortete ich. »Hab in diesem Monat meine Bar Mitzvah gehabt.«
Er sah mich überrascht an. »Erst?« sagte er enttäuscht. »Ich dachte, du bist viel älter. Du siehst doch viel älter aus und bist größer als die meisten fünfzehnjährigen Buben.«
»Ich werde Papa jedenfalls fragen«, sagte ich hastig, »vielleicht erlaubt er mir, mit Ihnen zu gehen.«
Gottkin lächelte. »Ja, mein Kind, tu das nur. Vielleicht erlaubt er dir's.«
Ich steckte Rexie unterm Tisch ein Stückchen Fleisch zu und sah dann zu Papa hinüber. Er schien guter Laune zu sein. Er hatte soeben befriedigt gerülpst und seinen Gürtel gelockert. Jetzt rührte er den Zucker in seinem Teeglas um. »Papa«, sagte ich zögernd. Er sah mich an. »Ja?«
»Mein Sportlehrer hat in einem Hotel auf dem Land einen Job«, sagte ich überstürzt, und er sagt, wenn ich will, kann ich als Pikkolo mitkommen.«
Papa rührte weiter in seinem Teeglas, während ich ihn unverwandt ansah. »Hast du Mama schon etwas davon erzählt?« fragte er. Mama kam soeben aus der Küche. Sie blickte mich an. »Was sollst du mir erzählt haben?«
Ich wiederholte das, was ich Papa soeben gesagt hatte. »Und was hast du ihm geantwortet?« fragte sie mich. »Ich hab gesagt, daß ich Papa im Geschäft helfen soll, aber er hat gesagt, ich soll trotzdem fragen.«
Sie sah Papa einen Moment an, dann wandte sie sich wieder an mich. »Du kannst nicht mit ihm gehen«, sagte sie abschließend, ergriff eine Schüssel und wollte wieder in die Küche. Ich war enttäuscht, obwohl sie genau das gesagt hatte,
was ich erwartete. Ich betrachtete das Tischtuch.
Papa rief sie zurück. »Mary«, sagte er leise, »es ist eigentlich keine so schlechte Idee.«
Sie drehte sich wieder um. »Es ist beschlossen worden, daß er diesen Sommer zu dir ins Geschäft geht und dabei bleibt's! Ich erlaub ihm nicht, den ganzen Sommer allein wegzufahren. Er ist noch immer ein Kind.«
Papa trank seinen Tee in kleinen Schlückchen. »So ein Kind kann er wieder nicht sein, wenn er zu mir ins Geschäft kommen soll. Du kennst die Nachbarschaft zur Genüge. Außerdem kann ihm ein Sommer auf dem Land nur guttun.« Er wandte sich jetzt wieder an mich. »Ist's ein gutes Hotel?«
»Ich weiß nicht, Papa«, sagte ich und schöpfte wieder Hoffnung. »Ich hab ihn nicht gefragt.«
»Erkundige dich genau nach allen Umständen, Danny«, sagte er, »und dann werden Mama und ich uns entscheiden.«
Als sie aus dem Haus traten, saß ich auf den Verandastufen. Papa blieb vor mir stehen.
»Wir fahren mit Mr. und Mrs. Conlon zu einem Film ins Utica«, sagte er. »Denk dran, daß du um neun Uhr ins Bett gehen mußt.«
»Ja, Papa«, versprach ich. Ich wollte nichts tun, was meine Chancen, mit Mr. Gottkin aufs Land zu fahren, gefährden konnte. Papa schritt über den Fahrweg und läutete bei den Conlons. Jetzt trat auch Mimi, schon im Mantel, auf die Veranda. Ich sah sie fragend an. »Du gehst auch?«
In Wirklichkeit war's mir ganz egal. Wir standen seit der Bar-Mitzvah-Party auf keinem guten Fuß. Sie wollte, daß ich ihr erzähle, was Marge und ich im Feuerungsraum getrieben haben, und ich hab ihr geantwortet, sie soll doch ihre Freundin fragen, wenn sie's so gern wissen will.
»Marge und ich gehen auch mit«, sagte sie und machte sich schrecklich wichtig. »Papa hat gesagt, wir dürfen mitkommen.« Damit schritt sie die Stufen hochmütig hinunter.
Jetzt traten auch die Conlons auf ihre Veranda hinaus. Marge war nicht dabei.
Mimi fragte: »Kommt Marge denn nicht mit, Mrs. Conlon?«
»Nein, Mimi«, antwortete Mrs. Conlon, »sie war so müde, daß sie zeitig zu Bett gegangen ist.«
»Vielleicht ist's besser, wenn du auch zu Hause bleibst, Mimi«, sagte Mama zögernd.
»Aber du hast doch gesagt, daß ich mitkommen darf«, sagte Mimi flehentlich.
»Laß sie doch mitkommen, Mary«, sagte Papa. »Wir haben's ihr versprochen. Um elf sind wir doch wieder zurück.« Ich sah zu, wie alle in Papas Paige einstiegen. Der Wagen fuhr ab. Ich blickte auf die Wohnzimmeruhr auf dem Kaminsims. Es war ein Viertel vor acht. Ich sehnte mich nach einer Zigarette, stand auf und schlenderte zu dem Hallenschrank, wo ich in einer von Papas Jackentaschen eine zerdrückte Packung Luckies fand. Damit kehrte ich auf die Veranda zurück, setzte mich wieder und zündete mir eine Zigarette an.
Die Straße war jetzt ganz still. Ich hörte, wie der Wind durch die Blätter der jungen Bäume strich. Ich lehnte den Kopf an die kühlen Ziegelsteine und schloß die Augen. Es war ein gutes Gefühl, sie an meiner Wange zu spüren. Ich liebte alles an meinem Haus. »Bist du's Danny?« Es war Marges Stimme. Ich öffnete die Augen. Sie stand auf ihrer Veranda. »Ja«, antwortete ich.
»Du rauchst?!« sagte sie in ungläubigem Ton. »Na und?« Ich zog herausfordernd an meiner Zigarette. »Ich hab geglaubt, deine Mutter hat gesagt, du bist zu Bett gegangen.« Sie kam zu meiner Veranda herüber, blieb aber vor den Stufen stehen. Ihr Gesicht schimmerte weiß im Licht der Straßenbeleuchtung. »Ich hatte keine Lust mitzugehen«, sagte sie. Ich machte den letzten Zug an meiner Zigarette, warf sie weg, stand auf und streckte mich. »Ich glaub, ich geh jetzt schlafen«, sagte ich. »Mußt du denn schon schlafen gehn?« fragte sie. Ich sah zu ihr hinunter. Ihr Gesicht hatte einen gespannten Ausdruck. »Nein«, sagte ich kurz, »aber ich kann ebensogut auch schlafen gehn. Hier ist ja doch nichts los.«
»Wir können uns doch hier draußen hinsetzen und plaudern«, sagte sie rasch.
Die Art, wie sie es sagte, machte mich neugierig. »Worüber?« fragte ich.
»Ach, über alles mögliche«, sagte sie vage. »Es gibt doch eine Menge Dinge, über die wir sprechen können.«
Eine eigenartige Erregung überfiel mich. Ich setzte mich wieder auf die Stufen. »Okay«, sagte ich mit berechneter Gleichgültigkeit, »plaudern wir also.«
Sie setzte sich neben mich auf die Stufen. Sie hatte einen Arbeitskittel an, der seitlich zu binden war. Als sie sich drehte, um mich anzusehen, öffnete er sich ein wenig, und ich konnte den Schatten zwischen ihren Brüsten sehen. Sie lächelte. »Weshalb grinst du?« fragte ich in herausforderndem Ton. Sie warf den Kopf zurück. »Weißt du, weshalb ich zu Hause geblieben bin?« entgegnete sie. »Nein.«
»Weil ich gewußt hab, daß Mimi mitgeht.«
»Ich hab geglaubt, daß du Mimi gern hast«, sagte ich überrascht. »Gewiß«, sagte sie eifrig, »aber ich hab doch gewußt, daß du zu Hause bleibst, wenn Mimi mitgeht, folglich bin ich nicht mitgegangen.« Sie sah mich geheimnisvoll an. Wieder überfiel mich diese sonderbare Erregung. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, daher schwieg ich. Da berührte sie mein Knie mit der Hand, und ich zuckte zusammen. »Laß das gefälligst sein!« schrie ich sie an und schob das Knie zur Seite.
Sie sah mich mit runden Unschuldsaugen an. »Magst du's denn nicht?« fragte sie.
»Nein«, antwortete ich. »Mir läuft's kalt über'n Rücken.«
Sie lachte leise. »Dann magst du's ja doch. Das is' ja der Zweck der Übung.« Ihre nächste Frage überraschte mich. »Weshalb würdest du mich denn sonst durchs Fenster beobachten?«
Ich fühlte, wie ich trotz der Dunkelheit glühend rot wurde. »Ich hab's dir doch schon gesagt, daß es nicht wahr ist.«
Sie lachte wieder erregt. »Ich schau dir immer zu«, sagte sie beinahe flüsternd. »Fast jeden Morgen, wenn du deine Turnübungen machst. Wenn du nichts anhast. Deshalb laß ich doch auch meine Jalousien oben - damit du mich auch sehen kannst.«
Ich zündete mir eine frische Zigarette an. Meine Finger zitterten.
Im Lichtschein des Streichholzes sah ich, daß sie mich
auslachte. Ich schleuderte es wütend weg. »Na, und wenn ich
geschaut hab?« sagte ich herausfordernd, »was willst du dagegen tun?«
»Nichts«, sagte sie, noch immer lachend. »Ich hab's doch gern, wenn du schaust.«
Mir gefiel die Art, in der sie mich anstarrte, ganz und gar nicht. »Ich geh jetzt«, sagte ich und stand auf.
