Der Händler sah mich mit verschlagener Miene an. »Woher hast du das Zeug?« fragte er.
»Wollen Sie's kaufen«, entgegnete ich sarkastisch, »oder wollen Sie den Stammbaum wissen?«
Er sah sich den Inhalt des Kartons an und schob ihn nervös von einer Hand in die andre. »Ich will mit der Polente nichts zu tun haben«, sagte er.
Ich griff unmißverständlich nach der Schachtel. »Dann kauft's eben wer andrer.«
Er hielt mich zurück. »Wart doch 'nen Moment. Ich hab doch nich gesagt, daß ich's nich kauf.«
Ich ließ den Karton wieder los. »Dann fragen Sie nicht soviel. Fünfzehn Dollar, und der ganze Kram gehört Ihnen.« Er öffnete den Mund, und seine gelben Zähne wurden sichtbar. »Zehn.«
»Vierzehn«, sagte ich rasch. Das Ritual hatte begonnen. In East Side handelt man unter allen Umständen und um alles. »Elf.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Zwölf.« Er studierte aufmerksam meine Miene. »Kommt nicht in Frage«, erwiderte ich.
Er holte tief Atem. »Zwölf fünfzig«, sagte er beinahe flüsternd. »Mein letztes Wort.«
Ich sah ihn einen Augenblick an, dann streckte ich die Hand aus. »Her mit dem Zaster«, sagte ich.
Er griff in die Tasche, nahm eine alte schmutzige Geldbörse heraus, öffnete sie, und eine magere Banknotenrolle wurde sichtbar. Bedächtig zählte er mir das Geld in die Hand.
Ich zählte nochmals nach, schob das Geld in die Tasche und machte kehrt, um zu gehen. Doch der Händler rief mich zurück. »Wenn du noch mehr von dem Zeug kriegen kannst«, sagte er gierig, »dann bring's mir. Ich werd dich schon anständig bezahlen.« Die ganze Sache lohnte sich nicht. Zwölf Dollar fünfzig, in sieben Teile geteilt, das waren ja weniger als zwei Dollar pro Kopf! Nein, das war der Mühe nicht wert. »Sicher«, antwortete ich und drehte mich um. »Werd dran denken.«
Der bekommt mich nie wieder zu sehen. Dabei war nichts zu holen. Als ich die Rivington Street überquerte, sah ich auf meine Uhr. Es war beinahe sechs. Mit der Bande sollte ich mich nicht vor sieben in der Konditorei treffen. Ich beschloß nach Hause zu gehen und Papas Abendbrot abzuholen. Mama brachte ihm sein Essen jeden Tag ins Geschäft, und so konnte ich ihr einen Weg ersparen. Im Hausflur stank es erbärmlich. Angeekelt bemerkte ich die Papiertüten, die vor den Wohnungstüren standen. Dieser lausige Hausmeister war wieder mal besoffen und hatte vergessen, den Abfall am Morgen wegzuschaffen. Obwohl ich das schon oft gesehen hatte, konnte ich mich doch nicht dran gewöhnen. Ich stolperte über das lockere Brett einer Stufe und begann leise vor mich hin zu fluchen. Ich haßte die Gegend. Ich wollte, ich hätte genug Geld, um von hier wegzukommen. Eines Tages würde ich aber genug Geld beisammen haben, um unser Haus zurückzukaufen und diese stinkende Gegend zu verlassen.
Ich öffnete die Türe und trat ein. Mama beugte sich gerade über den Herd. Sie sah müde zu mir auf.
»Papa hat gesagt, er wird um halb drei nach Hause kommen«, sagte ich. - Sie nickte. - »Ich hab mir gedacht, ich könnte ihm das Essen bringen«, erbot ich mich.
Sie sah mich erstaunt an. Es war das erste Mal, daß ich mich dazu erbot, seitdem er diese Stellung hatte. »Willst du nicht zuerst essen?« fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht hungrig«, log ich. »Ein Junge hat mir bei Katz ein Paar Würstchen spendiert.«
»Aber vielleicht magst du noch ein bißchen Suppe.«
»Nein, Mama«, antwortete ich, »ich bin ganz satt.« Ich sah, daß in dem Topf kaum genug für alle war.
Sie war zu müde, um mit mir zu streiten und nahm ein weißes Emailgeschirr aus dem Schrank, das sie zu füllen begann. Dann stellte sie das Ganze behutsam in einen großen Papiersack, den sie mir gab. Ich ging zur Türe.
»Komm heut abend bald nach Haus, Danny«, rief sie mir nach, während ich die Türe schloß.
»Aber sicher, Mama«, rief ich zurück und lief die Treppe hinunter. Ich blieb vor Papas Geschäft stehen und sah hinein. Es befanden sich ein paar Kunden drin, ein Angestellter bediente sie. Papa mußte sich irgendwo im Hinterzimmer aufhalten. Ich betrat das Geschäft und wartete vor dem Ladentisch.
Aus dem Hinterzimmer drang die spitze, sich überschlagende Stimme eines schreienden Mannes. Unwillkürlich lauschte ich, denn ich erinnerte mich, sie am Nachmittag schon einmal gehört zu haben.
»Sie Esel«, schrie er mit seiner hohen gehässigen Stimme. »Ich weiß nicht, wozu ich Sie überhaupt angestellt habe. Es ist immer dasselbe mit euch Kerlen! Weil ihr ein eigenes Geschäft heruntergewirtschaftet habt, glaubt ihr, alles besser zu wissen und wollt auf niemanden hören!«
Die Stimme verstummte und an ihre Stelle trat das leise Gemurmel von Papas Antwort. Ich konnte die Worte nicht verstehen, daher sah ich durch die gläserne Trennungswand, die das Hinterzimmer vom Laden abteilte. Papa stand vor Mister Gold und sprach zu ihm. Mr. Gold starrte ihn böse an. Sein Gesicht war rot vor Wut. Er begann wieder zu schreien, ehe Papa den Satz beendet hatte. »Ich brauch keine Entschuldigungen, kein Alibi! Sie haben mir leid getan, wie Sie zu mir gekommen sind und mir was vorgewinselt haben, wie dringend Sie die Stellung brauchen, aber Gottverdammich, Sie werden die Arbeit so machen, wie ich es wünsche, oder Sie fliegen vierkantig 'raus! Haben Sie verstanden, Fisher?! So, wie ich es wünsche, oder Sie fliegen! Das ist alles!«
Jetzt konnte ich Papa wieder deutlich verstehen. »Es tut mir wirklich leid, Mr. Gold«, sagte er. »Sein Ton war so unterwürfig, daß mir übel wurde. »Es wird bestimmt nie wieder geschehen, Mr. Gold, ich verspreche es Ihnen.«
Ein wilder Impuls überkam mich, diesen Schweinehund umzubringen, der es wagte, so zu meinem Vater zu sprechen und ihn dazu brachte, auch noch vor ihm zu kriechen. Kein Mensch hat das Recht, einem andern so etwas anzutun! Papa wandte sich wieder an das Männchen. Ich sah durch die
Glaswand, wie er mit gekrümmtem Rücken und hängenden Schultern dastand und den Kopf demütig neigte.
Die Stimme des Angestellten unterbrach meine Gedanken. »Kann ich etwas für Sie tun, Sir?«
Ich sah ihn verwundert an. Anstelle meiner Wut war ein Gefühl grenzenlosen Ekels getreten. Ich schüttelte den Kopf und ging ärgerlich auf die Türe zu. Dann erinnerte ich mich an den Papiersack mit dem Essen, den ich noch immer in der Hand hielt, trat an den Ladentisch und stellte ihn hin. »Das ist das Abendessen für Doc Fisher«, sagte ich zu dem Angestellten und lief auf die Straße hinaus, verfolgt von Mr. Golds hoher spitzer Stimme.
»Nur einen Dollar fünfzig pro Kopf?« sagte Spit in unzufriedenem Ton.
Ich sah ihn kalt an. Der Ton meiner Stimme war unmißverständlich. »Wenn du's besser kannst, dann mach du's.« Wie stets, wenn Spit aufgeregt war, lief ihm der Speichel in kleinen Tropfen aus dem Mundwinkel. »Okay, Danny, okay«, sagte er hastig. »Ich hab ja nix g'sagt.«
Ich verteilte den Rest des Geldes, dann sah ich sie der Reihe nach an. Ich hatte mir zwei Dollar zurückbehalten, denn ich hatte ja die Sache ausgeknobelt.
»Was machen wir als nächstes, Danny?« fragte Spit und sah mich erwartungsvoll an.
»Weiß noch nicht«, antwortete ich und nahm eine Zigarette aus der Tasche. »Aber 's muß was ganz andres sein, dabei schaut nich genug 'raus.« Ich zündete mir die Zigarette an. »Ihr braucht euch nicht drum zu kümmern, mir wird schon was einfallen.« Ich sah auf die Uhr. Es war beinahe sieben. »Ich probier mein Glück jetzt noch ein bissel in der Garage beim Würfeln«, sagte ich, »will einer mitkommen?«
»Nix für mich«, sagte Spit sabbernd, »hab mir 'ne Puppe bestellt. Auf die Art hab ich wenigstens was für mein Geld.« Die
Bande zerstreute sich, und ich bog allein um die Ecke. Spit hatte mich an etwas erinnert. Ich hatte ja um neun Uhr ein Rendezvous mit dem Mädel vom Eiscremestand. Scheint ein schlaues Kind zu sein, ich hab's gern, wenn sie aufgeweckt sind. Ich kann dumme Dinger nicht ausstehen. Die kennen nur eines, wenn man will, daß sie die Türglocken mit dem Hintern polieren. Nein. Die schlauen Püppchen konnte man - manchmal - auch zu was andrem überreden.
Ich war jetzt beinahe bei der Garage angelangt. Mir wurde schon wohler, als ich mich dem Eingang näherte. Die dreieinhalb Dollar, die ich in der Tasche hatte, waren so gut wie nichts. Wenn ich Glück habe, kann ich mir's leisten, für das Mädel was springen zu lassen. Ein junger Italiener mit einem mageren Gesicht stand vor der Garage Schmiere. Ich ging an ihm vorbei. Der Bursche streckte die Hand aus, um mich aufzuhalten. »Wohin willst du?« fragte er.
Ich schob seine Hand sachte beiseite. »Nur langsam, Itaker«, sagte ich lächelnd, »ich will bloß mein Glück versuchen.« Nachdem mich der kleine Italiener erkannt hatte, erwiderte er mein Lächeln. »Okay, Danny«, sagte er und wandte sich wieder dem Eingang zu.
Ich ging durch die dunkle Garage auf ein Licht im Hintergrund zu. Von den herumstehenden Autos verborgen, stand dort in einem kleinen Halbkreis eine Gruppe von Männern und Halbwüchsigen. Sie sprachen leise miteinander, sonst war nur das metallische Klappern der Würfel zu hören. Einige blickten auf, als sie mich erkannten, sahen sie sofort wieder auf den Boden. Ihre Aufmerksamkeit galt den Würfeln, die über den Boden rollten und dann von der Wand zurückprallten.
Ich sah einige Minuten aufmerksam zu und versuchte das richtige Gefühl für das Spiel zu bekommen. Ich hielt nichts davon, einfach drauflos zu wetten, ich versuchte auszuknobeln, wer einen Riecher hatte und es diesem Spieler dann nachzumachen. Da war ein kleiner dunkler Bursche, der sehr gut abzuschneiden schien. Ich sah ihm eine Weile zu. Er hatte schon zweimal richtig getippt, ehe ich mich entschloß. Beim nächstenmal wettete er gegen die Würfel, und ich machte es ihm nach. Ich warf einen Dollar auf den Boden. »Dagegen«, sagte ich. Der Buchmacher nahm das Geld. Die Würfel rollten, und ich verlor. Ich schloß mich dem dunklen Burschen nochmals an. Diesmal gewann ich. Ich wettete wieder und gewann. Jetzt begann meine Erregung zu steigen. Ich wettete nochmals und gewann wieder. Ich hatte bereits sieben Dollar und glaubte fest an mein Glück. Der Mann, der bisher gewürfelt hatte, sah plötzlich auf. »Hab genug«, sagte er verärgert, stand auf und staubte seine Hosen ab. Der Buchmacher blickte sich um. »Wer übernimmt sie jetzt?« fragte er. Niemand rührte sich, denn niemand wollte die Würfel. Daran war der Buchmacher gewöhnt. Im Lexikon der kleinen Spieler stand, daß es Unglück brachte, mit den Würfen zu setzen. Das Spiel mußte aber im Gang gehalten werden. Er sah mich an. »Nimm sie, Danny«, sagte er. »Den ersten Wurf hast du gratis.«
Ich trat widerwillig vor und übernahm die Würfel. Mir blieb keine Wahl. Ich war als letzter ins Spiel eingetreten und mußte mich den Spielregeln fügen. Ich durfte mich nicht weigern. Ich schüttelte die Würfel in meiner Hand.
