{147}Kafka trifft auf seine Leser

Nur am eigenen Tisch kann man satt werden.
Ostjüdisches Sprichwort
»Sehr geehrter Herr,
Sie haben mich unglücklich gemacht.
Ich habe Ihre Verwandlung gekauft und meiner Kusine geschenkt. Die weiß sich die Geschichte aber nicht zu erklären.
Meine Kusine hats ihrer Mutter gegeben, die weiß auch keine Erklärung.
Die Mutter hat das Buch meiner anderen Kusine gegeben und die hat auch keine Erklärung.
Nun haben sie an mich geschrieben. Ich soll ihnen die Geschichte erklären. Weil ich der Doctor der Familie wäre. Aber ich bin ratlos.
Herr! Ich habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit dem Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meinen Kusinen zum Teufel ginge, das ertrüg ich nicht.
Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn Sie haben mir die Suppe eingebrockt. Also bitte sagen Sie mir, was meine Kusine sich bei der Verwandlung zu denken hat.
Mit vorzüglicher Hochachtung
ergebenst Dr Siegfried Wolff«

So sahen sie aus, die kleinen, komischen Turbulenzen, wenn Kafkas frühe Texte auf Kafkas frühe Leser stießen – harmlose Vorboten jener ungeheuren diskursiven Brandung, die eine Generation später über seinem Nachlass zusammenschlagen sollte. Und es gab ihn wirklich, diesen tapferen Siegfried aus Berlin-Charlottenburg, sein Doktortitel war echt (rer. pol.), der Schützengraben ebenso (1915 verwundet), und von Beruf war er Bankdirektor. Unwahrscheinlich, dass Kafka sich den Spaß einer lakonischen Belehrung hat entgehen lassen. [151]  

Seine Tagebücher sprechen kaum je davon, doch spätestens seit der Veröffentlichung von BETRACHTUNG, mit der er vom Verfasser zum {148}Schriftsteller avancierte, kannte auch Kafka die sonderbare Erfahrung, die mit dem Auftauchen von Lesern einhergeht, mit jenem Eigenleben des literarischen Textes, das sich der Kontrolle und dem Perfektionswillen des Autors für alle Zeiten entzieht. ›Rezeptionsgeschichte‹ lautet der terminus technicus; aus Sicht der Leser das natürliche Medium von Literatur, denn ein anderes kennen sie gewöhnlich nicht. Für den Autor hingegen, für den der Text das Resultat einer Anstrengung ist, für den sich Anlässe, Ideen und Assoziationen, verworfene Varianten und ungebetene Einfälle, Blockaden und narzisstische Delirien zu einer ganz anderen Geschichte ordnen – für den Autor, selbst für den erfolgreichsten, ist der Beginn der Rezeption zugleich ein Ende: Es wird ihm etwas aus der Hand genommen, und Menschen, die er nicht kennt, machen sich darüber her. Auch Kafka ist diese Erfahrung nicht erspart geblieben: erstaunlich, absurd bisweilen, was man in seine schmalen Texte alles hineinlesen konnte. Doch anders als Brod widerstand er der Versuchung, mittels nachträglicher Belehrungen einzugreifen oder gar die Autorität des Schöpfers auszuspielen: Die eigene Deutung behielt er für sich, den Lesern ließ er die ihre.

Es dürfte nicht zuletzt der Tradition des Vorlesens zu verdanken sein, die in seinem engsten Freundeskreis gepflegt wurde, dass Kafka sich an den Anblick autonomer Leser mit autonomen Urteilen frühzeitig gewöhnte und einer allzu privatistischen und letztlich verantwortungsfreien Sprachspielerei entging. Er las sehr gern vor – teils, weil er das Gelungene erproben, teils, weil er den Genuss des Gelingens teilen und damit vervielfachen wollte. Beides freilich war am ehesten möglich vor kleinem, handverlesenem Publikum, zu dem irgendeine persönliche Beziehung bestand: die eigenen Schwestern; Brod, Baum und Weltsch; die Familie Bauer oder allenfalls noch ein halböffentlicher Kreis wie die Gäste der Frau Direktor Marschner, die einen ›Salon‹ unterhielt.