Sie erhob sich gleichfalls und lachte. »Du hast wohl Angst, hier mit mir zu bleiben, was?« fragte sie herausfordernd.
»Nein«, erwiderte ich zornig. »Aber ich hab dem Papa
versprochen, zeitig zu Bett zu gehn.«
Sie griff mit einer blitzschnellen Bewegung nach meiner Hand. Ich versuchte mich loszureißen. »Laß das!« schnauzte ich sie grob an.
»Jetzt weiß ich, daß du Angst hast«, stichelte sie. »Sonst würdest du nämlich hierbleiben, 's ist ja noch sehr früh.«
Jetzt konnte ich einfach nicht gehen, und so setzte ich mich wieder hin. »Okay«, sagte ich, »dann bleib ich also bis neun Uhr hier.«
»Du bist aber komisch, Danny«, sagte sie verwundert. »Du bist gar nicht wie die andern Jungen.«
Ich zog an meiner Zigarette. »Wie denn?« fragte ich.
»Du hast noch nie versucht, mich anzufassen oder sonst was.«
Ich sah auf die Zigarette in meiner Hand. »Warum sollte ich das tun?«
»Die andern Jungen tun's alle«, stellte sie nüchtern fest. »Sogar mein Bruder Fred.« Sie begann zu lachen. »Weißt du was?« fragte sie.
Ich schüttelte stumm den Kopf Ich traute meiner Stimme nicht mehr.
»Er hat sogar noch mehr versucht, aber ich hab's nicht erlaubt. Ich hab ihm gesagt, ich werd's dem Papa erzählen. Wenn Pa es wüßte, würde er ihn umbringen.«
Ich schwieg und zog an der Zigarette. Der Rauch brannte in meiner Lunge. Ich hustete und warf sie weg. Das war Gift für meine Kondition. Dann sah ich wieder zu ihr auf. Sie starrte mich an. »Was schaust du so?« fragte ich. Sie antwortete nicht.
»Ich hol mir einen Schluck Wasser«, sagte ich rasch. Damit stürzte ich ins Haus und durch das finstere Zimmer in die Küche. Dort drehte ich den Wasserhahn auf, füllte ein Glas und trank es gierig aus.
»Gibst du mir nicht auch was?« sagte sie über meine Schulter gebeugt.
Ich drehte mich um. Sie stand dicht hinter mir. Ich hatte nicht gehört, daß sie mir nachgegangen war. »Aber gewiß«, sagte ich und füllte das Glas nochmals.
Sie hielt es einen Moment in den Händen, dann stellte sie es unberührt auf den Rand des Spültisches. Plötzlich umschloß sie mein Gesicht mit beiden Händen. Sie waren durch die Berührung mit dem Glas kalt geworden.
Ich stand starr, hölzern und unbeweglich da. Sie preßte ihre Lippen auf meinen Mund und bog mich weit zurück, bis über den Rand des Spültisches. Ich versuchte sie wegzustoßen, verlor aber das Gleichgewicht.
Da packte ich sie roh an den Schultern und hörte, wie sie vor Schmerz stöhnte. Ich griff noch fester zu, und sie stöhnte wieder. Und nun konnte ich mich wieder aufrichten. Sie stand vor mir, der Schmerz hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben. Ich lachte, denn ich war stärker als sie. Und dann packte ich sie nochmals bei den Schultern.
Sie schnitt eine Grimasse und griff wild nach meinen Händen. Ihre Lippen berührten mein Ohr. »Wehr dich nicht gegen mich, Danny! Ich mag dich doch. Und ich weiß, daß du mich auch magst.« Ich stieß sie heftig von mir. Sie stolperte ein paar Schritte zurück, blieb dann stehen und sah mich an. Ihre Augen glühten in der Dunkelheit, sie leuchteten beinahe wie Katzenaugen, und ihre Brust hob sich heftig nach unserm Ringkampf. Während ich sie noch ansah, wußte ich: sie hat recht.
Plötzlich hörten wir das Geräusch eines Wagens, der sich unserm Block näherte. Meine Stimme klang furchtsam. »Sie kommen zurück! Geh rasch hinüber!«
Sie lachte bloß und machte wieder einen Schritt auf mich zu. In panischem Schrecken, wie vor einer drohenden Gefahr, die ich nicht verstand, stürzte ich zur Treppe; ich blieb nervös auf den Stufen stehen und hörte ihre Stimme, die aus der Dunkelheit zu mir heraufklang.
Sie war so selbstsicher, so erfahren. Sie verstand soviel mehr, als ich bisher begriffen hatte, und nun wußte ich auch, daß es zwecklos war, ihr zu antworten. Nichts vermochte das zu verhindern, was jetzt mit mir geschehen sollte.
Dann war sie gegangen, das Haus lag ganz still, und ich stieg langsam die Stufen zu meinem Zimmer empor.
Ich lag auf meinem Bett und starrte in die Dunkelheit. Ich konnte nicht einschlafen. Der Klang ihres Lachens, selbstsicher und erfahren, hallte noch immer in meinen Ohren. Ich fühlte mich beschmutzt und besudelt. Von jetzt an konnte ich niemandem mehr ins Gesicht sehen, denn alle werden wissen, was geschehen ist. »Nie wieder«, hatte ich ihr gesagt.
Sie hatte mit diesem merkwürdig durchtriebenen Lachen geantwortet: »Das sagst du jetzt, Danny. Du wirst's aber von jetzt an immer wieder tun.«
»Nein! Ich nicht!« Aber ich wußte, daß ich log. »Ich nicht! Ich fühl mich dabei zu gemein!«
Ihr Lachen verfolgte mich über die Treppe. Es klang so siegessicher. »Du kannst nicht mehr aufhören, Danny. Denn jetzt bist du ein Mann und wirst damit nie mehr aufhören.« Ich war auf dem obersten Treppenabsatz gestanden und wollte zu ihr hinunterschreien, daß sie sich gründlich irre, aber es hatte keinen Sinn. Sie war bereits gegangen. Da trat ich in mein Zimmer, zog mich aus und warf mich im Finstern aufs Bett. Mein Körper war schlapp und meine Beine zitterten. Ich versuchte die Augen zu schließen, aber der Schlaf floh mich. Ich war völlig erschöpft und wie ausgeleert.
Dann hörte ich, wie sie das Licht in ihrem Zimmer anknipste. Automatisch sah ich hinüber. Sie stand dort drüben und sah lächelnd in mein Fenster. Langsam zog sie ihren Kittel aus und ihr nackter Körper schimmerte im Schein des elektrischen
Lichts. Ihre Stimme, die durch mein offenes Fenster drang, klang wie heiseres Geflüster. »Danny, bist du wach?«
Ich schloß die Augen und drehte mich vom Fenster weg. Ich wollte nicht mehr schauen. Ich wollte auch nicht antworten. »Versuch ja nicht, mir was vorzumachen, Danny. Ich weiß, daß du wach bist.« Ihre Stimme wurde scharf und gebieterisch. »Sieh mich an, Danny!«
Ich konnte den Klang ihrer Stimme, die auf mich einhämmerte, nicht länger ertragen. Ärgerlich trat ich zum Fenster und lehnte mich zitternd ans Fensterbrett. »Laß mich in Ruh«, bat ich sie. »Bitte, laß mich in Ruh. Ich hab dir schon gesagt: nie wieder!« Sie lachte mich aus. »Schau mich doch nur an, Danny«, sagte sie beinahe zärtlich. »Gefall ich dir nicht?« Sie bog sich mit hoch emporgehobenen Armen stolz zurück, den Kopf tief nach rückwärts gebeugt.
Ich stand regungslos da und starrte sie sprachlos an. Ich wollte sie nicht ansehen, konnte mich aber nicht losreißen. Sie richtete sich wieder auf und lachte. »Danny!«
»Was?« fragte ich gequält.
»Dreh dein Licht an, Danny. Ich will dich auch sehen!« Einen Moment verstand ich sie nicht; dann aber kam mir der Sinn ihrer Worte zu Bewußtsein. Der Atem pfiff rasselnd durch meine ausgedörrte Kehle, und plötzlich wurde ich mir meines Körpers bewußt. Er hatte mich betrogen! Mein eigener Körper hat mich betrogen!
»Nein!« schrie ich. Scham und Angst wüteten in mir. Ich trat vom Fenster zurück. »Laß mich in Ruh, sag ich dir, laß mich in Ruh!«
»Dreh doch das Licht an, Danny«, ihre Stimme klang zärtlich und überredend, »mir zuliebe, Danny. Bitte.«
»Nein!« schrie ich in einem Moment aufflammender Rebellion. Doch ich zögerte einen Augenblick, und meine Hände waren im Begriff nach dem Lichtschalter zu tasten. Sie hatte recht, ich konnte ihr nicht mehr entrinnen. Ich war verloren. »Nein!« schrie ich nochmals. Jetzt haßte ich alles, was mit mir geschah - alles, was ich werden würde, meine reifende Männlichkeit und die Art, wie sie sich manifestierte.
»Ich will nicht!« schrie ich, lief aus dem Zimmer und schlug die Türe meines Zimmers hinter mir zu und hinter all dem, was ich von dort aus sehen konnte.
Ich lief ins Badezimmer und streifte mein Pyjama ab. Dann starrte ich an meinem verräterischen Körper hinab. Wütend schlug ich auf mich ein. Der Schmerz bereitete mir eine gewisse Befriedigung. Ich wollte ihn dafür bestrafen, was er mir antat. Ich schlug nochmals auf mich ein. Da durchfuhr mich ein entsetzlicher Schmerz, und ich krümmte mich zusammen. Mit einer Hand hielt ich mich am Waschbecken fest und drehte mit der andern die Brause auf. Das Geräusch des gegen den Boden der Wanne prasselnden Wassers beruhigte mich etwas. Einen Moment stand ich noch regungslos, dann trat ich unter den Wasserstrahl.
