8

Ich duckte den schwachen rechten Schwinger mit Leichtigkeit ab und stieß mit meiner Linken scharf zurück. Ich hatte die ungeschützte Lücke in der Abwehr meines Gegners durchstoßen und wußte, daß ich ihm weit überlegen war. Ich hob die Rechte gerade in dem Augenblick, als der Gong ertönte und das Ende der Runde anzeigte.

Ich ließ die Hände sofort sinken und kehrte siegessicher in meine Ecke zurück. Dort ließ ich mich auf den Sessel fallen und grinste dem Mann entgegen, der mit einem Handtuch und einem Wassereimer in den Ring geklettert kam. Ich öffnete die Lippen, um mir etwas Wasser aus dem Schwamm, mit dem er mir übers Gesicht fuhr, in den Mund laufen zu lassen. »Wie geht's dir?« fragte er besorgt. Ich grinste wieder.

»Okay, Gi'sep«, sagte ich zuversichtlich. »In dieser Runde krieg ich ihn. Er hat sein Pulver bereits verschossen.« Guiseppe Petito winkte ab. »Spar deinen Atem, Danny«, und fuhr mir mit dem Schwamm über Hals und Schultern, »sei vorsichtig«, riet er mir. »Der Kerl hat eine bösartige Rechte. Riskier nichts! Ich hab Nellie versprochen, daß du nichts abkriegen wirst. Sonst reißt sie mir noch den Kopf ab.«

Ich fuhr mit meinem Handschuh freundschaftlich über Guiseppes Kopf. Ich hatte den Burschen gern. »Ich glaub, diesmal bist du vor ihrem Zorn sicher«, sagte ich grinsend. Auch Giuseppe grinste. »Sieh nur zu, daß es dabei bleibt«, erwiderte er. »Sie ist zwar dein Mädel aber auch meine Schwester, und du kennst sie nicht so genau wie ich. Sie macht ständig Krach, weil ich dich zu dieser Sache verleitet hab.«

Ich war eben im Begriff zu antworten, als der Gong ertönte. Ich sprang auf, während Giuseppe aus dem Ring schlüpfte. Ich ging rasch bis in die Mitte des Rings und berührte die Handschuhe meines Gegners. Der Schiedsrichter schlug unsre Handschuhe in die Höhe, und ich sprang unverzüglich zur Seite, um einem plötzlichen linken Schwinger auszuweichen.

Ich hielt die Hände hoch und locker, umkreiste den Burschen wachsam und wartete auf meine Chance, einen Schlag anzubringen. Ich ließ die Linke unmerklich sinken und versuchte mit dieser Finte, ihn zu einem Schlag mit der Rechten zu verleiten. Er biß auf diesen Köder jedoch nicht an, und ich trat wieder zurück. Ich begann ihn wieder zu umkreisen. Die Menge fing an zu pfeifen und zu trampeln. Ich fühlte die Vibration auf dem straff gespannten Segeltuch, das den Boden bedeckte. Was sollen wir denn noch tun für eine goldene Uhr zu zehn Dollar? Einander totschlagen? Ich sah unruhig in meine Ecke.

Mein sechster Sinn veranlaßte mich, noch rechtzeitig abzuducken. Aus dem Augenwinkel hatte ich flüchtig den Schatten seiner Rechten gesehen, die auf mein Kinn zugeschossen kam. Sie pfiff über meine Schulter hinweg, und ich geriet in die Abwehr meines Gegners.

Ich hob meine Rechte zu einem Uppercut, der durch den Schwung meines Körpers vorwärtsgetragen wurde. Ich landete ihn mitten auf seinem Kinn. Seine Augen wurden plötzlich glasig, er taumelte auf mich zu und versuchte sich in einen Clinch zu retten. Jetzt brüllte die Menge bereits. Ich trat rasch zurück und stieß meine Linke vor. Sie traf das ungeschützte Gesicht des Burschen, er taumelte und fiel flach aufs Gesicht. Ich drehte mich um und schritt, meiner Sache sicher, in meine Ecke zurück. Niemand brauchte mir erst zu sagen, daß der Kampf zu Ende war. Giuseppe war bereits im Ring und warf mir ein Handtuch über die Schultern. »Jesus!« sagte er grinsend, »ich wollte, du wärest schon achtzehn!«

Ich lachte und trat wieder in die Mitte des Rings. Der Schiedsrichter stellte sich neben mich und hielt meine Hand in die Höhe, dabei flüsterte er aus dem Mundwinkel: »Du wirst allmählich zu gut für diesen Schwindel, Fisher.« Ich lachte wieder und stolzierte in meine Ecke zurück.

Giuseppe steckte seinen Kopf in meine Ankleidekabine. »Bist

schon angezogen, Junge?« fragte er.

»Schnüre gerade meine Schuhe zu, Zep«, rief ich zurück. »Beeil dich, Danny«, sagte er. »Der Boß will dich im Büro sprechen.«

Ich richtete mich auf und folgte ihm in den Korridor. Das Toben der Menge drang hier nur noch schwach an unsre Ohren. »Was will er, Zep?« fragte ich. Im allgemeinen bedeutete es nichts Gutes, wenn Skopas einen zu sprechen wünschte. Jedermann wußte, daß er es mit dem Mob dort draußen hielt, obgleich er offiziell der Manager der Arena war.

Zep zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Vielleicht will er dir eine Medaille geben oder sonst was.« Dem Ton seiner Stimme entnahm ich aber, daß er beunruhigt war.

Ich sah ihn spöttisch an. Er sollte nicht merken, daß ich mir gleichfalls Sorgen machte. »Mir ist's egal, was er mir gibt, wenn ich's nur für zehn Dollar verscheppern kann.«

Wir blieben vor einer Türe stehen, auf der >Privat< stand. Giuseppe öffnete sie.

»Geh nur 'rein, mein Junge«, sagte er.

Ich betrat das Zimmer recht neugierig. Ich war nie zuvor hier gewesen. Es war nur für Boxstars bestimmt, die für Geld arbeiteten, nicht für grüne Anfänger, die froh waren Uhren zu bekommen. Ich war enttäuscht, daß es bloß ein kleines Zimmer mit schmutziggrau bemalten Wänden war, an denen ein paar Fotos von Boxern hingen. Ich hatte es mir großartiger vorgestellt.

Im Zimmer befanden sich mehrere Männer, die alle dicke Zigarren rauchten und sich miteinander unterhielten. Als ich eintrat, verstummten sie und drehten sich nach mir um, um mich zu betrachten. Ihre Augen überflogen mich mit listigen und verschlagenen Blicken. Ich sah nur flüchtig und wandte mich, ihre Blicke ignorierend, an den Mann, der hinter einem mit Briefen übersäten Schreibtisch saß. »Sie haben mich sprechen wollen, Mr. Skopas?« Er sah zu mir empor. Er hatte ausdruckslose graue Augen, und sein Kahlkopf glänzte im Licht einer einzigen von der Decke baumelnden Glühbirne. »Du bist Danny Fisher?« Seine Stimme war ebenso ausdruckslos wie seine Augen. Ich nickte.

Skopas lächelte freudlos und enthüllte dabei unregelmäßige gelbe Zähne. »Meine Leute haben mir gesagt, daß du das Zeug zu einem ordentlichen Boxer hast. Wie ich höre, hast du schon eine ziemliche Uhrenkollektion.«

Ich lächelte. Das klang nicht so, als gäbe es Unannehmlichkeiten. »Ich hätte sie«, sagte ich, »wenn ich mir's leisten könnte, sie zu behalten.«

Giuseppe stieß mich nervös in die Seite. »Er meint, er gibt sie alle seinem Alten, Mr. Skopas«, warf er rasch ein. Seine Augen blinkten mir Warnungssignale zu, wegen der andern Männer im Zimmer. Ich wußte sofort, was er meinte. Einer von ihnen könnte ein Inspektor der Amateur-Athletik-Vereinigung sein. Skopas wandte sich an Giuseppe. »Wer sind Sie?« fragte er mit kalten Fischaugen.

Jetzt war's an mir einzugreifen. »Er ist mein Manager, Mr. Skopas. Er war früher selbst Boxer, unter dem Namen Peppy Petito.« Skopas Augen wurden etwas größer. »Ich erinnere mich. Ein smarter Junge mit einem Kinn aus Glas.« Seine Stimme wurde eisig. »So, also damit beschäftigen Sie sich jetzt -Anfänger trainieren.« Giuseppe trat unruhig von einem Fuß auf den ändern. »Nein, Mr. Skopas, ich.«

Skopas unterbrach ihn. »Verdufte, Petito«, sagte er kalt. »Ich hab mit deinem Freund Geschäfte zu besprechen.« Giuseppe sah zu ihm hinunter und dann wieder zu mir. Sein Gesicht war unter seiner dunklen Haut ganz blaß geworden. Er zögerte einen Moment, dann schritt er mit einem jämmerlichen Blick auf die Türe zu.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm und hielt ihn zurück.

»Hier geblieben, Zep.« Ich wandte mich zu Skopas zurück. »Sie haben Zep falsch verstanden, Mr. Skopas«, sagte ich rasch. »Er ist der Bruder meines Mädels. Er kümmert sich bloß um mich, weil ich ihn drum gebeten hab. Geht er, dann geh ich mit ihm.« Skopas' Miene veränderte sich sogleich und er lächelte. »Warum haben Sie mir's denn nicht gleich gesagt? Das ist doch was anderes.« Er nahm eine Zigarre aus der Tasche und bot sie Giuseppe an. »Hier Petito, nehmen Sie 'ne Zigarre und nichts für ungut.« Zep nahm die Zigarre und steckte sie in die Tasche. Er lächelte wieder. Ich sah Skopas scharf an. »Sie haben mich rufen lassen«, sagte ich mit Nachdruck. »Weshalb?«

Sein Gesicht wurde völlig ausdruckslos. »Du hast dich in diesem Klub recht gut bewährt, und das wollt ich dir sagen.«

»Wirklich? Danke«, sagte ich sarkastisch. »Und wie steht's mit dem >Geschäft<, das Sie vor einer Minute erwähnten?« Eine Sekunde blitzte in seinen Augen ein Licht auf, dann war es wieder verschwunden, und sie waren kalt und ausdruckslos wie zuvor. Er setzte seine Rede fort, als hätte ich ihn nicht unterbrochen. »Die Boxveranstalter haben ständig ein wachsames Auge auf junge, vielversprechende Talente. Folglich hab ich ihnen auch von dir erzählt. Ich wollte dich wissen lassen, daß sie deine letzten Kämpfe gesehen haben und daß ihnen gefallen hat, was sie zu sehen bekamen.« Er machte eine gewichtige Pause, steckte eine frische Zigarre in den Mund und kaute eine Weile darauf herum, ehe er wieder zu sprechen begann. »Wir sind der Ansicht, daß du für diesen Schwindel hier schon zu gut bist, Junge, und wollen dich übernehmen. Du brauchst von jetzt an nicht mehr um Uhren zu kämpfen. Das ist vorbei.« Er zündete ein Streichholz an und hielt es an seine Zigarre. Ich wartete, bis das Streichholz ausgebrannt war, ehe ich etwas sagte. »Und wofür soll ich von jetzt an kämpfen?« fragte ich unbewegt. Es war sinnlos zu fragen, denn ich wußte es bereits. »Für den Ruhm, mein Junge«, erwiderte Skopas, »für den Ruhm. Wir haben beschlossen, dich in den Boxklub

aufzunehmen, um dir einen Namen zu machen.«

»Großartig!« platzte ich los, »und womit werde ich Geld verdienen? Für eine Uhr bekomm ich wenigstens meine zehn Dollar.« Skopas' Lächeln war so eiskalt wie seine Augen. Er blies mir eine Rauchwolke ins Gesicht. »Wir sind keine Knicker, mein Junge. Du bekommst hundert Dollar im Monat, bis du alt genug bist, Profi zu werden. »Nachher teilen wir deinen Verdienst.«

»Hier verdien ich mehr als zehn Uhren im Monat«, erwiderte ich erregt. Giuseppe legte seine Hand beschwichtigend auf meinen Arm. Ärgerlich schüttelte ich sie ab. Das war keineswegs etwas, was ich mir wünschte. »Und wenn ich auf diesen Vorschlag nicht eingehe?« fragte ich.

