Endnoten
1 Zur Geschichte der immer aufwändiger gestalteten Kriegsausstellungen im Deutschen Reich, die für Österreich Vorbildfunktion hatten, vgl. Britta Lange, EINEN KRIEG AUSSTELLEN. DIE »DEUTSCHE KRIEGSAUSSTELLUNG« 1916 IN BERLIN, Berlin 2003.
2 Die tatsächliche Einzahlung der 2000 Kronen am 6.November 1915 ist nicht mit letzter Sicherheit nachweisbar. In den täglichen Listen, die von der Presse veröffentlicht wurden, erscheint jedoch für diesen letzten Zeichnungstag der 3. Kriegsanleihe der Vermerk: »Dr.K. 5000 K« (Prager Tagblatt, 7.November 1915, Morgen-Ausgabe, S.5). Es ist wahrscheinlich, dass es sich dabei um Kafka handelt: Zum einen wurde der Betrag bei der Böhmischen Eskompte-Bank gezeichnet, der deutschen Hausbank der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt. Zum anderen hatten bereits Kafkas Eltern 3000 Kronen in seinem Namen angelegt (wenngleich ohne sein Wissen, vgl. T 771), und in solchen Fällen wurde in den publizierten Namenslisten zumeist die Gesamtsumme genannt. Dass Kafka seinen vollen Namen in diesem Zusammenhang nicht gedruckt sehen wollte, ist selbstverständlich, wobei ihm wohl auch die Höhe der Summe ein wenig peinlich war. – Zum Vergleich: Kafkas Anwalt, der wohlhabende Dr.Robert Kafka, zeichnete am selben Tag 8000 Kronen, tags zuvor zeichneten Egon Erwin Kisch 2000 Kronen, die Zionisten Robert Weltsch und Hans Kohn je 500 Kronen.
3 Brief an Felice Bauer, vermutlich 3.Mai 1915 (B3 132 f.).
4 Cynthia Ozick, ›The Impossibility of Being Kafka‹, in: The New Yorker, 11.Januar 1999, S.80–87.
5 Brief an Felice Bauer, 31.Oktober 1912 (B2 201).
6 Max Brod an Kafka, 19.Januar 1921; Kafka an Max Brod, Ende Januar 1921. In: Max Brod/Franz Kafka, EINE FREUNDSCHAFT. BRIEFWECHSEL, Frankfurt am Main 1989, S.302, 310.
7 Briefe an Felice Bauer, 1./2.November 1914, 20.April 1915 und Anfang März 1916 (B3 106f., 129, 154).
8 Tagebuch, 4.Mai 1915 (T 743). – Die Abkürzung »E.« dürfte sich auf Kafkas Schwester Elli beziehen, mit der er etwa zehn Tage vor diesem Notat eine Reise nach Ungarn unternommen und bei dieser Gelegenheit wohl auch ausführlich von seinen Sorgen gesprochen hatte; siehe das Kapitel ›Ins Niemandsland‹, in: Reiner Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, Frankfurt am Main 2002, S.594ff.
9 P 48; Tagebuch, 3.August 1914 (T 544).
10 Julie Kafka an Anna Bauer, 7.August 1914, in: Franz Kafka, Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, hrsg. von Erich Heller und Jürgen Born, Frankfurt am Main 1967, S.613f.
11 Ein Begriff aus Kafkas Brief an Felice Bauer, 19.Oktober 1916 (B3 261).
12 Siehe das Kapitel ›Aus dem Leben der Metaphern: Die Verwandlung‹, in: Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.210ff.
13 Brief an Grete Bloch, 11.Juni 1914 (B3 85).
14 Postkarte an Ottla Kafka, Februar/März 1915 (B3 125).
15 NSF2 590f., 592. – Auch in dieser Passage findet sich eine aufschlussreiche Korrektur, die Kafka förmlich schwankend auf dem Gipfelpunkt der Reflexion zeigt: Statt »es macht mir aber eine unsagbare Freude, mehr noch, es beruhigt mich« schrieb er zunächst: »aber es macht mir eine unsagbare Freude, die freilich von Aufregungen genug getrübt ist«.
16 Brief an Grete Bloch, 15.Oktober 1914 (B3 104 f.). – Was Grete Bloch über Felice Bauer angedeutet hat, lässt sich aus den überlieferten Dokumenten nicht erschließen. Dass jedoch Kafka von einer Selbsttäuschung Felices spricht, die ihn unglücklich machen würde, lässt zumindest die Vermutung zu, dass hier von einem dauernden Verzicht auf Ehe und Familie die Rede war – für den Fall, dass der Kontakt zu Kafka endgültig abbrechen würde. Diese Absicht hatte Felice Bauer auch schon während einer mündlichen Auseinandersetzung mit Kafka geäußert, vgl. seinen Brief an Grete Bloch vom 2.März 1914 (B2 338).
17 Zu diesem manifesten Inhalt von Kafkas Brief an Grete Bloch, der Imagination eines inneren Gerichts, siehe Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.577ff.
18 Alle Zitate aus dem Tagebucheintrag vom 15.Oktober 1914 (T 678–680).
19 Brief an Felice Bauer, 18.Januar 1916 (B3 150 f.).
20 Tagebuch, 22.Februar, 13.März, 23.März, 27.April, 3.Mai, 14.Mai 1915 (T 728, 732, 733, 734, 742, 745).
21 Brief an Felice Bauer, 20.April 1915 (B3 129).
22 Tagebuch, 25.Februar 1915 (T 729).
23 Briefe an Felice Bauer, 26. und 27.Mai 1915 (B3 136, 137); Tagebuch, 27.Mai 1915 (T 745).
24 Brief an Felice Bauer, 9.August 1915 (B3 140).
25 T App 44.
26 Siehe den Briefwechsel Brods mit Hans-Joachim Schoeps, wo der postalische Versand von Kafka-Manuskripten mehrfach erwähnt wird; in: Julius H. Schoeps (Hrsg.), IM STREIT UM KAFKA UND DAS JUDENTUM, Königstein/Ts. 1985. – 1935 verschenkte Brod ein Manuskriptblatt des VERSCHOLLENEN, dessen leere Rückseite er mit einer eigenen Notiz versehen hatte, an Stefan Zweig; siehe V App 43.
27 Siehe Malcolm Pasley, ›Die Handschrift redet‹, in: Marbacher Magazin 52, Marbach am Neckar 1990.
28 Brief an Felice Bauer, vermutlich Mitte Februar 1916 (B3 152).
29 Carl Sternheim an Thea Sternheim, 15.August 1915, in: Carl Sternheim, BRIEFE II, hrsg. von Wolfgang Wendler, Darmstadt 1988, S.175.
30 Georg Heinrich Meyer an Max Brod, 7.Juli 1916; zitiert nach: Joachim Unseld, FRANZ KAFKA. EIN SCHRIFTSTELLERLEBEN. DIE GESCHICHTE SEINER VERÖFFENTLICHUNGEN, München/Wien 1982, S.131. – Max Brod an Kafka, 1.August 1919, in: Brod/Kafka, BRIEFWECHSEL, S.267. – Georg Heinrich Meyer an Franz Werfel, 28.Februar 1915; zitiert nach: Wolfram Göbel, DER KURT WOLFF VERLAG 1913–1930. EXPRESSIONISMUS ALS VERLEGERISCHE AUFGABE, München 2000, Sp. 715.
31 Zu den organisatorischen Verflechtungen zwischen den Weißen Blättern, dem Verlag der Weißen Bücher und dem Kurt Wolff Verlag siehe Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.460f. – Der Kontakt Schickeles zu Kafka wie auch zu Brod war offenbar abgerissen, da Schickele aus politischen Gründen in die Schweiz übersiedelte und in kurzer Frist mehrfach den Wohnort wechselte.
32 Georg Heinrich Meyer an Kafka, 11.Oktober 1915 (B3 739 f.). – Die beigelegte Karte Carl Sternheims ist nicht überliefert, und auch aus anderen biographischen Quellen lässt sich keinerlei Indiz dafür gewinnen, dass Sternheim sich mit Kafkas Werk auseinandergesetzt hätte. Ein Tagebucheintrag Thea Sternheims vom 3.März 1947 lässt sogar den Schluss zu, dass Sternheim auch ihr gegenüber weder zu Kafka noch zu den Umständen der Preisverleihung sich jemals äußerte.
33 Brief an René Schickele, 7.April 1915 (B3 128).
34 Brief an Georg Heinrich Meyer, 25.Oktober 1915 (B3 145).
35 Brief an Georg Heinrich Meyer, 15.Oktober 1915 (B3 142).
36 Brief an Georg Heinrich Meyer, 20.Oktober 1915 (B3 144).
37 Otto Stoessl an Kafka, wahrscheinlich 30.Januar 1913; zitiert nach einem Brief Kafkas an Felice Bauer, 31.Januar/1.Februar 1913 (B2 72).
38 Ein Beleg dafür – sowie die Spur von Kafkas abwehrender Reaktion – findet sich in einem Brief Brods an Kafka vom 18.Dezember 1917: »Werfel … findet, dass du der größte deutsche Dichter bist. Auch meine Ansicht seit langem, wie du weißt. Mit dem einzigen Verdacht, den du mich gegen so grelle Formulierungen gelehrt hast, der aber nicht aus meinem Herzen kommt.« (B3 782)
39 Franz Werfel an Franz Kafka, 10.November 1915 (B3 740 f.).
40 Die Preise lassen sich in heutige Währung nur sehr annäherungsweise umrechnen: ca. 55 Cent für ein Ei, 12 Euro für ein Pfund Butter und 20 Euro für ein Kilo Fleisch (bezogen auf die Kaufkraft im Jahr 2000).
41 Einen der kuriosesten Belege für diese Mentalität lieferte der einflussreiche Staatssekretär des deutschen Marineamtes, Großadmiral Alfred von Tirpitz, der noch im Jahr 1912 darauf bestand, Kriegsschiffe mit Rammspornen auszurüsten – obwohl längst offensichtlich war, dass künftige Seeschlachten mit Torpedos und schwerer Artillerie, das heißt über eine Entfernung von Kilometern ausgetragen würden.
42 Brief an Felice Bauer, 3.Mai 1915 (B3 133).
43 Antrag der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt an das k. u. k. Militärkommando in Prag, 10.Juni 1915; Bescheid des Militärkommandos vom 21.Juni 1915; siehe AS Mat 860–863.
44 Postkarte an Felice Bauer, wahrscheinlich 20.Juli 1915; Brief an Felice Bauer, 9.August 1915 (B3 138, 141).
45 Die Zahlen stammen aus dem überwiegend von Kafka verfassten, 1915 erschienenen BERICHT DER ARBEITER-UNFALL-VERSICHERUNGS-ANSTALT FÜR DAS KÖNIGREICH BÖHMEN IN PRAG ÜBER IHRE TÄTIGKEIT WÄHREND DER ZEIT VOM 1. JÄNNER BIS 31.DEZEMBER 1914 (AS 306–437).
46 Postkarte an Felice Bauer, 31.Mai 1916 (B3 166).
47 Postkarte an Felix Weltsch, 26.Juli 1915 (B3 138).
48 Tagebuch, 25.Dezember 1915 (T 775). – »Kündigen, kann ich jetzt nicht meiner Eltern und der Fabrik wegen«, schreibt Kafka. Vermutlich erwartete er, beim bevorstehenden Bankrott der Kafkaschen Asbestfabrik, deren Gesellschafter er war, als Schuldner haftbar gemacht zu werden. Hätte er 1915 gekündigt, das heißt auf ein regelmäßiges Einkommen verzichtet, so hätte er damit die Verantwortung den Eltern zugeschoben.