Das eisige Wasser jagte mir einen Schauer durch den Körper. Ich straffte mich unter den nadelspitzen Strahlen. Plötzlich stürzte ich zu Boden und begann zu weinen.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mir, als wäre nichts geschehen - als wäre die vergangene Nacht bloß ein Traum gewesen, den der Schlaf weggeschwemmt hatte.
Ich bürstete mir die Zähne, kämmte mein Haar und summte, während ich mich ankleidete, einen Schlager. Verwundert betrachtete ich mich im Spiegel und stellte erstaunt fest, daß mir nichts anzumerken war. All das, was mit mir geschehen würde -wie sie behauptet hatten -, war bloß eine Lüge gewesen. Meine Augen waren blau und klar, meine Haut schimmerte glatt und rein, und die Schmerzhaftigkeit meiner Lippen war wieder verschwunden. Lächelnd verließ ich mein Zimmer. Niemand würde wissen, was mit mir geschehen war. In der Halle traf ich Mimi, die eben ins Badezimmer ging. »Guten Morgen«, rief ich fröhlich. Sie sah lächelnd auf. »Guten Morgen«, erwiderte sie. »Du hast gestern abend so fest geschlafen, daß du nicht mal gehört hast, wie wir nach Haus gekommen sind.«
»Ich weiß.« Ich grinste, denn ich hatte das Gefühl, daß unser kleiner Privatkrieg endgültig vorbei war. Rexie folgte mir über die Treppe hinunter.
»Morgen, Ma«, rief ich, als ich in die Küche trat. »Brötchen für heute?«
Mama lächelte nachsichtig. »Frag nicht so dumm, Danny.«
»Okay, Ma«, ich nahm Geld aus dem Glas über dem Spültisch und ging auf die Türe zu. »Komm mit, Rexie!«
Sie folgte mir schweifwedelnd aus dem Haus, lief an mir vorbei in die Allee und von dort auf die Straße, wo sie sich im Rinnstein niederhockte. Ich sah ihr lächelnd zu. Es war ein wunderbarer Morgen, und es würde ein herrlicher Tag werden. Die Sonne schien, und die Luft war kühl und frisch.
Rexie begann jetzt den Häuserblock hinunterzulaufen, und ich folgte ihr. Gestern nacht hatte ich bloß einen bösen Traum gehabt. So war's! In Wirklichkeit war es nie geschehen. th atmete tief ein, und als sich meine Lunge mit Luft füllte, war mir's, als müßte mir die Brust zerspringen. »Danny!«
Ihre weiche, ruhige Stimme ließ mich plötzlich innehalten. Langsam drehte ich mich um und sah zu ihrer Veranda hinauf. Sie stand oben und lachte mich mit durchtriebener Miene an. »Warum bist du gestern abend davongelaufen?« fragte sie beinahe vorwurfsvoll. Ich spürte einen bitteren Geschmack. Es ist also doch wahr. Es ist kein Traum gewesen. Ich konnte nicht entkommen! Ich begann sie zu hassen. Ich spuckte auf den Gehsteig. »Du gemeines Luder!« Sie lächelte noch immer, während sie von der Veranda herunterkam und auf mich zutrat. Ihr Körper spiegelte ihre ganze Sicherheit wieder. Und ihr Gang rief mir in Erinnerung, wie sie gestern abend, an ihrem Fenster stehend, ausgesehen hatte. Jetzt stand sie lächelnd dicht neben mir. »Du hast mich ja doch gern, Danny, kämpf doch nicht dagegen an«, sagte sie in verführerischem Ton. »Ich hab dich lieb.«
Ich starrte sie eiskalt an. »Ich hasse dich und deine Unverfrorenheit«, sagte ich.
Sie starrte mich gleichfalls an. Das Lächeln verschwand und wich dem Ausdruck einer ungeheuren Erregung. »Du glaubst, daß du's ernst meinst, aber das ist ein Irrtum«, sagte sie und hob ihre Hände mit einer sonderbaren Gebärde. »Du wirst drüber wegkommen. Und dann kommst du zu mir zurück, weil du mehr davon haben willst!« Ich starrte ihre Hände an. Sie bewegte den Zeigefinger einer Hand kreisförmig in der Handfläche der andern Dann sah ich ihr wieder ins Gesicht, und sie lächelte. Ich wußte, was sie meinte. Sie hatte recht. Ich würde zurückkommen. Ich drehte mich rasch um, rief nach Rexie und lief den Häuserblock hinunter. Aber in Wirklichkeit lief ich dem Hund gar nicht nach. Ich lief vor ihr davon. Gleichzeitig wußte ich aber, daß ich nicht schnell genug laufen konnte, um mein Heranreifen zu verhindern.
Ich konnte es kaum erwarten, daß die letzte Unterrichtsstunde ein Ende nahm. Mr. Gottkin hatte mir alle Auskünfte gegeben, die Papa verlangt hatte, und ich beschloß, zu ihm ins Geschäft zu fahren, um ihm gleich alles zu erzählen. Papa würde sich darüber freuen; er freut sich immer, wenn ich zu ihm ins Geschäft komme. Ich erinnerte mich, daß mich Papa, als ich noch ein kleiner Bub war, in alle Geschäfte der andern Kaufleute des Häuserblocks schickte, um mit mir anzugeben. Mir machte das viel Spaß, weil alle meinetwegen so viel Aufhebens machten.
Ich erwischte den Trolleybus an der Ecke der Church und Flatbush Avenue und fuhr stadtwärts. Hierauf stieg ich in den Trolleybus um, der die Stadt durchquert und längs der Sands Street nahe am Navy Yard vorüberfuhr. Zwei Häuserblocks von dem Geschäft entfernt stieg ich aus.
Ich hoffte, daß Papa mir erlauben würde, mit Mr. Gottkin aufs Land zu fahren. Jetzt wünschte ich mir's mehr denn je. Denn es war die einzige Möglichkeit von Marjorie Ann loszukommen. Ich hatte Angst vor ihr und vor den Gefühlen, die sie in mir wachrief. Alles wird wieder okay sein, wenn ich den ganzen Sommer weg bin. Ein Trompetensignal unterbrach meine Gedanken. Ich sah zur Marinewerft hinüber. Es war vier Uhr, und die Wache wurde abgelöst. Ich beschloß, mir das noch anzusehen - ein paar Minuten mehr machten schon nichts mehr aus.
Papa hob den Deckel der Registrierkasse und sah hinein. Der Kontrollstreifen wies neun Dollar und vierzig Cent aus. Er schüttelte den Kopf, dann sah er auf die große Wanduhr. Bereits vier Uhr. In normalen Zeiten zeigte der Kontrollstreifen zehnmal soviel an. Wenn das so weiterging, wußte er nicht, wo er die Raten für die Hypothek hernehmen sollte.
Jetzt hörte er, daß ein Lastwagen vor seinem Geschäft stehenblieb, und sah hinaus. Es war ein Lieferwagen von Towns & James, den Zwischenhändlern, mit denen er, seit er das Geschäft führte, gearbeitet hatte. Der Fahrer betrat den Laden und trug ein kleines Paket unter dem Arm.
»Hallo, Tom«, sagte Papa lächelnd.
»Hallo, Doc«, antwortete der Mann. »Hab ein Paket für Sie. Macht zwölf sechzig.«
Papa zog einen Bleistift aus der Tasche. »Is' gut«, sagte er, »ich werd's bestätigen.«
»Tut mir leid, Doc, muß als Nachnahme bar bezahlt werden.«
»Als Nachnahme?« fragte Papa mit gekränkter Miene. »Aber ich mach mit Ihnen doch seit beinahe zwanzig Jahren Geschäfte und hab meine Rechnungen immer bezahlt.«
Der Fahrer zuckte teilnehmend die Achseln. »Ich weiß, Doc«, sagte er leise, »aber ich kann's nich' ändern, 's ist ein Befehl, 's ist ja auch auf die Rechnung gestempelt.«
Papa drückte auf den Hebel, der die Lade aufspringen ließ, und zählte das Geld langsam auf den Ladentisch. Der Fahrer nahm es und legte das Paket auf den Tisch. Papa schämte sich, ihn anzusehen. Sein Kredit war stets eine unerschöpfliche Quelle seines Stolzes gewesen.
Eine Frau betrat das Geschäft, und Papa lächelte mechanisch. »Ja, M'am?«
Sie legte ein Zehncentstück auf den Ladentisch. »Können S' mir zwei Fünfcentstücke geben, Doc? Möcht telefonieren.« Schweigend nahm er das Zehncentstück vom Tisch und schob ihr zwei Fünfcentstücke hin. Er folgte ihr mit dem Blick, während sie zur Telefonzelle ging. Das Paket lag noch immer auf dem Ladentisch, wohin es der Fahrer gelegt hatte. Aber Papa hatte jetzt keine Lust, es auszupacken. Er wollte es nicht einmal berühren.
Ich bog um die Ecke, ging an der Kneipe vorbei und blickte über die Straße. Die blauen und grauen Buchstaben auf den Schaufenstern kamen in Sicht:
FISHERS APOTHEKE
FARMICLA ITALIANA NORSK APOTHEKE EX-LAX
Während ich an der offenstehenden Türe der Kneipe vorbeilief, hörte ich aus dem Innern laute ärgerliche Stimmen; ich blieb aber nicht stehen, denn dort drinnen wurde immer gestritten. Und jetzt war ich bereits bei dem Geschäft. Papa stand hinter dem Ladentisch, ein kleiner dunkelhaariger Mann in einem hellgelben Arbeitsmantel. Anscheinend studierte er ein Päckchen, das vor ihm auf dem Ladentisch lag. Ich trat ein.
