2. KAPITEL
Victoria Tepes, Tochter von Vlad dem Pfähler und eine der drei Prinzessinnen der Walachei, wappnete sich gegen den Aufprall. Und das war auch gut so. Denn im nächsten Moment stürzte Aden auf sie zu und schleuderte sie gegen die gleiche Felswand, an die sie soeben den Menschen geworfen hatte. Sie bekam keine Luft mehr.
Ihr blieb nicht einmal Zeit, ihre Lungen zu füllen. Aden war bei ihr, packte sie an der Kehle und drückte zu. Nicht fest genug, um ihr ernsthaft zu schaden, aber so fest, dass sie sich nicht befreien konnte. Sie wusste, dass er mit ganzer Kraft gegen die Begierden des Monsters ankämpfte. Sonst hätte er ihr schon die Kehle zerquetscht.
Bald würde es den Kampf gewinnen.
Wut hätte ihr helfen können, ihn wegzuschieben, aber sie spürte keinen Funken davon in sich. Sie hatte ihm das angetan, und die Schuld zerfraß sie wie ein bösartiges Krebsgeschwür. Er hatte ihr gesagt, dass sie ihn nicht retten sollte. Falls sie es doch versuchte, würden schlimme Dinge passieren. Aber als sie den Jungen, den sie liebte – den einzigen Menschen, der sie ohne Bedingungen und Erwartungen ganz und gar akzeptiert hatte – verletzt auf dem Boden hatte liegen sehen, war sie nicht imstande gewesen, ihn sterben zu lassen. Er gehört zu mir, ich brauche ihn, hatte sie gedacht. Deshalb hatte sie gehandelt, bevor der Tod ihn holen konnte. Sie bereute nicht, was sie getan hatte – wie könnte sie? Er war bei ihr! Und genau deshalb fühlte sie sich so schuldig. Ihrem Aden war sicher ein Gräuel, was aus ihm geworden war. Er war aggressiv und dominant, ein Krieger ohne Seele.
Normalerweise ging er sanft mit ihr um und behandelte sie wie etwas sehr Kostbares. Der Wunsch, sie zu beschützen, war tief in ihm verwurzelt. Und das, obwohl sie imstande gewesen wäre, ihn in Stücke zu zerreißen. Allerdings stimmte das so nicht mehr. Er hatte sich nicht nur geistig, sondern auch körperlich verändert. Schon jetzt war er größer, stärker und schneller – dabei war er schon vorher groß, stark und schnell gewesen.
Seine Augen, in denen früher die Augenfarben der Seelen aufgeblitzt waren, die ihn bewohnt hatten, strahlten jetzt violett. „Durst“, keuchte er. Sie spürte förmlich die sengende Hitze, die er ausstrahlte.
Na super, meldete sich eine männliche Stimme in ihrem Kopf. Wir sind wieder in der Vampirin. Das war Julian der Leichenflüsterer. Er konnte die Toten aus ihren Gräbern treiben. Bis jetzt hatte er allerdings höchstens ihren Blutdruck in die Höhe getrieben.
Geil! Hi, Vicki. Sofort schaltete sich eine zweite Stimme ein. Du brauchst dringend eine Dusche. Du weißt schon, du musst dir doch das ganze Blut abwaschen. Und ordentlich schrubben. Überall. Reinlichkeit kommt gleich nach Frömmigkeit. Diese Stimme gehörte Caleb, der sich in andere hineinversetzen konnte und ein großer Fan von nackten Tatsachen war.
„Ich will Adens Körper übernehmen“, sagte sie. Sie hatte schon gesehen, wie Aden in andere Körper geschlüpft war und das Kommando über sie übernommen hatte. Von einem Moment auf den anderen wurde er zu einem Teil seines Gegenübers und zwang es dazu, alles zu tun, was er wollte.