»Dann bekommst du gar nichts«, sagte Skopas rundheraus. »Aber du siehst wie ein kluger Junge aus. Du bist bestimmt gescheit genug, um dich nicht gegen diese Männer zu stellen. Wir haben sogar jemanden hier, der dich managen will, wenn du dich entschließt, Profi zu werden.«

»Sie sind Ihrer zu sicher«, sagte ich höhnisch. »Wieso kommt man hier überhaupt auf den Gedanken, daß ich Boxer werden will?« Skopas' Augen waren jetzt listig und durchtrieben. »Weil du den Zaster brauchst, mein Junge«, sagte er sehr entschieden. »Und aus diesem Grunde wirst du auch Boxer werden. Deshalb hast du ja auch die Sache mit den Uhren angefangen.«

Darin hatte er recht, ich brauchte das Geld. Papa war noch immer arbeitslos, und das war - außer jemanden übern Schädel zu hauen der einzige sichere Verdienst. Und meine Erfahrung mit Mr. Gold hatte mich gelehrt, daß ich für diese Art Job nicht die Nerven besaß. Doch jetzt hatte ich auch von dem hier die Nase voll. Es war zwar okay, hie und da ein paar Dollar zu verdienen, aber als Beruf wünschte ich mir's bestimmt nicht. Ich hatte zu viele Burschen gesehen, die nichts andres machten, als mit ihrer Kraft und ihren Fäusten zu prahlen. Nein, das war nichts für mich. Ich drehte mich zu Zep um. »Komm, gehn wir«, sagte ich kurz, dann wandte ich mich zum Schreibtisch zurück. »Auf Wiedersehen, Mr. Skopas, danke, es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.« Damit riß ich die Türe auf und marschierte hinaus. Auf der Schwelle stand ein Mann, der die Hand aus streckte, um mich zurückzuhalten. Ohne aufzublicken, stieß ich sie beiseite und wollte an ihm vorbei. Da sagte eine vertraute Stimme: »He, Danny Fisher, bleibst du nich wenigstens stehn, um deinem neuen Manager guten Tag zu sagen?«

Ich sah auf, und ein breites Grinsen breitete sich über mein Gesicht. Ich packte den Mann am Arm. »Sam!« stieß ich hervor, »Sam Gottkin! Ich hätt's mir denken können!«

Hinter meinem Rücken ertönte jetzt Skopas' Stimme, sie klang beinahe entschuldigend. »Der Junge will nich einsteigen, Mr. Gottkin.«

Sam sah mich fragend an. Da entschloß ich mich blitzschnell. »Wenn's bei Ihnen noch okay ist, Mr. Skopas«, erklärte ich, »dann können Sie Ihren Klubfreunden sagen, daß sie einen Neuen angeworben haben!«

9

»Komm mit, Danny«, sagte Sam einige Minuten später, »ich lade dich zum Essen ein.«

Ich grinste. »Fein, Sam«, sagte ich, »nur noch einen Augenblick.« Ich trat nochmals an Skopas' Schreibtisch und sah zu ihm hinunter. Die gespannte Atmosphäre war gewichen; selbst Skopas lächelte. Die andern sahen mich aufmerksam an. Sie wußten, daß ich ein kommender Mann war, da mich die

Klubleute ausgesucht hatten. »Mr. Skopas«, sagte ich lächelnd, »es tut mir aufrichtig leid, daß ich so wütend wurde, und ich möchte Ihnen für das, was Sie für mich getan haben, danken.«

»Schon recht, Junge.«

Ich streckte die Hand aus. »Ja, aber vergessen Sie meine Uhr nicht.« Er lachte auf und wandte sich an die andern Männer. »Der Junge ist richtig«, kündigte er an. »Der wird's noch weit bringen. Wenn ich fünftausend 'rumliegen hätte, dann hätt ich mir ihn selber gesichert.«

Als die Männer daraufhin geräuschvoll zu lachen begannen, malte sich eine ungeheure Überraschung auf meinem Gesicht. Ich blickte Sam an, und der nickte bestätigend mit dem Kopf. Es mußte ihm schon verdammt gut gehen, wenn er sich's leisten konnte, für mich fünftausend Eier zu blechen. Nachdenklich geworden, wandte ich mich wieder Skopas zu.

Dieser fischte soeben zwei Banknoten aus seiner Brieftasche und reichte sie mir. »Hab keine Uhren bei mir, Junge, kannst dir auf die Art diesmal den Zwischenhändler ersparen.« Ich steckte das Geld in die Tasche. »Okay, Mr. Skopas«, sagte ich. Dann trat ich mit einem ganz neuen Respekt vor Sam an seine Seite. »Gehen wir.«

Bedauernd sah ich auf meinen Teller, denn eines mußte man Glucksterns rumänischen Spezialitäten lassen, wenn man imstande war alles aufzuessen, dann war man ein Held. Ich legte meine Gabel hin. »Ich bin am Platzen«, gestand ich. Dann wandte ich mich zu Giuseppe. »Und wie steht's mit dir?«

Er grinste. Er hatte eben ein riesiges Stück Steak in den Mund geschoben. »Okay, Danny.« Ich blickte zu Sam hinüber. Der hatte auch genug. Ersah mich neugierig an. »Wie ich sehe, hast du's auch nicht zwingen können«, sagte ich.

»'s ist zu viel«, erwiderte er, »außerdem muß ich auf mein Gewicht aufpassen.«

Darin hatte er recht; seitdem ich ihn zuletzt gesehen, hatte er erheblich zugenommen. »Wieso kommt's eigentlich«, fragte er plötzlich, »daß du im vorigen Jahr meinen Brief nicht beantwortet hast?« Ich sah ihn überrascht an. »Ich hab keinen bekommen«, sagte ich. »Ich hab dich gesucht, bin sogar zu deinem alten Haus 'rausgefahren und hab dich gesucht«, sagte er, »aber dort hat niemand deine neue Adresse gewußt.« Er zündete sich eine Zigarette an. »Ich hab einen Job für dich gehabt.«

»Im vergangenen Sommer?« fragte ich? Er nickte.

Ich fischte eine Zigarette aus der Packung, die Sam auf dem Tisch liegenlassen hatte. »Hätt ich gut brauchen können«, sagte ich, »'s ist uns ziemlich dreckig gegangen.«

»Hast du schon Abitur gemacht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Erst im Juni«, erwiderte ich. Ich sah Sam neugierig an. »Wieso hast du mich dann doch gefunden?« fragte ich. »Als letztes hab ich von dir gehört, daß du nach Florida gegangen bist.«

»Dort war ich auch«, antwortete Sam. »Hab dort gut verdient. Hab dich trotzdem nicht vergessen. Hab doch immer gesagt, ich mach eines Tages einen Champion aus dir. So hab ich eben ein paar Freunde beauftragt, die Augen offenzuhalten, denn früher oder später würdest du ja doch irgendwo auftauchen. Ein Bursche, der so gut boxt wie du, hört nie ganz damit auf.« Damit griff er über den Tisch und nahm mir lächelnd die Zigarette aus dem Mund. »Solange du für mich arbeitest, wirst du das gefälligst unterlassen!«

»Ich arbeite gern für dich«, sagte ich und sah zu,wie er den Stummel zerdrückte, »ich weiß aber nicht, ob ich mich an die Idee gewöhnen kann, Berufsboxer zu werden.«

»Was hattest du denn in diesen schäbigen Klubs zu suchen, wo du um Uhren kämpfen mußtest?« fragte er betont. Ich wies auf Giuseppe. »Ich hab das Geld dringend gebraucht, und er wußte, wo ich mir für drei Runden Amateurboxen drei, manchmal sogar vier Uhren in der Woche verdienen konnte. Für mich war's leicht verdientes Geld, also hab ich's getan. Ich hab nie dran gedacht, Profi zu werden - ich wollt's nur so lange machen, bis ich mit der Schule fertig bin.«

»Und was wolltest du dann tun?« fragte Sam. »Die Welt aus den Angeln heben? Einen Job anne hmen, für den man dir zehn Dollar in der Woche zahlt, das heißt natürlich nur, wenn du besonderes Glück hast.«

Ich wurde rot. »Darüber hab ich noch nicht nachgedacht«, gestand ich.

Sam lächelte wieder. »Das hab ich mir so vorgestellt«, sagte er nachdrücklich, »von jetzt an werd eben ich für dich denken.«

Zep verabschiedete sich an der Ecke. Nach einigen Schritten rief ich ihn zurück. »Zep, wart einen Moment, du hast was vergessen«, ich reichte ihm eine Banknote, »sag Nellie, es ist für das Sparkonto.« Zep steckte das Geld in die Tasche. »Werd's ihr ausrichten, Danny.«

»Und sag ihr, daß ich sie morgen abend vom Geschäft abholen werde«, rief ich ihm nach. Dann wandte ich mich wieder zu Sam zurück. »Netter Kerl«, sagte ich. Sam sah mich an. »Ein Itaker?« fragte er. Ich starrte ihn kalt an. »Na, und?«

Sam hob abwehrend die Hand. »Mir ist's ja egal, Junge«, sagte er rasch, »was sagen aber deine Leute, wenn du mit 'nem italienischen Mädel 'rumziehst?«

Ich sah ihn noch immer starr an. »Sie sehn's nicht gern, aber zum Teufel, ihre Leute sehn's auch nicht gern. Sie sagen von uns >kike< genauso, wie wir von ihnen >wop< sagen. Aber schließlich geht's niemanden was an, außer Nellie und mich.«

»Natürlich, mein Junge«, sagte Sam beschwichtigend, »reg dich nur nicht auf!«

»Ich reg mich nicht auf«, sagte ich wieder ruhig. Aber es regte mich doch auf. Denn das bekam ich zu Hause die ganze Zeit zu hören.

Sam faßte mich unterm Arm. »Komm zu meinem Wagen 'rüber, ich werd dir jetzt die nötigen Instruktionen geben.« Ich betrachtete ihn aufmerksam, während er sich mit dem Rücken an den Wagen lehnte. Es schien ihm gut zu gehen, das konnte ich ihm deutlich anmerken. Er hatte ein wohlgenährtes Gesicht und sogar einen kleinen Bauch. Den bekommt man nur vom guten Leben.

Er zog eine Zigarre hervor, biß die Spitze ab, steckte sie nachdenklich in den Mund und kaute darauf herum. »Ich möchte«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »daß du mir jetzt aufmerksam zuhörst und dir genau einprägst, was ich dir sage. Denn von nun an, bis du Profi wirst, dürfen wir uns nicht zu oft sehen. Ich bleibe aber mit dir ständig in Kontakt. Verstanden?«

Ich nickte. Und ich verstand. Die Vorschriften für Amateurboxer waren sehr streng.

Sam hielt ein Streichholz an seine Zigarre. Es flackerte kurz auf und verlieh seinem Gesicht das Aussehen eines Vollmondes. »Morgen gehst du in den East-Side-Boys-Club. Dort fragst du nach Moe Spritzer, sagst ihm deinen Namen und daß ich dich geschickt habe. Dann weiß er schon, was er zu tun hat. Deinen Beitritt zum Boxerverband hat er in deinem Namen bereits ausgefertigt, du brauchst nur noch zu unterschreiben. Von jetzt an bis zu dem Augenblick, wo du endgültig Profi wirst, ist er dein Trainer. Du hast alles zu tun, was er anordnet. Verstanden?«

»Ich verstehe.« Unwillkürlich war ich stark beeindruckt. Sam hatte wirklich an alles gedacht.

»Du erhältst jeden Monat, den du bei der Stange bleibst, von Moe hundert Dollar. Schlägst du über die Stränge, dann bist du unten durch. Hältst du dich aber, mein Junge, dann wirst du die

Welt erobern. Ich schaue dann und wann in den Klub, um mich von deiner Entwicklung zu überzeugen. In diesem Fall hast du mich nicht zu beachten. Wenn ich mit dir sprechen will, werd ich dich schon verständigen.«

Damit öffnete er die Wagentüre und setzte sich hinter das Steuer. »Noch irgendwelche Fragen, Danny?«

Ich schüttelte den Kopf, doch dann überlegte ich's mir. Ich hatte noch eine Frage: »Wie aber, wenn ich mich für's Preisboxen nicht qualifiziere, Sam? Was dann?«

Sam sah mich einen Moment prüfend an, ehe er antwortete. Er sprach sehr leise und ruhig. »Dann bin ich meine fünftausend los, die ich für dich geblecht hab, mein Junge. Die Leute vom Klub waren eben im Begriff, sich an dich 'ranzumachen, als ich dich kaufte.« Seine Augen wurden plötzlich hart und glitzerten in der Glut seiner Zigarre. »Danny, du mußt das werden, was ich nie erreichen konnte. Ich hab einen Haufen sauer verdientes Geld für dich hingelegt - und das will ich nicht verlieren!«

Er drehte den Zündschlüssel, und ließ den Motor anspringen. Seine Stimme erhob sich über das Summen des Motors. »Du bist jetzt kein Kind mehr, Danny, und stehst in einem harten Beruf. Ich werd nie etwas von dir verlangen, was du nicht leisten kannst, aber wenn du einmal damit angefangen hast, dann hüte dich, meine Pläne zu durchkreuzen. Ich würde es nicht dulden!«

Der Wagen setzte sich geräuschlos in Bewegung, und ich fühlte, wie mein Herz aufgeregt hämmerte. Sam scherzte nicht, er meinte, was er sagte. Eine Hand fiel auf meine Schulter, und ich drehte mich erschrocken um. Zep stand neben mir.

