3

Ich saß vor dem Ladentisch und verpackte Erdnüsse. »Zum Teufel mit diesen Jungens!« fluchte Ben. Ich sah erstaunt über seine Heftigkeit zu ihm auf. »Was ist denn los?« fragte Sarah.

Er wies mit seinem gesunden Arm auf den Strand. »Ein Kunde wollte eben zu mir kommen, aber einer von diesen verdammten Jungen erwischte ihn zuerst, 's ist ein Wunder, daß wir von dem Verdienst noch leben können, bei den vielen

Bälgern, die sich da 'rumtreiben!«

Sarahs Stimme klang nachsichtig.

»Reg dich nicht auf«, sagte sie begütigend, »es nützt ja doch nichts.«

Doch Bens Stimme klang weiterhin ärgerlich. »Wir zahlen für unsere Konzession hier eine Unsumme, und diese Jungen ruinieren mir alles. Sie    zahlen    nichts dafür, wenn    sie    die

Eiscremebecher dort draußen herumtragen und das Zeug am Strand verkaufen. Es müßte doch ein Mittel geben, es ihnen zu verbieten! «

»Die Polizisten verjagen sie ja, wenn sie sie sehen«, sagte Sarah. »Ach was«, erwiderte Ben entrüstet, »die sind die meiste Zeit damit beschäftigt, die Weiber anzustarren, und kümmern sich nicht drum.«

»Ich möchte keinen    ganzen    Tag dort draußen    in    der

Sonnenglut und im brennheißen Sand herumwaten und Eiscreme verkaufen, nur um ein paar Dollar zu verdienen«, sagte sie.

Er stampfte von ihr weg, und sein Holzbein nachschleppend, verschwand er wortlos im Hinterzimmer.

Ich stand müde auf und streckte mich. »Das hat aber sehr bös geklungen«, sagte ich.

Sarah sah bekümmert aus. »Er hat schon recht«, antwortete sie. »Das Geschäft hier war sein Wunschtraum, und er möchte, daß es auch gut geht. Aber wie es jetzt aussieht, bringt er während der Sommersaison knapp die Kosten herein. Er verdient aber nicht    genug,    um über den    Winter

hinwegzukommen. Und das bedeutet, daß er mich wieder    um

Geld bitten muß. Das widerstrebt ihm, weil er auf eigenen Füßen stehen möchte.«

Ich antwortete nicht und begann die Erdnüsse auf dem Ladentisch aufzuschichten. Ich glaube, daß sie recht hatte, denn ich wußte, was in ihm vorging. Eben jetzt konnte ich draußen am Strand wieder vier solche Jungen zählen. Ich hörte ihre schrillen Stimmen, die uns die Brise herüberwehte. »Knuspriges Popcorn!«

»Eiscremebecher!«

»Erdnüsse!«

»Eislutscher!«

Die meisten waren Jugendliche. Es schienen sogar recht nette Burschen unter ihnen zu sein, ich hatte gelegentlich mit diesem oder jenem gesprochen. Die meisten mußten froh sein, wenn sie täglich etwas mehr als einen Dollar verdienten, denn die Händler, von denen sie ihre Ware kauften, raubten sie buchstäblich aus. Billigte jemand aber diesen Jungen einen anständigen Anteil zu, dann könnte er ein Vermögen verdienen, denn es waren unzählige Burschen, die ihre Waren am Strand verkauften.

Plötzlich überfiel mich ungeheure Erregung. Welcher Narr war ich gewesen, es nicht schon früher erkannt zu haben! Es war doch das einzige, was ich dort oben auf dem Land von Sam gelernt hatte. Sam verdiente an seinen Unternehmen so viel, weil er seinen Leuten einen anständigen Anteil überließ. Warum sollte Ben hier nicht dasselbe tun?

Ich suchte Sarah mit dem Blick. Sie stand mit Ben bei der Registrierkasse und sah auf den Strand hinaus. Ich klopfte Ben auf die Schulter, und er drehte sich um. »Diese Jungen würden für dich ebenso arbeiten wie für jemand andern«, sagte ich. Er sah mich verwirrt an. »Welche Jungen? Wovon sprichst du?« Ich wies mit dem Daumen auf den Strand. »Die Jungen dort draußen. Warum beschäftigst du sie nicht?«

»Mach dich nicht lächerlich«, schnauzte er mich an, »ich hab wahrhaftig keine Zeit, hinter diesen Bengeln herzulaufen und meinen Anteil einzukassieren.«

»Du brauchst das gar nicht«, sagte ich, »sie bezahlen die Ware im voraus.«

»Nein, nur die Hälfte«, widersprach er, »den Rest muß man eintreiben. Warum sollen sie übrigens gerade mit mir Geschäfte machen?«

»Es muß einen Weg geben, darum herumzukommen«, sagte ich. »Angenommen, wir nehmen kein Geld im voraus? Wie wär's, wenn sie uns ein Pfand daließen? Etwa eine Uhr oder ein Fahrrad? Dann brauchten sie kein Bargeld und kämen garantiert lieber zu uns.«

»Ach was, schlag dir das aus dem Kopf«, sagte Ben verärgert. Er griff nach einem Tuch und begann den Ladentisch abzuwischen. »Außerdem haben wir keinen Platz, um die Waren auszuteilen.« Beim Klang von Sarahs Stimme blickte ich auf. »Im Hinterzimmer hast du genug Platz«, sagte sie, »es ist ganz unbenutzt, und du könntest sogar einen Eisschrank hineinstellen.«

»Aber, Sarah«, protestierte er, »woher sollen wir die Zeit nehmen? Und glaubst du wirklich, ich brauche bloß zu den Jungen hinzugehen, und sie werden gleich gelaufen kommen, nur weil ich es so haben möchte?«

»Ich schaffe dir die Burschen herbei«, sagte ich rasch. Sarah sah erst mich an, dann wandte sie sich ziemlich herausfordernd an ihren Bruder. »Nun, also?« sagte sie. Er zögerte einen Moment und antwortete nicht. Sie sah ihn lächelnd an. »Was ist denn los, Ben?« fragte sie, »du hast doch immer gesagt, du möchtest einmal einen ordentlichen Batzen Geld verdienen. Das ist die erste günstige Gelegenheit, die sich dir bietet. Oder machst du dir nichts mehr aus Geld?« Verlegenes Grinsen breitete sich über sein Gesicht, dann sah er mich dankbar an. »Okay, Danny«, sagte er, »wir wollen's versuchen. Manchmal vergesse ich, daß ich ja nicht mehr alles allein machen muß.«

Ich sah auf meine Uhr. Es war beinahe finster, also gerade die richtige Zeit, daß alle Jungen bereits aufgetaucht sein konnten.

Die letzte Stunde hatte ich auf einer Bank gesessen und zugesehen, wie ein stetiger Strom dieser Jungen unter dem Brettersteg verschwand. Ich zündete mir eine Zigarette an, stand auf und stieg die Steinstufen hinunter, die zum Strand führten. Stimmengemurmel drang zu mir, während ich mich bückte, um unter den Brettersteg zu gelangen. Ich lachte geräuschlos vor mich hin. Ich hatte recht gehabt. Der rascheste Weg um eine Bande Jugendlicher aufzustöbern, ist es, herauszubekommen, wo sie ihr geliebtes Grapspiel spielen. Etwas zwanzig von ihnen waren eifrig dabei, sich auf einem Betonstreifen, der sich hinter den Ruheräumen befand, dem Spiel hinzugeben. Nur wenige waren in meinem Alter, die meisten waren wesentlich jünger. Ich drängte mich in den inneren Kreis vor. Einer der Jungen war eben im Begriff zu würfeln. Eine Menge Münzen lag auf dem Beton herum. Nachlässig ließ ich eine Fünfdollarnote auf den Betonstreifen fallen. »Ich halte jede Wette«, kündigte ich an.

Alle Gesichter wandten sich mir zu, und ich sah sie aufmerksam an. Sie blickten mich nicht feindselig, sondern bloß neugierig an. Hier gab's also keinerlei Schwierigkeiten. Ein Fünfer war für diese Burschen eben eine Menge Geld. Der Junge mit den Würfeln in der Hand stand auf. »Wer sind Sie?« fragte er mit einem leichten Anflug von Ärger.

Ich lächelte, und die Zigarette hing mir lose im Mundwinkel. »Einer, der am Würfeln einen Narren gefressen hat«, erwiderte ich leichthin.

Er starrte erst mich an, dann die andern. Dann wandte er sich wieder höflich an mich: »Nehmen S' Ihren Zaster wieder weg, Mister. So hoch können wir nicht spielen.«

Ich kniete mich hin, nahm den Fünfer und sah ihn dabei von unten her an. »Wie hoch ist euer höchster Einsatz?«

»Ein halber Dollar«, antwortete er.

Ich fuhr mit der Hand in die Tasche und kam mit einer Handvoll Kleingeld wieder zum Vorschein. »Los, laß sie

rollen«, sagte ich, »ich bin kein Snob.«

Er kniete sich wieder hin, und die Würfel rollten aus seiner Hand. Sie stießen hart an die Mauer, prallten ab und rollten aus. Ich beteiligte mich an einigen Wetten und begann dann ein Gespräch mit einem neben mir stehenden Burschen. »Arbeitest du am Strand?« fragte ich.

Der Junge nickte bloß, denn seine Aufmerksamkeit galt den Würfeln.

»Verdienst du was dabei?« fuhr ich freundlich fort. Er drehte sich zu mir um und sah mich scharf an. »Wollen Sie sich über mich lustig machen?« fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich mach mich nicht lustig«, erwiderte ich nachdrücklich, »aber ich weiß, daß damit eine Menge Geld zu machen ist. Ich wollte bloß wissen, ob ihr Jungens auch genügend davon abbekommt.«

»Was quatschen Sie daher?« fragte der Junge. »Wir kriegen bloß zwanzig Cent für 'n Dollar und können noch von Glück sagen, wenn wir am Tag sechs Eier verdienen.«

Ich starrte ihn an. Eds war ja für uns noch günstiger als ich vermutet hatte. »Ihr werdet da schamlos ausgebeutet«, sagte ich mit Nachdruck. »Die Rockaways zahlen vierzig für'n Dollar und verlangen keine Vorauszahlung.«

Er sah mich ironisch an. »Vielleicht machen sie's dort so, aber hier auf Coney Island nich.«

»Ich kenne ein Unternehmen, wo sie's aber doch machen«, sagte ich rasch und sah ihn dabei an. »Die suchen sogar noch Verkäufer.« Er war sofort interessiert. Er sah mich scharf an, das Crapspiel war augenblicklich vergessen. »Wo?« fragte er.

»Glaubst du, daß deine Freunde hier dafür Interesse hätten?« fragte ich und wich einer direkten Antwort aus.

Er grinste. »Wer hat kein Interesse am Geldverdienen?« Damit wandte er sich an die andern. »He, Jungens«, rief er, »der

Bursche da behauptet, er kennt ein Unternehmen, wo man vierzig für'n Dollar zahlt und keinen Penny im voraus.«

Das war das Ende des Crapspiels, denn nun drängten sich alle um mich. Sie sprachen alle auf einmal.

Ich hielt die Hand in die Höhe, um mir Gehör zu verschaffen. »Wenn ihr euch morgen früh bei Ben Dorfman einfindet, habe ich fünfundzwanzig Kartons für euch bereit.« Ich sah mich im Kreise um und zählte rasch die Köpfe. Es waren etwa zwanzig. »Ihr könnt eure Freunde auch mitbringen«, fügte ich rasch hinzu, denn ich wollte alle Kartons am Strand draußen haben. Ich rechnete mir aus, daß sich genug Burschen dafür einfinden werden. Ich hatte mich nur in einem Punkt geirrt. Am nächsten Morgen erschienen beinahe fünfzig, und am Ende der Woche waren es schon hundertfünfzig, die unsere Waren verkauften.

4

Die alte abgenützte Weckeruhr auf dem Regal zeigte auf elf, als Ben vom Tisch aufblickte. Das Licht der einzigen herabbaumelnden Glühbirne warf Schatten auf sein erschöpftes Gesicht. Er schob etwas Kleingeld, das noch auf dem Tisch lag, zu seiner Schwester hinüber. »Hier, Sarah«, sagte er mit müder Stimme, »zähl du den Rest, ich bin total erledigt.«

Schweigend ließ sie die Silberstücke durch ihre Finger gleiten. Ben wandte sich an mich. »Was war das für eine Woche!« sagte er völlig erschöpft, »nie zuvor war ich am Sonntagabend so müde. Diese Burschen machen mich fertig.« Ich lächelte. »Ich hab's dir doch gesagt, Pops. Ich glaube, wir haben, seit wir am Donnerstag begannen, etwa achthundert Dollar brutto eingenommen. Die ganze Woche müßte demnach zwölfhundert einbringen. Das bedeutet vierhundert Reingewinn!« Er nickte lächelnd. »Du hast tatsächlich recht behalten, alter Junge«, gab er zu. »Das muß ich anerkennen.«

Jetzt war auch Sarah mit ihrer Arbeit, das Kleingeld in Papierrollen zu verpacken, fertig geworden. Sie stand auf. »Ich hab nie im Leben soviel Kleingeld auf einem Haufen gesehen«, sagte sie. Sie nickte Ben zu, und er wandte sich wieder an mich. »Ich und Sarah möchten, daß du weißt, wie sehr wir's anerkennen, Danny. Du hast viel für mich getan, und von jetzt an bekommst du fünfundzwanzig Prozent von den Einnahmen der Verkäufer.« Ich sah ihn völlig überrascht an. Ich hätte mir nie auch nur annähernd etwas so Gutes träumen lassen. Ich blickte die beiden hilflos an. Ich vermochte nicht zu sprechen.

