{488}Pensionär und HUNGERKÜNSTLER
Alle halbwegs größeren Schneckenhäuser
geben einen guten Resonanzboden ab …
Brehms Tierleben
»In meiner Kanzlei wird immer noch gerechnet, als finge mein Leben erst morgen an, indessen bin ich am Ende.« [577] Gewiss, es gibt auch innere Kanzleien, undurchdringlich wie k.u.k. Behörden, und manchmal verstreicht viel Zeit, ehe sie die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen. Doch als Kafka nach drei Wochen aus Spindelmühle zurückkehrte – er hatte dort noch einige Tage ohne seinen Arzt verbracht –, musste er feststellen, dass es auch andere, weit funktionstüchtigere Kanzleien gab, zum Beispiel in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, und dort war in seiner Abwesenheit sehr vernünftig gerechnet worden.
Bereits für Kafkas Urlaub im Riesengebirge war eine neuerliche Verlängerung des Krankenurlaubs notwendig gewesen, und er hatte diesmal nicht viel mehr anbieten können als die Hoffnung auf Besserung und auf eine »allmähliche« Wiederaufnahme des normalen Bürodienstes. Überzeugend klang das nicht, und nachdem der Amtsarzt schon Monate zuvor Kafkas Pensionierung vorgeschlagen hatte, war allen Beteiligten klar, dass dieser Fall auf Messers Schneide stand. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in eben den Tagen, da Kafka sich über seinen neuen großen Roman beugte, in der Anstalt darüber beraten wurde, wie weiter mit ihm zu verfahren sei. Noch immer war der tschechische Direktor nicht bereit, einen seiner kompetentesten Beamten mit 38 Jahren nach Hause zu schicken. Doch die medizinischen Einlassungen Dr.Kodyms, die mündlich wohl noch um einiges unverblümter ausfielen, zeigten jetzt Wirkung. Man musste damit rechnen, dass Kafka über Jahre nicht mehr dienstfähig sein würde, ja, es war sogar möglich, dass seine Tuberkulose bereits unheilbar war.
So wurde er bei seiner Rückkehr am 17.Februar 1922 mit einer erstaunlichen Entscheidung konfrontiert: Die Anstalt beförderte ihn zum Obersekretär, genehmigte eine »außerplanmäßige Gehaltsvorrückung« auf jährlich knapp 21 000 tschechische Kronen (was einer Steigerung um 11 Prozent entsprach), machte die Auszahlung des verbesserten Gehalts jedoch davon abhängig, dass er wieder zum Dienst erscheine. Was das bedeutete, konnte Kafka unschwer erraten, und Direktor Odstrčil hatte keinen Grund, es ihm zu verheimlichen: Es ging nicht vorrangig um sein aktuelles Einkommen, vielmehr darum, Kafka im Fall eines weiteren gesundheitlichen Niedergangs eine erträgliche Pension zu sichern, eine Pension, die nach nur knapp vierzehn Dienstjahren natürlich weitaus niedriger ausfallen musste als am Ende einer Beamtenlaufbahn von üblicher Dauer. Dass das Urteil des Direktors über einen der wenigen verbliebenen deutschen (und gar jüdischen) Beamten bei dieser fürsorglichen Maßnahme eine entscheidende Rolle spielte, ist gewiss; andererseits bedeutete sie auch das Eingeständnis der Behörde, dass man in die Wiederkehr des Dr.Kafka keinen rechten Glauben mehr setzte.
Die Klugheit dieser Maßnahme sollte sich nur allzu bald erweisen. Es sind spärliche Indizien, die über Kafkas körperlichen Zustand in jenen Monaten überliefert sind – nur noch Stichworte notierte er im Tagebuch –, doch er hatte weiterhin erhöhte Temperatur und verbrachte gelegentlich ganze Tage im Bett. Ende April erschien er neuerlich beim Amtsarzt, er brauchte ein Attest, um – wie schon in den Jahren zuvor – seinen regulären fünfwöchigen Urlaub unmittelbar anschließen zu können. Dass Kafka noch immer dienstunfähig war, überraschte niemanden, und auch Dr.Kodym wagte es nicht mehr, irgendwelche Hoffnungen zu wecken. Die Lungenerkrankung, konstatierte er, sei zwar nicht weiter fortgeschritten; aber »in absehbarer Zeit ist nicht zu erwarten, dass der Gesundheitszustand sich so weit bessert, dass Herr Dr.Kafka den Dienst in der Anstalt wieder antreten kann«. In absehbarer Zeit. Nur Kafkas Hausarzt hielt es noch immer für möglich, dass er nach einigen weiteren Monaten systematischer Kur in den Dienst werde zurückkehren können, doch hier lag der Verdacht des professionellen Zweckoptimismus schon allzu nahe, und das Votum des Amtsarztes hatte natürlich größeres Gewicht. [578]
Spätestens nach dessen Attest vom April musste sich auch Odstrčil {490}den Tatsachen beugen: Einem abwesenden Beamten das volle Gehalt auf unbestimmte Zeit anzuweisen wäre selbst bei bester Protektion nicht durchsetzbar gewesen. Für solche Fälle gab es die Einrichtung des ›vorläufigen Ruhestands‹, auch ›Teilpensionierung‹ genannt, nach der nur noch eine Pension ausgezahlt wurde, die Wiederaufnahme des aktiven Dienstes jedoch weiterhin möglich blieb. Als Kafka im Mai bei seinem Direktor auch persönlich vorsprach [579] , zeigte sich, dass es schon nicht mehr um die Frage der Pensionierung, sondern nur noch um die Höhe der Pension gehen konnte und dass er wohl am besten beraten war, wenn er der Behörde zuvorkam und seine fatale Situation offenlegte. So geschah es am 7.Juni, nur vier Tage vor Ablauf seines regulären Urlaubs: Kafka stellte einen Antrag auf Versetzung in den vorläufigen Ruhestand, bat jedoch darum, die Pension nicht aus seinem laufenden Gehalt zu errechnen, sondern aus dem höheren Gehalt eines Obersekretärs, das man ihm für den nächsten Dienstantritt zugesagt hatte – weil ansonsten die Bezüge »sehr gering und besonders hinsichtlich der Notwendigkeit einer ärztlichen Behandlung völlig unzureichend wären«. [580]
Ein Bittbrief also. Das war zweifellos demütigend, vor allem in Erinnerung daran, dass er schon vor Jahren mit Kündigung gedroht und unbezahlten Urlaub verlangt hatte. Die Tuberkulose duldete solche Ausbruchsversuche natürlich nicht mehr, und zum erstenmal in seinem Leben befand sich Kafka in einer finanziell prekären Lage, die ihn zu langfristigen Kalkulationen zwang. 2700 Kč betrug die Honorarrechnung Dr.Hermanns allein für das erste Halbjahr 1922, dazu kamen die Kosten für regelmäßige Bestrahlungen und für Medikamente. Kafka konnte sich ausrechnen, dass selbst im günstigsten Fall die Krankheit weit mehr als die Hälfte seiner Pension verschlingen würde und dass Aufenthalte in Sanatorien unter solchen Umständen überhaupt nicht mehr zu finanzieren waren. Dabei waren die Reserven, auf die er allenfalls hätte zurückgreifen können, schon nahezu aufgezehrt. Einigen Notizen zufolge, die Kafka für seine Steuererklärung 1920 verwendete, besaß er ein Sparbuch, das ihm an jährlichen Zinsen etwa ein halbes Monatsgehalt einbrachte, einige Aktien der Österreichischen und Tschechischen Eisenbahnen, die überhaupt noch keine Rendite erbracht hatten, außerdem k. u. k. Kriegsanleihen, die in der ČSR natürlich nicht eingelöst, sondern (ab 1921) lediglich für langfristige Staatsanleihen eingetauscht wurden. Da er für {491}die unselige Asbestfabrik noch beträchtliche Steuerforderungen zu begleichen hatte, ist es wahrscheinlich, dass im Jahr 1922 diese Wertpapiere bereits verkauft waren. Es drohte, was Kafka seit Jahren beinahe panisch zu vermeiden suchte: die Abhängigkeit vom Vermögen der Eltern. Und nur ein geringer Trost war es daher, dass mit der vorläufigen Pensionierung ab dem 1.Juli auch eine verhältnismäßig günstige Regelung der Bezüge genehmigt wurde: 10 608 Kč jährlich, plus 1920 Kč Teuerungszulage, insgesamt etwa 60 Prozent seines bisherigen Einkommens. Kafka wusste, dass er damit jetzt auskommen musste, und wahrscheinlich für immer. [581]
Er war verschlossener geworden in den letzten Monaten, auch weniger verbindlich, und das bekam nun vor allem Robert Klopstock zu spüren. Der Medizinstudent, der noch immer in der Hohen Tatra ausharrte, kannte ja Kafka nur als Kurpatienten, fernab seiner alltäglichen Verpflichtungen; die Beziehung war herzlich, Kafka zog Klopstock ins Vertrauen und erwies sich – auch gegenüber anderen Gästen – als aufmerksamer Zuhörer und Berater. Seine Hilfsbereitschaft war erstaunlich, noch Monate nach dem Abschied von Matliary lief Kafka von Amt zu Amt, um für Klopstock einige Vergünstigungen zu erlangen und ihm die Übersiedelung nach Prag zu ermöglichen. Freilich, er schrieb bei weitem nicht so häufig und ausführlich, wie der nach Gesprächen dürstende Klopstock es sich erhofft hatte, und vor allem, wenn es um die eigenen Sorgen ging – auch die gesundheitlichen –, musste man buchstäblich jede Einzelheit hervorlocken. Aus Spindelmühle schickte Kafka bloß eine Karte, und als er nach seiner Rückkehr schon wieder ein forderndes Telegramm Klopstocks vorfand, reagierte er trotzig und ließ die Mutter antworten.