»Hast du gehört?« fragte ich. Ich hatte gewußt, er würde sich nicht allzuweit entfernen. Zep nickte.

»Was hältst du davon?«

Seine dunklen Augen begegneten meinem Blick, und er lächelte. »Er hat 'ne Menge Geld auf dich gesetzt, aber er riskiert nichts dabei, das weiß er ganz genau. Du wirst nämlich eines Tages Champion, mein Junge, das weiß ich schon heute. Schwierig ist's nur jetzt noch.«

Ich drehte mich um und starrte dem Wagen nach. Das Schlußlicht verschwand gerade um die Ecke. Ich war noch immer im Zweifel. »Glaubst du, ich soll's annehmen, Gi'sep?« fragte ich. Seine Stimme klang ganz aufgeregt. »Würdest du denn eine Million Dollar ausschlagen, Danny?«

10

Ich betrachtete mich aufmerksam im Spiegel. Außer der kleinen Beule oben am Backenknochen ließ nichts auf den Kampf des gestrigen Abends schließen. Ich grinste meinem Spiegelbild zu. Ich hatte Glück gehabt.

Dann fuhr ich mir mit dem Kamm nochmals durchs Haar und verließ das Badezimmer. Als ich mich der Küche näherte, hörte ich Papas Stimme. Ich trat lächelnd ein. »Guten Morgen«, sagte ich. Papa hörte mitten im Satz zu sprechen auf und sah mich an. Er beantwortete meinen Gruß nicht.

»Setz dich, Danny«, sagte Mama rasch, »und iß dein Frühstück.« Ich schlüpfte auf meinen Platz. Papa beobachtete mich weiterhin. Jeder Tag grub neue Furchen in sein Gesicht, Zeichen der Sorgen und der Hoffnungslosigkeit. Seine Augen waren verschleiert wie hinter einem Vorhang der Verzweiflung, der sich nur manchmal durch die Heftigkeit seiner Erregung und seiner Wutausbrüche hob. Mir wares, als häuften sich Papas Zornausbrüche im Laufe der Zeit, als wäre es eine Erleichterung für ihn, wenn er sich ihnen hemmungslos überließ.

Ich griff in die Tasche, zog eine Zehndollarnote hervor und warf sie auf den Tisch. »Ich hab gestern abend ein paar Dollar verdient«, sagte ich beiläufig.

Papa sah erst das Geld an, dann mich. Seine Augen begannen zu glitzern. Ich kannte diesen Blick: er war das Zeichen, daß sich sein Zorn wieder regte. Ich beugte den Kopf über meinen Teller und begann die Haferflocken rasch in den Mund zu löffeln. Ich wollte eine Szene vermeiden, die, wie ich wußte, nun folgen würde. Einen Moment war Papa noch still, dann krächzte er mit einer sonderbar heiseren Stimme: »Woher hast du's, he? Vom Boxen?« Ich nickte, ohne von meinem Teller aufzublicken. »Danny, du hast doch nicht wieder geboxt?« fragte Mama bekümmert, mit sorgenvoll gefurchtem Gesicht.

»Ich mußte, Ma«, sagte ich rasch, »wir brauchen das Geld. Woher sollten wir's denn sonst nehmen?«

Mama sah meinen Vater an. Sein Gesicht war leichenblaß. Sie wandte sich wieder zu mir. »Aber wir haben dir doch gesagt, daß wir's nicht wollen«, sagte sie in schwachem Protest. »Du kannst dabei zu leicht verletzt werden. Wir werden schon irgendwie durchkommen.«

Ich sah ihr ins Gesicht. »Wie denn?« fragte ich nüchtern. »Es gibt nirgends einen Job, also müßten wir nur von der Arbeitslosenunterstützung leben.«

Mamas Gesicht wurde hart. »Das wäre immer noch besser, als zu riskieren, daß du umgebracht wirst.«

»Aber, Ma«, sagte ich, »ich riskiere doch nichts. Ich hab bereits dreißig Kämpfe bestritten, und das schlimmste war bisher, daß ich einen Kratzer über dem Auge hatte, und der ist in einem Tag verheilt. Ich bin schon vorsichtig, und das Geld kommt uns sehr gelegen.« Sie wandte sich mit hoffnungsloser Miene meinem Vater zu. Es hatte keinen Sinn, mit mir zu streiten, denn die Logik war auf meiner Seite.

Papas Gesicht war noch immer totenblaß, und seine Finger zitterten, wenn er die Kaffeetasse in der Hand hielt. Er starrte mich an, richtete das Wort aber nicht direkt an mich, sondern an Mama. »Sein Mädel ist an allem schuld«, sagte er in einem ungemein gehässigen Ton, »diese Schickse. Sie bringt ihn dazu! Ihr ist's egal, ob er dabei umgebracht wird, wenn er nur einen Dollar in der Tasche hat, um sie auszuführen, damit sie sich amüsieren kann.«

»Das ist nicht wahr!« fuhr ich erbittert auf. Im Unterbewußtsein hatte ich von dem Moment an, in dem ich ihn heute morgen sah, gewußt, daß das kommen würde. »Sie will's ebensowenig wie du! Ich tu's, weil's der einzige Weg ist, den ich kenne, um ein paar Dollar zu verdienen.«

Papa beachtete mich nicht. Die fieberhaft glänzenden Augen waren in seinem Gesicht das einzig Lebendige. Seine Stimme war vor Verachtung eiskalt. »Eine Hurenschickse!« fuhr er fort, seine Augen starr auf mich gerichtet. »Wieviel mußt du ihr bezahlen für die Nächte, die du mit ihr in Hausfluren und an Straßenecken zubringst? Ein Judenmädel ist für dich wohl nicht gut genug, was? Nein, denn ein Judenmädel würde die Dinge nicht treiben, die sie tut. Ein Judenmädel ließe ihren Jungen nicht boxen, um Geld für sie zu verdienen, und sie ließe es nicht zu, daß der Sohn für seine eigenen Eltern zum Fremden wird. Wieviel mußt du ihr für das bezahlen, Danny, was sie den Männern ihrer eigenen Rasse umsonst gibt?«

Ich fühlte, wie jetzt anstelle meines heißen Zorns kalter Haß trat. Ich stand langsam auf und sah auf ihn hinab. Meine Stimme zitterte. »Sprich nicht so, Papa, sag nie wieder etwas Derartiges über sie! Mindestens nicht in meiner Gegenwart!!«

Nellies blasses verängstigtes Gesicht stand noch vor meinen Augen, so wie sie damals ausgesehen hatte, als ich ihr erzählte, daß ich mir mit dem Boxen etwas Geld verdienen werde. »Sie ist ein anständiges Mädel«, fuhr ich fort, - ich war kaum fähig zu sprechen - »so gut wie unsre eigenen, ja sogar besser als die meisten von ihnen. Schieb ihr nur nicht deinen eigenen Bankrott im Leben in die Schuhe! Denn es ist deine Schuld, daß wir jetzt so dastehen, nicht ihre!« Ich lehnte mich über den Tisch und starrte ihm wild in die Augen. Einen Moment hielt er meinem Blick stand, dann schlug er die Augen nieder und hob seine Kaffeetasse an die Lippen. Mama legte ihre Hand begütigend auf meinen Arm. »Setz dich und iß dein Frühstück auf, sonst wird alles kalt.« Langsam ließ ich mich auf meinen Sessel zurückfallen. Ich war nicht mehr hungrig. Ich war bloß müde, und meine Augen brannten. Fröstelnd und gefühllos streckte ich die Hand nach meiner Kaffeetasse aus, trank rasch, und die Wärme strömte wohltuend durch meinen Körper.

Mama setzte sich neben mich. Eine Weile herrschte ein gespanntes Schweigen in der Küche, dann durchbrach sie die Stille. »Sprich nicht so zornig mit deinem Vater, Danny«, sagte sie leise, »er meint's doch gut mit dir. Er macht sich deinetwegen Sorgen.« Während ich sie ansah, fühlte ich, wie tief ich verletzt worden war. »Aber sie ist doch ein anständiges Mädel, Mama«, sagte ich erbittert. »Er darf nicht so über sie sprechen!«

»Bedenke, Danny, sie ist ja doch eine Schickse.« Mama bemühte sich, verständnisvoll zu sein. - Ich antwortete nicht. Was würde es auch nützen? Sie würden es ja doch nie verstehen. Ich kannte eine Menge Judenmädeln, die ständig mit Burschen herumzogen. Wieso sollten die denn besser sein als Nellie?

»Vielleicht bekommt Papa wieder einen Job, dann kannst du mit dem Boxen aufhören«, fügte Mama hoffnungsvoll hinzu. Plötzlich fühlte ich mich alt. uralt. Diese Worte hatte ich schon zu oft gehört. Also konnten sie den wahren Sachverhalt ebensogut schon jetzt erfahren. »Dazu ist's zu spät, Mama«, sagte ich müde. »Ich kann damit nicht mehr aufhören.«

»Was. was willst du damit sagen?« fragte sie mit zitternder Stimme.

Ich erhob mich. »Ich hab damit Schluß gemacht, in den schäbigen Buden zu boxen. Die Leute vom Boxklub haben mein

Talent erkannt, und ich hab mit ihnen einen Vertrag geschlossen.« Ich starrte meinen Vater an. »Ich werde Berufsboxer und habe damit begonnen, mir auf diesem Gebiet einen Namen zu machen. Sie zahlen mir hundert Dollar im Monat, und wenn ich alt genug bin, trete ich als Professional an.«

Mama sah mich entsetzt an. »Aber.«

Sie tat mir aufrichtig leid, aber dagegen ließ sich nichts machen, wir mußten essen. »Kein aber, Mama«, unterbrach ich sie, »ich hab den Vertrag unterschrieben und kann nicht mehr zurück. Hundert im Monat sind soviel, wie Papa für einen Job bekommen würde. Davon können wir leben.«

Tränen traten ihr in die Augen, und sie wandte sich hilflos an Papa. »Harry, was sollen wir denn jetzt tun?« rief sie, »er ist doch bloß ein Kind. Was sollen wir tun, wenn er verwundet wird?« Papa starrte mich an, und ein Muskel zuckte in seiner Wange. Er atmete tief ein. »Laß ihn«, antwortete er, ohne den Blick von mir abzuwenden, »ich hoffe, daß er verletzt wird, das würde ihm bloß recht geschehen!«

»Harry!« rief Mama entsetzt, »er ist doch unser Sohn!« Seine Augen verengten sich, brannten aber noch immer in den meinen. »Viel eher ein Sohn des Teufels«, sagte er leise und voll Bitterkeit, »aber nicht unser Sohn!«

11

Als ich aus dem dunklen Hausflur trat, zwinkerte ich in dem strahlenden Sonnenschein. Ich blieb einen Moment stehen, um die warme Frühlingsluft auf mich herabströmen zu lassen. Das Haus hatte die Kälte und Feuchtigkeit des Winters noch nicht abgeschüttelt, aber ehe man sich's versieht, wird sich's in einen Backofen verwandeln.

Ich war recht zufrieden. Vier Monate waren verstrichen, seitdem ich mit Sam abgeschlossen hatte. Es waren gute Monate gewesen. Ich hatte in den Ausscheidungskämpfen gut abgeschnitten. Jetzt hatte ich nur noch einen Kampf zu bestreiten. Gewann ich ihn, dann kam ich ins Finale in den Gardens. Ich zweifelte aber keinen Augenblick, daß ich gewinnen würde.

