{589}Letztes Leid

When I die,
just keep playing the records.
Jimi Hendrix

»Ich habe den Bau eingerichtet und er scheint wohlgelungen.« Ein Tier ist es, das diesen selbstbewussten Satz ausspricht, eines der erzählenden, die eigene Geschichte erörternden, in der eigenen Geschichte sich verlierenden Lebewesen, die in Kafkas Werk so vielerlei Gestalt annehmen; ein Tier in der Nachfolge des Menschenaffen Rotpeter, der erlösungsbedürftigen Schakale und des forschenden Hundes. Es ist der Beginn der Erzählung DER BAU, entstanden im Dezember 1923, niedergeschrieben mit schwarzer Tinte auf die Blätter eines gewöhnlichen karierten Schreibblocks.

Für Kafkas späten literarischen Stil, der sich von der Prosa seiner Romane immer weiter entfernt, ist DER BAU besonders charakteristisch: wohl ein erzählerischer Text, doch mit ganz unspektakulärer äußerer Geschichte und im Tonfall eines bedächtig sich entfaltenden Monologs, der den Leser Schritt für Schritt in eine paranoide Logik verstrickt. Es ist Bedenkenprosa, Erörterungsprosa, in der jede aufgeworfene Frage, jedes Abwägen von Alternativen, ja sogar das gelegentliche Aufkommen eines generellen Zweifels den Überzeugungsdruck verständiger Rede ausübt, während die Absurdität der Voraussetzungen, auf denen alles beruht, mehr und mehr aus dem Blick gerät. Auch bei den FORSCHUNGEN EINES HUNDES macht der Leser die Erfahrung, dass in dem Augenblick, da er dem verblüffend redegewandten Ich-Erzähler Vernunft zubilligt, dessen Fragen zu seinen eigenen werden und dass daher die Versuchung, sich dessen Sinnsuche anzuschließen, beinahe übermächtig wird. Man braucht, um diesen Bann zu lösen, einen Schlüssel von außen. Man braucht die Erkenntnis, dass der Erzähler sich täuscht und darum auch uns.

Diesem Schnittmuster folgt ebenso DER BAU, doch ist die Demaskierung hier ungleich schwieriger. Ein zumeist unter der Erde lebendes Tier (es könnte ein Dachs sein) hat in jahrelanger mühevoller Arbeit ein ausgedehntes System von Gängen gegraben, nach außen gesichert durch verschiedene Maßnahmen der Tarnung, innen fortwährend in Stand gehalten, gegen Eindringlinge gewappnet und mit taktischen Notfallplänen auch geistig hochgerüstet. Die Selbstzufriedenheit des Bauherrn ist nicht zu überhören, doch da er Beziehungen zu Artgenossen zu meiden scheint und seine Gedanken ausschließlich um die eigenen Pläne kreisen, ist Vorsicht geboten. Wie glaubwürdig ist ein so isolierter Erzähler? Dass dieser Bau, dessen Aufgeräumtheit und Stille immer wieder gelobt wird, in Wahrheit eine von Kleingetier bevölkerte und nach verwesendem Beutefleisch stinkende Höhle ist, wird dem aufmerksamen Leser nicht entgehen – nun, es liegt in der Logik der Tiererzählung, dass menschliche Vorstellungen von Reinheit hier nicht am Platz sind. Auch das offensichtlich übersteigerte Sicherheitsbedürfnis des Tieres lässt noch nicht zwingend darauf schließen, dass es sich um einen kompakten Wahn handelt; immerhin räumt selbst der Schöpfer des Baus ein, dass er des Guten vielleicht zu viel getan hat und dass es absolute Sicherheit nicht geben kann, ja, er träumt sogar davon, sich mit einem eventuell auftauchenden Gegner zu verständigen, ihn zu dulden, auch wenn die Abgeschiedenheit des Baus, die an ein Grab erinnert, »hörbare Nachbarschaft« natürlich nicht verträgt. Endlich stellt sich heraus, dass Sicherheit gar nicht der einzige Sinn des Baus ist und es vielleicht niemals war.

»Wenn ich auf dem Burgplatz stehe, umgeben von den hohen Fleischvorräten, das Gesicht zugewendet den zehn Gängen, die von hier ausgehn, jeder besonders dem Gesamtplan entsprechend gesenkt oder gehoben, gestreckt oder gerundet, sich erweiternd oder sich verengend und alle gleichmässig still und leer und bereit, jeder in seiner Art, mich weiterzuführen zu den vielen Plätzen und auch alle diese still und leer – dann liegt mir der Gedanke an Sicherheit fern, dann weiss ich genau, dass hier meine Burg ist, die ich durch Kratzen und Beissen, Stampfen und Stossen dem widerspenstigen Boden abgewonnen habe, meine Burg die auf keine Weise jemandem andern angehören kann und die so sehr mein ist, dass ich hier letzten Endes ruhig von meinem Feind auch die tödliche Verwundung annehmen kann, denn mein Blut versickert hier in meinem Boden und geht nicht verloren.« [699]  
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Ein Blick in das Manuskript zeigt, dass Kafka sogar zuerst von »Heimat« spricht und diesen Begriff erst nachträglich durch »Burg« ersetzt. Um Zugehörigkeit also geht es, um Identifikation, die um so tiefer und dauerhafter ist, als ja das Tier sich nicht auf irgendein Kollektiv verlässt – die preiswerteste Art, Identität zu erlangen –, sondern auf eine selbst erbrachte Leistung verweisen kann. Dies hier bin ich: ein gewissermaßen menschlicher Stolz, den niemand per se als wahnhaft verurteilen wird. Das Tier führt sein Lebenswerk vor, und bei aller Skurrilität in den Details muss der Leser sich doch sagen, dass ein vollendetes Lebenswerk nicht das Schlechteste ist, was einem widerfahren kann.

Es gehört zur formalen Raffinesse dieser Erzählung, dass erst in dem Augenblick, da das Tier sich einen gewissen Respekt für sein wunderliches Unternehmen verschafft hat, der eigentliche Test seines Realitätssinns erfolgt. Die Stille des Baus wird plötzlich von einem Geräusch gestört, das Tag und Nacht nicht mehr aufhört, »immer klingt es unverändert dünn in regelmässigen Pausen, einmal wie Zischen, einmal eher wie Pfeifen«. Ist es ein mächtiger Feind, der sich von irgendwo herangräbt? Wird das Geräusch allmählich stärker, oder scheint es nur so? Die Lawine von Spekulationen, die das Ereignis auslöst, mündet in keinerlei greifbares Ergebnis, doch immerhin bieten sich dem Leser jetzt einige Haltepunkte, die es ihm ermöglichen, dem Sog zu widerstehen und die allzu enge Perspektive des Ich-Erzählers zu verlassen. Wenn das unheimliche Geräusch, wie wir erfahren, an jeder Stelle des riesigen Baus mit gleicher Lautstärke zu hören ist, dann drängt sich die Vermutung auf, dass es von dem Tier selbst ausgeht. Es ist dieser naheliegendste Gedanke, auf den es nicht verfällt und der allein dadurch an Evidenz gewinnt. Ein Zischen und Pfeifen mit regelmäßigen Pausen: Es ist das eigene Lebensgeräusch, der eigene Atem, den das Tier vernimmt, das Tier selbst ist die letzte Quelle der Unruhe, welche die perfekte Stille seiner Schöpfung noch stört.

Welches Ende Kafka dem panisch in seinem Bau verharrenden Tier zugedacht hat, wissen wir nicht. Das Manuskript bricht mitten im Satz ab, allerdings auf einem bis unten vollgeschriebenen Blatt, so dass es eine Fortsetzung über den erhaltenen Text hinaus wohl gegeben hat. [700]  Eines wirklichen Schlusses bedarf diese Geschichte jedoch gar nicht, ihre eigentliche, schreckliche Pointe ist eine biographische, sie erschließt {592}sich nicht am Text, sondern aus den Umständen, unter denen er entstanden ist. Denn die Frage, ob es ein äußerer Gegner ist, der den Bau bedroht, oder ob das fortwährende Geräusch eine Gefahr von innen signalisiert, ist für einen Tuberkulosekranken ohne Belang. Das Geräusch des eigenen, allmählich kürzer werdenden Atems, dieses Lebenszeichen, das immer schon da war, auf das aber erst der Kranke angstvoll horcht, dieses Geräusch ist der Gegner. [701]  Kafka hat auch diese Metapher nicht erfunden, er hat sie vorgefunden, und seinem Text kommt am nächsten, wer sie wörtlich nimmt.

Das gilt auch für Kafkas letztes Werk JOSEFINE, DIE SÄNGERIN ODER DAS VOLK DER MÄUSE, eine Erzählung, welche den altvertrauten Decknamen ›Josef‹ bereits im Titel führt. Erneut ist der Berichterstatter ein Tier – diesmal eine sich sehr objektiv gebende, wenngleich etwas gelehrt-grämliche Maus –, und erneut geht es um die wahre Bedeutung eines Geräuschs, das Josefine, die Mäuse-Diva, für Kunst ausgibt, während es sich in Wahrheit um ein »leises, etwas zischendes Pfeifen« handelt: eine »charakteristische Lebensäußerung«, die ebenso gut und ganz nebenbei jede andere Maus zustande bringt, genau genommen ein »Nichts an Stimme«, ein »Nichts an Leistung«. [702]  Das wirft die Frage auf, warum sie überhaupt ein Publikum findet (es ist zum Teil organisiert, stellt sich heraus) und warum Josefines künstlerische Anmaßung bis zu einer gewissen Grenze toleriert wird. Diesem Rätsel widmet der Erzähler breiten Raum. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es nicht die Kunst, sondern die Inszenierung als solche ist, deren Aura die Menge vorübergehend in Bann hält, dass aber jeder Anspruch, der über die räumlich und zeitlich begrenzte Inszenierung hinausgeht, vom Volk der Mäuse völlig zu Recht abgewiesen wird. Kunst oder Nicht-Kunst: Außerhalb des Gesetzes steht niemand. Die geforderten sozialen Privilegien – vor allem die Freistellung von körperlicher Arbeit – werden Josefine rundweg verweigert, und ihre Drohung, dann eben auch die künstlerische performance einzuschränken, bezeugt eine geradezu wahnhafte Verkennung ihres tatsächlichen Status. Zum erstenmal hat Kafka hier die beiden zentralen Motive seiner späten Jahre in engste Berührung, ja zu einer Art Kurzschluss gebracht: den absoluten Wahrheitsanspruch, den nur die Kunst des autonomen Einzelnen befriedigen kann, freilich um den Preis des Lebens, und das Verlangen nach Gemeinschaft, nach einer wirklichen, sozialen, auch physischen Verbindung mit {593}dem eigenen Kollektiv. Dass beides einander ausschließt, war von jeher der heroische Kern von Kafkas privatem Mythos. Jetzt, am Ende des Wegs, scheint er diese Position zu räumen, und der Kampf seines Lebens erscheint im Licht der Ironie. Auch die Diva zieht sich schließlich zurück, und ganz gleich, ob sie ihren Kunstanspruch für sich selbst aufrechterhält oder nicht: Ihre Artgenossen können sehr gut ohne sie leben, eine Zeitlang bleiben ihre Inszenierungen ein anekdotisches Erbe, doch künftige Generationen werden sie vergessen, und dann ist es, als habe es Josefine nie gegeben.