Jetzt brauchte er Calebs Hilfe dazu nicht mehr. Er besaß die Fähigkeit selbst und konnte sie nach Belieben einsetzen. Ihr gelang das allerdings nicht. Ein paarmal hatte sie es versucht und war kläglich gescheitert. Vielleicht weil die Seelen kein natürlicher Teil von ihr waren. Für Victoria waren sie neu, und sie hatte noch nicht ganz herausgefunden, wie sie mit ihnen umgehen konnte. Oder es lag daran, dass die Seelen sich gegen sie wehrten. Auf jeden Fall brauchte Victoria ihre – pfui! – Erlaubnis, um ihre Fähigkeiten einzusetzen.
Ein mehrstimmiges Nein, nein, nein war die Antwort. Wie immer.
„Ich bin auch ganz sanft mit ihm“, versprach sie. „Ich will ihn nur dazu bringen, dass er sich hinsetzt, bis der Wahn vorübergeht.“ Falls sie das schaffte. Manchmal überkam der Wahn sie selbst, und sie vergaß, was sie tun wollte.
Nee, tut mir leid. Die Jungs und ich bin … Moment, die Jungs und ich sind … wie heißt das noch mal richtig?
„Ist das jetzt wichtig?“, fragte sie verärgert.
Caleb ließ sich nicht beirren. Jedenfalls haben wir geredet, und wir werden uns von dir nicht benutzen lassen. Dadurch könnte eine dauerhafte Beziehung entstehen, verstehst du? Wie ein festes Band. Du bist scharf, und ich fände eine Beziehung ja gut, ich habe sogar für dich gestimmt, aber die Mehrheit entscheidet, und wir bleiben nicht länger bei dir als nötig. Um auf die Sache mit der Dusche zurückzukommen …
„Glückwunsch zu eurem kleinen Gespräch. Wenn ihm etwas passiert, seid ihr selbst schuld.“
Nein, wir wissen dann schon, wer schuld ist. Du hast nämlich recht: Das wird nicht gut ausgehen. Elijah, der den Tod voraussagen konnte, meldete sich zu Wort. Er hatte nie etwas Gutes zu sagen. Zumindest nicht zu ihr.
Caleb schnaubte. Sei still, Elijah. Duschen enden immer gut, wenn man weiß, was man macht.
Aden packte Victoria fester und schüttelte sie, damit sie ihn beachtete. „Durstig“, wiederholte er. Offenbar erwartete er, dass sie etwas dagegen unternahm.
„Ich weiß.“ Sie war also auf sich gestellt. Dämliche Seelen. Nicht nur, dass sie ihr nicht halfen, sie lenkten Victoria auch noch so sehr ab, dass sie sich selbst nicht helfen konnte. „Aber du kannst nicht von mir trinken. Ich habe mich vom letzten Mal noch nicht erholt.“ Zumal das letzte Mal etwa fünf Minuten her war. So verzweifelt dürfte er eigentlich nicht sein.
„Durstig.“
„Hör mir zu, Aden. Das bist nicht du, das ist Scharfzahn.“ Was für ein alberner Name für so ein wildes Biest. „Wehr dich gegen ihn. Du musst kämpfen.“
Du dringst nicht zu ihm durch, sagte Elijah, den Victoria für sich „Überbringer guter Nachrichten“ zu taufen beschloss. Diesen Kampf habe ich schon mit angesehen. Aden hat keine Chance.
„Ach halt doch die Klappe!“, schimpfte sie. „Deine Kommentare kann ich nicht gebrauchen. Und weißt du was? Du hast dich vorher schon mal getäuscht! Aden ist an der Messerwunde nicht gestorben. Keines der beiden Male!“
Stimmt, aber sieh dir mal an, was ihr beide davon habt.
Das wusste sie auch. Sie waren echt am Tiefpunkt. „Halt. Die. Klappe.“
In Adens dunklen Augen flackerte Mitgefühl auf, bevor der kalte, irre Durst ihn wieder packte. „Durstig. Trinken. Jetzt.“ Mit gebleckten Zähnen wollte Aden sich auf ihren Hals stürzen. Im Grunde wusste er, dass er es nicht bis zu ihrer Ader schaffen würde, aber in diesem Zustand versuchte er es trotzdem jedes Mal.