49 Kafkas entscheidendes Gespräch mit Marschner lässt sich annähernd rekonstruieren {628}aus einem Tagebucheintrag vom selben Tag (T 785 f.) sowie aus einem Brief an Felice Bauer (B3 159 ff.), der wahrscheinlich drei Tage später entstand. Beide Dokumente geben den Ablauf im Wesentlichen identisch wieder. Allerdings unterläuft Kafka im Tagebuch eine bemerkenswerte (und von ihm dann selbst bemerkte) Fehlleistung. Anstelle von »Bat […] um Aufhebung der Reklamation« schreibt er zunächst: »Bat […] um Reklamation« – mithin das Gegenteil.
50 Rainer Maria Rilke an Axel Juncker, 19.Oktober 1914. In: ders., BRIEFE ZUR POLITIK, hrsg. von Joachim W. Storck, Frankfurt am Main/Leipzig 1992, S.97f. Junckers Anfrage bezog sich auf die beiden von ihm geplanten Sammlungen NEUE KRIEGSLIEDER, die 1914/1915 ohne Rilkes Mitwirkung erschienen. – Konsequent hat dann Rilke auch einen Beitrag zum zweiten KRIEGS-ALMANACH des Insel-Verlags verweigert. Außerdem setzte er sich gegen die Aufführung einer Vertonung des CORNET zur Wehr, dessen propagandistischen Missbrauch er (zu Recht) fürchtete; vgl. seinen Brief an Kurt Stieler vom 15.Juni 1915, ebd., S.112f.
51 Rainer Maria Rilke an Helene von Nostitz, 12.Juli 1915, ebd., S.125f.; an Erica Yvette Hauptmann-von Scheel, 18.August 1915, ebd., S.134.
52 Stefan Zweig, DIE WELT VON GESTERN, Frankfurt am Main 1970, S.261f. Zu Zweigs Chauvinismus und zu seinem opportunistischen, selbst gegenüber dem Freund Romain Rolland politisch unaufrichtigen Verhalten siehe Hans-Albert Walter, DEUTSCHE EXILLITERATUR 1933–1950, Bd. 1.1, Stuttgart/Weimar 2003, S.520ff.; zu Zweigs Reaktion auf die Gräuel der ersten Kriegsmonate siehe Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.528f.
53 Hugo von Hofmannsthal/Richard Beer-Hofmann, BRIEFWECHSEL, hrsg. von Rudolf Hirsch und Eugene Weber, Frankfurt am Main 1972, S.134. Hofmannsthal, BRIEFWECHSEL MIT OTTONIE GRÄFIN DEGENFELD UND JULIE FREIFRAU VON WEDELSTADT, hrsg. von Marie Therese Miller-Degenfeld, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1986, S.314.
54 Tagebuch, 11.Mai 1916 (T 786).
55 Tatsächlich hat keiner der Betroffenen je einen solchen Wunsch geäußert. Der einzig bekannt gewordene Fall von Widerstand ist wiederum Rilke, der sich dem ›Heldenfrisieren‹ verweigerte. – Hofmannsthal hingegen schreckte nicht einmal davor zurück, Trakls Selbstmord angesichts des Grauens der Schlacht von Grodek zum Heldentod zu stilisieren, wider besseres Wissen, wie sich belegen lässt (vgl. Eberhard Sauermann, LITERARISCHE KRIEGSFÜRSORGE. ÖSTERREICHISCHE DICHTER UND PUBLIZISTEN IM ERSTEN WELTKRIEG, Wien/Köln/Weimar 2000, S.60 f.).
56 Zu Kafkas Reaktion auf den Beginn des Krieges siehe Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.530–535.
57 Ein signifikantes Beispiel für die Rückzugsgefechte der Zensur ist der {629}Artikel ›Die Wirkung der Gasbomben‹, den das Prager Tagblatt am 3.Juni 1915 brachte, am Tag von Kafkas Musterung. Anlässlich des ersten deutschen Chlorgasangriffs auf französische Truppen in Flandern (am 22.April) werden zwar die körperlichen Vergiftungssymptome realistisch geschildert, die durchaus beabsichtigte tödliche Massenwirkung der neuen Waffe wird jedoch verleugnet: Von lediglich drei Todesopfern ist die Rede, »darunter zwei tuberkulös veranlagte«. Wie viele Opfer der erfolgreiche deutsche Angriff tatsächlich forderte, ist bis heute ungeklärt.
58 Vgl. die Augenzeugenberichte in den Weißen Blättern, 2. Jg., Heft 3 (März 1915), S.269–284. Zu Kafkas Reise nach Sátoralja-Ujhely im April 1915 siehe das Schlusskapitel in: Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN.
59 Auszüge aus einer Liste der »Verwendungsmöglichkeiten für Invalide«, in: Der Arbeitsnachweis. Zeitschrift für Arbeitslosigkeit, Arbeitsvermittlung, Auswanderung und innere Kolonisation, 9. Jg., Wien 1915, S.272–279.
60 Robert Marschner, DIE FÜRSORGE DER FRAUEN FÜR DIE HEIMKEHRENDEN KRIEGER, Sammlung gemeinnütziger Vorträge, hrsg. vom Deutschen Vereine zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse in Prag, Prag 1916, S.4.
61 Tagebuch, 11.Mai 1916 (T 786).
62 Brief an Ottla Kafka, Mai 1918 (B4 44).
63 ›An die Leitung der Kanzlei der Staatlichen Landeszentrale für das Königreich Böhmen zur Fürsorge für heimkehrende Krieger‹, Tätigkeitsbericht der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für die Jahre 1917/1918 (AS Mat 752–759).
64 ›Ein großer Plan der Kriegsfürsorge verlangt Verwirklichung. Gründung einer Nervenheilanstalt in Deutschböhmen‹, in: Rumburger Zeitung, 8.Oktober 1916 (AS 494–498). Der Artikel ist unterzeichnet von »Oberinspektor Eugen Pfohl«, jedoch mit Sicherheit verfasst von Kafka; siehe den zugehörigen Kommentar AS 894ff.
65 Über die angeblichen Erfolge Dr.Wieners berichtete die Prager Zeitung Bohemia unter dem Titel ›Wunderbare Heilungen. Der Stumme spricht, der Taube hört, der Lahme geht‹ (9.Oktober 1917, Morgen-Ausgabe). – Dass verschiedene Formen therapeutischer Folter auch in größerem Maßstab angewendet wurden – zum Beispiel im Wiener Garnisonsspital Nr. II, unter der Verantwortung von Julius Wagner-Jauregg, dem späteren Nobelpreisträger und nationalsozialistischen ›Rassehygieniker‹ –, hat Kafka vor 1917 wahrscheinlich noch nicht gewusst. Glaubwürdige Berichte darüber erschienen in der Tagespresse erst nach Kriegsende, nachdem ehemalige Patienten Anzeige erstattet hatten (Einzelheiten bei K. R. Eissler, FREUD UND WAGNER-JAUREGG VOR DER KOMMISSION ZUR {630}ERHEBUNG MILITÄRISCHER PFLICHTVERLETZUNGEN, Wien 1979). – In einigen Ländern des Deutschen Reichs, etwa in Bayern, wurde die ›Kaufmann-Kur‹ noch während des Krieges verboten.
66 AS 498–501; Kafka verfasste diesen Text Ende Oktober 1916.
67 Alle Zitate aus dem umfangreichen Artikel ›Helfet den Kriegsinvaliden! Ein dringender Aufruf an die Bevölkerung‹, in dem auch die Aufgaben und die ersten Erfolge der ›Staatlichen Landeszentrale‹ ausführlich dargestellt sind (AS 506–513); dieser Artikel erschien (ohne Nennung eines Autors) am 16.Dezember 1916 gleichzeitig im Prager Tagblatt und in der Bohemia. Wahrscheinlich ebenfalls von Kafka stammt ein weiterer, knapper und auffallend nüchterner Aufruf vom 10.Mai 1917, der in der Bohemia abgedruckt wurde (AS 513 f.).
68 Beilage zum Brief an Felice Bauer, 30.Oktober 1916 (B3 615 ff.).
69 Karl Dittrich, Eigentümer des Rumburger Sanatoriums und Textilfabrikant im benachbarten Schönlinde (Krásná Lípa), zählte ebenfalls zur Gründungsversammlung des Vereins und zu den Unterzeichnern von Kafkas Aufruf an die ›Volksgenossen‹. Auch die Tatsache, dass Kafkas aufrüttelnder Artikel über die ›Kriegszitterer‹ ausgerechnet in der Rumburger Zeitung publiziert wurde – Wochen vor Gründung des Vereins –, spricht dafür, dass man sich schon sehr früh auf das dortige Sanatorium festgelegt hatte.
70 Auf der zweiten Hauptversammlung des ›Deutschen Vereins‹ am 12.Mai 1918 wurde bekanntgegeben, dass das Vereinsvermögen, einschließlich staatlicher Subventionen, inzwischen 1,5 Millionen Kronen erreicht hatte, bei mehr als 1600 Mitgliedern. Inwieweit Kafka an diesem fortdauernden Erfolg noch Anteil hatte, ist ungewiss.
71 Österreichische Staatsbürger, die im Deutschen Reich ansässig waren, konnten von deutschen Militärbehörden vom Kriegsdienst enthoben werden, sofern sie eine kulturelle Tätigkeit »von öffentlichem deutschen Interesse« glaubhaft machten. Eine entsprechende Eingabe musste allerdings von dritter Seite erfolgen, etwa von einem deutschen Verlag oder einer Zeitungsredaktion. Ob Kafka von dieser Absprache zwischen den Mittelmächten je erfahren hat, ist unklar. »1912 hätte ich wegfahren sollen«, schreibt er am 21.Dezember 1915 an Felice Bauer, ohne weiteren Kommentar (B3 148).
72 Tagebuch, 5.Oktober 1915 (T 769).
73 Postkarte an Felice Bauer, 27.Mai 1915; Brief an Felice Bauer, 9.August 1915 (B3 137, 141).
74 Postkarte an Felice Bauer, 14.April 1916 (B3 156).
75 ›Was empfindet man beim Bajonettkampf? Psychologisches von der Front‹, Prager Tagblatt, 8.Mai 1915, Morgen-Ausgabe, S.4.
76 Die Schaubühne, 1.Juli 1915, S.26. Es handelt sich um ein Zitat aus den Süddeutschen Monatsheften vom Juni 1915.
77 Albert Anzenbacher an Kafka, 17.April 1915 (B3 738). – Anzenbacher, der einzige Kollege, dem Kafka das ›Du‹ angeboten hatte, wurde 1916 bei Przemyśl von einem russischen Bajonett durchbohrt.
78 Brief an Felice Bauer, 8.-16.Juni 1913 (B2 210).
79 Brief an Felice Bauer, 11.Februar 1915 (B3 120).
80 Brief der Staatlichen Landeszentrale zur Fürsorge für heimkehrende Krieger in Prag an das Polizeipräsidium, 9.Oktober 1918; Telegramm des Polizeipräsidiums an die auswärtigen Kommissariate, 16.Oktober 1918; Brief des Polizeipräsidiums an die Prager Statthalterei, 22.Oktober 1918 (AS Mat 864 f.).