Etwas schwieriger schon war Kafka zum Betreten eines gänzlich anonymen Schauplatzes zu bewegen – hier rührte sich unvermeidlich sein Widerstand gegen jede Form sozialer Selbstdarstellung, und die Lust am Vorlesen war beeinträchtigt durch Störgeräusche des Über-Ichs, durch den nagenden Zweifel, mit welchem Recht ausgerechnet er sich hier in den Mittelpunkt drängte. Kafka fürchtete seine Adressaten durchaus nicht, doch er stellte die Stacheln auf, sobald deren Neugier an den Texten vorbei auch auf seine Person zielte, und {149}geradezu übel wurde ihm, als ein literaturversessener Gymnasiast ihn als »Ihr sehr ergebener Anhänger« grüßte. [152]  Ein einziges Mal hatte er in Prag vor einer Schar Unbekannter vorgetragen, in jenem Rausch der Unbedenklichkeit, in die DAS URTEIL ihn versetzt hatte – doch das lag schon vier Jahre zurück, und seither hatte sich ihm weder eine Gelegenheit geboten, noch hatte er Gelegenheiten gesucht. Selbst im Kreis der Freunde beschränkte sich Kafka seit langem aufs Zuhören. Was hätte er noch vorlesen sollen? Alle warteten auf die Vollendung des PROCESS und des VERSCHOLLENEN. Doch Kafka hatte von den gutgemeinten Aufmunterungen genug, er wusste, dass an einen Roman nicht mehr zu denken war: nicht, solange dieser Krieg dauerte. Und so hatte er sich, um die Stimme zu üben, auf das gelegentliche Vorlesen fremder Texte verlegt, mit Ottla als einziger Zuhörerin, an heißen Sommersonntagen, im Gras liegend, in einem stillen Tal, weit draußen vor der Stadt.

Dieser Friede wurde gestört durch eine unverhoffte Einladung: Die in München ansässige ›Galerie Neue Kunst Hans Goltz‹ schlug Kafka vor, einen literarischen Abend mit eigenen Texten zu gestalten. Das war verblüffend. Denn was hatte er mit dieser Stadt zu schaffen, wer wusste dort von ihm? Einst hatte er in München studieren wollen, hatte zwei Wochen lang sich umgesehen, doch geblieben war davon kaum mehr als eine trübe Erinnerung. Zuletzt war er 1913, auf der Rückreise von Riva, ein paar Stunden dort umhergewandert – das war beinahe schon alles. Die lebendige Schwabinger Szene kannte er gar nicht oder allenfalls aus den von Franz Blei verbreiteten Anekdoten, aber all das war ja längst überstrahlt durch die wie ein Leuchtfeuer wirkende Präsenz der Literaturmetropole Berlin. Dort hätte er gerne vorgelesen. Einige der Prager Bekannten waren seit Jahren ein Begriff in Berlin, selbst Oskar Baum hatte dort Förderer, doch ehe auch Kafkas Name den maßgeblichen Berliner Instanzen zu Bewusstsein gekommen war, hatte der Weltkrieg die noch zarten Beziehungen gekappt.

Dennoch war Kafkas Entschluss, nach München zu reisen, nur eine Sache von Stunden: Kaum hielt er die Einladung in Händen, diktierte er auch schon den Antrag für den obligatorischen Reisepass. Denn rasch wurde ihm klar, dass es sich hier keinesfalls um ein lokales Missverständnis handelte, dass vielmehr der Buchhändler, Verleger und Galerist Hans Goltz ein durchaus ernstzunehmendes und wiederum an der Berliner Avantgarde orientiertes Programm präsentierte: {150}›Abende für neue Literatur‹ hieß die Reihe, deren Premiere bereits Salomo Friedländer bestritten hatte. Und zugesagt hatten Else Lasker-Schüler, Alfred Wolfenstein und Theodor Däubler. Das konnte sich sehen lassen. Auch wenn es Kafka gewiss nicht behagte, dass der Veranstalter ausdrücklich »deutsche Expressionisten« ankündigte und damit die Lesungen in den Kontext einer Modeströmung stellte.