Victoria packte ihn an den Haaren und schleuderte ihn nach hinten. Fass ihn nicht zu fest an, ermahnte sie sich. Als er gegen die gegenüberliegende Höhlenwand krachte, zuckte sie zusammen. Ups. Staub und Steinsplitter flogen bis zu ihr, während er zu Boden rutschte. Sie holte tief Luft, musste aber gleich husten, da ihr der Staub in die Lungen drang.
He! Schön sachte mit unserem Kleinen, verlangte Julian. Ich will schließlich noch mal zu ihm zurück.
Ich versuche es ja, hätte sie am liebsten geschrien. Wie hatte Aden es sein Leben lang mit diesen Wesen ausgehalten? Sie redeten ununterbrochen und mussten zu allem einen Kommentar abgeben. Julian fand alles falsch, was sie machte, Caleb nahm überhaupt nichts ernst, und Elijah war überhaupt der größte Spielverderber aller Zeiten. Vermutlich war selbst eine Überdosis Schlaftabletten spannender als ein Gespräch mit ihm.
Wo waren eigentlich all die menschlichen Junkies, wenn sie, Victoria, auch einmal eine Dröhnung brauchte?
Aden stand auf, den Blick unverwandt auf sie gerichtet.
Wie kann ich ihn aufhalten, ohne ihm etwas zu tun? Diese Frage hatte sie sich schon tausendmal gestellt, aber noch keine Antwort gefunden. Es musste doch eine Möglichkeit geben …
He, mir ist irgendwie komisch, verkündete Caleb so großspurig, als wäre in der Geschichte der Welt nie etwas so wichtig gewesen wie er und seine Gefühle.
Kannst du es mal sein lassen? Dir ist komisch in deiner unsichtbaren Hose, und es wird nur besser, wenn Victoria sich auszieht. Das hatten wir schon, fuhr Julian ihn an. Kannst du unserem Aden nicht mal einen Gefallen tun und aufhören, dich an seine Freundin ranzuschmeißen?
Victoria hätte sich am liebsten die Finger in die Ohren gerammt, um endlich die Seelen zu erreichen und sie umzubringen. Sie waren unglaublich laut, immer unglaublich präsent, wie Schatten in ihrem Schädel. Sie waren nicht zu packen, immer wenn sie näher kam, huschten sie weg.
Was soll das, ich bin nicht scharf auf sie. Nach einer vielsagenden Pause fuhr er fort: Na ja, scharf bin ich schon, aber das meine ich nicht. Ich … ich glaube … mir ist schwindlig.
Caleb sagte die Wahrheit. Die Benommenheit griff auf Victoria über, und sie taumelte.
He, meinte Julian. Mir auch. Was hast du mit uns gemacht, Prinzessin?
Natürlich gab er ihr die Schuld, obwohl sie gar nichts gemacht hatte. Kurz bevor sie zu Aden zurückkehrten, wurde ihnen immer schwindlig, und trotzdem waren sie jedes Mal überrascht.
Da kommt Aden, warnte Elijah sie. Ich hoffe, du bist auf die Veränderungen, die gleich kommen, vorbereitet. Ich bin es jedenfalls nicht.
He, hilf doch nicht dem Feind, knurrte Julian.
„Ich bin nicht euer …“ Zuerst traf sie der Geruch von Adens Blut wie ein Schlag, so stark und verlockend, dass ihr eigener Körper seine Bedürfnisse anmeldete. Dann fiel sie plötzlich und wurde von starken Händen zu Boden gedrückt. Mit dem Rücken schrammte sie über den kalten Felsboden, während sie den Satz keuchend beendete: „… Feind.“
„Trinken.“ Aden drückte sie mit seinem Gewicht nach unten, seine Zähne nagten an ihrem Hals. Wieder packte sie ihn bei den Haaren, aber als sie dieses Mal zog, biss er nur noch stärker zu – bis in die Ader. Ihre Haut riss auf.
So etwas war noch nie geschehen, und sie schrie vor Schmerzen laut auf. Doch ebenso schnell verstummte sie wieder. Ihr schnürte sich die Kehle zu, als das Schwindelgefühl zurückkehrte und eine Welle der Müdigkeit sie erfasste. Ihre Muskeln bebten, und sie meinte, Caleb stöhnen zu hören.