Ben sagte rasch: »Was hast du, Danny? Ist's nicht genug?« Endlich gelang es mir, den Kopf zu schütteln und lächelnd zu sagen: »Ich. ich hab das nicht erwartet, Ben, ich weiß einfach nicht, wie ich dir danken soll.«

»Danke nicht mir, alter Knabe«, sagte er, »Sarah hier ist es, sie hat gemeint, es wäre nur recht und billig, daß du einen gerechten Anteil bekommst. Wärest du nicht gewesen, hätten wir überhaupt nichts.«

Aus dem Schatten hinter dem Tisch sah mich Sarah strahlend an. »Ja«, sagte sie, »es ist nur recht und billig.«

Unsre Augen begegneten sich. Aber ich schwieg. Es gibt Dinge, die man nicht aussprechen kann, Gefühle, für die man keine Worte findet. Ich verdankte ihr unendlich viel. Hätte sie nicht all das für mich getan, dann wäre ich jetzt nicht hier.

Bens Stimme unterbrach meine Gedanken. »Ich wollte, ich hätte hier ein heißes Bad. Ich könnte ganz bestimmt eins brauchen, und statt diesem verdammten alten Gestell ein wirklich gutes Bett, um mich einmal gründlich auszuschlafen.«

Sarah sah mich an. »Warum kommt ihr beide nicht mit mir ins Hotel? Wir können's uns jetzt leisten. Ihr könnt dort ein

Zimmer mit Bad bekommen und eine Nacht mit allem Komfort verbringen.«

»Das ist die beste Idee, die ich am heutigen Abend gehört habe«, rief Ben begeistert. Er wandte sich an mich. »Was sagst du dazu, mein Junge?«

Ich schüttelte den Kopf. Für mich war das Half Moon Hotel zu groß. Es zog immer eine riesige Menschenmenge aus der Stadt an. Ich tat besser, hierzubleiben. »Nein, Ben«, sagte ich rasch, »geh nur mit Sarah. Es ist besser, wenn einer von uns hier bleibt, um die Bude im Auge zu behalten.«

Er sah zuerst mich an, dann Sarah. »Was meinst du?« fragte er. Sie blickte mich an, und ich schüttelte unmerklich den Kopf. Sie verstand sofort. »Ich glaube, Danny hat recht«, sagte sie bedächtig. »Aber du kommst mit mir, Ben. Und Danny wird inzwischen das Geschäft bewachen.«

Die Türe schloß sich hinter ihnen, und ich streckte mich auf meinem Bett aus. Dann zündete ich eine Zigarette an, griff nach dem über dem Bett befindlichen Lichtschalter und knipste das Licht aus. Ich war müde, und fühlte erst jetzt, wie die Müdigkeit langsam aus meinen schmerzenden Beinen in die Höhe kroch. Ich wollte, ich hätte mit den beiden gehen können, denn ein heißes Bad war für mich der Inbegriff von >zu Hausec. Das durfte ich aber nicht riskieren. Da Sarah dort wohnte, könnte ebensogut jemand andrer, der mich kannte, im Hotel auftauchen. Mindestens wußte ich, daß ich mich hier in Sicherheit befand.

Ich drückte meine Zigarette auf dem Boden unter dem Bett aus, kreuzte die Arme hinter dem Kopf und starrte in die Finsternis hinaus. Jetzt hörte ich Schritte auf der Strandpromenade oberhalb des Pavillons. Dort gingen die Leute ständig spazieren. Es war ein monotones dumpfes Geräusch auf den Holzbohlen, und nach einiger Zeit schien es denselben Rhythmus anzunehmen wie mein Herzschlag.

Wie seltsam das alles war! Selbst jetzt fiel es mir noch schwer, daran zu glauben, daß ich beinahe zwei Monate von zu Hause fort war. Ich fragte mich, ob meine Familie überhaupt noch an mich dachte. Von Mama glaubte ich's bestimmt zu wissen, aber bei den andern war ich nicht so sicher. Papa war zu eigensinnig, um auch nur vor sich selbst zuzugeben, daß er an mich dachte. Ich verbarg mein Gesicht in den Armen und schloß die Augen. Das gedämpfte Geräusch oben auf der Promenade löste die Spannung in meinem Körper. Ich schlief ein.

Es klopfte. Ich setzte mich im Finstern kerzengerade auf und knipste den Lichtschalter an. Die Uhr zeigte fast ein Uhr morgens.

Jetzt klopfte es nochmals. Ich sprang aus dem Bett und rieb mir verschlafen die Augen, während ich zur Türe schritt. Ich hatte gar nicht die Absicht gehabt einzuschlafen, bloß ein wenig ruhen wollen, um nachher noch auszugehen. »Wer ist da?« rief ich. »Sarah«, kam die Antwort.

Ich öffnete die Türe und sah hinaus. »Was tust denn du hier?« fragte ich überrascht.

Ihr Gesicht wurde von der Lichterkette der Strandpromenade beleuchtet. »Ich konnte nicht schlafen«, antwortete sie, »da bin ich ein bißchen spazieren gegangen und dabei auch hier vorbeigekommen. Ich war neugierig, ob du vielleicht noch wach bist.« Ich trat von der Türschwelle zurück. »Ich habe nur ein wenig gedöst und wollte noch einen Spaziergang machen.« Sie trat in den Bungalow, und ich schloß hinter ihr die Türe. »Hat Ben sein Bad bekommen?« fragte ich.

Sie nickte. »Er ist gleich danach eingeschlafen. Er war sehr glücklich, ich kann mich nicht erinnern, daß er seit seinem Unfall so glücklich war.«

»Das freut mich aufrichtig«, sagte ci h und ging zu meinem Bett hinüber. Sie hatte sich mir gegenüber auf ein kleines Stühlchen gesetzt. »Hast du eine Zigarette?« fragte sie.

Ich fischte eine Packung aus meiner Tasche und warf sie ihr hinüber. Sie fing sie geschickt auf und nahm sich eine Zigarette heraus. »Streichholz?«

Ich erhob mich und zündete sie ihr an; dann ging ich wieder zurück und setzte mich. Sie rauchte eine Zeitlang schweigend, während ich sie ansah. Schließlich ergriff sie das Wort. »Wie alt bist du, Danny?«

»Achtzehn«, sagte ich, wobei ich mich ein wenig älter machte. Sie schwieg wieder. Ihre blauen Augen waren gedankenvoll. Ihre Zigarette brannte bis auf ihre Finger hinunter, dann drückte sie sie auf einem neben ihr stehenden Teller aus. »Ich muß morgen wieder zurück«, sagte sie langsam. Ich nickte. »Ich weiß.«

Sie preßte die Lippen zusammen. »Ich gäbe was drum, wenn ich nicht in die Stadt müßte. Aber er kommt ja zurück.« Plötzlich stand sie auf und erschreckte mich beinahe durch die Heftigkeit dieser Bewegung. »Ich hasse ihn, ich hasse ihn«, rief sie voll Bitterkeit. »Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen!« Ich versuchte zu scherzen. »Ich auch.«

Ihr Gesicht hatte jetzt einen gepeinigten Ausdruck. »Was weißt du von ihm?« fragte sie mit rauher Stimme, »was kannst du von ihm wissen?! Dich kann er nur verwunden oder töten, aber er kann dir nicht das antun, was er mir angetan hat.«

Ihr leises Schluchzen erfüllte den kleinen Raum. Ich trat zu ihr, legte meinen Arm um ihre Schulter und zog ihren Kopf an meine Brust. Meine Berührung löste einen neuen Tränenstrom aus. »Danny, du ahnst ja nicht, was er mir angetan hat!« rief sie mit erstickter Stimme. »Du ahnst nichts von den entsetzlichen Dingen, zu denen er mich gezwungen hat! Niemand wird je etwas davon erfahren, und niemand würde es je für möglich halten. Tief verborgen steckt in diesem Menschen eine wahnsinnige Perversität, die man ihm nicht ansehen würde. Ich habe so schreckliche Angst, wieder zurückzugehen, ich fürchte

mich vor ihm und vor dem, was er mir wieder antun wird!«

Ich umschlang ihre vom Weinen geschüttelten Schultern. »Dann geh doch nicht zurück, Sarah«, sagte ich leise, »Ben verdient jetzt genug, du mußt nicht mehr zurückgehen.«

Sie starrte mich mit weit geöffneten angstgequälten Augen an. »Ich muß gehen, Danny«, flüsterte sie. »Ich muß. Tu ich's nicht, dann kommt er hierher. Soweit darf ich's nicht kommen lassen. Ben würde sonst alles erfahren.«

Dazu konnte ich nichts sagen. Sie weinte jetzt wieder, ich streichelte ihr weiches Haar und preßte meine Lippen darauf. »Eines Tages, Sarah«, sagte ich leise, »wirst du nicht mehr zurückkehren müssen.« Sie drehte sich rasch um und preßte ihre Lippen auf meinen Mund. Sie klammerte sich in wilder Verzweiflung an mich. Ihre Augen waren fest geschlossen, und die letzte Träne hing an ihren Wimpern. Einen Moment hielt ich den Atem an. So vieles stimmte nicht. Und doch, ich verdankte ihr soviel, ohne es ihr je zurückzahlen zu können. Mit dem kleinen Finger wischte ich die Träne ab. Sie öffnete leicht die Lippen, und ich fühlte, wie sich unser Atem vereinte. Ihr warmer Duft umgab mich. Mit geschlossenen Augen wandte sie ihr Gesicht leicht ab, und ein leiser Ausruf kam von ihren Lippen. »Danny!«

Ich küßte sie leidenschaftlicher, und die wohlbekannte Glut stieg in mir auf. Sie stieg in schweren heftig pulsierenden Wogen empor und durchflutete meinen ganzen Körper, so wie sich die Kreise auf der Oberfläche eines Gewässers ausbreiten, in das man einen Stein geworfen hat. Ihre Brüste waren fest, die Muskeln ihrer Schenkel straff gespannt. Sie zitterte heftig, während sie sich an mich klammerte. »Danny!« Und wieder klang es wie ein verzückter Schrei. Stumm gingen wir auf das Bett zu. Ich kniete neben ihr, ihre Kleider fielen. Ich suchte mit meinen Lippen die süßen zarten Stellen ihres Körpers. Und dann lagen wir beieinander, und nichts existierte mehr als die leidenschaftliche Erregung unsres Fleisches. Sie war sehr geschickt, in allen Künsten bewandert und erfahren. Dennoch, trotz aller Erfahrungen, die sie besaß, war etwas an ihr, was ich verstand. Und um dieses Verstehens willen, liebte ich sie. Denn es war ja Sarah, mit der ich in dieser Nacht mein Lager teilte. Und nicht Ronnie.

5

Ich ließ das Schloß des Eisschranks zuschnappen, dann zog ich daran. Es hielt. Befriedigt verließ ich das Hinterzimmer und trat wieder in den Verkaufsraum. Ben ließ soeben die Rolladen herunter, und ich beeilte mich, ihm dabei zu helfen.

»Himmel, was für ein Tag!« fluchte er, und Schweißperlen liefen ihm über die Wangen, »und in der Nacht wird's auch nicht besser werden.«

»Ich glaub's auch nicht«, sagte ich grinsend. Oben auf dem Steg schob sich die Menschenmenge langsam dahin und hoffte vergebens auf einen Atemzug kühler Luft.

»Nützt ihnen auch nichts, hier rauszukommen«, sagte er. »Ist's so heiß wie heut, dann ist's überall heiß.«

Ich nickte. Vom Meer her kam nicht die leiseste Brise. Ben schnalzte mit den Fingern. »Da fällt mir ein, Danny«, sagte er rasch, »Mike hat dich gesucht. Ich glaub, du sollst ihm heut abend wieder aushelfen.« Mike hatte die Konzession für das Glücksrad, das sich fast unmittelbar über unserm Geschäft auf der Strandpromenade befand.