Wie aber war man gerade auf ihn verfallen? Ein unmittelbarer Anlass war nicht ersichtlich – ausgenommen vielleicht jener verständige und anerkennende Aufsatz, der im Sommer im Berliner Tageblatt erschienen war und der Kafka in einem Atemzug mit Kleist nannte. [153]  Oder wusste man schon von der endlich bevorstehenden Buchpublikation des URTEILS, eines dünnen Bändchens, zu dem er seinen Verlag überredet hatte? Auch das nicht – es war alles viel einfacher und für Kafka nun allerdings ernüchternd. Denn wie schon beim Fontane-Preis im Jahr zuvor war er wieder einmal nur als Beifahrer gemeint; die eigentliche Einladung aber hatte dem weitaus bekannteren Max Brod gegolten, und dieser hatte vorgeschlagen, irgendwann auch Kafka lesen zu lassen – gemeinsam mit einem anderen Autor, falls das Prager Talent nicht schon Attraktion genug sein sollte. » … meine Lust zu fahren ist entsprechend geringer geworden«, seufzte Kafka. [154]  Ein einziger Auftritt in all den Jahren, und selbst den hatte er, wie so vieles, wiederum nur Brod zu verdanken.

An Absage dachte er trotzdem nicht. Denn immerhin bot die Reise nach München auch die Chance, Felice zu treffen – was nicht gering zu schätzen war angesichts der soeben in Kraft getretenen verschärften Passbestimmungen, die Vergnügungsfahrten ins Deutsche Reich so gut wie unmöglich machten. Man hatte jetzt nachzuweisen, dass die Reise notwendig war, man benötigte den österreichischen Reisepass, ein ›Grenzüberschreitungszertifikat‹ sowie einen Stempel des deutschen Konsulats, und selbstverständlich hatte man sich bei der deutschen Polizei an- und abzumelden. Da Lesungen auch damals zu den beruflichen Gepflogenheiten eines Schriftstellers gehörten, wurden sie, gegen Vorlage der Einladung, im Allgemeinen als Reisezweck anerkannt (sofern das betreffende Individuum »verlässlich und unbedenklich« war, wie in Kafkas Polizeiakte nachzulesen ist). Für den Wochenendtrip nach Berlin hingegen hätte er eine neuerliche Verlobungsanzeige vorzeigen müssen, und davon konnte jetzt gar keine Rede sein.

Tatsächlich erklärte sich Felice sofort bereit, zwei kostbare Urlaubstage zu opfern, überdies einen Freitag und einen Sonntag im Zug zu verbringen, nur um Kafka für wenige Stunden wiederzusehen. In solchen Dingen war sie bedenkenlos; ja, sie wunderte sich sogar darüber, dass er nicht die Gelegenheit nutzte, den polizeiwidrigen Umweg über Berlin zu nehmen, wo er doch, beispielsweise, das vielbesprochene Jüdische Volksheim hätte besichtigen können. Doch für Verbotenes war Kafka nicht zu haben, auch wenn er das, der Briefzensur wegen, so ausdrücklich nicht sagen durfte. Immerhin fand er heraus, dass sich die Züge aus Prag und aus Berlin auf ihrem Weg nach München vereinigten, sodass man schon gegen Mittag im Speisewagen Wiedersehen feiern würde – auch er rechnete in Stunden.

