33. KAPITEL
Aden starrte in die Flammen. Er spürte die Hitze und hörte das Knistern. Tucker war tot; das hier war keine Illusion.
Reglos und ungläubig stand er da. Wenn es keine Illusion war, musste es ein Traum sein, ein Albtraum. Bestimmt. Die Vampirvilla konnte doch nicht wirklich vor seinen Augen abbrennen. Da musste doch mehr sein als ein einstürzender Holzbau.
Er war nur ein paar Tage lang fort gewesen. Vor Kurzem hatte Seth ihm noch eine SMS geschrieben, es sei alles in Ordnung. Soweit irgendetwas in Ordnung sein konnte nach dem, was Ryder und Shannon zugestoßen war. Aber jetzt …
„Ich … das kann doch nicht …“ Victoria schlug eine Hand vor den Mund, sie war ebenso entsetzt wie Aden.
Die beiden Seelen, die ihm noch geblieben waren, waren sprachlos vor Schreck.
Nicht einmal Junior brüllte. Vielleicht weil Aden so benommen war.
Zusammen mit Victoria hatte Aden im strömenden Regen nach Riley und Mary Ann gesucht, aber keine Spur von den beiden gefunden. Sie waren zur Villa zurückgekehrt, um ein paar Wölfe dafür einzuspannen, nachdem Nathan und Maxwell auf ihre Anrufe nicht reagiert hatten.
Obwohl Aden sehr mitgenommen war, hatte er sich doch irgendwie zusammengerissen und sich mit Victoria zur Villa teleportiert. Über diese Fähigkeit musste er immer noch staunen. Er musste sich nur vorstellen, wo er sein wollte und schwups, war er da.
Er hatte erwartet, von Sorin zu hören, was in seiner Abwesenheit passiert war, Ryder zu besuchen, dem es hoffentlich weiter besser ging, und sich mit eigenen Augen Shannons Zustand anzusehen. Vielleicht hätte er auch Seth besucht und Maxwell gefragt, ob er etwas Neues herausgefunden hatte. Die Informationen, die Aden aus dem Geheimzimmer des Krankenhauses beschafft hatte, mochten für Julian nicht von Belang gewesen sein, aber vielleicht betrafen sie die anderen Seelen. Danach wollte Aden eine Suchmannschaft zusammenstellen, obwohl er es nicht für besonders dringend hielt. Vermutlich stritten sich Riley und Mary Ann immer noch. Oder sie hatten sich ein ruhiges Eckchen gesucht und versöhnten sich gerade.
Als er das Feuer bemerkt hatte – wie hätte es ihm auch entgehen können? –, hatte er im ersten Moment nicht begriffen, was er da sah. Er hatte gedacht, er hätte sich lediglich an den falschen Ort versetzt. Aber nein, vor ihm brannte wirklich die Vampirvilla, nur das große Schutzzeichen auf dem Boden blieb von den Flammen verschont.
Niemand floh aus den knisternden Trümmern, niemand schrie. Es versuchte auch niemand, das Inferno einzudämmen.
Wie viele waren in dem Haus verbrannt?
Wie viele waren in ein sicheres Versteck geflohen?
Er war der König, sein Platz wäre hier gewesen. Er hätte sie beschützen müssen. Aber das hatte er nicht getan.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, flüsterte Victoria. Dann wusste sie es doch. „Meine Schwestern … mein Bruder … meine Freunde … Es geht ihnen gut. Sag mir, dass es ihnen gut geht.“
„Es … geht ihnen gut.“ Hoffte er. Inständig.
Aber er glaubte es nicht.
Sie wimmerte leise: „Wer kann das getan haben?“
Dein Vater, hätte Aden beinahe gesagt. Vlad hatte die D&M-Ranch niedergebrannt, warum nicht auch sein früheres Heim? Der Vampir war derart rachsüchtig, dass er seine eigenen Kinder abschlachten würde, um Aden zu bestrafen.