»Ist Pete wieder mal betrunken?« fragte ich. Pete war Mikes Bruder. Er führte mit ihm das Geschäft, wenn er sich nicht gerade betrank. Ich hatte Mike schon vorher einige Male geholfen, wenn das passiert war.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Ben, »er hat's mir nicht gesagt. Er hat bloß gesagt, du sollst hinaufkommen, wenn du hier fertig bist.«

»Okay«, sagte ich, »ich werde jetzt schaun, was er will.« Ich überließ es Ben, den Laden abzuschließen und stieg die Rampe zur Strandpromenade hinauf. Ich drängte mich bis zum Glücksrad. Mike war allein und betrachtete die Menge mit ärgerlicher Miene. Sein Gesicht erhellte sich, als er meiner ansichtig wurde. »Zu müde, Danny, um mir heut abend auszuhelfen?« rief er mir entgegen, ehe ich ihn noch erreicht hatte. »Pete ist wieder mal nicht aufgekreuzt.« Ich zögerte. Ich war zwar hundemüde, andrerseits war es so heiß, daß ich unten im Bungalow doch keinen Schlaf finden würde. Ben war schlau gewesen. Sowie er gesehen hatte, daß das Geschäft lief, war er ganz in das oberste Stockwerk des Half Moon Hotels übergesiedelt, wo es angenehm kühl war. Jetzt hatte ich den Bungalow für mich allein.

»Okay, Mike«, sagte ich und kroch unter dem Ladentisch auf die andre Seite. »Was soll's heute sein? Beim Rad oder als Ausrufer?« Er trocknete sich das Gesicht mit einem bereits feuchten Taschentuch. »Als Ausrufer, wenn's dir recht ist«, antwortete er, »ich hab die Leute da den ganzen Tag herbeigelockt, und jetzt kann ich nicht mehr.«

Ich nickte und band mir eine Wechselgeld-Tasche um. Dann zog ich einen langen hölzernen Zeigestab unter dem Ladentisch hervor und wandte mich an die Menge. Mike nickte, und ich begann mit der Redeschlacht. Zunächst zwang ich meine Stimme zu einem durchdringenden trompetenartigen Geschrei, um die Gespräche der Leute zu übertönen. Mir machte die Rolle des Anreißers immer ungeheures Vergnügen. Ich kannte meine Rede bereits auswendig, ich hatte sie ja tausendmal von andern gehört, aber jedesmal war sie mir wieder neu. Es machte mir Spaß, die Leute dazu zu verleiten, ihre Fünfcentstücke sinnlos auszugeben. In mancher Beziehung war das ganze Leben so.

Man legt sein Geld für etwas hin, von dem man verdammt genau weiß, daß sich's nie bezahlt machen wird. »Hereinspaziert, meine Herrrrschafften! Hierr ist das einmalige Glücksrad! Versuchen Sie Ihr Glück! Es kostet nur fünf Cent, und jedesmal, wenn sich das Rad dreht, gewinnen Sie! Sie können nicht verlieren, Sie können nur gewinnen! Kommen Sie herrein, meine Herrrschaften, hier ist die Kasse! Versuchen Sie Ihr Glück bei der Göttin Fortuna!«

Ich bemerkte einen jungen Mann, der, sein Mädel am Arm, herangeschlendert kam. Vor dem Glücksrad zögerte er einen Augenblick. Ich wies mit dem Zeigestab auf ihn. »He da, junger Mann!« schrie ich so laut, daß man es zwei Häuserblocks weit hören mußte. »Ja, Sie meine ich, mit dem hübschen Mädel! Sie können Ihr Glück einmal ganz umsonst versuchen! Der Boß hat mir eben geflüstert, wenn ein Bursch mit einem hübschen Mädel kommt, darf er für sein Mädel gratis setzen. Legen Sie Ihre fünf Cent hierher, und setzen Sie dafür auf zwei Nummern. Sie setzen auf zwei Nummern zum Preis von einer!«

Der junge Mann sah das Mädchen an, grinste verlegen, trat an den Tisch und legte seine fünf Cent auf eine der roten Nummern. Ich nahm die fünf Cent rasch weg und warf ihm dafür zwei Chips hin. »Das ist ein kluger junger Mann«, verkündete ich den Leuten, die sich rasch um das Glücksrad sammelten, »er hat seinen Vorteil wahrgenommen! Aber er kennt sich auch bei den hübschen Mädels aus! Sie alle können aber ebenso klug sein wie er! Bringt eure Puppen hierher, bringt sie zum Glücksrad, und ihr könnt statt auf eine gleich auf zwei Nummern setzen! Wer versäumt da eine doppelte Chance?!«

Einige Fünfcentstücke fielen klirrend auf den Tisch. Jetzt hat sie's gepackt! Ich sah über die Schulter zu Mike hin. Er nickte beifällig mit seinem dunklen Kopf, griff hinter sich und setzte das Rad in Bewegung, gleichzeitig sah ich aber auch, wie er unter dem Tisch mit dem Fuß nach dem Bügel tastete. Ich wußte natürlich, wer gewinnen würde.

»Da läuft es, meine Herrrrschafften!« rief ich. »Rundherum dreht sich das Glück, und niemand weiß, wo's stehenbleibt. Jeder gewinnt, wenn sich das Glücksrad dreht!« Ich hielt den langen Zeigestab bereit, um dem Mädchen des jungen Mannes auf die Schulter zu klopfen, wenn das Rad zum Stillstand kommen würde.

Gegen Mitternacht kam eine Brise auf, und die Menge verlief sich, um den Heimweg anzutreten. Mike kam zu mir an den Tisch. »Machen wir Schluß, mein Junge«, sagte er. »Heut ist ja doch nichts mehr rauszuholen.«

Ich nahm die Tasche mit dem Wechselgeld ab und übergab sie Mike. Er leerte sie in einen Beutel, ohne das Geld zu zählen. Dann drehte er an einem Lichtschalter, und alle Lichter über dem Glücksrad erloschen. Mikes Gesicht sah in der matten Beleuchtung der Promenade müde und grau aus, nachdem wir die abnehmbaren Türen wieder eingepaßt, verriegelt und versperrt hatten. »Herrgott«, rief er erschöpft, »ist das eine Bruthitze!«

»Ich hab Kaffee gemacht«, sagte ich, »komm 'runter.«

Ein Lächeln breitete sich über sein müdes Gesicht. »Okay, Danny, kann eine Tasse Kaffee gut brauchen, ehe ich nach Hause geh.« Während Mike müde auf einen Stuhl sank, stellte ich den Kaffee auf den Ofen, um ihn aufzuwärmen, »'s ist jetzt das dritte Mal in zwei Wochen, daß ich dich rufen mußte«, sagte er. Ich schwieg. Mike war ein braver Bursche, man half ihm gern, weil man wußte, daß auch er gleich da wäre, wenn man ihn einmal brauchte.

Seine Stimme nahm einen scharfen Ton an. »Eines Tages werd ich meinen Bruder mit einem Fußtritt in den Hintern 'rausschmeißen müssen! Wenn er in die Nähe einer gottverdammten Flasche kommt, verwandelt er sich in einen Schwamm.« Ich stellte zwei Tassen auf den Tisch und goß

Kaffee ein. Er war pechschwarz und dampfend heiß. Ich goß etwas Milch dazu. »Hier«, sagte ich und reichte Mike die Tasse. »Du wirst dich gleich besser fühlen.«

Er sah mich über den Rand der Tasse mit seinen klugen Augen an. »Ich habe die ganze Sache satt, Danny. Diesmal mache ich ernst. Ich weiß, ich hab's schon oft geschworen, aber diesmal bleib ich dabei.« Er schlürfte seinen Kaffee. »Sowie ich einen Burschen finde, dem ich vertrauen kann, fliegt er raus!«

Ich trank schweigend meinen Kaffee. Dasselbe Lied hatte ich schon zahllose Male gehört, und dann hatte Mike seinen Bruder doch immer wieder zurückgenommen. Ich zog an meiner Zigarette, und der Rauch stieg mir scharf und belebend in die Nase. Plötzlich schlug Mike mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich bin doch ein Trottel«, rief er, und als er mich ansah, hatte sein Gesicht einen ungeheuer komischen Ausdruck. »Was ist denn los?« fragte ich.

»Ich such jemanden«, sagte er hastig, »und dabei sitzt er die ganze Zeit hier vor meiner Nase.« Er lehnte sich eifrig über den Tisch. »Wie wär's mein Junge? Willst du mit mir kommen?« Ich sah ihn überrascht an. Daran hatte ich nie gedacht, und das konnte ich auch nicht tun. »Ich würde gern kommen, Mike«, sagte ich rasch, »aber ich kann Ben jetzt nicht im Stich lassen.«

»Die Saison dauert nur noch zwei Wochen, Danny«, sagte er, »solange kann ich mir schon helfen. Ich meine nachher, wenn ich den Winter über mit dem Glücksrad in den Süden gehe. Hast du für diese Zeit schon Pläne?« Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte für den Winter noch keinerlei Pläne gemacht. Ich hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht. Der Sommer war so rasch verflogen, daß ich einfach keine Zeit dazu gehabt hatte.

»Dann komm mit mir, mein Junge«, drängte Mike, »in der Woche nach dem Labor Day machen wir hier Schluß, dann ruhen wir zwei Wochen aus und schließen uns in Memphis am 2. Oktober Petersens Tent Show an.«

»Das klingt verlockend«, sagte ich zögernd. Plötzlich hatte ich Heimweh. Bis jetzt war es bloß so gewesen wie in vielen ändern Sommern. Und nachher, hatte ich wahrscheinlich immer gehofft, würde ich ja doch wieder nach Hause zurückkehren können. Aber jetzt wußte ich, daß es ganz anders war. Ich hatte kein Zuhause mehr.

Mike grinste mich verschmitzt an. »Dir wird's dort unten großartig gefallen, mein Junge«, sagte er, »und die hübschesten Mädels laufen dir dort im Süden wie die Karnickel über den Weg.« Auch ich lächelte, zögerte aber noch immer. Ich wollte es zuerst mit Sarah besprechen, ehe ich mich entschloß. Vielleicht hatte sie andre Pläne. »Kann ich's dir in zwei Tagen sagen, Mike?« fragte ich, »ich muß zuerst noch Verschiedenes überlegen.«

Am nächsten Abend wartete ich, bis wir allein waren, ehe ich es ihr erzählte. Sie hörte mir schweigend zu. Als ich geendet hatte, zündete sie sich eine Zigarette an.

»Wenn der Sommer vorbei ist, gehst du also nicht nach Hause zurück?« fragte sie.

Ich sah sie überrascht an. »Hast du's denn angenommen?« fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, im Ernst hab ich's nicht geglaubt«, antwortete sie zögernd, »und doch hab ich's für möglich gehalten.«

»Selbst wenn ich nach Hause zurück könnte und mein Vater mich hereinließe, was glaubst du, wie lange es dauern würde, bis Fields herausbekäme, daß ich wieder zurück bin?« fragte ich. »Wie lange, glaubst du, hätte ich dann noch zu leben?«

Sie nickte zustimmend. »Ich glaube auch, daß du nicht zurück kannst.« Sie sah mir in die Augen. »Wie steht's aber mit deinem Mädel?« fragte sie, »willst du sie nicht von deinen Plänen verständigen? Sie muß doch vor Angst um dich halb wahnsinnig sein.« Komisch, daß sie daran dachte. Ein sonderbarer Klumpen stieg mir in die Kehle. »Das kann ich nicht ändern«, sagte ich steif. »Ich kann's nicht riskieren, daß etwas durchsickert.«

Ein kalter Ausdruck trat in ihre Augen. »Dann kannst du, glaube ich, ebensogut gehen«, sagte sie.

Ich trat zu ihr. »Das hat aber sehr verstimmt und böse geklungen«, sagte ich, »ist was passiert?«

Sie blickte nicht auf. »Ach, nichts«, antwortete sie kopfschüttelnd. »Du fährst also mit Mike, ihr werdet gut miteinander auskommen. Du brauchst ja niemanden.«

Ich legte meine Hände auf ihre Schultern und ließ sie sanft über ihre Brüste bis zur Taille gleiten. »Doch, Sarah, ich brauche dich«, sagte ich.

Sie machte sich von mir los. »Nein, Danny, du brauchst niemanden«, rief sie heftig, »auch mich nicht!« Sie stürzte aus dem Zimmer, ohne sich umzublicken.

Ich starrte hinter ihr her und fragte mich, was in sie gefahren war. Ich erfuhr es aber erst am nächsten Morgen von Ben. Er sagte mir, daß sie ihren Job bei Maxie Fields aufgeben würde und daß sie gemeinsam nach dem Westen wollten, um dort ein kleines Geschäft zu eröffnen.

6

Mike und ich beschlossen, am 2. Oktober in Memphis zusammenzutreffen. Wir schüttelten einander die Hände, und er schien hocherfreut zu sein. »Meine Pläne sind jetzt alle festgelegt«, sagte er lächelnd.