Es gab noch andere, ernstere Hindernisse. Was eigentlich hatte Kafka dem Münchener Publikum zu bieten? Aus abgebrochenen Werken vorzulesen kam keinesfalls in Frage – das Selbstbewusstsein eines Thomas Mann, der in ebendiesen Tagen mit seinem FELIX KRULL-Fragment auf Lesereise ging, wäre Kafka wohl nicht einmal als erstrebenswert erschienen. Andererseits galt es, auch den anwesenden Kennern eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie er sich seit seinem Debüt entwickelt hatte und wo er sich gegenwärtig befand. Es gab nur einen einzigen unveröffentlichten Text, der dies leisten konnte: IN DER STRAFKOLONIE. Gerade diese Erzählung aber würde selbst die gutwilligsten Zuhörer einer harten Prüfung unterziehen, und den Beweis dessen hielt er bereits in der Hand. Denn Kurt Wolff, seit wenigen Wochen vom Militärdienst freigestellt und endlich zurück in seinem Leipziger Verlag, hatte Bedenken dagegen erhoben, IN DER STRAFKOLONIE separat zu veröffentlichen. Sein Schreiben ist nicht erhalten, doch Kafkas Antwort lässt erkennen, dass es hier keineswegs um programmtaktische Finessen, sondern um Grundsätzliches ging:

»Ihre freundlichen Worte über mein Manuskript sind mir sehr angenehm eingegangen. Ihr Aussetzen des Peinlichen trifft ganz mit meiner Meinung zusammen, die ich allerdings in dieser Art fast gegenüber allem habe, was bisher von mir vorliegt. Bemerken Sie, wie wenig in dieser oder jener Form von diesem Peinlichen frei ist! Zur Erklärung dieser letzten Erzählung füge ich nur hinzu, dass nicht nur sie peinlich ist, dass vielmehr unsere allgemeine und meine besondere Zeit gleichfalls sehr peinlich war und ist und meine besondere sogar noch länger peinlich als die allgemeine. Gott weiss wie tief {152}ich auf diesem Weg gekommen wäre, wenn ich weitergeschrieben hätte oder besser, wenn mir meine Verhältnisse und mein Zustand das, mit allen Zähnen in allen Lippen, ersehnte Schreiben erlaubt hätten. Das haben sie aber nicht getan. So wie ich jetzt bin, bleibt mir nur übrig auf Ruhe zu warten, womit ich mich ja, wenigstens äusserlich als zweifelloser Zeitgenosse darstelle. Auch damit stimme ich ganz überein, dass die Geschichte nicht in den ›Jüngsten Tag‹ kommen soll.« [155]  

Den offenbar eher höflichen als enthusiastischen Gegenvorschlag Wolffs, die Erzählung mit anderen zu bündeln, lehnte Kafka ab. Und mit einem gewissen Trotz teilte er Wolff mit, in Kürze werde er IN DER STRAFKOLONIE öffentlich vortragen.

Bei all den Selbstbezichtigungen, ohne die es bei Kafka nicht abging: Der Unterton der Verärgerung wird dem feinsinnigen Verleger kaum entgangen sein. Ganz ungewöhnlich war jedoch, dass Kafka sein Werk diesmal nicht allein aus inneren Notwendigkeiten rechtfertigte, sondern als symptomatische Erscheinung der Gegenwart. Offenbar befremdete es ihn, dass der Oberleutnant Wolff, der auf zwei Jahre Kriegseinsatz in Frankreich und auf dem Balkan zurückblickte, die Grausamkeiten und physischen Krassheiten der STRAFKOLONIE noch als »peinlich« erleben konnte. Gewiss, das eine war ungeheure Wirklichkeit, das andere nur Literatur. Doch welcher Schriftsteller, der das eigene Tun noch irgend ernst nimmt, kann sich mit dieser Rangfolge abfinden? Musste man denn ausgerechnet Kurt Wolff begreiflich machen, dass Literatur, wahrhaftige Literatur, sich allein daran bemisst, wie weit sie zum Kern der Wirklichkeit vorzustoßen vermag? Kafkas Erzählung war entstanden in einem Augenblick, da andernorts eine Orgie der Gewalt entfesselt wurde, eine gleichsam hyperreale Gewalt, die ins Phantastische umzuschlagen schien – es wäre ihm ein Leichtes gewesen, diesen Zusammenhang dem Verleger noch viel zwingender vor Augen zu führen (dann allerdings hätte auch der Briefzensor verstanden).