Ich füllte meine Lungen mit der köstlichen Luft. Der Kragen schnitt mir in den Hals, und ich öffnete ihn. Meine Hemdkragen waren mir jetzt immer zu eng, daran war das Training schuld. Spritzer war ein prima Trainer, um einen in Kondition zu bringen, ebenso wie Sam. Sie stellten zwar ungeheure Anforderungen, aber sie hatten recht. Die Kondition war der halbe Sieg.

Wenn Papa nur begreifen würde, daß dies bloß eine andre Form ist, seinen Unterhalt zu verdienen, dann wäre alles vollkommen. Aber das brachte er nicht fertig, und so quängelte er beständig an mir herum, schob alle Schuld auf Nellie und erklärte, nur Gangster würden Berufsboxer. Wir sprachen kaum noch miteinander. Er wollte um keinen Preis nachgeben, er war zu eigensinnig und verbohrt, wie eben jetzt wieder, ehe ich das Haus verlassen hatte. Papa hatte in der über den Küchentisch gebreiteten Zeitung gelesen, als ich durch das Zimmer ging. Er sah nicht auf. »Ich komme heute ein bißchen später, Ma«, hatte ich gesagt. Sie hatte ängstlich gefragt: »Schon wieder ein Kampf?« Ich nickte. »Das Semifinale, Ma, im Grove, draußen in Brooklyn.« Ich sagte es voll Stolz. »Nachher kommt nur noch das Finale in den Gardens, und dann ist Ruhe bis zum nächsten Jahr.«

»Du wirst doch sehr vorsichtig sein, Danny«, fragte sie beunruhigt. Ich lächelte beruhigend. »Mach dir nur keine Sorgen, Ma, mir passiert schon nichts.«

Bei meinen Worten hatte Papa den Kopf von seiner Zeitung gehoben und zu Mama gesagt, als wäre ich gar nicht im Zimmer: »Mach dir keine Sorgen, Mary, ihm passiert bestimmt nichts. Hör nur, was die Zeitung über ihn zu sagen weiß.« Und er begann leise und mit spöttischer Betonung vorzulesen: »Von Danny Fisher, dem sensationellen Blitz der East Side, der Dynamit in beiden Fäusten hat, wird erwartet, daß er eine weitere Sprosse zum Championat erklimmt, wenn er heute abend im Boxersemifinale im Grove auf Joey Passo trifft. Fisher, von vielen wegen seines Rekords von vierzehn glatten K.-O.-Siegen der >Dämon der Stanton Street< genannt, wird von der gesamten Boxerwelt mit großer Aufmerksamkeit beobachtet. Ein ernstzunehmendes Gerücht will wissen, daß er die Absicht hat, sich dem Professionalismus zuzuwenden, sobald er das entsprechende Alter erreicht hat. Fisher, ein schlanker, gelassener, blonder Junge, verwandelt sich im Ring in einen kaltblütigen, grausamen Killer, der seinen Gegner gefühllos und unbarmherzig wie eine Maschine erledigt. Schreiber dieser Zeilen ist der Ansicht, daß Fisher ohne Zweifel der vielversprechendste und dabei härteste Amateurboxer ist, den er je gesehen hat. Boxfans, wenn ihr euch heute abend im Grove einstellt, können wir versprechen, daß ihr nicht enttäuscht werdet! Ihr bekommt Schweiß und Blut und vielleicht Tod zu sehen, denn wenn sich Fisher mit seinen beiden Fäusten an die Arbeit macht, dann, Freunde, ist's beinahe schon Mord!«

Papa ließ die Zeitung raschelnd auf die Tischplatte fallen und sah zu Mama auf. »Das sind doch herrliche Worte, die man da über seinen eigenen Sohn zu lesen bekommt - Killer, Mord, Tod, Worte, bei denen man auf sein Kind stolz wird.«

Mama sah mich unschlüssig an. Ich bemerkte, daß sie äußerst bestürzt war. »Danny, ist das wahr, was der Mann da schreibt?« Ich versuchte sie zu beruhigen, war aber sehr verlegen. »Ach, Ma, du weißt ja, wie das ist. Das Blatt finanziert den Klub, und da bemühen sie sich natürlich, möglichst kraß zu berichten, um

mehr Eintrittskarten abzusetzen.«

Sie ließ sich aber nicht überzeugen. »Du wirst trotzdem sehr vorsichtig sein, Danny«, beharrte sie.

Papa lachte kurz und schneidend. »Mach dir keine Sorgen, Mary«, sagte er sarkastisch, »ihm wird nichts geschehen, er wird nicht verletzt werden, denn jetzt kümmert sich ja der Teufel persönlich um ihn.« Dann wandte er sich mir zu. »Mach nur so weiter, Killer«, rief er höhnisch, »für einen Dollar kannst du jetzt alle deine Freunde umbringen.«

Das waren die ersten Worte, die er seit vielen Wochen direkt an mich gerichtet hatte. Die ganze Zeit über hatte ich genug Beleidigungen schweigend hingenommen, jetzt war's aber genug! »Ja, Pop«, sagte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen, »ich werde sie für einen Dollar umbringen, damit du hier in der Küche auf deinem fetten Hintern sitzen und davon leben kannst!«

Damit war ich wütend aus der Wohnung und die Treppe hinuntergestürzt. Aber jetzt, im strahlenden Sonnenschein und in der warmen Frühlingsluft wurde mir wieder bedeutend besser. Ich sah auf die Uhr. Ich hatte Spritzer versprochen, um vier Uhr in der Sporthalle zu sein und gerade noch zwanzig Minuten Zeit, um hinzukommen. Ich lief die paar Stufen hinunter und der Straßenkreuzung zu.

Als ich um die Ecke gebogen war, rief mich jemand beim Namen. Spit stand in einem Hausflur und winkte mir. »He, Danny, komm 'nen Moment her.«

»Kann nicht, Spit, hab mich sowieso schon verspätet«, rief ich zurück und hastete weiter.

Spit kam mir nachgelaufen und packte mich aufgeregt am Ärmel. »Danny, mein Boß will dich sprechen.« Ich sah ihn an. »Wer? Fields?«

»Ja, ja, Mr. Fields«, Spits Kopf zuckte auf und ab, »ich hab ihm g'sagt, ich kenn dich, da hat er g'sagt, bring ihn her.« Der

Hausflur, aus dem Spit getreten war, war eigentlich ein Geschäftseingang. Auf den Fensterscheiben standen die Worte: FIELDS INKASSOBÜRO. »Okay«, sagte ich, denn man konnte einen Mann wie Maxie Fields nicht leichtfertig abtun. Keinesfalls aber, wenn man glücklich und zufrieden leben wollte. Fields war in dieser Gegend der große, einflußreiche Mann. Politik, Wettrennen, Spiel, Wucher-Geschäfte, die ganze Skala. Er war ein großes Tier. Ich erinnerte mich, wie neidisch einige der Bande gewesen waren, als Spit uns erzählte, sein Onkel habe Fields dazu überredet, ihm die Stellung eines Botenjungen zu geben. Er hatte uns stolz seine Arbeitspapiere gezeigt und sich damit gebrüstet, daß er nicht mehr in die Schule zu gehen brauche. Und eines Tages würde er hier in dieser Gegend ebenfalls eine einflußreiche Persönlichkeit sein, während wir andern uns den Kopf zerbrechen würden, wovon wir leben sollten. Nachdem er seine Stellung angetreten hatte, hatte ich nicht mehr viel von ihm gesehen, wenn ich ihn aber sah, dann bemerkte ich von seinen großen Erfolgen allerdings verdammt wenig. Wie eben jetzt, trug er noch immer dieselben schmierigen Kleider, das speichelbedeckte Hemd, speckige Hosen und schmutzige, abgestoßene Schuhe.

Ich folgte Spit ins Innere des Ladens. Wir durchquerten einen kleinen Raum mit vergitterten Abteilungen, so etwa wie in einer Bank. Ein Mann hinter einem der Gitter sah uns ohne Neugierde nach, während wir durch eine Türe im Hintergrund wieder hinausgingen. Wir schritten durch einen weiteren Raum, in dem einige Männer standen, die eine riesige schwarze Tafel studierten. Sie beachteten uns nicht, als wir durch eine weitere Türe hindurchgingen, hinter welcher sich eine Treppe befand. Ich folgte Spit zum ersten Treppenabsatz hinauf, wo er vor einer Türe stehenblieb und leise anklopfte.

»Herein«, brüllte jemand.

Spit öffnete die Türe und trat ein. Ich blieb wie angewurzelt stehen und blinzelte überrascht. Ich hatte zwar schon davon gehört, doch nie wirklich daran geglaubt. Dieses Zimmer sah aus wie aus einem Film, es gehörte nicht in eine teilweise unbewohnbare alte Baracke, wie diese es war.

Ein gigantischer Mann mit rotem Gesicht, dickem Bauch und den größten Schuhen, die ich je gesehen, kam uns entgegen. Niemand brauchte mir zu sagen: das ist Maxie Fields. Er sah mich nicht an. »Ich glaub, ich hab dir bereits gesagt, Spit, daß du mich nicht belästigen sollst«, schrie er ärgerlich.

»Aber, Mr. Fields«, stotterte Spit, »Sie hab'n doch g'sagt, ich soll Danny Fisher 'raufbringen, wenn ich ihn seh.« Er drehte sich zu mir. »Das is er.«

Fields Zorn legte sich ebenso rasch, wie er aufgeflammt war. »Du bist Danny Fisher?« Ich nickte.

»Ich bin Maxie Fields«, sagte er und streckte mir seine Hand entgegen. Er hatte einen warmen Griff- vielleicht zu warm. Er gefiel mir nicht.

Jetzt wandte er sich wieder an Spit. »Okay, Junge, verdufte!« Spits Lächeln verschwand. »Ja, Mr. Fields«, sagte er hastig, und die Türe schloß sich hinter ihm.

»Ich wollte dich kennenlernen«, sagte Fields und trat wieder in die Mitte des Zimmers. »Ich hab schon eine Menge über dich gehört.« Er setzte sich schwerfällig in seinen Sessel. »Willst du was trinken?« fragte er lässig.

»Nein, danke«, erwiderte ich. Vielleicht war dieser Bursche nicht einmal so arg. Mindestens behandelte er mich nicht wie einen grünen Jungen. »Ich hab heute noch ein Match auszutragen«, fügte ich rasch hinzu.

Jetzt funkelten Fields Augen. »Hab dich letzte Woche boxen gesehen. Du bist gut. Sam kann von Glück sagen.« Ich war überrascht. »Sie kennen ihn?«

»Ich kenne jedermann und alles«, erwiderte er lächelnd. »Hier geschieht nichts, was ich nicht erfahre. Vor Maxie Fields gibt's

keine Geheimnisse.«

Das hatte ich schon gehört. Jetzt glaubte ich's auch. Er winkte mit der Hand. »Setz dich, Danny, ich möcht mit dir sprechen.« Ich blieb stehen. »Ich muß jetzt laufen, Mr. Fields. Sonst komm ich zu spät in die Sporthalle.«

»Ich hab gesagt, du sollst dich setzen!« Sein Ton war freundlich, aber der befehlende Unterton war nicht zu überhören. Ich setzte mich.

Nachdem er mich einen Moment aufmerksam betrachtet hatte, wandte er den Kopf und brüllte ins nächste Zimmer: »Ronnie! Bring mir einen Drink!« Dann wandte er sich wieder an mich. »Willst du bestimmt keinen?«

Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Es hatte keinen Sinn, ihn gegen mich aufzubringen. In diesem Augenblick trat eine junge Frau ins Zimmer, die das Getränk brachte. Ich blinzelte wieder, denn sie war gleichfalls fehl am Platz. Ebenso wie die Einrichtung gehörte sie in eine weitaus vornehmere Gegend.

Sie trat zu Fields Sessel. »Hier, Maxie.« Dann sah sie mich neugierig an.

Er trank sein Glas beinahe leer und wischte sich den Mund an seinem Hemdsärmel ab. »Jesus, war ich durstig«, verkündete er. Ich schwieg und sah das Mädchen an, das neben seinem Sessel stand. Da streckte er die Hand aus und schlug ihr schallend auf den Popo. »Verdufte, Ronnie«, sagte er jovial. »Sonst machst du unsern Freund hier noch verrückt, und ich hab mit ihm zu sprechen.« Schweigend drehte sie sich um und verließ den Raum. Ich spürte, wie ich errötete, konnte meine Augen aber nicht von ihr losreißen, bis sich die Türe hinter ihr geschlossen hatte. Dann erst blickte ich wieder zu Fields zurück.