Plötzlich hatte ich das Gefühl absoluter Sicherheit. Ich spürte, wie mein Herz aufgeregt zu klopfen begann. Ich konnte nicht verlieren! Ich hatte eine Glückssträhne erwischt!! Ich warf zwei Dollar auf den Boden. Ein Dollar flatterte neben meine, es war der Einsatz des Buchmachers. Er blies in meine Handflächen, als noch mehr Scheine auf den Boden gesegelt kamen. Dann schleuderte ich die Würfel wie ein geölter Blitz. Sie prallten wie verrückt an die Mauer und blieben schließlich liegen.
Gewonnen! Ich sammelte die Würfel wieder ein und schüttelte sie.
Diesmal besprach ich die ganze Sache mit ihnen. Es war ein Gespräch mit den Würfeln, das kein Außenstehender verstehen konnte. Ich fühlte sie warm in meiner Hand und wußte, sie verstanden mich, wenn auch sonst niemand. Ich gewann sechs Dollar.
Jetzt ging's um vier Dollar für den Point. Ich sammelte sie wieder in die Hand und flüsterte weiter mit ihnen. Als sie hübsch warm in meiner Hand lagen, warf ich sie und gewann.
Ich strich neun Dollar ein und ließ den Rest stehen. Ich spürte, wie mir der Schweiß ausbrach, während ich die Würfel in der Hand schüttelte. Ich war wie im Fieber.
Es war beinahe dreiviertel neun, als ich wieder zur Besinnung kam und auf die Uhr blickte. Ich gab die Würfel weiter und trat aus dem Spiel aus. Ich hatte über zwanzig Dollar gewonnen. Das Hemd klebte mir feucht am Rücken, als ich aus der Garage trat.
Der Junge vor der Türe grinste. »Schon pleite, Danny?« höhnte er grinsend.
Ich grinste auch und warf ihm einen halben Dollar zu.
Ich stand an der Ecke vor dem Zehn-Cent-Basar und betrachtete die Mädchen, die herauskamen. Ich zündete mir eine Zigarette an. Es war bereits zehn nach neun. Vielleicht versetzt sie mich! Ich werde ihr noch fünf Minuten bewilligen, dann kann sie sich zum Teufel scheren.
»Hallo, Danny«, sagte sie leise. Sie stand neben mir. Ich hatte sie wohl aus der Türe treten sehen, aber nicht wiedererkannt, weil sie in ihren eigenen Kleidern viel jünger aussah als in der Geschäftsuniform.
»Hallo, Nellie.« Ich sah sie erstaunt an. Sie war ja ein Kind. Sie konnte höchstens so alt sein wie ich. »Hungrig?« fragte ich nach kurzem Zögern.
Sie nickte. Sie schien ein wenig verlegen zu sein, nicht mehr so selbstsicher wie hinter der Theke.
Ich nahm sie am Arm und steuerte mit ihr auf die Ecke zu, wobei ich sie verstohlen musterte. Ihr Haar war tiefschwarz und dort, wo das Licht der Schaufenster hintraf, schienen blaue Töne darin zu spielen. Sie hatte große dunkle Augen und sah, während sie neben mir ging, geradeaus vor sich hin. Sie verwendete zwar Lippenstift, aber in einem bedeutend helleren Ton als am Tag. »Sie sehen jetzt viel jünger aus«, rief ich überrascht. Sie wandte mir ihr Gesicht zu. »Viele Mädchen schminken sich während der Geschäftszeit so stark, um älter auszusehen, sonst würden sie ihre Stellung nicht behalten.« Schüchtern, aber mit einem warmen Blick setzte sie hinzu: »Sie sehen aber älter aus als im Laden.
Ich erwiderte ihr Lächeln und fühlte mich jetzt sehr wohl. Wir standen vor dem Restaurant, auf dessen verblaßtem gelbblauem Schild zu lesen war:
CHOW MEIN 30 Cent CHOP SUEY
»Gehn wir was essen«, sagte ich, öffnete die Türe und ließ sie vor mir eintreten.
Ein müde aussehender, verwitterter alter Chinese führte uns zu einem Tisch, ließ zwei Menukarten vor uns auf den Tisch fallen und schlurfte langsam zur Türe zurück. Das Restaurant war beinahe leer, es waren nur noch zwei andre Tische besetzt. Ich sah mir das Menü flüchtig an, denn ich wußte bereits, was ich essen wollte. Dann blickte ich sie über den Tisch hinweg an. Unsre Blicke trafen sich. »Für mich Chow Mein«, sagte sie lächelnd.
»Mit geröstetem Reis. Den werden wir teilen«, fügte ich rasch hinzu, um in ihr keine falschen Vorstellungen zu erwecken. Ich war ja schließlich kein Krösus.
Ein junger chinesischer Kellner, der ebenso müde aussah wie der alte Mann, welcher uns an den Tisch geführt hatte, stellte eine Teekanne auf den Tisch und wartete verschlafen auf unsre Wünsche. Ich bestellte rasch, und er entfernte sich wieder. Hierauf wendete ich mich wieder dem Mädchen zu. Als sie bemerkte, daß ich sie ansah, senkte sie den Blick, und eine schwache Röte stieg ihr in die Wangen. Plötzlich entstand eine seltsam gespannte Atmosphäre zwischen uns. »Was ist denn los?« fragte ich.
Sie hob den Blick. »Ich sollte eigentlich nicht hier sein«, erwiderte sie nervös. »Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind und mein Vater.«
»Ihr Alter hätte es wohl nicht gern, was?« unterbrach ich sie mit einem frechen Lachen. Ich war jetzt schon viel selbstbewußter. »Wie alt sind sie eigentlich?«
Sie sah mich offen an. »Sieb. nein. sechzehn«, antwortete sie zögernd.
»Arbeiten Sie schon lange?« fragte ich.
»Beinahe ein Jahr«, sagte sie. »Man hält mich dort für älter.«
»Ist Ihr Alter sehr streng zu Ihnen?« fragte ich, und in meiner Stimme schwang ein mitleidiger Ton, den ich nicht zu unterdrücken vermochte, der aber die Fremdheit zwischen uns zu lockern schien. »Er ist schon ganz ordentlich zu mir. Aber Sie wissen ja, wie diese altmodischen Italiener sind. Immer heißt's nur, drüben in der Heimat macht man das so und jenes so.« Sie sah mir in die Augen. »Ich sollte eigentlich von der Arbeit direkt nach Hause kommen, denn ich bin zwar alt genug, um denen im Geschäft wegen meinem Alter was vorzulügen und Geld nach Hause zu bringen, aber um mit einem Burschen auszugehen, bin ich noch lange nicht alt genug. Wenn er wüßte, daß ich mit Ihnen hier bin, würde er mich wahrscheinlich erschlagen.«
Ich sah sie nachdenklich an und überlegte, was sie mit dieser langen Geschichte eigentlich bezweckte. »Warum sind Sie dann überhaupt gekommen?« fragte ich.
Sie lächelte. »Vielleicht hab ich's satt, immer nur in der >alten Heimat< zu leben. Vielleicht ist's Zeit, daß er endlich begreift, daß Amerika ein neues Land ist. Hier lebt man eben ganz anders.«
»Ist das der einzige Grund?« fragte ich und blickte sie unverwandt an.
Sie errötete unter meinem prüfenden Blick. »Nein«, gestand sie und schüttelte leicht den Kopf. »Ich wollte mit Ihnen ausgehen. Ich wollte herausbekommen, wie Sie wirklich sind.«
»Und - gefällt Ihnen das, was Sie von mir zu sehen bekommen?« Sie nickte stumm und wurde noch röter. »Und gefalle ich Ihnen?« fragte sie scheu.
Ich langte über den Tisch und ergriff ihre Hand. Das schien ja ein ganz einfacher Fall zu sein. »Natürlich, Nellie«, sagte ich nachdrücklich, »natürlich.«
Unter der Lampe an der Straßenecke blieb sie stehen. »Es ist besser, Danny«, sagte sie und sah zu mir auf, »wenn Sie jetzt gehen. Mein Vater könnte vor dem Haus auf mich warten.«
»Sie lassen mich ja ganz nett abfahren«, sagte ich kalt. Ein Schatten überflog ihr Gesicht. »Nein, Danny, nein«, sagte sie ernst. »Wirklich nicht. Aber Sie kennen meinen Vater nicht.« Ich konnte mir nicht helfen, ich glaubte ihr. »Ich weiß natürlich«, sagte ich leichthin, »daß das ein uralter Trick ist, aber ich fall ganz gern drauf rein. Beinahe könnte ich Ihnen sogar glauben.« Sie ergriff meine Hand. »Sie müssen mir glauben, Danny«, sagte sie rasch. »Ich würde Sie nie anlügen, nein, wirklich nicht.« Ich hielt ihre Hand fest. »Was werden Sie denn sagen, warum Sie so spät heimkommen?«
»Ich werde ihm sagen, daß ich im Geschäft bleiben mußte. Er weiß, daß wir manchmal länger arbeiten.«
»Wird er sehr wütend sein?«
»Nein«, erwiderte sie. »Daraus macht er sich ja nichts. Er kümmert sich nie drum, wenn ich auch bis spät in die Nacht Überstunden mache.«
Ich ließ ihre Hand los und trat in den tiefen Flur eines Ladens und aus dem Bereich der Straßenbeleuchtung. »Komm her zu mir«, sagte ich.
Sie sah mich eine Sekunde an, dann machte sie zögernd einen Schritt auf mich zu. Ihre Stimme klang plötzlich nervös. »Wozu?« Ich sah sie unverwandt an. »Du weißt, wozu«, sagte ich ruhig. »Komm her!«
Sie tat noch einen kleinen Schritt, dann blieb sie stehen. Ein seltsam schmerzlicher Ausdruck breitete sich über ihr Gesicht. »Nein, Danny. ich gehör nicht zu dieser Sorte.«
»Dann ist's also doch eine glatte Abfuhr«, sagte ich in schneidendem Ton.
Ich nahm eine Zigarette aus der Tasche und steckte sie zwischen die Lippen. »Okay, Baby, verdufte! Deinen Spaß hast du ja gehabt!« Ich zündete das Streichholz an und hielt es an die Zigarette. Als ich aufsah, blickte sie mich noch immer stumm an. In ihrer ganzen Haltung lag eine merkwürdige Gespanntheit, wie bei einem Reh vor der Flucht. Die Straßenbeleuchtung ließ in ihrem Haar bläulichschimmernde Lichter aufflammen.
Ich blies ihr eine Rauchwolke entgegen. »Worauf wartest du noch? Geh nach Haus! Dein Alter wartet!«
Sie machte wieder einen Schritt auf mich zu. »Danny, so hab ich mir's nicht vorgestellt. Ich kann's nicht ertragen, daß du auf mich bös bist.«
Jetzt wurde ich wütend. Wenn ich eine Abfuhr bekam, nun gut, dann hatte ich sie eben weg und damit basta. Ich habe nie erwartet, einen großartigen Roman zu erleben. Warum macht sie jetzt deswegen ein solches Theater? Ich äffte ihr nach: »Danny, so hab ich mir's nicht vorgestellt!« Ich lachte voll Bitterkeit. »Warum, zum Teufel, glaubst du, hab ich dich ausgeführt?« stieß ich rauh hervor. »Um an der Straßenecke eine Abfuhr zu bekommen? Ich kann Mädchen haben, soviel ich will, ich brauch nicht auf dich zu warten.« In ihren Augen standen jetzt Tränen. »Danny, ich hab geglaubt, daß du mich auch gern hast«, sagte sie mit einer ganz kleinen Stimme, »ich hab dich nämlich sehr gern.«
Da packte ich sie rasch am Arm und zog sie zu mir in den schwach beleuchteten Flur. Ich warf die Zigarette zu Boden und nahm sie in die Arme.
Während sie mit weitaufgerissenen Augen zu mir aufsah, fühlte ich die ganze Starrheit ihres Körpers. Aber sie blieb stehen, ganz still. »Danny!«
Da küßte ich sie. Ich spürte ihre zarten Lippen und die Härte ihrer Zähne unter meinem Mund. Ihre Lippen waren kalt. Ich küßte sie nochmals. Jetzt waren sie schon ein wenig wärmer; sie öffneten sich leicht, und ich spürte, wie sie sich bewegten. Ich küßte sie nochmals, und jetzt waren sie ganz warm und erwiderten meinen Kuß. Ich sah lächelnd zu ihr hinunter. »Ist's wirklich so arg, Nellie?« Sie verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter. »Du wirst mich jetzt für schlecht halten«, rief sie.
Ich war völlig verwirrt. Das war keineswegs die Reaktion, die ich erwartet hatte. Meine Verwirrung war auch aus meiner Stimme zu hören. »Warum warst du dann am Nachmittag so herausfordernd zu mir? Du mußt die Spielregeln doch jetzt schon zur Genüge kennen. Hast ja lang genug im Leben gestanden.« Sie sah zu mir auf. Ihre dunklen Augen waren noch immer weit aufgetan, aber jetzt schimmerten sie weich und waren nicht mehr verängstigt. »Ich hab dich gleich gern gehabt,
Danny, das war's. Deshalb bin ich auch nicht nach Hause gegangen, wie du mir's so wütend gesagt hast.«
Ich sah sie einen Moment an; dann suchte ich wieder ihre Lippen. Ich fühlte jetzt, wie sich ihr Körper entspannte, während sie meine Küsse leidenschaftlich erwiderte. Diese Küsse waren echt. Ich hielt sie eng an mich gepreßt. »Aber du hast doch so abgebrüht getan«, flüsterte ich. »Wegen der Prügelei im Laden und all dem. Du hast doch sofort gewußt, daß Spit und Solly nur Theater machen. Woher weißt du was von diesen Dingen, wenn du nicht rumgekommen bist?«
»Guiseppe, mein ältester Bruder, war Boxer«, antwortete sie und lag regungslos in meinen Armen. »Er hat mir gezeigt, wie sie's machen, wenn sie bloß Komödie spielen.«
Unsre Augen trafen sich bei der schwachen Beleuchtung und hielten einander fest.