Klopstock verstand das nicht, er war enttäuscht, und um der drohenden Entfremdung zu begegnen, begann er, heftiger um Kafka zu werben, machte ihm jedoch gleichzeitig auch Vorhaltungen. In Matliary sei doch alles ganz anders gewesen, klagte er. Keineswegs, widersprach Kafka, dieses idealisierte »Phantom«, das Klopstock jetzt aus ihm mache, gebe es doch nur in den Briefen. »Sie werden ganz ohne Leid erkennen, dass es nicht existiert, sondern nur ein schwer erträglicher, in sich vergrabener, mit fremdem Schlüssel in sich versperrter Mensch, der aber Augen hat, zu sehn und sich über {492}jeden Schritt vorwärts, den Sie machen werden, sehr freuen wird und über Ihre grosse Auseinandersetzung mit der auf Sie einströmenden Welt.« [582] Mit solchen Allgemeinheiten war Klopstock natürlich nicht gedient, und als er im April 1922 endlich nach Prag kam, um sich an der Deutschen Universität zu immatrikulieren und das unterbrochene Studium fortzusetzen, fand er seine Befürchtungen bestätigt: Kafka war zwar hilfsbereit wie stets, er hatte Klopstocks Übersiedelung nach Kräften vorbereitet, er beherbergte ihn vorübergehend und verschaffte ihm sogar eine kleine Stellung im Labor des Dr.Hermann – doch jeden Tag sehen wollte er ihn nicht. [583]
Auch Klopstock musste jetzt lernen, was Brod im Laufe von zwei Jahrzehnten mit Mühe verinnerlicht hatte: Eine Freundschaft mit Kafka war nur möglich, wenn man sein Bedürfnis, allein zu sein, jederzeit und unbedingt respektierte, vor allem auch dann, wenn sein Rückzug völlig überraschend und unmotiviert schien. Es sollte noch einige Zeit dauern, ehe der Mediziner verstand, dass diese Regel gar nicht ihm persönlich galt. Als Kafka ihn einmal unnachgiebig auf den folgenden Tag vertröstete, reagierte Klopstock wie ein abgewiesener Liebhaber und schickte ihm einige traurige und wohl auch anklagende Zeilen in die Wohnung. Offenbar war er der Ansicht, er werde nur deshalb auf Distanz gehalten, weil der Schriftsteller und Obersekretär Kafka in Prag nicht mehr auf ihn angewiesen sei und weil er ihn nicht für »ebenbürtig« halte. Das war nun allerdings von der Wahrheit so weit entfernt, dass auch Kafka sich genötigt fühlte, schriftlich zu reagieren: »Die angebliche ›Unebenbürtigkeit‹ besteht darin, dass wir verzweifelte Ratten, die den Schritt des Herrn hören, nach verschiedenen Richtungen auseinander laufen, z.B. zu den Frauen, Sie zu irgendjemandem, ich in die Litteratur, alles allerdings vergeblich, dafür sorgen wir schon selbst durch die Auswahl der Asyle, durch die Auswahl der besondern Frauen u.s.w. Das ist die Unebenbürtigkeit.« [584]
Besonders liebenswürdig klang das nicht. Klopstock aber hatte mit seinem Verhalten – und auch mit Andeutungen in seinem Brief – einen schlimmen Verdacht erweckt: War er etwa ausschließlich Kafkas wegen in Prag? Dass er sein Studium unmöglich in Budapest fortsetzen konnte, hatte Gründe, über die man schon in Matliary ausführlich beraten hatte: Die antisemitisch aufgeheizte Stimmung war dort unerträglich, sämtliche ungarischen Universitäten hatten bereits – als {493}Erste in Europa – Zugangsbeschränkungen für Juden eingeführt, und Klopstock fürchtete sogar um sein Leben für den Fall, dass er ohne Reisepass in Ungarn festsitzen würde. Auch an der Prager Deutschen Universität war man vor judenfeindlichen Aggressionen keineswegs sicher, wie er sehr bald erfahren sollte, dort gab es im Sommer und Herbst 1922 Tumulte deutschnationaler Studenten, die sich weigerten, ihre Diplome aus den Händen eines jüdischen Rektors entgegenzunehmen. Aber dass ein Jude überhaupt zum Rektor gewählt und dann auch noch von der Regierung unter besonderen Schutz gestellt wurde, wäre in Ungarn völlig undenkbar gewesen. [585] Schließlich war es für Klopstock auch eine bedeutende Erleichterung, dass er in Prag auf mehr als tausend Ungarisch sprechende Kommilitonen traf – Ungarn, die durch Grenzverschiebungen nach dem Krieg zu tschechoslowakischen Staatsbürgern geworden waren, und ungarische Juden, denen man das Studium in Budapest verweigerte.
Für Prag sprach vieles. Dass aber Kafkas Nähe ein entscheidendes oder gar das einzige Kriterium für Klopstocks weitere Lebensplanung sein könne, davon war in Matliary niemals die Rede gewesen. Das sei gegen die Verabredung, beschied Kafka beinahe schroff. Um dann freilich einzuräumen, dass er eine solche Verantwortung gegenüber niemandem mehr übernehmen könne. Zu groß sei die Angst,
» … Angst vor einer für den Augenblick – von der Zukunft rede ich gar nicht – untrennbaren, betont, ausgesprochen (stillschweigende Vereinbarungen nehme ich aus) mit allen Sakramenten der Untrennbarkeit versehenen, vor den Himmel sich grossartig hinpflanzenden Verbindung. Sie ist mir unmöglich mit Männern wie mit Frauen. Was will man auf der Wanderschaft, in der Bettlerschaft mit so grossen Dingen. Es gibt jede Minute unausweichliche, entzückt ausgenützte Gelegenheiten zu schamlosester Grosstuerei, warum noch weitere Gelegenheiten suchen. Und überdies ist der Verlust vielleicht nicht so gross als er manchmal scheint; fühlt man etwas wie eine Gemeinsamkeit des Wegs, ist darin Verbindung genug, das andere überlasse man den Sternen.« [586]
Das waren deutliche Worte, und wenn auch Klopstock gewiss nicht der Mann für »stillschweigende Vereinbarungen« war, so wird ihm doch allmählich bewusst geworden sein, dass die von Kafka aufgezeigte Grenze zu respektieren, dass sie unter bestimmten Bedingungen aber auch durchlässig war. Diese Grenzlinie war gleichsam unter den Augen der ›Gespenster‹ gezogen, der ›Gegenseite‹, {494}die Kafka durch den ostentativen Anspruch auf Glück nicht herausfordern wollte. Doch in der Verborgenheit des Augenblicks, in der Spontaneität des Gesprächs blieb Raum genug, um auch dem ›Himmel‹ zu trotzen.
