16. KAPITEL
Die Siegesfeier war schon in vollem Gange, als Aden und Sorin das Haus betraten. Jeder Vampir hatte einen Kelch voll Blut bekommen, die Wölfe und Menschen hielten Weingläser in der Hand. Überall erklang Gelächter. Immerhin hatte der König bewiesen, dass er stark und gerissen war, und die Anwesenden waren ihm klugerweise gefolgt.
Auch Theorien schwirrten durch den Raum. Es wurde darüber getuschelt, wie nach so langer Zeit wieder ein Mensch zum Vampir geworden war und ob man jetzt auch andere Menschen verwandeln konnte.
„Der letzte Versuch ist so lange her, dass sich die Umstände vielleicht geändert haben, jetzt könnte es doch möglich sein.“
„Aber welche Umstände haben es früher verhindert? Das haben wir nie herausgefunden.“
„Vielleicht war es unser Blut. Oder das der Menschen.“
„Ich würde zu gerne ein paar Tests machen und es herausfinden.“ „Ob der neue König das erlaubt?“
Niemand schien sich an kalter nasser Kleidung oder triefenden Haaren zu stören, nur Victoria kam aus dem Zittern nicht heraus. Ihr Zähneklappern war so laut, dass sie fürchtete, jeder im weitläufigen Ballsaal könne es über den himmlischen Klängen der Harfe hören.
Blöde Menschenhaut.
Während auch sie einen Kelch nahm, sah sie sich um. Schon bei dem Gedanken, Blut zu trinken, wurde ihr übel, aber Scharfzahn wurde immer schwächer, er brauchte Nahrung. Sie betrachtete den Marmorboden, die gläsernen Wände, die Säulen, die unter der Decke zu einem Netz aus Kristallen zusammenliefen. In der Mitte dieses Netzes hing ein funkelnder Kronleuchter in Form einer Spinne, deren acht Beine sich von Ecke zu Ecke zu bewegen schienen. Ein großartiger Raum, wenn man eine düstere gothicartige Atmosphäre mochte. Victoria hatte schon immer Farben vorgezogen. Rosa, Gelb, Blau. Sogar Weiß. Nur nicht das Schwarz, auf dem ihr Vater bestanden hatte.
Pflege den Mythos, hatte er immer gesagt, dann nehmen dich die Menschen nicht ernst. Sie werden dich ewig unterschätzen.
Victoria hatte für ihren Vater eine Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen empfunden. Und sie hatte gedacht, Sorin würde ihn zutiefst bewundern. Warum tat er das nicht?
Ihr Bruder war ihr ein Rätsel. Er wirkte so geheimnisvoll, dass sie nicht wusste, ob sie dieses Rätsel jemals lösen konnte. Und Aden hatte einen Kampf gegen einen erfahrenen Krieger gewonnen.
Noch überraschender war, dass niemand Aden aufgehalten oder Sorin geholfen hatte – wenn sie Lauren und Stephanie nicht mitrechnete, die für Sorin die Türen bewacht hatten. Doch nach gestern rechnete Victoria nicht mehr mit den beiden. Und mehr noch, Aden hatte ein Monster und Vampirhaut. Ihre Haut.
Was hatten sie noch getauscht?
Sie hatte die Fähigkeit verloren, Menschen mit ihrer Stimme zu kontrollieren. Und die Fähigkeit, sich zu teleportieren. Das eine konnte Aden, also wahrscheinlich auch das andere. Was war mit ihrer blitzartigen Geschwindigkeit? Er hatte sich beim Kampf sehr schnell bewegt. Schneller als früher. Und ihre Stärke? Erst vor ein paar Wochen hatte sie mit bloßen Händen einen Baum aus der Erde gerissen, mitsamt Wurzeln.
Im Moment war sie nicht sicher, ob sie sich noch das Haar aus dem Gesicht streichen konnte.
Hätte sie Aden gerettet, wenn sie gewusst hätte, was passieren würde?
Die Antwort wurde ihr sofort klar. Ja. Ja, sie hätte ihn gerettet. Sie hätte noch viel mehr aufgegeben.
Vielleicht musst du das noch, dachte sie.