Er lächelte. »Du hast 'nen guten Geschmack, mein Junge«, sagte er herzlich, »erst mußt du allerdings dazuschau'n, daß du dir's auch leisten kannst. Diese Sorte kostet nämlich zwanzig Dollar die Stunde.«

Ich riß die Augen auf. Ich hatte nicht gewußt, daß Dämchen dieser Art so teuer sind. »Auch dann, wenn sie Getränke servieren?« fragte ich.

Sein Gelächter dröhnte durch das Zimmer. Als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er: »Du bist goldrichtig, Danny. Du gefällst mir.«

»Danke, Mr. Fields.«

Er nahm noch einen Schluck von seinem Drink. »Du willst also heute abend gewinnen, was, mein Junge?« fragte er. »Ich hoffe es, Mr. Fields«, antwortete ich und überlegte, was er eigentlich von mir wollte.

»Ich glaub auch, daß du gewinnen wirst«, sagte er, »ebenso wie eine Menge andrer Leute. Du weißt ja, viele sind überzeugt, daß du dir das Championat erkämpfen wirst.«

Ich lächelte stolz, denn wenn mein Vater auch nicht viel von mir hielt, so doch eine Menge andrer Menschen. »Ich hoffe, daß sie nicht enttäuscht werden«, sagte ich bescheiden.

»Ich glaub nicht, daß sie enttäuscht werden. Meine Leute unten haben mir berichtet, daß sie in dieser Gegend allein vier Tausender an Wetten eingenommen haben. Das ist eine Menge Geld, selbst für mich- wenn ich es blechen müßte. Aber du siehst wie der richtige Bursche dafür aus, und jetzt, wo ich dich kenne, bereu ich's auch nicht.« Für ihn war das eine lange Rede, und er endete völlig atemlos. Er griff sofort nach seinem Glas und trank es leer. »Ich hab gar nicht gewußt, daß Sie auch Wetten auf Amateurboxer abschließen«, sagte ich.

»Wir schließen Wetten auf alles ab. Das ist unser Geschäft. Nichts ist mir zu groß und nichts zu klein. Fields nimmt alle an.« Er endete beinahe in einem Singsang und begann zu lachen. Ich war ein wenig verwirrt. Wozu hatte er mich rufen lassen? Ich fragte mich, worauf er abzielte, schwieg aber noch immer. Plötzlich unterbrach Fields sein Gelächter, beugte sich vor und schlug mir schallend aufs Knie. »Du bist goldrichtig, mein

Junge, und du gefällst mir.« Er drehte den Kopf. »Ronnie!« brüllte er, »bring mir noch 'nen Drink.«

Das Mädchen kehrte zurück und brachte ihm seinen Drink. Ich sah sie an. Sie stellte das Glas hin und wollte das Zimmer wieder verlassen.

»Geh nicht, Baby«, rief ihr Fields nach.

Sie blieb in der Mitte des Raumes stehen und blickte zu uns zurück.

Fields sah mich verschmitzt an. »Das hättest du doch auch gern, hm, mein Junge?«

Ich fühlte, daß mein Gesicht flammend rot wurde. Er grinste. »Nun, mein Junge, du gefällst mir und ich werd dir jetzt was sagen. Du siegst heute abend und kommst dann hierher zurück. Und als Geschenk von mir wird sie auf dich warten. Na, wie gefällt dir das?«

Ich schluckte, ich versuchte zu sprechen, aber ich hatte einen Klumpen in der Kehle und brachte kein Wort hervor. Es war nichts Schlimmes dabei, soweit ich es zu beurteilen vermochte, aber irgendwie wußte ich dennoch, daß das nichts für mich war. Seit ich Nellie kannte, hatte sich bei mir vieles geändert. Fields sah mich scharf an.

»Sei nicht schüchtern, mein Junge«, sagte er breit grinsend, »sie ist's auch nicht.«

Jetzt endlich fand ich meine Stimme wieder. »Nein, danke, Mr. Fields«, stotterte ich, »ich hab ein Mädel, und außerdem bin ich im Training.«

Seine Stimme klang überredend. »Sei kein Narr, mein Junge, 's wird dich nicht gleich umbringen.« Er wandte sich an das Mädchen. »'runter mit dem Kleid, Ronnie! Zeig dem Jungen, was ihm entgeht.«

»Aber, Maxie!« wehrte sich das Mädchen.

Seine Stimme nahm einen kalten barschen Ton an. »Du hast

mich verstanden!«

Das Mädchen zuckte die Achseln. Sie griff nach hinten, öffnete einen Knopf, und das Kleid glitt zu Boden. Fields stand auf und trat zu ihr. Er legte eine Hand auf ihren Busen; plötzlich machte er eine Bewegung, und der Büstenhalter war in seiner Hand. Hierauf drehte er sich wieder zu mir. »Sieh dir das gut an, mein Junge. Das süßeste Weiberfleisch in der ganzen Stadt. Na, was sagst du jetzt?«

Ich war aufgesprungen und auf die Türe zugegangen. Etwas an diesem Mann flößte mir Angst ein. »Nein, danke, Mr. Fields.« Ich tastete mich nach der Türklinke. »Ich mußt jetzt gehen. Ich komme schon zu spät in die Sporthalle.«

Fields grinste wieder. »Okay, mein Junge, wenn du's so willst. Aber erinnere dich, mein Anerbieten bleibt bestehen. «

»Danke, Mr. Fields.« Ich sah das Mädchen an Sie stand regungslos da, ihr Gesicht glich einer Maske. Plötzlich tat sie mir leid. Zwanzig Dollar für die Stunde waren eine Menge Geld, aber sie konnten niemals den verletzten Stolz bezahlen. Es bedeutet immer dasselbe, ob billig oder teuer. Ich lächelte ihr verlegen zu. »Guten Abend, Miß.« Sie wurde auf einmal rot und wandte sich ab. Ich trat aus der Türe, und als ich im Begriff war sie zu schließen, sagte ich noch: »Guten Abend, Mr. Fields.« Er antwortete nicht.

Darauf schloß ich hastig die Türe und lief die Treppe hinunter. Dieser Mann ist eine verdammte Ratte! Ein verworfener Mensch! Ich war froh, hinauszukommen. Selbst die dreckigen Straßen erschienen mir sauber, nachdem ich mich mit ihm im selben Raum aufgehalten hatte. Während ich der Sporthalle zueilte, hatte ich trotzdem das Gefühl, ihn nicht zum letztenmal gesehen zu haben.

Ich kehrte in meine Ecke zurück. Ich bewegte mich nur steif, Rücken und Flanken waren ein Chaos brennender Schmerzen. Langsam ließ ich mich in den Sitz sinken. Mit weit offenem Mund beugte ich mich vor und sog die Luft tief in meine Lungen ein. Zep lag vor mir auf den Knien und drückte mir ein feuchtes Handtuch auf die Stirn. Mr. Spritzer massierte meine Flanken, seine Hände bewegten sich mit langsamen kreisförmigen Strichen. Zep sah mich besorgt an. »Alles in Ordnung, Danny?« Ich nickte schmerzgepeinigt, denn ich wollte nicht sprechen. Ich mußte meinen Atem sparen. Irgend etwas war schiefgegangen. Alle hatten gemeint, der Kampf wäre für mich ein Kinderspiel. Ich konnte es nicht verstehen. Nach der Zeitungsvorschau zu schließen, hätte ich meinen Gegner bereits in der zweiten Runde erledigen müssen, jetzt standen wir aber schon vor der dritten, und es war mir bisher nicht gelungen, einen einzigen soliden Schlag anzubringen. »Ist er okay, Mr. Spritzer?« fragte Zep besorgt.

Spritzer gab eine sehr trockene Antwort. Sie durchstieß den Nebel, der sich über mein Denken gelegt hatte. »Er ist ganz okay, hat aber zuviel Zeitung gelesen, das ist alles.«

Ich fuhr mit dem Kopf in die Höhe. Ich wußte genau, was er meinte. Und er hatte recht. Ich war meiner Sache zu sicher gewesen. Ich hatte alles geglaubt, was ich über mich und mein Können gelesen hatte. In der andern Ecke des Rings saß Passo, der leicht und zuversichtlich atmete, und das strahlende Licht ließ seine Ebenholzhaut aufleuchten.

Da ertönte der Gong. Ich sprang auf und trat in die Mitte des Rings. Passo kam mir mit selbstsicherem Lächeln entgegen. Ich kannte dieses Lächeln. Auch ich hatte es oft zur Schau getragen, wenn ich den Sieg so gut wie sicher in der Tasche hatte.

Siedende Wut stieg in mir auf. Dieses Lächeln stand heute auf dem falschen Gesicht. Wütend stieß ich meine Rechte vor.

Glühender Schmerz fuhr mir durch die Flanke. Ich hatte ihn verfehlt, und Passo hatte mich mit seiner Linken an den Nieren erwischt. Ich ließ die Hände sinken, um meine Flanke zu schützen. Da explodierte ein Blitz in meinem Gesicht.

Ich schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen. Vor meinen Augen war tiefe Finsternis, als hätte ich zu lange in die grelle Sonne gestarrt. Und jetzt kam mir ein Wort dumpf zum Bewußtsein. »Fünf!« Ich drehte meinen Kopf und sah in die Richtung, aus der ich das Wort gehört hatte. Der Arm des Schiedsrichters hob sich eben wieder, sein Mund formte ein neues Wort. Ich sah hinunter und war verwirrt und überrascht. Was tat ich denn da auf Händen und Knien? Ich war doch nicht gestürzt. Ich starrte stumpf auf das glänzende Segeltuch.

»Sechs!« Ein Schock durchlief mich. Der zählt mich doch aus! Das darf er nicht! Ich stolperte ungeschickt auf die Beine. Der Schiedsrichter ergriff meine Hände und wischte sie an seinem Hemd ab. Ich hörte, wie die Menge brüllte, als er wieder zurücktrat. Es klang aber jetzt ganz anders. Denn heute abend heulten sie nicht meinen Namen, sie riefen Passo. Sie schrien ihm zu, mich zu erledigen.

Ich rettete mich in einen Clinch. Passos Körper war schweißnaß, aber ich war dennoch für diese kurze Ruhepause dankbar. Der Schiedsrichter trennte uns.

Und wieder fühlte ich in meiner Flanke diesen furchtbaren Schmerz und gleich darauf auf der andern Seite. Passos dunkles Gesicht tanzte vor meinen Augen. Er kam lächelnd auf mich zu. Seine Handschuhe tauchten vor mir auf, und er fiel über mich her. Ich mußte ihnen um jeden Preis entkommen, sonst rissen sie mich noch in Fetzen. Ich sah verzweifelt in meine Ecke. Zep starrte mich mit weitaufgerissenen, ängstlichen Augen an. Ich wandte den Kopf hastig zu Passo zurück. Er holte soeben aus.

Der Schlag kam - es war das K. O. - das sah ich. Und er kam mit quälender Langsamkeit. Eine wahnwitzige Angst überkam mich. Ich mußte es verhindern. Ich holte aus und schlug wild und verzweifelt auf sein ungeschütztes Kinn.

Plötzlich fiel Passo zu Boden. Ich taumelte auf ihn zu. Der Schiedsrichter drehte mich um und stieß mich in meine Ecke. Tränen wahnsinnigen Schmerzes strömten mir übers Gesicht. Ich mußte hier heraus, denn mehr konnte ich nicht ertragen. Zep kletterte grinsend durch die Seile. Ich sah ihn verwundert an. Was gab's denn da zu grinsen? Alles war vorbei, und ich hatte verloren. Es kam wie eine Erlösung für mich, und ich war froh, daß es vorüber war. Alles übrige war mir einerlei.

Ich lag auf dem Verbandstisch. Den Kopf in den Armen verborgen, fühlte ich, wie Spritzers Hände langsam und lindernd über meinen Rücken glitten. Die Schmerzen ließen langsam nach, und ich begann mich wieder wohlzufühlen. Ich war aber entsetzlich müde und schloß die Augen.