81 Tagebuch, 3.November 1915 und 2.Juni 1916 (T 769, 787).
82 Tagebuch, 13.September 1915 (T 751).
83 Tagebuch, 21.November und 25.Dezember 1915 (T 774 f.). Die beiden Einträge folgen unmittelbar aufeinander.
84 Siehe die kollektive Postkarte an Egon Erwin Kisch vom 28.Dezember 1915, die neben Kafka auch Max und Elsa Brod, Franz Werfel sowie Heinrich Mann und dessen Ehefrau Mimi unterzeichneten (B3 149). Wahrscheinlich gab es weitere derartige Zusammenkünfte, denn Heinrich Mann hielt sich noch länger in Prag auf. Am 11.Januar trug er im Palace Hotel seinen Essay ZOLA sowie die Novelle DIE UNSCHULDIGE vor, wobei gewiss auch Kafka anwesend war.
85 Kafkas Korrespondenz mit Ernst Weiß ist verschollen. Erhalten blieb jedoch ein Exemplar der VERWANDLUNG mit Kafkas handschriftlicher Widmung »Meinem lieben Ernst 20/XII 15 Franz« sowie dem Besitzvermerk »Ernst Weiß«.
86 Hans Sahl, Erinnerungen an Ernst Weiß, in: Weiß-Blätter, Nr. 2 (August 1973), S.4.
87 Postkarten an Felice Bauer, 19.April und 11.Mai 1916 (B3 156, 159).
88 Ernst Weiß an Rahel Sanzara, 27.Juni 1916 und 10.Januar 1917 (Deutsches Literaturarchiv, Marbach).
89 Soma Morgenstern, Brief an Peter Engel vom 22.April 1975, in: ders., KRITIKEN, BERICHTE, TAGEBÜCHER, hrsg. von Ingolf Schulte, Lüneburg 2001, S.564f. – Ernst Weiß, ›Bemerkungen zu den Tagebüchern und Briefen Franz Kafkas‹, in: Mass und Wert, 1 (1937/38), S.319–325; wiederabgedruckt in: FRANZ KAFKA. KRITIK UND REZEPTION 1924–1938, hrsg. von Jürgen Born, Frankfurt am Main 1983, S.439–451, hier S.443. In Weiß’ Aufsatz finden sich noch weitere, immer wieder auf Kafkas Selbstbezüglichkeit abzielende kritische Urteile.
90 In einem Brief an Milena Pollak vom 10.Juni 1920 (B4 169).
91 Brief an Felice Bauer, 28.Mai 1916 (B3 164).
92 Unter diesem (weitaus bekannteren) Titel erschien der überarbeitete Roman im Jahr 1919 wiederum bei S. Fischer. Mindestens ebenso bedeutsam wie der Einfluss Kafkas war bei der Neubestimmung des Titels allerdings das Bestreben, militärische Assoziationen möglichst auszuschließen – davon hatten die meisten Leser vorläufig genug.
93 Brief an Felice Bauer, 9.August 1915 (B3 139 f.). – Kafkas Bemerkung, das an dritter Stelle aufgeführte Leid sei »sogar schon gedruckt«, bezieht sich auf das Prosastück DAS UNGLÜCK DES JUNGGESELLEN, abgedruckt in dem Band BETRACHTUNG.
94 Briefe an Felice Bauer, 5. und 26.Dezember 1915, 18.Januar und Anfang März 1916 (B3 146f., 148, 150, 154). – Das Telegramm vom 6.April 1916 (B3 155) ist die Antwort auf den Vorschlag Felice Bauers, bei Brods Schwester Sophie Friedmann in Waldenburg (Bezirk Breslau) zusammenzutreffen, nur wenige Kilometer entfernt von der böhmischen Grenze. In Kafkas Polizeiakte findet sich für den fraglichen Zeitraum jedoch kein Antrag auf einen Reisepass.
95 Auch der befremdliche, hier aber natürlich entscheidende Begriff ›Übergenuß‹ ist offenbar keine Erfindung Doderers, sondern einer österreichischen Verordnung entlehnt. Doderer zitiert diese Vorlage in seinem Roman DIE ERLEUCHTETEN FENSTER ODER DIE MENSCHWERDUNG DES AMTSRATES JULIUS ZIHAL: »Erwächst für einen Beamten (Diener), dessen Aktivitätszulage vierteljährlich flüssig gemacht wurde, während des Vierteljahres der Anspruch auf eine höhere Aktivitätszulage, so ist dieser bei der nächsten Liquidierung des Gehaltes zu berücksichtigen. Dagegen ist ein allfälliger den Beamten (Diener) treffender Rückersatz in ebenso vielen Monatsraten hereinzubringen, als ein Übergenuß stattgefunden hat.« (München 1995, S.37)
96 Vgl. die Postkarte an Felice Bauer vom 19.April 1916 (B3 156). Als Therapie schlug der Neurologe ausgerechnet ›Elektrisieren‹ vor, was Kafka schriftlich zurückwies. Zwei Wochen zuvor, am 3.April, hatte Ottla an ihren Geliebten Josef David geschrieben: »Es geht ihm wirklich nicht gut, und ich muss manchmal Geduld mit ihm haben.«
97 Postkarte an Felice Bauer, 15.Mai 1916 (B3 161); Brief an Felice Bauer, 28.Mai 1916 (B3 163).
98 Brief an Felice Bauer, 28.Mai 1916 (B3 164).
99 Zwei Postkarten an Felice Bauer, 31.Mai 1916 (B3 165 f.).
100 Die Heirat eines Cousins, des Rechtsanwalts Dr.Robert Kafka, mit Elsa Robitschek. Dass Kafka nicht sonderlich beteiligt war, lässt auch seine Postkarte an Max Brod vom 5.Juli vermuten, wo kurioserweise von der »Hochzeit des Schwagers« die Rede ist (B3 168).
101 Siehe den Tagebucheintrag vom 19.April 1916 (T 777). – Wenige Tage später beginnt Kafka eine Geschichte, deren kindliche Protagonisten {633}gewaltsam durch eine Tür gezerrt werden (das ›Hans und Amalia‹-Fragment, T 780–784).
102 Tagebuch, 3.Juli 1916 (T 790).
103 Tagebuch, 5. und 6.Juli 1916 (T 791 f.). – Die Worte »Arme Felice« durch Querstrich abgetrennt, also wohl später hinzugefügt.
104 Zwei Postkarten an Max Brod, 8.Juli 1916 (B3 169).
105 Brief an Max Brod, 12.–14.Juli 1916 (B3 172 f.).
106 Tagebuch, wahrscheinlich 10.Juli 1916 (T 795). – Kafkas Sorge um Diskretion erhellt aus seinem Schlusssatz an Brod: »Dieser Brief kann Felix [Weltsch] natürlich gezeigt werden, aber Frauen gar nicht.«
107 Es handelt sich um einen von Kafkas Gesprächszetteln (siehe das Kapitel ›Letztes Leid‹): »Sie war nicht schön, aber schlank, edler Körper, den hat sie nach Berichten (Schwester von Max, ihre Freundin) behalten.« (Kafka, BRIEFE 1902–1924, Frankfurt am Main 1975, S.491)
108 Brief an Max Brod, 12.–14.Juli 1916 (B3 174). – Die Spur der alten Konflikte mit Felice Bauer zeigt sich in mehrfach erwähnten »Verdunkelungen« des Zusammenseins sowie in einer späteren Bemerkung gegenüber Felice, er sei in Marienbad einen ihrer »alten Wege« gegangen, die »Trotz- und Geheimnis-Promenade« – eine Anspielung auf die beiden hauptsächlichen Vorwürfe, die sich 1914 gegen Kafka gerichtet hatten und die in Marienbad offenbar aufs Neue besprochen wurden.
109 Tagebuch, 29.Januar 1922 (T 896 f.).
110 Brief an Felice Bauer, vermutlich Mitte Februar 1916 (B3 152).
111 Dass es sich im Wesentlichen um Propaganda und nicht etwa um Pietät handelte, ist aus den Quellen klar zu belegen. Tatsächlich bemühten sich die Regierungen der Mittelmächte, jene fortwährend beklagte ›Vergnügungssucht‹ in den Dienst des Krieges selbst zu stellen, um dessen katastrophischen Charakter zu verschleiern. So wurde auf der großen Wiener Kriegsausstellung, die bereits am ersten Wochenende 60 000 Menschen anzog (es war der 2.Juli 1916, der Tag, an dem Kafka nach Marienbad reiste), ein eigenes Kino betrieben. Im Hauptprogramm: Wien im Krieg. Vier lustige Akte. – Auch Kriegsspielzeug gehörte in diesen Kontext: Das Kriegsfürsorgeamt Prag verkaufte eine Zeitlang das Geduldsspiel ›Russentod‹ für 3,60 Kronen. Und bereits 1915 veröffentlichte das Kriegshilfsbüro des Wiener Innenministeriums WIR SPIELEN WELTKRIEG! EIN ZEITGEMÄSSES BILDERBUCH FÜR UNSERE KLEINEN, »zugunsten des Roten Kreuzes, des Kriegsfürsorgeamts und des Kriegshilfsbüros«.
112 An Felice Bauer, 20.Juli 1916 (B3 184 f.).
113 Postkarte an Felice Bauer, 18.Juli 1916 (B3 182).
114 Brief an Felice Bauer, 20./21.Januar 1913 (B2 51).
115 Max Brod, FRANZ KAFKA. EINE BIOGRAPHIE, in: ders., ÜBER FRANZ KAFKA, Frankfurt am Main 1974, S.137. – Sehr ähnlich die Reaktion Werfels, der ebenfalls mit Langer (ein »Psychopath«) nach Žižkov pilgerte und die dort wahrgenommene »Unempfindlichkeit gegen Schmutz« als geistig kompromittierend empfand; vgl. Werfels Tagebuchnotate in: ZWISCHEN OBEN UND UNTEN, 2. Aufl., München/Wien 1975, S.696f.
116 Tagebuch, 14.September 1915 (T 752).
117 Auch im ungarischen Sátoralja-Ujhely, wo sich Kafka im April 1915 kurzfristig aufhielt, gab es einen solchen überregional einflussreichen chassidischen Hof. Die Tagebuchnotizen lassen jedoch nicht erkennen, ob er davon wusste.
118 Brief an Max Brod, 17.–18.Juli 1916 (B3 180).
119 Julius Elias, ›Marienbad‹, in: Berliner Tageblatt, 20.Juli 1916, Abend-Ausgabe, S.2.
120 Bereits am 6.Februar 1916 war in der zionistischen Selbstwehr ein von Abraham Kohane verfasster polemischer Artikel erschienen, der sich ausdrücklich gegen den Rabbi von Belz richtete und dessen Regime als korrupt darstellte.