Es ist nur schwer vorstellbar, wie sich Kafka – von der Tuberkulose genesen – von diesem Punkt aus literarisch hätte weiterentwickeln können. Selbst völliges Verstummen und die Entscheidung für ein sozial opferbereites Leben hielt Max Brod für eine plausible Möglichkeit: »Vieles, was ich aus seinem Munde gehört habe, deutet in diese Richtung.« [703]  Andererseits sind die Schlusssätze der JOSEFINE-Erzählung von unverkennbarer Trauer geprägt und keineswegs von der Erleichterung, einem lebensfeindlichen Wahn endlich entronnen zu sein. Wenn die Literatur, wie Kafka am Ende seines Lebens glaubte, der Versuch ist, »ein wahres Wort von Mensch zu Mensch« zu ermöglichen, dann kann JOSEFINE nicht sein letztes Wort gewesen sein. Allenfalls sein Abschied vom Mythos des Einzelkämpfers, von all den unterdrückten Söhnen, Angeklagten und Landvermessern, deren Narzissmus so redselig und doch so einsam ist.


Einige wenige Tage, so hatte Kafka geglaubt, werde er sich in Prag aufhalten und dann sogleich in ein Sanatorium fahren. Davos in der Schweiz sollte es sein, wahrscheinlich das Beste, gewiss aber das Teuerste, es war ein Vorschlag des Onkels, und offenbar war auch eine Unterkunft schon fest gebucht, denn am 19.März, nach nur zwei Tagen in Prag, meldete Kafka seinem Direktor die kurz bevorstehende Abreise. Doch aus irgendeinem Grund scheiterte dieser Plan (vermutlich lag die Einreisebewilligung nicht rechtzeitig vor), und es mussten Anfragen an weitere Sanatorien ausgeschickt werden. Kafka beantragte sicherheitshalber einen Pass, der ihn zur Ausreise in mehrere Länder berechtigte, nach Deutschland, Österreich, Italien und in die Schweiz: ein Zeichen, dass er sich über brauchbare Alternativen erst jetzt Gedanken machte und dass er für den Augenblick in Prag festsaß.

Das war, wie sich zeigen sollte, ein Unglück. Denn etwa am 20.März–gerade war er dabei, die JOSEFINE-Erzählung abzuschließen– bemerkte der fortwährend fiebrige Kafka, dass auch mit seinem Hals etwas nicht in Ordnung war. Er fühlte ein leichtes Brennen in der Kehle, vor allem beim Trinken von Fruchtsäften, und das Sprechen schien etwas anstrengender als sonst, wie beim Beginn einer Heiserkeit. »Ich glaube«, bemerkte er gegenüber Klopstock im Hinblick auf die gelegentlich heisere Josefine, »ich habe zur rechten Zeit mit der Untersuchung des tierischen Piepsens begonnen.« [704]  Das konnte eine gewöhnliche Halsentzündung sein, doch die Symptome wurden allmählich ärger und störten auch beim Essen. Ob Kafka die Gefahr, die ihm nahte, zu diesem Zeitpunkt schon bewusst war, wissen wir nicht; dass die Lungentuberkulose häufig sekundäre Infektionen verursacht, war ihm aus Gesprächen mit Leidensgenossen und Ärzten natürlich bekannt, wenngleich er diese Drohung gewöhnlich verdrängte. Auch Max Brod, den Kafka in auffallend bestimmtem Ton zu täglichen Besuchen aufforderte, war über dessen schlechte äußere Verfassung und das bisweilen rasselnde Atemgeräusch gewiss weitaus mehr besorgt als über die anfangs kaum wahrnehmbare Beeinträchtigung der Stimmkraft. Unbegreiflich hingegen ist, dass nicht einmal der Arzt, der zu einem Hausbesuch gebeten wurde, auf den Gedanken verfiel, sich Kafkas Kehlkopf anzuschauen: Dieser Mann, schrieb Kafka später, sei einfach zu faul gewesen, den Kehlkopfspiegel mitzubringen. [705]  Nun, wirkliche Laryngologen gab es auch in Prag. Doch statt Kafka zu einer Untersuchung durch einen Spezialisten zu schicken, wurde beschlossen, dass er zur Wiederaufnahme einer systematischen Kur ins niederösterreichische Sanatorium ›Wienerwald‹ fahren sollte. Dort kannte Löwy einen der beiden leitenden Ärzte, die zugleich Eigner des Sanatoriums waren, und das versprach Protektion und zehn Prozent Rabatt.

Über seinen Abschied von Prag und von der Familie wissen wir nichts. Es war sein letzter Abschied, denn weder die Eltern noch seine Heimatstadt sollte er jemals wiedersehen. Ein Erinnerungsfetzen ist alles, was geblieben ist, eine kleine Szene, die der Journalist und Lyriker Michal Mareš bewahrte, ein langjähriger Bekannter, der Kafka wenige Tage vor dessen Abreise, an einem schönen Frühlingstag, noch einmal auf der Straße begegnete. Kafka hielt einen großen bunten Ball in den Händen, den er seiner Nichte Věra zuwarf, daneben {595}stand Ottla und beobachtete das Spiel. »Wollen Sie nicht mit uns zu Mittag essen?«, fragte Kafka lächelnd. Doch Mareš hatte leider anderes vor und verabschiedete sich. Es war am Altstädter Ring, auf dem Gehsteig, vor dem Eingang eines Bestattungsinstituts. [706]  


Das Lungensanatorium Wienerwald genoss internationale Reputation, ein fünfstöckiger Bau mit den Dimensionen eines Grandhotels, errichtet nach architektonischen Vorbildern aus Davos, mit Liegehalle, Gesellschaftsräumen, Lese- und Musikzimmer, mit Behandlungsräumen zur Bestrahlung und sogar mit eigenem Operationssaal. Das Gebäude stand mit schönem Ausblick an einem Hang nach Süden und war überdies von einem weitläufigen Park umgeben, darüber hinaus aber gab es kilometerweit nichts als Wald. Denn das Sanatorium lag isoliert am Ende eines engen Tals, und der nächste Ort, das Dorf Ortmann (heute ein Teil von Pernitz), war eine gute Wegstunde entfernt. Die Anreise war mühevoll, die siebzig Kilometer von Wien erforderten mehrmaliges Umsteigen, und am Ende saß man noch stundenlang in der schönen, doch verzweifelt langsam sich hinaufarbeitenden Gutensteinerbahn. Ob Kafka diese, wie er schrieb, »unendliche Reise« tatsächlich allein bewältigt hat, ist ungewiss. [707]  

Dora wartete ungeduldig darauf, den Geliebten wiederzusehen: Aus den wenigen Tagen der Trennung, mit denen sie gerechnet hatte, waren inzwischen fast drei Wochen geworden. Er schrieb ihr regelmäßig, doch nach wie vor fürchtete sich Kafka vor einem Zusammentreffen Doras mit seiner Familie, vor den Aufregungen und Friktionen, die das unvermeidlich mit sich brachte, und so bat er sie inständig, in Berlin auszuharren. Kaum aber stand der Tag seiner Abreise fest, machte sich auch Dora auf den Weg nach Österreich. An einem Reisetag schaffte sie es bis Wien, dort nahm sie ein Hotelzimmer und erfragte bei den Kafkas wahrscheinlich telefonisch die genaue Adresse des Sanatoriums. Und während er noch versuchte, Doras Eintreffen ein wenig aufzuschieben, war sie bereits unterwegs zu ihm: Am 8.April traf sie in Ortmann ein, nahm Quartier in einem Bauernhaus nahe dem Sanatorium und erschien in Kafkas Krankenzimmer.

Er fühlte sich im ›Wienerwald‹ höchst unwohl, sprach rückblickend sogar von einem »bösen bedrückenden« Sanatorium. Vermutlich litt er unter dem abrupten Wechsel von einem ganz auf ihn abgestimmten {596}praktischen Beistand, wie er ihn seit Monaten genossen hatte, und der ziemlich anonymen Kur-Maschinerie mit internationalem Publikum, die er in Ortmann vorfand. Von einer irgendwie bevorzugten Behandlung durch die beiden Chefärzte merkte er überhaupt nichts, vertrauenswürdig schien ihm keiner von beiden: »einer tyrannisch, einer weichmütig, aber beide medicingläubig und in der Not hilflos«. [708]  Meist lag Kafka im Bett und lauschte dem Geplauder auf den umliegenden Balkonen, an dem er sich wegen der zunehmenden Heiserkeit ohnehin nicht beteiligen konnte. Am schlimmsten aber war, dass niemand hier ihm mitteilen wollte, was längerfristig zu unternehmen sei, und dass sich die Behandlung ganz auf die Linderung von Symptomen beschränkte: flüssiges Pyramidon, um das Fieber zu senken, ein wirkungsloses Medikament zur Dämpfung des Hustens sowie Bonbons mit anästhesierender Wirkung, um das Essen zu erleichtern. »Hauptsache ist wohl der Kehlkopf«, schrieb Kafka an Klopstock, immerhin dies stand jetzt fest. »In Worten erfährt man freilich nichts bestimmtes, da bei Besprechung der Kehlkopftuberkulose jeder in eine schüchterne ausweichende starräugige Redeweise verfällt. Aber ›Schwellung hinten‹, ›Infiltration‹ ›nicht bösartig‹ aber ›Bestimmtes kann man noch nicht sagen‹, das in Verbindung mit sehr bösartigen Schmerzen genügt wohl.« [709]  Es war das erste Mal, dass Kafka sich über starke Schmerzen beklagte, und was dies bedeutete, wusste Klopstock ebenso gut wie jeder andere Mediziner. Wenn es sich wirklich nicht um ein Krebsgeschwür handelte – aber woher wollten die Ärzte im ›Wienerwald‹ das ohne Gewebeprobe wissen? –, dann waren die rasch zunehmenden Schmerzen, die Ödeme und Infiltrationen ein sicheres Zeichen, dass Kafkas Tuberkulose auf den Kehlkopf übergegriffen hatte.