Victoria sackten die Knie weg, sie fiel zu Boden. Die Erde war trocken, hier hatte es noch nicht geregnet. Am samtschwarzen Himmel funkelte kein Stern.
Komm schon, Regen, dachte Aden. Hilf uns.
Ein Regentropfen traf seine Nase, ein zweiter sein Kinn. Anfangs spürte er nur vereinzelte Tropfen, dann öffnete der Himmel seine Schleusen, und Sturm peitschte über sie hinweg. Wenig später erlosch das Feuer, bis nur noch Funken und schließlich Qualm blieben.
Vielleicht kann ich jetzt auch das Wetter kontrollieren, dachte Aden mit einem bitteren Lachen.
Wie hatte es so weit kommen können? Wie waren sie an diesen Punkt gelangt?
„Was machen wir jetzt?“, fragte Victoria zittrig.
Darauf hatte er keine passende Antwort. Kein Vorschlag wäre gut genug. Nichts würde … alle … zurückbringen.
Benommen ließ sich Aden neben Victoria auf die kalte, jetzt nasse Erde sinken. Es gab eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit, gegen die er sich immer gesträubt hatte und die er verabscheute. Ständig wurde er darum gebeten, und in letzter Zeit hatte er nur Nein gesagt.
Dieses Mal würde er nicht Nein sagen.
„Ich kann das in Ordnung bringen“, hörte er sich sagen.
Nein, Aden. Elijah riss sich aus seiner Benommenheit. Ich weiß, woran du denkst. Tu es nicht.
Hatte die Seele eine Vision dazu gehabt? „Es geht nicht anders.“ Er war fest entschlossen.
Victoria rieb sich mit dem Rücken einer Hand über die Augen. „Aden?“
„Eine Zeitreise.“ Er würde Elijah nicht fragen, ob er etwas gesehen hatte. Er wollte auch keine eigene Vision erzwingen. Im Moment wollte er nichts wissen, damit er nicht doch noch von dem Plan abkam. „Ich werde in der Zeit zurückreisen. Ich gehe zurück und sorge dafür, dass das alles nicht passiert.“
„Ja! Ja, das ist perfekt, und … nein.“ Victoria schüttelte energisch den Kopf. „Es kann zu viel schiefgehen. Das hast du selbst gesagt.“
Wir wissen ja nicht mal, ob die Vampire wirklich tot sind, sagte Elijah. Vielleicht sind sie geflohen. Sie könnten sich teleportiert haben, wie du. Die ganze Zeitreise könnte umsonst sein.
Ja, einige waren vielleicht geflohen. Manche hatten sich an einen anderen Ort versetzt. Aber nicht alle. Nicht die Menschen in der Villa. Ein einziger Toter war schon zu viel. Wenn Aden zurückging, würde es nicht umsonst sein.
Die Last seines Versagens zog ihn so tief hinunter, dass er nicht wusste, ob er jemals wieder das Tageslicht sehen würde. Auch wenn er die Ereignisse ändern konnte, würde er nicht vergessen, was geschehen war. Er würde wissen, was er tun musste und was er nicht tun durfte. Diese Dinge vergaß er nie.
Aber die anderen würden es vergessen. Sie alle. Victoria, Mary Ann, Riley. Sie würden nicht einmal ahnen, was ursprünglich geschehen war und welches Schicksal sie erwartet hatte.
Und wenn es funktionierte, würde Vlad auch keine Fehde mit Aden führen, sondern mit Dmitri, denn es wäre Dmitri, der sich zum König krönen würde. Victoria würde ihn heiraten müssen. Bei dem Gedanken ballte Aden unwillkürlich die Fäuste. Trotzdem würde er es sich nicht anders überlegen. Jetzt konnte er einmal wirklich aktiv werden.
Riley würde seine Wolfsnatur behalten.