Caleb. Bei dem Gedanken an ihn keuchte sie seinen Namen. Jetzt war sie bereit, die Seele um Hilfe anzuflehen. „Lass mich seinen Körper …“
Caleb unterbrach sie stöhnend. Was geschieht mit mir?
„Konzentrier dich. Bitte. Lass mich …“
Sterbe ich? Ich will nicht sterben! Ich bin noch zu jung zum Sterben.
Mit diesem Gebrabbel war er ihr keine Hilfe. Genauso wenig wie die anderen. Julian und Elijah stöhnten auch. Aber sie kehrten nicht zu Aden zurück. Dann schwoll das Stöhnen zu einem Schreien an, das ihren Verstand vernebelte.
Vor ihrem inneren Auge blitzten Bilder auf, wie kurze Filmszenen. Ihr Leibwächter Riley – groß, mit dunklem Haar und verschmitztem Lächeln. Ihre Schwestern Lauren und Stephanie, beide blond und bildhübsch, die sie gnadenlos aufzogen. Ihre Mutter Edina, die sich im Kreis drehte, dass ihr mitternachtsschwarzes Haar flog. Ihr vor Langem verlorener Bruder Sorin, ein Krieger, den sie auf einen Befehl hin vergessen sollte; den sie auch versucht hatte zu vergessen, nachdem er ohne einen Blick zurück fortgegangen war.
Neue Bilder, dieses Mal nur in Schwarz-Weiß. Shannon, ihr Zimmergenosse, freundlich, mitfühlend, besorgt. Nein, nicht ihr Zimmergenosse, sondern Adens. Ryder, der Junge, auf den Shannon stand, bei dem er aber abgeblitzt war. Dan, der hochgeschätzte Besitzer der D&M-Ranch, die seit ein paar Monaten ihr Zuhause war. Nein, nicht ihr Zuhause. Adens.
Ihre eigenen Gedanken und Erinnerungen vermischten sich mit Adens zu einer konfusen Wolke. Dann verschwanden die Bilder plötzlich. Victoria wurde schwächer und musste gegen den Schlaf ankämpfen …
Komm schon, Tepes! Du bist eine Prinzessin. Du schaffst das! Die kleine Aufmunterung kam von ihr selbst. Sie konnte es wirklich schaffen.
Entschlossen packte sie Adens Haare und riss seinen Kopf zurück. Leider war sie nicht stark genug, um ihn wegzustoßen. Dieses Mal nicht. Einen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke. Seine Augen glühten rot. Dämonisch. Von seinem Mund tropfte Blut, ihr Blut, und fiel auf ihr Kinn. Sie brauchte dieses Blut.
Eigentlich hätte sie Angst haben müssen. Denn in diesem Ungeheuer, das sie geschaffen hatte, sah sie ihren Tod. Einen Tod, der nur folgerichtig war. Schließlich hatte auch Elijah behauptet, Aden sei dem Biest unterlegen, und Elijah irrte sich nie. Und trotzdem …
Blut … Auch in ihr stieg Durst auf, das Verlangen danach erfüllte sie, bis sie nichts anderes mehr wahrnahm. Es verlieh ihr neue Kraft. Sie würde sich nicht geschlagen geben, ohne auch von ihm zu trinken.
Ihre Fangzähne wurden spitzer, als sie sich auf ihn stürzte, um ihn zu beißen. Aber sie konnte nicht durch seine Haut dringen. Etwas hielt sie auf. Was? Sie sah nach, um das Hindernis aus dem Weg zu räumen, fand aber nur Adens gebräunte Haut. Nichts schützte seinen hämmernden Puls.
Schmecken, schmecken, muss ihn schmecken. Für diese Worte, die in ihrem Kopf hämmerten, konnte sie den Seelen nicht die Schuld geben.
Fauchend ließ sie sein Haar los und kratzte ihn mit den Fingernägeln. Ein winziger Riss würde ihr schon reichen. Das klang so einfach, doch ihre Nägel versagten ebenso wie ihre Zähne.