Es war vermutlich seine Scheu davor, sich in derart hilflosem und übel gelauntem Zustand zu präsentieren, die ihn dazu veranlasste, selbst gegenüber Dora seine wirkliche Not noch keineswegs einzubekennen. Sie hatte Verpflichtungen in Berlin, sie konnte ohne Einkünfte im Ausland nicht leben, und so sehr er sich über ihren Besuch freute, so hielt er es doch für ausgeschlossen, dass sie allein seinetwegen ihr Lebensumfeld verlassen würde. Dora hingegen muss schon bei Kafkas Anblick klar gewesen sein, dass sie sich hier für längere Zeit einrichten musste. Er wog mittlerweile weniger als fünfzig Kilo, seine Stimme war völlig verändert, und die entspannte, {597}oft sogar heitere Stimmung von Berlin hatte sich unter dem Druck der Schmerzen verflüchtigt. Innerhalb von nur drei Wochen war ihr Freund zu einem pflegebedürftigen Menschen geworden, den sie nicht einfach zurücklassen konnte, auch wenn Kafka noch immer anderer Ansicht war. So schrieb er am 9.April an die Eltern, Dora sei für einige Tage bei ihm, dann fahre sie wieder nach Hause. Dora aber ergänzte: »Es ist noch nicht sicher, dass ich nach Hause fahre.« Weitaus deutlicher noch eine Karte an Brod, die Kafka am selben Tag schrieb: Er bat ihn, die JOSEFINE-Erzählung der Prager Presse und danach auch dem Verlag Die Schmiede anzubieten, denn er brauche dringend Geld: »Es ist offenbar doch der Kehlkopf.« Dora notierte darunter: »Wenn es irgendwie einzurichten geht bleib ich auch hier und nicht in Wien. Wir werden sehen.« Doch dann fügte sie, ohne Kafkas Wissen, noch ein zweites Postskriptum hinzu: »Bitte Max, verkaufe was möglich ist. Ich muss um jeden Preis hier bleiben. Ich brauche unglaublich wenig, deshalb wird es möglich sein. Der Zustand ist sehr, sehr ernst.« [710]  

Das gestanden jetzt endlich auch die Ärzte vom ›Wienerwald‹ ein. Noch am selben Tag teilten sie Kafka in aller Unschuld mit, dass die Behandlung, die er benötige, die Möglichkeiten eines Lungensanatoriums übersteige, und ohne Resektion des Kehlkopfnervs werde er die Schmerzen ohnehin nicht mehr los. Damit müsse er sich an einen Spezialisten für Laryngologie wenden, und der sei nur in Wien verfügbar. Ein Hinauswurf also, und mit einer Begründung, die wie ein Schock traf. Am folgenden Tag – es war erst der sechste seit seiner Ankunft – bestiegen Kafka und Dora Diamant einen offenen Wagen. Ein anderes Transportmittel hatte das Sanatorium, trotz Wind und Regenschauern, im Augenblick nicht zur Verfügung. »Alle Schrecknisse überboten am 10.April«, notierte Max Brod in seinem Tagebuch, »durch die Nachricht, dass Kafka vom Sanatorium ›Wienerwald‹ zurückgeschickt wurde. Wiener Klinik. Kehlkopftuberkulose festgestellt. Fürchterlichster Unglückstag.« [711]  


Der Kampf um Kafkas Überleben begann am 11.April 1924. Bis zu diesem Datum war das Ziel aller medizinischen und hygienischen Maßnahmen stets ›Genesung‹ gewesen, selbst in der bisher kritischsten Phase im Oktober 1918, als die Familie den Ausgang der schweren, durch die Spanische Grippe ausgelösten Lungenentzündung bloß {598}abwarten konnte. Doch die jetzige Situation unterschied sich davon grundlegend. Untätiges Warten bedeutete den sicheren Tod, und ehe man an Genesung auch nur denken konnte, war es notwendig, endlich einmal eine Diagnose auf der Höhe des medizinischen Wissens zu stellen und einer weiteren Verschlechterung seines Zustands mit allen verfügbaren Mitteln vorzubeugen. Für Kafka ein Unterschied ums Ganze, ein tiefer existenzieller Einschnitt. Denn über sämtliche Maßnahmen, die seine Krankheit betrafen, hatte er bisher noch immer selbst entschieden, auch in den Zeiten zunehmender sozialer Abhängigkeit. Doch jetzt, zum ersten Mal, war ihm diese Freiheit genommen. Er befand sich in einer Klinik, er war ein Fall unter vielen ähnlichen, sein Körper wurde begutachtet, besprochen und behandelt, und alle anderen Bedürfnisse des Lebens, vor allem psychische und soziale, wurden den medizinischen Maßnahmen strikt untergeordnet.

Er hatte kurzfristig einen Platz in der großen Klinik für Hals- und Kehlkopfkrankheiten des Allgemeinen Krankenhauses bekommen (Laryngologische Klinik, Lazarettgasse 14); ein entfernter Verwandter in Wien hatte sich dafür eingesetzt. Es war eine gute Adresse, eine der besten in Europa, und das hatte die Klinik vor allem der Reputation ihres Vorstands zu verdanken, des Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten Professor Markus Hajek. » … es ist wie eine Voraussehung, dass er zu Hajek kam«, schrieb Robert Klopstock erleichtert an Ottla, »so wunderbarer Mensch ist er auf diesem Gebiete, und seine Wunderbarkeit liegt gar nicht in der obiectiven Wissenschaft sondern in ihm … Ich dachte ja an Hajek, noch vor alldem ...« [712]  Gewiss, Hajek war erste Wahl, auch Sigmund Freud hatte sich im Jahr zuvor von Hajek operieren lassen. Doch die persönliche Behandlung des Chefarztes genossen natürlich vorrangig diejenigen Patienten, bei denen chirurgisch überhaupt etwas auszurichten war, und um dies im Fall Kafkas zu entscheiden, war zunächst eine sorgfältige Anamnese und eine gesicherte Diagnose erforderlich.

Die Ergebnisse der Untersuchungen, die unmittelbar nach Kafkas Ankunft in Wien durchgeführt wurden, sind die bei weitem genauesten, die über seine Tuberkuloseerkrankung überliefert sind. [713]  Begutachtet wurde er zunächst von einem Internisten, der die Lunge abhörte und eine rasselnde Bronchialatmung sowie beidseitige ›Dämpfungen‹, mithin verdichtetes Gewebe, feststellte. Zur Anamnese (bei der Kafka {599}die Spanische Grippe offenbar vergaß) heißt es auf seinem Krankenblatt unter anderem:

»Vor 6 Jahren Haemoptoe [Bluthusten], es wurde eine Lungentbc diagnostiziert. Das Lungenleiden wechselt im Laufe der Jahre an Intensität. Patient hat Zeiten, in denen er sehr gut ausschaut und sich relativ wohl fühlt. In den letzten 7 Monaten hat der Patient ca. 6 kg abgenommen und fühlt sich jetzt schlechter als während der vergangenen Jahre. Vor 2 Wochen wurde Patient heiser. Seit 5 Tagen bestehen brennende Schmerzen beim Schlucken besonders rechts, oft auch unabhängig davon, die ihn manchmal aus dem Schlafe wecken. Patient ist völlig appetitlos und fühlt sich sehr schwach.«

Schließlich wurde mit Hilfe eines Kehlkopfspiegels der entscheidende Punkt inspiziert: »Larynx [Kehlkopf]: Beide Aryknorpel ödematös. Hinterwand leicht infiltriert. Taschenbänder gerötet. Diagnose: Tbc. laryngis.« Damit waren die letzten Zweifel beseitigt. Selbst das komfortabelste Sanatorium im bestmöglichen Klima versprach von nun an keine Hilfe mehr. Die Schulmedizin, deren instrumentelles Denken Kafka jahrelang als Anmaßung betrachtet und verurteilt hatte, war der letzte verbliebene Rettungsanker.

Freilich, einen Wirkstoff, der den seit langem identifizierten Erreger der Tuberkulose unmittelbar bekämpfte, gab es auch 1924 noch nicht, und von Experimenten mit Tuberkulin hielt Hajek überhaupt nichts – zu oft schon hatte er erlebt, dass es den Patienten damit schlechter ging als zuvor. [714]  Ein chirurgischer Eingriff wiederum schien noch nicht dringend, allenfalls der von Klopstock immer wieder empfohlene ›künstliche Pneumothorax‹ kam in Betracht, die vorübergehende Stilllegung eines Lungenflügels, um dessen Heilung zu befördern. Doch das wäre wegen Kafkas schlechtem Allgemeinzustand schon bedenklich gewesen. So wurde entschieden, zunächst einmal die Schmerzen und den Hustenreiz zu dämpfen, was mit Mentholbesprühungen des Kehlkopfs noch verhältnismäßig einfach zu erreichen war – auf diese Idee hätte man auch im ›Wienerwald‹ kommen können. Tatsächlich ließen die Schluckbeschwerden innerhalb weniger Tage nach, und Kafka war wieder imstande, ausreichend zu essen. Wahrscheinlich hätte er sich dem straffen ärztlichen Regiment schon aus Dankbarkeit noch eine Zeitlang unterworfen, wäre sein Misstrauen gegen die Medizin nicht auf andere Weise und aufs Grausamste bestätigt worden.

Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er ein Zimmer mit völlig fremden und überdies schwerkranken Menschen teilen musste, und es war das erste Mal, dass selbst seine elementarsten Bedürfnisse – Schlafen, Essen, Gespräche – einem rigiden Stundenplan unterworfen waren. Um 5.30 Uhr am Morgen wurden die Patienten geweckt, nacheinander wuschen sie sich mit Hilfe einer Schüssel und fließend warmem Wasser, dann kam das Frühstück, und um 6.30 Uhr lagen alle wieder in den frisch bezogenen Betten, bereit zur ärztlichen Visite. Besuchern war der Zutritt nur zwischen 14 und 16 Uhr gestattet, und auch wenn Dora diese Regel ignorierte und regelmäßig eine Stunde zu früh erschien, so bedeutete sie doch für Kafka eine schwer erträgliche Einschränkung. Trotzdem, so scherzte er gegenüber den Eltern, sei das alles noch immer ein »sehr kleiner und schwacher nachträglicher Ersatz für das militärische Leben, das mir gefehlt hat«. [715]  

Eine starke Untertreibung, denn was Kafka in diesem großen, sonnigen Mehrbettzimmer mit ansehen musste, wäre ihm in der Kaserne gewiss erspart geblieben. Im benachbarten Bett lag ein verheirateter Schuster aus dem Waldviertel, ebenfalls mit Kehlkopftuberkulose, den die Ärzte nur durch einen Luftröhrenschnitt vor dem Ersticken hatten bewahren können. Obwohl diesem Josef Schrammel eine Atemkanüle im Hals steckte, war er guter Dinge, er aß mit großem Appetit und verschmerzte es offenbar auch, dass niemand ihn besuchen kam – dazu war seine Familie zu arm. Zweifellos erinnerte das Kafka an den einsamen Tschechen mit den schrecklichen Spiegeln und an einige andere Bekanntschaften aus Matliary. Zweimal schon hatte Klopstock ihm den Tod eines ehemaligen Mitpatienten gemeldet, und zu Kafkas Entsetzen waren es gerade die optimistischsten, scheinbar vitalsten Menschen gewesen, die es getroffen hatte. Auch der leutselige Schuster Schrammel, der nie im Leben mit Ärzten zu tun gehabt hatte, war sich über den Ernst seiner Situation keineswegs im Klaren, und empört beobachtete Kafka, dass er vom Klinikpersonal weitgehend seinem Schicksal überlassen wurde. »Den Mann neben mir haben sie getötet«, notierte Kafka später. »Mit Lungenentzündung haben sie ihn herumgehn lassen 41 stark. Grossartig war es, wie dann in der Nacht alle Assistenten in ihren Bettchen waren und nur der Geistliche mit seinen Gehilfen da war.« [716]  Am folgenden Morgen war Schrammels Bett leer, und Kafka {601}konnte sich nur schwer beruhigen, immer wieder kamen ihm Tränen, und zum ersten Mal seit Tagen stieg die Fieberkurve wieder an.

Dass er sich in einer psychisch derart belastenden Umgebung unmöglich erholen konnte, war allerdings schon vorher abzusehen, und die betont munteren Karten, die er den Eltern schickte, täuschten niemanden darüber hinweg. Eine ganze Kette von Helfern setzte sich in Bewegung: Als Abgesandter der Familie erschien Ellis Ehemann Karl Hermann, um die finanziellen Probleme zu regeln; Felix Weltsch, der Kafka ebenfalls besuchte, erkundigte sich nach näher gelegenen Sanatorien. Max Brod schließlich alarmierte den in Wien lebenden Werfel, und Werfel wiederum wandte sich mit einem Brief an Professor Hajek. Außerdem bat er eine befreundete Ärztin darum, in der Klinik vorzusprechen und sich für Kafka einzusetzen; dem Patienten selbst schickte er Rosen und ein Widmungsexemplar seines eben erschienenen VERDI-Romans. »Da schreibt mir ein gewisser Werfel«, soll Professor Hajek sarkastisch bemerkt haben, »ich soll etwas für einen gewissen Kafka tun. Wer Kafka ist, das weiß ich. Das ist der Patient auf Numero 12. Aber wer ist Werfel?« Eine gut erfundene Anekdote. Tatsächlich gab Hajek die Zusage, Kafka werde innerhalb weniger Tage in ein Einzelzimmer verlegt, und er sträubte sich ernstlich gegen den Vorschlag, ihn zu entlassen: Hier, in seinem Spital, seien doch »alle Heil-, Behelfs- und Kurmöglichkeiten bei der Hand«, und das sei Kafkas »einzige Möglichkeit«. [717]  Doch es war zu spät, Kafka war entschlossen, das Krankenhaus zu verlassen. Am 19.April packte Dora bei Sonnenschein und weit offenen Fenstern seine wenigen Habseligkeiten. Einen Besuch Werfels in diesem Sterbezimmer hatte er noch eben verhindern können. »In häusliche Pflege entlassen«, lautet der letzte Eintrag in seiner Krankenakte. Das war nicht ganz richtig.


Ohne den Schriftzug SANATORIUM an der Front des Hauses hätte man Dr.Hoffmanns private Lungenheilstätte in dem Dorf Kierling bei Klosterneuburg, fünfzehn Kilometer vor Wien, ebenso gut für eine bescheidene Pension halten können: ein völlig schmuckloses Gebäude an einer Landstraße, Erdgeschoss und zwei Stockwerke, an der Rückseite eine Veranda, davor ein kleiner Garten. Nur zwölf Zimmer gab es, die teilweise auch von Besuchern genutzt wurden, und die medizinische Versorgung der Patienten lag in der Hand {602}Dr.Hugo Hoffmanns, eines Assistenten zu seiner Vertretung sowie einer Krankenschwester. Ein Inhalationsgerät, eine Höhensonne, das war die technische Ausstattung, und Krankenakten wurden überhaupt nicht geführt, denn die Daten der wenigen Patienten hatte man im Kopf. Ein Familienbetrieb also, und viel höher als »häusliche Pflege« hätte Professor Hajek das, was hier geboten wurde, auch nicht eingeschätzt.

Aus Kafkas Sicht hatte das Hoffmannsche Sanatorium jedoch unschätzbare Vorzüge, welche die medizinische Rückständigkeit bei weitem aufwogen: Dora konnte sich jetzt im Haus aufhalten, solange sie wollte, konnte sogar die Küche benutzen. Persönliche Wünsche wurden durchweg berücksichtigt, zum Arzt waren es nur ein paar Schritte, auch in der Nacht, und wollte man gänzlich in Ruhe gelassen werden, so war auch das möglich. Kafka bezog ein schlichtes, ganz in Weiß eingerichtetes Einzelzimmer im zweiten Stock mit sonnigem Balkon und schönem Ausblick auf Rosenbeet, Bach, Weinberge und Wald. Er verspürte ungeheure Erleichterung nach all den Monaten des Eingesperrtseins, und die Schocks der letzten Tage in Wien verblassten allmählich unter dem Eindruck einer von Düften und Farben erfüllten Frühlingslandschaft. Kafka verbrachte soviel Zeit wie nur möglich im Freien, er bewältigte sogar einen kleinen Spaziergang in den Ort, und schließlich verfiel Dora auf den Gedanken, für einige Stunden einen Einspänner zu mieten, mit dem man sich, bequem in die Polster gelehnt, durch die Umgebung von Kierling fahren lassen konnte – für Kafka ein Genuss, wie er ihn seit den Tagen von Planá nicht mehr erlebt hatte.

Die Frage war, ob dieses Arrangement auch unter medizinischer Perspektive das Vernünftigste war. Was unternahmen wohlhabende Österreicher in einer vergleichbar prekären Situation? Wenn sie nicht mehr reisefähig waren, dann bezogen sie ein privates Sanatorium innerhalb Wiens und ließen sich von den besten Fachärzten extern behandeln. Genau so, hatte Klopstock dringend geraten, sollte es auch Kafka einrichten: heraus aus der Klinik, aber keinesfalls weg von Hajek. Und keine alternativmedizinischen Experimente. Klopstock, der sich erneut in der Hohen Tatra aufhielt und daher sein Votum nur per Brief abgeben konnte, war entsetzt, als er erfuhr, dass Dora Verbindung zu einem Arzt für Naturheilkunde aufgenommen hatte. Es sei wunderbar, wie Dora für den Kranken sorge, schrieb er {603}an Ottla, aber von diesem Irrweg müsse die Familie sie unbedingt abbringen. Zum Glück wurde der Dissens sehr bald gegenstandslos, da Dr.Hoffmann von Naturheilkunde überhaupt nichts hielt und eine Parallelaktion in seinem kleinen Sanatorium nicht dulden wollte.

Aber natürlich hatte er nicht das mindeste dagegen einzuwenden, dass eine der anerkannten Wiener Kapazitäten heraus nach Kierling kam. Das war ausschließlich eine Frage des Honorars und der guten Beziehungen. Wieder setzten sich Helfer in Bewegung, um Dora den Weg zu den richtigen Adressen zu weisen: Werfel informierte den befreundeten Professor Tandler, den Wiener Stadtrat für Gesundheits und Wohlfahrtswesen, Max Brod schrieb mehrere Empfehlungsbriefe, der Laryngologe Kurt Tschiassny war bereit, Kafka notfalls gratis zu behandeln, ein Dr.Glas, Anhänger Rudolf Steiners, wurde nach Kierling gebeten, Felix Weltsch kannte Oscar Beck, einen Dozenten für Otiatrie (Ohrenheilkunde) an der Universitätsklinik, und schließlich wurde sogar dessen Vorgesetzter Professor Heinrich Neumann mobilisiert, der »König der Wiener Lungenärzte«, der zu Kafkas größtem Erstaunen ebenfalls nichts in Rechnung stellte als das Nachttaxi nach Kierling. [718]  Diese Schar erstklassiger Mediziner – etwas Derartiges hatte das Hoffmannsche Sanatorium wohl kaum je erlebt – sollte zunächst vor allem die Frage beantworten, was gegen die immer heftigeren, allein mit Menthol nicht mehr beherrschbaren Schmerzen zu tun war, die Kafka das Essen zur Qual und mittlerweile auch das Trinken immer mühsamer machten. Die völlige Appetitlosigkeit, die er bei jedem Bissen überwinden musste, war schlimm genug. Wenn er aber selbst die von Dora zubereiteten, besonders schmackhaften und schonenden Speisen nicht mehr schlucken konnte – Nudeln, süßen Reisbrei, Eier –, wie sollte er dann je zu der stabilen körperlichen Verfassung gelangen, die den vielleicht rettenden operativen Eingriff doch noch ermöglichte? Und gegen Schmerzen, die von Tag zu Tag schlimmer wurden, half auch der schönste Frühling nicht.