Es war für Klopstock eine sicherlich tröstende Erfahrung, dass die von Kafka angebotene »Gemeinsamkeit des Wegs« durchaus keine Floskel war. Es gab gemeinsame Interessen, und Klopstocks Rolle war auch keineswegs auf die des Schülers und Verehrers beschränkt. Noch immer pflegte er intellektuelle Verbindungen in die ungarische Hauptstadt, einige Autoren aus dem Umfeld der führenden literarischen Zeitschrift Nyugat (›Der Westen‹) kannte er persönlich, und auf diese Weise wurde auch Kafka mit der erwachenden Moderne in der ungarischen Literatur bekannt, vor allem mit dem Werk des bedeutenden Lyrikers Endre Ady, den er – ein Geschenk Klopstocks – in deutscher Übersetzung las. Doch Klopstock war nicht nur belesen, er versuchte sich auch selbst an Übersetzungen aus dem Ungarischen, die Kafka durchsah und mit eigenen Korrekturvorschlägen ergänzte. Klopstocks Sprachverständnis muss ihn sehr bald überzeugt haben, denn bereits im Herbst 1922 vertraute er ihm die eigenen Werke an. Er hatte erfahren, dass im ungarischen Kaschau zwei unautorisierte Übersetzungen von DAS URTEIL und DIE VERWANDLUNG erschienen waren, und bat daher den Kurt Wolff Verlag (dem diese Publikationen offenbar entgangen waren), künftige Übersetzungsrechte Robert Klopstock vorzubehalten. Da der Verlag nicht reagierte, wurde diese Bitte im Frühjahr 1923 wiederholt, und diesmal mit Erfolg. Offenbar plante Klopstock zu diesem Zeitpunkt nicht nur Veröffentlichungen von Kafkas Texten in Nyugat, sondern (eine auffallende Parallele zu Milena Pollak) eine Werkauswahl auch in Buchform. Dazu ist es nie gekommen. Dass Klopstock dieses Projekt aber ernst nahm und mit der Arbeit auch schon begonnen hatte, bezeugen seine später veröffentlichten Übersetzungen in der Prágai Magyar Hírlap (›Prager Ungarische Zeitung‹): Dort erschienen 1925 AUF DER GALERIE, ZERSTREUTES HINAUSSCHAUEN, DIE BÄUME und EIN BRUDERMORD. [587]
Dies alles genügte Klopstock jedoch nicht, denn von einer literarischen Freundschaft, wie sie etwa Max Brod genoss, einer Freundschaft, in der jeder Einblick in die Arbeit des anderen hatte, konnte vorläufig keine Rede sein. Zwar sprach Kafka gelegentlich davon, {495}dass er sich nach jahrelangem Schweigen wieder als Schriftsteller versuchte, doch solche Bekenntnisse rang er sich nur ab, um die eigene Abwesenheit zu entschuldigen: Das Schreiben, erklärte er, sei jetzt für ihn »das Wichtigste auf Erden, wie etwa einem Irrsinnigen sein Wahn … oder wie einer Frau ihre Schwangerschaft«. [588] Einblick in seine Werkstatt gewährte er Klopstock nicht, und nichts deutet darauf hin, dass er ihm je aus seinem neuen Roman vorgelesen hätte. Das blieb das Privileg der alten Freunde, vor allem Brods, der sogar ein SCHLOSS-Heft mit nach Hause nehmen und in altgewohnter Manier auf Fortsetzung drängen durfte. Selbst Brod aber muss konsterniert gewesen sein, als sich herausstellte, dass der ständig fiebernde Kafka nicht nur intensiv an seinem bisher größten Werk arbeitete – innerhalb von nur vier Monaten entstanden sechzehn Romankapitel –, sondern auch noch Zeit fand für Nebentätigkeiten.
In einem jener kleinen Notizhefte, die Kafka während des Krieges täglich hinauf auf den Hradschin getragen hatte, um sie in Ottlas winzigem Häuschen vollzuschreiben – in einem dieser Hefte findet sich ein langes Fragment, das einer exotischen literarischen Welt zu entstammen scheint. BEIM BAU DER CHINESISCHEN MAUER lautet der von Kafka formulierte Titel: ein Text, der sich zwischen Erzählung, Legende, politischer Reflexion und fiktiven Erinnerungen bewegt, ohne dass völlig klar würde, auf was der Ich-Erzähler hinauswill. Offenbar geht es ihm vor allem um die Funktion des Kaisers, der als allgegenwärtiges Symbol das riesige Volk der Chinesen zusammenhält – freilich ohne direkte Verständigung zwischen Oben und Unten, die selbst dann nicht funktioniert, wenn sie, ausnahmsweise, von ›oben‹ gewollt ist. Eingebettet in den Text ist eine Parabel, die diese Idee illustriert und die Kafka unter dem Titel EINE KAISERLICHE BOTSCHAFT später separat veröffentlichte: eine weitere Variation seiner wichtigsten Metapher, jener Hierarchie von Instanzen, die sich als undurchdringliches Hindernis zwischen den Menschen und seine Bestimmung schiebt. Kafka hält hier inne auf seinem Weg vom PROCESS zum SCHLOSS, erst jetzt scheint er zu verstehen, dass diese Metapher noch eine dunkle Kehrseite hat: Das Tor bleibt uns verschlossen nicht nur deswegen, weil der Türhüter sich weigert, sie zu öffnen; sie bleibt verschlossen, weil – was schlimmer ist – auch von der anderen Seite der Schlüssel fehlt.
BEIM BAU DER CHINESISCHEN MAUER aber beginnt mit einem erzählerischen Umweg; nicht vom Kaiser ist zunächst die Rede, sondern von der großen Mauer, deren Bau sich über Generationen erstreckt und deren Überzeitlichkeit angeblich eine besondere Technik erfordert: Sie wird nicht am Stück errichtet, sondern in einzelnen, weit voneinander entfernten Abschnitten von jeweils nur einigen hundert Metern Länge. Dazwischen klaffen Lücken, die nach und nach geschlossen werden, deren Zahl und Ausdehnung jedoch den Arbeitern und selbst den lokalen Bauleitern unbekannt bleibt. Daher kann niemand, der nicht zur obersten ›Führung‹ gehört, mit Gewissheit sagen, wie weit der Bau fortgeschritten ist, ja, es ist nicht einmal klar, ob die Mauer nach Abschluss der Arbeiten wirklich lückenlos ist. In der Vorstellung ist sie niemals vollendet, sie bleibt ein Fragment, das aus Fragmenten besteht.
Man denkt hier unwillkürlich an Kafkas Schaffensprozess und an die zahllosen Bruchstücke und Splitter, mit welchen er seine Hefte füllte. Und ist nicht der PROCESS auf eben diese Weise entstanden? Kafka schrieb das erste, dann das letzte Kapitel. Danach versuchte er, die ›Lücke‹ zu schließen, jedoch nicht linear, wie beim Bau einer Brücke, sondern mit locker verbundenen Kapiteln, zwischen denen wiederum etwas zu passieren scheint, das der Autor übergeht und vielleicht später nachtragen wird. Mehr noch, dieses gesamte Bauwerk des PROCESS lässt Kafka immer wieder liegen, um in einiger Entfernung – jedoch in Sichtweite und in offenbarer Beziehung – an anderen Werken zu arbeiten, es entstehen die Nebenbauten der STRAFKOLONIE, des DORFSCHULLEHRERS und der KALDABAHN. Und tritt man noch einen weiteren Schritt zurück, so zeigen sich die Umrisse eines umfassenden, in Fragmenten und noch mehr in Lücken sich andeutenden Lebens-Werks, eines Über-Baus, den man als ›Kafkas Welt‹ oder ›Kafkas Universum‹ bezeichnet hat.
Diese Vorstellungswelt erscheint auf bisweilen beklemmende Weise geschlossen und selbstbezüglich. Sie hat die Struktur eines Mythos: Daher die eigentümliche Erfahrung der Leser, dass man hier Zugang hat oder eben nicht und dass mit Interpretationen allein dieser Zugang nicht zu erzwingen ist. Andererseits ist diese imaginäre Welt auch vielfältig und ausgedehnt: An dem Versuch, sie in ein einziges Werk zu bannen, musste Kafka zwangsläufig scheitern, auch wenn einiges dafür spricht, dass er an dieser Utopie des literarischen {497}Schaffens bis zum Ende festgehalten hat. Es ist ein handwerkliches Problem, das dieser Utopie vor allem entgegensteht: Jeder Text, der etwas erzählt, wird getragen von einem plot, von Charakteren und Orten, und dieses Fundament ist nur in Grenzen belastbar und lässt sich auch nachträglich nicht nach Belieben erweitern. Kein einzelnes Werk trägt alles. So hätte Kafka zum Beispiel die geheimnisvolle, parabolische oder gleichnishafte Struktur des SCHLOSS-Romans gewiss zerstört, hätte er seinen Protagonisten ausdrücklich als Juden oder als Schriftsteller auftreten lassen, obwohl hinter dessen verbissenem Kampf um Dorf und Schloss selbstverständlich diese doppelte Erfahrung der Ausgrenzung steht: die Isolation des Westjuden, der von seiner eigenen Tradition abgeschnitten ist und dem selbst das Recht des Gastes verweigert wird (»wir brauchen keine Gäste«), und die freiwillige Abgeschiedenheit des Autors, der aus dem gewöhnlichen Leben auswandert und nach ›Höherem‹ strebt, um jeden Preis und notfalls auf Kosten von Familie, Freunden, Geliebten. Da Kafka nun aber gerade diese beiden Themen wieder stärker bedrängten – vor allem, nachdem das Ende seiner beruflichen und damit gewissermaßen auch bürgerlichen Laufbahn beschlossene Sache war –, verfiel er auf eine Lösung, die er bereits mehrmals erfolgreich erprobt hatte: Er eröffnete neben dem Roman weitere Baustellen, neue Segmente der großen Mauer, die zwar miteinander nicht verbunden waren, sich aber doch allesamt auf derselben Linie befanden.