121 Postkarten an Felice Bauer, 20., 26., 16.Juli 1916 (B3 185, 189, 176).
122 Postkarten an Felice Bauer, 18. und 25.August 1916 (B3 204, 212).
123 Schon einige Jahre zuvor hatte Kafka davon erzählt, dass ihn Feigls Äußerungen zur Kunst recht wenig, sein Leben aber umso mehr interessierte: »Ich aber wollte […] nur davon immer wieder hören, dass er seit einem Jahr verheiratet ist, glücklich lebt, den ganzen Tag arbeitet, 2 Zimmer in einem Gartenhaus in Wilmersdorf bewohnt und andere solche Dinge, die den Neid und die Kräfte wecken.« (Brief an Felice Bauer, 28.November 1912; B1 282)
124 Brief an Felice Bauer, 12.September 1916 (B3 222).
125 Siehe die Postkarte an Felice Bauer, 5.August 1916 (B3 195).
126 Postkarte an Felice Bauer, 2.August 1916 (B3 194).
127 Brief an Felice Bauer, 12.September 1916 (B3 222–224).
128 Siegfried Lehmann, ›Die Stellung der westjüdischen Jugend zum Volke‹, in: Der Jude, 4. Jg., H. 5 (1919), S.207–215, hier S.211.
129 Brief an Felice Bauer, 11.September 1916 (B3 219).
130 Über das Berliner Volksheim schrieb Lehmann rückblickend: »das große Erlebnis, im engen Zusammenleben mit dem Volk wieder das Volk als Kraftquelle für das eigene Leben zu empfinden, blieb aus; musste ausbleiben, weil die Teile des jüdischen Volkes, die ihre Heimat verlassen und sich in den europäischen Städten eine neue Existenz suchen, eben {635}nicht mehr Volk sind. Es sind abgestorbene Teilchen, die ihre Nahrung nicht mehr vom Volkskörper empfangen und daher nicht geeignet sind, das große Erlebnis ›Volk‹ den Suchenden zu vermitteln.« (›Von der Straßenhorde zur Gemeinschaft‹, in: Der Jude, 2. Sonderheft, 1926, S.22–36, hier S.23). – Lehmann ging 1920 nach Litauen, um in Kowno ein Kinderheim für rückkehrende jüdische Flüchtlinge zu errichten. 1927 gründete er in Palästina das Kinderdorf Ben Shemen bei Lod.
131 Vgl. Gustav Landauer, ›Christlich und christlich, jüdisch und jüdisch‹, in: Der Jude, 1. Jg., H. 12 (März 1917), S.851f.
132 Briefe an Felice Bauer, 11. und 16.September 1916 (B3 220, 227). – Gerhart Hauptmanns Roman DER NARR IN CHRISTO EMANUEL QUINT war ebenfalls ein Geschenk Kafkas: zu Felice Bauers 28. Geburtstag im November 1915. – Der Student Abraham Grünberg war als Kriegsflüchtling von Krakau nach Prag gekommen und hatte sich hier der zionistischen Szene angeschlossen; siehe den Tagebucheintrag vom 6.November 1915 (T 772 f.). Seine schmale, im Selbstverlag erschienene Schrift EIN JÜDISCH-POLNISCH-RUSSISCHES JUBILÄUM. (DER GROSSE POGROM VON SIEDLCE IM JAHRE 1906) überreichte Grünberg im November 1916 an Kafka: »Dem geehrten Herrn Dr.u. Schriftsteller Franz Kafka … «
133 Tagebuch, 8.Januar 1914 (T 622).
134 Selbstwehr, 9. Jg., H. 34 (7.September 1915), S.2f.
135 Martin Buber an Kafka, 22.November 1915 (B3 741); Brief an Martin Buber, 29.November 1915 (B3 146).
136 Max Brod an Martin Buber, 9.Mai 1916, in: Martin Buber, BRIEFWECHSEL AUS SIEBEN JAHRZEHNTEN, hrsg. von Grete Schaeder, Heidelberg 1972, Bd. 1, S.433.
137 Max Brod an Martin Buber, 21.Juni 1916 (Abschrift im Max Brod-Archiv, Tel Aviv). – ›Unsere Literaten und die Gemeinschaft‹ erschien im Oktober 1916 in: Der Jude, 1. Jg., H. 7, S.457–464; Brods Äußerungen zu Kafka hier S.463f.
138 Buber hatte Brods Vorschlag zunächst zugestimmt, seine Meinung jedoch geändert, nachdem er Kafkas Text gelesen hatte. Sein Absagebrief ist nicht erhalten; Kafka empfand ihn zunächst als »ehrenvoller … als eine gewöhnliche Annahme hätte sein können« (Postkarte an Felice Bauer, 23.September 1916; B3 232). – Die enge Beziehung des TRAUMS zum PROCESS-Fragment, die Kafka durch den identischen Namen des Protagonisten ›Josef K.‹ herstellte, war Brod natürlich bekannt, musste Buber jedoch entgehen, ebenso wie den Lesern der jüdischen Anthologie, die am 15.Dezember 1916 erschien, und des Prager Tagblatts vom 6.Januar 1917. (Fast gleichzeitig erschien EIN TRAUM auch noch im ALMANACH DER NEUEN JUGEND AUF DAS JAHR 1917, Verlag Neue Jugend, Berlin, unter der Federführung von Wieland Herzfelde.)
139 Brief an Felice Bauer, 7.Oktober 1916 (B3 250). – Kafka bezieht sich {636}auf die Sammelbesprechung ›Phantasie‹ von Robert Müller im Oktoberheft der Neuen Rundschau, in der es über DIE VERWANDLUNG heißt: »es gefällt als geistreiches, fleißig und lückenlos überdachtes Spiel, aber die Zumutung ist zu groß […] Die sonst absichtslose Erzählerkunst Kafkas, die etwas Urdeutsches, rühmlich Artiges, im Erzählenden Meistersingerliches besitzt, wird durch die hypothetische Flicke auf ihrem schönen Sachgewande deformiert.«
140 M. G., ›Rasende Motore‹, in: Deutsche Montags-Zeitung, 20.November 1916.
141 Das Tagebuch, Berlin, 11. Jg., H. 18 (3.Mai 1930), S.726.
142 Max Brod an Martin Buber, 21.Juni 1916 (Abschrift im Max Brod-Archiv, Tel Aviv).
143 Max Brod an Martin Buber, 20.Januar 1917, in: Buber, BRIEFWECHSEL, Bd. 1, S.461.
144 Brief an Max Brod, Ende Juni 1921, in: Brod/Kafka, EINE FREUNDSCHAFT. BRIEFWECHSEL, S.356–360. Brods unmittelbarer Antwortbrief vom 4.Juli 1921 ist erhalten (ebd., S.362–364), enthält jedoch keinerlei Kommentar zu Kafkas ungewöhnlich ausführlichen und zugespitzten sprachkritischen Äußerungen. Später hat Brod allerdings erleben müssen, wie leicht sich derartige zionistische Denkfiguren in den Dienst der nationalsozialistischen Kulturpolitik stellen ließen. In seiner Monographie FRANZ KAFKAS GLAUBEN UND LEHRE spricht Brod darum zurückhaltend von Kafkas »Radikalismus, der meiner Meinung nach unrichtig ist« (S.274).
145 ›Jüdische Volksarbeit‹, in: Der Jude, 1. Jg., H. 2, S.104–111, hier S.106. Dieses Leitbild übernahm Lehmann ausdrücklich der Praxis der englischen und amerikanischen Settlement-Bewegung.
146 Felice Bauer hatte das Kapitel ›Ethische Gesichtspunkte für verschiedene Lehrfächer‹ zu referieren (in: Friedrich Wilhelm Foerster, JUGENDLEHRE. EIN BUCH FÜR ELTERN, LEHRER UND GEISTLICHE, 71.–75. Tausend, Berlin 1915, S.49–83). Kafkas Referat findet sich in seinem Brief vom 25.September 1916 (B3 233 ff.). – Von ›völkischen Werten‹, geschweige von einer ›jüdisch-nationalen‹ Erziehung ist bei dem christlich orientierten Foerster keine Rede. Dennoch habe man dieses Werk zur pädagogischen Ausbildung der Helfer gewählt, schreibt Siegfried Lehmann, »da es an einem auf jüdischer Ethik aufgebauten pädagogischen Werke fehlt« (DAS JÜDISCHE VOLKSHEIM BERLIN. ERSTER BERICHT. MAI–DEZEMBER 1916, Berlin 1916, S.15)
147 Brieffragment von Felice Bauer an Kafka, vermutlich Oktober 1916 (B3 742). Auf demselben Blatt bezeichnet sie sich als »einzige Nichtzionistin« des Mädchenklubs. – Eine unmittelbare Antwort Kafkas auf diesen Brief ist nicht überliefert.
148 Scholems Haltung gegenüber dem Volksheim lässt sich aus seinen frühen {637}TAGEBÜCHERN recht genau rekonstruieren (1. Halbband 1913–1917, hrsg. von Karlfried Gründer und Friedrich Niewöhner, Frankfurt am Main 1995; siehe insb. S.262 f.); außerdem berichtet er davon in seinen Jugenderinnerungen VON BERLIN NACH JERUSALEM, Frankfurt am Main 1997, S.83ff. – Eine Antwort auf Scholems aggressive Kritik findet sich in Lehmanns ›Nachwort‹ zu seinem ERSTEN BERICHT über die Arbeit des Volksheims, in dem der Begriff ›Zionismus‹ nicht vorkommt, hingegen auffallend oft von nichtjüdischer Kunst und Literatur die Rede ist. Lehmann spricht von »andersartigen Werten«, »die, von Europa ihm geschenkt, auf jüdischen Boden fielen, vom jüdischen Geist aufgenommen und verarbeitet wurden und ebenfalls wahrhaft geeignet sind, bei der Erziehung zum jüdischen Menschentum mitzuwirken. Erscheint uns doch die Auffassung jener Juden, die sich so tief in den Schatten ihrer eigenen Volksindividualität stellen, dass sie die Sonne, die doch über die ganze Menschheit scheint, nicht sehen, ganz unjüdisch. […] Im Gegensatz zu anderen Nationalisten empfinden wir es nicht als schmerzlich, wenn die Stimme des Geistes die Stimme des Blutes übertönt.« (S.17 f.)
149 Brief an Felice Bauer, 22.September 1916 (B3 231).
150 Zitiert im Brief an Felice Bauer, 12.Oktober 1916 (B3 255). – Bezeugt ist, dass es auch zu persönlichen Bindungen an diese Kinder kam und dass sich in mindestens einem Fall sogar eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Als Felice Bauer im Oktober 1960 nahe New York zu Grabe getragen wurde, war auch Trude Bornstein anwesend, ehemals ›Schülerin‹ im Berliner Volksheim (Mitteilung von Henry F. Marasse).
151 Der Brief Siegfried Wolffs datiert vom 10.April 1917 (B3 744), eine Antwort Kafkas ist nicht überliefert. Angaben zu Wolff nach Jochen Meyer, ›Diese Suppe hat ihm Kafka eingebrockt‹, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.Juli 2006, S.53. – Ein weiteres Kuriosum: Kafka hat sich Ende 1917 aus unbekannten Gründen die Adresse der Bestseller-Autorin Hedwig Courths-Mahler notiert (Berlin-Charlottenburg, Knesebeckstraße 12), wahrscheinlich ohne zu bemerken, dass der Leserbriefschreiber Siegfried Wolff im selben Haus lebte.
152 Zitiert im Brief an Felice Bauer, 6./7.März 1913 (B2 124). Vermutlich handelte es sich um den damals 18-jährigen Prager Schriftsteller Hans (Jan) Gerke, der auch bei Oskar Baum verkehrte.