Ein schriftlicher Befund der Professoren Neumann und Tschiassny ist nicht überliefert. Wohl aber eine ausführliche Stellungnahme Dr.Becks, die er nach seinem Besuch bei Kafka niederschrieb, um Felix Weltsch zu informieren. Während die gesamte Korrespondenz zwischen Angehörigen und Freunden von strategischen Rücksichten geprägt ist – selbst Klopstock beklagte sich darüber, dass über den objektiven Zustand Kafkas nichts Verlässliches zu erfahren sei –, bietet {604}der Brief von Beck als einziges Dokument ein völlig ungeschminktes Bild der Situation. Wahrscheinlich ist, dass Weltsch diesen Brief niemandem gezeigt hat außer Max Brod. Und er tat gut daran.

»Gestern wurde ich von Fräulein Diamant nach Kierling gerufen. Herr Kafka hatte sehr starke Schmerzen im Kehlkopf, besonders beim Husten. Bei der Nahrungsaufnahme steigern sich die Schmerzen derart, daß das Schlucken fast unmöglich ist. Ich konnte im Kehlkopf einen zerfallenden tuberkulösen Prozeß konstatieren, der auch einen Teil des Kehldeckels mit einbezieht. Bei diesem Befund ist an irgendeinen operativen Eingriff überhaupt nicht zu denken, und ich habe eine Alkoholinjektion in den nervus laryngeus superior gegeben. Heute rief mich Fräulein Diamant wieder an, um mir zu sagen, dass der Erfolg nur ein vorübergehender war und die Schmerzen in derselben Intensität wieder aufgetreten sind. Ich habe Fräulein Diamant geraten, Herrn Dr.Kafka nach Prag zu bringen, da auch Professor Neumann seine Lebensdauer auf zirka drei Monate geschätzt hat. Fräulein Diamant hat dies abgelehnt, da sie glaubt, daß dadurch dem Patienten die Schwere seiner Erkrankung klar würde. Es wird angezeigt sein, wenn Sie seine Verwandten über den Ernst der Situation vollständig aufklären. Es ist mir psychologisch begreiflich, daß Fräulein Diamant, die sich in aufopfernder und rührender Weise des Kranken annimmt, das Verlangen hat, noch eine Anzahl von Spezialisten zum Consilium nach Kierling zu rufen. Ich mußte ihr daher klarmachen, daß Dr.Kafka sowohl an der Lunge als auch im Kehlkopf in einem Zustand sich befinde, in dem kein Spezialist ihm mehr Hilfe bringen kann und man nur durch Pantopon oder Morphium die Schmerzen lindern kann.« [719]  

Die Spannung, unter die Dora Diamant durch das vernichtende, letztinstanzliche Urteil der Medizin gesetzt wurde, war ungeheuer. Das Leid um den drohenden Verlust war zu tief, als dass sie sich in ihr Schicksal widerstandslos hätte ergeben können, doch in Kierling war niemand, mit dem sie offen hätte sprechen können. Kafka mitzuteilen, dass er nach Auffassung der Ärzte keine Überlebenschance hatte, war ausgeschlossen: Dies – so ihre Überzeugung – hätte die Kräfte zur Selbstheilung, die vielleicht noch immer irgendwo schlummerten, endgültig zunichte gemacht, und die Verkündung des Urteils wäre gleichbedeutend gewesen mit dessen Vollstreckung. Noch schwieriger aber wurde die Situation jetzt dadurch, dass Kafka die Verständigung mit seiner Familie mehr und mehr an Dora delegierte. Hatte sie noch auf den Postkarten, die er aus Wien nach Prag schickte, knappe Bemerkungen oder auch nur Grüße hinzugefügt, {605}so kehrte sich das Verhältnis jetzt um: Dora schrieb an Kafkas Eltern, und wenn noch Platz war, meldete sich auch Franz mit einigen Sätzen. Daneben aber korrespondierte sie mit Elli und Ottla – diese Briefe bekam Kafka nicht zu sehen –, und sie hatte auch die häufigen, zeitweilig täglichen Anrufe aus Prag entgegenzunehmen, Anrufe von Menschen, denen sie nie begegnet war und deren Reaktionen sie nur schwer abschätzen konnte. Einmal kam Ottla für einige Stunden nach Kierling, einmal der etwas gestrenge Onkel Siegfried – das waren die einzigen Gelegenheiten, um sich mit Kafkas Angehörigen ausführlicher zu verständigen. Und während Dora sich selbst und ihrem Geliebten Mut zu machen suchte, war sie gegenüber seiner Familie zum Taktieren genötigt – denn jedes Mitglied dieser Familie vertrug eine andere Dosis von Wahrheit. Noch am 19.Mai schrieb sie den Eltern, Kafkas Halsschmerzen seien »ganz unbedeutend« und »absolut kein Anlass zur Beunruhigung«, während sie bereits zwei Wochen zuvor Elli eingestehen musste, dass ihr Bruder nur noch mit schmerzstillenden Injektionen schlief und dass es für ihn keine Hilfe mehr gab. [720]  

Doch zu besprechen waren keineswegs nur medizinische Maßnahmen, auch die finanziellen Probleme waren schwerwiegend und wiederum nur mit diplomatischer Vorsicht zu lösen. Denn wenn »kein Anlass zur Beunruhigung« bestand, wozu dann die zahlreichen Fachärzte, die sich in Kierling die Klinke in die Hand gaben, wozu die immer größeren Mengen betäubender Medikamente, die vielen kostspieligen Nachtvisiten? Dazu der tägliche Bedarf von Dora selbst, die ja keinerlei Einkünfte hatte und von der Unterstützung der Kafkas völlig abhängig blieb. Das alles war schwer zu vermitteln. Auch wenn die Familie in Prag über genügend Reserven verfügte, ja sogar durch den Tod des ›Madrider Onkels‹ Alfred Löwy noch ein kleines Vermögen hinzuerlangt hatte [721]  , war es ganz ausgeschlossen, Kafkas Eltern die tatsächlichen Ausgaben vorzurechnen. Auch den dringlichen Wunsch, der mit Tbc-Patienten erfahrene Robert Klopstock möge endlich kommen, um ihr beizustehen, trug Dora zunächst Kafkas Schwestern vor – denn Klopstock besaß ja nicht einmal das Geld für die Fahrkarte und benötigte ebenfalls Unterstützung aus Prag. Doch offenbar gelang es sehr schnell, ein Arrangement zu treffen, denn bereits wenige Tage nach den schrecklichen Eröffnungen des Dr.Beck traf Klopstock in Kierling ein, bezog ein kleines {606}Zimmer im Sanatorium und übernahm nun einige der ärztlichen Routineaufgaben selbst – und, zu Doras größter Erleichterung, auch einen Teil der Prager Korrespondenzen und Telefonate.

Kafka wurde von all diesen Problemen weitgehend abgeschirmt – schon aus Sorge, er werde eine ärztliche Konsultation oder ein Medikament womöglich aus Sparsamkeit ablehnen. Fragte er nach, so gab ihm Dora nur unbestimmte Auskunft, und sie schreckte auch nicht davor zurück, die Lage nach eigenem Ermessen zu beschönigen. Seine Familie, erklärte sie ihm, habe so viel Geld geschickt, dass man für die nächsten fünf Monate damit auskomme. Ein erstaunliches Geschenk – sofern man daran glaubte. Doch Kafka hatte nicht nur Vertrauen, er hatte sein äußeres Schicksal ganz in die Hände Doras gelegt, und nachdem nun auch Klopstock mithalf und ihn buchstäblich Tag und Nacht betreute, fühlte sich Kafka geborgen wie im Schoß einer »kleinen Familie« – ein Ausdruck, den er gern gebrauchte. Vermutlich war es nichts als Kafkas Wille, auch in einer solchen Situation kindlicher Hilflosigkeit noch Haltung zu bewahren, der ihn bis zum Ende daran hinderte, dem bisweilen ein wenig distanzlosen Klopstock das ›Du‹ zu gestatten.

Es ist sonderbar, dass diese gedämpfte Szenerie in einem stillen, sonnigen, weißen Krankenzimmer, in dem sich nichts mehr zu bewegen scheint, reichere schriftliche Spuren hinterlassen hat als all die Monate zuvor, die Kafka mit Dora verbrachte. Der Grund dafür ist paradoxerweise ein medizinischer, eine weitere therapeutische Anweisung: Er solle so wenig sprechen wie möglich, wurde Kafka geraten, allenfalls mit dem Arzt, und auch dann nur im Flüsterton. Diese ›Schweigekur‹, die den geschwollenen und meist auch entzündeten Kehlkopf ruhigstellen sollte, war bei Tuberkulose eine der üblichen (wenngleich nutzlosen) Maßnahmen, die den Patienten enorme Selbstbeherrschung abverlangte. Auch Kafka war außerstande, sich dem Schweigegebot völlig zu unterwerfen, doch häufig notierte er in Stichworten und knappen Sätzen, was er mitzuteilen oder zu fragen hatte. Klopstock sammelte diese Blätter, und Brod hat später eine Auswahl der Notate veröffentlicht. [722]  Es sind bewegende Dokumente: zum einen, weil sie den Impuls des Augenblicks nahezu ungefiltert wiedergeben und tatsächlich wie Fragmente eines Gesprächs wirken, in denen Kafkas Wille zur sprachlichen Form bei weitem nicht so beherrschend ist wie in seinen Briefen. Zum andern lassen die Ge sprächsnotizen erkennen, {607}dass Kafkas Interesse sich von der Welt zwar zurückzieht – was außerhalb des Sanatoriums ist, kommt fast nur noch als Vergangenheit vor –, dass aber seine Aufmerksamkeit auf die nächste Umgebung sich in gleichem Maße steigert. Wie nicht anders zu erwarten, beziehen sich viele der Notizen auf körperliche Zustände, auf Essen, Trinken und Medikation. Aber er ist auch besorgt darüber, jemand könnte in die Glasscherben treten, die auf dem Fußboden liegen; und es bekümmert ihn – obgleich er zu den anderen Patienten des Sanatoriums keinerlei Beziehungen unterhält –, dass seine Besucher die Ruhezeit auf den benachbarten Balkonen möglicherweise stören. Er genießt die Blumen, die man ihm fortwährend bringt, aber er möchte sie auch so arrangiert wissen, dass jede einzelne zur Geltung kommt, und er will sicherstellen, dass sie richtig behandelt werden: »Haben Sie einen Augenblick Zeit? Dann bespritzen Sie bitte die Pfingstrosen ein wenig.«