Sarah hatte ihre Entschlüsse auch gefaßt. Sie hatte mit Ben vereinbart, daß er alles verpacken und bereithalten solle, damit sie am Donnerstag nach dem Labor Day unverzüglich abreisen konnten. Sie wollte ihn am Nachmittag mit ihrem Wagen abholen und gleich weiterfahren. Ich hatte keine Gelegenheit, sie zu fragen, ob Maxie etwas davon wußte, aber aus der Art wie sie darüber sprach, schloß ich, daß sie ihm nichts gesagt hatte.

Aus irgendeinem Grund hielt sie sich die wenigen Male, die sie nach Coney Island kam, von mir fern. Ich ließ sie in Frieden. Es hatte keinen Sinn, mit ihr einen Streit zu beginnen, und ehe ich mich versah, war die Saison zu Ende. Ben hatte alle seine Sachen aus dem Hotel in den Bungalow zurückgebracht, und am Donnerstag war alles sorgsam verpackt, und er selbst reisefertig. Er war glücklich und aufgeregt wie ein Kind. Er konnte kaum erwarten, daß es drei Uhr wurde und Sarah ihn abholen kam.

»Ich wäre so froh gewesen, Danny, wenn du mit uns gekommen wärest«, rief er mir aus dem Vorderzimmer zu, wo er mitten unter den vielen Gepäckstücken saß. »Zuerst hat Sarah geglaubt, du würdest uns begleiten. Wir waren schrecklich enttäuscht, als du ihr sagtest, daß du mit Mike gehst.«

Auf einmal wurde mir alles klar. Was für ein Riesentrottel bin ich gewesen! Sie hatte die ganze Zeit die Absicht gehabt, mich zu bitten, mit ihnen zu kommen. Als ich ihr aber von Mike erzählte, hatte sie sich's wieder überlegt. Wahrscheinlich dachte sie, daß mir das lieber sei.

Ehe ich Gelegenheit hatte zu antworten, klopfte es an der Tür. Ich schlüpfte eiligst in meine Hosen und knöpfte sie zu. Während Ben zur Tür ging, sagte er: »Sarah muß doch früher weggekommen sein.«

Ich hörte, wie er die Türe öffnete, und dann überrieselte mich Eiseskälte.

»Ist Ronnie hier?« Es war Spits Stimme.

Mein erster Impuls war davonzulaufen - außer der Haustüre gab's aber keinen Ausgang. Ich blieb daher wie erstarrt an der Wand stehen und spitzte die Ohren, um etwas zu verstehen. Bens Stimme klang verwirrt. »Ronnie? Was für eine Ronnie?«

Eine zweite, gewichtige Stimme antwortete. »Mach dich nich über uns lustig, Söhnchen, du weißt ganz genau, wen wir meinen. Fields' Mädel.«

Bens Stimme klang erleichtert. »Ach so, Sie müssen meine Schwester Sarah meinen, Mr. Fields Sekretärin. Treten Sie ein und warten Sie hier, sie ist noch nicht da.«

Ich hörte im Bungalow schwere Schritte und drückte ein Auge an einen Türspalt. Spit und der Kassierer standen in der Mitte des Zimmers. Er lachte.

»Fields' Sekretärin?!« rief er höhnisch, »eine originelle Bezeichnung dafür!«

Ben sah ihn mit verständnisloser Miene an. »Braucht Mister Fields noch etwas von ihr?« fragte er. »Ich bin überzeugt, daß Sarah nichts dagegen hat, noch ein paar Tage auszuhelfen.« Der Kassierer sah ihn an. »Was?! Will sie denn fort?« fragte er.

Ben nickte. »Hat Mr. Fields Ihnen denn nichts davon gesagt?« Der andere begann wieder zu lachen. »Da wird sich Maxie aber ungeheuer freuen. Allerdings wird er auch ein wenig überrascht sein, wenn er erfährt, daß ihm sein Baby den Laufpaß gegeben hat!« Ein gequälter Ausdruck trat auf Bens Gesicht. »Was haben Sie da gesagt?« fragte er entsetzt.

»Du hast mich schon ganz richtig verstanden.« Der Ton des Kassierers war bewußt grausam. »Bisher hat's noch keine Hure gegeben, die Maxie Fields den Laufpaß geben durfte, egal, wieviel er ihr für ihre Leistungen bezahlt hat.«

Bens Stimme klang wie der Schrei eines verwundeten Tieres. »Sie sprechen von meiner Schwester!« schrie er und warf sich auf den Kassierer.

Er befand sich jetzt außerhalb meines Sehbereichs, so daß ich bloß einen harten Schlag und dann einen dumpfen Fall hören konnte, als Ben zu Boden stürzte. Er begann aus Leibeskräften zu schreien: »Sarah! Sarah! Komm nicht herein!!«

Ich hörte das Geräusch mehrerer heftiger Schläge und gemurmelter Flüche, doch Ben schrie weiter. Ich bewegte mich weiter, bis ich sie wieder sehen konnte.

Der Kassierer stemmte sein Knie auf Bens Brust und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht. »Hält's Maul, du Saukerl!« fluchte er.

Ben krümmte sich unter seinen Schlägen, schrie aber immer noch. Jetzt ergriff der Kassierer Bens Arm und riß ihn mit einer bösartigen Drehung nach rückwärts. »Hält's Maul, du Krüppel«, rief er drohend, »oder ich reiß dir den andern Arm auch noch aus den Gelenken.«

Bens Gesicht wurde kreidebleich. Er lag jetzt schlaff und stumm am Boden und starrte mit entsetztem Blick zu dem Schläger hinauf. Ich spürte, wie sich mir der Magen umzudrehen begann, denn eine solche Angst hatte ich noch nie in einem menschlichen Gesicht gesehen.

»Vielleicht ist's doch besser, du bringst ihn ins Hinterzimmer«, hörte ich jetzt Spit sagen, »wenn ihn die Nutte so zu sehen kriegt, schlägt sie vielleicht Krach.«

Der Kassierer nickte und stand schwerfällig auf, hielt aber Bens Arm weiterhin fest. »Steh auf!« knurrte er.

Ben versuchte ungeschickt auf die Beine zu kommen, es gelang ihm aber nicht. Der Kerl zerrte an seinem Arm und Ben schrie vor Schmerz auf: »Ich kann nicht aufstehen, ich hab nur ein Bein.«

Der Kassierer lachte, dann ließ er Bens Arm los, schob beide Hände unter seine Achselhöhlen und hob ihn auf, wie ein Kind, und stellte ihn auf die Beine. »Mensch«, sagte er kalt, »dich hat man ja schön verhunzt!« Er stieß Ben in den Rücken, er taumelte gegen die Türe. Ich blickte mich in wilder Verzweiflung um. Neben der Türe befand sich eine Stange, die ich in heißen Nächten dazu verwendete, das kleine Fenster offenzuhalten. Ich ergriff sie, umklammerte sie fest und

versteckte mich hinter der Türe.

Jetzt öffnete sie sich, und Ben, vom Kassierer gefolgt, stolperte über die Schwelle. Er stieß die Türe, ohne sich umzublicken, hinter sich zu und wollte sich wieder auf Ben stürzen. Da trat ich leise hinter ihn und schwang meine Stange. Es gab ein dumpfes Geräusch, und dort, wo ich ihn getroffen hatte, floß Blut aus seinem Ohr. Er fiel lautlos zu Boden und ahnte nicht einmal, was auf ihn heruntergesaust war.

»Ich hab mich schon gewundert, wo du bleibst«, flüsterte Ben heiser.

Ich sah zu ihm auf und begegnete seinem Blick. »Ich bin hier geblieben«, flüsterte ich, »weil ich eine günstige Gelegenheit abwarten mußte.«

Ich hatte bei diesen Worten einen abscheulichen Geschmack im Mund, Ben kaufte mir diese Erklärung aber ohne weiteres ab. Er mußte an eine viel wichtigere Sache denken. »Hast du gehört, was sie über Sarah gesagt haben?« flüsterte er. Ich nickte. »Ist das wahr?«

Ich blickte ihn an. In seinem Gesicht stand eine Qual, die durch keinen physischen Schmerz verursacht worden war, sie kam aus dem Herzen. Plötzlich wußte ich, daß er alles glauben würde, was ich ihm sage. Das mußte er aus manchen Gründen, aber hauptsächlich, weil er es glauben wollte. Vielleicht würde er eines Tages erfahren, was sie getan hatte - aber nicht von mir.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte ich nachdrücklich, »Maxie Fields ist ein Gangster, der auch eine Menge legale Geschäfte macht. Sarah wurde seine Sekretärin. Als sie herausbekam, was er in Wirklichkeit war und fort wollte, wußte sie bereits zuviel von ihm, und er konnte sie nicht mehr gehen lassen.« Der gequälte Ausdruck seines Gesichts milderte sich etwas, verschwand aber noch nicht völlig. »Armes Ding«, murmelte er, »was hat sie meinetwegen alles durchmachen müssen!« Er sah mich wieder an. »Wo und wie hast du sie

kennengelernt?«

»Ich wurde von diesem Burschen da überfallen und verletzt. Sie kam dazu und hat mich gerettet.«

Er fragte mich damit zum erstenmal, was in Wirklichkeit mit mir geschehen war. Bisher hatte er geglaubt, ich sei in jener Nacht aus ihrem Wagen gestürzt, als sie mich hierherbringen wollte, um für ihn zu arbeiten. »Sie ist ein gutes Mädel«, sagte ich. Er sah mich unverwandt an und suchte die Wahrheit von meinem Gesicht abzulesen. Langsam entspannten sich seine Züge. »Wie steht's aber mit dem andern Burschen dort draußen?« fragte er. »Laß mich nur machen«, sagte ich und beugte mich wieder über den Kassierer. Er atmete schwer, als ich seine Jacke öffnete und den Revolver aus dem Schulterhalfter entfernte. Ich richtete mich wieder auf und hielt ihn vorsichtig in der Hand. Ich wollte keinen Unglücksfall herbeiführen.

Ben starrte auf den Revolver. »Das erklärt eine Menge«, sagte er überrascht, »deshalb wollte sie so eilig fort von hier. Deshalb konnte sie nicht hier warten, bis ich mit allem fertig bin, wollte sie mich erst knapp vor Antritt unserer Reise abholen. Und deshalb kehrte sie immer wieder in solcher Hast zu ihrer Arbeit zurück. Sie wollte nicht, daß ich's erfahre!«

»Ja«, sagte ich, »genauso war es.«

Plötzlich hörten wir das Geräusch eines Autos, das vor der Türe stehenblieb. Wir drehten uns um und sahen einander an. Ich winkte Ben, sich neben das Bett zu stellen, ich selbst trat wieder hinter die Türe. Wir standen beide vollkommen regungslos. Dann hörte ich, daß sich die Eingangstüre öffnete. Spit sprach sehr leise. »Hallo, Baby! Maxie hat uns hinter dir hergeschickt, weil er bemerkt hat, daß deine Sachen verschwunden sind.« Ich konnte beinahe hören, wie sie den Atem heftig einzog. Dann schrie sie auf: »Ben! Was habt ihr mit Ben gemacht?« Spits Stimme klang beruhigend. »Er ist okay,

Ronnie. Der Kassierer hat ihn ins Hinterzimmer gebracht, damit er in keine Ungelegenheiten kommt.«

Ich hörte, wie sie durch das Zimmer stürzte, dann öffnete sich die Türe. »Ben! Ben!« schrie sie, »ist dir nichts geschehen?« Ben stand lächelnd vor ihr. Spit folgte ihr in das Zimmer. Ich trat sofort hinter ihn und drückte ihm den Revolver ins Rückgrat.

»Keine Bewegung, Spit!« sagte ich. »Ich bin sehr nervös und habe bisher noch nie so'n Ding in der Hand gehabt!« Eines muß ich zu seinen Gunsten sagen. Spit war im Laufe des Sommers zweifellos erwachsener und vor allem mutiger geworden. Er wandte den Kopf nicht, rührte nicht einmal einen Muskel. Seine Stimme klang vollkommen beherrscht. »Danny?« Ich stieß ihm den Revolver in den Rücken. »An die Wand hinüber, Spit!« sagte ich, »bis du mit der Nase an die Mauer stößt!« Er stieg behutsam über den Kassierer hinweg. »Bist schon wieder bei deinen alten Tricks, hm, Danny?« fragte er. »Erst verschwindest du mit Maxies Geld, und jetzt mit seinem Mädel?« Ich nahm den Revolver in die andre Hand und schlug ihm übers Gesicht. Er taumelte ein wenig, und ich stieß ihn gegen die Wand. Er landete mit einem dumpfen Schlag an der Mauer. Dann drückte ich ihm den Revolver wieder in den Rücken und holte sein Messer aus der Scheide.