153 Oskar Walzel, ›Logik im Wunderbaren‹, in: Berliner Tageblatt, 6.Juli 1916. Walzels Besprechung von DER HEIZER und DIE VERWANDLUNG gefiel Kafka derart, dass er sogar erwog, dem Verfasser brieflich zu {638}danken. Georg Heinrich Meyer, der Geschäftsführer des Kurt Wolff Verlags, schrieb sofort an Brod, den Aufsatz Walzels »müsste man für Kafka ausnutzen« (7.Juli 1916; Max Brod-Archiv, Tel Aviv).
154 Postkarte an Felice Bauer, 19.September 1916 (B3 230).
155 Brief an Kurt Wolff, 11.Oktober 1916 (B3 253 f.). Zu Wolffs Buchreihe ›Der jüngste Tag‹, in der dann einen Monat später DAS URTEIL erschien, siehe Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.375ff.
156 Postkarte an Felice Bauer, 3.November 1916 (B3 272).
157 Ankündigung in den Münchener Neuesten Nachrichten und in der Münchener Zeitung, 7.November 1916.
158 Max Pulver, ERINNERUNGEN AN EINE EUROPÄISCHE ZEIT, Zürich 1953, S.52f. Der vollständige Abschnitt zu Kafkas Lesung ist wiederabgedruckt in: Hans-Gerd Koch (Hrsg.), »ALS KAFKA MIR ENTGEGENKAM … «, erweiterte Neuausgabe, Berlin 2005, S.141ff.
159 So behauptet Pulver, Kafka habe mit ihm am folgenden Tag einen Spaziergang außerhalb Münchens unternommen – am einzigen Tag also, den Kafka und Felice Bauer gemeinsam hatten! –, und dabei habe er aufgrund eines Lungenleidens immer wieder um Atem gerungen. Pulver muss hier seinen eigenen Atem vernommen haben, denn Kafka war im Oktober 1916 nicht nur gesund, er hatte auch in den Monaten zuvor zahlreiche halbtägige Fußmärsche in die Prager Umgebung unternommen. Auch Kafkas negative Fixierung auf den eigenen Vater, die sich in diesem Gespräch enthüllt haben soll, kann Pulver mit keinem authentischen Zitat belegen. – Aufschlussreich ist, dass Pulver trotz seiner Zudringlichkeit Kafka »eine Zeitlang geradezu betörte«, während bald darauf Kurt Wolff, der einen Gedichtband und zwei Dramen Pulvers veröffentlichte, sich von seinem Autor schon beim ersten Zusammentreffen abgestoßen fühlte und schließlich froh war, ihn wieder loszuwerden (Brief Kafkas an Gottfried Kölwel, 3.Januar 1917, B3 283; Briefe Kurt Wolffs an Rainer Maria Rilke, 1.Februar und 10.Dezember 1917, in: Kurt Wolff, BRIEFWECHSEL EINES VERLEGERS, Frankfurt am Main 1966, S.141f. und 148).
160 Eugen Mondt, ›Ein Abend mit Franz Kafka‹, in: Koch, »ALS KAFKA MIR ENTGEGENKAM ...«, S.139.
161 Postkarte an Felice Bauer, 7.Dezember 1916 (B3 277). – Eine eindeutige Zeugenaussage zu Rilkes Anwesenheit bei Kafkas Lesung existiert leider nicht. Dass die Äußerung Rilkes im unmittelbaren Gespräch mit Kafka fiel (und diesem nicht etwa nur hinterbracht wurde), erhellt jedoch aus Rilkes unpubliziertem Terminkalender: »Franz-Kafka-Abend bei Goltz« ist dort vermerkt (Rilke-Archiv, Gernsbach).
162 Postkarte an Felice Bauer, 21.November 1916 (B3 274). – Ein weiteres Indiz dafür, dass der Schlagabtausch in München nicht ganz harmlos gewesen sein kann, ist die Tatsache, dass die ersten Postkarten Kafkas nach diesem Vorfall im Briefkonvolut fehlen, Mitteilungen, die seiner {639}eigenen Aussage zufolge »den Kernpunkt des Zusammenlebens« betrafen (ebd.). Offenbar wollte Felice Bauer die ›Nachbesprechung‹ mündlicher Auseinandersetzungen – vor allem Briefe, in denen sie selbst wörtlich zitiert wurde – nicht veröffentlicht sehen. Im Februar 1914 hatte sich bereits Analoges abgespielt, auch dort fehlen die zugehörigen Briefe; vgl. Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.450ff., insbesondere Anm. 12.
163 Postkarte an Felice Bauer, 24.November 1916 (B3 276).
164 Dass dieser Eindruck nicht nur von der lückenhaften Überlieferung herrührt, belegt ein Brief Kafkas an Ottla vom 29.August 1917. Mit Anspielung auf Felice heißt es hier: »Ich habe in der letzten Zeit wieder fürchterlich an dem alten Wahn gelitten, übrigens war ja nur der letzte Winter die bisher grösste Unterbrechung dieses 5jährigen Leidens.« (B3 309).
165 Postkarten an Felice Bauer, 9. und 14.Dezember 1916 (B3 279).
166 Brief Ottla Kafkas an Josef David, 3.Dezember 1916. Deutsche Übersetzung zitiert nach Hartmut Binder, ›Kafka und seine Schwester Ottla‹, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 12 (1968), S.426. – Stern (Hvězda) ist ein westlich der Prager Burg gelegenes sternförmiges Schloss mit großem Tiergarten, damals ein beliebtes Ausflugsziel.
167 Postkarte an Felice Bauer, 14.Dezember 1916 (B3 279).
168 Stürgkh wurde am 21.Oktober 1916 in einem Wiener Hotelrestaurant erschossen. Der 37-jährige Attentäter Friedrich Adler war überzeugter Marxist und Chefredakteur der sozialdemokratischen Zeitschrift Der Kampf, sein Vater Viktor Adler war Reichstagsabgeordneter und Parteichef der österreichischen Sozialdemokraten. – Selbst die konservative Tagespresse (etwa die Reichspost am 22.Oktober) wunderte sich darüber, dass es niemanden getroffen hatte, dem man eine konkrete Mitschuld am Ersten Weltkrieg hätte unterstellen können. Der offiziöse Pester Lloyd warnte, »im feindlichen Ausland« solle man nur nicht glauben, das Attentat habe etwas »mit den Ernährungsfragen« zu tun.
169 Julie Kafka an Felice Bauer, 8.Oktober 1916, in: Kafka, BRIEFE AN FELICE, S.721.
170 Mitte oder Ende November 1916 wurde ein Brief Felice Bauers an Kafka von der Zensur beanstandet und zurückgeschickt – vermutlich wegen Äußerungen über die Ernährungslage in Berlin. Sie hatte in diesem Brief wiederum für ein Treffen an Weihnachten plädiert, was Kafka jedoch weiterhin ablehnte; siehe die Karte an Felice Bauer vom 4.Dezember 1916 (B3 276). Vgl. auch den Brief Julie Kafkas an Anna Bauer vom {640}31.Dezember 1916: »Ich glaubte, daß uns die l. Felice zu Weihnachten mit ihrem lieben Besuche überraschen wird« (Kafka, BRIEFE AN FELICE, S.748).
171 An Ottla Kafka, 1.Januar 1917 (B3 282); offenbar eine Nachricht, die Kafka für Ottla in der Alchimistengasse hinterließ.
172 Zitat aus einem unveröffentlichten Tagebuch-Exzerpt (Max Brod-Archiv, Tel Aviv).
173 Zu den massiven und entstellenden Eingriffen, mit denen Brod das Chaos zu bändigen und aus Kafkas Oktavheften ›leserfreundliche‹ Texteinheiten herauszupräparieren suchte, siehe im Detail die Monographie von Annette Schütterle, FRANZ KAFKAS OKTAVHEFTE. EIN SCHREIBPROZESS ALS »SYSTEM DES TEILBAUES«, Freiburg i. Br. 2002, hier S.268–283.
174 NSF1 384–393. – Im Manuskript zunächst schreibende »Nichtse«, dann »Spassmacher«, dann wieder »Nichtse«, dann erneut »Spassmacher«, schließlich »Windhunde« (NSF1 App 324). Mit Invektiven hatte Kafka offenbar Schwierigkeiten.
175 Oskar Baum erinnerte sich Ende der zwanziger Jahre daran, Kafka habe in der Alchimistengasse ein Drama mit dem Titel ›Die Grotte‹ oder ›Die Gruft‹ verfasst und auch vollendet. Er habe sich jedoch strikt geweigert, daraus vorzulesen, und ironisch entgegnet: »Das einzig Nichtdilettantische an dem Stück ist, dass ich es nicht vorlese.« – Baum spricht hier offensichtlich vom GRUFTWÄCHTER, der jedoch nach allen Zeugnissen, die wir besitzen, unvollendet blieb und der auch im Manuskript keinen Titel trägt (der heute gängige Titel stammt von Brod). Auch die Tatsache, dass Kafkas maschinenschriftliche Reinschrift in einer besonderen Weise gefaltet wurde, um das Vorlesen zu erleichtern, stimmt mit Baums (auch sonst unzuverlässigen) Erinnerungen nicht recht zusammen. Vgl. Oskar Baum, ›Rückblick auf eine Freundschaft‹, in: Koch, »ALS KAFKA MIR ENTGEGENKAM ...«, S.71–75. Das möglicherweise unvollständig überlieferte Typoskript wurde publiziert in NSF1 290–303.
176 Die folgenden Prosastücke aus dem Winter 1916/17 sind nur im Druck überliefert: EIN LANDARZT, AUF DER GALERIE, DAS NÄCHSTE DORF, EIN BRUDERMORD, ELF SÖHNE, DIE SORGE DES HAUSVATERS und EIN BESUCH IM BERGWERK. Offenbar entstanden diese Werke in weiteren, nicht erhaltenen, jedoch zumindest auf den Monat genau datierbaren Oktavheften (in denen freilich noch andere, uns unbekannte Werke und Fragmente enthalten gewesen sein können). – In einem Brief an Ottla vom 19.April 1917 (B3 296 f.) behauptet Kafka, er habe zum Feuermachen in der Alchimistengasse auch »Manuskripte« verwendet – ein weiterer Hinweis darauf, dass der volle Umfang seiner Produktivität noch größer zu veranschlagen ist, als die erhaltenen Manuskripte belegen.
177 Eine der Varianten zum GRUFTWÄCHTER enthält eine Charakteristik des noch unerfahrenen Fürsten, die verblüffend genau auf Karl I. passt. {641}Da dessen erste eigenständige Schritte in eben den Wochen, da DER GRUFTWÄCHTER entstand, das wichtigste öffentliche Thema waren, ist ein zufälliger Einfluss wohl auszuschließen: »Der Fürst hat eine Doppelgestalt. Die eine beschäftigt sich mit der Regierung und schwankt geistesabwesend vor dem Volk und missachtet die eigenen Rechte. Die andere sucht zugegebenermassen sehr präcis, nach Verstärkung ihres Fundaments. Sie sucht in der Vergangenheit, und dort immerfort tiefer.« (NSF1 255)
178 Erstmals – aber gewiss nicht zum letzten Mal – am 10.Dezember 1916, wie ein Brief Ottlas an Josef David dokumentiert. – Die Kohlenkrise (die vor allem auf den kriegsbedingten Mangel an Eisenbahnwaggons zurückging) spitzte sich derart zu, dass Karl I. Mitte Februar anordnete, die Kohleversorgung Prags notfalls mit Hilfe des Militärs sicherzustellen.