Auch diese Gesprächsblätter freilich bilden nicht die Wirklichkeit von Kierling ab, sondern nur einen Ausschnitt davon. Nahezu ausgeblendet bleibt die Beziehung zu Dora: Was für sie allein bestimmt war, konnte Kafka nicht notieren (jedenfalls nicht auf den Blättern, die dann Klopstock sammelte), und zu vermuten ist, dass er in den letzten Wochen von der Zuwendung Doras noch weitaus abhängiger war, als die fragmentarischen Notate preisgeben. Die einzige überlieferte, auf das gemeinsame Leben abzielende Frage lässt jedoch erkennen, dass Kafka sich dessen völlig bewusst war, was er ihr abverlangte. »Wie viel Jahre wirst Du es aushalten? Wie lange werde ich es aushalten, dass Du es aushältst?« Kein Wort jedoch über die zahlreichen Pläne, die sie noch in Berlin gesponnen hatten, über die möglichen Orte einer gemeinsamen Zukunft: Wien, Brünn, irgendeine böhmische Kleinstadt, der Gardasee. Und kein Wort über einen weiteren, allerbedeutsamsten Plan, der innerhalb der ›kleinen Familie‹ ausgeheckt, vor der ›großen‹ jedoch geheim gehalten wurde. Nur Max Brod hat von dieser Geschichte aus erster Hand erfahren und in seinen Erinnerungen an Kafka darüber berichtet:

»Er wollte Dora heiraten, hatte an ihren frommen Vater einen Brief abgeschickt, in dem er darlegte, dass er zwar in des Vaters Sinn kein gläubiger Jude, aber ein ›Bereuender‹, ein ›Umkehrender‹ sei und daher vielleicht doch hoffen dürfe, in die Familie des frommen Mannes aufgenommen zu werden. Der Vater war mit dem Brief zu dem Menschen gereist, den er am meisten {608}verehrte, dessen Autorität ihm über alles ging, zum ›Gerer Rebbe‹. Dieser Rabbi las den Brief, legte ihn weg und sagte nichts als ein kurzes ›Nein‹. Ohne nähere Erklärung. Er pflegte nie Erklärungen zu geben.« [723]  

Es ist das dritte Mal, dass Kafka um die Hand einer Frau bittet, auch diesmal beginnt er mit einem ›Zwar … aber‹, auch diesmal will er keine Entscheidung gegen den Willen der Angehörigen. Zum ersten Mal aber lautet die Antwort Nein. Bereuen und Umkehren genügt nicht, der Rabbi von Ger sieht tiefer, davon ist Herschel Diamant überzeugt, und so macht er dieses Nein zu seinem eigenen. Kafka ist traurig darüber. Aber er ist auch beeindruckt. Wäre er gesund, so würde er vielleicht sagen, dass dieses Nein borniert sei. In seiner jetzigen Lage aber muss er es als ein Zeichen lesen, das nichts Gutes verheißt.


Am 3.Mai erhielt Max Brod Besuch von Kafkas Schwester Elli. Der Brief von Dr.Beck war in Prag noch nicht eingetroffen, doch was darin stehen würde, hatte Elli von Dora bereits erfahren. Unaufhaltsam, notierte Brod. Er musste nach Kierling. Aber noch nie zuvor hatte er, nur um Kafka zu sehen, eine so weite Reise unternommen, nicht einmal während der langen Monate von Matliary, und würde er es diesmal tun, nahm er dem Freund die letzte Hoffnung. Brod entschloss sich zu einer Notlüge: Er sei zu einem Vortrag nach Wien eingeladen, und das sei doch eine gute Gelegenheit für einen Besuch.

Er hatte erwartet, in Kierling mit dem seelischen und körperlichen Elend eines Sterbenden konfrontiert zu werden. Doch Kafka freute sich über das Wiedersehen, war völlig präsent, schien nicht einmal besonders schlechter Laune, obwohl er Fieber hatte, nicht viel sprechen durfte und ausgerechnet an diesem Tag die rüde Antwort von Doras Vater zu verkraften hatte. Dass der Freund, der so lebendig war, ein medizinisch hoffnungsloser Fall sein sollte, erschien Brod geradezu unglaubwürdig, und beinahe schon selbst überzeugt begann er, über ihr nächstes Zusammentreffen zu sprechen, anlässlich der Italienreise, die er für den kommenden Sommer plante. Er hatte Kafka zu täuschen versucht. Doch jetzt täuschte er sich selbst.

Denn aus der Sicht Kafkas war es nicht nur ein langjähriger, vertrauter Freund, der an seinem Krankenbett erschien. Max Brod war Repräsentant einer Welt, die ihm selbst, trotz aller Anstrengung, verschlossen geblieben war. Brod war verheiratet, er war Politiker, {609}Journalist, Schriftsteller, er konnte öffentlich sprechen, war viel auf Reisen, und seine Arbeitsfähigkeit schien unbegrenzt. Im Jahr zuvor hatte er einen neuen, historischen Roman begonnen, REÜBENI. FÜRST DER JUDEN, es sollte neben TYCHO BRAHE sein größter Erfolg werden, und was Kafka bisher davon kannte, hatte ihn beeindruckt, ja »entzückt«. Überdies vermochte Brod zu helfen, er half vielen, er hatte Beziehungen, es war ihm ein Leichtes gewesen zu veranlassen, dass an Ostern gleich zwei Erzählungen Kafkas, EINE KLEINE FRAU und JOSEFINE, DIE SÄNGERIN, in Prager Blättern gedruckt wurden. [724]  Und wie nebenbei war Brod beim Prager Tagblatt fest angestellter Redakteur, seit Monaten erschien alle zwei, drei Tage ein Artikel aus seiner Feder, zumeist Berichte über Theateraufführungen oder Konzerte, die er am Abend zuvor besucht hatte. Und dieser Mann also besuchte ihn jetzt im Sanatorium Kierling. War es da nicht selbstverständlich, ein wenig Haltung zu bewahren? Als sie sich zum letzten Mal voneinander verabschiedeten, gingen ihre Gedanken weit auseinander; Brod hatte ein wenig Hoffnung geschöpft, Kafka war deprimiert über das Bild, das er abgab. »Kläglich verdorben« habe er diesen so »trübselig« verlaufenen Besuch, schrieb er dem konsternierten Freund. Und etwas »menschenähnlicher« hätte er sich zeigen sollen. [725]  


Kafkas letzte Wochen waren Schmerz. Dass nicht alle Tuberkulosekranken, wie das literarische Klischee es wollte, in Euphorie starben, dass sie vielmehr auch mit einem ganz anderen Ende rechnen mussten, war ihm seit Matliary bewusst, und nachdem er dort in einem der benachbarten Zimmer zum Zeugen eines erbärmlichen Schicksals geworden war, hatte er dem jungen Klopstock ein Versprechen abgenommen: lieber die Morphiumspritze, als eine derartige Folter künstlich in die Länge zu ziehen. Dass es ihn selbst noch ärger treffen konnte als jenen Leidensgenossen, der sich schließlich vom Zug geworfen hatte, ahnte Kafka indessen erst seit seinen jüngsten Erfahrungen im Wiener Spital.

Selbst Professor Hajek, den Klopstock nun trotz der zahlreichen deprimierenden und weitgehend übereinstimmenden Diagnosen ebenfalls nach Kierling bat, wunderte sich darüber, wie rasch die Zerstörung des Gewebes vorangeschritten war, seit er Kafka vor etwa vier Wochen zum letzten Mal gesehen hatte. Auch er versuchte, {610}wie Dr.Beck, eine Blockade des oberen Kehlkopfnervs durch Injektion von Alkohol, und auch ihm wollte es nicht recht gelingen, die Wirkung hielt nicht an. Doch ohne diese höchst unangenehmen Injektionen, die Kafka nun regelmäßig (und am liebsten ohne Zeugen) über sich ergehen ließ, ging es überhaupt nicht mehr: Schneidende Schmerzen verursachte schon die geringste Bewegung des Kehlkopfs, Husten war eine Qual. Auch Trinken war nur noch in winzigen Schlucken möglich, Kafka litt fortwährend Durst, träumte von allen möglichen Getränken und labte sich daran, wenn jemand vor seinen Augen ein Glas Wasser hinunterstürzte. Er bezwang am Tag ein kleines Glas Wein, manchmal ein wenig Bier, selbst Wasser musste vorgewärmt werden, ehe er daran nippen konnte. »Kennst Du auch den Heurigen aus eigener Erfahrung?«, fragte er seinen Vater. »Ich habe grosse Lust, ihn einmal mit Dir in einigen ordentlichen grossen Zügen zu trinken. Denn wenn auch die Trinkfähigkeit nicht sehr gross ist, an Durst gebe ich es niemandem nach. So habe ich also mein Trinkerherz ausgeschüttet.« Einen oder zwei Tage nach diesen launigen Bemerkungen musste Kafka von Klopstock hören, dass sein Überleben nur noch durch künstliche Ernährung gesichert werden könne. »Er ist über diese Maßnahme so verzweifelt«, schrieb Klopstock, »dass ich es gar nicht sagen kann, geistig ist es ihm schwer.« [726]  

»Er hat eigentlich sehr viel Respekt für sich verlangt«, äußerte Dora später über Kafka. »Wenn man ihm achtungsvoll entgegenkam, so war alles gut und er legte wenig Wert auf Formen. Tat man es aber nicht, war er sehr gekränkt.« [727]  Ein Hinweis, der manche überraschende Schroffheit erst begreiflich macht: Selbst seine vernichtendsten Urteile über sich selbst gaben niemandem das Recht, über seinen Kopf hinweg zu sprechen. Diese Eigenheit Kafkas hatte jedoch eine ebenso bedeutsame Kehrseite: Das Bewusstsein, sich diesen Respekt auch verdienen zu müssen, verließ ihn bis zum Ende nicht, und er hatte starke Zweifel daran, dass ein Vierzigjähriger, der über die natürlichsten Reflexe nicht mehr verfügte und der nur noch mit künstlicher Ernährung sich am Leben erhielt, eine respektable Figur abgeben konnte.