ERSTES LEID lautet der Titel einer erzählerischen Miniatur, für die er schon im März die Arbeit am Roman unterbrach: das Porträt eines kindlichen, von seinem Impresario abhängigen Artisten, dem die Kunst das Leben völlig ersetzt: Er vermeidet es, festen Boden zu berühren, er lebt zufrieden auf seinem Trapez, und das erste und einzige Leid, das sein Beruf ihm bereitet, rührt von dem unvermittelt auftauchenden Wunsch, mit zwei Trapezstangen zu arbeiten. Kafka schickte eine eigenhändige Abschrift der Erzählung an Hans Mardersteig, den Redakteur der bibliophilen Literatur- und Kunstzeitschrift Genius, die halbjährlich im Verlag Kurt Wolffs erschien. [589] Mardersteig hatte ihn schon mehrmals dringend und herzlich um einen Beitrag gebeten, ja, er hatte sich bereit erklärt, sogar ein Fragment abzudrucken, gleich welchen Umfangs, worauf Kafka natürlich nicht eingehen konnte. Sehr peinlich aber war es jetzt, dass Kafkas Abschiedsofferte – es sollte nur noch ein letztes Heft der Zeitschrift erscheinen {498}– nicht von Mardersteig selbst beantwortet wurde, sondern von Wolff, dem Kafka seit Monaten Antwort schuldete. Ob er sich diesmal überwinden konnte, mit ein paar unverbindlichen Sätzen dem Verleger zu danken, wissen wir nicht, doch die Aussicht, aufgrund der kleinen Gabe an den Genius nun neuerlich und regelmäßig bedrängt zu werden, missfiel Kafka aufs Äußerste. Er wäre glücklich, schrieb er an Brod, wenn er »die widerliche kleine Geschichte aus Wolffs Schublade nehmen und aus seinem Gedächtnis wischen könnte, sein Brief ist mir unlesbar«. [590]
Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Die Lebensfeindlichkeit der Kunst, dargestellt am Beispiel des Artisten: dazu hatte er inzwischen eine weit bessere, konsequentere und radikalere Version zu bieten, die Erzählung EIN HUNGERKÜNSTLER. Dieses Kleinod, für das er die Arbeit am Roman wiederum einen oder zwei Tage unterbrochen hatte, hielt selbst Kafka für »erträglich«, und das war bereits die Bestnote, die er für eigene Texte zu vergeben hatte. Dennoch erfuhr Kurt Wolff zunächst nichts davon – statt dessen ging die Erzählung über Max Brod an einen Konkurrenten, an Rudolf Kayser, seit Anfang des Jahres verantwortlicher Redakteur der Neuen Rundschau.
Das Organ des S. Fischer Verlags hatte nach dem nationalistischen Delirium von 1914/15 wieder deutlich an Renommee gewonnen, und während die zahlreichen jüngeren Journale, die allzu sehr auf den Expressionismus gesetzt hatten, nach und nach verschwanden – darunter auch Schickeles Weiße Blätter –, etablierte sich die Neue Rundschau als Bühne der republikanisch und europäisch gesinnten Intelligenz. Nachdem Brod ihn bereits in einem großen Essay vorgestellt hatte, war für Kafka die Chance, hier gedruckt zu werden, eine stärkere Versuchung denn je – stärker jedenfalls als die Aussicht, von Kurt Wolff, der das Manuskript sofort in Beschlag genommen hätte, wieder jahrelang mit produktionstechnischen Schwierigkeiten vertröstet zu werden. Dass die Publikation in Berlin nach all den Werbebriefen, die er von seinem Verleger erhalten hatte, fast einen Affront bedeutete, war Kafka sicherlich bewusst. Dennoch erschien EIN HUNGERKÜNSTLER im Oktober 1922 in der Neuen Rundschau, das weniger bedeutende Prosastück ERSTES LEID Anfang 1923 im Genius. Aus der Sicht von Wolff ein unzweideutiges Signal. Denn hatte nicht Kafka immer wieder versichert, er habe nichts, was er dem {499}Verlag anbieten könne? Und nun, da er zu seinem eigentlichen Beruf offenbar zurückkehrte, wurden die Früchte andernorts geerntet. Noch einige Jahre zuvor hätte Wolff gewiss nicht gezögert, Kafka eine separate Veröffentlichung der beiden Texte vorzuschlagen, in einem weiteren schmalen Band mit großem Druck. Diesmal aber schwieg er.
Es war eine Landschaft, wie Kafka sie jetzt liebte. Ein weites Tal, ein ruhiger Fluss mit baumbestandenen Ufern und sandigen Stellen, die zum Baden einluden, mit Auen, flach ansteigenden Hängen und stillen Wäldern ringsum. Eine schlichte Landschaft, die nicht im Schatten imponierender Berggipfel, sondern frei unter einem weiten Himmel lag. Das Örtchen Planá in Südböhmen, nur hundert Kilometer von Prag, die beliebte Sommerfrische an der Luschnitz.
Ottla und Josef David hatten hier eine bescheidene Wohnung im Haus eines Handwerkers gemietet, zwei Zimmer im ersten Stock, das eine hell und warm, mit zwei Fenstern und schönem Ausblick auf Fluss und Wald, das andere ein kleines, abgeschrägtes Mansardenzimmer mit Blick in den Garten, dazu eine große Küche. Ottla und die inzwischen fünfzehn Monate alte Věra sollten hier den Sommer verbringen, ihr Ehemann würde an den Wochenenden und für einen kürzeren Urlaub nach Planá kommen: ein Idyll und eine für Kafka unwiderstehliche Verlockung. Es weckte Erinnerungen an Zürau, an seine glücklichste Zeit, noch niemals war er so umsorgt gewesen wie dort. Jetzt, da Ottla von der schweren bäuerlichen Arbeit und vom täglichen Kampf um Lebensmittel befreit war, konnte sie sich neben ihrem Kind vielleicht auch ein wenig um den Bruder kümmern, auch ein Dienstmädchen reiste mit nach Planá, und so konnte alles noch viel schöner werden als damals auf dem Bauernhof. Die Davids waren einverstanden, die Mansardenkammer würde ja ohnehin nicht immer gebraucht, und wenn man die Mietkosten mit Franz teilte, so hatten alle etwas davon.
Dennoch war es eine Entscheidung, die Ottla etwas Mut und, wie sie aus Erfahrung wusste, auch Opfer abverlangte. Es konnte sehr lustig sein, Tür an Tür mit Franz zu leben – auch in Prag lag ja nur ein Stockwerk zwischen ihnen –, doch es bedeutete andererseits, dass man ein wenig Pflegerin spielen, seine Ernährung überwachen und überdies Empfindlichkeiten ertragen musste, die sich seit Zürau {500}durch Fieber und Schlaflosigkeit beträchtlich gesteigert hatten. Aber was sollte mit ihm geschehen, wohin sollte er sich wenden, um im Sommer dem kranken Körper ein wenig Licht und Luft zu verschaffen? Einen langen Kuraufenthalt wie in Meran konnte er sich nicht mehr leisten, und die schönste Zeit des Jahres allein am Altstädter Ring zu verbringen – die Eltern waren in Franzensbad, Elli an der Ostsee, Weltsch in Schelesen, Klopstock nach Semesterende erneut in der Hohen Tatra –, wäre gegen den Rat des Arztes und überdies deprimierend gewesen. So kam es, dass Kafka bereits am 23.Juni, eine Woche vor seiner offiziellen Pensionierung, den Schnellzug in Richtung Süden nahm. Es war ein Zug mit Endstation Wien, ein Ziel, das jetzt weit hinter seinem Horizont lag. Schon nach eineinhalb Stunden stieg er in Tábor aus, dann ging es weiter mit dem Personenzug, ein paar Kilometer noch bis Planá, dann nur noch wenige Schritte bis zu seiner Unterkunft, Příčná ulice Nr. 145. Die Geleise, die nach Wien führten, liefen nahe vorbei, doch die Fernzüge hielten hier nicht, volle drei Monate lang fuhren sie durch Kafkas Blickfeld, und wie oft Milena Pollak darin saß, das wusste er nicht.