»Hallo, Papa.« Meine Worte schienen in dem leeren Raum widerzuhallen. Der stickige wohlvertraute Geruch der Drogen stieg mir in die Nase. Ich werde mich beim Anblick einer Drogerie immer dieses Geruchs erinnern. Als ich noch klein war, roch ich es stets an Papas Kleidern, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. »Danny!« Papas Stimme klang erfreut. Er kam um den Ladentisch herum. »Was tust du denn in dieser Gegend?«
»Ich hab die Auskünfte über das Hotel von Mr. Gottkin bekommen«, erklärte ich und sah ihm ins Gesicht. Papa lächelte müde. Er schien sehr erschöpft zu sein. »Ich hält mir's ja denken können«, sagte er traurig, »daß du einen besonderen Grund hattest.«
»Ich war auf jeden Fall hergekommen«, sagte ich rasch. Papa sah mich sehr überlegen an. Ich konnte ihn ncht täuschen. Er fuhr mir liebevoll durch die Haare. »Okay«, sagte er sanft, »komm ins Hinterzimmer, dort können wir die Sache ungestört besprechen.«
Ich war eben im Begriff, ihm in das Hinterzimmer zu folgen und schon um den Ladentisch herumgegangen, als ich von der Türschwelle her einen Schrei hörte. Ich drehte mich erschrocken um. »Doc!« schrie der Mann nochmals.
Ich fühlte die Hände meines Vaters auf den Schultern, er schob mich hinter sich. Sein Gesicht war kreideweiß.
Der Mann auf der Türschwelle war blutüberströmt. Auf einer Gesichtshälfte befand sich eine lange klaffende Wunde, die bis zum Hals hinunterreichte. Das nackte Fleisch war bloßgelegt, und der weiße Kieferknochen wurde unter dem hervorschießenden Blut sichtbar. Er machte einige zögernde Schritte in den Laden, wobei das Blut auf seine Beine und Füße herunterspritzte. Er tastete mit den Händen nach einem Halt und klammerte sich verzweifelt an den Ladentisch, während er uns sein schmerzgepeinigtes Gesicht zukehrte. »Sie haben mich gestochen, Doc.« Sein Griff lockerte sich, und er begann auf den Fußboden zu gleiten.
Er sank vor dem Tisch auf die Knie, hielt sich aber noch immer an der Kante über seinem Kopf fest, das Gesicht auch weiterhin uns zugewandt. »Helfen Sie mir, Doc!« Seine Stimme war nur noch ein schwaches, heiseres Flüstern. »Lassen Sie mich nicht sterben.« Dann löste sich sein Griff, und er fiel der Länge nach vor unsere Füße. Ich sah, wie sein Blut langsam in der Wunde pulsierte. Ich sah meinen Vater an. Seine Lippen bewegten sich leise. Er sah krank aus, und auf seiner Stirn standen Schweißtropfen. »Papa!« schrie ich.
Er starrte mich mit weitaufgerissenen gepeinigten Augen an. »Papa, willst du ihm denn nicht helfen?« Ich konnte nicht glauben, daß er den Mann hier sterben lassen wollte. Papa preßte die Lippen grimmig zusammen. Er ließ sich neben dem Mann auf die Knie fallen. Der Mann war inzwischen ohnmächtig geworden, sein Mund stand offen. Papa sah mich an. »Geh zum Telefon, Danny«, sagte er ruhig, »und bestell einen Rettungswagen.« Ich lief zum Telefon. Als ich zurückkam, war der Laden mit Menschen überfüllt, die sich um den Mann am Boden drängten; ich mußte mir durch diese Neugierigen erst einen Weg bahnen. Papa bat sie flehentlich: »Bitte treten Sie doch zurück. Lassen Sie ihm doch etwas Luft zum Atmen!«
Sie beachteten ihn nicht. Aber jetzt mischte sich eine andre Stimme in seine Bitte- es war die Stimme eines Polizisten. »Ihr habt gehört, was der Doc gesagt hat«, sagte er mit gewohnter
Autorität. »Vorwärts, tut, was euch befohlen wird!«
Der Rettungswagen kam zu spät. Der Mann war bereits tot. Er hatte dort am Boden sterben müssen, weil er sich mit einem anderen Mann um ein Glas Bier gestritten hatte. Ich habe nicht gewußt, daß ein Glas Bier so folgenschwer sein kann, doch dieses war es gewiß gewesen. Es hatte einen Mann das Leben gekostet. Ich wischte die letzten Blutspuren behutsam vom Ladentisch. Papa sah mir aus dem Hintergrund des Ladens zu. Das war aufregend gewesen. Ich drehte mich zu ihm um.
»Jöh, Papa«, sagte ich, von Bewunderung erfüllt, »du warst aber mutig, wie du dem Mann beigestanden hast. Ich hätt's nicht können. Mir war übel geworden.«
Papa sah mich sonderbar an. »Mir war auch übel, Danny«, sagte er gelassen, »was sollte ich aber machen?« Ich lächelte. »Ich hab mir's überlegt, Papa«, sagte ich. »Ich möchte im Sommer lieber doch nicht wegfahren. Passieren solche Sachen öfter?«
»Nein«, sagte Papa. Er nahm eine Packung Zigaretten vom Ladentisch, zog eine heraus und zündete sie an. »Du wirst wegfahren«, sagte er.
»Aber, Papa.«, ich sagte es aufrichtig enttäuscht. »Du hast mich gehört, Danny«, sagte er entschlossen. »Du wirst wegfahren.«
Ich richtete mich langsam auf. Etwas stimmte doch nicht, irgend etwas fehlte doch. »Hast du das Päckchen vom Ladentisch weggenommen, Papa?« fragte ich.
Papa sah neugierig auf den Tisch. Ein Schatten zog über seine Augen, verschwand aber rasch. Er holte tief Atem, und seine Lippen verzerrten sich zu einem schiefen Lächeln. »Ich hab's nicht weggenommen«, sagte er.
Ich sah ihn verwundert an. »Glaubst du, daß es jemand
geklaut hat?«
Während er antwortete, zeichneten sich die müden Falten scharf in seinem Gesicht ab: »Es macht nichts aus, Danny, 's war nichts Wichtiges. Ich brauch's ohnedies nicht.«
Ich saß ganz still auf der Veranda und streichelte Rexies Kopf. Es war mein letzter Abend zu Hause. Am nächsten Morgen sollte mich Mr. Gottkin mit seinem Ford abholen und wir würden dann gemeinsam aufs Land fahren. Ich war traurig, weil es das erstemal war, daß ich längere Zeit von zu Hause weg sein würde. Die Nacht umhüllte uns mit ihrer Stille. Das Haus war dunkel. Nur in der Küche brannte Licht, wo Mama und Papa sich noch miteinander unterhielten. Ich beugte mich über die Hündin. »Du mußt, während ich weg bin, ein ganz braves Mädelchen sein, hörst du«, flüsterte ich ihr ins Ohr. Sie wedelte langsam mit dem Schwänzchen. Sie verstand jedes Wort, das man ihr sagte, sie war der klügste Hund, den es je gegeben.
»Der Sommer ist ohnedies nicht lang«, sagte ich. »Eh du's merkst, ist der Herbst da, und ich komm wieder zurück.« Sie drückte mir ihre kalte Schnauze in die Hand, und ich kraulte sie an ihrer Lieblingsstelle am Hals.
Ich hörte, daß sich die Türe bei den Conlons öffnete und sah auf. Marjorie Ann trat auf die Veranda. Ich erhob mich rasch, rief Rexie und eilte den Häuserblock hinunter. Ich wollte nicht mit ihr sprechen.
»Danny!« Ich hörte Marjorie Anns eilige Schritte, als sie mir nachgelaufen kam. Ich drehte mich um. Sie kam mir atemlos nach. »Du fährst morgen weg?«
»Ja«, sagte ich kopfnickend.
»Hast du was dagegen, wenn ich ein Stückchen mit dir gehe?« fragte sie mit einer ganz kleinen demütigen Stimme. Ich sah sie überrascht an. Das sah ihr so gar nicht ähnlich. »Wir leben in einem freien Land«, sagte ich und setzte mich wieder in Bewegung.
Sie lief neben mir her.
»Bist in allen Fächern durchgekommen, Danny?« fragte sie kameradschaftlich.
»Mhm«, sagte ich stolz. »Durchschnittlich mit Gut.«
»Das ist ja ausgezeichnet«, sagte sie einschmeichelnd. »Ich bin in Mathematik beinahe durchgefallen.«
»Mathe ist doch leicht.«
»Für mich nicht«, erwiderte sie fröhlich.
Wir bogen schweigend um die Ecke, unsre Schritte hallten auf dem Gehsteig. Wir gingen noch einen weiteren Häuserblock entlang, ehe sie wieder zu sprechen begann. »Bist noch bös auf mich, Danny?«
Ich sah sie verstohlen an. Sie sah wirklich gekränkt aus. Ich antwortete nicht.
Wir gingen fast einen ganzen Häuserblock entlang. Da hörte ich, wie sie schnüffelte. Ich blieb stehen und sah sie an. Wenn's etwas gab, daß ich bei Mädchen haßte, war's diese blöde Heulerei. »Na, was soll denn das?« fragte ich grob.
Ihre Augen standen voll Tränen. »Ich will nicht, Danny, daß du im Bösen von mir weggehst«, heulte sie, »ich hab dich doch so lieb.« Ich schnaufte verächtlich. »Da hast du aber 'ne sonderbare Art, es zu zeigen! Du frozzelst mich ständig und zwingst mich Dinge zu tun, die ich nicht tun will!«
Jetzt heulte sie erst richtig los. »Ich... ich wollt doch nur was tun, was dir Freude macht, Danny.«
Ich ging wieder weiter, »'s macht mir aber keine Freude«,
sagte ich kurz, »'s macht mich nervös.«
»Und wenn ich dir versprech, damit aufzuhören, Danny, bist du dann auch noch bös auf mich?« Sie ergriff meine Hand. Ich sah zu ihr hinunter. »Wenn du mir ehrlich versprichst, damit aufzuhören, dann nicht«, sagte ich.