179 Das gilt keineswegs nur für den Beginn der neuen Schreibphase: Das Prosastück EIN ALTES BLATT entstand nur wenige Tage nach dem verlorenen Machtkampf und der Abdankung des russischen Zaren Mitte März 1917 – ein ungeheuerliches Ereignis im zeitgenössischen Bewusstsein.
180 Brief an Felice Bauer, 24.November 1916 (B3 276).
181 Brief an Felice Bauer, 24.November 1916 (B3 276).
182 Brief an Felice Bauer, Januar/Februar 1917 (B3 290). – Es bleiben Zweifel daran, ob Kafka diesen einzigen langen und bedeutsamen Brief, der aus dem Winter 1916/17 überliefert ist, tatsächlich abgeschickt hat. In seinem Nachlass fand sich ein maschinenschriftlicher Durchschlag, doch fehlt das zugehörige Original in dem von Felice Bauer veräußerten Konvolut.
183 In alten, selbst ›herrschaftlichen‹ Gebäuden waren zu jener Zeit Badezimmer nur ausnahmsweise vorhanden. Auch der Vormieter jener großen Wohnung, die Kafka im Palais Schönborn zunächst angeboten worden war, hatte sich ein Bad auf eigene Kosten einbauen lassen (wozu er die Hälfte des Flurs benutzte). – Im repräsentativen ›Fuchsschlössl‹ in Rodaun, das Hugo von Hofmannsthal seit 1901 mit seiner Familie bewohnte, gab es bis Kriegsende kein Bad, im Obergeschoss nicht einmal fließendes Wasser.
184 Brief an die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, 5.Februar 1917 (B3 285 f.). Der Antrag wurde abgelehnt, lediglich eine Erhöhung der ›ständigen Teuerungszulage‹ wurde bewilligt, was Kafka ein jährliches Plus von knapp 600 Kronen einbrachte. Das entsprach immerhin der Miete für die Schönborn-Wohnung.
185 Ottla Kafka an Josef David, 20.August 1916; zitiert nach Binder, ›Kafka und seine Schwester Ottla‹, S.439.
186 Es hat sich ein Briefentwurf Kafkas enthalten, in dem er um entsprechende Ratschläge für Ottla bittet (B3 286). Adressat dieses Briefs ist vermutlich Moriz Schnitzer, der fanatische Vegetarier und Begründer zahlreicher Vereine für Naturheilkunde, der im nordböhmischen Warnsdorf lebte. Kafka hatte sich im April 1911 von Schnitzer ›untersuchen‹ lassen. – Das väterliche Schimpfwort »Halunke« ist dokumentiert in Kafkas Brief an Ottla vom 19.April 1917 (B3 296); einen Eindruck von der Schärfe der Auseinandersetzung zwischen Ottla und ihren Eltern gibt der BRIEF AN DEN VATER (NSF2 170 und 178 f.).
187 Channa Meisel, ›Landwirtschaftliche Mädchenerziehung‹, in: Jüdische Rundschau, 22. Jg., H. 8 und 9 (23.Februar und 2.März 1917). Dass über diesen Artikel in Ottlas Klub debattiert wurde, ist gewiss, zumal man über das Leben der jüdischen Frauen in Palästina nur selten Konkretes zu hören bekam. Auch Kafka, der die Jüdische Rundschau regelmäßig las, dürfte den Aufsatz gekannt und mit der Schwester besprochen haben.
188 Zu den innerfamiliären Konflikten um die Prager Asbestwerke siehe Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.130ff. – Die Löschung aus dem Handelsregister erfolgte am 26.Juli 1918.
189 Brief an Ottla Kafka, 19.April 1917 (B3 296).
190 Brief an Ottla Kafka, 16.Mai 1917 (B3 299 f.).
191 Irma Weltsch war über Kafkas Nachfrage, die sie offenbar als Zeichen gröbsten Misstrauens interpretierte, derart wütend, dass sie nicht nur ihren Ehemann beschimpfte, der solche ›Freunde‹ ins Haus brachte, sondern auch noch an Kafka selbst einen ziemlich aggressiven Brief schrieb (dies geht aus Weltschs unpublizierten Tagebüchern hervor). Kafka erhielt diesen Brief erst nach seiner Rückkehr aus Budapest und entschuldigte sich sogleich wortreich und diplomatisch (am 20.Juli 1917, B3 302 f.).
192 Aus einem Brief Julie Kafkas an Felice Bauer vom 26.März 1917 geht hervor, dass dieser Besuch bereits für Frühjahr geplant war.
193 Brod, FRANZ KAFKA. EINE BIOGRAPHIE, S.140. – Brods weitere Bemerkung, in diesem Sommer 1917 sei auch schon »eine Wohnung für das junge Paar gemietet« sowie Möbel angeschafft worden, beruht offenbar auf einem Erinnerungsfehler.
194 Postkarte an Ottla Kafka, 28.Juli 1917 (B3 304).
195 Der Schriftsteller Rudolf Fuchs, den Kafka auf der Rückreise in Wien traf, berichtet in seinen Erinnerungen: »Er hatte mir schon in Prag zuvor Andeutungen gemacht, in Budapest würde es sich entscheiden, ob er eine Verlobung aufrechterhalten oder lösen werde. In Wien erzählte er mir, er habe mit seiner Braut gebrochen. Kafka war dabei vollkommen {643}ruhig. Er schien sich sogar wohl zu fühlen.« (Rudolf Fuchs, ›Kafka und die Prager literarischen Kreise‹, in: Koch, »ALS KAFKA MIR ENTGEGENKAM ...«, S.110.) Ganz so eindeutig hat Kafka sich wohl kaum geäußert, doch unter Vorbehalt passt auch dieser Mosaikstein. – Felice Bauers Weiterreise nach Arad wird in Brods Kafka-Biographie erwähnt, einen eindeutigen Beleg dafür gibt es jedoch nicht. Obwohl Arad militärisch nicht mehr bedroht war, könnten sich die Schwestern auch auf ein Treffen in Budapest verständigt haben.
196 Brief an Felice Bauer, 20.Dezember 1916 (B3 280).
197 EIN TRAUM, in: Prager Tagblatt, 6.Januar 1917, Unterhaltungs-Beilage, S.1.
198 In den ersten sechs Heften der Monatsschrift Die schöne Rarität (Juli bis Dezember 1917) wird Kafka als Mitarbeiter genannt, zu einer Publikation kam es jedoch nicht. Ende 1917, unter völlig veränderten äußeren wie inneren Bedingungen, machte Kafka seine Zusage rückgängig (B3 390). – Die kurzfristige Beziehung zu Donauland geht aus zwei Briefen an Josef Körner hervor, 8./10. und 16.Dezember 1917 (B3 376f., 380 f.).
199 Auch in diesem Fall ging allerdings die Initiative letztlich von Feigl aus, der Kafka bereits im Herbst 1916 um Fürsprache beim Kurt Wolff Verlag gebeten hatte. Kafka war diesem Wunsch nachgekommen (Brief an Georg Heinrich Meyer, 30.September 1916, B3 243), jedoch ohne Erfolg.
200 Vgl. Felix Weltsch an Kafka, Oktober 1917: »die personifizierte Unkompliziertheit« (B3 762 f.), und Kafkas Antwort vom 19./21.Oktober 1917: »er ist nicht so einfach abzutun« (B3 354).
201 Die Festnahme Gross’ in Berlin erfolgte am 9.November 1913; am 20.Dezember brachten sowohl Die Aktion (Berlin) als auch Revolution (München) Sondernummern zu Otto Gross, die in mehreren Artikeln dessen Vater persönlich attackierten. Besonders die hinter den Kulissen stattfindende und wahrscheinlich rechtswidrige Kooperation der Berliner Polizei mit dem österreichischen Strafrechts-Professor löste Erbitterung aus. Es ist durchaus möglich, dass sich Kafka bei der Eingangssequenz des PROCESS, die ja nur acht Monate später entstand, dieser Affäre erinnert hat.
202 Brief an Milena Pollak, 25.Juni 1920 (B4 195). »Er erläuterte seine Lehre an einer Bibelstelle«, fährt Kafka fort, »unaufhörlich zerlegte er diese Stelle, unaufhörlich brachte er neues Material, unaufhörlich verlangte er meine Zustimmung.« Mit hoher Wahrscheinlichkeit findet sich der Inhalt von Gross’ nächtlichen Belehrungen in seinem Aufsatz ›Die kommunistische Grundidee in der Paradiessymbolik‹, in: Sowjet, 1 (1919), {644}S.12–27, denn dies ist der einzige seiner Texte, in denen er Passagen der Genesis extensiv ausdeutet. – Bei Hans Gross hatte Kafka vom Wintersemester 1903/04 bis zum Wintersemester 1904/05 Vorlesungen gehört und auch an einem Seminar teilgenommen. Die Vorlesung ›Geschichte der Rechtsphilosophie‹ (Sommer 1904) hatte er gemeinsam mit Brod besucht.
203 Brief an Max Brod, 14.November 1917 (B3 364).
204 Martin Buber an Max Brod, 15.Januar 1917, in: ders., BRIEFWECHSEL AUS SIEBEN JAHRZEHNTEN, hrsg. von Grete Schaeder, Band 1: 1897–1918, Heidelberg 1972, S.459.
205 Siehe Franz Werfel, ›Die christliche Sendung. Ein offener Brief an Kurt Hiller‹, in: Die neue Rundschau, 28 (1917), S.92–105; sowie Max Brod, ›Franz Werfels ‚christliche Sendung’‹, in: Der Jude, 1 (1916–17), S.717–724.
206 Martin Buber, ›Vorbemerkung über Franz Werfel‹, in: Der Jude, 2 (1917–18), H. 1–2, S.109–112. – Buber konnte sich dabei auf eine vertrauliche Mitteilung Werfels vom 31.Januar 1917 berufen: »Nehmen Sie jetzt nur meine Hand und mein Bekenntnis (vielleicht ist das sehr unwichtig) daß ich mich gänzlich ›national‹ als Jude fühle und bekenne mit allen schlechten Inhalten dieses Namens und mit einigen guten.« (Buber, BRIEFWECHSEL, Bd. 1, S.468). Zu Bubers Misstrauen gegen äußere, politische Erfolge siehe seinen Brief an Siegmund Kaznelson vom 9.Juli 1917: »Das äußere Zeichen der Situation ist der heutige ›Erfolg‹ des Zionismus; es gibt nur sehr wenige Zionisten, die die Pein teilen oder auch nur verstehen, die er mir verursacht.« (ebd., S.502)
207 Max Brod an Martin Buber, 7.April 1917 (Jewish National and University Library, Jerusalem). – Max Brod hatte in diesem Heft des Juden selbst einen essayistischen Beitrag, der sich mit den Schrecken des Taylorismus befasste (›Zwei Welten‹).
208 Brief an Martin Buber, 12.Mai 1917 (B3 299).
209 Aufzeichnung im ›Oktavheft G‹, 19.Oktober 1917 (NSF2 30). – Anstatt »vor der Ruhe des Ausserhalb« schrieb Kafka zunächst: »vor dem ruhigen Blick des Zuschauers« (NSF2 App 199).
210 Hugo Bergmann hatte im Winter 1916/17 Buber gebeten, doch nicht nur jüdische, sondern auch »Themen von allgemein menschlichem Interesse« zu behandeln (Buber, BRIEFWECHSEL, Bd. 1, S.488, Anm. 1).