„Trinken.“ Wieder stürzte sich Aden auf sie. Ihre Halsschlagader war offenbar sein bevorzugtes Ziel.
SCHMECKEN. Sie schnellte hervor und versuchte noch einmal, ihn zu beißen.
„Schmecken“, sagte das Monster, als würde es ihre eigenen Gedanken wiedergeben.
Sie rollten über den Boden und kämpften miteinander. Sobald sie ihn wegstieß, warf er sich sofort wieder auf sie. Sie krachten gegen die Wände, gegen das Podest und traten in die flachen Pfützen.
Wer diesen Kampf gewann, würde trinken. Wer verlor, würde sterben, er würde ausgesaugt werden, der Kreis des Lebens würde sich schießen. Nur der Stärkste konnte überleben, alle anderen waren nichts als Nahrung. Das war vor Aden ihr einziges Prinzip gewesen. Doch seit sie ihn kannte, versuchte sie die Schwächeren zu beschützen. Dafür kämpfte sie gegen ihren Instinkt an, sich einfach zu nehmen, was sie wollte. Aber jetzt kam sie nicht mehr dagegen an. Sie wollte Blut. Und sie würde es sich holen.
Doch bald drückte Aden sie zu Boden, und dieses Mal hielt er sie so fest, dass sie sich nicht losreißen konnte. Ihre Körper schlangen sich umeinander, während sie kämpften. Schließlich bekam er ihre Handgelenke zu fassen und drückte sie über ihrem Kopf auf den Boden.
Das war’s. Sie hatte verloren.
Sie zog Bilanz. Sie keuchte, schwitzte, ihr Hals schmerzte, und in ihrem Kopf gab es nur einen Gedanken: SCHMECKENSCHMECKENSCHMECKEN.
Ja.
„Lass mich los“, fauchte sie.
Aden über ihr hielt inne. Auch er keuchte und schwitzte. Seine Augen glühten immer noch blutrot, aber dazwischen sah sie bernsteinfarbene Flecken. Seine natürliche Augenfarbe. Also hatte Elijah sich ausnahmsweise geirrt. Aden war immer noch da und kämpfte mit dem Monster um die Vorherrschaft.
Das konnte sie auch.
Der Gedanke war wie ein Rettungsring, an den sie sich klammerte.
Victoria konzentrierte sich auf ihren Atem – ein und aus, langsam und kontrolliert. Allmählich drangen auch andere Stimmen zu ihrem Bewusstsein durch.
… noch schlimmer, sagte Caleb gerade.
So schwindlig war Victoria noch nie gewesen. Und nachdem das Wechselspiel einmal angefangen hatte, hätten die Seelen eigentlich nicht bei ihr bleiben dürfen. Warum waren sie immer noch da?
Wir müssen alle ruhig bleiben, sagte Elijah. In Ordnung? Das wird schon. Alles wird gut, das weiß ich.
Du lügst. Julian sprach undeutlich. Bei diesen Schmerzen kann gar nicht alles gut werden.
Ja, du lügst. Caleb hörte man seine Panik deutlich an. Es ist schrecklich. Ich sterbe, und ihr auch. Wir sterben alle. Ich weiß es genau.
Hör auf, vom Sterben zu faseln, und beruhige dich, befahl Elijah. Sofort. Mit deinen kleinen Panikanfällen bringst du Aden und Victoria nur in größere Gefahr.
Endlich zeigte er einmal Besorgnis. Aber es war zu wenig und kam zu spät. Die Gefahr war schon längst da.
Ich … ich brauche …
Caleb! Uns bringst du damit auch in Gefahr. Bitte beruhig dich endlich.
„Durstig.“ Adens heisere Stimme riss Victoria zurück in die verhasste Gegenwart.
Die Bernsteinfarbe schwand aus seinen Augen, das Rot breitete sich aus. Er verlor den Kampf – gleich würde er sie angreifen. Schon jetzt hing sein Blick an der blutenden Wunde an ihrem Hals. Er leckte sich über die Lippen und schloss die Augen, um ihren Geschmack besser genießen zu können.