Ich hörte, wie Zep die Flasche mit dem Massagealkohol wegstellte, und seine Stimme kam wie von weit her zu mir herübergeweht. »Kommt er wieder ganz in Ordnung, Mr. Spritzer?« Spritzer knetete noch immer meinen Rücken. »Er wird bald wieder okay sein, denn er ist zäh und jung und hat Mut.« Ich rührte mich nicht. Mindestens war er nicht wütend, daß ich verloren hatte. Jetzt klopfte jemand an die Türe, und Zep öffnete. Ich hörte schwere Schritte, die durchs Zimmer kamen. »Ist er okay, Moe?« Es war Sams Stimme, und sie klang besorgt. Die Antwort des Trainers war unzweideutig. »Er ist okay, Sam. Kein Grund zur Aufregung.«

»Was zum Teufel war denn heute los?« Seine Stimme klang rauh vor verhaltener Wut. »Von draußen hat er heut ein lausiges Schauspiel geboten, er hat verteufelt viel einstecken müssen!« Spritzers Stimme klang geduldig. »Nur ruhig Blut, Sam. Der

Junge hat den Pressestimmen zu sehr geglaubt, das ist alles. Er ist in den Ring geklettert und hat geglaubt, er braucht nichts andres zu tun, als Passo böse anzuschauen, und damit ist alles erledigt.«

»Du bist aber dazu da, ihn auf Draht zu halten«, Sams Stimme klang noch immer rauh.

»Es gibt eben Dinge, die auch ich nicht tun kann«, antwortete Spritzer. »Ich hab das schon früher erwartet, aber von jetzt an ist er bestimmt geheilt. Er hat seine Lehre erhalten.«

Ich hörte, wie sich Sams Schritte näherten und fühlte wie er meine Hand berührte. Dann fuhr er mir leicht durchs Haar. Ich hielt die Augen noch immer geschlossen, aber jetzt wußte ich, daß er mir nicht böse war.

Der letzte Rest von Rauheit war aus seiner Stimme verschwunden, ja es war sogar etwas wie Stolz herauszuhören. »Hast du den letzten Schlag gesehn, mit dem er den Nigger erledigt hat, Moe? Glatter Mord!«

»Ja, beinahe«, erwiderte Spritzer nüchtern, »denn er hat dem Burschen an zwei Stellen den Kiefer gebrochen.« Ich wirbelte auf dem Tisch herum und setzte mich auf. Beide starrten mich an. »Ist das wahr?« fragte ich.

Zep nickte. »Ich hab's vor ein paar Minuten erfahren, Danny.«

»Dann hab ich. hab ich gesiegt?« Ich konnte es noch immer nicht glauben.

Sam lächelte. »Ja, mein Junge, du hast gesiegt.« Ich sank langsam auf den Tisch zurück, empfand jedoch keinen Triumph. Ich konnte immer nur daran denken, was mein Vater gesagt hatte: »Mach nur so weiter, Killer, für einen Dollar kannst du jetzt alle deine Freunde umbringen.«

Wir standen an der Ecke der Delancey und Clinton Street. Es war einige Minuten nach Mitternacht. In allen Schaufenstern brannte noch immer strahlende Beleuchtung und die Menschen drängten sich auf den Gehsteigen.

»Kannst du allein nach Hause gehn, Danny?« fragte Zep? »Natürlich«, sagte ich lachend. Die ärgsten Schmerzen waren vorbei, nur eine schmerzhafte Empfindlichkeit im Rücken und in den Flanken war zurückgeblieben. »Sei kein Waschweib!« Spritzer sah mich aufmerksam an. »Ganz bestimmt, Junge?« Ich drehte mich zu ihm. »Wenn ich's nicht könnte, Mr. Spritzer, würd ich nicht sagen, daß ich's kann. Ich bin wieder ganz okay.«

»Okay, wenn du's sagst«, erwiderte er rasch, »aber tu das, was ich dir jetzt sage. Schlaf dich erst mal gründlich aus und bleib morgen so lange wie möglich im Bett. Und komm vor übermorgen keinesfalls in die Sporthalle.«

»Gut, Mr. Spritzer, wird geschehn«, versprach ich. Dann wandte ich mich wieder an Zep. »Sag Nellie, daß ich morgen hinüberkomme.«

»Okay, Danny, werd's ausrichten.«

Ich trennte mich an der Ecke von ihnen und schritt die Clinton Street entlang, um nach Hause zu gehn. Ich holte tief Atem. Es hatte tatsächlich auf des Messers Schneide gestanden. Mr. Spritzer hatte ganz recht gehabt, ich hatte die Zeitungen zu eifrig gelesen. Nach dieser Lektion werde ich's hübsch bleiben lassen Ich bog an meiner Ecke ein und eilte auf das Haus zu.

Eine Gestalt löste sich aus dem Schatten neben meiner Haustüre. »Danny!« Spit stand vor mir.

»Was willst du?« fragte ich ungeduldig, denn ich wollte ins Bett. »Mr. Fields will dich sprechen«, antwortete er. »Sag ihm, ich bin zu müde«, sagte ich rasch und drängte mich an ihm vorbei. »Ich werde ihn später mal aufsuchen.« Doch Spit hielt mich am Ärmel fest, »'s ist besser, Danny, wenn du mitkommst«, sagte er. »Fields ist nicht der Kerl, den man so abtut. Er könnt auf die Idee kommen, dir das Leben verdammt sauer zu machen.« Spit blinzelte heftig, wie stets, wenn er aufgeregt war. »'s ist besser, wenn du mitkommst«, wiederholte er. Ich dachte einen Moment nach. Spit hatte recht. Man kann sich nicht drücken, wenn Fields nach einem schickt. Ich mußte gehn, aber ich wollte bloß ein paar Minuten bleiben und gleich wieder verduften. »Okay«, sagte ich mürrisch.

Ich folgte Spit wieder um die Ecke. Vor dem Haustor, neben Fields Geschäft, nahm Spit einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Türe. Ich folgte ihm in den Hausflur.

Hier drehte er sich nach mir um und hielt mir den Schlüssel entgegen. »Geh hinauf«, sagte er, »du kennst ja die Türe.« Ich sah erst den Schlüssel an, dann Spit. »Kommst du denn nicht mit?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Er hat gesagt, er will dich allein sprechen. Läute nicht, du kannst mit dem Schlüssel 'rein.« Damit drückte er mir den Schlüssel rasch in die Hand und verschwand. Ich starrte ihm nach, dann betrachtete ich den Schlüssel. Er blitzte im Licht der Stiegenbeleuchtung. Ich holte tief Atem und begann langsam die Treppe hinaufzusteigen.

13

Der Schlüssel drehte sich geräuschlos im Schloß, und die Türe öffnete sich fast lautlos. Ich blickte in das Zimmer. Es war niemand da. Eine Sekunde zögerte ich. Irgend etwas schien mir nicht zu stimmen. Plötzlich wußte ich, was es war: alle Beleuchtungskörper brannten. Ich war gewohnt, das Licht abzudrehen, wenn ich ein Zimmer verließ. Aber in diesem Raum brannten alle Birnen, obwohl niemand da war.

Ich trat ein, ließ die Türe aber hinter mir offen. »Mr. Fields!« rief ich. »Ich bin's, Danny Fisher. Sie wollten mich sprechen?«

Auf der gegenüberliegenden Seite öffnete sich jetzt eine Türe, und das Mädchen, welches ich vor einigen Stunden hier gesehen hatte, trat ein. »Mach die Tür zu, Danny«, sagte sie gelassen. »Du weckst ja die Nachbarn auf.«

Mechanisch schloß ich die Türe. »Wo ist Mr. Fields?« fragte ich. »Spit hat mir gesagt, daß er mich sprechen will.« Sie sah mich verlegen an. »Bist du deshalb gekommen?« fragte sie ungläubig.

Ich sah sie gleichfalls an. Dann wurde ich rot, weil ich mich an Fields Angebot erinnerte. »Ja, deshalb«, sagte ich mürrisch. »Wo ist er? Ich möcht ihn sprechen und dann ins Bett gehn, denn ich bin hundemüde.«

Ein Lächeln überflog ihr Gesicht. »Das klingt ja so, als ob es wirklich wahr wäre.«

»Natürlich ist es wahr«, sagte ich kalt. »Führen Sie mich jetzt zu ihm, ich möcht's gern hinter mir haben.«

»Gut«, sagte sie, »komm mit.«

Sie führte mich durch eine kleine Küche, an eine r offenstehenden Badezimmertüre vorbei, in ein Schlafzimmer. Dort knipste sie das Licht an und wies auf ein Bett. »Da ist er. der große Maxie Fields in all seiner Pracht. Dieser Dreckskerl!« Aus ihrer Stimme sprach glühender Haß.

Ich starrte auf das Bett. Fields lag darauf hingestreckt, in tiefem Schlaf. Sein Hemd stand bis zur Weste offen und enthüllte eine dichte Masse schwarzer Haare. Er hatte einen Arm übers Gesicht gelegt, und atmete geräuschvoll. Im Zimmer verbreitete sich intensiver Schnapsgeruch. Ich sah das Mädchen an. »Ist er besoffen?« fragte ich.

»Total besoffen«, bestätigte sie voll Bitterkeit, »dieses fette Schwein!«

Ich verließ das Schlafzimmer und hielt ihr den Schlüssel hin. »Geben Sie ihm das und sagen Sie ihm, ich konnte nicht länger

warten. Ich komme ein andres Mal.«

Als ich durch die Wohnung schritt, um wegzugehen, rief sie mich zurück. »Warte eine Minute«, sagte sie rasch, »geh noch nicht. Er hat mir aufgetragen, dich hierzubehalten, bis er aufwacht.«

»Du lieber Gott!« stieß ich hervor, »der wacht doch die ganze Nacht nicht wieder auf! Ich kann nicht länger warten.« Sie nickte. »Ich verstehe, aber warte wenigstens kurze Zeit, damit es plausibel aussieht. Wenn du sofort weggehst, wird er wissen, daß ich dich nicht zurückgehalten hab, und dann wird er wütend.«

»Woher soll er's denn erfahren?« fragte ich. »Er ist für die Umwelt doch tot.«

»Er wird's erfahren«, sagte sie gelassen, trat ans Fenster und lüftete eine Spalte der Jalousie. »Komm her und schau mal 'raus.« Ich sah aus dem Fenster, konnte aber nichts bemerken. »Was?« fragte ich.

»Dort drüben, auf der andern Seite, im Flur von dem Laden da.« Jetzt sah ich einen schwachen Schatten und eine glimmende Zigarette. Im selben Augenblick fuhr ein Auto um die Ecke, die Scheinwerfer durchstachen die Dunkelheit des Torwegs, und ich erkannte Spit, der dort stand.

Ich ließ die Spalte der Jalousie zurückgleiten und drehte mich zu ihr um. »Er beobachtet uns also«, sagte ich, »na, und?«

»Er wird Fields erzählen, wie lange du hier warst.«

»Na, und wenn er's ihm erzählt?« sagte ich ungeduldig, »er ist doch stockbesoffen. Ich kann nicht warten, bis er aufwacht.« Damit ging ich wieder auf die Türe zu.

Sie hielt mich am Arm zurück, und plötzlich erkannte ich die Angst in ihrem Gesicht. »Junge, gib mir eine Chance«, bat sie in verzweifeltem Ton. »Bleib noch eine Weile hier. Du kennst diesen Kerl nicht. Wenn er erfährt, daß ich dich nicht wenigstens kurze Zeit hab hier zurückhalten können, wird er mir das Leben zur Hölle machen.«

Sie sah mich mit vor Angst weitgeöffneten Augen an, und ihre Hand zitterte auf meinem Arm. Ich erinnerte mich, wie leid sie mir getan hatte, als ich sie zuletzt gesehen. »Okay«, sagte ich, »dann bleib ich also.«

Ihre Hand löste sich von meinem Arm. »Danke, Danny«, sagte sie erleichtert.

Ich setzte mich auf die Couch und lehnte mich müde in die Kissen zurück. Hämmernder Schmerz tobte aufs neue in meinem Körper. »Gott, bin ich müde«, sagte ich.

Sie trat an die Couch und sah mich mitleidig an. »Ich weiß, Danny«, sagte sie weich, »ich hab den Kampf gesehen. Soll ich dir vielleicht Kaffee machen?«

Ich sah sie neugierig an. »Nein, danke«, sagte ich. »Sie haben mich also gesehen?«

Sie nickte. »Maxie hat mich mitgenommen.« Jetzt machte sich im Rücken ein stechender Schmerz bemerkbar, und ich bewegte mich unruhig. »Wie hat er's denn beurteilt?« fragte ich mühsam.