Mit zitternder Hand hob sie den Kelch an die Lippen und nippte daran. Das Blut war dickflüssig, abgekühlt und schmeckte so metallisch, dass sie das Gesicht verzog. Igitt. Viel lieber wäre ihr jetzt ein … Sandwich. Genau, so hießen diese Dinger. Dünne Fleischscheiben zwischen Brot, bestrichen mit einer weißen Creme. Während ihr das Wasser im Mund zusammenlief, knurrte ihr Magen.
Bald würde sie sich wieder in die Unterkunft der Sklaven schleichen müssen. Sehr, sehr bald.
„V…V…Victoria!“, rief ein Mann, um den Lärm zu übertönen.
Als sie sich umdrehte, entdeckte sie am anderen Ende des Raumes Shannon, der gerufen hatte, und neben ihm Seth und Ryder. Zwei von Sorins Soldaten flankierten die Jungs mit finsterer Miene.
Wie hatte Victoria vergessen können, dass man Adens Freunde gefangen genommen und gefesselt hatte?
Sie stellte ihren Kelch auf einem Tablett ab, das vorbeigetragen wurde, und ging hinüber.
„V…Victoria“, wiederholte Shannon. Er stotterte noch schlimmer als sonst. „M…mach was. B…Bitte.“
Für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke. Seine grünen Augen strahlten beinahe fiebrig. Obwohl seine mokkafarbene Haut fahl wirkte, hatte er nichts an Attraktivität eingebüßt. Er sah sogar besser aus als viele der anwesenden Vampire. Er war groß und kräftig gebaut, und wenn er bei einem Lächeln seine geraden weißen Zähne blitzen ließ, wirkte er wie ein Diamant zwischen Zirkoniasteinen. Victoria hatte ihn auf Anhieb gemocht.
Er stand in der Mitte des kleinen Grüppchens, aufrecht und stolz, aber einen kleinen Finger hatte er in Ryders Hand untergehakt, als wäre der andere Junge ihm Halt und Trost. Oder er gab Ryder Halt, dessen gebräunte Haut leicht grünlich wirkte.
Seth hingegen winkte grinsend jemandem zu, der hinter Victoria stand. Er machte sogar die Geste für „Ruf mich an“.
Victoria musterte die Wachen, die sich nicht mehr bedrohlich gaben, sondern sie anlächelten. Zumindest auf ihre Art. Sie bleckten die Zähne und zogen die Lippen so weit zurück, dass man ihr Zahnfleisch sah.
Beide hatten geschorene Köpfe und trugen schmale Narben auf den Wangen. Narben. Das war mal etwas Neues. Wieso hatten sie Narben? Aus dem gleichen Grund, aus dem Rileys Nase einen Huckel hatte? Weil sie sich so oft verletzt hatten? Würde auch Victoria bald von Narben übersät sein? Und wenn ja, würde Aden sie dann noch schön finden?
Mach dir deshalb jetzt keine Sorgen. Sonst würde sie noch in Depressionen verfallen. Andererseits würde sie sich mit einer Depression wieder normal fühlen.
Konzentriere dich. Gute Idee. Auch wenn er lächelte, traute man dem rechten Wachmann glatt zu, dass er zum Frühstück Glasscherben und kleine Katzen verspeiste. Der linke sah nur nach Glasscherben aus, deshalb wollte Victoria ihr Glück bei ihm versuchen.
„Du hast ja gute Laune dafür, dass dein Anführer gerade seine Chance auf den Thron verspielt hat“, sagte sie zu ihm.