»Ausserordentlich schön« sei es in Planá, meldete er an Klopstock. Aber durfte man dergleichen überhaupt aussprechen? Weckte es nicht die Gegenseite, lockte es nicht die Gespenster heran? Gewiss, da zeigten sie sich auch schon, offenbar waren sie aus Prag mit dem Bummelzug gekommen, und am zweiten Tag fuhren sie ihre Waffen auf. Es war das vertraute Arsenal, Kafka kannte es zur Genüge aus Zürau, Matliary und Spindelmühle, die Gespenster aber hatten inzwischen aufgerüstet, und so war er schon bald ihren ausgeklügelten Attacken ausgesetzt, erbarmungslos und von allen Seiten gleichzeitig: ein Junge, der auf einem Waldhorn übt; eine vielköpfige Familie, die unmittelbar unter seinem Fenster Heu wendet; unter dem anderen Fenster stundenlanges Holzhacken; ein wenige Hundert Meter entferntes Sägewerk mit elektrischer Kreissäge; das Hämmern und Kettenrasseln vom Bahnhof, wo ab 3.30 Uhr in der Nacht die auf dem Fluss herantransportierten Baumstämme verladen werden; ein Göpel, der meist »von vernünftigen Pferden«, gelegentlich aber auch von dummen Ochsen gezogen wird, mit unablässigem »Hott und Hüöh und sakramentská pakáz«. [591] Und am raffiniertesten: ganze Gruppen von Kindern, teils aus der Nachbarschaft, teils verwandt mit der Vermieterin, die schon um acht Uhr morgens im Garten vorm {501}Haus auftauchen und hier mit einem Leiterwagen umhertoben. Was kann man gegen die Kleinen vorbringen? Einen anderen Spielplatz haben sie nicht, und der Lärm, den sie verbreiten, ist ein Ausdruck unschuldigster Lebensfreude. »Mařenka!«, ruft Kafka verzweifelt, sobald er die 13-jährige Anführerin erblickt, »gehst Du nicht Pilzesuchen?« [592]
Wohl mehr als einmal dachte er darüber nach, ob die große, über den Sommer ganz stille Wohnung in Prag nicht doch die bessere Lösung wäre. Aber das wollte er wiederum Ottla nicht antun, die das Menschenmögliche versuchte. Manchmal ging sie hinunter, die kleine Veruška auf dem Arm, und bestach die Kinder mit Bonbons, damit sie für eine Weile verschwanden. Doch Kafka schämte sich, vor allem, wenn er den Nachbarn beobachtete, einen im Schichtdienst sich plagenden Mühlenarbeiter, der seine Siesta viel dringender brauchte und dem daher gar nichts anderes übrig blieb, als gelegentlich die eigenen sieben Kinder hinüberzuschicken, auf die kleine eingezäunte Wiese vor Kafkas Fenster. Und er schämte sich noch mehr, wenn Josef David, der viel lieber im großen Zimmer geschlafen hätte, von Ottla in die kühle Mansarde komplimentiert wurde. Dort drängten sie sich dann am Wochenende zu dritt aneinander, während der Schriftsteller fast die ganze übrige Wohnung in Beschlag nahm. Und leise mussten sie sein, denn er schlief ja so wenig, und wenn er nicht schlief, saß er meist vor seinen Heften, hüstelnd, mit ›Ohropax‹ in den Ohren.
Es gab auch friedliche Stunden. Beinahe jeden Abend, wenn die Dämmerung nahte, machte sich Kafka auf zu einem längeren Spaziergang, begleitet vom schwarz gefleckten Hund der Hauswirtin. Er überquerte den Fluss, drüben am Wald gab es ein Viertel mit neuen, komfortablen Villen, die man über den Sommer mieten konnte, dort hatte im vorletzten Jahr sogar der Staatspräsident gewohnt, fernab des Sägewerks und den Verladerampen des Bahnhofs, auch Ministerpräsident Beneš war gelegentlich hier nebst anderer politischer Prominenz aus Prag, und selbst Schauspielern, Sängern und Regisseuren des Nationaltheaters konnte man begegnen. Kafka ging zwischen den Villen hindurch in den Wald, die abendliche Stille unter den Bäumen schien ihm jetzt das Beste, was die Welt zu bieten hatte, und am Waldrand stand eine Bank mit wundervoller Aussicht; oder er ging einige Kilometer flussabwärts, beobachtete die vom Feld heimkehrenden Bauern, sah sich die Soukeník-Mühle nahe der einstigen {502}Festung Sedlec an und war, wenn er umkehrte, schon in Sichtweite von Tábor. Wie schön es wäre, auf dieser Seite der Luschnitz zu wohnen, auf einem dieser gepflegten Grundstücke … ein Gedanke, mit dem Kafka die Gespenster wohl schon wieder herausforderte, denn eines Tages, es war entsetzlich, hörte er »höllenmässigen Lärm« sogar am Waldrand, zweihundert Kinder aus Prag waren es, die auf einem nahen Zeltplatz campierten, »eine Geissel der Menschheit«. [593]
Er übertrieb, und er wusste es; es war doch nicht immer so schlimm, und dass er an manchen Tagen sogar selbst Lärm machte und Holz hackte für die kühlen Abende, verschwieg er den Freunden. Aber wie anders sollte er ihnen jenen hypererregbaren Zustand begreiflich machen, der dem Wahnsinn näher war als alles, was sie aus eigener Erfahrung kannten? Auch Brod quälte sich, auch er lernte jetzt die Schlaflosigkeit kennen und die Folter nächtlicher Zwangsgedanken, die ihn bis zu eifersüchtigen Mordphantasien trieben. Felix Weltsch wurde von seiner Ehefrau bisweilen gepeinigt über den Rand des Erträglichen hinaus. Und Klopstock litt unter Gefühlen der Minderwertigkeit, die bis in die Depression führten. Doch die Leiden dieser Menschen rührten daher, dass sie lebten und liebten, und ihre Verluste waren nichts anderes als die Folge von Risiken, die sie willentlich auf sich genommen hatten, Risken des Lebens wie der Liebe. Kafkas Existenz hingegen zielte mehr und mehr auf Vermeidung, und die Totenstille, die er ersehnte, war deren Symbol. Vermeiden von Bewegung, von Veränderung, wie ein Verwundeter, der aus Angst vor dem Schmerz jede Lage beibehält, und sei sie noch so unbequem.
Den Kampf um Milena hatte er verloren, doch damals, vor zwei Jahren, hatte er um die Entscheidung gekämpft, solange die Kräfte reichten, und bis zum Ende war er Herr seiner Entschlüsse geblieben. Das respektierten selbst die Freunde, auch wenn sie seine Resignation für verfrüht hielten. Um was aber kämpfte er jetzt? Oskar Baum hatte ihm vorgeschlagen, nach Georgenthal in Thüringen zu kommen und dort mit ihm und seiner Familie einige Sommerwochen zu verbringen; er hatte sich um eine geeignete Unterkunft gekümmert und für Kafka sogar schon ein ruhiges Zimmer mit Balkon und Liegestuhl reservieren lassen. Doch im letzten Augenblick, nach einer wiederum schlaflosen Nacht, sagte Kafka ab: Er habe zu viel Angst vor der Reise, er könne sich zu einer Veränderung des Lebens, an das {503}er sich in Planá gewöhnt habe, nicht überwinden. »Damit ist dann entschieden«, schrieb er an Brod, »dass ich aus Böhmen nicht mehr hinausfahren darf, nächstens werde ich dann auf Prag eingeschränkt, dann auf mein Zimmer, dann auf mein Bett, dann auf eine bestimmte Körperlage, dann auf nichts mehr.« [594]
Zwei Monate später, es wird bereits herbstlich, spricht Kafka beiläufig mit Frau Hnilička, der Hauswirtin, die sich bisher nicht besonders freundlich gezeigt hat. Es gefalle ihm sehr gut in Planá, sagt Kafka, am liebsten würde er noch länger bleiben, sogar den ganzen Winter. Doch wenn Ottla nicht mehr da sei, müsse er sich monatelang im Gasthaus verpflegen, und das sei dann doch nicht das Rechte. Sie fürchten sich wohl, hier ganz allein zu sein, bemerkt Frau Hnilička. Aber nein, das nicht, wehrt Kafka lächelnd ab. Dann, sagt die Hauswirtin, könnte doch ich für Sie kochen, und Sie können bleiben, solange Sie wollen. Was halten Sie davon? Kafka traut seinen Ohren kaum, verblüfft, erfreut und ohne einen Moment der Besinnung sagt er zu und bedankt sich mehrmals. Etwas Besseres kann ihm gar nicht geschehen, es wird nicht teuer sein, er wird nicht Fleisch essen müssen, die Umgebung ist ihm vertraut und angenehm, der Kinderlärm wird im Winter nachlassen, und wenn auf der gefrorenen Luschnitz keine Flöße aus Baumstämmen mehr fahren, muss auch die Kreissäge schweigen. Er wendet sich ab und geht ins Haus. Noch während er die Wendeltreppe hinaufsteigt, ereilt ihn herzklopfende Panik. Er weiß, er wird keine Stunde mehr schlafen, ehe dieser spontane Entschluss nicht rückgängig gemacht ist. Aber wie? Kafka ist erleichtert, als Ottla die Idee schon aus medizinischen Gründen verwirft: Die Luft ist zu rau, das Tal im Winter oft neblig. Am nächsten Morgen regelt sie die Angelegenheit mit der Vermieterin, einige flüchtige Sätze genügen, während Kafka staunend dabeisteht »wie Gulliver, wenn die Riesenfrauen sich unterhalten«. [595]
Völlig neu waren Kafka solche Zustände nicht, er hatte Erregungen bis nahe an den Verlust der psychischen Kontrolle auch schon früher erlebt. Neu hingegen war, dass diese »Zusammenbrüche«, wie er sie nannte, jetzt von vergleichsweise nichtigen Anlässen ausgelöst wurden und dann tagelang anhielten. Dabei waren es stets diffuse Störungen und Bedrohungen, auf die er panisch reagierte, während er ganz konkreten, selbst unangenehmen Pflichten ohne weiteres Genüge tat, sofern sie ihm keine Entscheidungen abverlangten. So {504}zum Beispiel, als Mitte Juli ein Telegramm der Mutter ihn dringend zurückbeorderte: Der Vater hatte in Franzensbad einen Nabelbruch erlitten, der den Darm gefährlich abklemmte, er war nach Prag transportiert worden und musste noch am selben Abend operiert werden. Kafka verbrachte etliche Stunden am Krankenbett und war imstande, die Unterbrechung seiner Sommerferien (und damit auch des Romans) klaglos hinzunehmen und die Vorgänge in seiner Familie, vor allem das interessante Phänomen eines hilflosen Vaters, ziemlich nüchtern zu beobachten.