Sie antwortete nicht. »Du bist müde«, sagte sie, »warum streckst du dich nicht aus und machst dir's bequem?«

Das war eine ausgezeichnete Idee. Mein Körper versank, in den weichen Daunenkissen, und ich schloß einen Moment die Augen. Das war bedeutend weicher als mein eigenes Bett. Das Leben ist doch schön, wenn man das nötige Kleingeld hat. Ich hörte das Knipsen des Lichtschalters und öffnete die Augen. Sie hatte die Deckenbeleuchtung ausgemacht; jetzt brannte nur noch eine Lampe in der Ecke. Sie setzte sich mir gegenüber in einen Sessel und hielt einen Drink in der Hand.

»Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet«, sagte ich. Sie hob das Glas und trank. »Ich kann nicht«, erwiderte sie, »ich

weiß es nicht.«

»Aber irgend etwas muß er doch gesagt haben«, sagte ich beharrlich. Ich stützte mich auf den Ellbogen, und plötzlich hatte ich im Rücken wieder diesen stechenden Schmerz. Ich stöhnte leise. Sie kniete neben der Couch nieder und legte einen Arm um meine Schulter. »Armer Junge«, sagte sie zärtlich, »du bist verletzt.« Ich setzte mich auf und befreite mich von ihrem Arm. »Mein Rücken ist empfindlich«, gab ich zu und versuchte zu lächeln. »Ich habe eine Menge Püffe einstecken müssen.«

Ihre Hand fuhr über meinen Rücken und massierte die Stelle behutsam. Dann sah sie auf die Uhr. »Leg dich wieder hin«, sagte sie leise, »es ist halb eins; in einer halben Stunde kannst du gehen. Ich werde inzwischen deinen Rücken massieren.« Ich streckte mich aus und fühlte, wie ihre Hände über meinen Körper glitten. Ihre Berührung war leicht und unendlich beruhigend. »Danke«, sagte ich, »das tut wohl.«

Sie lag noch immer auf den Knien, und ihr Gesicht befand sich dicht neben meinem. Plötzlich lächelte sie. »Das freut mich«, antwortete sie. Dann beugte sie sich vor und küßte mich. Ich war völlig überrascht und wurde verlegen und hölzern. Sie zog sich sofort wieder zurück.

»Das ist bloß meine Art, >danke< zu sagen«, erklärte sie. »Du bist ein guter Junge, Danny.«

Ich starrte sie an, denn jetzt war ich völlig verwirrt. »Das hätten Sie nicht tun sollen«, sagte ich, »ich hab ein Mädel. Außerdem will er, daß ich's tu, und ich will nichts tun, was ich nicht selbst mag.«

»Und magst du denn nicht?«

»Das hab ich nicht gesagt«, erwiderte ich eigensinnig. »Ich hab bloß gesagt, daß er's will. Ich versteh nur nicht, warum.« Sie riß die Augen weit auf. »Und wenn ich dir verspreche, daß es nur zwischen uns bleibt? Daß er es nie erfahren wird?« Ich sah ihr forschend in die Augen. »Das würde ich Ihnen nicht

glauben.«

Ihre Stimme klang offen und ehrlich. »Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, daß ich ihn hasse?«

»Er bezahlt Sie für Ihre Zeit«, sagte ich unverblümt. »Bei der Höhe dieser Bezahlung kann ich nichts glauben.« Sie schwieg einen Moment und sah zu Boden. »Würdest du mir glauben, wenn ich dir verrate, was er von dir will?« Ich antwortete nicht. Ich sah ihr regungslos ins Gesicht, und wartete auf das, was nun folgen würde.

»Er will, daß du den nächsten Kampf verlierst. Wenn du nämlich gewinnst, dann verliert er einen Haufen Geld.« Sie hatte sehr leise gesprochen.

Ich nickte. So etwas hatte ich vermutet. »Er könnt's besser wissen«, sagte ich.

Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. »Du kennst ihn nicht«, flüsterte sie voll Bitterkeit. »Er ist abgrundtief schlecht und gemein. Er macht vor nichts halt. Du hättest ihn bei dem Kampf sehen sollen, während du die Schläge einstecken mußtest. Er lachte wild und ist vor Freude fast übergeschnappt. Für ihn war's ein Heidenspaß solange, bis du den Burschen k. o. hattest. Hättest du verloren, dann hätte er sich weiter nicht um dich geschert und dich nicht hierherbringen lassen.«

Ich lachte kurz auf. »Aber ich hab gewonnen, und jetzt kann er mir nichts tun.«

Ihre Finger gruben sich in meinen Arm. »Du bist ein törichtes Kind, Danny, du kennst ihn nicht. Er macht vor nichts halt! Kann er dich nicht kaufen, dann nehmen dich seine Killer in die Arbeit! Und dann kannst du zu dem Match garantiert nicht antreten.« Ich starrte sie mit zusammengepreßten Lippen an. »Und was spielen Sie bei der ganzen Sache für eine Rolle?« fragte ich. Sie antwortete nicht - es war auch überflüssig. Ihr ging's genauso wie den andern. Keiner hat eine Chance gegen den Mann mit den Dollars. Es ist die alte Geschichte, dachte ich voll Bitterkeit. Und damit hatte ich die Antwort auf alle Fragen. Sams Ratschläge zu befolgen und Boxchampion zu werden, war mein einziger Ausweg, die einzige Chance, nicht wie alle andern ein Niemand zu werden, einer der vielen, die unbekannt durch die Straßen der Stadt gehen und die keiner je vermißt. Es war auch meine einzige Chance, zu Geld zu kommen.

Langsam setzte ich mich wieder auf. Sie glitt auf den Sitz neben mich, und ihre Augen sprachen von tiefem Mitgefühl. Sie wußte, was ich dachte.

»Jetzt glaubst du mir doch, nicht wahr?« fragte sie. »Wir sitzen ja beide im selben Boot.«

Ich erhob mich, nickte schweigend und trat ans Fenster. Ich hob die Spalte der Jalousie und spähte hinaus. Spit stand noch immer im Torweg, seine Zigarette glühte. »Ist er noch da?«

»Ja«, sagte ich dumpf.

Sie sah auf die Uhr. »Noch fünfzehn Minuten, und du kannst gehen. Bis dahin kannst du dich aber ebensogut wieder setzen.« Ich ließ mich ihr gegenüber in einen Sessel fallen und spürte die entsetzliche Müdigkeit im ganzen Körper. »Was wirst du tun, Danny?« fragte sie. »Nichts«, ich zuckte die Achseln, »was kann ich denn tun?« Sie kam zu mir herüber, setzte sich auf die Lehne meines Sessels und fuhr mir mit der Hand leicht über die Stirn. Ich schloß müde die Augen.

»Armer Danny«, sagte sie leise. »Du kannst nichts tun, niemand kann etwas tun.« Ihre Stimme klang plötzlich sehr bitter. »Er hat dich in seiner Gewalt, so wie mich und alle andern um ihn herum. Er ist wie ein blutdürstiges Ungeheuer, das sich von allem Lebendigen ringsum ernährt.« Tränen stürzten ihr aus den weitgeöffneten Augen.

»Sie weinen?« sagte ich überrascht.

»Nun, dann weine ich eben«, sie sah mich herausfordernd an. »Kennst du vielleicht ein Gesetz, das einer Hure verbietet zu weinen, oder glaubst du, er wird das auch nicht dulden?«

»Entschuldigen Sie«, sagte ich hastig. Es war ja nicht ihre Schuld. Wir waren beide verloren, keiner von uns konnte ihm entkommen. Es hat keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. In diesem Kampf konnten wir niemals gewinnen.

Ich legte die Hand auf ihre Schulter und zog sie zu mir herunter. Dann küßte ich sie. Ihre Lippen waren weich und zart. Dann lag sie quer über meinen Knien und sah mit großen verwunderten Augen zu mir auf. »Danny«, sagte sie leise, »du hast doch gesagt, daß du ein Mädel hast.«

»Das stimmt«, ich lachte grimmig, »aber jetzt bist du bei mir.« Ich küßte sie wieder. »Wie heißt du?« fragte ich. »Ronnie«, antwortete sie, »aber mein wirklicher Name ist Sarah, Sarah Dorfman. Ich möchte, daß du es weißt.«

»Was macht's denn für 'nen Unterschied?« Ich lachte bitter. »Vielleicht gehört nicht mal mein Name mehr mir. Es gehört ja auch sonst nichts mehr mir. Es ist nur noch eines wichtig: wenn ich das tun muß, was er will, dann kann ich ebensogut alles nehmen, was er mir bietet.«

Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und zog mich zu sich hinab. Ich fühlte ihre Lippen dicht an meinem Ohr. »Das, Danny, was ich dir zu geben habe, kann er nie erkaufen... wieviel er auch zu zahlen bereit ist.«

Und dann küßte sie mich. Ich ließ meine Hände über ihren Körper gleiten, und ihre Haut war warm und süß. Ich hörte, daß sie leise weinte.

Und dann war die Spannung vorbei, versunken in einem Meer der Lust. Wir schwiegen und nur unser Atem rauschte in unseren Ohren. Sie starrte mich an. Ich merkte, daß sie verstand. »Wirst du sein Geld nehmen?« fragte sie und Unsicherheit schwang in ihrer Stimme.

Ich starrte sie ebenfalls an. »Ich weiß es noch nicht«, sagte ich voll Bitterkeit, »ich weiß noch nicht, was ich tun werde.«

Ich schloß die Türe hinter mir und trat auf die Straße. Kühle Nachtluft schlug mir entgegen. Sie war frisch und kräftig, doch so wird sie nur wenige Stunden bleiben.. bis die Stadt wieder erwacht. Dann ist sie so schwer und ungesund, daß deine Lunge sie kaum zu ertragen vermag.

Da bemerkte ich das Aufleuchten einer Zigarette gegenüber im Torweg. Wütend überquerte ich rasch die Straße. Spit stand noch immer im Torweg. Rund um ihn waren unzählige Zigarettenstummel verstreut. Er starrte mich erschrocken an.

»Gib mir 'ne Zigarette, Spit.« Meine Stimme war kalt und hallte in der menschenleeren Straße.

»Natürlich, Danny«, sagte Spit nervös, hielt mir aber eine Zigarette hin.

Ich steckte sie in den Mund. »Feuer!«

»Sofort, Danny«, und mit zitternder Hand hielt er das Streichholz an meine Zigarette. Es flackerte auf, wurde zur Flamme und warf tanzende Reflexe über sein Gesicht.

Ich zog den Rauch tief in die Lungen. Es schmeckte herrlich, ich hatte ja so lange nicht geraucht. Mr. Spritzer hatte darauf bestanden. Aber jetzt war's ja gleichgültig geworden. »Hast du mit ihm gesprochen, Danny?« fragte Spit begierig. Ich starrte ihn an. Sein Gesicht hatte einen widerlich durchtriebenen Ausdruck. Selbst er hatte also gewußt, was Fields von mir wollte. Meine Wut steigerte sich ins Maßlose. Die ganze Welt wußte es. Sie wußten aber auch, wie ich reagieren würde. Niemand erwartete etwas andres. Ich war eben nichts als ein armer Schlucker. Mir blieb keine Wahl.»Nein«, antwortete ich plötzlich in gereiztem Ton, »er war stockbesoffen.«

»Und du warst die ganze Zeit allein mit der Puppe?« sagte er

neugierig. Ich nickte stumm. Sie haßte Fields gleichfalls, aber auch sie vermochte nichts gegen ihn. Wir waren alle in seinem Netz gefangen, so wie sie gesagt hatte. Er hielt alle Trümpfe in der Hand. Spits dreiste Stimme unterbrach meine Gedanken. »Hast du sie gehabt, Danny?«

Ich sah ihn blitzschnell an. Der Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel und verlieh ihm ein lasterhaftes, obszönes Aussehen. Mir war's, als könnte ich im Schatten hinter ihm Maxie Fields sehen, der sich über seine Schulter beugte. Da packte ich ihn an seinem Hemd und zog ihn zu mir. »Na?! Und wenn schon?!« fragte ich in rauhem Ton. Dann erinnerte ich mich an das, was sie gesagt hatte: »Das, Danny, was ich dir zu geben habe, kann er nie erkaufen.. wieviel er auch zu zahlen bereit ist.«

»Na, und wenn schon?« wiederholte ich ärgerlich. »Was geht's dich an?«

Spit wand sich in meinem Griff. »Nix, Danny, gar nix.« Er starrte mich verängstigt an. »Laß mich los!« Ich sah ihn kalt an.