»Du gibst mir also nicht den Laufpaß?« Ein letzter Rest von Mißtrauen schwang in meiner Stimme. »Nein, Danny«, ihre Stimme klang ganz ehrlich. Ich küßte sie wieder, doch diesmal war's anders. In diesem Kuß fühlte ich ihre Gelöstheit, ein gemeinsames Verstehen. Meine wilde Begierde war verschwunden. »Ich hab dich gern«, sagte ich, und plötzlich mußte ich lachen. »Du bist ein komisches Ding, aber du gefällst mir.«
Sie sah mich lächelnd an. »Bist nicht mehr bös?« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Baby.«
Diesmal hob sie mir ihr Gesicht entgegen und wartete auf meinen Kuß. Ich sah regungslos zu ihr hinunter. Ihre Augen waren geschlossen. »Danny«, flüsterte sie schüchtern, »Danny. küß mich.«
Ich fühlte, daß sich ihr Mund verändert hatte. Er hatte sich geöffnet, und sie klammerte sich in wilder Leidenschaft an mich. Da zog ich sie ganz an mich, glitt mit meiner Hand ihr Rückgrat entlang und preßte sie so eng an mich, daß zwischen unsern Körper kein Millimeter Zwischenraum blieb. Ihre Augen waren noch immer geschlossen. Wir schwebten in einer andern Welt. Die Straßenecke, die Straßenlampe, der Flur, alles war verschwunden, außer dem brennenden Druck unsrer Lippen. Ich schloß ebenfalls die Augen, während meine Hände die Wärme ihres Körpers suchten. Ihr Flüstern gellte mir beinahe wie ein Schrei in den Ohren. »Danny! Danny! Nicht!!« Sie faßte erregt meine Hände und stieß sie beiseite.
Ich umklammerte ihre Gelenke und hielt sie fest. Sie zitterte vor Angst. »Ruhig, Baby, sei ganz ruhig«, sagte ich sanft, »ich werd dir nicht wehtun.«
Ihre panische Angst verschwand ebenso plötzlich, wie sie sie überfallen hatte, und sie verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter. »Oh, Danny, ich hab noch nie so etwas gefühlt.«
Ich schob meine Hand unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht zu mir empor. Tränen standen in ihren Augen. »Ich auch nicht«, sagte ich ernst, und ich meinte es aufrichtig.
Ihre Augen wurden vor Staunen groß und tief. »Danny, Danny glaubst du...«, sie zögerte, »glaubst du, daß wir vielleicht ineinander verliebt sind?«
Ich war ganz verwirrt, ich wußte es nicht. Ich versuchte zu lächeln. »Vielleicht sind wir's, Nellie, vielleicht.«
Noch während ich sprach, fühlten wir eine Verlegenheit, und wir traten einige Schritte auseinander. Sie sah zu Boden und ordnete ihre Kleider. Als sie damit fertig war, rauchte ich bereits eine Zigarette. Sie streckte mir ihre Hand entgegen, und ich ergriff sie. So standen wir schweigend, bis ich die Zigarette ausgeraucht hatte. Dann warf ich sie weg, sie fiel in den Rinnstein und versprühte kleine Funken. Wir sahen einander wieder an. Ich lächelte. »Hallo, Nellie.«
»Hallo, Danny«, flüsterte sie schüchtern.
Wir starrten einander einen Moment an, dann begannen wir zu lachen. Unser Gelächter befreite uns von unserer
Verlegenheit. Ich beugte mich zu ihr hinunter und küßte sie rasch. Unser Händedruck wurde inniger und löste sich, als sich unsre Lippen wieder trennten. »Hoffentlich ist dein Alter nicht bös«, sagte ich. »Nein, bestimmt nicht«, sagte sie lächelnd, »ich werd ihm sagen, daß ich länger hab arbeiten müssen.«
Wir verließen den schützenden Flur und gingen bis an die Ecke, unter die Straßenlampe. Ihr strahlendes Gesicht war gerötet, ihre Augen leuchteten mit einem ganz neuen innigen Ausdruck, und die Zähne blitzten weiß zwischen ihren roten Lippen, als sie mir zulächelte.
»Hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie hübsch du bist?« fragte ich scherzend.
»Nein«, antwortete sie.
»Wahrscheinlich, weil ich bisher noch keine Zeit dazu hatte«, sagte ich grinsend. »Ich will's also jetzt sagen. Du bist eine kleine Schönheit, wie ein Filmstar.«
»Ach, Danny«, sagte sie und hielt meine Hand ganz fest. »Ich glaub, du mußt jetzt gehen«, sagte ich einsichtsvoll.
Sie nickte.
»Also dann - gute Nacht«, sagte ich und ließ ihre Hand los. »Werde ich dich, wiedersehen, Danny?« Ihre Stimme war ganz klein.
»Natürlich«, sagte ich rasch und grinste. »Ich komm morgen zu dir in den Laden.«
Ihr Gesicht erhellte sich. »Und ich mach dir dann eine ganz besondre Eiscreme, mit drei gehäuften Schöpfern voll Sahne.«
»Mit drei Schöpfern?!« rief ich, »nein, da kann ich nicht wegbleiben.«
Sie lachte wieder. »Gute Nacht, Danny.«
»Gute Nacht, Baby.«
Sie war im Begriff, über die Straße zu gehen, drehte sich aber nochmals zu mir um. Ihr Gesicht hatte einen bekümmerten
Ausdruck. »Aber du bringst deine Freunde nicht wieder mit, nicht wahr? Sie könnten erwischt werden.«
»Machst du dir etwa Sorgen um sie, Nellie?« sagte ich lachend. »Ach, um die kümmer ich mich nicht«, sagte sie ungestüm. »Ich mach mir bloß Sorgen um dich.«
Ich fühlte, wie warm mir bei ihren Worten wurde. Sie war ein gutes Ding. »Ich bring sie bestimmt nicht mit.«
Sie sah aber noch immer ernst aus. »Mußt du dich mit ihnen 'rumtreiben und solche Sachen machen, Danny? Du kannst leicht geschnappt werden. Kannst du denn keinen Job finden?«
»Nein«, antwortete ich steif, »meine Leute erlauben nicht, daß ich das Gymnasium aufgebe.«
Sie griff wieder nach meiner Hand und drückte sie teilnehmend, während in ihren Augen tiefe Besorgnis zu lesen war. »Sei vorsichtig, Danny«, sagte sie sehr leise.
Ich sah sie lächelnd an. »Bestimmt«, versprach ich. Sie trat auf den Gehsteig zurück und küßte mich rasch. »Gute Nacht, Danny.«
»Nacht, Baby.«
Ich sah ihr nach, während sie über die Fahrbahn lief und schließlich in ein Haustor trat. Dort blieb sie eine Sekunde stehen und winkte mir. Ich winkte zurück. Dann verschwand sie im Hausflur. Ich drehte mich um und lief die Straße hinunter. Ich war sehr froh. Ich fühlte mich so wohl, daß ich beinahe vergaß, wie sehr ich es haßte, in dieser Umgebung wohnen zu müssen, bis ich die Delancey Street überquerte und vor Papas Geschäft wieder diesen Mr. Gold stehen sah.
Er stand vor dem Laden und steckte soeben einen kleinen Lederbeutel in seine Tasche. Ich wußte sofort, was es war. Es war einer jener Beutel, die man dazu verwendet, um bei einer Bank auch während der Nacht Einlagen zu machen.
Automatisch drückte ich mich in einen Torweg und beobachtete ihn. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir, daß es wenige Minuten nach Zwölf war. Er sah nochmals in das Schaufenster, dann ging er die Delancey Street in Richtung zur Essex Street entlang. Ich folgte ihm langsam und blieb immer einen halben Häuserblock hinter ihm. Zuerst wußte ich nicht, weshalb ich es tat, aber nachdem ich einige Zeit hinter ihm hergegangen war, wurde mir's plötzlich klar. Jetzt bog er in die Essex Street ein und ging bedeutend rascher. Ich hielt mich auf der anderen Straßenseite, immer mit ihm im Gleichschritt, während meine Idee rasch Gestalt annahm. Er begab sich zu der Bank an der Ecke der Avenue A und der First Street. Dort nahm er den kleinen Beutel aus der Tasche und ließ ihn in den Behälter für Nachteinlagen gleiten. Hierauf drehte er sich um und ging die Avenue A hinauf.
Ich blieb an der Ecke stehen und sah zu, wie er weiterging. Er interessierte mich jetzt nicht mehr.
Ich zündete mir eine Zigarette an und begann nachzudenken. Als ich zum erstenmal in die Gegend gekommen war, erschien sie mir wie eine andre Welt. Und das war sie auch. Es war eine ganz andere Welt als die, die ich bisher gekannt hatte. Hier gab's nur ein Gesetz: kämpfen oder verhungern. Und dabei gab's keine Hemmungen.
Die Kinder wußten das sogar noch besser als die Erwachsenen. Sie wurden dazu erzogen, für sich selbst zu sorgen sobald sie nur konnten, zu betteln und zu stehlen. Sie
waren zäher, verbitterter und zynischer, als ich mir je hätte vorstellen können. Es gab nur eines, was mich davor bewahrte, von ihnen getötet zu werden: ich konnte besser boxen als sie und in vieler Beziehung auch rascher denken. Es hatte allerdings Zeit gekostet. Eine Weile hatten sie mich scheel angesehen, denn sie wurden aus mir nicht recht klug. Nach der Prügelei, die ich an dem Tag hatte, an dem Rexie überfahren worden war, hatten sie mir einen gewissen Respekt bezeugt. Aber erst als ich mich in der Konditorei herumzutreiben begann, lernte ich sie kennen.
Von diesem Augenblick an riß ich die Führung an mich. Der Bursche, den ich verprügelt hatte, war ihr Bandenführer gewesen. Nun lungerten sie tatenlos herum. Spit und Solly hatten versucht, die Führung zu übernehmen, vermochten sich bei den andern aber nicht den nötigen Respekt zu verschaffen. Die einzige Sprache, die sie verstanden, war körperliche Überlegenheit. Eines Tages kam Spit zu mir, während ich eine Eiscreme verzehrte. Unter dem feinen Sprühregen seines Speichels lud er mich ein, mich der Bande anzuschließen. Ich hörte ihm zu, blieb aber auf meiner Hut; nach einiger Zeit schloß ich mich ihnen aber doch an. Es war zu einsam hier, ich mußte mich an etwas beteiligen, mich mit jemandem zusammentun. Da konnten es ebensogut die Burschen der Stanton Street sein.
Die Hauptsache blieb aber stets das Geld. Armut war ein Pesthauch, der sich über der unteren East Side ausbreitete. Man sah sie überall, wohin man auch blickte, in den schmutzstarrenden Straßen, den zettelverklebten Schaufenstern, den schlechtgehaltenen Häusern. Min hörte die Armut überall heraus: aus dem kreischenden Geschrei der Hausierer von Rivington ebenso wie aus dem mühseligen Feilschen um jeden Penny in den Geschäften. Hast du einen Dollar in der Tasche, dann bist du ein König: wenn nicht, hältst du Ausschau nach jemandem, der einen besitzt und für dich bezahlt. Aber Könige leben nicht mehr auf der East Side, außer sie gehören jener Sorte an, die es versteht, auch aus der allgemeinen Armut noch genug Geld zu ziehen, um sich ein auskömmliches Leben zu sichern.
Es gab ihrer genug - Buchmacher, Wucherer und kleine Verbrecher. Das waren die Smarten, die Helden. Sie wurden beneidet, diese Starken, denen es gelungen war zu überleben, und zwar gut zu überleben. Sie waren unsre Vorbilder.
Sie waren das, was wir einmal werden wollten. Keine armen Schlucker, wie unsre Väter, die im Rinnstein lagen, weil sie es nicht verstanden, sich der Zeit anzupassen. Unsre Väter bildeten die Bevölkerung der unteren East Side. Es gab ihrer genug. Wir wollten nicht so werden wie sie, wenn wir's verhindern konnten. Wir waren smarter als sie. Wir wollten Könige werden. Und wenn ich erst König war, wollte ich mein Haus in Brooklyn zurückkaufen und aus dieser verrotteten Gegend wieder wegziehen. Ich schlenderte zu unserm Haus zurück. Spit hatte mich gefragt, was wir als nächstes anstellen werden. Damals hatte ich's nicht gewußt, ich wußte nur, daß die Sache im ZehnCent-Basar nicht der Mühe wert war. Aber jetzt wußte ich's! Ich konnte sogar zwei Fliegen mit einem Schlag treffen. Ich beschloß, ehe ich nach Hause zurückkehrte, nochmals in die Konditorei zu gehen, um die Sache mit Spit und Solly zu besprechen.