Max Brod, den er mit ausführlichen Briefen auf dem Laufenden hielt, sah die Ursache von Kafkas Leiden natürlich in der willentlichen Unterdrückung erotischer Begierden. »Du weichst den Frauen aus«, schrieb er, »du versuchst, ganz ohne sie zu leben. Und das geht nicht.« Dass er auswich, konnte Kafka zugeben, dass er sexuelles Verlangen verspürte, ebenso. Doch offenbar glaubte Brod, dass Kafka allein deshalb verzichtete und verdrängte, weil er eine Vorliebe für asketische Exerzitien hatte, also gleichsam aus weltanschaulichen Gründen. Er müsse heraus aus dieser defensiven Haltung, neue Menschen kennenlernen, eine Reise durch Deutschland machen, den Verleger besuchen, eine Theaterpremiere in Berlin erleben, ja vielleicht sogar eine konkrete journalistische Aufgabe übernehmen. Schöne Illusionen, die unterstellten, dass Kafka eine Wahl hatte und dass es nur darauf ankam, sich zusammenzunehmen. Tatsächlich aber war seine Irritabilität jetzt eher die einer offenen Wunde. Selbst die sommerlich leicht gekleideten Frauen in der Großstadt – ein Anblick, der ihm doch wahrhaft nichts Neues war – kamen ihm plötzlich »halbnackt« vor, sie sorgten für zusätzliche, beinahe schmerzhafte Erregung und nötigten ihn, die Rückkehr aufs Land zu beschleunigen. [596]
Wahrscheinlich war es Brod selbst, der hier aus verständlichen Gründen zum Opfer von Verdrängung wurde: Je tiefer er sich in erotische Leiden verstrickte, desto selbstverständlicher setzte er voraus, dass es auch dem Freund – besonders seit der Milena-Episode – vor allem um das Vermeiden emotionalen Schmerzes zu tun war. Doch Kafka stand jetzt eine Drohung ganz anderer Dimension vor Augen. Die Hellsichtigkeit war es, nicht das Verdrängte, was seine bis ins Pathologische gesteigerte Empfindlichkeit, seine Schlaflosigkeit und seine zunehmende Furcht vor dem Alleinsein verursachte. Es war Hellsichtigkeit und Angst vor der nahenden Katastrophe. Ob er in {505}Planá offen darüber sprechen konnte, wissen wir nicht, doch sicher ist, dass Ottla instinktiv weit besser erfasste, was auf dem Spiel stand, so scheinbar desinteressiert sich ihr Bruder an medizinischen Ratschlägen auch zeigte. Sie umsorgte ihn in dem Bewusstsein, dass es viele Gelegenheiten dazu vielleicht nicht mehr geben würde. Und als sie bemerkte, dass ihre bevorstehende Abreise Anfang September ihn fast verzweifeln ließ, erklärte sie sich bereit, noch einige Wochen zu bleiben.
Es war wohl auch der SCHLOSS-Roman und vor allem die Intensität, mit der Kafka nun schon seit einem halben Jahr dieses Projekt vorantrieb, die Brod über den Ernst der Situation hinwegtäuschte. Wie konnte man verzweifeln mit der Aussicht auf eine solche Publikation? Dazu die neuen Kontakte nach Berlin, der bevorstehende Abdruck des HUNGERKÜNSTLERS, der vielleicht weitere Chancen eröffnete. Und schien es nicht tatsächlich, als sei Kafkas Selbstbewusstsein als Autor gewachsen? Er hatte sich ja zunächst beinahe geschämt, die ersten Kapitel des Romans herauszurücken, er hielt sie für langweilig und ermüdend, und Brod hatte vehement widersprochen: ein »sehr unterhaltendes farbiges Buch« sei das, schrieb er, das Wort »farbig« doppelt unterstrichen. Und Kafka arbeitete weiter, die späteren, in Planá verfassten Kapitel hielt selbst er für besser gelungen. Nein, ganz unwahrscheinlich schien es Brod, dass sich Kafka gerade jetzt, inmitten eines solchen kreativen Schubs und bei völliger Freiheit von beruflichen Verpflichtungen, von irgendwelchen Empfindlichkeiten würde hindern lassen. Selbst als Kafka ihm am 11.September mitteilte, er sei mit dem Roman seit mehr als zwei Wochen nicht mehr weitergekommen und habe ihn »offenbar für immer liegen lassen müssen«, war Brod nicht bereit, die Hiobsbotschaft entgegenzunehmen. Er könne das nur für eine »lügnerische Sensationsmeldung halten«, antwortete er spaßig, und Kafka solle doch bitte mehr über diese Sache schreiben, »dh. vom Weiterarbeiten«. [597]
Blättert man die letzten Seiten des SCHLOSS-Manuskripts durch – sie befinden sich im ›Schlossheft VI‹, das erst 1982 vollständig publiziert wurde –, so stößt man auf die unverkennbaren Spuren handwerklicher Mühsal. Der plot beginnt zu zerfasern, verschiedene Anläufe und Varianten konkurrieren miteinander, immer länger und komplexer werden die Streichungen, und offensichtlich ist, dass Kafka {506}gegen einen starken Widerstand arbeitete, gleichsam als wälze er eine stetig anwachsende Masse bergauf. Irgendwann, an einem Tag Ende August, war es vorbei, und er wusste nicht mehr weiter.
Was war geschehen? Lag es an einem neuerlichen depressiven »Zusammenbruch«, wie er gegenüber Brod andeutete, oder war es ein Besuch bei den Eltern in Prag, der ihn allzu lange ablenkte und das literarische Spinngewebe irreparabel beschädigte? An Unklarheiten über Richtung und Ausgang des Romans lag es jedenfalls nicht, denn überliefert ist, dass Kafka den Endpunkt, den er ansteuerte, längst im Visier hatte. Wahrscheinlich hätte er – wie beim PROCESS – das Schlusskapitel des Romans noch vor dessen Vollendung zu Papier bringen können, denn über das Schicksal seines Protagonisten war entschieden:
»Der angebliche Landvermesser erhält wenigstens teilweise Genugtuung. Er läßt in seinem Kampf nicht nach, stirbt aber vor Entkräftung. Um sein Sterbebett versammelt sich die Gemeinde, und vom Schloß langt eben die Entscheidung herab, daß zwar ein Rechtsanspruch K.s, im Dorf zu wohnen, nicht bestand – dass man ihm aber doch mit Rücksicht auf gewisse Nebenumstände gestatte, hier zu leben und zu arbeiten.«
Eine zweifellose, jedoch keineswegs bedingungslose Niederlage: So hat Max Brod das vom Autor geplante Finale skizziert, ehe er den Roman selbst aus dem Nachlass veröffentlichte. [598] Es ist ein überzeugender Abgang und eine der für Kafkas Denken charakteristischen Volten: Das Schloss kann offenbar die ersehnte Legitimation nicht gewähren, solange sie für den Antragsteller noch von irgendeinem Nutzen ist, ebensowenig wie der Türhüter des Gesetzes den Weg freigeben kann, solange der Mann, der hineinwill, noch bei Kräften ist. Doch diese offensichtliche Spiegelung eines lange durchdachten Motivs half Kafka nicht weiter. Denn er hatte sich – entgegen dem ersten Anschein und vermutlich sogar entgegen seinen ursprünglichen Plänen – mit dem SCHLOSS auf erzähltechnische Probleme eingelassen, welche die handwerklichen Anforderungen des PROCESS um eine Dimension überstiegen. Das lange bewährte Bauprinzip der Chinesischen Mauer – das System der Teilbauten – funktionierte hier nicht, noch weniger das lineare Prinzip des Stationendramas, bei dem der Autor die geplanten Etappen in nahezu beliebiger Reihenfolge abarbeiten kann. Zwar erzählt auch DAS SCHLOSS fast ausschließlich {507}von Begegnungen. Doch während die Gesprächspartner des Angeklagten Josef K. und alle weiteren Nebenfiguren des PROCESS wie aus einem Nebel auftauchen und dort auch wieder verschwinden, entfaltet Kafka im SCHLOSS ein ganzes Netz sozialer Beziehungen, das immer mehr Personen einbezieht und endlich sogar die Schlossbürokratie selbst erfasst, aus der einzelne Beamte unverwechselbar hervortreten. Alle diese Figuren haben ihre eigene Geschichte, sie schließen Bündnisse und pflegen Feindschaften, verachten oder lieben einander, und da diese Nebenepisoden Einfluss auf das Schicksal des Landvermessers nehmen, ist Kafka genötigt, sie zu Ende zu führen und plausibel miteinander zu verknüpfen.