Der perfekte Augenblick, um zuzuschlagen, dachte sie, als sich ihre niederen Instinkte meldeten. Ihr Gegner war abgelenkt. „Schmecken“, murmelte sie.
Victoria. Du liebst ihn doch. Du hast so gekämpft, um ihn zu retten. Mach das nicht alles zunichte für einen Hunger, den du in den Griff kriegen kannst. Eine Stimme durchdrang das Chaos in ihrem Kopf. Natürlich wusste Elijah der Gedankenleser ganz genau, worauf sie hören würde. In Ordnung? Okay? Ich kann mich nicht gleichzeitig um dich und um Caleb kümmern, dazu ist mir zu schwindlig. Einer von euch muss sich benehmen wie ein Erwachsener. Und weil du über achtzig bist, bist das wohl du.
Aden riss die Augen auf. Sie waren knallrot, von seiner menschlichen Seite war nichts mehr zu sehen.
Sie musste sich zusammenreißen. Ja, das konnte sie. Das würde sie schaffen. „Aden, bitte.“ Und ihn retten. Auch das würde sie versuchen. Er war ihr Ein und Alles. „Ich weiß, dass du mich hörst. Und ich weiß, dass du mir nicht wehtun willst.“
Einen angespannten Moment lang geschah nichts. Dann flackerte wie durch ein Wunder Bernstein in seinen geliebten Augen auf. „Kann dir nicht wehtun …“, sagte er. „Will nicht.“
Vor Erleichterung liefen ihr Tränen über die Wangen. „Lass mich los, Aden. Bitte.“
Er zögerte eine gefühlte Ewigkeit lang. Ganz langsam löste er die Finger und zog die Arme zurück. Er richtete sich auf, bis er breitbeinig über ihr saß, seine Knie neben ihren Hüften.
„Victoria … Es tut mir so leid. Dein armer, schöner Hals.“ Die Stimmen, seine und die des Monsters, überlagerten sich, eine Mischung aus Mitgefühl und dunklem Rauch strömte über sie.
Sie lächelte matt. „Du musst dich nicht entschuldigen.“ Ich habe dir das angetan.
Ich … brauche … Du musst … Caleb röchelte, und auch Victoria bekam plötzlich nicht mehr richtig Luft. Irgendwas stimmt nicht … Ich kann nicht …
Hör mir gut zu, Caleb, sagte Elijah grob. Wir können noch nicht zu Aden zurückgehen. Dann sterben wir.
Sterben, keuchte Caleb. War ja klar! Das wusste ich doch.
Was soll das heißen, wir sterben, knurrte Julian.
Uns passiert nichts, wenn ihr jetzt damit aufhört! Mit eurer Panik vertreibt ihr uns aus Victoria, und wir können sie noch nicht verlassen. Also hört jetzt endlich auf mich und beruhigt euch. Alles klar? Wir können später zu Aden zurückgehen. Nachdem … Später eben. Also, Caleb, Julian, hört ihr jetzt …
Sein Satz brach abrupt ab. Caleb schrie auf, dann auch Julian, darunter mischte sich Elijahs gequältes Stöhnen. Nein, sie hatten nicht auf ihn gehört.
Und Victoria offenbar auch nicht. Sie war die Nächste, die schrie, dass ihr fast die Trommelfelle platzten. Laut, so unglaublich laut. Entsetzliche Schmerzen. Dann war ihr alles egal. Die Schmerzen verschwanden, und ihr Schrei verklang zu einem Schnurren.
Vollkommene Macht war in ihr entstanden, sie rauschte durch ihren Körper und verschmolz mit ihr. Sie wurde ein Teil von ihr. Gut, unglaublich gut.
In ihrem langen Leben hatte sie von mehreren Hexen getrunken. Was für Vampire nichts Gutes bedeutete. Das Blut von Hexen war wie eine Droge, sobald man einmal von ihr gekostet hatte, konnte man kaum an etwas anderes denken. Das wusste sie nur zu gut. Obwohl ihr letzter Rückfall schon Jahre her war, überkam sie manchmal das Verlangen danach, und dann rannte sie verzweifelt durch die Wälder, um eine Hexe zu finden. Irgendeine Hexe. Das war der Hauptgrund, warum sich Hexen und Vampire normalerweise aus dem Weg gingen.