»Dann versprech ich dir's«, sagte sie rasch und lächelte unter Tränen.
Ich erwiderte ihr Lächeln. »Dann bin ich also nicht mehr bös auf dich«, sagte ich. Plötzlich wurde mir klar, daß ich ihr in Wirklichkeit nie böse gewesen war. Nur auf mich selbst war ich böse gewesen. Das, was sie mit mir getan hatte, hat mir doch Genuß bereitet. Wir gingen weiter, und sie hielt noch immer meine Hand. Rexie lief auf einen offenen Bauplatz, und wir warteten, bis sie wieder herauskam.
Majorie Ann sah mich an. »Darf ich dein Mädel sein, Danny?«
»Heiliger Strohsack!« Unwillkürlich brach dieser Ausruf aus mir hervor.
Sofort hatte sie wieder Tränen in den Augen. Sie drehte sich um und lief schluchzend davon.
Ich blieb einen Moment stehen und sah ihr verdutzt nach. Dann holte ich sie ein und erwischte sie am Arm. »Majorie Ann!« Sie drehte mir ihr Gesicht zu, während ihr Körper noch immer von Schluchzen geschüttelt wurde.
»Hör auf zu heulen!« sagte ich. »Wenn du also willst, kannst du mein Mädel sein.«
»Oh, Danny!« Sie legte ihre Arme ungestüm um meinen Hals und versuchte mich zu küssen.
Ich wich ihr aus. »Ach, Marge, laß das Geknutsche! Du hast's versprochen.«
»Nur einen Kuß, Danny«, sagte sie rasch. »Wenn ich dein Mädel sein darf, ist's ganz in Ordnung.«
Ich starrte sie an, denn über diese Logik ließ sich nicht streiten. Außerdem wollte ich sie ja auch küssen. »Okay«, sagte ich widerwillig. »Aber das ist alles!«
Sie zog mein Gesicht zu sich hinunter und küßte mich. Ich spürte, wie lebendig ihre warmen Lippen unter meinem Mund waren. Ich zog sie dichter an mich heran, und sie verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter. Ich vermochte ihr Geflüster kaum zu verstehen. »Jetzt, wo ich dein Mädel bin, Danny, will ich alles tun, was du willst!« Sie preßte meine Hand gegen ihre Brust. »Alles, was du willst«, wiederholte sie. »Und ich werd dich nie wieder frozzeln.«
Ihre Augen leuchteten. Sie schien nicht mehr dasselbe Mädchen zu sein, das ich die ganze Zeit gekannt hatte. Eine innere Wärme strahlte von ihr aus, die ich vorher an ihr nie bemerkt hatte. Ich küßte sie nochmals, diesmal bedächtiger. Ich fühlte, wie sie sich eng an mich preßte, und das bekannte Fieber stieg mir ins Blut. Ein Puls begann in meiner Schläfe zu hämmern. Eiligst schob ich sie von mir weg. »Gehn wir jetzt nach Haus, Majorie Ann«, sagte ich feierlich, »das ist heute alles, was ich mir wünsche.«
Papa rief mir nach, als ich die Treppe hinaufgehen wollte. Ich kehrte um. »Ja, Papa?«
Er sah überaus verlegen aus. Erst sah er Mama an, aber sie las das Abendblatt und blickte nicht auf. Dann senkte er den Blick irgendwohin auf den Teppich und räusperte sich. »Du gehst zum erstenmal im Leben von uns weg, Danny«, sagte er verlegen. »Ja, Papa.«
Jetzt schaute er zur Decke empor, sorgfältig darauf bedacht, meinem Blick nicht zu begegnen. »Du bist jetzt ein großer Junge, Danny. und da glaube ich... da glauben Mama und ich. daß wir dir. gewisse Dinge sagen sollten.«
Ich grinste. »Wegen den Mädels, Papa?« fragte ich. Er sah mich überrascht an. Mama hatte ihre Zeitung weggelegt und sah mich gleichfalls an.
Ich lächelte ihnen zu. »Da kommst du etwas zu spät, Papa. Heutzutage lernen wir diese Dinge in der Schule.«
»Tatsächlich?« fragte er ungläubig.
Ich nickte, noch immer grinsend, mit dem Kopf. »Solltest du irgend etwas darüber wissen wollen, Papa, dann genier dich nur nicht. Frag mich nur!«
Er lachte ungemein erleichtert. »Siehst du, Mary«, sagte er, »ich hab dir doch gesagt, daß wir ihm nichts zu erklären brauchen.« Mama sah mich ungläubig an.
Ich lachte beschwichtigend. »Mach dir bloß keine Sorgen, Ma. Ich kann schon allein auf mich aufpassen.«
Noch immer lachend, lief ich die Treppe hinauf. Sie wußten einfach nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Ich war bereits Fachmann, was Mädchen anbelangt. Hatte ich's nicht erst an diesem Abend bewiesen?
»Ist mit der Puppe was zu machen, Danny?« Ich sah den Burschen angewidert an. Sein Gesicht war krebsrot, während er das Mädel auf der Veranda mit den Blicken verschlang.
Ich versperrte erst die Theke im Pavillon, ehe ich antwortete. Seitdem ich hierhergekommen war, hatte ich diese Frage nicht nur einmal, sondern schon tausendmal gehört. Denn es war mein dritter Sommer im Mont-Fern-Hotel und dem dazugehörigen Country Club.
»Du kannst mit allen was machen«, erwiderte ich lässig. »Wozu, zum Teufel, glaubst denn du, daß die hier heraufkommen? Wegen der guten Luft und dem Sonnenschein?«
Die andern Burschen rings um die Theke lachten mit mir, aber er sah noch immer zu dem Mädel hinüber. »Junge, Junge«, sagte er bewundernd, »'s ist schon was los bei verschiedenen Püppchen, wenn sie Hosen anhaben!«
»Wer schaut schon auf die Hosen?« fragte ich gleichgültig. »Ich schau immer nur, was oben in der Bluse steckt.« Während alles lachte, versperrte ich den Pavillon. Diese Kellner und Pikkolos gaben nie auch nur zehn Cent aus. Allerdings waren sie hier nur für ein paar Dollar und die Trinkgelder angestellt. Ob sie in ihrem Beruf tüchtig waren, kümmerte die Hotelleitung nicht. Sie wünschte lediglich, daß sie die Gäste bei guter Laune erhielten, und da es sich meistens um Damen handelte, waren alle mit diesem Arrangement zufrieden.
Die Burschen schlenderten auf die Veranda hinaus, und ich sah ihnen nach. Die meisten waren älter als ich, sie wirkten auf mich aber noch wie Kinder. Ich fühlte mich bereits alt. Vielleicht war meine Größe daran schuld - ich war einen Meter neunzig groß - oder vielleicht war es nur deshalb, weil ich mit meinen drei Sommern hier oben bereits ein Veteran war. Ich griff nach dem Abrechnungsbuch, in dem ich meine täglichen Eintragungen machte, und begann zu addieren. Sam wollte die Berichte immer in peinlichster Ordnung vorfinden.
Ich erinnerte mich meines ersten Sommers hier. Damals war ich wahrhaftig noch blödsinnig unerfahren. Ich war nichts als ein grüner Junge und lief Gottkin wie ein Hündchen nach, weil ich hoffte, daß er mich im Herbst in sein Fußballteam aufnehmen würde. Was war das alles für ein Unsinn gewesen!
Gottkin kam nie mehr ins Gymnasium zurück. Gleich am ersten Abend gewann er dem hiesigen Pächter beim Würfelspiel seine Konzession ab. Am nächsten Tag war er bereits im Geschäft. Ehe die erste Woche um war, wußte er, daß er nie mehr zurückkehren würde. »Das ist das richtige für mich«, sagte er damals. »Soll ein andrer Trottel bei dieser Horde Buben Kindermädchen spielen.« Anstatt fürs Hotel zu arbeiten, half ich ihm. Er hatte ungeheure Erfolge. Im Winter arbeitete er auf der Strecke von Miami Beach, und im folgenden Sommer übernahm er bereits die Konzession für das nächstgelegene Hotel, auf derselben Basis wie für das hiesige. In diesem Sommer arbeiteten schon fünf Burschen für ihn, zwei in jedem Hotel. Und er hatte nichts andres zu tun, als einmal im Tag zu erscheinen, um das Geld einzustreichen. Sein alter Ford war natürlich nicht mehr gut genug für ihn, jetzt fuhr er einen Pierce Roadster.
Der erste Sommer war für mich sehr schwer gewesen. Ich glaube, man konnte mir meine Unerfahrenheit auf tausend Schritte anmerken. Für die übrigen Jungen war ich die Zielscheibe alles nur erdenklichen Spotts, und die Mädchen frozzelten mich bis zur Verzweiflung. Sam mußte ihnen schließlich energisch sagen, sie sollen mich in Frieden lassen. Er hatte Angst, ich könnte wütend werden und einen von ihnen niederboxen.
Ich wollte im folgenden Sommer nicht mehr hinaufgehen, aber als Sam zu mir nach Hause kam und mir sagte, daß er die zweite Konzession übernommen habe und ich die Führung des hiesigen Geschäfts bekommen sollte, war ich doch mit ihm gegangen. Wir brauchten das Geld. Papas Geschäft ging tatsächlich miserabel. Am Ende der Sommersaison hatte ich ganze fünfhundert Dollar verdient.