Ich warf mich unruhig im Bett herum. Ich war zu erregt, um einzuschlafen. Auf der Straße vor meinem Fenster hupte jemand laut. Ich stand leise auf und setzte mich ans Fenster. Ich zündete mir eine Zigarette an und starrte hinaus.
Unten parkte ein Lastwagen. Das schwache metallische Klirren der Abfalltonnen, die gegen den Behälter stießen, wenn die Männer sie entleerten, drang bis zu mir herauf. Ich erinnerte mich an Spits Miene, als ich den Burschen meinen Plan zum erstenmal auseinandersetzte.
Er hatte Angst gehabt! Aber Solly war scharf darauf und das gewann schließlich auch Spit für den Plan. Nur wir drei sollten das Ding drehen. Zuerst mußten aber Golds Gewohnheiten bis ins letzte Detail festgehalten werden: denn das war
ausschlaggebend. Einer von uns mußte ihm, wenn er das Geschäft verließ, mehrere aufeinanderfolgende Nächte nachgehen und alle Aufenthalte und Gewohnheiten genau feststellen. In einer bestimmten Nacht wollten wir ihn dann überfallen. Aus der Sache waren, wie ich ihnen sagte, mindestens zweihundert Dollar herauszuschlagen. Und wir hatten nichts andres zu tun, als dem alten Schweinehund eins übern Kopf zu geben und ihm dann den Zaster abzunehmen. Es war kinderleicht. Ich hatte ihnen aber nicht erzählt, daß mein Vater in dem Laden arbeitete. Das ging sie nichts an.
Der Klang einer Mädchenstimme, der jetzt durch das offene Fenster drang, erinnerte mich an Nellie. Für eine Itakerin war sie schon ein merkwürdiges Ding. Denn die waren gewöhnlich laut und zäh, und wenn sie den Mund aufmachten, wußte man gleich, daß sie Italienerinnen waren. Sie war ganz anders. Sie sprach sanft und leise und gebildet. Und dann: sie hatte mich gern, das wußte ich jetzt. Es ist schon komisch, wie so was passiert. Man führt so ein Püppchen zu einem ganz bestimmten Zweck aus, und plötzlich bemerkt man, daß es um einen ganz anders steht, als man gedacht hat. Daß das Mädel es ehrlich meint, und daß man es wirklich gern hat. Und dann will man nichts tun, was ihr Widerwillen einflößen könnte. Das ist schon sehr merkwürdig. Bisher hatte ich das noch nie für ein Mädel gefühlt. Ich erinnerte mich an etwas, das sie gesagt hatte: »Vielleicht sind wir ineinander verliebt.« Ich hatte keine andre Erklärung für meine Gefühle. Es hatte noch nie ein Mädel gegeben, bei dem es mir genügt hätte, sie bloß ein bißchen an mich zu drücken, mit ihr zu reden und ihr nahe zu sein. Vielleicht hatte sie tatsächlich recht mit dem, was sie sagte.
Die Mädchenstimme drang wieder durchs Fenster. Ich streckte meinen Kopf hinaus. Die Straße war menschenleer. Und wieder hörte ich die Mädchenstimme. Ich kannte doch diese Stimme, sie klang aber verändert, wie sie so durchs Fenster zu mir drang. Jetzt sprach das Mädchen wieder. Diesmal konnte ich feststellen, daß die Worte vom Dach kamen. Ich sah hinauf. Nun erkannte ich die Stimme auch und sah oben am Dachrand das Aufglühen einer Zigarette. Es war Mimis Stimme. Ich fragte mich, was sie um diese Stunde auf dem Dach zu suchen hatte. Es war ein Uhr vorbei. Dann erinnerte ich mich, daß sie etwas von einem Rendezvous mit einem Burschen aus ihrem Geschäft erzählt hatte, in den sie verknallt war - irgendeinem George Dingsda. Ich hatte sie damit aufgezogen, daß sie mit einem lächerlichen Ladenschwengel ging, und sie war wütend geworden. »Jedenfalls besser als diese Gangster, mit denen du ständig in der Konditorei herumlungerst«, hatte sie erwidert. Ich beschloß, hinaufzugehen und nachzuschauen, was Miß Großmaul dort oben trieb. Ich wußte bestimmt, wenn in dieser Gegend jemand bei Nacht aufs Hausdach steigt, dann tut er es nicht, um die Sterne zu betrachten.
Ich schlüpfte in meine Hosen und verließ geräuschlos das Zimmer. Die Türe zum Dach stand offen, und ich trat leise hinaus. Dort versteckte ich mich im Schatten der Türe und suchte das Dach mit meinen Blicken ab. Sie war tatsächlich hier oben und noch dazu mit ihrem Freund. Sie waren verteufelt eng aneinandergepreßt! Ich beobachtete sie.
Jetzt trennten sie sich voneinander, und ich konnte Mimis Gesicht im Mondlicht genau erkennen. Ich zog den Atem scharf ein. Jetzt sah sie keineswegs wie ein anständiges Mädel aus. Der Kerl sprach leise auf sie ein. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber er schien sie zu bestürmen. Mimi schüttelte den Kopf, und er begann wieder mit einem Wortschwall.
Sie schüttelte nochmals den Kopf, dann sagte sie: »Nein, George, schlag dir den Gedanken an eine Heirat aus dem Kopf. Ich hab dich sehr gern, aber ich hab es satt, mir wegen Geld immer Sorgen zu machen. Bei uns beiden wäre es nicht anders als hier. Nein, ich will nicht.«
Ich grinste. Mimi war nicht dumm. Ein Dollar war schließlich ein Dollar. Es war aber doch sonderbar, daran zu denken, daß sie heiraten könnte, und dieser Gedanke brachte mir zum Bewußtsein, daß sie erwachsen und kein Kind mehr war.
Der Kerl zog sie wieder an sich. Erst sagte er etwas, dann küßte er sie. Ich sah ihnen, noch immer grinsend, dabei zu. Denn bei all ihrem großartigen Getue mußte ich feststellen, daß sie sich schon sehr genau auskannte, wenn sich's um ein recht ausgiebiges Geknutsche handelte. Es sah auch keineswegs so aus, als wäre sie zum erstenmal auf dem Dach. Ich drehte mich geräuschlos um und kehrte in mein Zimmer zurück.
Etwa fünfzehn Minuten später hörte ich, wie sich die Wohnungstüre öffnete und trat rasch in den Vorraum. Sie schloß eben leise die Türe und erschrak furchtbar, als sie mich sah. »Danny, du bist noch auf?« fragte sie mich überrascht. Ich antwortete nicht, sondern grinste nur unverschämt. Sie starrte mich ärgerlich an. »Was grinst du denn so?«
»Dein Lippenstift schmiert«, sagte ich und grinste noch frecher. Sie fuhr mit der Hand an ihren Mund. »Du bist bloß aufgeblieben, um mir nachzuspionieren!«
»Mmmm«, machte ich kopfschüttelnd. »Du und dein Freund habt auf dem Hausdach gerade über mir einen derartigen Krach gemacht, daß ich nicht schlafen konnte.«
»Du hast eine dreckige Phantasie!« warf sie mir vor. »Wirklich?« fragte ich, noch immer grinsend und zeigte auf ihr Kleid.
Sie sah an sich hinab und riß die Augen vor Überraschung weit auf. Ihr ganzes Kleid war vorn mit Lippenstiftflecken beschmiert. Sie sah mich heftig errötend an.
»Nimm einen Rat von deinem kleinen Bruder, Baby«, sagte ich. »Wenn du dich das nächstemal auf ein so tolles Geknutsche
einläßt, dann wisch dir zuerst den Lippenstift ab.«
Sie biß sich wütend auf die Lippen und war zu ärgerlich, um eine Antwort zu finden.
Ich grinste höhnisch und kehrte in mein Zimmer zurück. »Gute Nacht, Mimi«, sagte ich über die Schulter, »und denk an meine Worte.«
Papa kam zum Frühstück, als wir gerade zu essen begannen. In seinem Gesicht waren Falten, die nicht allein von der Müdigkeit herrührten. Durch Kummer und Demütigungen entstanden, hatten sie sich scharf in seine einstmals runden Wangen gegraben. Quälendes Mitleid überkam mich; mein ausgeprägter Stolz wurde durch seinen langsamen Verfall schmerzlich verletzt. Ich stand auf. »Komm hierher, Papa«, sagte ich rasch, »setz dich ans Fenster.« Es war der bequemste Platz in der Küche.
Er ließ sich langsam in den Sessel sinken. Dann sah er mich dankbar an. »Danke, Danny, daß du mir mein Abendbrot gebracht hast«, sagte er müde. »Ich war so beschäftigt, ich hab dich gar nicht hereinkommen sehen.«
Ich nickte. »Der Verkäufer hat's mir gesagt«, erklärte ich, um ihn nicht zu verletzen. Ich wußte, er wollte nicht, daß ich zugab, etwas von dem Geschrei Mr. Golds gehört zu haben. Mama trat jetzt an den Tisch und stellte einen Teller mit Haferflocken vor ihn hin. »Warum hast du nicht länger geschlafen, Harry?« fragte sie bekümmert.
Er sah zu ihr auf. »Wer kann denn bei Tageslicht schlafen? Ich kann mich nicht daran gewöhnen.«
»Du solltest aber wenigstens ruhen«, sagte Mama. »Du
arbeitest zu angestrengt.«
Ergriff nach dem Löffel und begann, ohne zu antworten, zu essen. Er hatte jedoch keinen Appetit und schob den Teller bald wieder beiseite. »Gib mir bloß ein bißchen Kaffee, Mary«, sagte er mit müder Stimme.
Mama stellte eine Tasse Kaffee vor ihn hin. »Hast du gestern wieder viel Arbeit gehabt?« fragte sie.
»Mr. Gold hat mich ganz schön in Trab gehalten«, sagte er, ohne aufzuschauen. Dann sah er mich aber doch an, und ich bemerkte, daß er sich darüber Gedanken machte, wieviel ich gehört hatte. Ich machte ein harmloses Gesicht, ich wußte nichts, hatte nichts gesehen und nichts gehört. »Was für ein Mensch ist dieser Gold eigentlich?« fragte ich und blickte dabei auf meinen Teller. Ich fühlte, daß der Blick meines Vaters auf mir ruhte. »Warum fragst du?«
Ich sah nicht auf. »Ach, bloß so, aus Neugierde«, antwortete ich. Ich konnte ihm den wahren Grund doch nicht sagen.
Papa dachte einen Moment nach, und als er zu sprechen begann, hatte er seine Worte sorgsam gewählt. Er überraschte mich durch seine maßvolle Darstellung.
»Er ist ein ganz ordentlicher Mensch, bloß sehr nervös. Er hat eben eine Menge Verantwortung und über viele Dinge zu entscheiden.« Ich schob noch einen Löffel Haferflocken in den Mund. »Arbeitest du gern für ihn, Papa?« fragte ich, so gleichgültig ich es fertigbekam.
Unsre Augen trafen sich, da senkte er den Blick und sah in seine Kaffeetasse. »Mein Gott«, antwortete er ausweichend, »es ist eben ein Job.«
»Wieso kommt es eigentlich, daß er der Manager wurde?« fragte ich.
»Der Mann, der vor ihm dort war, wurde krank und mußte gehen. Und da er, außer mir, der einzige approbierte Apotheker
ist, wurde er natürlich befördert.«
Ich sah ihn interessiert an. Das war der springende Punkt. »Wenn er jetzt wegginge, Pop, würdest du dann seine Stelle bekommen?« Papa lachte verlegen. »Ich weiß nicht, aber ich glaub schon. Der Inspektor kann mich gut leiden.«
»Wer ist denn das?«
»Das ist der Boß einer ganzen Geschäftsgruppe. Er kommt aus der Zentrale.«
»Dann ist er auch der Boß von Mr. Gold?« fuhr ich in meinen Fragen fort.
Papa nickte. »Von uns allen«, dabei sah er mich neugierig an. »Du stellst heute aber viele Fragen, Danny. Hast du die Absicht, im Sommer in einem Drugstore zu arbeiten? «
»Vielleicht«, sagte ich ausweichend.
»Wirst du denn nicht mehr für Mr. Gottkin auf dem Land arbeiten?« fragte er.
»Ich weiß noch nicht«, sagte ich achselzuckend. »Ich hab bisher noch nichts von ihm gehört.« Darüber war ich sehr enttäuscht. Ich hatte erwartet, daß Sam mir eine Nachricht zukommen lassen würde, aber vermutlich hatte ihn die Sache mit Miß Schindler im vorigen Jahr doch ärger getroffen, als er zugeben wollte. »Warum schreibst du ihm denn nicht?« fragte Mama. Ich wandte mich ihr zu. »Wohin denn? Ich weiß nicht einmal, wo er sich aufhält. Er reist ständig herum. Vielleicht hat er dieses Geschäft auch ganz aufgegeben.«
Ich konnte ihnen den Grund, weshalb ich nicht schreiben wollte, doch nicht eingestehen.