211 Bereits im allerersten Heft des Juden hatte Buber einen Propagandatext aus Palästina abgedruckt, in dem Westjuden als Opportunisten und Parasiten charakterisiert wurden: »Wir besitzen ein Anpassungstalent, das sich im Galuth [im Exil] entwickelt hat – die Erzeugnisse des Lebens der anderen nach unserem Geiste zu bearbeiten und aus der Frucht ihrer Arbeit Leckerbissen für unseren Gaumen zurechtzumachen.« (A. D. Gordon, ›Arbeit‹, in: Der Jude, 1 (1916–17), S.37–43, hier S.39 f.) {645}
212 Eine Auswahl von Belegen bei Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hrsg.), ANTISEMITISMUS. VORURTEILE UND MYTHEN, München/Zürich 1995, S.21ff. – Vom engen Zusammenleben »schmutziger Juden« mit Schakalen wird in Stifters Erzählung Abdias berichtet, die Kafka mit Sicherheit gekannt hat.
213 Max Brod, ›Literarischer Abend des Klubs jüdischer Frauen und Mädchen [am 19.Dezember 1917]‹, in: Selbstwehr, 4.Januar 1918.
214 Brief an Martin Buber, 22.April 1917 (B3 297).
215 Kurt Wolff an Kafka, 3.Juli 1917 (B3 745).
216 Kurt Wolff an Kafka, 1.September 1917 (B3 748).
217 Kurt Wolff an Kafka, 1.August 1917 (B3 747).
218 Brief an Kurt Wolff, 4.September 1917 (B3 312).
219 Siehe Kafkas Brief an Kurt Wolff, 20.August 1917 (B3 306 f.).
220 Weitere Einzelheiten zu den zahlreichen, im Kurt Wolff Verlag unterlaufenen Irrtümern und Verzögerungen siehe Unseld, FRANZ KAFKA. EIN SCHRIFTSTELLERLEBEN, S.155–157 und 160–168. – EIN MORD erschien Ende 1917 in Wolffs Almanach DIE NEUE DICHTUNG, die neuere Version EIN BRUDERMORD war zuvor bereits in der bibliophilen expressionistischen Zweimonatsschrift Marsyas erschienen (1. Jg., H. 1, Juli/ August 1917).
221 Die entsprechende Korrespondenz Wolffs mit dem Vater Franz Werfels (Oktober und November 1917) befindet sich im Kurt Wolff-Archiv der Yale University, New Haven.
222 Brief an Josef Körner, 16.Dezember 1918 (B3 381).
223 Das Schreiben Kafkas an Wolff ist leider nicht überliefert; gegenüber Brod bezeichnete er es jedoch als »Ultimatumbrief« (Brief an Max Brod, Ende März 1918, B4 33). »Von Wolff wegzugehen rate ich nicht«, antwortete Brod am 29.März. »Die Desorganisation ist jetzt, wie die Buchhändler sagen, bei allen Verlagen allgemein.« (Brod/Kafka, BRIEFWECHSEL, S.249)
224 SAGEN POLNISCHER JUDEN, ausgewählt und übertragen von Alexander Eliasberg, München 1916. Der Band befindet sich im erhaltenen Teil von Kafkas Bibliothek. – Bei den beiden zitierten Geschichten handelt es sich um ›Auferweckung der toten Braut‹ (S.40–44) und ›Rasche Reise nach Wien‹ (S.182–184). In einem weiteren kurzen Stück ›Rabbi Mojsche Lejbs Trauermusik‹ (S.195) finden Pferde selbständig zu ihrem Ziel, wobei sie mit einem Wagen »über Berg und Tal« galoppieren.
225 Zur Datierung der Publikation siehe Unseld, FRANZ KAFKA. EIN SCHRIFTSTELLERLEBEN, S.173. Die einzige Rezension des LANDARZTES zu Kafkas Lebzeiten erschien am 31.Oktober 1920 im Prager Tagblatt: R[udolf] Th[omas], ›Drei Prager Autoren‹. {646}
226 Brief an Ottla Kafka, 29.August 1917 (B3 308 f.).
227 Da die schwache initiale Blutung in den Schilderungen für Ottla und für Felice Bauer ebenfalls nicht erwähnt wird, ist wahrscheinlich, dass Kafka sie auch den Freunden verschwieg. Erst drei Jahre später, am 28.Juli 1920, berichtete er Milena Pollak davon, wobei ein Unterton von schlechtem Gewissen nicht zu überhören ist: »Wäre ich damals gleich zum Arzt gegangen – nun so wäre alles wahrscheinlich genau so gewesen, wie es ohne den Arzt geworden ist, nur wusste aber damals niemand von dem Blut, eigentlich auch ich nicht, und niemand hatte Sorgen.« (B4 256). – Derartige Sickerblutungen sind, für sich genommen, kein typisches Tuberkulosesymptom, in Kombination mit dem anschließenden Blutsturz aber natürlich alarmierend.
228 Karte an Ottla Kafka, 4.September 1917 (B3 313).
229 Karte an Max Brod, 29.August 1917 (B3 310).
230 NSF1 401 (›Oktavheft E‹).
231 Verbreitet war die Vorstellung, dass grazile, unathletische Menschen mit flachem Brustkorb – der sogenannte habitus phthisicus, dem auch Kafka entsprach und den man für erblich hielt –, für Lungenerkrankungen besonders anfällig sind. Obwohl durch empirische Daten längst in Frage gestellt, war diese Hypothese auch während des Krieges noch Lehrstoff an medizinischen Fakultäten. Erst in den zwanziger Jahren wurden sämtliche Habitus- und Konstitutionstheorien ad acta gelegt, und als einziger Faktor, der sowohl bei der Vererbung als auch bei der Tuberkulose eine Rolle spielt, blieb die Funktionstüchtigkeit des Immunsystems. – Sander L. Gilman hat in seiner Monographie FRANZ KAFKA, THE JEWISH PATIENT (New York/London 1995) versucht, Kafkas Krankengeschichte und Selbstdiagnose vor dem Hintergrund zeitgenössischer Tuberkulosetheorien zu lesen, vor allem im Hinblick auf den habitus phthisicus und auf die weithin unterstellte besondere Konstitution von Juden. Gilman führt außerordentlich reiches medizingeschichtliches Material an; die Bedeutung solcher eugenischer Vorstellungen für Kafkas eigene Interpretation bleibt jedoch spekulativ. Denn es ist kein einziges Zitat Kafkas überliefert, das seine Erkrankung in direkten, gar ursächlichen Zusammenhang mit seiner jüdischen Abstammung oder mit dem hypothetischen habitus phthisicus brächte.
232 Es war noch nicht bekannt, wurde aber wenige Jahre später entdeckt, dass die routinemäßig verordneten (und häufig auch wirksamen) Arsenpräparate ein beträchtlich erhöhtes Risiko von Hautkrebs mit sich bringen.
233 Brief an Ottla Kafka, 29.August 1917 (B3 309).
234 David Epstein, DIAGNOSTISCH-THERAPEUTISCHES TASCHENBUCH DER {647}TUBERKULOSE. EIN LEITFADEN FÜR DEN PRAKTISCHEN ARZT, Berlin/ Wien 1910, S.85.
235 Max Brod an Kafka, 24.September 1917 (B3 751).
236 Felix Weltsch an Kafka, 5.Oktober 1917 (B3 757). – Der Begriff »Chochme« ist jiddisch und bedeutet ebenso Humor wie Weisheit, entsprechend etwa der alten Doppelbedeutung des Wortes »Witz« (laut Grimmschem Wörterbuch »Verstand, Klugheit, kluger Einfall, Scherz«).
237 Brief an Felix Weltsch, 11.Oktober 1917 (B3 344 f.).
238 Karte an Ottla Kafka, 4./5.September 1917 (B3 313).
239 Brief an Kurt Wolff, 4.September 1917 (B3 312).
240 Jahre später zieht Kafka diesen paradoxen Schluss ausdrücklich: »Es wäre leicht um Urlaub zu bitten, wenn ich mir und andern sagen könnte, dass die Krankheit etwa durch das Bureau verschuldet oder verschlimmert worden ist, aber es ist ja das Gegenteil wahr, das Bureau hat die Krankheit aufgehalten.« (Brief an Ottla David, April 1921, in: Kafka, BRIEFE AN OTTLA UND DIE FAMILIE, S.119).
241 Über seine Gespräche in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt berichtet Kafka auf zwei Karten an Ottla, 6. und 7.September 1917 (B3 315 f.), sowie im Brief an Felice Bauer vom 9.September 1917 (B3 317).
242 Dieses Zitat und weitere Informationen über Kafkas Abreise entstammen einem unveröffentlichten Tagebuch-Exzerpt Max Brods. – Über die Tuberkulose-Erkrankung hatte Kafka Felice Bauer bereits fünf Tage vor seiner Abreise unterrichtet; aufgrund der langen Postlaufzeiten während des Krieges kann die erwähnte Briefkarte jedoch noch nicht ihre Reaktion darauf gewesen sein. Tatsächlich notiert Brod in seinem Tagebuch: »Verzweifelter Brief von ihr, obwohl sie noch nichts weiß.«
243 Brief an Oskar Baum, Ende November 1917 (B3 370).
244 Laut einer Volkszählung vom Februar 1921 (STATISTICKÝ LEXIKON OBCI V ČECHÁCH, Prag 1924, S.254). Das heutige Siřem hat weniger als 100 Einwohner.
245 Im Bezirk Podersam (Podbořany), zu dem Zürau gehörte, gab es bereits vor dem Krieg eine überdurchschnittlich hohe Rate an Tuberkuloseerkrankungen (siehe Wenzel Rott, DER POLITISCHE BEZIRK PODERSAM, Prag 1902–1905, S.30). Ein Zusammenhang mit den in dieser Gegend zahlreichen Lehmgruben ist wahrscheinlich.
246 Brief an Felix Weltsch, ca. 11.Oktober 1917 (B3 345).
247 Brief an Max Brod, 14.September 1917 (B3 319).
248 Brief an Oskar Baum, Mitte 23.September 1917 (B3 329). {648}
249 Briefe an Max Brod, 14. und 18.September 1917 (B3 319, 324).
250 Es ist nicht überliefert, wann Felice Bauer ihre pädagogische Tätigkeit im Berliner Volksheim einstellte. In Kafkas Korrespondenz finden sich Anfang 1917 die letzten indirekten Hinweise auf diese Tätigkeit, als er seinen Verlag darum bittet, das für den Band BETRACHTUNG fällige Honorar von knapp 100 Mark an Felice Bauer zu überweisen (Postkarten an den Kurt Wolff Verlag, 20.Februar und 24.März 1917, B3 292).
251 Brief an Felice Bauer, 30.September 1917 (B3 332–334).
252 Elias Canetti, DER ANDERE PROZESS. Kafkas Briefe an Felice, München 1969, S.125.
253 Tagebuch, 10.November 1917 (T 843).
254 Tagebuch, 15.September 1917 (T 831).
255 Tagebuch, 19.September 1917 (T 834). Bemerkenswert ist eine kleine Korrektur im ersten Satz: Kafka wollte zunächst schreiben »dass es jedem, der schreiben kann … « und verbesserte in »dass es jedem fast, der schreiben kann … « (T App 393).
256 Undatiert, B3 394. – Das Blatt gehört vermutlich zu dem langen (hier ausführlich zitierten) Brief an Felice Bauer vom 30.September 1917 (B3 332–334), der auf dem gleichen rautierten Papier verfasst ist.