Was, zum Beispiel, wird aus der Familie des Barnabas, deren Geschichte den Leser über mehrere Kapitel in Anspruch nimmt? Wie wird sich die Beziehung zwischen Frieda und dem ehemaligen ›Gehilfen‹ Jeremias entwickeln? Was wird aus dem ehrgeizigen Stubenmädchen Pepi, die nach der Rückkehr Friedas in den Herrenhof auf ihren untergeordneten Posten zurückkehren muss? Dazu die zahlreich angeknüpften Beziehungen des Landvermessers selbst, die teils noch vage bleiben, zunehmend aber auch in konkreten Verabredungen sich manifestieren. Wahrscheinlich ist, dass Kafka noch eine Begegnung zwischen K. und der geheimnisvollen Amalia plante. Mit einem »Mädchen aus dem Schloss«, der Mutter des Knaben Hans, ist K. gleichfalls verabredet. Die Wirtin des Herrenhofs will etwas von ihm: Ein weiteres Rätsel, dessen Auflösung wir erwarten. Von Pepi lässt K. sich dazu überreden, im Keller des Herrenhofs in einer winzigen Kammer und in den Betten dreier Mädchen zu überwintern, und schließlich kommt auch noch die Familie des Bauern Gerstäcker ins Spiel, die K. überraschenderweise eine kleine Stellung anbietet. So klein diese Welt ist: Man wünschte dem müden Landvermesser einen Terminkalender, denn am Ende verliert er die Kontrolle und offenbar mit ihm der Autor. Es ergeht ihm wie einem Jongleur, der gelernt hat, eine bestimmte Anzahl von Objekten in Bewegung und in der Luft zu halten, dem jedoch alles zu Boden fällt, wenn nur ein einziges hinzukommt.
Es muss für Kafka eine deprimierende, ja verzweifelte Erfahrung gewesen sein, nach mehr als einem halben Jahr intensiver Arbeit auch mit seinem dritten und – wie er wusste – letzten Romanprojekt zu scheitern. Ein Jahrzehnt zuvor, nach Abbruch des VERSCHOLLENEN, {508}hatte er sich noch einige Zeit Hoffnungen gemacht, die imaginative Kraft zurückzuerlangen, um den Roman zu vollenden, und auch damals hatte er vom Ende der Geschichte eine schon sehr konkrete und bildhafte Vorstellung. Selbst den PROCESS hätte Kafka vielleicht wieder aufnehmen können, solange der Kampf um die Ehe mit Felice Bauer fortdauerte, solange also die biographische Konstellation, aus welcher der Roman geboren war, sich nicht grundlegend änderte. Am SCHLOSS jedoch war Kafka als Schriftsteller gescheitert: Er hatte sich einer Aufgabe gestellt, die ihn erzähltechnisch überforderte, und es war ihm nicht gelungen, den schöpferischen Prozess und die Fülle der Imagination mit den handwerklichen Notwendigkeiten des literarischen Schreibens in Einklang zu bringen.
Die aus Planá überlieferten Briefe und Dokumente zeigen allerdings, dass Kafka diese Niederlage nicht – wie es früher seine Gewohnheit war – mit Klagen quittierte, sondern sogleich zum Gegenstand intensiver Reflexion machte und sie in sein Selbstbild zu integrieren versuchte. Noch zu Beginn des Jahres hatte er sich als Auswanderer definiert, der dem Leben den Rücken kehrt, um in eine unbekannte extraterrestrische Wüste vorzudringen, und darin klang der Stolz dessen mit, der etwas wagt, was andere sich versagen müssen, der einsam ein ganzes Reich beherrscht, das andere nicht einmal betreten können. Dass dieses privatmythische Bild, das sich der wiedererwachten Lust am literarischen Schreiben verdankte, keinen Bestand haben würde, deutete sich bereits in Kafkas kleineren Texten an. Der hoch über den Köpfen seiner Zuschauer lebende und arbeitende Trapezkünstler in ERSTES LEID ist alles andere als eine bewundernswerte Figur, auch wenn gleich anfangs hervorgehoben wird, dass seine Kunst eine der schwierigsten sei, dass er »ein außerordentlicher, unersetzlicher Künstler« sei und dass er daher dem Streben nach Vollkommenheit sämtliche Bedürfnisse des Lebens unterordnen müsse. Selbst wenn dieser traurige Mensch das schmale Trapez als seine eigentliche Heimat empfinden sollte – ein Reich der Freiheit ist es nicht.
Und der Hungerkünstler? Auch er ein Mensch aus dem fahrenden Volk, eine wurzellose Existenz. Kafka spielt hier mit einem schillernden Begriff von ›Kunst‹, der – auf die Welt des Zirkus und des Varietés angewandt – von jeher fragwürdig war. Die körperliche Spezialisierung des Artisten hat etwas Absurdes und tendenziell {509}Lebensfeindliches (auch, wenn er seine Darbietungen überlebt), und gerade darum beruft er sich bei jeder Gelegenheit auf die Aura der künstlerischen Existenz. Wohingegen das Publikum sehr wohl zu unterscheiden weiß: Ein zweitrangiger Schriftsteller, Maler oder Musiker ist im Allgemeinen bekannter und genießt höhere Reputation als ein erstklassiger Artist – nicht zu reden von Schwertschluckern, Messerwerfern, Kraftmenschen, gar von ›Hungerkünstlern‹, deren Kunst ja eigentlich nur in einer Unterlassung besteht und daher zum Betrug geradezu herausfordert. Kafka, der über die Arbeitsbedingungen von Artisten sehr gut unterrichtet war [599] , schildert hier einen Beruf, der selbst unter Zirkusleuten umstritten war, der nicht im Glanz der Menagerien, sondern im Zwielicht der ›Sideshows‹ ausgeübt wurde: eine Fertigkeit, die bereits am Ende des 19. Jahrhunderts für derart schädlich und überflüssig angesehen wurde, dass die Impresarios wissenschaftliche Zwecke vorschützen mussten, und die spätestens nach den Hungerkatastrophen des Krieges und der Nachkriegszeit etwas Obszönes hatte. So kann denn auch keine Rede davon sein, dass Kafka die Lebensweise des Hungerkünstlers rehabilitiert oder gar idealisiert. Er lässt den Leser allenfalls mitleiden, und er gestattet dem Künstler ein letztes Wort der Verteidigung: Er habe eben die Speise nicht gefunden, die ihm schmeckt, ansonsten hätte er »kein Aufsehen gemacht« und gegessen wie alle anderen. Doch selbst wenn das wahr wäre, bliebe sein Hungern ein sinnloser, in einer bloß individuellen Empfindlichkeit, vielleicht sogar in einem Wahn begründeter Akt. Daher ist es wohl traurig, nicht aber im strengen Sinn tragisch, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Hungerkünstler sich lange vor dessen Tod verflüchtigt und dass das Leben über ihn hinweggeht. Am Ende widmet Kafka einen ganzen Absatz dem jungen Panther, der nun an Stelle des ›Künstlers‹ den Käfig bewohnt und um den sich ein fasziniertes Publikum drängt.
Bildkräftiger lässt sich die Fragwürdigkeit des künstlerischen Anspruchs kaum in Szene setzen, und der Zusammenhang mit Kafkas größtem literarischen Unternehmen liegt auf der Hand. Denn je umfangreicher und unübersichtlicher sein Romanmanuskript wurde, desto stärker wurde er von Zweifeln am Sinn dieser Arbeit bedrängt und desto stärker wurde seine Überzeugung, dass es sich eigentlich um eine Form von Eskapismus handele, um den Missbrauch einer allzu leicht verfügbaren Droge, der wie jeder andere gewohnheitsmäßige {510}Rausch mit den Schmerzen des Entzugs und der Zerstörung bezahlt wird. Nur wenige Wochen benötigte Kafka nach Niederschrift des HUNGERKÜNSTLERS, um diese neue, pessimistische Deutung der Autorschaft in seinen privaten Mythos zu integrieren: keine Wüste, kein Gipfel, vielmehr ein Sog in die Tiefe. Und es ist die Gegenseite, es sind die Mächte, die ihn hinabreißen.