Ich erinnere mich an Mamas Gesicht, als ich das Geld auf den Küchentisch legte und sagte, sie könne es behalten. Tränen standen in ihren Augen. Sie wandte sich zu Papa, in dem Versuch, sie vor mir zu verbergen. Ihre Lippen zitterten, aber ich verstand dennoch, was sie sagte: »Mein Blondie.« Das war alles.
Selbst Papa war den Tränen nahe. Sein geschäftlicher
Niedergang zeichnete sich täglich deutlicher ab. Das Geld wurde entsetzlich knapp. Dennoch preßte er die Lippen in eigensinnigem Stolz zusammen. »Bring's auf die Bank, Danny«, hatte er gesagt, »du wirst das Geld brauchen, um auf die Universität zu gehen.« Ich hatte gelächelt. Er konnte mich nicht täuschen, ich wußte Bescheid. »Wir brauchen das Geld jetzt«, hatte ich mit unbestreitbarer Logik gesagt, »und ich hab noch zwei Jahre vor mir, ehe ich an die Universität denken muß. Dann ist Zeit genug, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.«
Papa hatte mich daraufhin, wie mir schien, sehr lange Zeit angesehen. Dann streckte er seine zitternde Hand aus und nahm das Geld. »Also gut, Danny«, hatte er gesagt, »aber wir werden's nicht vergessen. Wenn's wieder aufwärts geht, kriegst du's zurück.« Schon damals wußten wir aber alle, daß das Geld verloren war. Das Geschäft ging nicht besser, sondern immer nur schlechter. Und das Geld ging denselben Weg wie das übrige.
Aber das war im vergangenen Sommer gewesen, und ich hatte das Geld bereits abgeschrieben. Diesen Sommer hatte mir Sam einen Hunderter extra versprochen, wenn ich die Einnahmen des vergangenen Jahres steigerte. Ich beendete meinen Bericht und addierte den Ertrag dieser Saison bis zum heutigen Tag. Jetzt brauchte ich nur noch eine Chance während der letzten paar Wochen - und ich war ein gemachter Mann. Ich sah auf meine Uhr. Es war gerade noch Zeit genug, um vor dem Lunch rasch schwimmen zu gehen. Ich versperrte den Pavillon und trat auf die Veranda hinaus. Ein neuangekommenes Mädel und der Bursche mit den großen Augen spielten Tischtennis. Das Mädel hatte tatsächlich Stil, ihre Backhands konnten allerdings noch etwas Übung vertragen. Ich trat hinter sie und nahm ihr den Schläger aus der Hand. »Locker, Baby, ganz locker«, sagte ich vertraulich. »Schau mir zu. Du bist zu steif.« Großauge starrte mich bitterböse an und schmetterte mir wütend den Ball herüber. Ich schlug ihn mit Leichtigkeit zurück. Ich war ein guter Spieler und wußte es. Beim nächsten Mal schnitt ich den Ball auf englische Art, er schoß hinüber, und Großauge schlug wütend daneben.
Ich lächelte dem Mädel zu. »Siehst du, Baby, 's ist ganz leicht.«
»Ja, so wie du's machst«, sagte sie lächelnd, »aber nicht für mich.«
»Aber natürlich«, sagte ich leichthin. »Ich werd's dir zeigen.« Ich drückte ihr den Schläger in die Hand und stellte mich hinter sie. Dann ergriff ich ihre Hände von rückwärts. Langsam führte ich ihren rechten Arm, beinahe in Schulterhöhe, auf ihre linke Seite. Sie mußte sich eng an mich drücken, während unsre Arme die Bewegung gemeinsam ausführten. Sie konnte nicht anders, ich hielt sie zu fest in meiner Umklammerung. Ich fühlte ihre straffen Brüste an meinem Unterarm. Ich lächelte Großauge verschmitzt zu. Er kochte vor Wut, wagte es aber nicht, seinen Mund aufzumachen. Ich war zu groß für ihn.
Ich drängte mich noch dichter an sie heran und sah ihr lächelnd in die Augen. »Ist's nicht ganz leicht?« fragte ich leichthin. Ihr Gesicht war brennend rot geworden. Ich sah, wie ihr die Röte vom Hals her aufstieg. Sie versuchte mich unauffällig abzuschütteln. Aber ich war zu stark für sie. Ebensoleicht hätte sie versuchen können, davonzulaufen. Sie wagte auch nichts zu sagen, weil uns alle Burschen zusahen und man sie sonst als langweilig brandmarken würde. »Ich. ich glaub schon«, antwortete sie schließlich. Ich grinste und ließ sie los. Das war eine Ping-Pong-Lektion, die sie nicht so bald vergessen würde. Aber auch die Burschen würden sie nicht vergessen. Ich sah, mit wie neidischen Blicken sie mich betrachteten. Dollars zählten hier nicht - die Währung waren die netten Puppen. Keiner der Burschen würde je auf die Idee kommen, daß ich hier während des ganzen Sommers nie etwas andres gesucht habe als Geld.
»Üb also brav weiter, Baby«, sagte ich, und recht zufrieden mit mir schlenderte ich von der Veranda.
Ich lief quer über den Ballspielplatz zum Kasino hinüber. Sam und ich wohnten gemeinsam in einem dahinterstehenden Bungalow. Im ersten Jahr hier oben hatten wir in einem Zimmer über dem Kasino geschlafen, aber nie Ruhe gehabt. Dieses Jahr hatte Sam den Bungalow gemietet, und wir verwendeten ihn als Vorratsraum und Schlafzimmer. Sam hatte sogar ein Telefon legen lassen, um mit seinen übrigen Betrieben in Kontakt bleiben zu können. Ich sperrte die Türe des Bungalows auf, trat ein und sah mich angeekelt um. Der ganze Raum befand sich in einem wirren Durcheinander. Kisten und Kartons standen im ganzen Zimmer herum. Es sah aus, als fände ich nie Zeit, ein wenig Ordnung zu machen. Von einer Wäscheleine über meinem Bett nahm ich eine verschossene Badehose und zog sie rasch an. Sorgfältig über die Kisten steigend, ging ich zur Türe und trat wieder ins Freie. Ich versprach mir selbst, das Zimmer am Nachmittag in Ordnung zu bringen, versperrte die Türe sorgsam und lief zum Swimmingpool hinüber.
Das Schwimmbassin war so, wie ich es mochte - völlig verlassen. Ich wollte Platz haben für mein Schwimmtraining. Deshalb ging ich auch immer am Vormittag hin; die Gäste zeigten sich selten vor dem Lunch. Im Vorbeigehen sah ich mir das alte Plakat an, das über dem Eingang zum Bassin hing. Mir machte dieses Plakat viel Spaß, denn zu Beginn der Saison, wenn es frisch gemalt war, strahlte es in leuchtend roter Farbe; aber jetzt war es völlig verblaßt und flüsterte den Badelustigen nur noch leise zu:
ZUR VERHÜTUNG VON FUSSFLECHTEN HABEN ALLE BADENDEN ZUERST DAS FUSSBAD ZU BENÜTZEN, EHE SIE DAS BASSIN BETRETEN.
Auf Anordnung des Gesundheitsministeriums.
Ich beachtete diesen Befehl gewissenhaft, denn um eine Fußflechte war es mir keineswegs zu tun. Ich blieb nahezu zwei Minuten in dem Fußbad, ehe ich an den Rand des Beckens trat. Meine Füße hinterließen eine nasse Spur auf dem Zementboden. Ich sah verstohlen zur Veranda hinüber, um festzustellen, ob mich jemand beobachtete. Großauge und Baby waren noch immer in ihr Spiel vertieft. Niemand sah her. Merkwürdigerweise enttäuschte mich das.
Ich tauchte mit einem tadellosen Hechtsprung ins Wasser und schwamm rasch ans andre Ende des Bassins. Das Wasser war heute sehr kalt, und ich mußte beständig in Bewegung bleiben, um nicht zu frieren. Das war gut so. Ich konnte meinen Stil im Kraulen verbessern, während mir niemand zusah. Manchmal irrte ich mich nämlich beim Zählen und atmete ein, wenn ich ausatmen sollte; dann bekam ich die Nase voll Wasser, tauchte hustend und spuckend auf und kam mir wie ein kompletter Narr vor. Ich begann wieder mit einem gleichmäßigen Schlag und zählte mit grimmiger Entschlossenheit. Ich war etwa fünfzehn Minuten geschwommen, als ich hörte, daß mich eine männliche Stimme beim Namen rief. Überrascht hörte ich zu zählen auf und bekam den Mund voll Wasser. Ich sah ärgerlich auf.
Es war einer der Hotelpagen. »In der Rezeption is 'ne Dame, die den Boß sprechen möchte.«
Ich schwamm zu ihm hinüber. »Du weißt doch, daß er nicht hier ist«, sagte ich wütend, »wozu belästigst du mich denn? Sag ihr, sie soll sich zum Teufel scheren.«
»Hab ich ihr bereits gesagt«, erwiderte der Page rasch, »dann hat sie aber nach dir gefragt.«
Wer konnte nach mir fragen? »Hat sie gesagt, wer sie ist?« fragte ich. Der Page zuckte die Achseln. »Woher, zum Teufel, soll ich's wissen?
Ich hab nicht gefragt. Ich war außerdem zu beschäftigt, mir diese Puppe näher anzuschaun. An deiner Stelle würd ich sie mir schon genauer ansehn. Die ist prima!« Dabei rollte er ausdrucksvoll mit den Augen und schmatzte.