»Das wird Maxie aber kaum gefallen, Danny«, sagte Spit in drohendem Ton, »einmal bist du ja noch davongekommen, aber er wird's kaum dulden, daß du seine Leute nochmals so zurichtest!« Ich lachte. »Es wird ihm sogar noch weniger gefallen, wenn sie tot sind«, sagte ich kalt. »Oder verfügt Maxie sogar über eine direkte Telefonverbindung mit der Hölle?«

Er stand schweigend mit dem Gesicht zur Wand. Ich drehte mich um und blickte hinter mich. Ben hatte seinen Arm um Sarah geschlungen. Sie lag, herzzerreißend schluchzend, an seiner Brust. »Weine nicht, mein Herz«, sagte er, »du brauchst jetzt nie wieder für diesen Mann zu arbeiten!«

Sie hörte sofort zu weinen auf und sah mich fragend an. »Weiß er alles, Danny?« fragte sie leise, mit verängstigter Stimme, »haben sie. ?«

»Ich hab ihm erzählt, was für ein Mann das ist, für den du als Sekretärin arbeiten mußtest, Sarah«, unterbrach ich sie rasch. »Ich habe ihm auch gesagt, daß er dich nicht weglassen will, weil du über die Art seiner schmutzigen Geschäfte zuviel weißt.«

»Ja, Sarah«, sagte Ben, »jetzt weiß ich Bescheid über ihn. Aber warum hast du's mir nicht schon früher gesagt? Wir hätten gemeinsam einen Ausweg gefunden.«

Sie sah mich dankbar an, und ich nickte ihr lächelnd zu. Dann wandte sie sich wieder zu ihrem Bruder. »Ich hatte Angst vor ihm, Ben, und da hab ich mich nicht getraut.«

Bens Stimme klang zuversichtlich. »Nun, von jetzt an brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Wir werden diese Burschen der Polizei übergeben, und dann können wir losfahren! «

»Das können wir nicht tun, Ben!« rief sie angstvoll. Ich unterstützte sie sogleich. »Man würde euch bloß hier zurückhalten, und dann kämet ihr überhaupt nicht mehr weg«, sagte ich, »am besten ist's überhaupt, ihr haut jetzt sofort ab. Ich werde schon für alles sorgen, nachdem ihr abgefahren seid.«

»Ist das wirklich in Ordnung?« fragte Ben zögernd. »Aber natürlich«, sagte ich rasch, »beeilt euch jetzt, und bringt euer Gepäck in den Wagen.«

Spit sagte mit gedämpfter Stimme: »Danny, ich kann's so nicht mehr aushalten, darf ich mich umdrehen?«

»Aber gewiß«, sagte ich und griff nach einem Stück Draht, das auf einem Regal lag. »Nur noch eine Minute.«

Ich zog seine Hände nach hinten und wickelte den Draht fest um seine Gelenke. Dann drehte ich ihn zu mir um. Seine Augen

blitzten mich wütend an.

»Nimm Platz, Spit, mach's dir bequem«, sagte ich, hieb ihm krachend aufs Kinn und warf ihn aufs Bett.

Zornbebend setzte er sich wieder auf, sagte aber kein Wort. Ich blickte über meine Schulter. Fast alle Gepäckstücke Bens waren bereits im Wagen, nur ein kleiner Koffer war noch zurückgeblieben. Ben ergriff ihn und zögerte. »Bist du ganz sicher, Danny, daß du mit ihnen allein fertig wirst?«

Ich grinste. »Ganz sicher, Ben. Jetzt hau aber schon ab!« Er trat auf mich zu und fuhr mir mit der Hand über die Schulter. »Auf Wiedersehen, mein Junge«, sagte er, »und danke für alles!«

»Ich danke dir, Ben«, sagte ich, »auf Wiedersehen!« Er drehte sich um und trat gerade aus der Tür, als Sarah hereinkam. Sie eilte auf mich zu und sah mir in die Augen. Es war ein seltsam gespannter Blick.

»Willst du bestimmt nicht mit uns kommen?« fragte sie mit steifen Lippen. Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Kann jetzt nicht«, antwortete ich. »Bin gerade ein wenig beschäftigt.« Sie versuchte über meinen Scherz zu lachen, es gelang ihr aber nicht. Sie drehte sich halb um, dann sah sie mich aber doch wieder an. »Danny!« rief sie und stürzte sich in meine Arme. »'s ist besser, du gehst jetzt, Sarah«, sagte ich traurig, »auf die Art bist du die ganze Angelegenheit ein für allemal los. Nichts bleibt in deiner Erinnerung, und niemand wird dich an diese Zeit erinnern.«

Sie nickte und sah zu mir auf. Ich sah Tränen in ihren Augen. Sie küßte mich flüchtig auf die Wange, dann eilte sie auf die Türe zu. »Adieu, Danny, und viel Glück«, sagte sie und war verschwunden, ehe ich zu antworten vermochte.

Ich wandte mich wieder Spit zu. Er hatte mich scharf beobachtet. »Wir haben dich überall gesucht, Danny, bloß hier nicht«, sagte er, »wir hätten's uns aber denken können. Ronnie war in jener Nacht auch nicht zu Hause. Jetzt erinnere ich mich daran.« Irgend etwas an ihm war verändert. Zuerst hatte ich's nicht bemerkt, jetzt sah ich es aber. Er hatte etwas mit seinem Mund machen lassen. Die Hasenscharte war verschwunden, und er verspritzte auch keinen Speichel mehr, wenn er sprach.

Er bemerkte, daß es mir jetzt aufgefallen war, und seine Augen leuchteten auf. »Ich hab vergessen, mich bei dir zu bedanken, Danny, du hast mir dazu aber keine Gelegenheit gegeben. Wie du mich damals zu Brei geschlagen hast, ist meine Lippe noch weiter aufgeplatzt, und der Doktor hat eine Plastik machen müssen, und weil er schon dabei war, hat er die ganze Geschichte repariert.«

»Gern geschehn, Spit«, sagte ich grinsend und hob drohend die Faust, »kannst du jederzeit wieder haben!«

Er wich entsetzt vor mir zurück. »Was willst du jetzt mit mir tun?« fragte er ängstlich.

Ich holte mir noch ein Stück Draht. »Leg dich auf den Bauch«, befahl ich ihm, »du wirst's gleich sehen.«

Widerwillig streckte er sich auf dem schmalen Bett aus. Ich schnürte seine Fesseln rasch zusammen, zog seine Füße hoch, führte den Draht durch seine Handfesseln und knüpfte beide Drähte fest aneinander. Dann richtete ich mich wieder auf und blickte auf ihn hinunter. Auf diese Art war er bestimmt für längere Zeit unschädlich.

Er lag ganz still da, und ich beugte mich wieder über den Kassierer. Das Blut hatte aufgehört, aus seinem Ohr zu fließen, er atmete auch etwas leichter. Ich spreizte eines seiner Augenlider auseinander und prüfte sein Auge, es war noch immer unempfindlich und verglast und würde es noch eine Weile bleiben.

Während Spit mich die ganze Zeit beobachtete, suchte ich meine paar Sachen zusammen und verstaute sie in dem kleinen Koffer, den ich gekauft hatte.

»Diesmal kommst du nicht so leichten Kaufs davon, Danny«, sagte er.

Ich trat ans Bett und sah auf ihn hinunter. Dann hob ich nachdenklich den Revolver und sah, wie sich Todesangst und Entsetzen in seinen Augen spiegelten. »Woher willst du das wissen?« fragte ich. Er antwortete nicht, sondern starrte bloß mit weitaufgerissenen Augen auf die Waffe. Nach einem Moment lächelte ich und ließ ihn in meine Tasche gleiten. Ungeheure Erleichterung malte sich auf seinem Gesicht.

»Mir ist's so, als hätten wir uns schon einmal in so einer Situation gegenübergestanden«, sagte ich, »war's nicht im letzten Mai, he?« Er nickte, konnte aber vor Angst nicht sprechen. »Hast mich wohl im September ebensogern wie im Mai, was?« fragte ich lachend. Er antwortete nicht.

Ich beugte mich über ihn und schlug ihm mit der flachen Hand übers Gesicht. »Wenn du so schlau bist, Spit«, sagte ich, hob meinen Koffer auf und schritt zur Türe, »wie ich es von dir annehme, dann hüte dich, mir ein drittesmal über den Weg zu laufen!« Ich öffnete die Türe. »Du könntest nicht immer so glimpflich davonkommen! Die Löcher in deinem Kopf wird man kaum so leicht zusammenflicken können wie deinen Mund.«

Damit schloß ich die Türe hinter mir, schritt durch das Vorderzimmer und trat ins Freie. Ich ließ das Vorhängeschloß an der Türe einschnappen, dann versperrte ich es. Dann schritt ich die Rampe zur Promenade hinauf bis zu dem kleinen Andenkengeschäft, wo ich den Schlüssel für den Häusermakler hinterlegte.

Die kleine grauhaarige Frau, die das Geschäft gemeinsam mit ihrem Mann führte, übernahm ihn. »Gehen Sie schon, Danny?« fragte sie und sah mich durch ihre Stahlbrille freundlich an. »Alles in Ordnung?«

»Natürlich, Mrs. Bernstein«, sagte ich lächelnd, »es ist alles in

Ordnung.«

Der Zug nach Süden stand auf der Fähre und verließ soeben den Hafen. Ich sah durch das Fenster auf die Lichter New Yorks zurück. Sie flimmerten nur schwach, denn es hatte zu regnen begonnen.

Das war mir ganz recht. Es glich genau meiner inneren Verfassung. Ich hatte etwas zurückgelassen, ich wußte nicht, was es war, doch was es auch sein mochte, der Regen würde es wegwaschen. Eines Tages würde ich wieder zurückkommen, vielleicht würden die Dinge dann anders aussehen.

Ich lehnte mich in meinem Sitz zurück und öffnete die Morgenzeitung. Aber erst als wir bereits durch das Flachland von New Jersey rollten, bemerkte ich die Notiz in einer der Broadwaynachrichten. Obwohl ich sie schwarz auf weiß sah, fiel mir's schwer, sie zu glauben.

Sam Gottkin, Unternehmer, Manager und vormaliger Leichtgewichtsboxer unter dem Namen Sammy Gordon, hat sich gestern mit Miriam (Mimi) Fisher, der Schwester Danny Fishers, des Boxchampions, vermählt. Nach der Hochzeitsreise, die das junge Paar auf die Bermudas führt, wird es am Central Park South eine Dachgartenwohnung beziehen, die der Bräutigam für seine junge Frau völlig umgestalten ließ.

Ich fuhr mit der Hand automatisch zur Notbremse, um den Zug zum Stehen zu bringen. Ich hielt den Griff einen Moment in der Hand, dann ließ ich ihn wieder los. Es hatte keinen Sinn

zurückzukehren, ich konnte ja doch nichts mehr ändern.

Langsam sank ich auf meinen Sitz zurück und las die Notiz ein zweitesmal. Grenzenlose Verlassenheit überfiel mich. Mimi und Sam! Ich überlegte, wie das möglich gewesen war, wie und wo sie sich kennengelernt hatten. Und was war aus dem Burschen aus ihrem Büro geworden, nach dem sie so verrückt gewesen war? Ich schloß müde die Augen. Jetzt war auch das völlig belanglos. Was auch geschah, nichts war von Bedeutung, denn für meine Familie war ich so ausgelöscht, als hätte ich nie gelebt.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, und langsam wurde ich stumpf und unempfindlich. Ich nickte ein. Quälende Bilder von Sam und Mimi drängten sich mir auf. Sie waren aber nie beisammen. Wenn einer von ihnen vor meinen Augen auftauchte, verschwand der andre. Schließlich schlief ich ein, ehe es mir gelang, beide gleichzeitig lange genug zu sehen, um ihnen Glück zu wünschen.

ICH WAR NICHT DABEI, ALS...

Mimi saß vor dem Toilettentisch und weinte hemmungslos. Dicke Tränen liefen ihr über die Wangen, und ihre Wimperntusche hinterließ lange schwarze Streifen. Sie drückte ihr Taschentuch hilflos an die Lippen.

Papa drehte sich nervös um. »Weshalb weint sie denn?« fragte er Mama. »Es ist doch ihr Hochzeitstag! Was gibt's da zu weinen?«

Mama sah ihn ärgerlich an, dann nahm sie ihn am Arm und schob ihn aus der Türe und in die kleine Trauungskapelle. »Geh und kümmere dich um die Gäste«, sagte sie energisch, »bis zum Beginn der Zeremonie hat sie sich wieder erholt.«

Trotz seines Protestes schloß sie die Türe hinter ihm und drehte den Schlüssel um. Ihr Gesicht war ganz ruhig und voll von gütigem Verstehen, während sie auf das Ende des Tränenausbruchs wartete. Es dauerte nicht lange, denn bald darauf hörte Mimi zu weinen auf und saß, zart und klein, ganz zusammengesunken in ihrem Sessel. Sie starrte auf ihr Taschentuch, das sie nervös in den Händen hin und her drehte.

»Du liebst ihn nicht«, sagte Mama ruhig.

Mimi fuhr auf. Einen Moment sah sie Mama in die Augen, dann blickte sie wieder weg. »Ich liebe ihn«, antwortete sie mit einer ganz kleinen müden Stimme.