»Als ich heute in der schlaflosen Nacht alles immer wieder hin- und hergehn liess zwischen den schmerzenden Schläfen, wurde mir wieder, was ich in der letzten genug ruhigen Zeit fast vergessen hatte, bewusst, auf was für einem schwachen oder gar nicht vorhandenen Boden ich lebe, über einem Dunkel, aus dem die dunkle Gewalt nach ihrem Willen hervorkommt und ohne sich an mein Stottern zu kehren mein Leben zerstört. Das Schreiben erhält mich, aber ist es nicht richtiger zu sagen, dass es diese Art Leben erhält. Damit meine ich natürlich nicht, dass mein Leben besser ist, wenn ich nicht schreibe. Vielmehr ist es dann viel schlimmer und gänzlich unerträglich und muss mit dem Irrsinn enden. Aber das freilich nur unter der Bedingung, dass ich, wie es tatsächlich der Fall ist, auch wenn ich nicht schreibe, Schriftsteller bin und ein nicht schreibender Schriftsteller ist allerdings ein den Irrsinn herausforderndes Unding. Aber wie ist es mit dem Schriftstellersein selbst? Das Schreiben ist ein süsser wunderbarer Lohn, aber wofür? In der Nacht war es mir mit der Deutlichkeit kindlichen Anschauungsunterrichtes klar, dass es der Lohn für Teufelsdienst ist. Dieses Hinabgehn zu den dunklen Mächten, diese Entfesslung von Natur aus gebundener Geister, fragwürdige Umarmungen und was alles noch unten vor sich gehen mag, von dem man oben nichts mehr weiss, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt. Vielleicht gibt es auch anderes Schreiben, ich kenne nur dieses, in der Nacht, wenn mich die Angst nicht schlafen lässt, kenne ich nur dieses.«
Solche Äußerungen hörte Brod von Kafka nicht zum ersten Mal; schon früher, vor allem aber zu Zeiten der kreativen Ernte, konterkarierte er den Stolz auf die eigene Leistung fast vorhersehbar mit dem Einwand, diese Leistung sei nichts anderes als unverantwortlicher, eitler Selbstgenuss, der seine Strafe in sich selbst finde. Doch an diesem Punkt bleibt Kafka jetzt nicht stehen, ihm geht es nicht mehr um persönliche Schwächen oder um Fragen der Moral, sondern um eine existenzielle Verfehlung von katastrophischem Ausmaß. Der Schriftsteller genießt das, was er tut, als Zauberkunst, aber er weckt vitale Mächte, denen er nicht gewachsen ist. Diese Mächte lassen weder mit sich spielen noch verhandeln. Am Ende, wenn sie ihn einholen, wird abgerechnet. Über die Bilanz seines Lebens aber beugt {511}sich der Schriftsteller zu spät, den Preis hat er ja längst gezahlt – als Vorschuss und in Raten.
»Was der naive Mensch sich manchmal wünscht: ›ich wollte sterben und sehn wie man mich beweint‹ das verwirklicht ein solcher Schriftsteller fortwährend, er stirbt (oder er lebt nicht) und beweint sich fortwährend. Daher kommt seine schreckliche Todesangst, die sich nicht als Todesangst äussern muss, sondern auch auftreten kann als Angst vor Veränderung, als Angst vor Georgental. Die Gründe für die Todesangst lassen sich in 2 Hauptgruppen teilen. Erstens hat er schreckliche Angst zu sterben, weil er noch nicht gelebt hat. Damit meine ich nicht, dass zum Leben Weib und Kind und Feld und Vieh nötig ist. Nötig zum Leben ist nur, auf Selbstgenuss zu verzichten; einziehn in das Haus, statt es zu bewundern und zu bekränzen. Dagegen könnte man sagen, dass das Schicksal ist und in niemandes Hand gegeben. Aber warum hat man dann Reue, warum hört die Reue nicht auf? Um sich schöner und schmackhafter zu machen? Auch das. Aber warum bleibt darüber hinaus das Schlusswort in solchen Nächten immer: Ich könnte leben und lebe nicht. Der zweite Hauptgrund – vielleicht ist es auch nur einer, jetzt wollen sich mir die zwei nicht recht sondern – ist die Überlegung: ›Was ich gespielt habe, wird wirklich geschehn. Ich habe mich durch das Schreiben nicht losgekauft. Mein Leben lang bin ich gestorben und nun werde ich wirklich sterben. Mein Leben war süsser als das der andern, mein Tod wird um so schrecklicher sein. Der Schriftsteller in mir wird natürlich sofort sterben, denn eine solche Figur hat keinen Boden, hat keinen Bestand, ist nicht einmal aus Staub; ist nur im tollsten irdischen Leben ein wenig möglich, ist nur eine Konstruktion der Genusssucht. Dies ist der Schriftsteller. Ich selbst aber kann nicht weiterleben, da ich ja nicht gelebt habe, ich bin Lehm geblieben, den Funken habe ich nicht zum Feuer gemacht, sondern nur zur Illuminierung meines Leichnams benützt. Es wird ein eigentümliches Begräbnis werden, der Schriftsteller, also etwas nicht Bestehendes, übergibt den alten Leichnam, den Leichnam seit jeher, dem Grab. Ich bin genug Schriftsteller, um das in völliger Selbstvergessenheit – nicht Wachheit, Selbstvergessenheit ist erste Voraussetzung des Schriftstellertums – mit allen Sinnen geniessen oder, was dasselbe ist, erzählen zu wollen, aber das wird nicht mehr geschehn. [...]‹« [600]
So war aus Kafkas Brief beinahe eine kleine Abhandlung geworden, die bei weitem ausführlichste Reflexion zum Beruf des Schriftstellers, die er je zu Papier brachte. Brods Reaktion darauf war eher lau, ihm schien es, als ziehe Kafka aus geringfügigen Anlässen – in diesem Fall die heftige Angst vor der versprochenen Reise nach Georgenthal – unzulässig weitreichende Folgerungen, ja, er wertete es als Vorzug, dass Kafka inmitten manifesten Unglücks immerhin noch schreiben {512}könne, während er selbst an solchen Tagen völlig gelähmt sei. » … ich kann (beim besten Willen) deinen Fall nicht so verzweifelt finden.« [601] Aber Brod verwechselt hier Anlass und Ursache, was erstaunlich genug ist. Denn zum wiederholten Male spricht doch Kafka von »Todesangst«, und mit aller wünschenswerten Deutlichkeit stellt er klar, dass es sich keinesfalls um Metaphorik handelt. Er hat Angst, an der Tuberkulose zu sterben, und während er mit dieser Angst kämpft, denkt er sich Figuren aus, die den Tod an seiner Stelle erleiden, einen Hungerkünstler und einen Landvermesser. Es ist ein frivoles Spiel, das der Schriftsteller betreibt, aber es ist vergeblich, und es findet seine natürliche Strafe. So billig kommt niemand davon.
Am 18.September 1922 kehrten Kafka und seine Schwester Ottla nach Prag zurück. Es war sein erster Ausflug als Pensionär gewesen, in eine schöne, friedvolle Landschaft, wie er sie kaum je erfahren hatte. Und in der Stadt erwarteten ihn weder das Büro noch irgendwelche anderen Verpflichtungen. Warum also diese Schwankungen, diese entsetzliche Nervosität? Er werde sich eben noch ein zweites Mal pensionieren lassen müssen, scherzte Ottla. Sie hatte gut lachen, mit ihrem Kinderwagen, mit ihrer kleinen Věra darin.
Im Koffer brachte er seine SCHLOSS-Hefte mit, Hefte mit vielen durchgestrichenen Seiten. Ob er sich dazu überreden ließ, noch einmal daraus vorzulesen, wissen wir nicht – wahrscheinlich genug ist es, denn Oskar Baum, bei dem Kafka ohnehin noch etwas gutzumachen hatte, war ja auf das Vorlesen angewiesen, wenn er wissen wollte, was die Freunde arbeiteten. Und Kafka hatte in sein Manuskript eine kleine, wunderbare Pointe eingebaut, die für die Freunde wohl eher bestimmt war als für die ferne Leserschaft.
Die Wendung findet sich im 13. Kapitel, in dem der Landvermesser bei seinen Versuchen, durch irgendeine Seitentür ins Schloss vorzudringen, zu ziemlich fragwürdigen Methoden greift. Er überlistet ein unschuldiges Kind, den Knaben Hans Brunswick, dessen madonnenhafte Mutter aus dem Schloss stammt und daher auf den Landvermesser eine unwiderstehliche Wirkung ausübt. Hans soll K. den Weg zu seiner Mutter ebnen. Welchen Grund aber sollte es für die kränkelnde Frau geben, K. zu empfangen, sich mit seinem Schicksal zu befassen und überdies einen Streit mit ihrem Mann zu riskieren? Eben ihre Krankheit, antwortet K. dreist. Denn davon {513}verstehe er etwas, er – der Landvermesser! – habe sogar Erfahrung in der Krankenbehandlung. Und als sei es damit nicht genug, fügt er hinzu, dass ihm schon manches geglückt sei, worin Ärzte versagten. Zuhause habe man ihn wegen seiner Fähigkeit zu heilen sogar »das bittere Kraut« genannt.
Man musste in der literarischen Szene schon recht gut bewandert sein, um zu verstehen, für wen der Landvermesser hier spricht und dass er sogar etwas Wahres sagt – in gewissem Sinn. Im Mai 1922, nicht lange, bevor Kafka diese Szene niederschrieb, hatte Franz Blei sein spektakuläres BESTIARIUM DER MODERNEN LITERATUR veröffentlicht, darin ein satirisches Lexikon, in dem er zeitgenössische Schriftsteller und Intellektuelle als exotische Lebewesen porträtierte. Blei scheint über die privaten Vorlieben, Eigenheiten und Phobien seiner Kandidaten sehr gut unterrichtet gewesen zu sein, denn sein Eintrag zum Stichwort ›Kafka‹ lautet so:
»Die Kafka ist eine sehr selten gesehene prachtvolle mondblaue Maus, die kein Fleisch frisst, sondern sich von bittern Kräutern nährt. Ihr Anblick fasziniert, denn sie hat Menschenaugen.« [602]