Ich grinste und kletterte aus dem Becken. Das Wasser lief an mir herunter und hinterließ rings um meine Füße kleine Pfützen. Ich griff nach meinem Handtuch und begann mich zu frottieren. »Worauf wartest du noch?« fragte ich. »Schick sie her.« Er sah mich mit einem gemeinen Gesichtsausdruck an. »Okay, Danny«, sagte er lachend, während er sich umdrehte, »aber an deiner Stelle würd ich mir alles erst mal zuknöpfen, eh sie herkommt.«
Nachdem ich mich abgetrocknet und auf die Bank gesetzt hatte, um meine Sandalen anzuziehen, fiel ein Schatten über meine Füße. Ich blickte auf. »Hallo, Danny!«
Miß Schindler stand lächelnd vor mir.
Ich sprang auf und war plötzlich sehr verlegen. Überrascht stellte ich fest, daß ich gut einen Kopf größer war als sie. »Ma. Miß Schindler«, stotterte ich.
Sie sah mich noch immer lächelnd an. »Du bist aber gewachsen, Danny! Ich hätte dich kaum wieder erkannt.« Ich starrte sie an. Es war komisch, wie sie mich an zu Hause erinnerte. Hier lebte ich beinahe wie in einer andern Welt. Plötzlich fiel mir ein, daß ich Mamas Brief beantworten mußte. Er hatte beinahe eine Woche im Bungalow auf dem Tisch gelegen.
»Sam ist momentan nicht hier«, erwiderte ich auf ihre Frage. »Er kontrolliert seine andern Betriebe und kommt erst am
Abend zurück.«
Sonderbar, mir war, als breite sich ein Ausdruck der Erleichterung über ihr Gesicht. »Ich war gerade in der Nähe«, sagte sie rasch, »und da dachte ich, ich könnte mal vorbeikommen.« Sie stand verlegen in dem strahlenden Sonnenschein und zwinkerte gegen das grelle Licht.
Ich machte ein harmlostörichtes Gesicht. In der Nähe! Na so was! Neunzig Meilen waren es von der Stadt! »Gewiß«, sagte ich. Dann kam mir eine Idee. »Wo wohnen Sie? Wenn er zurückkommt, werde ich ihm sagen, daß er Sie gleich anrufen soll.«
»O nein, das geht nicht«, antwortete sie. Zu rasch, wie ich fand. Ihr Mann mußte irgendwo in der Nähe sein; sie will natürlich nicht, daß er was von dieser Sache erfährt. Sie mußte erraten haben, was in mir vorging. »Weißt du, ich fahr nämlich ein bißchen in der Geographie herum und weiß noch nicht, wo ich heut nacht bleiben werde.«
»Wie wär's dann, wenn Sie hierblieben?« schlug ich strahlend vor. »Hier ist's sehr hübsch, und ich kann Ihnen sogar 'nen Rabatt geben.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Sam wird sehr böse sein, wenn ich ihm sagen muß, daß Sie weggefahren sind, ohne auf ihn zu warten«, sagte ich. Sie sah mich scharf an.
»Nein«, sagte sie entschieden, »es ist schon besser, wenn ich fahre.«
Ich war enttäuscht. Plötzlich wurde mir's klar: Ich wollte, daß sie hierbleiben soll. Irgendwie war sie ein Stück Zuhause, und außerdem freute ich mich, sie zu sehen. Das Telefon im Bungalow begann jetzt zu klingeln. Ich packte mein Handtuch und lief hinüber. »Bitte warten Sie noch eine Minute«, rief ich über die Schulter zurück, »wahrscheinlich ist's Sam, der jetzt anruft. Ich werd' ihm sagen, daß Sie hier sind.«
Ich öffnete die Tür und griff nach dem Hörer. »Hallo, Sam?«
»Ja.« Seine Stimme klang heiser. »Wie steht's?«
»Okay, Sam«, antwortete ich mit erregter Stimme. »Miß Schindler ist hier, um dich zu besuchen.«
Sams Stimme wurde noch heiserer. »Was treibt denn die hier oben?«
»Sie sagt, sie ist auf der Durchfahrt hier und hat sich gedacht, sie könnte dich im Vorbeikommen besuchen.«
»Sag ihr, ich kann erst spät in der Nacht zurück sein«, sagte er rasch. »Gib ihr ein schönes Zimmer und halt sie zurück, bis ich komme.«
»Aber, Sam«, protestierte ich, »ich hab's ihr bereits angeboten, sie will nicht bleiben.«
Seine Stimme senkte sich vertraulich. »Hör mal, Junge, ich verlaß mich da ganz auf dich. Wenn du schon mal auf 'ne Puppe so scharf warst wie ich auf sie, dann weißt du auch, was ich mein. Gib ihr alles, was sie verlangt, aber laß sie nicht weg! Ich bin vor eins bestimmt dort.«
Damit verstummte der Apparat. Ich blieb verwirrt davor stehen. Was erwartete er von mir? Was sollte ich denn tun? Sie einsperren? Langsam legte ich den Hörer nieder und wandte mich zur Türe. Sam hatte mit mir gesprochen, als müßte ich wissen, was ich zu tun habe, wie eben ein Mann zum andern spricht, nicht wie zu einem unerfahrenen Jungen. Mit stolzen Gefühlen eilte ich zur Türe, aber ehe ich sie erreicht hatte, stand sie bereits im Eingang. Sie spähte neugierig herein. »Darf ich eintreten?« fragte sie.
Ich befand mich noch immer in der Mitte des Zimmers. »Natürlich, Miß Schindler«, rief ich und schob einige Kisten, die herumstanden, aus dem Weg, damit sie eintreten könne. »Ich hätte schon längst aufräumen sollen, hatte aber keine Zeit«, erklärte ich. Sie schloß die Türe hinter sich, und ich richtete mich wieder auf. Mein Gesicht war krebsrot. »War das Sam?« fragte sie.
Ich begegnete ihrem Blick und nickte schweigend. »Was hat er gesagt?«
»Er hat gesagt, ich soll Ihnen ein Zimmer besorgen und auch alles andre, was Sie wünschen, und Sie so lange hier zurückhalten, bis er kommt«, sagte ich kühn.
Ihre Stimme klang argwöhnisch und herausfordernd. »Er scheint ja recht selbstsicher zu sein, was?«
Ich fühlte, wie ich noch tiefer errötete, und mußte die Augen vor ihrem durchdringenden Blick senken. Ich antwortete nicht. Jetzt war sie sichtlich wütend. Ich war zu frech gewesen, irgendwie hatte sie gemerkt, daß ich alles wußte. »Was wirst du ihm sagen, wenn ich nicht bleibe?« schnauzte sie mich an. Ich wandte mich ab und machte mich völlig sinnlos mit den Kisten zu schaffen. Ich antwortete noch immer nicht. Da packte sie mich an den Schultern und drehte mich zu sich herum. Jetzt war ihr Gesicht zorngerötet. »Was wirst du ihm sagen?« wiederholte sie wütend.
Ich sah ihr tief in die Augen. Zum Teufel mit ihr! Sie konnte mir nichts anhaben. Jetzt war ich ja nicht in der Schule. »Nichts«, sagte ich höhnisch und schob ihre Hände von meiner Schulter. Sie sah zuerst auf meine Hand, die jetzt ihr Handgelenk umfaßte und dann langsam durchs Zimmer. Ich bemerkte, daß sie mit einem Entschluß kämpfte. Dann blickte sie mich wieder an. »Also gut«, sagte sie plötzlich, »ich bleibe. Mach das Zimmer hier für mich sauber.«
Ich war überrascht. »Aber Sam hat mir doch gesagt, ich soll für Sie ein Zimmer.«
Ihre Stimme wurde jetzt eigensinnig. »Ich hab gesagt, daß ich hier bleiben will.«
»Aber es ist doch so entsetzlich unordentlich«, protestierte ich, »Sie werden es im Hotel drüben viel bequemer haben.« Sie wandte sich zur Türe und öffnete sie. »Sam hat dir gesagt, du hast alles zu tun, was ich wünsche, damit ich bleibe. Nun also, ich wünsche eben hier in diesem Zimmer zu wohnen.« Sie schritt über die Türschwelle, sah aber zu mir zurück. »Ich geh jetzt meinen Wagen holen. Inzwischen kannst du das Zimmer für mich saubermachen.«
Ich sah, wie sich die Türe hinter ihr schloß. Jetzt hatte sie Oberwasser, und das wußte sie verdammt genau. Ich überlegte, weshalb sie so wütend war. So frech war ich doch auch wieder nicht gewesen. Ich trat ans Fenster und blickte ihr nach.
Sie verschwand gerade hinter dem Schwimmbassin. Ich konnte Sams Gefühle für sie gut verstehen. Mit ihrem Gang allein verriet sie mehr als alle die Gören hier, die sich halbnackt in ihren Bikinis zur Schau stellten.
Ich wandte mich wieder vom Fenster ab und sah mich angewidert im Zimmer um. Mamas letzter Brief schimmerte weiß auf der Tischplatte. Aber jetzt hatte ich tatsächlich keine Zeit.
Mama band ihre Küchenschürze fest, während sie die Treppe hinabstieg. Die Luft war still und unbewegt, und sie wußte, daß wieder ein glühendheißer Tag bevorstand. Sie war müde, noch ehe der Tag richtig begonnen hatte, sie war in letzter Zeit immer müde und hatte nicht gut geschlafen.
Papa hatte ihr ein Stärkungsmittel mitgebracht. Sie hatte es zwar eine Woche lang jeden Morgen eingenommen, es hatte ihr aber nicht geholfen.
Natürlich hatte sie ihm gegenüber erklärt, daß es ihr geholfen habe - weil ihm das Freude machte. Denn ein Mann muß immer das Gefühl haben, nützlich zu sein, und er fühlte sich ja elend
genug, weil das Geschäft so schlecht ging.