Mary Ann würde nie zur Kraftdiebin mutieren.
Aden würde Mary Ann nie begegnen und nicht die Wesen der Anderwelt herbeirufen.
Ryder würde noch leben.
Sogar Tucker.
Und Shannon würde nicht zum Zombie werden.
Die D&M-Ranch würde nicht niederbrennen, und Brian würde nicht in den Flammen umkommen.
Aden würde kein Vampir werden. Es würde keinen Junior geben.
Victoria würde kein Mensch werden und ihre Fähigkeiten nicht verlieren.
Vielleicht würden sogar Eve und Julian zu ihm zurückkehren.
„Ich muss das tun“, sagte Aden. „So kann ich die Dinge nicht lassen.“
Wie Mary Ann schon gesagt hatte: Was könnte schlimmer sein?
Willst du das wirklich herausfinden, fragte Elijah.
Eigentlich müsste ich dafür sein, meinte Caleb. Es ist das einzig Logische. Aber irgendwas stimmt nicht. Etwas ist falsch.
„Du bist doch sonst nicht die Stimme der Vernunft. Fang jetzt nicht damit an.“
„Aden, hör zu. Antworte mir.“ Victoria schüttelte den Kopf, dass ihr die nassen Haare gegen die Wangen klatschten, dann rüttelte sie Aden durch. „An welchen Punkt willst du zurückgehen?“
„An den Anfang.“
Sie riss die Augen auf, und ihre Wangen röteten sich, als sie begriff, was das bedeutete. „Darüber müssen wir reden. Denk darüber nach. Ist Eve wieder bei dir, wenn du zurückgehst? Und Julian? Was ist mit dir? Mit deinem Monster? Wirst du noch ein Vampir sein?“
„Wahrscheinlich. Vielleicht. Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht. Auf keinen Fall. Vielleicht.“
„Deine Schutzzeichen …“
„Hat mir Riley nie gestochen.“ Er beugte sich vor und küsste sie sanft auf die Lippen. „Ich liebe dich. Das weißt du, oder?“
Er hätte es ihr schon viel früher sagen sollen, hätte auf diejenigen hören sollen, die ihn beschworen hatten, es zu tun. Stattdessen hatte er sich von Angst und Sturheit bestimmen lassen. Was ihm das gebracht hatte, sah man jetzt.
„Ja.“ Ihre blauen Augen blickten traurig, beinahe hoffnungslos. „Ich liebe dich auch. Es muss doch eine andere Möglichkeit geben …“
„Nein, die gibt es nicht.“ Wenn es so lief, wie er es erhoffte, würde er Victoria nie begegnen. Sie würden sich nie kennenlernen.
Und nie eine solche Katastrophe auslösen.
Er würde sich wünschen, ihr zu begegnen und all das zu ertragen, aber er würde es nicht tun. Und genau das war Liebe.
So wie seine Eltern ihn aufgegeben hatten, würde er Victoria aufgeben. Im Gegensatz zu seinen Eltern würde er es nicht für sich tun, sondern für sie.
Es würde ihn umbringen. Falls sie sich irgendwann begegnen sollten, würde sie ihn nicht erkennen, aber er würde sie kennen.
„Aden, lass mich doch …“
„Es geht nicht anders. Das weiß ich jetzt.“ Er küsste sie noch einmal, inniger als je zuvor. Ein Kuss aus tiefster Seele. Ihr letzter Kuss. Er ließ sie all seine Sehnsüchte und seine Träume spüren. Alles, was er bedauerte. Seine Gebete für die Zukunft.
Als er sich von ihr löste, bebte er am ganzen Körper. Victoria weinte. Er konnte ihre Tränen schmecken, leicht salzig, voller Kummer.
Mit zitternder Hand wischte er ihre Tränen fort, und dann tat er, was er tun musste. Er schloss die Augen und dachte an den Tag, an dem er Mary Ann begegnet war …
– ENDE –