»Du brauchst ihn nicht zu heiraten, wenn du ihn nicht liebst«, sagte Mama, als hätte sie nicht gehört, was Mimi gesagt hatte. Mimi hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt, sie sah Mama an, ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre Stimme klang ruhig und leidenschaftslos. »Jetzt ist alles wieder gut, Mama, ich war bloß dumm und kindisch.«

Doch Mamas Gesicht blieb ernst. »Du glaubst vielleicht, daß du, nur weil du heute heiratest, schon erwachsen bist? Vergiß nicht, daß wir noch unsere Einwilligung geben mußten.«

Mimi drehte sich um und sah in den Spiegel. Ihre Augen waren rotgerändert und ihr Makeup total ruiniert. Sie erhob sich rasch und eilte in die Ecke, in der sich ein Waschbecken befand. Mama streckte die Hand aus und hielt sie zurück. »Miriam«, sagte sie sanft, »du mußt dein ganzes Leben mit ihm verbringen, du mußt dein ganzes Leben mit den Gefühlen leben, die du heute für ihn hast. Dein.«

»Mama!« Der hysterische, verzweifelte Ausruf Mimis ließ Mama innehalten. »Sprich nicht weiter! Jetzt ist's zu spät!«

»Miriam, es ist nicht zu spät«, sagte Mama beharrlich, »du kannst dir's noch immer überlegen.«

Mimi schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. »Es ist zu spät, Mama«, sagte sie entschieden. »Es war schon damals zu spät, als ich zum erstenmal zu ihm ging, um herauszubekommen, wohin Danny gegangen ist. Was soll ich jetzt tun? Soll ich ihm vielleicht das ganze Geld zurückgeben, das er dazu verwendet hat, Danny zu finden? Soll ich ihm die fünftausend Dollar geben, die er Papa für sein Geschäft geliehen hat? Soll ich ihm alle Kleider und den Ring zurückgeben, die er mir geschenkt hat, und sagen, es tut mir schrecklich leid, alles war bloß ein Irrtum?« Der schmerzliche Ausdruck in Mamas Augen wurde immer stärker. »Alles ist besser«, sagte sie gelassen, »als daß du unglücklich wirst. Laß doch nicht zu, daß Papa und ich an dir dasselbe Unrecht begehen, das wir an Danny begangen haben.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Mimi zog Mama in ihre Arme. »Mach du dir keine Vorwürfe«, sagte sie rasch, »Papa war an allem schuld.«

»Nein, ich hätte ihn davon abhalten müssen«, sagte Mama gequält, »und deshalb spreche ich auch jetzt mit dir. Ich will denselben Fehler nicht nochmals begehen.«

Mimis Miene war jetzt entschlossen. »Hier gibt's keinen Fehler, Mama«, sagte sie bestimmt. »Sam liebt mich, und wenn ich ihn auch jetzt noch nicht so liebe, wie er mich liebt, so wird das mit der Zeit schon kommen. Er ist herzensgut, liebevoll und großzügig. Es wird bestimmt alles gt werden.« Mama sah sie fragend an.

Impulsiv beugte sich Mimi zu ihr hinunter und berührte ihre Stirn mit den Lippen. »Mach dir keine Sorgen, Mama«, sagte sie sanft, »ich weiß, was ich tue, und es ist genau das, was ich mir wünsche.«

Mimi setzte sich mit krampfhaft gespanntem Körper im Bett auf. Sie hörte, wie Sam im Badezimmer geräuschvoll die Zähne putzte. Plötzlich verstummte das Geräusch des rinnenden Wassers, und gleich darauf hörte sie das Knacken des Lichtschalters. Sie legte sich im Dunkeln rasch in die Kissen

zurück und rollte sich zu einem Knäuel zusammen.

Sie hörte, wie er, ohne Licht zu machen, auf seine Seite des Bettes ging und fühlte gleich darauf wie es unter seinem Gewicht nachgab.

Sie lag sehr still, ihr Körper war auf einmal stocksteif und so eiskalt, daß ihre Zähne beinahe zu klappern begannen. Einen Moment herrschte tiefe Stille, dann berührte er ihre Schulter leise mit der Hand. Sie preßte die Zähne fest aufeinander. Dann hörte sie ihn flüstern: »Mimi.« Sie zwang sich zu einer Antwort. »Ja, Sam.«

»Mimi, dreh dich zu mir.« Sein Flüstern klang beinahe flehentlich. Sie beherrschte ihre Stimme gewaltsam und antwortete leise. »Sam, bitte nicht heute, es tut so weh.«

Seine Stimme klang weich und verständnisvoll. »Wir werden's heute nicht wieder versuchen. Ich möchte bloß, daß du deinen Kopf an meine Brust legst. Ich will nicht, daß du Angst vor mir hast. Ich liebe dich, Baby.«

Plötzlich standen ihre Augen voller Tränen. Sie drehte sich rasch zu ihm. Ihre Stimme war ganz klein. »Wirklich, Sam? Hast du mich wirklich noch lieb, nach allem was ich dir angetan habe?« Sie fühlte, wie sein Atem über ihr Haar strich. »Natürlich, Baby. Du hast doch nichts getan, und beim erstenmal ist's allen anständigen Mädchen so zumute.«

Langsam lockerte sie sich in seinen Armen, sie hob ihr Gesicht zu ihm und küßte ihn leicht auf den Mund; es war beinahe so, wie wenn ein kleines Mädchen seinen Vater küßt. »Danke, Sam«, flüsterte sie voll Dankbarkeit. Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie langsam und zögernd. »Sam, wenn du willst, bin ich bereit, es wieder zu versuchen.«

»Willst du das wirklich, mein Herzchen?« Es klang erfreut und beglückt.

»Ja, Sam«, antwortete sie leise.

Sie schloß die Augen und fühlte, wie seine Hände über ihr Haar strichen. Seine Lippen berührten leicht ihre Wange und wanderten weiter zu ihrem Nacken. George hatte das auch immer getan. Ärgerlich schob sie die auf sie einstürmenden Gedanken beiseite. Warum mußte sie gerade in diesem Augenblick an ihn denken? Das war Sam gegenüber nicht fair. Er war für das, was geschehen war, nicht verantwortlich. Es war ihre Schuld. Sie hatte es von Anfang an so gewollt, von dem Moment an, als sie und Nellie zu ihm gegangen waren. Zerknirscht hob sie die Hand und strich ihm über die Wange. Sein Gesicht war ganz glatt. Er hatte sich rasiert, ehe er zu Bett ging. Seine Lippen suchten ihren Mund. Sie waren sanft und angenehm warm. Da erwiderte sie seinen Kuß.

Einen flüchtigen Augenblick war sie vor Angst wie erstarrt, als sie seine Hand leicht und kühl unter ihrem Nachthemd fühlte. Seine Berührung war zart und sehr erfahren. Langsam wich ihre Verkrampfung, ihr Körper wurde weich und fügsam und leistete keinen Widerstand. Sein Herz schlug an dem ihren. Langsam stieg eine köstliche Wärme in ihr auf, ihr ganzer Körper begann zu prickeln. Das hatte sie schon früher gefühlt. Woran dachte sie nur.? Es tat wohl, und sie war froh, daß sie imstande war, jetzt so zu fühlen.

Er küßte die zarten Knospen ihrer Brüste. Sie war jetzt sehr glücklich, und während sie seinen Kopf mit beiden Händen hielt, küßte sie ihn auf die Stirn. Sie schloß die Augen und dachte an George. So wäre es auch mit ihm gewesen. Mit ihm wäre es aber leichter gewesen, denn vor ihm hatte sie keine Angst gehabt. Er flüsterte ängstlich und besorgt: »Fühlst du dich auch ganz wohl, mein geliebtes Herzchen?« Sie nickte heftig mit dem Kopf, da sie nicht zu sprechen wagte.

Sam lag still neben ihr und strich sanft über ihre erhitzte Wange. Aus seiner Stimme klang heimlicher Stolz, als er flüsterte: »Siehst du, Liebling, es ist doch gar nicht so, daß man

sich davor fürchten muß, nicht wahr?«

Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. »Nein«, flüsterte sie, doch im tiefsten Herzensgrund wußte sie, daß sie log. Sie würde ihn immer anlügen müssen, denn sie würde immer Angst haben. Es war nicht sein Bild, das im Moment höchster Erfüllung vor ihren Augen stand. »Oh, Gott«, betete sie still, »muß ich mein ganzes Leben so verbringen? Immer in Angst?«

Eine innere Stimme antwortete ihr. Sie war tief und gewichtig, und die Worte waren aus der Hochzeitszeremonie: »Sprich meine Worte nach, mein Kind. >Ich, Miriam, nehme dich, Samuel, zu meinem rechtmäßig angetrauten Ehegatten, um dich in guten wie in bösen Tagen, in Krankheit wie Frohsinn zu lieben, zu ehren und dir in allem beizustehen, bis der Tod uns scheidet.«« Jetzt schlief er, und sein Atem war tief und regelmäßig. Sie betrachtete sein stilles Gesicht im schwachen Lichtschimmer. Jetzt war er glücklich. Besser so.

Sie legte sich in ihr Kissen zurück und schloß die Augen. Sie war zu ihm gegangen, um mich zu suchen, und nun mußte sie den Rest ihrer Tage und Nächte neben ihm verbringen. Aber von diesem Fehlschlag würde er nie etwas erfahren. Sie allein wußte, daß sie ihn betrogen hatte und ihn in den Höhepunkten ihrer ehelichen Gemeinschaft immer wieder betrügen würde.

8

Ich stand auf der verlassenen Zufahrtsstraße, und der Regen strömte auf mich herab. Ich schlug den Kragen meines Regenmantels auf, so daß ich es unter dem Rand meines weichen Schlapphutes ganz gemütlich hatte und zog an meiner Zigarette. Ich sah zum Himmel hinauf. Dieser Regen würde nicht so bald aufhören. Dann sah ich die Zufahrtsstraße entlang. Die feuchten Wände der grauen und braunen Zelte bewegten sich trostlos unter dem windgepeitschten Regen.

Zwei Jahre in dieser Umgebung! Das war eine lange Zeit, die ich zwischen diesen Segeltuchwänden verbracht hatte. Es hatte Tage gegeben, die so heiß waren, daß die Hitze einen förmlich briet, und Nächte, die so kalt waren, daß einem das Mark in den Knochen zu frieren schien wie das Wasser in einem winterlichen See. Zwei Jahre in diesem Milieu. Die Menschenmenge drängte sich über die Zufahrtsstraße heran, den Mund mit Zuckerzeug, Würstchen und Eiscreme vollgestopft. Dann gab's Menschen, die dich mit mißtrauischen Blicken ansehen, wie sie einen Vagabunden ansehen würden, begierig, deine Ware zu kaufen, es aber dennoch übelnehmen, daß du sie ihnen verkaufst.

Zwei Jahre, die ich nicht zu Hause gewesen war, in denen ich nicht wußte, was geschah. Nellie, Mama und Papa, Mimi und Sam. Die Namen schmerzen noch immer. Jedesmal, wenn ich glaubte, mich daran gewöhnt zu haben, überkam mich dasselbe Gefühl grenzenloser Verlassenheit. Es lag wohl tief vergraben, war aber immer da.

Und jetzt war ich beinahe zu Hause! Philadelphia. Ich könnte auf dem Bahnhof in der Market Street einen Zug besteigen, und kurz nachher am Penn Bahnhof wieder aussteigen. Es war so leicht, wenn ich daran dachte, nur eine Stunde und zehn Minuten von zu Hause entfernt!

Die Dinge waren immer einfach, wenn ich an sie dachte. Sie waren aber nie einfach, wenn ich sie ausführen wollte. Die Erinnerung an alles, was geschehen war, stürmte auf mich ein. Ich haderte mit meinem Schicksal wegen meines erzwungenen Exils. Ich hatte Angst vor dem, was geschehen könnte, wenn ich zurückkehre. Und doch - ich sehnte mich nach Hause. Ich wollte immer wieder nach Hause gehn. Es gibt Bande, die mich an jene knüpfen, die dort sind, selbst dann, wenn sie mich nicht zurückhaben wollen, Bande, die ich nicht in Worte kleiden kann, die ich aber tief im Innersten fühle. Heute bin ich bloß eine Stunde und zehn Minuten von alldem entfernt. Übermorgen, wenn die Zelte auf ihrer alljährlichen Route wieder südwärts rollen, werde ich sechs Stunden entfernt sein, eine Woche darauf zwanzig Stunden, und in einem Monat wird's eine Reise von vielen Tagen sein, und es könnte geschehen, daß ich sie in meinem ganzen Leben nicht mehr zurücklegen werde. Ich blicke wieder zum Himmel auf. Die Regenwolken hängen tief, der Wind peitscht mir die Nässe ins Gesicht, und die Zigarette zwischen meinen Lippen ist völlig durchweicht. Der Regen wird die ganze Nacht über herunterströmen. Ich lasse die Zigarette fallen, und sie verzischt in einer Pfütze zu meinen Füßen. Ich höre das böse Zischen der winzigen Glut, als sie vergebens versucht, gegen das Wasser anzukämpfen. Ich glaube, ich gleiche dieser Zigarette, denn ich kämpfe in diesem unermüdlich herabrauschenden Regen um mein Leben. Ich kann nicht atmen, die Luft legt sich mir schwer auf die Lunge. Ich muß nach Hause! Ich muß Nellie wiedersehen und Mama und Mimi. Und auch Papa, ob er mich nun sehen will oder nicht. Selbst wenn ich weiß, daß ich nicht bleiben kann, selbst wenn ich morgen auf diese Zufahrtsstraße zurückkehren muß, denn es kann eine unerträglich lange Zeit dauern, ehe ich wieder nach Hause fahren kann. Ich bin es müde, einsam zu sein. Das unvermeidliche Kartenspiel war noch immer im Gang, als ich durch die Zeltöffnung trat. Die Spieler sahen kurz auf, während ich meinen Hut gegen die Hosen schlug, um das Wasser abzuschütteln, dann blickten sie wieder in ihre Karten.