Papa tat ihr furchtbar leid. In der letzten Nacht hatte er im Schlaf geweint. Sein Schluchzen hatte sie aufgeweckt, doch sie war regungslos liegengeblieben und hatte den Worten gelauscht, die aus der Tiefe seines Herzens aufstiegen. Er schien so verwirrt, daß ihr selbst Tränen in die Augen traten.
Sie hatte nachher nicht wieder einschlafen können, und die Nacht schien kein Ende zu nehmen. Jetzt war sie müde, aber dagegen konnte man nichts tun. Die schwüle Hitze des Morgens machte es auch nicht leichter. Diese letzten Augustwochen waren gewöhnlich am allerärgsten. Sie hatte das Gefühl, nicht viel mehr von dieser Hitze ertragen zu können und wünschte sich, daß dieser Sommer endlich vorbei wäre.
Sie schritt durch die Küche, öffnete den Eisschrank und sah hinein. Er war fast leer. Sie war stets stolz darauf gewesen, im Eisschrank einen reichlichen Vorrat zu haben. Sie sagte immer, sie habe es gern, genug im Hause zu haben, um nicht täglich einkaufen zu müssen. Jetzt bereitete ihr diese Öde einen fast körperlichen Schmerz. Das kleine Stückchen Eis war seit gestern beträchtlich zusammengeschmolzen; der Eierbehälter war fast leer; und da lag nur noch die Hälfte von einem Viertel Pfund Butter. Selbst die Milchflasche mit dem winzigen Rest schien sie zu schmerzen. Langsam schloß sie die Tür des Eisschrankes. Die drei Eier werden fürs Frühstück gerade noch reichen. Plötzlich freute sie sich, daß ich nicht zu Hause war. Sie beschloß, in den Briefkasten zu schauen, ob von mir ein Brief gekommen war. Da hörte sie das Gerassel des Milchwagens und fühlte sich sogleich wieder wohler. Er würde Eier, Butter und Milch bringen, die auf die Rechnung geschrieben würden, so daß sie die paar Dollar, die sie in dem Glas über dem Spültisch aufbewahrte, für ein Suppenhuhn verwenden konnte. Sie eilte zur Eingangstüre, um ihn abzufangen, ehe er weiterfuhr. Als sie die Türe geöffnet hatte, sah sie, daß der Milchmann vor seiner Vorratskiste kniete. Er erhob sich langsam, mit einer merkwürdig schuldbewußten Miene. »Morgen, Missus Fisher«, sagte er in einem auffallend verlegenen Ton.
»Guten Morgen, Borden, das ist aber recht, daß ich Sie noch erwischt hab«, erwiderte Mama. Die Worte kamen ihr, nach der geringen Anstrengung, bereits atemlos über die Lippen. »Heute brauch ich Eier und Butter.«
Der Milchmann trat verlegen von einem Fuß auf den andern »Ja, Missus Fisher. es tut mir leid. aber.« Seine Worte wurden unverständlich.
Enttäuschung malte sich auf ihrem Gesicht. »Sie meinen, daß Sie bereits ausverkauft sind?«
Er schüttelte stumm den Kopf und wies mit der Hand auf das Kästchen, das an der Wand der Veranda angebracht war. Mama sah ihn verwundert an.
»Ich. ich versteh nicht«, sagte sie zögernd, während ihre Augen seinem Zeigefinger folgten. Da verstand sie. In dem Kästchen befand sich bloß der gelbe Rechnungszettel, nur die Rechnung - und keine Milch.
Sie griff langsam nach der Rechnung und begann sie zu studieren. Die Lieferungen an sie sollten eingestellt werden, weil sie der Firma die Bezahlung für drei Wochen schuldig geblieben war. Sie sah den Milchmann mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Ihr Gesicht war jetzt totenblaß, und sie sah furchtbar krank aus. »Es tut mir leid, Missus Fisher«, murmelte er teilnehmend. Über den Rasen vor dem Haus kam der Sprühregen eines Wasserstrahls. Da bemerkte sie auf einmal Mr. Conlon, der seinen Garten sprengte. Er sah zu ihr hinüber.
»Guten Morgen, Mrs. Fisher«, rief er mit dröhnender Stimme. »Guten Morgen«, erwiderte sie mechanisch. Es mußte etwas geschehen, denn sie war überzeugt, daß er alles gesehen und gehört hatte. Sie überflog nochmals ihre Rechnung: vier Dollar und zweiundachtzig Cent. Sie hatte gerade noch fünf Dollar in dem Glas über dem Spültisch.
Sie zwang sich zu sprechen und versuchte sogar zu lächeln. Ihre Lippen waren fast weiß und ihr Lächeln glich einer Grimasse. »Ausgezeichnet«, sagte sie mit erzwungen ruhiger Stimme zu dem Milchmann, »ich hatte auch gerade die Absicht, die Rechnung zu bezahlen. Warten Sie einen Augenblick.«
Sie schloß die Tür rasch hinter sich und lehnte sich eine Sekunde kraftlos dagegen; die Rechnung flatterte aus ihren zitternden Fingern auf den Bbden. Sie versuchte gar nicht sie aufzuheben; sie hatte Angst, dabei ohnmächtig zu werden. Statt dessen eilte sie in die Küche und holte das Geld aus dem Glas über dem Spültisch. Sie zählte die Banknoten langsam und widerstrebend, als könnten sie sich beim Nachzählen durch ein Wunder verdoppeln. Es blieben aber doch nur fünf Dollar. Sie fröstelte. Ein nervöser Schauer lief ihr über den Rücken, während sie sich umdrehte und zur Tür zurückkehrte.
Der Milchmann stand auf der Veranda, am selben Fleck, auf dem sie ihn verlassen hatte, er trug allerdings jetzt ein Drahtkörbchen, in dem sich Milch, Butter und Eier befanden. Sie reichte ihm stumm das Geld, er steckte es in die Tasche und zählte ihr das Wechselgeld von achtzehn Cent in die Hand.
»Und hier sind die bestellten Waren, Missus Fisher«, sagte er verständnisvoll und vermied es, sie anzublicken. Sie wollte ihm sagen, er sollte sie behalten, wagte es aber nicht. Scham überwältigte sie, während sie ihm das Körbchen aus der Hand nahm. Sie sprach kein Wort.
Er räusperte sich, »'s ist nicht meine Schuld, Missus Fisher. Der Mann in der Buchhaltung drunten im Büro ist schuld. Versteh'n Sie?«
Sie nickte. Sie verstand sehr gut. Er drehte sich um und lief die Stufen hinunter. Sie sah ihm nach. Mr. Conlons Stimme dröhnte wieder herüber.
»Wird heut wieder 'ne Bullenhitze, Mrs. Fisher«, sagte er lächelnd. Sie sah ihn völlig abwesend an. Ihre Gedanken waren weit weg. »Ja, es sieht so aus, Mr. Conlon«, erwiderte sie leise und begab sich, nachdem sie die Türe hinter sich geschlossen hatte, in die Küche zurück.
Sie stellte Milch, Butter und Eier nachdenklich in den Eisschrank. Er sah dennoch leer aus. Sie hatte das Bedürfnis zu weinen, aber ihre Augen blieben trocken. Von der Stiege her hörte sie ein Geräusch. Sie schloß den Eis schrank hastig. Die Familie kam zum Frühstück herunter.
Einige Minuten später standen Milch, Butter und Eier auf dem Tisch, und sie begannen zu frühstücken. Während sie ihnen zusah, erfüllte sie eine beglückende innere Wärme. Mimi war sehr aufgeregt. Gestern abend war eine Annonce in der Zeitung erschienen, daß man im A&S, einem der Brooklyner Warenhäuser, einige Sekretärinnen für eine Halbtagsbeschäftigung suchte, und sie wollte sich unbedingt dort vorstellen. Papa verzehrte sein Frühstück schweigend. Er sah sehr erschöpft und müde aus, und in seinem Gesicht waren jene Falten zu sehen, die sofort erscheinen, wenn man schlecht schläft.
Und dann war die Küche wieder leer, und Mama war allein. Langsam spülte sie das Frühstücksgeschirr. Nachher bemerkte sie, daß Milch, Butter und Eier noch auf dem Tisch standen. Sie stellte alles hinein, obwohl von dem kleinen Eisblock nichts mehr übriggeblieben war, er war völlig zerschmolzen. Sie schloß die Türe. Auf der Veranda ertönten Schritte. Das mußte der Postbote sein, dachte sie, lief zur Eingangstüre und öffnete sie. Doch der Postbote war bereits zum nächsten Haus weitergegangen. Sie sperrte den Briefkasten hastig auf, entnahm ihm einige Briefe und sah sie rasch durch. Kein Brief von mir. Nur Rechnungen. Sie kehrte langsam in die Küche zurück und öffnete noch im Gehen eine nach der andern Gas - Telefon -elektrisches Licht - alles überfällig! Sie ließ die Rechnungen auf den Tisch fallen und behielt nur noch einen ungeöffneten Brief in der Hand, dessen Absender sie nicht kannte. Sie öffnete ihn.
Es war die Verständigung der Bank, daß die Hypothekenzinsen für das Haus überfällig waren. Sie sank schwer auf einen Stuhl neben dem Tisch. Durch die Erschütterung öffnete sich langsam und geräuschlos die Türe des Eisschranks. Sie saß regungslos da und starrte in den leeren Eisschrank. Sie sollte aufstehen und die Tür schließen, da sich die geringe Kälte, die noch drinnen war, auch verflüchtigen würde, aber irgendwie hatte das auch nichts mehr zu bedeuten. Sie fand nicht die Kraft, aufzustehen und die Türe zu schließen. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen und fühlte sich entsetzlich schwach. Sie starrte in den fast ganz leeren Eisschrank, bis er immer größer und größer zu werden schien und sie sich in dieser leeren, kalten Welt völlig verlor.