»Warum?« fragte ich und hielt ihn fest.

»Ich bin doch dein Freund, Danny«, sagte er keuchend, denn sein Kragen saß ihm plötzlich so eng um den Hals, daß er ihn zu würgen begann. »Hab ich dich vielleicht nicht zu Fields gebracht? Hab ich dir nicht geholfen, was zu verdienen?«

Ich lachte. Das war gut! Mein Freund? Ich lachte wieder und ließ sein Hemd los.

Er trat zurück und sah mich nervös an. »Guter Gott, Danny«, winselte er heiser, »eine Minute hab ich geglaubt, du willst mich fertigmachen.«

Ich lachte wieder. Darin hatte er recht. Und jetzt stieß ich ihm meine Faust in den schwabbeligen Bauch. Er krümmte sich und fiel auf die Knie. Ich sah verächtlich auf ihn hinunter. »Das wollt ich auch«, sagte ich.

Er sah mit völlig verblödetem Ausdruck zu mir auf. Seine Stimme klang heiser. »Was ist denn los mit dir, Danny? Ich hab dir doch bloß 'nen Gefallen getan.«

Ich schlug ihn mit der flachen Hand ins Gesicht und stieß ihn gleichzeitig mit dem Fuß in die Flanke. »Ich brauch keinen Gefallen«, schnauzte ich ihn an.

Er lag einen Moment lang flach zu meinen Füßen; dann griff er mit einer Hand nach der Türklinke und zog sich wieder hoch. Seine Miene hatte sich jetzt in blanken Haß verwandelt, und er fuhr mit der freien Hand unter sein Hemd.

Ich wartete, bis er das Messer offen in der Hand hielt, dann schlug ich wieder zu, mit einem unerlaubten Tiefschlag, und das Messer klatschte auf den Boden. Spit stürzte vornüber und erbrach sich heftig. Ich sah gelassen zu, wie das Erbrochene zu einer Pfütze wurde, die sich um sein Gesicht ausbreitete, und empfand nichts als eiskalte Befriedigung. Vielleicht gab's für mich wirklich keine Chance gegen Maxie Fields, aber um ihn herum gab's Kreaturen, mit denen ich abrechnen konnte.

Spit blickte zu mir herauf. »Das wirst du büßen, Danny«, schwor er mit heiserer Stimme. »Gott helfe mir, dafür wirst du bezahlen!« Ich lachte bloß. »An deiner Stelle würd ich's nicht versuchen, Spit«, sagte ich, beugte mich über ihn und stieß ihn in das Erbrochene zurück. »Dein Boß hätte nicht viel Verständnis dafür.« Damit drehte ich ihm den Rücken und ließ ihn in seinem eigenen Dreck liegen.

Im Flur unseres Hauses blieb ich stehen und sah auf meine Uhr. Es war fast halb drei. Ich begann die Treppe hinaufzusteigen. Als ich den Vorplatz erreichte, sah ich, daß unter unsrer Küchentüre Licht schimmerte. Ich hoffte, daß Papa nicht mehr wach war, denn für diesen Abend hatte ich genug gehabt.

Ich schob den Schlüssel ins Schloß und öffnete. Mama sah mir entgegen. Ich lächelte. »Aber, Ma«, sagte ich, »du hättest nicht auf mich warten sollen.« Ich schloß die Türe.

Sie stand von ihrem Sessel auf, kam rasch auf mich zu und ließ ihre Augen über mein Gesicht gehen. »Ist dir nichts geschehen, Danny?« fragte sie besorgt.

»Ihm ist bestimmt nichts geschehen«, klang Papas Stimme von der andern Türe her. »Er ist doch der Dynamit-Held Danny Fisher! Er ist unverwundbar! Hier steht's ja großgedruckt in der Morgenzeitung.« Und er schwenkte ein Zeitungsblatt in der Hand. »Sie haben auch einen neuen Namen für ihn«, fuhr er sarkastisch fort, »um die Tatsache gebührend zu unterstreichen, daß er einem Burschen bei dem heutigen Boxmatch den Kiefer mit einem Schlag an zwei Stellen gebrochen hat.«

Ich starrte ihn überrascht an. »Das steht schon in der Zeitung?« Papa schwenkte die Zeitung nochmals. »Was hast du geglaubt? Daß es ein Geheimnis bleiben wird? Was hast du die ganze Nacht getrieben? Mit deiner Schickse gefeiert?«

Ich antwortete nicht. Es hatte keinen Sinn mehr, mit ihm zu sprechen. Er würde nie verstehen, daß es bloß ein unglücklicher Zufall gewesen war.

Mama legte ihre Hand auf meine Schulter. Ihr Gesicht war faltig und hatte einen besorgten Ausdruck. »In der Zeitung steht aber auch, daß du in den ersten beiden Runden entsetzliche Schläge hinnehmen mußtest.«

Ich drückte ihr die Hand, »'s war nicht so arg, Mama, ich bin ja schon wieder okay.«

»Aber der andre ist's nicht!« stieß mein Vater hervor. »Jetzt wirst du damit vielleicht doch aufhören? Oder willst du's weiter so treiben, bis du jemanden umgebracht hast?«

»Sei kein Narr, Papa«, stieß ich hervor. »Es war eben ein unglücklicher Zufall. Solche Dinge geschehen manchmal. Ich habe es doch nicht absichtlich getan.«

»UnglücklicherZufall?! Haha!« schrie Papa ungläubig. »Wie kann's ein unglücklicher Zufall sein, wenn's das Hauptziel ist, den Gegner bewußtlos zu Boden zu schlagen? Blödsinn!« Er wandte sich wieder an Mama. »Eines Tages werden wir in unserm Haus einen Mörder haben, und dann wird er uns auch erzählen, daß es bloß ein unglücklicher Zufall war!«

Die Monotonie seines durchdringenden Geschreis zerrte an meinen Nerven. »Laß mich doch endlich in Ruhe!« schrie ich hysterisch. »Laß mich in Ruh, sag ich dir!« Ich sank in einen Stuhl und bedeckte mein Gesicht mit den Händen.

Dann fühlte ich Mamas Hände auf meiner Schulter. Über meinen Kopf hinweg sagte sie mit ruhiger Autorität: »Geh zu Bett, Harry.«

»Du machst einen schweren Fehler, wenn du ihn auch noch verhätschelst«, sagte er in unheilverkündendem Ton, »eines Tages wird er jemanden umbringen, und dann wirst du genauso dran schuld sein wie er!«

»Dann werde ich eben schuld sein«, antwortete sie gelassen, und ohne einen Augenblick zu zögern. »Er ist unser Sohn, und an allem was er ist oder was er sein wird, tragen wir die Schuld.«

»Du schon, aber ich nicht«, erwiderte Papa ärgerlich. »Ich bin jetzt fest entschlossen: entweder er gibt das Boxen auf, oder ich bin mit ihm fertig! Noch ein einziges Match - und er kommt mir nicht mehr ins Haus! Unter meinem Dach wird kein Mörder schlafen!« Damit entfernte er sich mit stampfenden Schritten. Einen Moment herrschte tiefe Stille, dann sagte Mama ganz leise: »Danny, ich hab für dich ein Hühnersüppchen, das will ich dir jetzt wärmen.« Ihre Hände fuhren zärtlich durch mein Haar.

Ich hob den Kopf und sah sie an. In ihren Augen stand bekümmertes Mitgefühl. »Ich bin nicht hungrig.« Ich war jetzt wie erstarrt und völlig gefühllos.

»Iß ein wenig«, beharrte sie. »Es wird dir guttun.« Sie

entzündete die Flamme unter dem Topf.

Vielleicht hat Papa recht, aber hätten wir das Geld nicht so dringend gebraucht, dann wäre das alles nicht geschehen. Jetzt war es nicht mehr zu ändern.

Mama stellte den Suppenteller vor mich hin. »Iß«, sagte sie und setzte sich neben mich.

Ich kostete die Suppe. Sie war ausgezeichnet, und ich fühlte, wie meine Erstarrung durch ihre wohltätige Wärme verschwand. Ich lächelte ihr dankbar zu, und sie erwiderte meinen Blick. Die warme Suppe machte mich schläfrig. Ich fühlte, wie mich die Müdigkeit übermannte und daß die Schmerzen im Rücken und in den Flanken wiederkehrten. Ich griff müßig nach der Zeitung, die Papa auf den Tisch geworfen hatte, und blätterte die Seiten um, bis ich zu den Sportnachrichten gelangte. Weiße Blätter eines Notizblocks fielen heraus. Ich sah sie neugierig an. Sie waren mit Zahlen bedeckt.

»Was ist das?« fragte ich und zeigte Mama die Blätter. Sie griff danach. »Ach, nichts«, sagte sie, »dein Vater hat bloß was ausrechnen wollen.«

»Was?«

»Ein Freund hat ihm angeboten, ein Geschäft zu kaufen, und Papa hat auszurechnen versucht, ob er das Geld dafür auftreiben könnte.« Sie betrachtete die Blätter in ihrer Hand. »Aber es hat keinen Zweck«, fuhr sie in hoffnungslosem Ton fort, »er kann das Geld nicht beschaffen. Er hat zwar genug Waren, die er in der Nacht, als er den Laden aufgeben mußte, bei Onkel David versteckt hat, aber wo soll er denn genügend Bargeld hernehmen? Am besten ist's, man denkt nicht mehr dran.«

Ich war wieder hellwach. Wenn ich das Geld beschaffen könnte, würde er mich vielleicht nicht mehr für so schlecht halten. »Wieviel braucht er denn?« fragte ich.

Mama stand auf und nahm meinen Teller fort. Sie ging zum Spültisch und begann ihn abzuspülen. »Fünfhundert Dollar«, sagte sie tonlos über die Schulter, »aber es ist nicht anders, als wären es fünf Millionen. Wir können sie ja doch nicht bekommen.« Ich starrte ihren Rücken an. Sie ließ die Schultern müde hängen, und es umgab sie eine Atmosphäre widerstandsloser Resignation. Aller Kampfgeist war verschwunden, und ihr war nichts geblieben als die Sorge um die tägliche Existenz.

Fünfhundert Dollar! Fields sollte dafür gut sein. und zwar mit Leichtigkeit. Er hatte mir selbst gesagt, daß er für das Match über Viertausend an Wetten eingenommen hatte. Plötzlich blickte ich auf. Mama sagte etwas. Es war zwar so, als spräche sie mit sich selbst, wenn sie sich auch umgedreht hatte und mich ansah. »Es hat mir so wohlgetan, Blondie, nur daran zu denken. Vielleicht würde dann alles wieder so werden, wie es war. Aber es hat ja doch keinen Sinn.«

Ich stand auf. Ich hatte mich entschlossen. »Ich bin müde, Ma, ich geh ins Bett.«

Sie eilte auf mich zu und ergriff meine Hand. »Danny, hör auf deinen Vater«, sagte sie leise, und ihre Augen flehten mich an, »gib diese ganze Boxerei auf. Er ist fest entschlossen, er hat es geschworen!«

Ich wollte ihr erzählen, was geschehen war, brachte es aber nicht fertig. Sie könnte es nicht verstehen. Ich konnte ihr nur eine einzige Antwort geben. »Ich kann nicht, Mama.«

»Um meinetwillen, Blondie«, flehte sie, »ich bitte dich darum. Im Juni wirst du Abitur machen, dann bekommst du einen Job, und alles wird gut werden.«

Ich schüttelte den Kopf, dann sah ich auf die Notizblätter mit den Zahlen, die Mama auf dem Tisch liegengelassen hatte. Das dort war die Antwort! Und das wußten wir beide. »Ich kann nicht mehr zurück, Mama, ich muß dabeibleiben.«

Als ich aus dem Zimmer wollte, hielt sie mich am Ärmel fest und zog mich an sich. Sie legte beide Hände um mein Gesicht und sah mir in die Augen. Angst spiegelte sich in ihren Zügen. »Du kannst aber verletzt werden, Danny. So wie dieser Bursche heute abend.« Tränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich könnte es nicht ertragen.« Ich lächelte beruhigend und drückte ihren Kopf an meine Brust. »Mach dir keine Sorgen, Mama«, sagte ich und preßte meine Lippen auf ihr Haar. »Mir wird nichts passieren. Es wird bestimmt nichts geschehn.«