Das schwache Licht der Öllampe flackerte über ihre Gesichter. Ich ging um den Tisch herum und blieb hinter Mike stehen, sah in seine Karten und lachte verstohlen. Er wird wohl nie reich werden, wenn er versucht, mit drei Karten ein Flush zusammenzubekommen. »Es wird wieder die ganze Nacht regnen«, sagte ich. »Ja«, antwortete Mike geistesabwesend. Er konzentrierte sich auf seine Karten.

Der Bankhalter rief über den Tisch: »Wie viele?« Mike sagte leise: »Zwei.«

Die beiden Karten flogen über den Tisch. Er griff hastig danach und sah sie an. Ein ärgerlicher Seufzer kam über seine Lippen. »Ich passe«, sagte er, warf seine Karten auf den Tisch und drehte sich zu mir um. Die andern deckten ihre Karten rasch auf, und der Bankhalter strich den Einsatz ein. »Willst du mitspielen, Danny?« fragte er freundlich.

»Nein, danke.« Ich schüttelte den Kopf, »ihr habt schon genug von meinem sauer verdienten Zaster eingestrichen!« Ich sah zu Mike hinunter. »Wie wär's mit einem freien Abend?« fragte ich. Mike grinste. »Bring für mich auch 'ne Puppe mit, dann wollen wir uns beide 'nen freien Abend machen.«

»Heut nicht, Mike. Ich möcht nach New York fahren. Heut abend ist ja doch nichts zu machen.«

Der Bankhalter begann mich aufzuziehen. »Sie sind wohl zu schwer zu bekommen, was, Danny? Aber paß nur gut auf mit diesen süßen Dingern, jede hat einen Bruder in der Armee.« Mike wurde sehr ernst. »Wozu willst du nach New York fahren?« Ich hatte ihm nie viel erzählt, aber er war ein kluger Bursche, er hatte erraten, daß dort etwas für mich schiefgegangen war. Er hatte mir nie eine Frage gestellt und würde auch jetzt keine Antwort erhalten. »Ach, 'nen kleinen Urlaub«, sagte ich ruhig. Mike sah auf die Tischplatte, denn die Karten wurden wieder verteilt. Er nahm sie und drehte jede einzelne behutsam um. Sechs. Neun. Sieben. Acht. As. Alle schwarz, alles Treffkarten! Seine Finger umklammerten das Blatt. Ich merkte, daß er mich völlig vergessen hatte.

»Was meinst du also, Mike?«

Ich stieß ihn in den Rücken. Er sah nicht mehr auf. »Okay«, sagte er geistesabwesend, »aber sei morgen um elf wieder zurück. In der Zeitung steht, daß es wieder aufklart, und dann fahren wir ab.«

Der Regen schlug noch immer gegen die Fensterscheiben des Zuges, als der schläfrige Schaffner durch das Abteil kam. Er tippte mir auf die Schulter. »Ihre Fahrkarte, bitte.« Ich gab sie ihm schweigend. »Abscheuliche Nacht«, sagte er und schüttelte den Kopf. Er hatte meine Fahrkarte gelocht und gab sie mir wieder zurück. »Ja«, antwortete ich und blickte ihm nach. Doch ich war durchaus nicht seiner Meinung. Ich fuhr ja nach Hause! Ich sah auf meine Armbanduhr. New York war nur noch fünfundfünfzig Minuten entfernt.

9

Ich stieg die Stufen der U-Bahn hinauf. Es nieselte, aber die Menschenmenge in der Delancey Street war ebenso dicht gedrängt wie eh und je. Regen störte sie nicht, sie hatten ja keinen andern Aufenthaltsort, und es war immer unterhaltend, die Delancey Street entlangzuschlendern, die Schaufenster zu betrachten und zu überlegen, was man sich kaufen würde, wenn man das Geld hätte. Während ich wartete, daß das Licht der Verkehrsampel wechselte, zündete ich mir eine Zigarette an. Die Schaufenster hatten sich nicht verändert, sie würden sich auch nie verändern. Das Herrenmodengeschäft pries noch immer seine Gelegenheitskäufe an; das Backwerk und die Brote in Ratners Schaufenster sahen noch genauso aus wie das letzte Mal, als ich noch hier war; der Würstchenstand an der Ecke der Essex Street war ebenso dicht umdrängt wie stets.

Der Verkehr stockte einige Sekunden, dann konnte ich die Straße überqueren. Es hatte sich nicht das geringste verändert. Dieselben Bettler verkauften ihre Bleistifte, dieselben Dirnen taxierten die Männer mit müden hoffnungslosen Augen. Doch ich hatte mich verändert. Ich erkannte das, als eine der Dirnen sich an mich drängte und mir im Vorbeigehen etwas zuflüsterte. Ich sah ihr lächelnd nach. Vor zwei Jahren wäre das nicht passiert, damals war ich noch ein grüner Junge.

Ich schlenderte die Straße weiter bis zum Zehn-Cent-Basar. Nellie würde dort sein, davon war ich fest überzeugt. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie wußte ich, daß sie dort sein würde. Die Uhr im Paramount-Fenster zeigte fünf Minuten vor neun. Noch fünf Minuten und das Geschäft würde schließen, und sie würde herauskommen.

Auf einmal hatte ich Angst, sie wiederzusehen. Ich fragte mich, ob sie sich nicht auch sehr verändert hatte. Vielleicht hatte sie mich vergessen, vielleicht einen andern Freund. Zwei Jahre sind für ein Mädel eine lange Wartezeit, besonders wenn sie nichts von ihrem Freund hört. Und ich hatte nie geschrieben.

Ich stand vor dem Eingang und sah hinein. Es waren nicht mehr viel Leute in dem Laden, aber ein nervöser Widerwille hielt mich davon ab, die Schwelle zu überschreiten. Vielleicht wollte sie mich nicht mehr sehen. Ich stand da, zögerte einen Augenblick, dann ging ich bis an die Ecke zurück.

Jetzt stand ich unter der Straßenlampe - es war dieselbe, unter der ich immer auf sie gewartet hatte. Ich lehnte mich mit dem Rücken an den Laternenpfahl und rauchte eine Zigarette, ohne den Regen zu beachten, der auf mich herunterströmte. Wenn ich die Augen schloß und nur auf die Geräusche der abendlichen Straße hörte, war es, als wäre ich nie fort gewesen.

Die Schaufensterbeleuchtung des Zehn-Cent-Basars erlosch plötzlich. Ich richtete mich auf, warf meine Zigarette in den Rinnstein und sah aufmerksam zur Eingangstüre. Es konnte sich nur noch um wenige Minuten handeln. Ich fühlte, wie in meinen Schläfen eine Ader zu hämmern begann; mein Mund war ausgetrocknet. Eine Mädchengruppe kam plaudernd aus dem verdunkelten Laden. Ich sah jeder einzelnen begierig ins Gesicht, während sie im Gespräch an mir vorübergingen. Sie war nicht dabei.

Mein Blick eilte über sie hinweg zur Türe zurück. Es kamen noch mehr Mädchen heraus. Meine Finger trommelten nervös gegen mein Bein. Auch unter diesen befand sie sich nicht. Ich sah rasch auf meine Armbanduhr. Beinahe fünf Minuten nach neun. Sie muß doch kommen!

Ich wischte mir das Gesicht mit dem Taschentuch ab. Trotz der empfindlichen Kälte schwitzte ich. Ich stopfte das Taschentuch wieder in die Tasche zurück, ließ die Türe jedoch nicht eine Sekunde aus den Augen. Noch immer kamen Mädchen heraus. Sie war noch immer nicht unter ihnen. Jetzt kamen schon viel weniger Mädchen. Ich sah nochmals auf die Uhr. Beinahe zwanzig Minuten nach neun! Bittere Enttäuschung drohte mich zu überwältigen. Ich wandte mich halb ab, um wegzugehen. Es war dumm von mir gewesen, auch nur anzunehmen, daß sie noch hier sein könnte. Es war wahrscheinlich auch dumm von mir zu glauben, daß die beiden Jahre keine Rolle gespielt hatten. Und dennoch - ich konnte nicht so ohne weiteres weggehen. Ich kehrte wieder zurück, ich wollte so lange vor dem Geschäft warten, bis es ganz leer war.

Jetzt erloschen noch mehr Lichter im Ladeninnern. Nur noch wenige Minuten und der Manager würde herauskommen und das Geschäft abschließen. Ich nahm eine Zigarette aus der Tasche, zündete ein Streichholz an, aber der Wind blies es aus, ehe es mir gelungen war, die Zigarette anzuzünden. Ich strich ein zweites an, diesmal hielt ich es in der hohlen Hand und wandte mich ab, um es vor dem Luftzug zu schützen. Und jetzt hörte ich wieder Mädchenstimmen und unter ihnen - eine ganz besondere Stimme. Ich blieb wie angewurzelt stehen und hielt den Atem an. Es war ihre Stimme! Ich habe es ja gewußt! »Gute Nacht, Molly.«

Ich starrte sie wie verzaubert an. Während sie mit dem andern

Mädchen sprach, das sich in eine andre Richtung entfernte, stand sie von mir abgewandt. Die Zigarette hing zwischen meinen warmen Lippen, und ich starrte sie reglos an. In dem schwachen Licht der Straßenbeleuchtung schien es, als hätte sie sich überhaupt nicht verändert. Derselbe süße Mund, die weiche weiße Haut, die runden Wangen und die großen braunen Augen! Und ihr Haar, es gibt kein Haar wie das ihre, es ist so schwarz, daß es im Licht beinahe blaue Reflexe hat. Ich machte einen Schritt auf sie zu, dann blieb ich stehen. Ich hatte Angst, mich zu bewegen, Angst zu sprechen. Ich stand hilflos da und sah sie bloß an.

Das andre Mädchen war längst weitergegangen, und Nellie war im Begriff ihren Schirm zu öffnen. Als sie ihn über den Kopf hob und mechanisch hinaufsah, um ihn aufzuspannen, bemerkte sie mich. Automatisch ließ sie den Schirm zuerst einschnappen; ihre Miene war ungläubig, sie sah aus wie betäubt. Sie machte einen zögernden Schritt auf mich zu, dann blieb sie stehen. »Danny?« Es war eine heiser geflüsterte Frage. Ich sah ihr in die Augen, ich fühlte, wie sich meine Lippen bewegten, als ich zu sprechen versuchte, es formten sich aber keine Worte. Die Zigarette fiel mir aus dem Mund und versprühte, während sie zu Boden fiel, winzige Funken über meinen Anzug. »Danny! Danny!« schrie sie auf und lief die wenigen Schritte, die uns trennten, auf mich zu. Der Schirm lag geöffnet und vergessen im Flur hinter ihr.

Sie lag in meinen Armen, sie weinte und küßte mich und wiederholte immer wieder meinen Namen. Ihre Lippen waren warm, dann kalt und auf einmal wieder warm. Ich fühlte ihre Tränen auf meinen Wangen, und ihr Körper zitterte unter ihrem kurzen Mäntelchen.

Als ich zu ihr hinuntersah, lag ein Nebel vor meinen Augen, der nicht vom Regen herrührte. Einen Augenblick schloß ich die Augen, dann flüsterte ich ihren Namen: »Nellie.«

Ihre Finger glitten über meine Wangen, ich beugte mich zu ihr und küßte sie. Unsre Lippen verschmolzen ineinander, und die Jahre, die zwischen uns lagen, schwanden dahin. Es war so, als wäre nie etwas geschehen, wichtig war einzig und allein -wieder beisammen zu sein.