In diesem Augenblick kam Mimi hereingestürzt. »Ich hab grad noch Zeit für 'nen Schluck Kaffee, Mama«, sagte sie. »Sonst komm ich zu spät zur Arbeit.«
Mama schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was mit dir los ist, immer bleibst du so lange auf, daß du am Morgen nicht
aufstehen kannst.«
»Ich weiß es schon«, sagte ich grinsend, als ich mich der vergangenen Nacht erinnerte. »Mimi hat 'nen Freund.« Papa sah sie interessiert an. »Ist's ein netter Junge, Miriam?« fragte er.
Ehe sie dazu Gelegenheit hatte, antwortete ich bereits. »Ein Ladenschwengel aus ihrem Geschäft.«
»Das ist nicht wahr«, entgegnete sie ärgerlich. »In Wirklichkeit ist's ein sehr netter Junge, Papa. Und am Abend besucht er ein College.«
»Ja«, hänselte ich sie, »wahrscheinlich einen Heringsbändigerkurs.«
Sie wandte sich wütend nach mir um. »Halt den Mund!« rief sie. »Mindestens hat er mehr Verstand, als Tag und Nacht so wie du in der Konditorei 'rumzulungern. Er wird was Anständiges werden und kein Gangster.«
Mama hob beschwichtigend die Hand. »Sprich nicht so mit deinem Bruder, das gehört sich nicht.«
Mimi wandte sich ihr ärgerlich zu. Ihre Stimme zitterte vor Wut. »Und warum nicht?« fragte sie beinahe schreiend. »Wer ist er denn? Der liebe Gott persönlich? Wofür hält er sich denn, daß jeder Angst haben muß, ihm zu sagen, was man über ihn denkt? Seitdem wir hierhergezogen sind, heißt's beständig nur: Danny dies, und Danny das! Als er in eine andre Schule mußte, was war das für ein schreckliches Theater, als ich aber im letzten Semester in eine andre Schule mußte, hat kein Mensch ein Wort darüber verloren. Versucht er etwa, nach der Schule einen Job zu bekommen oder sonst was zu arbeiten? Er weiß genau, wie dringend wir das Geld brauchen, aber er rührt keinen Finger, um was zu verdienen, und darüber sagt kein Mensch ein Wort! Jeder hat Angst, seine zarten Gefühlchen zu verletzen! Tag und Nacht tut er nichts andres, als mit dieser Bande 'rumzulungern; und dann kommt er gnädigst nach Hause, um wie der König persönlich zu essen und zu schlafen! Er ist ein Herumtreiber,
und es ist höchste Zeit, daß ihm's jemand sagt!«
»Schweig, Mimi!« Papa war leichenblaß aufgesprungen und sah mich schuldbewußt an.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen der Wut. Dann wandte sie sich mir zu. Ich starrte sie kalt an, sie drehte sich um und lief weinend aus der Küche.
Papa ließ sich schwerfällig in den Sessel fallen und sah mich an. Mama sah mich gleichfalls an. Sie warteten, ob ich etwas sagen würde, aber ich hatte nichts zu sagen. Schließlich ergriff Papa bedächtig das Wort. »Ganz so unrecht hat sie ja nicht, Danny«, sagte er sanft.
Ich antwortete nicht, meine Lippen waren grimmig zusammengepreßt.
»Die Burschen dort unten in der Konditorei sind nichts wert«, fuhr er fort.
Ich stieß meinen Teller zurück und sprang auf. »Ich hab mir diese Gegend ja nicht ausgesucht! Es ist nicht meine Schuld, daß wir hierhergezogen sind. Was wollt ihr denn von mir? Soll ich vielleicht ein Einsiedler werden, weil Mimi meine Freunde nicht gefallen?« Papa schüttelte den Kopf. »Nein, aber findest du denn keine andern Freunde?«
Ich starrte ihn an. Es hatte keinen Zweck. Er wird mich nie verstehen. Es gab eben nichts mehr zu sagen. Die Entfremdung, die ich vom ersten Tag an, an dem wir hierhergezogen waren, gefühlt hatte, verstärkte sich immer mehr. Und zu einer Umkehr war es bereits zu spät. »Hier kann ich keine andern Freunde finden«, sagte ich betont.
»Dann gibt's aber bestimmt etwas«, beharrte er, »was du tun könntest. Es muß etwas geben.«
Ich schüttelte entschieden den Kopf. »Für mich gibt's nichts zu tun, Papa«, sagte ich kaltblütig, »nur du kannst etwas tun!«
»Was soll das heißen?« fragte er.
Mama trat auf mich zu. »Ja, was soll das heißen?« Es klang wie ein Echo.
»Gib mir mein Haus zurück«, sagte ich langsam. »Du hast's verloren, du mußt es mir zurückgeben. Dann können wir vielleicht nochmals von vorne beginnen.«
Ich sah, wie sich Qual und Schmerz immer deutlicher in seinen Augen spiegelten, bis ich es nicht länger zu ertragen vermochte. Da verließ ich die Wohnung.
Sie bemerkte mich augenblicklich, fast im selben Moment, in dem ich durch die Türe kam. Ich schlenderte die Theke entlang bis zu der Stelle, wo sie stand. Ich sah, wie sie noch rasch einen Blick in den Spiegel warf und leicht über ihr Haar fuhr. Ich kletterte auf einen Hocker, und sie drehte sich lächelnd um.
»Hallo, Danny«, flüsterte sie scheu. Ich bemerkte, wie ihr die Röte vom Hals bis unter die Haarwurzeln stieg.
Ich erwiderte ihr Lächeln. Sie ist wirklich ein reizendes Kind. »Hallo, Nellie«, flüsterte auch ich. »War dein Alter böse?« Sie schüttelte den Kopf. »Er hat mir geglaubt«, flüsterte sie. Plötzlich sah sie scharf auf. Im Spiegel bemerkte jetzt auch ich den Manager, der auf uns zukam. »Ein Schokolade-Soda«, sagte sie rasch in geschäftsmäßigem Ton, »sofort, Sir.«
Sie drehte sich um und nahm ein Glas vom Regal. Ich lächelte ihr im Spiegel zu. Der Manager ging vorbei, ohne uns zu beachten. Sie stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und begann die Zubereitung der Eiscreme.
Dann kehrte sie wieder zurück und stellte die Eiscreme vor mich hin.
»Dein Haar ist so blond, daß es beinahe weiß aussieht«, flüsterte sie. »Ich hab in der Nacht von dir geträumt.«
Ich sah sie etwas spöttisch an. Das Kind hatte es ja richtig erwischt! Ich fühlte mich ungemein geschmeichelt. »Einen schönen Traum?« fragte ich und steckte den Strohhalm in das
Glas. Sie nickte mit vor Erregung leuchtenden Augen. »Hast du an mich gedacht?«
»Ein bißchen«, gab ich zu.
»Ich möchte aber, daß du oft an mich denkst«, sagte sie rasch. Ich starrte sie an. Ihr Gesicht glühte und war sehr attraktiv. Sie hatte auch weniger Makeup als gestern. Heute sah sie bedeutend jünger aus. Sie errötete unter meinem Blick. »Holst du mich am Abend ab?« fragte sie begierig. Ich nickte. »An derselben Stelle.«
Ich sah den Manager wieder zurückkommen. »Das macht zehn Cent, bitte«, sagte sie wieder in geschäftsmäßigem Ton. Mein Zehn-Cent-Stück fiel klirrend auf die Theke; sie nahm es, drückte auf die Taste ihrer Registrierkasse, die klingelte, als sich die Lade öffnete. Sie ließ das Zehn-Cent-Stück hineinfallen und schloß die Lade wieder. Der Manager war vorbeigegangen, und sie kam sofort zu mir zurück. »Um neun Uhr«, flüsterte sie.
Ich nickte wieder, und sie wandte sich ab, um einen andern Kunden zu bedienen. Ich trank mein Eiscreme-Soda rasch aus und verließ den Laden.
Wir gingen zu dritt die Delancey Street entlang. Solly schlurfte neben uns her und hörte Spit und mir zu. Vor dem Drugstore blieb ich stehen. »Hier ist es«, sagte ich. Spits Stimme klang überrascht. »Das ist doch der Laden, in dem dein Alter arbeitet«, sagte er.
Jetzt war es an mir, überrascht zu sein. Ich hatte nicht geglaubt, daß er es wußte. Aber ich hätte mir's denken können, hier in dieser Gegend gab's keine Geheimnisse. »Na und?« fragte ich kriegerisch. »Und wenn er was spannt?« fragte Spit aufgeregt. »Was soll er denn spannen?« entgegnete ich. »An mich wird niemand denken.«
»Aber 's ist doch schon Raub«, sagte Spit, »'s dreht sich nich um 'n paar Penny. Wenn dich die Polente erwischt, kommst du
in 'n Knast und 'n Schlüssel schmeißen die garantiert weg.«
»Willst du dir bloß fünfzehn Cent für 'n paar Erdnüsse verdienen«, fragte ich sarkastisch, »oder bist du auf wirklichen Zaster scharf?« Endlich mischte sich auch Solly ein. »Danny hat recht. Zum Teufel mit dem billigen Ramschzeug. Bei mir ist's okay.« Ich warf ihm einen dankbaren Blick zu. Wir gingen bis zur Ecke, ehe wir wieder stehenblieben. Ich sah Spit scharf an. »Jetzt quatsch nich länger 'rum! Machst du mit oder nicht?« fragte ich nachdrücklich. Spit sah von einem zum andern. Wir blickten ihn unverwandt an. Er wurde rot. »Okay«, sagte er rasch, »ich mach mit.« Meine starre Miene entspannte sich, ich lächelte und schlug Spit herzhaft auf die Schulter. »Braver Junge«, sagte ich lobend. »Ich hab ja gewußt, daß ich auf dich zählen kann. Also hört nochmals zu, wie wir's machen wollen.«
Wir standen an der Ecke und sprachen die Sache durch. Um uns herum brodelte die hungrige Meute der East Side. Ein Polizist stand einige Schritte von uns entfernt, schenkte uns aber ebensowenig Beachtung wie wir ihm. Er hatte keinen Grund, sich um uns zu kümmern. Jugendliche standen hier in dieser Gegend ständig an den Straßenecken herum, und so wird es immer sein. Er konnte nicht alle verjagen. Und täte er es, dann bliebe ihm keine Zeit für seine andern Obliegenheiten.
Es nieselte und wir drängten uns in dem Flur gegenüber von Nellies Haus eng aneinander. Irgendwie betrachteten wir ihn bereits als unsern Besitz, und wenn jemand andrer uns in die Nähe kam, nahmen wir es übel, als handle es sich um eine Besitzstörung. Auf meinen Lippen lag noch ein Hauch ihres
Duftes, aber jetzt standen wir still beieinander, mein Arm lag um ihre Hüften, und wir sahen auf die dunkle feuchte Straße hinaus. Ihre Stimme klang sanft und weich durch die Dunkelheit. »Nächste Woche beginnt schon der Juni, Danny.«
Ich nickte. »Ja«, sagte ich.
Sie sah mich beinahe schüchtern an. »Ich kenne dich jetzt beinahe drei Wochen, mir kommt's aber vor, als hätte ich dich schon mein ganzes Leben gekannt.«
Ich lächelte, denn ich fühlte genau dasselbe. Ich war glücklich, wenn sie in meiner Nähe war. Es war so, als wäre ich wieder zu Hause. »Magst mich, Nellie?« Ich wollte es hören. Ihre Augen leuchteten auf.
»Dich mögen?« flüsterte sie leidenschaftlich, »ich bin verrückt nach dir, Danny. Ich hab dich lieb! Ich hab dich so lieb, daß ich Angst bekomme.«
Ich küßte sie. »Ich hab dich auch lieb«, flüsterte ich. Sie stieß einen kleinen heiseren Schrei aus und zog mich eng an sich. »Oh, Danny«, rief sie, »ich wollte, wir wären alt genug, um zu heiraten.«
Ich konnte es einfach nicht unterdrücken, meine Lippen begannen vor Lachen zu zucken, weil mir's zuerst so furchtbar komisch vorkam.
Sie wandte ihr Gesicht ab. »Du lachst mich aus!« Ich schüttelte den Kopf und unterdrückte mein Lachen. »Nein, nein, Schätzchen. Wirklich. Ich dachte bloß, was dein Alter sagen würde, wenn er's wüßte.«
Sie zog mein Gesicht wieder nahe zu sich. »Wer gibt denn einen Pfifferling auf das, was er sagt, wenn wir erst verheiratet sind!« flüsterte sie wild.
Ich küßte sie wieder und hielt sie eng an mich gepreßt. Ich fühlte, wie sie in meiner Umarmung bebte.