Aber dieser plötzliche Energiestoß – er war wie von einer Hexe, berauschend, warm wie Sonnenlicht und zugleich kalt wie ein Schneesturm. Schwindelerregend, überwältigend, alles und nichts. Sie schwebte wie auf Wolken, weit weg von der Höhle. An einem Strand döste sie, während das Wasser ihre Füße umspielte. Sorglos wie das Kind, das sie nie sein durfte, tanzte sie durch den Regen.
Was für eine wunderschöne Ewigkeit sie hier umfing. Sie wollte nie wieder gehen.
Sie glaubte, die Seelen leise weinen zu hören, beinahe wie Kinder. Erlebten sie nicht das Gleiche? Gebrüll durchdrang ihre Euphorie. Dünne Tentakel griffen nach ihr, packten sie mit überraschender Stärke und wollten sie fortzerren. Entschlossen stemmte sie sich dagegen. Ich bleibe hier!
Ein zweites Brüllen ertönte in ihrem Kopf, lauter, bedrohlicher. Es trieb ihr den kalten Schweiß aus den Poren …
Mit einem Mal wurde sie zurück in die Gegenwart gerissen. Ebenso schnell war es um ihre wohlige Ruhe geschehen. Nein. Nein, nein, nein!
Doch. Die Seelen redeten nicht mehr, sie schrien und weinten nicht, sie taten gar nichts, und mit der Ruhe war auch das Gefühl der Macht verschwunden. Und mehr noch, Scharfzahn war zurückgekehrt. Dieses Mal wollte er nicht, dass sie Aden wehtat.
Bislang hatte sie einfach nur einen scharfen Stich gespürt, wenn das Monster zu ihr zurückgekehrt war. Mehr nicht. Dann hatte es sie wieder verlassen. Und war zurückgekehrt. Dieser Kreis hatte sich endlos wiederholt, während sie und Aden immer wieder voneinander getrunken hatten. Aber dieses Mal war etwas anders. Sie spürte eine Kraft, eine Art Energie. Oder hatten sie den Kreislauf der Besessenheit endlich durchbrochen?
Scharfzahns Hunger verschmolz mit ihrem eigenen. Das Gefühl war vertraut, aber alles andere als willkommen, denn das Monster hinderte sie daran, etwas dagegen zu unternehmen. Das ließ Scharfzahn nie zu, nicht bei Aden.
Als Victoria die Augen öffnete, schnappte sie nach Luft. Sie hatte die Höhle nicht verlassen, aber sie war nicht untätig gewesen. Sie stand aufrecht da, mit ausgebreiteten Armen. Von ihren Fingern ging ein goldenes Strahlen aus, das abnahm und verglühte. Aden lag zusammengesunken an der gegenüberliegenden Höhlenwand. Er war bewusstlos, rührte sich nicht, vielleicht war er sogar … Nein. Nein!
Barfuß rannte sie zu ihm. Als sie ihn erreichte, fühlte sie sofort nach seinem Puls. Nein, nein, nein. Bitte nicht! Da! Schnell, fast zu schnell und äußerst schwach, aber der Puls war da. Aden lebte.
Erleichterung durchströmte sie, gefolgt von heftigen Gewissensbissen. Was hatte sie ihm angetan? Ihn geschlagen? Von ihm getrunken? Nein, das konnte nicht sein. Scharfzahn hätte das nicht zugelassen. Oder?
„Ach Aden.“ Sie strich ihm das Haar aus der Stirn. Sie fand weder Prellungen auf seinem Gesicht noch Bisswunden an seinem Hals. „Was ist nur mit dir?“
Ein Geräusch drang an ihr Ohr. Stirnrunzelnd beugte sie sich hinunter. War das … ein Summen? Sie blinzelte und hörte genauer hin. Ja, tatsächlich. Wenn er summte, hatte er doch sicher keine Schmerzen, oder? Offenbar durchlebte er eine Art Glücksgefühl. Vielleicht genau wie sie gerade. Oder?
Dir darf nichts passiert sein, bitte.