Das Gleiche galt für seine Fähigkeit zu geistiger Arbeit. Kafka hatte sich seit langem damit abgefunden, dass seine Reserven schmolzen. Die Krankheit, die Schwäche, das Ertragen der Schmerzen, der Kampf zwischen Angst und Hoffnung: Alles machte müde. »Geschlossensein {611}ist der natürliche Zustand meiner Augen«, schrieb er an Brod, der ihm einige Reclam-Bände geschickt hatte, »aber mit Büchern und Heften spielen macht mich glücklich.« Nur langsam und gegen heftige innere Widerstände kam er mit Werfels VERDI-Roman voran [728]  , lieber blätterte er im Prager Tagblatt, das ihm die Familie regelmäßig zuschickte, und dass Dora und Robert ihm die Anstrengung der täglichen Korrespondenzen weitgehend abnahmen, machte ihn dankbar. Etwas ganz anderes und weit weniger akzeptabel schienen ihm jedoch die psychischen Nebenwirkungen der Medikamente. »Selbst wenn ich mich wirklich von allem ein wenig erholen sollte, von den Betäubungsmitteln gewiss nicht«, notierte er. Vor allem die Injektionen mit Alkohol, die in immer kürzeren Abständen wiederholt werden mussten, weckten seinen Widerwillen, weil sie ihn benebelten und seine Fähigkeit zur Artikulation herabsetzten: Vor einem müden Menschen konnte man Respekt haben, sogar vor einem Menschen, den die Ärzte zum Schweigen verurteilt hatten – vor einem Alkoholisierten jedoch nicht. Zeitweilig spielte Kafka sogar mit dem Gedanken, lieber die Schmerzen zu ertragen als den Verlust an Kontrolle und damit an Selbstachtung.

Mit Ungeduld erwartete er die Fahnen des HUNGERKÜNSTLER-Bandes: Dass er, solange er bei Bewusstsein war, die Korrekturen eigenhändig und mit der gewohnten Sorgfalt erledigen würde, stand außer Frage. Brod drängte den Verlag, mit dem Satz so bald wie möglich zu beginnen, verwies auch auf Kafkas kritischen Zustand, doch Die Schmiede wartete noch auf die angekündigte vierte Erzählung, JOSEFINE, DIE SÄNGERIN. Endlich, Mitte Mai, erhielt Kafka den ersten Fahnenabzug, zu einem Zeitpunkt, da seine Belastbarkeit schon weit reduziert war und er auch tagsüber häufig schlief. »Jetzt will ich es lesen«, notierte er dennoch. »Es wird mich zu sehr aufregen, vielleicht, ich muss es doch von neuem erleben.« Zum ersten und einzigen Mal empfand Kafka so etwas wie Angst vor den eigenen Texten. Und vor einem Text ganz besonders: die Erzählung EIN HUNGERKÜNSTLER, die Geschichte eines Menschen, der nicht mehr essen will, aufgezeichnet von einem Menschen, der nicht mehr essen kann. Für Kafka, der in seinem Werk so häufig auf Metaphern der Nahrung und der Nahrungsverweigerung zurückgegriffen hatte, war dieses grausame Paradox nur schwer zu ertragen, er konnte während der Lektüre die Tränen nicht mehr zurückhalten, und selbst Klopstock, {612}der in diesen letzten Tagen Kafka völlig ergeben war, empfand die Situation als »wirklich gespenstisch«. [729]  Dennoch bestand Kafka darauf, auch den Umbruch zu korrigieren, der Ende Mai eintraf, und er arbeitete daran noch am Tag vor seinem Tod.

Es war, als weigerte er sich, irgendeinen geistigen Rabatt in Anspruch zu nehmen, und auch gegenüber dem eigenen Sterben versuchte er, auf der Höhe der Erkenntnisfähigkeit zu bleiben und eine intellektuell respektable Haltung zu bewahren. Die Gesprächsnotizen lassen klar erkennen, dass er Versuche der Beschwichtigung und der Aufmunterung, die sachlich unbegründet waren, zurückwies. »Wir reden vom Kehlkopf immer so«, schrieb er, »als könne es sich nur zum Guten entwickeln, das ist aber doch nicht wahr.« Ein andermal: »Wenn es wahr ist, und es ist wahrscheinlich – dass mein gegenwärtiges Essen ungenügend ist, um von innen her eine Besserung herbeizuführen, dann ist ja alles aussichtslos, von Wundern abgesehn.« Als Klopstock einmal einen Mundspatel zerbrach, notierte Kafka: »Falls ich weiterleben sollte, werden Sie an mir noch 10 zerbrechen.« Natürlich versicherte Klopstock, er werde ganz gewiss weiterleben, worauf Kafka antwortete: »Das wollte ich ja hören, trotzdem ich es nicht glaube.«

Kafka verlangte nach Trost, wie jeder andere Mensch in seiner Lage, sein Wille, zu überleben, war noch Mitte Mai ungebrochen, und jedes Zeichen einer wirklichen Hoffnung erregte ihn derart, dass er seinen Zustand für Augenblicke zu vergessen vermochte. »Wie ich zu essen anfing«, notierte er, »senkte sich im Kehlkopf irgendetwas, worauf ich wunderbar frei war und schon an alle möglichen Wunder dachte, aber es ging gleich vorüber.« Professor Tschiassny, der jede Woche nach Kierling kam, überraschte einmal Kafka mit der Beobachtung, in seinem Hals sehe es besser aus als beim letzten Mal. Als dann Dora hereintrat, weinte Kafka, umarmte sie immer wieder und versicherte ihr, nie habe er so sehr Leben und Gesundheit gewünscht wie jetzt. [730]  Eine weitere Notiz – »Wann fahren wir zur Operation?« – deutet sogar darauf hin, dass Kafka noch im Mai an die Möglichkeit chirurgischer Hilfe glaubte.

Es waren Augenblicke. Beherrschend blieb die Erkenntnis, dass der Horizont der Zukunft – die in seinen letzten überlieferten Äußerungen nicht mehr vorkommt – sich unaufhaltsam schloss. Und beherrschend blieb die Angst: nicht vor dem Ende des Lebens, nicht {613}vor dem Übergang in eine unbekannte Finsternis, vielmehr die Angst vor qualvollem Sterben. Was ihm drohte, wusste Kafka, auch wenn alle, die mit ihm sprachen, dieses Thema strikt vermieden. Doch die Befunde waren eindeutig, was Kafka im Wiener Spital beobachtet hatte, ebenso. Schwellungen am Kehlkopf, vor allem im Bereich der Stimmritze, bedeuteten den Tod durch Ersticken. Wenn er es nicht vorzog, sich für den unvermeidlichen Luftröhrenschnitt wieder unter die Obhut Professor Hajeks zu begeben, dann würde er in Kierling ersticken.

»Liebste Eltern, also die Besuche, von denen Ihr manchmal schreibt. Ich überlege es jeden Tag, denn es ist für mich eine sehr wichtige Sache. So schön wäre es, so lange waren wir schon nicht beisammen, das Prager Beisammensein rechne ich nicht, das war eine Wohnungsstörung, aber friedlich paar Tage beisammenzusein, in einer schönen Gegend, allein, ich erinnere mich gar nicht, wann das eigentlich war, einmal paar Stunden in Franzensbad. Und dann ›ein gutes Glas Bier‹ zusammentrinken, wie Ihr schreibt, woraus ich sehe, dass der Vater vom Heurigen nicht viel hält, worin ich ihm hinsichtlich des Bieres auch zustimme. Übrigens sind wir, wie ich mich jetzt während der Hitzen öfters erinnere, schon einmal regelmässig gemeinsame Biertrinker gewesen, vor vielen Jahren, wenn der Vater auf die Civilschwimmschule mich mitnahm.
Das und vieles andere spricht für den Besuch, aber zu viel spricht dagegen. Nun erstens wird ja wahrscheinlich der Vater wegen der Passschwierigkeiten nicht kommen können. Das nimmt natürlich dem Besuch einen grossen Teil seines Sinnes, vor allem aber wird dadurch die Mutter, von wem immer sie auch sonst begleitet sei, allzusehr auf mich hingeleitet sein, auf mich verwiesen sein und ich bin noch immer nicht sehr schön, gar nicht sehenswert. Die Schwierigkeiten der ersten Zeit hier um und in Wien kennt Ihr, sie haben mich etwas heruntergebracht; sie verhinderten ein schnelles Hinuntergehn des Fiebers, das an meiner weitern Schwächung arbeitete; die Überraschung der Kehlkopfsache schwächte in der ersten Zeit mehr, als sachlich ihr zukam – erst jetzt arbeite ich mich mit der in der Ferne völlig unvorstellbaren Hilfe von Dora und Robert (was wäre ich ohne sie!) aus allen diesen Schwächungen hinaus. Störungen gibt es auch jetzt, so z.B. ein noch nicht ganz überwundener Darmkathar aus den letzten Tagen. Das alles wirkt zusammen, dass ich trotz meiner wunderbaren Helfer, trotz guter Luft und Kost, fast täglichen Luftbades noch immer nicht recht erholt bin, ja im Ganzen nicht einmal so imstande, wie etwa letzthin in Prag. Rechnet Ihr noch hinzu, dass ich nur flüsternd sprechen darf und auch dies nicht zu oft, Ihr werdet gern auch den Besuch verschieben. Alles ist in den besten Anfängen – letzthin {614}konstatierte ein Professor eine wesentliche Besserung des Kehlkopfes und wenn ich auch gerade diesem sehr liebenswürdigen und uneigennützigen Mann – er kommt wöchentlich einmal mit eigenem Automobil heraus und verlangt dafür fast nichts, so waren mir seine Worte doch ein grosser Trost – alles ist wie gesagt in den besten Anfängen, aber noch die besten Anfänge sind nichts; wenn man dem Besuch – und gar einem Besuch, wie Ihr es wäret – nicht grosse unleugbare, mit Laienaugen messbare Fortschritte zeigen kann, soll man es lieber bleiben lassen. Sollen wir es nicht also vorläufig bleiben lassen, meine lieben Eltern?« [731]  