»Halt mich fest, Danny«, rief sie atemlos, »halt mich ganz fest. Ich bin so glücklich, wenn du mich hältst, wenn ich deine Hände auf meinem Körper spüre. Es ist mir egal, wenn sie behaupten, daß es eine Sünde ist.«
Ich sah sie überrascht an. »Eine Sünde?« fragte ich. »Wer sagt das?«
Während sie zu mir aufsah, drückte sie meine Hände an ihren Busen. »Ich mach mir wirklich nichts draus, Danny«, sagte sie sehr ernst, »auch nicht, wenn Pater Kelly es sagt. Ich nehme jede Buße, die er mir auferlegt, auf mich, wenn du mich nur lieb hast.« Ich war jetzt völlig verwirrt. »Was hat Pater Kelly damit zu tun?« Und nun dachte ich zum erstenmal an die Verschiedenheit unserer Religionen.
Sie sah mich mit grenzenlosem Vertrauen an. »Ich dürfte es eigentlich nicht sagen, aber, nun ja, er hält mir eben jede Woche nach der Beichte deinetwegen eine Strafpredigt.«
»Was? Du hast ihm von uns erzählt?« fragte ich neugierig, »und was hat er dazu gesagt?«
Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter. »Er hat gesagt, es ist sündhaft und ich darfs nicht wieder tun«, antwortete sie leise, »und mit dir ist's eine noch größere Sünde.«
»Warum gerade mit mir?« fragte ich ein wenig ärgerlich. »Weil. weil du nicht einmal Katholik bist. Er sagt, wir werden nie heiraten können, weil sich alle Kirchen weigern würden, uns zu trauen. Er hat gesagt, ich soll mich mit dir nicht mehr abgeben und mir einen netten katholischen Jungen suchen.«
»Dieser Schuft!« rief ich erbittert. Ich sah über die Straße zu ihrem Haus hinüber. Was machte es ihrem Vater schon aus, was sie tat? Dann blickte ich sie wieder an. »Was geschieht aber, wenn er's deinem Vater erzählt?« fragte ich besorgt.
Sie sah mich ungeheuer überrascht an. »Das kann er doch nicht tun!« erwiderte sie rasch und in äußerst schockiertem Ton. »Ein Priester darf nichts weitersagen. Was du ihm anvertraust, ist nur für Gottes Ohr bestimmt, denn er ist bloß der Mittler
deiner Beichte. Ich dachte, daß du das weißt.«
»Nein, ich hab's nicht gewußt«, gestand ich. Aber meine Neugierde bezüglich ihrer Beziehung zu dem Priester war noch nicht gestillt. »Was mußt du tun, nachdem du ihm von uns erzählt hast?«
»Ich muß Gebete sagen und vor der Mutter Gottes Buße tun. Danach bin ich wieder sündenfrei.«
»Ja, bestraft er dich denn nicht?« Sie sah mich verdutzt an. »Du verstehst mich nicht recht, Danny«, erwiderte sie. »Er versucht doch nur, dir klar zu machen, daß du gesündigt hast und deine Sünden bereuen sollst. Wenn du wirklich aufrichtig bereust, bist du ja bestraft genug.« Ich begann wieder zu lächeln. Das war ja nichts. »Und - bereust du?« fragte ich.
Sie sah schuldbewußt zu mir auf. »Nein«, sagte sie ganz verwundert, »ich bereue nichts. Vielleicht ist das dabei das Sündhafte. Ich werde wahrscheinlich nie Vergebung finden.« Ich zog sie lachend an mich. »Dann mach dir auch weiter keine Sorgen drüber, Baby«, sagte ich beruhigend, »solang wir uns liebhaben, kann auch nichts Böses dabei sein.« Ich war eben im Begriff, sie zu küssen, als ich von der Straße her Schritte hörte. Wir fuhren hastig auseinander. Ein Mann ging vorbei, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen.
Ich sah auf meine Uhr. »Du lieber Gott! Elf Uhr vorbei! Jetzt geh lieber, sonst macht dir dein Alter die Hölle heiß.« Sie lächelte. »Ach, Danny, ich möcht nicht weggehen, ich möcht immer hier bei dir bleiben!«
Ich grinste. Ich wollte ja auch nicht gehn, aber heute abend hatte ich noch was andres vor. Wir hatten uns schließlich geeinigt, daß die Sache heute steigen sollte. Spit und Solly erwarteten mich um halb zwölf vor dem Geschäft.
»Geh jetzt«, sagte ich mit erzwungener Leichtigkeit, »wenn du schon nicht nach Haus mußt. ich muß jetzt nach Haus.« Sie lehnte sich an mich. »Also gut, Danny«, und sie küßte mich,
»morgen abend?« Ich grinste. »Morgen abend.«
Sie überquerte die Straße, und ich sah ihr nach, wie sie auf ihr Haus zuging, auf der Türschwelle stehenblieb und mir zuwinkte. Ich winkte zurück, und sie verschwand im Innern des Hauses. Ich sah nochmals auf meine Uhr. Es war schon fünfundzwanzig nach elf. Ich mußte mich sehr beeilen, wenn ich pünktlich dort sein wollte. Halb laufend, setzte ich mich in Trab, dann ging ich aber wieder langsamer. Wenn ein Bursche um diese Nachtzeit durch die Straßen läuft, fällt es zu vielen Menschen auf.
Solly stand an der Straßenecke, dem Geschäft gegenüber. »Wo ist Spit?« fragte ich ein wenig atemlos.
Solly streckte die Hand aus. »Dort drüben.« Spit stand an der andern Straßenecke und grinste zu uns herüber.
Im Geschäft gegenüber stand Mr. Gold in der Mitte des Ladens und sprach mit Papa. Dieser hörte ihm mit gesenktem Blick zu. Dieser Schweinehund macht meinem Alten wahrscheinlich wieder die Hölle heiß, dachte ich voll Bitterkeit. Ich drehte mich zu Solly um. »Hoffentlich geht mein Alter heut nicht wieder mit ihm, sonst müssen wir's auf die nächste Woche verschieben.« Das war der Grund gewesen, weshalb wir so lange gezögert hatten. Papa begleitete Mr. Gold manchmal bis zur Bank. Schon zweimal hatten wir alles vorbereitet, um den Kerl niederzuschlagen, aber jedesmal mußten wir's wieder abblasen.
Sollys Augen blieben ausdruckslos. »Werden ja sehen«, erwiderte er kurz.
Ich sah ihn prüfend an. Solly war okay, er sprach zwar nicht viel, aber ich konnte mich auf ihn verlassen. Ich blickte wieder in den Laden, und wir bezogen schweigend unsern Wachposten. Mr. Gold sprach noch immer auf meinen Vater ein. Wenn er sprach, waren seine Hände ständig in Bewegung. Alles schien ihm zuwider zu sein. Mit hängenden Schultern stand Papa geduldig lauschend vor ihm. Seine Haltung drückte völlige Resignation aus. Ich preßte die Lippen voll Bitterkeit zusammen. Heut nacht wird Mr. Gold allerdings keine Lust mehr verspüren, große Reden zu schwingen, nachdem wir unsre Arbeit getan hatten.
Solly berührte meinen Arm. »Er macht sich zum Gehen fertig.« Ich streckte den Kopf vor, um zu sehen, was Mr. Gold machte. Er sah jetzt in die Registrierkasse, wobei sich seine Lippen rasch bewegten. Langsam ging auch Papa hinüber, sah gleichfalls hinein, dann nickte er. Gold trat jetzt hinter dem Ladentisch hervor, ging auf die Türe zu und ließ Papa mit resignierter Miene bei der Registrierkasse zurück.
Ich drehte mich rasch zu Solly um. »Weißt du noch genau, was ich gesagt hab?« Aus meiner Stimme war nur eine Spur meiner Erregung zu hören.
Solly nickte. »Ich weiß alles ganz genau.«
»Okay«, sagte ich rasch, »dann gib mir das Bleirohr.« Ich streckte die Hand aus, und Solly reichte es mir hastig. Ich steckte es in die Tasche und überquerte die Straße.
»Vorwärts, Junge, gehn wir«, sagte ich zu Spit, als ich ihn an der Ecke erreichte. Wir gingen die Straße in der entgegengesetzten Richtung wie Mr. Gold entlang. An der nächsten Ecke blickten wir zurück.
Mr. Gold bog soeben um die Ecke der Essex Street, dicht gefolgt von Solly, der so aussah, als kehrte er von der letzten Kinovorstellung nach Hause zurück. Ich wußte, daß auch er uns gesehen hatte, denn er machte eine unauffällige Bewegung mit der Hand: er beschrieb mit Daumen und Zeigefinger einen kleinen Kreis. Okay! Ich machte dieselbe Bewegung, und im nächsten Augenblick, gingen wir die Ludlow Street in raschem Tempo entlang, die parallel zur Essex Street verläuft. Wir mußten uns sehr beeilen, und unser Atem ging stoßweise vor innerer Erregung. Ich sah Spit an. »Hast alles genau intus?«
»Ja, Danny. Hab's intus.« Spits Gesicht war mit Schweiß bedeckt. Während wir immer weitergingen, wischte er mit seinem Ärmel darüber hin.
Wir hatten keine Zeit zu verlieren. Wir mußten drei Häuserblocks entlanggehen, ehe wir zu dem freien Platz vor der Houston Street kamen. Ich sah wieder zu Spit hin. Da war es! Der offene Platz führte direkt bis zur Essex Street. Und jetzt bekam ich's mit der Angst. Ich wünschte mir vage, diese Sache nie begonnen zu haben. Doch dann erinnerte ich mich, in welcher Weise Mr. Gold mit meinem Vater gesprochen hatte.
»Von jetzt an ist's meine Sache!« sagte ich. Meine eigene Stimme gellte mir laut in den Ohren.
Ich gab Spit einen kleinen Stoß und versuchte zu lächeln. Ich weiß nicht, ob's mir gelang, doch er drehte sich um und ging weiter bis zur Ecke.
Ich sah ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden war, dann duckte ich mich in den Häuserschatten.
Ich stand im Dunkeln, mit dem Rücken an eine Hausmauer gelehnt. Mein Hirz schlug so laut, daß man es einen halben Häuserblock weit hören mußte. Ich hielt den Atem an, um dieses Getöse zum Verstummen zu bringen. Aber es schien nur noch ärger zu werden. Dann griff ich in die Tasche, nahm das Bleirohr heraus und schlug damit leicht gegen meine Handfläche, um das Gefühl dafür zu bekommen. Es gab einen hohlen stumpfen Ton. Meine Handflächen wurden feucht, und ich wischte sie an der Hose ab. Plötzlich begann ich mir Sorgen zu machen. Wie wenn etwas schiefging? Warum waren sie überhaupt noch nicht da? Ich wünschte mir, es wagen zu können, den Kopf aus dem Hausschatten vorzustrecken, um nachzusehen, ob sie schon kommen. Aber das durfte ich nicht riskieren. Ich holte tief Atem. Hör jetzt auf, dir Gedanken zu machen, sagte ich mir ärgerlich, es kann nichts schiefgehen! Ich hatte die Sache zu genau ausgetüftelt.
Es war doch so einfach. Zu leicht, um schiefzugehen. Solly mußte die Straße hinter Mr. Gold heraufkommen. Dadurch konnte er jeden bemerken, der ihnen entgegenkam. Und Spit ging die Straße hinunter, auf sie zu, so daß er wieder jeden sehen mußte, der hinter ihnen ging. Bestand nur die geringste Möglichkeit, daß uns jemand bemerken könnte, dann würden sie mich durch einen Pfiff verständigen, und ich würde Mr. Gold ungeschoren an mir vorbeigehen lassen. Es war also wirklich ein Kinderspiel. Ich lehnte mich dicht an das Haus und behielt die ferne Ecke scharf im Auge, um nach dem ersten Zeichen Ausschau zu halten, mit dem mich Spit aufmerksam machen sollte, daß sie kommen.
Die Sekunden schienen endlos. Ich wurde wieder nervös und hatte das zwingende Bedürfnis, eine Zigarette zu rauchen. Ich versuchte die Dunkelheit mit meinen Blicken zu durchdringen. Doch jetzt kamen auf dem Gehsteig Schritte auf mich zu. Es war Spit, der mit seinem komischen Gang auf mich zugelatscht kam. Plötzlich war meine Nervosität verschwunden, und ich wurde wieder ganz ruhig. Jetzt gab es kein Zurück! Ich ließ das Bleirohr lose in der Hand hängen und stand, auf den Fußballen wippend, sprungbereit, um auf das Signal hin vorzubrechen. Ich begann langsam zu zählen, wie ich es gewohnt war, um mit dem Punchingball den richtigen Rhytmus zu erzielen. »Eins zweidreiviereins zwei-«
Jetzt! Jetzt hob Spit die Hand an die Wange, und ich bewegte mich rasch gegen die Ecke des Hauses. Mr. Gold kam in Sicht, er befand sich genau vor der Hausfront, während ich geräuschlos hinter ihn schlüpfte.
In der Dunkelheit konnte ich das Herabsausen des Bleirohrs nur verschwommen sehen. Es gab ein dumpfes, widerliches Geräusch, dann fing Solly den stürzenden Mann auf und zog ihn in den Schatten der Häuser.