So fremd Kafka das Denken in politischen Begriffen war – ihm war durchaus bewusst, dass die STRAFKOLONIE, die mit dem Tod eines technokratischen Peinigers endet, als entschieden ›zeitgemäße Betrachtung‹ gelesen werden konnte, dass dies alles andere als ein opportuner Text war und dass sich Gründe genug würden finden lassen, die Lesung zu unterbinden. Entschieden wurde darüber im Pressereferat der Münchener Polizeidirektion, der jedes öffentliche {153}Wort vorab einzureichen war, und was die dortige Textexegese erbringen würde, war kaum vorhersehbar. Zumal der Name des Galeristen Goltz in Münchener Polizeikreisen nicht der beliebteste war. Mehrmals schon hatte der Förderer Franz Marcs und Wassily Kandinskys das Straßenpublikum mit modernster Kunst provoziert, und vor den Schaufenstern in der Briennerstraße, gleich neben dem Künstlertreff ›Café Luitpold‹, hatte man die aufgebrachte Menge zerstreuen müssen.

So hing Kafkas Wiedersehen mit der Geliebten vom Wohlwollen eines anonymen und unerreichbaren Münchener Polizeibeamten ab – selbst für ihn, der täglich erlebte, wie Stempel über Existenzen entschieden, eine einprägsame Erfahrung. »Es macht mich noch immer nervös«, gestand er wenige Tage vor der geplanten Reise, »ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es genehmigt wird, so unschuldig es in seinem Wesen ist.« [156]  Unschuldig? Nun, eine Verordnung, nach der Staat und Gesellschaft vor Kafkas Erzählung zwingend zu schützen waren, fand sich tatsächlich nicht. Doch den Begriff Strafkolonie, so wurde Hans Goltz bedeutet, sollte man in der öffentlichen Ankündigung doch lieber vermeiden. Denn Strafkolonien fielen ins Ressort des Bayerischen Kriegsministeriums, und dessen Zensor forderte man besser nicht heraus. Und so wählte Goltz unter allen Titeln, die ihm einfielen, einen wahrhaft unschuldigen: »Franz Kafka: Tropische Münchhausiade«. [157]  

Konnte es noch schlimmer kommen? Unerwartet traf jetzt die Nachricht ein, dass Brod keinen Urlaub bekam und dass Kafka am Abend des 10.November 1916 den Prager ›Expressionismus‹ ganz allein, ganz auf eigene Rechnung zu vertreten hatte. Mit einer Lügengeschichte.

»Mit den ersten Worten schien sich ein fader Blutgeruch auszubreiten, ein seltsam fader und blasser Geschmack legte sich mir auf die Lippen. Seine Stimme mochte entschuldigend klingen, aber messerscharf drangen seine Bilder in mich ein …
Ein dumpfer Fall, Verwirrung im Saal, man trug eine ohnmächtige Dame hinaus. Die Schilderung ging inzwischen fort. Zweimal noch streckten seine Worte Ohnmächtige nieder. Die Reihen der Hörer und der Hörerinnen begannen sich zu lichten. Manche flohen im letzten Augenblick, bevor die Vision des Dichters sie überwältigte. Niemals habe ich eine ähnliche Wirkung von gesprochenen Worten beobachtet. Ich blieb bis zuletzt ...« [158]  
{154}

Man wüsste gern Genaueres. Wer waren die drei Unglücklichen, wie waren sie in eine Lesung Kafkas geraten? Und was genau hatte sie niedergestreckt: jene unsäglichen Gedichte Brods (unter anderem eine längliche ›Kosmische Kantate‹), die Kafka einleitend und zur Entschuldigung des Freundes las; oder der ›Blutgeruch‹, der vorne vom Podium aufstieg; oder war es bloße Langeweile, die sie in den Schlaf zwang? Und was taten sie, als sie erwachten? Erstatteten sie Anzeige wegen Körperverletzung? Gegen den Inhaber der Galerie? Gegen Kafka?