Kafka schreibt diesen Brief am Tag vor seinem Tod. Er ist Herr des Verfahrens, und die Sprache, das Medium seines Lebens, bleibt ihm zu Diensten bis zum Ende. Er will seinen Frieden machen, sogar mit dem Vater, die Gedanken sind in der Vergangenheit, bei den wenigen lichtvollen Momenten der Erinnerung, auch Dora hat er schon davon erzählt, wie er einst mit dem Vater ein Glas Bier trinken durfte. Aber damit er Frieden machen kann, muss man ihn in Frieden lassen. Von einem Besuch der Mutter ist schon früher die Rede gewesen, nun, seit kurzem, schreiben die Eltern, dass sie beide kommen wollen. Den Grund dafür kann er nicht ahnen. Julie Kafka hat Klopstock um eine medizinische Prognose für ihren Sohn gebeten. Klopstock hat diese Bitte mit Schweigen beantwortet.

Kafka muss die Frage des Besuchs mit Dora besprechen. Die Eltern im Gästezimmer des Sanatoriums: eine entsetzliche Vorstellung. Vielleicht, wenn sie es als Sommerfrische betrachten würden, sich in irgendeiner Pension in der Nähe einquartierten, Ausflüge machten und nur nebenbei, einmal täglich, auch ins Sanatorium kämen? Beinahe schon ist Kafka bereit, sich darauf einzulassen. Doch die Erschütterung wäre zu groß, nicht nur seine eigene, auch die der Eltern, die sie unvermeidlich zurückspiegeln würden. Nein, das nicht. »Es ist alles in den besten Anfängen.«

Montag, der 2.Juni 1924, ist ein sonniger, warmer Tag. Kafka liegt auf dem Balkon, er liest den Umbruch seines letzten Buchs. Später kommt Klopstock aus Wien zurück, er hat Einkäufe gemacht, hat Erdbeeren und Kirschen mitgebracht, an denen Kafka immer wieder riecht, bevor er sie langsam isst. Später, irgendwann, der Brief an die Eltern. Er gerät zu lang, und es gelingt ihm nicht, ihn zu Ende zu bringen, so müde ist er. »Ich nehme ihm den Brief aus der Hand«, schreibt Dora auf demselben Blatt weiter. »Es war ohnehin eine Leistung. {615}Nur noch ein paar Zeilen, die seinen Bitten nach, sehr wichtig zu sein scheinen:« Doch nach diesem Doppelpunkt folgt nichts mehr. Vielleicht ist er eingeschlafen.

Über die Ereignisse des folgenden Tages, des 3.Juni, besitzen wir nur indirekte Zeugnisse: Es sind Mitteilungen Klopstocks, die Brod in seinen Erinnerungen an Kafka wiedergibt, sowie der mündliche Bericht einer Krankenschwester, den Willy Haas aufzeichnete. Völlig widerspruchsfrei sind diese Erinnerungen nicht, doch sie ergänzen einander.

Um vier Uhr morgens eilt Dora zum Zimmer Klopstocks und weckt ihn: Kafka atmet nur mühsam. Klopstock zieht sich an, sieht nach dem Freund und alarmiert sofort den Arzt, der in dieser Nacht im Sanatorium Dienst hat. Kafka erhält eine Kampferinjektion, die das Atemzentrum anregen soll, auf seinen Hals wird ein Eisbeutel gelegt. Nichts hilft, Kafka leidet Atemnot und Schmerzen. So vergehen Stunden.

Irgendwann am Vormittag gibt Kafka der Bedienerin ein brüskes Zeichen, sie solle das Zimmer verlassen. Von Klopstock verlangt er eine tödliche Dosis Morphium. »Sie haben es mir immer versprochen, seit vier Jahren.« Klopstock, der diese Verantwortung seit Wochen gefürchtet hat, sträubt sich, macht Einwände. Kafka jedoch, der in diesem Augenblick den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist wie nie zuvor, wird unversehens aggressiv: Klopstock sei ein Mörder, wenn er ihm diesen letzten Dienst verweigere. »Sie quälen mich, haben mich immer gequält. Ich rede nichts mehr mit Ihnen. So werde ich eben so sterben.« Klopstock injiziert Pantopon, ein Opiat, das fast so betäubend wirkt wie Morphium. Kafka ist noch immer skeptisch – »Schwindeln Sie nicht, Sie geben mir ein Gegenmittel!« –, doch als er die Linderung der Schmerzen verspürt, verlangt er mehr davon. Klopstock gibt ihm mehr – wieviel, wissen wir nicht.

Unter irgendeinem Vorwand hat man Dora ins Dorf geschickt, um sie nicht zur Zeugin dieses Kampfes zu machen, so ist es zwischen Klopstock und Kafka vereinbart. Doch in den letzten Minuten vermisst er sie, ein Stubenmädchen wird ausgeschickt, um Dora zurückzuholen. Sie kommt, atemlos, setzt sich an Kafkas Bett, spricht zu ihm, hält ihm einige Blumen unmittelbar vors Gesicht, er soll daran riechen. Und Kafka, der schon bewusstlos schien, hebt noch einmal den Kopf.


Kafka wurde vierzig Jahre und elf Monate alt. Im Sterbeprotokoll der Gemeinde ist als Todesursache »Herzlähmung« verzeichnet. Siegfried Löwy und Karl Hermann, die sofort nach Kierling reisten, erledigten die Formalitäten. Zwei Tage später wurde Kafkas Körper in einem verlöteten Metallsarg nach Prag transportiert; im selben Zug, im Abteil mit Klopstock, Löwy und Hermann, saß Dora Diamant, die Kafkas Heimatstadt nun zum ersten Mal betreten sollte. Sie wurde von seinen Eltern und Schwestern aufgenommen, wie sie es verdiente. »Der Dora kennt, nur der kann wissen, was Liebe heißt«, hatte Klopstock am Tag nach Kafkas Tod an Elli geschrieben.

In den folgenden Tagen erschienen in Prag mehrere Nachrufe, sämtlich verfasst von engen Freunden: von Max Brod im Prager Tagblatt, von Rudolf Fuchs im Prager Abendblatt, von Oskar Baum in der Prager Presse, von Felix Weltsch in der Selbstwehr, von Milena Jesenská im Národní Listy. Alle standen spürbar unter Schock, suchten nach Superlativen, um dem Verlorenen eine Sprache zu geben, retteten sich in den hohen Ton, die Konventionen postumer Würdigung. [732]  

Bestattet wurde Kafka am Rande Prags, auf dem Neuen jüdischen Friedhof in Strašnice, einige Kilometer von der Altstadt entfernt. Die Beisetzung nach jüdischem Ritus fand am 11.Juni statt, bei schwülem Wetter, gegen vier Uhr nachmittags. Dem Trauerzug schlossen sich weniger als hundert Menschen an, kein Repräsentant der politischen und kulturellen Institutionen Prags nahm teil, weder der deutschen noch der tschechischen.

Acht Tage später, am 19.Juni, fand am Prager Deutschen Kammertheater eine Gedenkfeier für Kafka statt, initiiert von Max Brod und von Hans Demetz, dem Dramaturgen der Prager Deutschen Bühnen. Der Zuschauerraum war bis auf den letzten Platz besetzt, es sprachen Brod und der 28-jährige Schriftsteller und Journalist Johannes Urzidil. Danach trug ein Schauspieler Texte von Kafka vor, unter anderem EIN TRAUM, VOR DEM GESETZ und EINE KAISERLICHE BOTSCHAFT.

Überliefert sind die Worte Urzidils, da er sie kurze Zeit darauf publizierte. Er war Kafka einige Male begegnet, hatte ihn auch im Kaffeehaus in größerem Kreis beobachtet. Von irgendeiner persönlichen Nähe verrät seine Gedenkrede nichts, es kommen Worthülsen darin vor wie »Fanatiker der inneren Wahrheit«, »edel einfältiger Dichter« und »wundersames Genie«. Freilich auch ein Satz, mit dem Urzidil, {617}wahrscheinlich als Erster nach Kafkas Tod, die Aufmerksamkeit auf die alles entscheidende Frage lenkte: »Wenn es in irgend einem Falle restlose Kongruenz des Lebens und des Künstlertums gegeben hat, so war dies bei Franz Kafka.« [733]  

Später, in seinen Erinnerungen an die deutsche Literaturszene in Prag, kam Urzidil noch einmal auf diese Frage zurück, das Rätsel der Kongruenz. Dass Kafkas Sätze außergewöhnlich »tief« sind, schrieb er, darüber seien sich alle seine Freunde einig gewesen, ganz gleich, ob sie eher literarisch orientiert waren wie Max Brod und Oskar Baum, philosophisch wie Felix Weltsch oder religionsgeschichtlich wie Hugo Bergmann. Doch den Schlüssel zur letzten Tür suchten sie alle vergeblich. »Sie wußten allenfalls zu erklären, was Kafka meinen mochte, und man konnte dann ihren Deutungen zustimmen oder eine eigene dagegensetzen. Aber wie es zuging, dass Kafka sagte, was er sagte; wie es zuging, dass er es so sagte, wie er es sagte; wie es zuging, dass man mit dem, was er sagte, und mit ihm selbst niemals in unmittelbaren Konflikt geriet; das wusste keiner von ihnen zu erklären.« [734]  

Wie es zuging. Damit wäre zu beginnen.

Kafka: Die Jahre der Erkenntnis
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