Sie musterte ihn genauer. Sein Gesichtsausdruck wirkte gelassen, die Mundwinkel waren gekräuselt. Er sah jungenhaft aus, unschuldig, beinahe wie ein Engel. Also erlebte er tatsächlich die gleiche Euphorie wie sie.
Beruhigt fuhr sie mit einer Fingerspitze seinen Haaransatz entlang. Er war so schön mit seinen schwarz gefärbten Haaren und dem breiten blonden Ansatz, den perfekt geschwungenen Augenbrauen über den bildschönen, leicht schrägen Augen und der geraden Nase. Seine Lippen waren sanft, sein Kinn kräftig. Und ebenfalls perfekt. An einem solchen Gesicht konnte sich ein Mädchen gar nicht sattsehen. Vielleicht weil jeder Blick eine neue Facette offenbarte. Dieses Mal waren es seine langen dichten Wimpern, die im Halbdunkel der Höhle goldbraun schimmerten.
„Wach auf, Aden. Bitte.“
Nichts, keine Reaktion.
Vielleicht wollte er einfach an jenem Ort bleiben, genau wie sie. Tja, dann hatte er Pech. Sie hatten einiges zu bereden.
„Aden. Aden, wach auf.“
Wieder nichts. Nein, nicht ganz. Ein Stirnrunzeln, das sich zu einer Grimasse auswuchs.
Ihr Herz hämmerte wie wild. Na gut. Und wenn er nicht sorglos auf Wolken schwebte? Wenn er irgendwo festhing? Oder, schlimmer noch, Schmerzen hatte? Diese Grimasse …
Sein Atem ging flach und rasselnd, einmal, zweimal. Dieses Rasseln hatte sie früher schon gehört – jedes Mal wenn sie zu viel Blut von einem Menschen getrunken hatte.
Er stirbt nicht. Er darf nicht sterben. Seit einer Woche waren sie hier. Sieben Tage, drei Stunden und achtzehn Minuten. Die ganze Zeit über hatten sie gekämpft, sich geküsst und voneinander getrunken. Aden hatte alles überlebt, also würde er auch das hier überleben. Was immer das hier war.
Sie schämte sich plötzlich so sehr, dass ihre allgegenwärtigen Schuldgefühle in den Hintergrund gedrängt wurden. Vielleicht lag es an dieser Scham, dass ihr Monster ruhiger wurde und nicht wie sonst brüllte, um freigelassen zu werden.
Moment. Scharfzahn brüllte nicht. Verwirrt blinzelte sie. Sie sah an sich hinunter und bemerkte, dass alle Schutzzauber verblasst waren. Und trotzdem war das Monster still. Das war vorher noch nie geschehen.
Was hatte sich sonst noch verändert? Ihr Blick fiel auf Adens Hals und seinen schlagenden Puls. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, aber der Trieb, das drängende Verlangen, ihn zu beißen, blieb aus.
Nein, das stimmte nicht ganz. Es war noch da, aber nicht mehr so stark wie zuvor. Sie konnte es kontrollieren. Trotzdem war sie durstig, sie musste trinken, von irgendjemandem. Doch wenn sie von jemand anderem trinken konnte, dann konnte das vielleicht auch Aden. Und wenn das stimmte …
Dann konnte er gerettet werden. Endgültig. Hoffte sie zumindest. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Obwohl sie immer noch schwach war, verschränkte sie ihre Finger mit Adens, schloss die Augen und stellte sich ihr Zimmer in dem Herrenhaus vor, das die Vampire in der Nähe von Crossroads, Oklahoma, bewohnten. Weißer Teppich, weiße Wände, weißer Bettüberwurf.
Bitte lass es funktionieren, dachte sie. Bitte.
Ein kalter Wind kam auf, packte ihr Haar und wirbelte es durcheinander. Es klappte! Lächelnd hielt sie Adens Hand noch fester. Der Höhlenboden sackte weg, sie hingen in der Luft. Nur noch einen Moment, dann würden sie …
Ihre Füße trafen auf weichen flauschigen Boden. Teppich.
Zu Hause. Sie waren zu Hause.