Ihre Augen durchforschten mein Gesicht. »Danny, Danny«, flüsterte sie mit zitternder Stimme, »warum hast du mir das angetan? Nicht ein Wort, kein einziges Wort während der ganzen Zeit.« Ich blickte sie stumm an. Ich fand keine Antwort, denn jetzt erst wurde mir klar, wie unrecht mein Tun gewesen war. Als ich wieder zu sprechen vermochte, gelang es mir nur mit heiserer, zitternder Stimme. »Ich kann nichts dafür, Baby, es mußte sein.«

Sie weinte. Ihr Schluchzen erschütterte mich. »Wir haben versucht, dich zu finden, ach, Danny, wie haben wir uns bemüht, dich zu finden! Es war, als hätte dich der Erdboden verschluckt. Ich bin vor Kummer fast gestorben.«

Ich hielt sie eng an mich gedrückt und berührte ihr Haar mit den Lippen. Es war so, wie ich's in Erinnerung hatte. Weich und duftend und wundervoll, wenn man's berührt. Friede, den ich so lange nicht gekannt, zog in mein Herz.

Ihr Gesicht lag an meiner Brust geborgen, und ihre Stimme drang nur gedämpft zu mir herauf. »Ich könnte es nicht noch einmal ertragen, Danny.«

Plötzlich war alles ganz einfach. Denn ich wußte, wie alles werden würde, werden mußte.

»Das sollst du nie mehr, Baby. Von nun an bleiben wir beisammen. Immer.«

Ihr Gesicht war blaß und ganz kindlich; sie sah voll Vertrauen zu mir auf. »Wahr und wahrhaftig, Danny?«

Zum erstenmal an diesem Tag gelang es mir zu lächeln. »Wahr und wahrhaftig, Nellie«, antwortete ich. »Glaubst du, ich bin bloß zu Besuch zurückgekommen?« Jetzt war mir alles klar. Ich wußte, was mir die ganze Zeit gefehlt hatte, ich wußte, was ich mir wünschte. Als ich dort auf der Zufahrtsstraße stand und der Regen auf mich herunterprasselte, hatte ich noch nicht gewußt, daß ich mich von Mike trennen würde - aber jetzt wußte ich es. Ich werde zu Mike gehen und ihm alles erklären. Und er wird mich verstehen. Ich bin heimgekommen - um zu bleiben.

»Nellie«, sagte ich sanft, »von jetzt an werde ich nie mehr etwas allein tun, wir wollen alles - gemeinsam machen.«

10

Dasselbe alte Plakat befand sich im Fenster:

CHOW MEIN 30 CENT CHOP SUEY

Derselbe alte Chinese führte uns zu unserm Tisch und reichte uns eine abgegriffene, mit Fliegenschmutz bedeckte Speisekarte. Nellies Augen strahlten. »Danny, du hast dich erinnert!« Ich lächelte.

Sie griff über den Tisch nach meiner Hand. »Erinnerst du dich, wann wir zum erstenmal hierhergekommen sind? Am selben Tag, an dem ich dich kennenlernte.«

Ich nahm ihre Hand, drehte ihre Handfläche nach oben und studierte sie mit gespielter Aufmerksamkeit. »Ich sehe einen großen dunklen Mann, der in Ihr Leben treten wird«, sagte ich und ahmte die Sprechweise eines Wahrsagers nach.

Sie lachte und drückte meine Hand. »Falsche Haarfarbe!« Plötzlich wurden ihre Augen jedoch sehr ernst. »Danny!« Als ich sie ansah, fühlte ich, wie mir das Lachen verging. Sie sah mir auf den Grund des Herzens. »Ja, Nellie?«

»Ich hoffe, daß ich nicht träume«, sagte sie rasch, »ich hoffe, daß ich nicht zu Hause in meinem Bett liege und träume. Ich hoffe, daß ich morgen nicht mit roten Augen aufwache und meine Schwester mir sagen wird, daß ich im Schlaf geweint habe.« Ich hob ihre Hand und küßte sie. »Das soll dir beweisen, daß du wach bist.«

Ihre sanften Augen standen voll Tränen. »Sollte ich doch träumen, dann möchte ich nie mehr aufwachen, dann möchte ich nur weiterschlafen und träumen.« Ihre Stimme klang vor Erregung ganz heiser.

Jetzt war ich wieder imstande zu lächeln. »Du bist wach, Nellie.«

Sie umklammerte meine Hand. »Ich liebe dich, Danny. Ich glaube, ich war von der ersten Minute an in dich verliebt, in der ich dich sah. Damals, als du dich an den Bartisch gesetzt und die Schokoladeeiscreme bestellt hast.« Ihre Augen waren wieder ernst und durchdringend auf mich gerichtet. »Ich bin nie mit einem andern Burschen ausgegangen, während der ganzen langen Zeit, die du fort warst.«

Quälendes Schuldbewußtsein überkam mich. Ich vermochte ihr nicht in die Augen zu sehen. »Ja?« sagte ich gequält, »sprich weiter.«

Ihre Hand bewegte sich in der meinen. »Wirklich, Danny«, fuhr sie beharrlich fort, »Mama wollte es zwar, ich habe mich aber geweigert. Irgendwie wußte ich, daß du zurückkommen würdest. Ich wußte es einfach! Sogar ehe dieses Mädchen von Maxie Fields zu mir kam und es mir sagte.«

Ich starrte sie überrascht an. »Mädchen?« fragte ich, »was für ein Mädchen?«

»Miß Dorfman«, antwortete sie rasch, »erinnerst du dich nicht an sie? Sie kam einige Tage nach dem Labor Day mit ihrem Bruder ins Geschäft und sagte mir, sie habe mit dir gesprochen, es gehe dir gut und du ließest mich grüßen. Es war sehr freundlich von ihnen, mich auf ihrer Fahrt durch New York aufzusuchen. Sie erzählte, daß du mit Fields irgendwelche schwere Differenzen hast, aber sofort zurückkommen würdest, wenn diese Angelegenheit aus der Welt geschafft ist.«

Auf einmal war mir wieder wohler. Sarah war doch okay! Es gibt noch Menschen, die anständig sind! Sie hatte sich bemüht, mir zu helfen. Vielleicht säße Nellie ohne Sarahs Hilfe heute nicht hier. Doch infolge ihres Einschreitens hatte mich jemand vermißt, geliebt und auf mich gewartet. Ich war nicht mehr ganz allein. Sie sah mich sehr ernst an. »Ist das wahr, was sie gesagt haben, Danny, daß du von Fields Geld genommen hast, um dich bei dem Match k.o. schlagen zu lassen?«

Ich beantwortete ihre Frage nicht. Etwas anderes war weit wichtiger. »Sie haben das gesagt?« fragte ich, »wer?«

»Mimi ist zu mir gekommen, weil sie dich doch überall gesucht haben. Es war etwa eine Woche, nachdem du verschwunden warst. Zep und ich führten sie zu Mr. Gottkin, und er hatte es wieder von Fields erfahren.« Sie blickte mich noch immer forschend an. »Ist es wahr, was er behauptet hat, Danny?«

Ich nickte. Sie hielt meine Hand noch immer umklammert, aber aus ihrer Stimme klang tiefe Betrübnis. »Warum hast du das getan, Danny? Warum hast du mir nichts davon gesagt?«

»Ich konnte nicht anders«, sagte ich leise, »ich brauchte das Geld. Ich wollte, daß Papa damit ein Geschäft kauft, und Fields hatte mich sowieso schon in seinen Klauen. Dann gelang es mir aber nicht, das Match zu verlieren... selbst mit aller Gewalt nicht.«

»Aber dein Vater hat dich doch, wie mir Mimi erzählte, in dieser Nacht ausgesperrt«, sagte sie, »warum bist du nicht zu mir gekommen und hast es mir gesagt?«

Ich starrte sie an. Nichts war wiedergutzumachen, was ich ihr auch sagen würde. Ich hatte alles verdorben. »Ich mußte von

hier weg. Fields war mir auf den Fersen.«

Sie schloß müde die Augen. »Das alles ist so entsetzlich, ich kann es noch immer kaum glauben. Zwei Jahre, in denen ich nicht gewußt habe, was geschehen ist, in denen ich nicht wußte, wem und was ich glauben soll.«

Ich litt unter ihrer schmerzlichen Miene. »Vielleicht wäre es besser gewesen, ich wäre nicht zurückgekommen«, sagte ich voll Bitterkeit. »Dann hättest du vergessen können, und alles wäre in Ordnung.«

Sie sah mir wieder bis auf den Grund der Seele. »Sag nur das nicht, Danny, sag das nie wieder. Mir ist's ja egal, was geschehen ist und was du getan hast, aber geh nur nicht wieder weg.« Ich hielt ihre Hand fest, während der Kellner unsre Bestellung aufnahm. So, dachte ich, müsse es immer zwischen uns sein. Und so blieb es auch.

Ich schob den Teller zurück und hielt ein Streichholz erst an ihre Zigarette, dann an meine. Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und blies den Rauch lässig durch die Lippen.

»Du bist schrecklich mager geworden«, sagte sie.

Ich grinste. »Ich wiege jetzt zehn Pfund mehr als vor zwei Jahren.«

Sie sah mich gedankenvoll an. »Vielleicht«, gab sie zu, »aber du siehst bedeutend schlanker aus. Früher war dein Gesicht runder. jungenhafter.«

»Vielleicht kommt's daher, daß ich heute kein Kind mehr bin.«

Sie lehnte sich rasch vor. »Ja, das ist's«, sagte sie in überraschtem Ton, »als du weggingst, warst du noch ein Kind, und jetzt bist du erwachsen.«

»Ist das nicht so, wie es kommen muß?« fragte ich, »niemand bleibt ewig derselbe. Auch du bist jetzt erwachsen.«

Sie streckte ihre Hand aus und berührte leicht mein Gesicht. Ihre Finger verweilten einen Augenblick bei meinem Mundwinkeln, dann glitten sie sanft über Nasenrücken und Kinn. »Ja, du hast dich verändert«, sagte sie nachdenklich, »dein Mund ist fester, dein Kinn härter. Was haben deine Leute zu dir gesagt?«

Ich versuchte den Schmerz zu verbergen, den mir ihre Frage bereitete. »Ich hab sie nicht besucht«, antwortete ich. »Du hast sie nicht besucht?« fragte sie verwundert, »ja, warum nicht, Danny?«

»Ich weiß nicht, ob ich mir's wünsche«, sagte ich betont, »und ich glaube nicht, daß sie mich sehen wollen. Nach alldem, was geschehen ist, und nachdem man mich aus dem Haus geworfen hat.« Sie griff wieder nach meiner Hand. »In gewisser Beziehung bist du noch immer ein Kind, Danny«, sagte sie sanft, »ich bin überzeugt, daß sie dich sehen wollen.«

»Glaubst du?« fragte ich bitter, war insgeheim aber doch glücklich, daß sie es gesagt hatte.

»Ich weiß, daß sich Mimi freuen würde«, sagte sie, »und ebenso deine Mutter.« Sie lächelte. »Weißt du übrigens, daß Mimi Mr. Gottkin kennengelernt hat, als wir gemeinsam zu ihm hinaufgingen, und daß sie geheiratet haben? Und daß Mimi einen Sohn hat?« Eine neue Überraschung! »Ich wußte, daß sie geheiratet haben«, sagte ich, »ich hab's in der Zeitung gelesen; von einem Baby hab ich aber nichts gewußt. Wann ist's denn zur Welt gekommen?«

»Im vorigen Jahr«, sagte Nellie, »und jetzt bekommt sie wieder eines.«

»Woher weißt du soviel über sie?« fragte ich neugierig. »Wir besuchen einander alle paar Wochen«, sagte sie, »im Fall einer von uns etwas von dir hört.«

Darüber war ich sehr erstaunt. Aber irgendwie tat es mir ungeheuer wohl; denn es bedeutete nicht mehr und nicht weniger, als daß auch Mimi mich vermißt hatte. »Als ich las, daß Mimi Sam geheiratet hat, konnte ich's kaum glauben«, sagte ich.

»Er ist sehr gut zu ihr gewesen«, sagte Nellie eifrig, »und er hat auch für deine Leute viel getan. Er war deinem Vater geschäftlich sehr behilflich.«

Ich holte tief Atem. Das war ein Punkt, der mich sehr gequält hatte. Während der letzten Jahre war ich zu der Überzeugung gelangt, daß mein Vater jemanden brauchte, der ihm wieder auf die Beine hilft. Jetzt wird sich's Sam wenigstens angelegen sein lassen, daß alles immer okay ist. Ich überlegte, was er über mich denken mochte, ob er mir böse war. Ich nahm es als sicher an und konnte es ihm keineswegs verübeln.

»Wirst du sie besuchen?« fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Aber Danny, das mußt du tun«, sagte sie eifrig, »schließlich ist's doch deine Familie!«

Ich lächelte freudlos. »Mein Vater ist keineswegs dieser Ansicht!«

»Was hat das schon zu besagen?« fragte sie, »ich weiß, daß sie mich nicht mögen und was sie über mich denken, trotzdem würde ich sie an deiner Stelle besuchen.«

»Ich geh nicht hin«, sagte ich betont, »ich bin zu dir heimgekehrt, nicht zu ihnen.«