257 Max Brod an Franz Kafka, 8.November 1917 (B3 769); Brief an Max Brod, 14.November 1917 (B3 365).
258 Ottla Kafka an Josef David, 8.November 1917; zitiert nach Binder, ›Kafka und seine Schwester Ottla‹, S.445.
259 Wilhelm Reinwarth trat sein Amt in Oberklee am 31.Oktober 1917 an. Seine Pfarrchronik befindet sich heute im Stadtarchiv von Žatec (Saaz).
260 Die Impressionen aus Hermann Kafkas Geschäft verdanken sich vor allem den regelmäßigen Berichten Irma Kafkas an ihre Cousine Ottla (diese Briefe sind unpubliziert und befinden sich in Privatbesitz).
261 An Josef David schrieb sie am 14.November 1917: »Ich möchte, dass Vater mich mehr beachtet, einerlei in welcher Weise.«
262 Am 20.November 1917 bat Brod den Schriftsteller Rudolf Fuchs brieflich um Diskretion hinsichtlich der »ganz persönlichen Angelegenheiten« Kafkas (Literaturarchiv des Museums des nationalen Schrifttums, Prag).
263 Brief an Ottla Kafka, 30.Dezember 1917 (B3 394). Ottla schilderte die Reaktion des Vaters in einem Brief an Josef David, 23.November 1917 (Privatbesitz).
264 Brief an Elsa und Max Brod, 2./3.Oktober 1917 (B3 340). Elsa und Max Brod an Franz Kafka, 29.September 1917 (B3 753).
265 Gustav Weiss, ›Tuberkulose-Verhütung und -Fürsorge‹, in: Anton Ghon/R. Jaksch-Wartenhorst (Hrsg.), DIE TUBERKULOSE UND IHRE BEKÄMPFUNG, Wien/Breslau 1922, S.326–363, hier S.336. Vgl. Epstein, DIAGNOSTISCH-THERAPEUTISCHES TASCHENBUCH DER TUBERKULOSE, S.50.
266 Felice Bauers Ankündigung traf in Zürau am 18.Dezember ein, Kafka antwortete telegraphisch am 21.Dezember (siehe NSF2 65); beide Schreiben sind nicht erhalten.
267 Die weitere Korrespondenz zwischen Kafka und Felice Bauer ist nicht erhalten, mit Ausnahme einer Postkarte von Felice, die jedoch lediglich knappe Genesungswünsche enthält (12.November 1918, B4). Der Kontakt brach offenbar gegen Ende 1918 ab.
268 Brief an Ottla Kafka, 28.Dezember 1917. – Siehe die detaillierte Schilderung bei Brod, FRANZ KAFKA, S.147f.
269 Hermann Kafkas »schreckliche Laune« aufgrund des Gesprächs mit seinem Sohn ist dokumentiert in einem Brief Irmas an Ottla vom 3.Januar 1918. Hier auch die einzige Spur vom Besuch Josef Davids in Zürau: »Dein Weihnachtsgast«. Das von Kafka in seinem Brief an Ottla vom 28.Dezember 1917 erwähnte »Gast-Fräulein« (B3 392) ist Josef Davids Schwester Ella.
270 Brief an Ottla Kafka, 30.Dezember 1917 (B3 392–394).
271 Brod hatte die Meldung offenbar den Prager Tageszeitungen vom 3.Dezember 1917 entnommen. Tatsächlich handelte es sich bei den Treffen zwischen deutschen und russischen Delegierten in Brest-Litowsk nur um den Beginn von Verhandlungen zu einem an der gesamten Ostfront gültigen Waffenstillstand.
272 B[uber], ›Judenzählung‹, in: Der Jude, 1. Jg., H. 8 (November 1916), S.564. – Die ›Judenzählung‹ wurde am 11.Oktober 1916 vom preußischen Kriegsminister Wild von Hohenborn angeordnet, sie bezog auch die Etappe sowie ausgemusterte und zurückgestellte Wehrpflichtige mit ein. Die Erhebung wurde im Februar 1917 abgebrochen; die Ergebnisse wurden niemals vollständig veröffentlicht.
273 Zitiert nach einem Brief von Ruth Haubrichs, Enkelin von Emilie Marschner, an Waltraud John, 22.Juni 2004.
274 Siehe die weißen Flecken in der Selbstwehr, 11. Jg., H. 7, 10, 11 (16.Februar, 9. und 16.März 1917).
275 Der entscheidende Passus lautete: »Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.« (Brief von Arthur Balfour an Lord Walter Rothschild, 2.November 1917)
276 Allgemeine Zeitung des Judentums, 81. Jg., H. 47 (23.November 1917), S.556. Dr.Bloch’s Österreichische Wochenschrift, 34. Jg., H. 44 (16.November 1917), S.718–720. Max Brod, ›Die jüdische Kolonisation in Palästina‹, in: Die neue Rundschau, 28. Jg., H. 9 (September 1917), S.1267–1276. Als Brod diesen Aufsatz verfasste, in dem er den »ruhigen Fortbestand der türkischen Herrschaft und die Einsicht türkischer Staatsmänner« beschwor, hatte die türkische Regierung bereits mit der Zwangsevakuierung jüdischer Ansiedlungen begonnen.
277 Brief an Max Brod, 9.–13.Februar 1918 (B4 29).
278 Einige der LANDARZT-Texte sind bereits ihrer Form nach selbstreflexiv, was den zeitgenössischen Lesern wohl verborgen bleiben musste. So hat Malcolm Pasley überzeugend dargelegt, dass die Stücke EIN BESUCH IM BERGWERK und ELF SÖHNE nichts anderes sind als Literatur über Literatur (›Drei literarische Mystifikationen Kafkas‹, in: KAFKA-SYMPOSION, hrsg. von Jürgen Born u.a., Berlin 1965, S.21–37). Bestätigt wird das durch eine von Brod überlieferte Äußerung Kafkas: »Die elf Söhne sind ganz einfach elf Geschichten, an denen ich jetzt gerade arbeite.« (FRANZ KAFKA, S.122)
279 Max Brod an Franz Kafka, 4.Oktober 1917 (B3 754). Brief an Max Brod, 7./8.Oktober 1917 (B3 343).
280 NSF2 40–42, 38. Beide Texte im Original ohne Überschrift; die heute geläufigen Titel stammen von Brod.
281 Tagebuch Max Brod, 26.Dezember 1917 (unpubliziert). Brief an Max Brod, vor dem 28.März 1918 (B4 33).
282 NSF2 30, 44, 55, 61, 68, 73, 91, 100f.
283 Im Herbst 1920 baute Kafka eine veränderte Version des ›Aphorismus‹ 69 in einen Brief an Brod ein, ohne ihn als Zitat kenntlich zu machen – ein Indiz dafür, dass Brod die Zürauer Zettel selbst nach Jahren noch immer nicht gesehen hatte. (Brief an Max Brod, 6.August 1920, B4 284; vgl. die ursprüngliche Version NSF2 65, 128)
284 Tagebuch, 25.September und 10.November 1917 (T 838, 843).
285 Franz Kafka, BEIM BAU DER CHINESISCHEN MAUER. UNGEDRUCKTE ERZÄHLUNGEN UND PROSA AUS DEM NACHLASS, hrsg. von Max Brod und Hans Joachim Schoeps, Berlin 1931; die BETRACHTUNGEN hier S.225–249. – Als Satzvorlage wurde eine (nicht von Kafka stammende) Schreibmaschinenabschrift verwendet, die mehrere sinnentstellende Fehler enthält; siehe NSF2 53.
286 Max Brod, FRANZ KAFKAS GLAUBEN UND LEHRE, Winterthur 1948.
287 Vor allem auf der Bühne. Kafka hat jedoch während des Krieges offenbar überhaupt kein jüdisches Theater gesehen. Im Januar 1917 gastierte eine jüdische Schauspieltruppe im Hotel Schwan, nur wenige Meter von seinem Büro entfernt, am 18.Januar gab es hier sogar einen ›Ehrenabend‹ für die Schauspielerin Flora Klug, die Kafka noch aus Jizchak {651}Löwys Ensemble kannte. Doch selbst diese Darbietungen scheinen ihn nicht dazu veranlasst zu haben, seine Arbeit in der Alchimistengasse zu unterbrechen. Lediglich den Kontakt zu Jizchak Löwy, dessen Erinnerungen ›Vom jüdischen Theater‹ er versprochen hatte zu redigieren (siehe NSF1 424ff., 430 ff.), hielt er noch eine Zeitlang aufrecht.– Zu Kafkas Begegnung mit dem ostjüdischen Theater siehe Stach, KAFKA. DIE JAHRE DER ENTSCHEIDUNGEN, S.46ff.
288 Moses Rath, LEHRBUCH DER HEBRÄISCHEN SPRACHE FÜR SCHUL- UND SELBSTUNTERRICHT, 2. Aufl., Wien 1917.
289 Miriam Singer, ›Hebräischstunden mit Kafka‹, in: Koch, »ALS KAFKA MIR ENTGEGENKAM ...«, S.151–154, hier S.152. – Die mangelnden Hebräischkenntnisse der Prager Zionisten boten noch jahrelang Konfliktstoff; siehe Oskar Epstein, ›Die Prager Zionisten und das Hebräische‹, in: Selbstwehr, 14. Jg., H. 42 (22.Oktober 1920).
290 Postkarte an Max Brod, 21.September 1918 (B4 52).
291 NSF2 29, Notat vom 19.Oktober 1917.
292 Brief an Robert Klopstock, Juni 1921 (B5).
293 Die einzige bemerkenswerte Ausnahme sind zwei Tagebucheintragungen vom 20.Juli 1916, in denen Kafka unmittelbar zu Gott spricht (T 798 f.). Selbst diese Sätze aber – niedergeschrieben in der psychischen Ausnahmesituation von Marienbad – sind alles andere als demütig: »Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende sondern auch verurteilt mich bis ins Ende hinein zu wehren.«
294 »Nach Gott sollte die augenblickliche Folge des Essens vom Baume der Erkenntnis der Tod sein, nach der Schlange (wenigstens konnte man sie dahin verstehn) die göttliche Gleichwerdung. Beides war in ähnlicher Weise unrichtig.« (NSF2 73)
295 NSF2 124, vgl. 58.
296 NSF2 94 und NSF2 App 230; NSF2 62.
297 NSF2 354.
298 Brief an Ottla Kafka, 4./5.September 1917 (B3 313); die Aussage ist überliefert auch in Brods Tagebuch vom selben Tag. – Im Original lautet der Satz: »Ich hätt’ euch für feiner gehalten!« (Richard Wagner, DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG, 2. Aufzug, 4. Szene.)
299 Die Äußerungen stammen vom 28.Februar 1920; siehe Brod, FRANZ KAFKA, S.71. – Brod muss es später bereut haben, dieses Gespräch überliefert zu haben, brachte es ihn doch in erhebliche Erklärungsnöte bei seinem Bemühen, Kafka zum jüdischen Denker zu stilisieren. Schließlich flüchtete er sich in die Behauptung, Kafka habe hier nur den säkularisierten Westjuden die Hoffnung genommen – eine Einschränkung, die durch den Kontext der Äußerung klar widerlegt wird. (Brod, FRANZ KAFKAS GLAUBEN UND LEHRE, S.246)
300 Max Brod an Kafka, 10.Oktober 1917 (B3 758). {652}