Eine hinreißende Slapstick-Phantasie, gewiss: ein Dichter, der ungerührt weiterliest, während seine Zuhörer teils hinausgetragen werden, teils auf eigenen Beinen das Weite suchen. Dennoch zählt es zu den eher ärgerlichen Pointen, dass die einzige ausführliche Schilderung von Kafkas Münchener Lesung, verfasst von dem Schweizer Schriftsteller Max Pulver, tatsächlich die Gestalt einer Münchhausiade hat: ein Bericht, in dem buchstäblich jede Einzelheit erlogen ist und der seinen thrill aus den einfältigsten Kafka-Legenden bezieht. [159]  Welche Chance er da vorübergehen ließ, hatte der Geisterseher, Hobby-Astrologe und spätere Graphologe Pulver auch nach Jahrzehnten noch nicht verstanden: Er war nicht nur Zeuge der einzigen außerhalb von Prag stattfindenden Lesung Kafkas gewesen, sondern hatte offenbar auch das einzige Zusammentreffen Kafkas mit Rilke beobachtet – ein ganz außerordentliches Ereignis auch für Kafka selbst, dessen verborgene und äußerlich literaturferne Existenz zu derartigen Begegnungen ja kaum je Gelegenheit bot. Und so bleibt alles in einem eigentümlichen Zwielicht: jene stadtbekannte Galerie im ersten Stock der Buchhandlung Goltz, behängt mit Werken der Neuen Sezession, darin einige Dutzend Zuhörer, die meisten in Mänteln (auch in München herrschte längst Kohlennot), unter ihnen Rilke nebst einigen weiteren Autoren und Kritikern, nicht zu vergessen Felice Bauer, gewiss auf einem Ehrenplatz in der ersten Reihe. Danach die übliche kleine Runde im Restaurant, leider ohne Rilke, stattdessen mit Vertretern der lokalen literarischen Szene wie Eugen Mondt, Gottfried Kölwel und Max Pulver. »Ich hätte meine kleine schmutzige Geschichte nicht lesen sollen«: So lautet die einzige Äußerung Kafkas, die von diesem Abend glaubhaft überliefert ist. [160]  Er hatte, nach langer Zeit, wieder einmal versucht, sich am eigenen Feuer zu erwärmen. Der Funke aber war ausgeblieben.

Das war auch den Vertretern der Presse nicht entgangen. Er sei »ein recht ungenügender Übermittler«, konnte Kafka schon am folgenden Tag in den Münchner Neuesten Nachrichten lesen; »ein Lüstling des Entsetzens«, hieß es am Sonntag in der Münchener Zeitung, während Kafka schon wieder im Zug saß; »zu lang, zu wenig fesselnd«, wurde ihm noch am Montag von der München-Augsburger Zeitung nachgerufen … Auf die Zusendung weiterer Rezensionen verzichtete er. Und natürlich gab er allen recht, bekräftigte noch »den tatsächlich grossartigen Misserfolg, den das Ganze hatte«:

»Ich habe mein Schreiben zu einem Vehikel nach München, mit dem ich sonst nicht die geringste geistige Verbindung habe, missbraucht und habe nach 2jährigem Nichtschreiben den phantastischen Übermut gehabt, öffentlich vorzulesen, während ich seit 1½ Jahren in Prag meinen besten Freunden nichts vorgelesen habe. Übrigens habe ich mich in Prag auch noch an Rilkes Worte erinnert. Nach etwas sehr Liebenswürdigem über den Heizer, meinte er weder in Verwandlung noch in Strafkolonie sei diese Konsequenz wie dort erreicht. Die Bemerkung ist nicht ohne weiters verständlich, aber einsichtsvoll.« [161]  