Mr. Gold lag regungslos auf dem Boden, und wir blickten auf ihn hinab; Spits Stimme klang ängstlich. »Vielleicht hast du ihm
den Schädel eingeschlagen!«
Ich spürte, wie mein Herz, in plötzlich hervorbrechender Angst, zu rasen begann. Ich fiel auf die Knie und schob eine Hand unter Mr. Golds Weste. Mit dem Gefühl unendlicher Erleichterung stellte ich fest, daß sein Herz noch schlug. Ich zog die Hand wieder zurück und glitt mit den Fingern behutsam über seinen Kopf. Keine Beule, kein Blut! Ich hatte Glück gehabt. Keine Gehirnerschütterung, kein Schädelbruch!
Doch jetzt schnauzte mich Solly scharf an. »Laß das sein!« sagte er erregt. »Nimm den Zaster! Wir haben keine Lust, die ganze Nacht hier 'rumzustehen!«
Solly hatte recht. Wir haben das Ganze schließlich nicht getan, um hinterher Samariter zu spielen. Ich tastete seine Taschen rasch ab und fand den Geldbeutel, gerade als Spit sich neben mir auf den Boden hockte. Er arbeitete an Mr. Golds Handgelenk herum. »Was treibst du da?« fuhr ich ihn wütend an. »Möcht seine Uhr. 's ist ein wahres Prachtstück!« Ich schlug seine Hand weg, ich war wieder ganz in Form. Jetzt, da die Angst geschwunden war, konnte ich auch wieder klar denken. »Laß sie los! Und etwas plötzlich! Willst du vielleicht beim erstenmal, wenn du sie trägst, von der Polente geschnappt werden?« Murrend stand Spit auf. Ich schob meine Hand nochmals unter Golds Weste. Sein Herz schlug jetzt schon bedeutend kräftiger. Ich stand auf. »Okay«, flüsterte ich, »verduften wir!« Ehe ich noch einen Schritt machen konnte, packte mich plötzlich eine Hand an den Knöcheln. Mr. Golds Stimme gellte wie ein Trompetenton über den stillen Platz. »Hilfe!! Polizei!!!« Spit und Solly begannen zu rennen. Ich sah fassungslos auf Mr. Gold, der meinen Fuß mit beiden Händen umklammerte und mit krampfhaft geschlossenen Augen aus Leibeskräften brüllte. Ich sah wild um mich. Spit und Solly waren schon fast außer Sicht, jenseits der Essex Street. Mein Herz schlug wie rasend. Ich versuchte mich loszureißen, es gelang mir aber nicht. Angst hatte meine Beine gelähmt. Ich blickte über den leeren Platz. Irgend jemand kam aus Katzs Delikatessengeschäft und lief auf uns zu. Ich mußte von hier wegkommen! Ich stieß heftig nach Golds Hand und spürte, daß ich seinen Arm mit meiner Schuhspitze getroffen hatte. Irgend etwas knackte unter meinem Stoß, der Mann stöhnte, dann schrie er in wildem Schmerz gellend auf. Ich war frei und begann zu laufen.
Hinter mir war die Straße plötzlich von Lärm erfüllt, aber da war ich bereits um die Ecke der Stanton Street gebogen. Mein Instinkt warnte mich, weiter zu laufen, und ich blieb eine Sekunde zögernd an der Ecke stehen. Mein Entschluß war rasch gefaßt. Ich mußte herausbekommen, ob er mich erkannt hatte. Ich ging den Häuserblock wieder zurück. Jetzt befand sich bereits eine riesige Menschenmenge auf dem Platz.
Ich drängte mich durch die Leute nach vorn. Die Polente war bereits erschienen und brüllte auf die Leute ein, doch zurückzutreten. Mr. Gold saß am Boden, hielt seinen Arm umklammert und wand sich vor Schmerzen.
»Was ist denn hier los?« fragte ich einen der Neugierigen. Der Mann antwortete, ohne den Kopf nach mir zu wenden. Er war zu eifrig damit beschäftigt, sich Mr. Gold anzusehen. »Der Kerl da ist überfallen worden.«
Ich drängte mich noch näher an Mr. Gold heran. Ein Polyp kniete neben ihm. Ich sah zwar, daß sich seine Lippen bewegten, konnte aber nicht verstehen, was er sagte. Aber jetzt stand ich so dicht vor ihnen, daß ich verstehen konnte, was Mr. Gold antwortete. Seine Worte verscheuchten alle meine Befürchtungen. »Wie hab ich denn sehen können, wer es war?« schrie Mr. Gold mit vor Schmerz noch schriller Stimme. »Ich hab Ihnen doch gesagt, daß ich bewußtlos war.« Er stöhnte wieder. »Oi, oi, holen Sie einen Arzt, der Schweinehund hat mir den Arm gebrochen!« Langsam zog ich mich wieder aus der Menge zurück. Als ich mich schon beinahe am Rand befand, begannen die Polizisten uns auseinanderzujagen.
»Weitergehen!« riefen sie, »nicht stehenbleiben!« Die Menge begann sich zu zerstreuen, ich schloß mich ihr an. Ich ging nach Hause, schlüpfte geräuschlos ins Haus, und erst als ich meine Hose auszog, bemerkte ich, daß ich den Lederbeutel noch bei mir hatte. Ich schlich mich ins Badezimmer und versperrte die Türe. Dann öffnete ich den Beutel, indem ich ihn mit meinem Taschenmesser zerschnitt und zählte das Geld. Ein Vermögen! Hundertfünfunddreißig Dollar!! Ich schob das Geld in meine Tasche und sah mich in dem Raum um. Ich mußte den Beutel loswerden. Über der Toilette befand sich ein kleines Fenster, das auf einen Luftschacht ging, der nie gereinigt wurde. Ich stieg auf den Klosettsitz und ließ den Beutel aus dem Fenster fallen. Ich hörte, wie er im Sturz gegen die Hausmauern klatschte, dann begab ich mich in mein Zimmer zurück und legte mich ins Bett.
Ich schloß die Augen und versuchte einzuschlafen, aber meine Gedanken jagten wie toll durch den Kopf. Wie, wenn die Polente sich nur dumm gestellt hatte? Wenn sich Mr. Gold, nachdem die Schmerzen nachgelassen hatten, doch an mich erinnerte? Er hatte genug Zeit gehabt, mich genau anzusehen.
Mein Pyjama war zum Auswinden naß und klebte an meiner Haut. Im Finstern drückte ich die Augen fest zu und gab mir verzweifelte Mühe einzuschlafen. Es hatte keinen Sinn! Meine Nerven zitterten beim geringsten Geräusch, das in der Nachtstille zu hören war. Jetzt schlug eine Türe zu, und ich fuhr entsetzt in die Höhe. Sie kommen, um mich zu holen!! Ich sprang aus dem Bett, fuhr in die Hose, schlich an die Türe und spitzte die Ohren, um das Stimmengemurmel zu verstehen. Es waren bloß meine Eltern. Papa war soeben nach Hause gekommen.
Ich schlüpfte aus der Hose und streckte mich wieder auf dem Bett aus. Mit einem Seufzer der Erleichterung sank ich in die Kissen zurück. Ich war ein Narr. Es konnte mich niemand verdächtigen. Langsam beruhigte sich meine Nervosität, trotzdem gelang es mir nicht einzuschlafen.
Die Nacht schien tausend Stunden zu haben. Schließlich drehte ich mich zur Seite und stopfte mir den Zipfel meines Kissens in den Mund, um nicht laut herauszubrüllen. Leise begann ich zu beten. Vorher hatte ich es niemals bewußt getan. Ich flehte Gott an, es nicht zuzulassen, daß sie mich fassen. Ich schwor, es nie wieder zu tun. Doch das graue Tageslicht kroch bereits ins Zimmer, ehe es mir gelang, völlig erschöpft, einzuschlafen. Aber auch dann schlief ich nicht wirklich. In meinem Kopf hallte das entsetzliche Geräusch brechender Knochen, als ich mich aus Mr. Golds Griff befreien wollte, und sein spitzer Schrei gellte mir noch immer in den Ohren.
Jemand schüttelte mich. Ich versuchte den Händen, die mich festhielten, zu entkommen. Ich hob die Arme, um sie abzuwehren. Warum ließ man mich denn nicht in Ruhe? Ich war so entsetzlich müde. Eine Stimme schrie mir ins Ohr. Sie wiederholte immer dieselben Worte: »Wach auf, Danny! Wach auf!« Ich wälzte mich auf die Seite. »Ich bin so müde«, murmelte ich und versteckte mein Gesicht in den Kissen. »Geh doch weg!« Dann hörte ich Schritte, die sich aus dem Zimmer entfernten und verfiel neuerdings in einen nervösen Schlummer. Ich wartete auf das Zeichen. Da war es. Spit hob die Hand an die Wange. Ich bewegte mich rasch vorwärts. Mr. Gold befand sich genau vor der Hausfront. Ich hob den Arm. Das Gewicht des Bleirohrs wog schwer in meiner Hand, und nun sauste es herab. In diesem Moment drehte sich Mr. Gold um.
Er starrte mich mit totenblassem erschrockenem Gesicht an. »Ich kenne dich!« schrie er. »Du bist Danny Fisher!« In diesem Augenblick war das Bleirohr herabgesaust, es traf ihn an der
Schläfe, und er stürzte zu Boden.
»Nein!« stöhnte ich, »nie wieder!« Ich versuchte mich durch die Kissen hindurchzuarbeiten. Da fiel eine Hand auf meine Schulter, und ich warf mich mit weitoffenen entsetzten Augen im Bett herum.
»Danny!« Mamas Stimme klang erschrocken. Ich richtete mich rasch im Bett auf, und meine Augen stellten sich auf die Realität meines eigenen Zimmers ein. Ich atmete schwer, als wäre ich gelaufen.
Mama starrte mir ins Gesicht. Es war kreidebleich und von Schweiß bedeckt. »Danny, was ist denn los mit dir? Bist du krank?« Ich sah sie einen Moment an; dann sank ich langsam in die Kissen zurück. Ich war entsetzlich müde. Es war bloß ein Traum, aber wie lebhaft war er gewesen! »Mir ist ganz gut, Ma«, sagte ich langsam. In ihr Gesicht trat ein besorgter Ausdruck. Sie legte ihre kühle Hand auf meine heiße Stirn und drückte mich in die Kissen zurück. »Schlaf weiter, Danny«, sagte sie sanft. »Du hast die ganze Nacht im Schlaf geweint.«
Als ich die Augen wieder öffnete, war draußen strahlender Sonnenschein. Ich streckte mich träge aus, bis ich mit den Füßen an das Ende des Bettes stieß.
»Geht's dir wieder besser, Blondie?«
Ich fuhr mit dem Kopf herum. Mama saß dicht neben meinem Bett. »Ja«, sagte ich beschämt. »Ich möcht wirklich wissen, was mit mir los war.«
Ich war froh, daß meine Mama nicht auf der Beantwortung meiner Frage bestand. Statt dessen reichte sie mir ein Teeglas. »Hier«, sagte sie ruhig, »trink diesen Tee.«
Als ich später in die Küche trat, sah ich auf die Wanduhr. Es war zwei Uhr vorbei. »Wo ist Papa?« fragte ich.
»Er mußte sehr zeitig ins Geschäft«, antwortete Mama, ohne sich vom Herd abzuwenden. »Mit Mr. Gold ist irgendwas los.«
»So?« sagte ich uninteressiert und ging zur Türe. Ich öffnete sie. Das Geräusch veranlaßte Mama, sich umzudrehen. »Wohin gehst du?« fragte sie besorgt. »Du wirst doch nicht ausgehen, nachdem dir so elend war.«
»Ich muß«, antwortete ich. »Ich hab einigen Freunden versprochen, sie zu treffen.« Spit und Solly würden sich ihre Gedanken über mein Ausbleiben machen.
»Du kannst dich ein andermal mit ihnen treffen. Es ist ja nicht so wichtig. Leg dich jetzt wieder ins Bett.«
»Ich kann nicht, Mama«, sagte ich hastig. »Außerdem wird mir ein bißchen frische Luft nur guttun!« Damit schlug ich die Türe rasch hinter mir zu und lief die Treppe hinab.
Ich fing Sollys Blick auf, während ich an der Konditorei vorbeiging, gab ihm das vereinbarte Zeichen, mir nachzukommen und schritt den Häuserblock hinunter. Noch ein paar Häuser - und ich schlüpfte in ein Gebäude und wartete im Hausflur. Ich brauchte nicht lange zu warten.
Das Geld befand sich bereits in meiner Hand, als sie zu mir traten. »Da habt ihr«, sagte ich und drückte es ihnen in die Hand. Solly steckte seinen Anteil, ohne ihn zu zählen, rasch in die Tasche, aber Spit zählte die Scheine. Er sah mich mißtrauisch an. »Bloß dreißig Dollar?« fragte er.
Ich hielt seinem Blick stand. »Kannst von Glück sagen, daß du überhaupt was bekommst«, schnauzte ich ihn an. »Ich sollte dich eher niederschlagen, nach der Art, wie du dich aus dem Staub gemacht hast.«
Spit sah zu Boden. »Ich hab bloß gedacht, es ist mehr.« Ich ballte die Fäuste. »Warum bist du dann nicht bei mir geblieben und hast den Zaster gezählt, he?« knurrte ich. Plötzlich hob er den Blick und sah mich unter halbgeschlossenen Lidern an. Ich merkte sehr gut, daß er mir nicht glaubte, aber er hatte Angst, noch etwas zu sagen. Ich starrte ihn regungslos an, und er mußte die Augen wieder senken. »Okay, Danny«, sagte er, wobei wieder ein feiner Sprühregen auf mich niederging. »Ich hab mich ja nich beschwert.« Damit drehte er sich um und schlüpfte geräuschlos aus dem Hausflur.
Ich wandte mich an Solly. Er hatte uns die ganze Zeit scharf beobachtet. »Hast du vielleicht auch was zu sagen?« fragte ich angriffslustig.
Sollys Mund verzog sich zu breitem Grinsen. »Nein, Danny, hab mich nicht zu beschweren.«
Ich grinste gleichfalls, legte ihm die Hand auf die Schulter und schob ihn sanft aus der Türe. »Dann verdufte also«, sagte ich gemütlich, »hab keine Lust, den ganzen Tag hier 'rumzustehen.«
Wir stiegen aus dem Trolleybus und Nellie hängte sich bei mir ein. Sie sah zu mir auf. »Wohin gehen wir?« fragte sie neugierig. »Du wirst schon sehen«, sagte ich lächelnd, denn ich wollte es ihr noch nicht sagen.
So war's schon den ganzen Abend gewesen. Ich hatte sie nach Geschäftsschluß abgeholt. »Komm«, hatte ich gesagt, »gehn wir, ich möcht dir was zeigen.«
Sie war bereitwillig mit mir auf die Plaza gegangen, wo wir den Utica-Reid-Trolleybus bestiegen. Während der ganzen Fahrt hatten wir geschwiegen und Hand in Hand aus dem Fenster geschaut. Ich wollte ihr zwar erzählen, wohin wir fuhren, hatte aber doch etwas Angst. Ich fürchtete, sie könnte mich auslachen. Aber jetzt konnte ich ihr's sagen, denn wir waren angelangt. Wir standen an der dunklen, menschenleeren Ecke. Es war beinahe zehn Uhr abends und in einer Gegend Brooklyns, die sie bisher nie gesehen hatte. Ich hob die Hand und wies auf die gegenüberliegende Straßenseite. »Siehst du es?« fragte ich.
Sie blickte hinüber, dann sah sie mich wieder mit verwunderter Miene an.
»Was soll ich denn sehen?« fragte sie. »Da ist doch nichts als ein leerstehendes Haus.«
Ich lachte. »Stimmt.« Ich nickte glücklich. »Schön, was?« Ich sah wieder hinüber. »Aber es wohnt doch niemand drin«, sagte sie enttäuscht. Auch ich blickte wieder auf das Haus. »Deshalb sind wir ja hierhergefahren«, sagte ich. Einen Moment hatte ich fast vergessen, daß sie bei mir war. Ich starrte fasziniert auf das Haus. Ich glaubte, daß es kaum schwierig sein könnte, das Haus zurückzubekommen, wenn Papa Mr. Golds Job bekam.
Nellies Stimme unterbrach meine Gedanken. »Und deshalb sind wir mitten in der Nacht hergekommen, Danny?« fragte sie. »Nur um ein leerstehendes Haus anzuschauen?«
»Das ist kein beliebiges leerstehendes Haus«, sagte ich, »es ist mein Haus. Hier hab ich gewohnt, und vielleicht werden wir bald wieder hierherziehen können.«
Plötzlich kam die Erleuchtung über sie. Sie sah nochmals auf das Haus und dann zurück auf mich. Ihr Mund war ganz weich. »Es ist ein wunderschönes Haus, Danny«, sagte sie mit tiefstem Verständnis.
Ich umschloß ihren Arm noch fester. »Papa schenkte es mir zu meinem achten Geburtstag«, erklärte ich ihr. »Und am ersten Tag, gleich nachdem wir eingezogen waren, fiel ich in eine Grube. Dort fand ich ein kleines Hündchen, und meine Eltern mußten die Polizei holen, um mich wiederzufinden.« Ich holte tief Atem. Hier war die Luft frisch und rein. »Das Hündchen starb an dem Tag, an dem wir von hier wegzogen. Die kleine Rexie wurde in der Stanton Street überfahren. Ich hab sie dann hierhergebracht und begraben. Es ist das einzige Heim, das wir beide je gekannt haben, und ich hab das Tierchen über alles geliebt. Deshalb hab ich sie hierher gebracht. Es ist der einzige Ort an dem sie. an dem wir glücklich waren.« Sie sah mich mit leuchtenden Augen zärtlich an. »Und jetzt möchtest du wieder hierher zurückziehen«, flüsterte sie und lehnte ihr Gesicht an
meine Schulter. »Oh, Danny, ich wäre so glücklich für dich!«
Ich sah sie liebevoll an. Beglückende Wärme erfüllte mich. Ich hatte gewußt, sie würde mich verstehen, wenn ich es ihr sagte. Ich hob ihre Hand und drückte sie an meine Lippten. »Okay, Nellie, jetzt können wir wieder zurückfahren.« Irgendwie hatte ich jetzt nichts mehr dagegen, zurückzukehren, denn ich wußte, es war nicht mehr für lang.
Ich stand unter der Türe und blinzelte in dem grellen Licht der Küchenbeleuchtung. Mama und Papa starrten mich an, als ich eintrat. »Du bist heute aber früh zu Hause«, sagte ich lächelnd zu meinem Vater. Vielleicht brachte er bereits die gute Nachricht! Doch sein Gesicht war gespannt und ärgerlich. »Dafür kommst du reichlich spät«, schnauzte er mich an. »Wo warst du?« Ich schloß die Türe hinter mir und sah ihn an. Er benahm sich durchaus nicht so, wie ich erwartet hatte. Vielleicht war doch etwas schiefgegangen? Vielleicht hatte Mr. Gold mich doch erkannt? »Ach, nur so 'rumgebummelt«, sagte ich vorsichtig. Nun begann aber sein Zorn über seine Selbstbeherrschung die Oberhand zu gewinnen, »'rumgebummelt?« schrie er plötzlich. »Was ist das für eine Antwort? Deine Mutter war den ganzen Abend vor Angst außer sich, und du kommst nicht nach Haus, sagst kein Wort, sondern bist einfach >'rumgebummelt<!? Wo warst du? Antworte mir!«
Ich preßte die Lippen eigensinnig zusammen. Es mußte etwas schiefgegangen sein. »Ich hab der Mama doch gesagt, daß mir nichts fehlt, folglich brauchte sie sich keine Sorgen zu machen.«
»Warum bist du dann nicht zum Abendbrot nach Hause gekommen?« brüllte er mich an. »Deine Mutter wußte nicht, was mit dir geschehen ist. Du hättest auf der Straße tot umfallen können, und wir hätten nichts davon erfahren. Sie war ganz krank vor Angst.«
»Tut mir leid«, sagte ich mürrisch, »ich hab doch nicht
gewußt, daß sie sich Sorgen machen wird.«
»Es braucht dir nicht leid zu tun«, schrie mich Papa an. »Ich will bloß eine Antwort! Wo warst du?«
Ich sah ihn einen Moment an. Es hatte keinen Sinn, ihm jetzt in dieser Verfassung etwas zu sagen. Er war krebsrot vor Wut. Ich drehte mich um und wollte wortlos aus dem Zimmer. Plötzlich fühlte ich aber Papas Hand schwer auf meiner Schulter; er wirbelte mich zu sich herum. Ich riß die Augen vor Überraschung weit auf. Papa hielt seinen Ledergürtel in der Hand und schwenkte ihn drohend.
»Du gehst nicht hinaus, ohne mir geantwortet zu haben!« schrie er. »Ich hab dein hochmütiges Wesen jetzt satt! Seitdem wir hierhergezogen sind, glaubst du, du könntest hier ein- und ausgehen, wie dir's beliebt und brauchst niemandem Rechenschaft zu geben. Nun, jetzt hab ich's aber satt! Du wirst gefälligst auf die Erde zurückfinden, und wenn ich dich herunterprügeln müßte! Antworte mir!!« Papa hatte mich nie im Leben im Zorn geschlagen. Ich konnte nicht glauben, daß er's jetzt tun würde, wo ich soviel größer war als er selbst und schweigend auf ihn hinuntersah. Er schüttelte mich heftig. »Wo warst du?!« Ich antwortete nicht.
Der Gürtel pfiff durch die Luft. Er traf mich auf der Wange. Funken sprühten vor meinen Augen, und ich hörte, wie meine Mutter entsetzt aufschrie. Ich schüttelte den Kopf und öffnete die Augen. Mama packte ihn am Arm und bat ihn, sofort aufzuhören. Er stieß sie fort und schrie: »Ich hab's satt, sag ich dir, ich hab's satt! Jeder Mensch kann nur ein bestimmtes Maß erdulden... von seinem eigenen Sohn kann man aber Respekt verlangen!« Der Gürtel kam wieder durch die Luft gesaust.
Ich hob die Arme, um mich zu schützen, doch die Schnalle traf mich an der Stirn, und ich stürzte wie betäubt zu Boden. Durch ein Meer von Schmerzen sah ich zu meinem Vater auf. Ich mußte mich nicht schlagen lassen, denn ich konnte ihm den
Gürtel einfach wegnehmen, sobald es mir paßte. Dennoch tat ich es nicht. Ich rührte mich nicht einmal, um den nächsten Schlag abzuwehren. Der Gürtel kam wieder heruntergepfiffen, und ich knirschte vor Schmerz mit den Zähnen.
Mama umklammerte seinen Arm mit beiden Händen. »Hör auf, Harry! Du bringst ihn ja um!« schrie sie außer sich. Er schüttelte sie ab, und sie fiel hilflos in einen Sessel. Er starrte mich wütend an. Seine Augen waren rotgerändert und verschwollen, als hätte er geweint. Der Gürtel hob und senkte sich, hob und senkte sich, bis mir schien, als hätte ich mein ganzes Leben in dieser seltsamen Welt der Schmerzen verbracht. Ich schloß die Augen.
Jetzt hörte ich wieder seine Stimme. »Wirst du mir jetzt endlich antworten?«
Ich blickte zu ihm auf. Papa schien drei Köpfe zu haben, und alle drei bewegten sich kreisförmig zuerst aneinander vorbei, dann schob sich einer durch den ändern. Ich schüttelte den Kopf, um wieder klar zu sehen. Da hob Papa drei Hände. Und drei Gürtel sausten auf mich nieder. Rasch schloß ich wieder die Augen. »Ich war beim Haus drüben!«
Der Schlag, den ich erwartet hatte, erfolgte nicht, und ich öffnete die Augen. Die drei Gürtel schwebten über meinem Kopf in der Luft. Papas Stimme ertönte wie aus weiter Ferne: »Bei welchem Haus?« Jetzt erst kam mir zu Bewußtsein, daß ich geantwortet hatte. Ich seufzte tief. Meine Stimme war kaum noch ein Krächzen, ich erkannte sie nicht wieder. »Bei unserm Haus«, antwortete ich. »Ich bin hingefahren, um nachzuschauen, ob schon jemand andrer drin wohnt. Ich dachte, wenn Mr. Gold weg ist, wird Papa Geschäftsführer, und wir können wieder zurückziehen.«
Tiefe Stille senkte sich über den Raum, die sich unendlich lang hinzuziehen schien. Das einzige Geräusch war das Rasseln meines Atems. Dann lag Mama am Boden reben mir, und zog
meinen Kopf an ihre Brust.
Ich öffnete wieder die Augen und sah zu Papa hinüber. Er war völlig erschöpft in einen Sessel gesunken und starrte mich mit weitaufgerissenen, entsetzten Augen an. Er schien vor meinen Augen zu altern und einzuschrumpfen. Seine Lippen bewegten sich fast unhörbar. Ich konnte ihn kaum verstehen. »Wie kommst du auf diese Idee?« sagte er. »Gestern abend sagte mir Gold, daß das Geschäft Ende des Monats geschlossen wird. Sie haben dabei nur Geld zugesetzt, und ich verliere am Ersten meinen Job.« Ich konnte es nicht glauben. Ich konnte es einfach nicht. Tränen strömten mir aus den Augen und über meine Wangen. Nach und nach begann ich zu verstehen. Das war es also gewesen, weshalb Gold meinen Vater gestern zur Registrierkasse gerufen hatte. Und deshalb hatte Papa so niedergeschlagen ausgesehen. Alles wurde mir jetzt klar. Papas Zorn, Mamas bekümmerter Blick heute morgen, ihre Geistesabwesenheit, als sie am Herd stand. Einen Moment lang war ich wieder sehr jung und lehnte meinen Kopf trostsuchend an ihre Brust.
Alles war sinnlos gewesen. Die ganze verdammte Sache war sinnlos gewesen.
Wie lange werde ich denn noch das Leben eines Kindes führen und den Träumereien eines Kindes nachhängen? Es ist an der Zeit, damit aufzuhören. Denn auf Gottes weiter Welt gibt's für mich keine Möglichkeit, das Haus zurückzubekommen.