Rilke hatte offenbar alles gelesen – dies allein genügte nun allerdings, um Kafka trotz aller Widrigkeiten in entschlossener Stimmung nach Prag zurückkehren zu lassen. Was kümmerten ihn die paar Zuhörer, denen die Lesung zu lang geworden war, oder die Journalisten, denen sein zurückhaltendes Auftreten so gar nicht expressionistisch vorkommen wollte. Weitaus tieferen Eindruck machte ihm die Erfahrung, dass in diesem fremden Milieu sich niemand für den Bruder, Freund, Liebhaber, Kollegen, Untermieter, Fabrikbesitzer oder Zionisten Kafka interessierte. Er war als Schriftsteller, ausschließlich als Schriftsteller eingeladen und wahrgenommen worden: Man sprach über seine Arbeiten, befragte ihn nach der literarischen Szene in Prag, ja, es wurden ihm sogar Gedichte zur Begutachtung vorgelegt, als sei sein kritisches Wort von Gewicht. Zu rechtfertigen war das nicht, fand er, am wenigsten durch die Leistung, die er selbst in München erbracht hatte. Doch es war kostbar als Mahnung. Kafka erinnerte sich daran, dass er in Prag Rollen spielte, viel zu viele Rollen. Und dass er eine Aufgabe hatte, die unerledigt war.

Nur wenige Tage ließ er noch verstreichen. Dann betrat er das Büro einer Maklerin. Eine Wohnung brauchte er jetzt, das war der erste, unumgängliche Schritt, eine große, stille und vor allem eigene Wohnung.


Felice Bauer war die Erste, die den Umschwung zu spüren bekam. Und sie wusste, welchen Anteil sie daran hatte. Denn hinter Kafkas unvermittelter Straffheit verbarg sich eine Enttäuschung, die tiefer reichte als der äußerliche Misserfolg der Lesung. Es war ihnen nicht gelungen, die Intimität von Marienbad hinüberzuretten in eine so eng umgrenzte, von fremden Menschen und von Fahrplänen beherrschte Situation. Was sollte man mit den wenigen Stunden beginnen? Die ersehnte Vertrautheit blieb aus, Spannungen kamen auf, schließlich saßen sie in einer Konditorei und stritten miteinander. Worüber? Wir wissen es nicht. Vielleicht über den Gruß zum jüdischen Neujahrsfest, den Felices strenge Mutter erwartet und den Kafka verweigert hatte. Vielleicht über die Blumen, die er seinen Eltern in Felices Auftrag hatte überreichen sollen – auch das hatte er abgelehnt. Er blieb, wenn es um familiäre Verbindlichkeiten ging, so stur wie eh und je. ›Eigensucht‹ warf sie ihm vor – und das, nachdem Kafka, wie er glaubte, bis zur Selbstaufgabe in ihr Leben eingetaucht, sich mit ihrer Arbeit im Volksheim identifiziert, wochen- und monatelang das gemeinsame Interesse beschworen hatte.

Es werde nicht wieder vorkommen, beschwichtigte sie von Berlin aus. Doch, es werde gewiss wieder vorkommen, entgegnete er (und sollte damit recht behalten). Aber gerade von ihr, die es doch besser wissen müsste, könne er den Vorwurf der Eigensucht keinesfalls hinnehmen. Dieser Vorwurf sei zwar berechtigt, aber – hier erhob sich plötzlich ein selbstbewusster Ton, der Felice neu war – ebenso berechtigt sei die Eigensucht selbst, »die weniger, unvergleichlich weniger auf die Person, als auf die Sache geht«. Auf die Sache, auf das Schreiben also. Und als müsse er die letzten Schatten des Askanischen Hofs bannen (dessen kalten Anhauch er in der Münchener Konditorei zweifellos verspürt hatte), fügte er hinzu: »mein Schuldbewusstsein ist immer stark genug, es braucht keine Nahrung von aussen, aber meine Organisation ist nicht stark genug, um häufig solche Nahrung hinunterzuwürgen.« Ich sitze auf dem Richterstuhl, niemand sonst. Das war die alte Strategie, auf den kürzesten Nenner gebracht. [162]  

Kafka zieht die Fühler ein. Sein symbiotisches Begehren hat sein Ziel verfehlt, ist abgewiesen worden – in den Tagen nach München beginnt er zu verstehen, dass es anders nicht sein kann, dass auf Erfüllung nicht zu hoffen ist, solange er darauf besteht, die Literatur in die Symbiose mitzunehmen. Felice aber hat DIE VERWANDLUNG {157}gelesen; in München hat sie – wahrscheinlich unvorbereitet – den Schock der STRAFKOLONIE über sich ergehen lassen. Unfassbar ist ihr, im buchstäblichen Sinne, dass die Entfesselung derartiger Phantasien, das Spiel mit dem Schrecken, das offensive, sogar öffentliche Überschreiten der Ekelgrenze je zu einer Sache werden könnte, an deren Erfordernissen sich das intimste Leben zweier Menschen auszurichten hat. An gutem Willen fehlt es ihr nicht, doch sie fühlt die Grenzen des eigenen empathischen Vermögens. Vage kündigt sie eine ›Lösung‹ an, irgendeine pragmatische Maßnahme, um Literatur und Ehe doch noch zu versöhnen. Doch konkreter wird sie nicht, und an Maßnahmen glaubt wiederum Kafka nicht.

Abrupt verschwindet das Jüdische Volksheim aus der Korrespondenz. Kafka sendet weiterhin Bücher, besorgt ein Verzeichnis empfehlenswerter Literatur für Jugendliche, lässt gar sein Autorenhonorar nach Berlin überweisen. Doch er fragt nicht mehr, rät nicht mehr, hält nicht mehr das gemeinsame Interesse wach. Felice wiederum begreift nicht den zutiefst imaginativen Charakter seiner Anteilnahme. Das gemeinsame Nachdenken über die ostjüdischen Kinder ist ihm wichtiger als die Kinder selbst, ihre schriftlichen Berichte darum auch wichtiger als der Augenschein, an dem er den Realitätsgehalt seiner Vorstellungen überprüfen könnte. Die mächtige, identitätsbildende Utopie der Wahrheit und des wahren Lebens ist der Kern, um den alle diese Imaginationen kreisen, und das Volksheim, so hat er gehofft, ist ein Beispiel, das sie lehren würde, was diese Begriffe ihm bedeuten. Doch er findet sie unverändert, unbelehrt, und die Kompassnadel, die stets auf Wahrheit ausgerichtet ist, dreht sich. Sie zeigt nicht mehr nach Berlin, sie zeigt auf ein paar leere Schulhefte, die Kafka sich besorgt hat.


»Weihnachten? Ich werde nicht fahren können.« [163]  Damit sind diesmal nicht die Passverordnungen gemeint. Felice hat Einwände, macht Vorschläge, über die Kafka kurz angebunden hinweggeht. Er braucht die Feiertage, die wenigen freien Tage für sich selbst, und dringender denn je. Wozu, wird er ihr später erklären.

Ende 1916 senkt sich der Vorhang; erneut reißt die Überlieferung ab. Ein einziger Brief an Felice Bauer ist erhalten aus der ersten Jahreshälfte 1917, aus Kafkas Tagebuch nur wenige Zeilen. Gesehen haben sich die beiden über vier, fünf, vielleicht sechs Monate nicht mehr, {158}ein stilles, unseren Blicken entzogenes, jedoch kaum überraschendes Erlöschen. [164]  Denn sobald Kafkas verführerische Stimme schweigt, wird offenkundig, das etwas Entscheidendes fehlt und dass das Ausbleiben jeder kosenden Geste, überhaupt jedes erotischen Moments eine Leerstelle anzeigt, die auf Dauer nicht zu kompensieren ist: weder durch die vereinte Arbeit an der ostjüdischen Aufgabe noch durch die gemeinsamen Probleme einer westjüdischen Identität, ja nicht einmal durch Kafkas wahrhaft virtuose Einfühlung. Symbiose ist denkbar nur in einem Zustand der Selbstvergessenheit, die dem eigenen Begehren sich ausliefert – wie der Traum und der Wahn. Unmöglich hingegen, Symbiose willentlich und planvoll herbeizuführen. Es ist gerade der Aufwand, die Anstrengung, und sei es die zeitweilig geglückte, welche die unvermeidliche Enttäuschung aus sich hervortreibt.

Kafka: Die Jahre der Erkenntnis
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