Der Soldat zog eine Augenbraue fast bis zum Haaransatz hoch. „Wer sagt, dass er verloren hat?“
Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet. „Ich. Und Aden. Alle anderen hier mit Sicherheit auch. Die Party, die hier gerade läuft, hast du aber schon bemerkt, oder?“
Er schüttelte leicht verstört den Kopf, als hätte es ihn aus dem Konzept gebracht, dass sie seine Frage so wörtlich nahm. Nachdem er seinem Freund einen Blick zugeworfen hatte, antwortete er: „Nein, ich meine, vielleicht wollte er nur sehen, ob dein Aden Mumm hat.“
Ach bitte. „So kann man sich eine Niederlage auch schönreden.“
Das Schulterzucken, das sie als Antwort bekam, erinnerte sie sehr an ihren großen Bruder. Wie viel Zeit hatten diese Krieger miteinander verbracht? „Glaub, was du willst. Das ändert nichts an den Tatsachen.“
Welchen Tatsachen? „Also hat er absichtlich den Kampf verloren und sich zum Untertan des neuen Königs gemacht?“
„Er würde nie absichtlich verlieren. Dein Bruder ist ein guter Vampir, Prinzessin Victoria. Er wollte immer nur erreichen, dass wir alle in Freiheit leben können.“
Sie wurden angestarrt, die Leute hörten ungeniert zu. Also schön. Die Höflichkeiten waren ausgetauscht, und zu einer Diskussion kam es wohl nicht. „Lasst die Jungen frei. Sofort. Sonst muss ich …“
„Natürlich. Freu dich, sie sind noch im gleichen Zustand wie vorher. Ohne eine Schramme.“
Victoria verschränkte die Arme. „Und die Blutergüsse an ihren Handgelenken? Die sind doch von den Seilen, mit denen ihr sie gefesselt habt.“
„Die hatten sie bestimmt schon vorher“, meldete sich der katzenfressende Wachmann zu Wort.
Beide Soldaten traten zurück und überließen ihr die Jungs wie auf dem Präsentierteller. Das war zu einfach, dachte sie, während sie nach einer Entgegnung suchte.
Shannon und Ryder ließen sich nicht lange bitten. Sie nahmen Victoria bei den Händen und zogen sie weg. Shannon fasste mit der Hand nach Seth und zog ihn mit sich. Als Victorias Gehirn wieder funktionierte, übernahm sie die Führung. Wohin sollte sie die Jungs bringen?
Eine ältere Vampirin stellte sich ihr in den Weg. Trotz ihres Alters war sie noch schön. Sie hatte glatte Haut und vornehme Gesichtszüge. „Ich würde gerne mit dir reden, Prinzessin.“ Während sie den Blick ihrer stahlblauen Augen über die Jungen schweifen ließ, fuhr sie sich mit der rosafarbenen Zunge über die scharfen weißen Fangzähne. „Wie viel für den Tätowierten?“
„Er ist nicht zu verkaufen“, antwortete Victoria, während der tätowierte Seth wissen wollte: „Was schwebt dir denn vor?“
Mit leicht grimmiger Miene versetzte Victoria ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Ich will von dir nichts mehr hören.“
„Aua!“ Er warf ihr einen bösen Blick zu. „Wofür war das denn?“
„Er ist nicht zu verkaufen“, wiederholte Victoria. „Zu keinem Preis.“
Die ältere Vampirin machte einen Schmollmund. „Bestimmt nicht?“
„Ganz bestimmt.“
Die andere Frau ließ den Blick zu Shannon wandern. „Was ist mit dem …“
„Keiner von ihnen ist zu verkaufen.“ Blutsklaven wurden ständig eingetauscht. Gegen Geld, gegen Kleidung oder zum Spaß. Früher hatte sich Victoria nicht daran gestört, aber jetzt stieß ihr der Gedanke übel auf, dass diese Jungs, die Aden so ähnlich waren, wie eine Tüte Chips herumgereicht werden sollten.
„Wirklich schade.“ Die Frau warf ihr langes blondes Haar über die Schulter und schwebte davon.
Victoria wurde noch dreimal mit Angeboten für die Menschen aufgehalten, bevor sie ihre Schützlinge endlich am anderen Ende des Raumes in einen der vielen Geheimgänge scheuchen konnte. Geheim waren sie nur dem Namen nach, jeder kannte sie.
Dieser Gang führte zu einem kleinen Zimmer mit einem Einwegspiegel, durch den man den Ballsaal beobachten konnte. Natürlich wand sich auf dem Sofa ein junges Vampirpärchen. Victoria musste sich erst räuspern, damit die beiden aufmerksam wurden. Sie sprangen auseinander und brachten errötend ihre Kleidung in Ordnung.
„Ähm, hallo, Prinzessin, was macht du …“, setzte der männliche Vampir an.
„Raus“, befahl Victoria, und das Pärchen gehorchte sofort. Als sie gegangen waren, schloss Victoria die Tür. Sie straffte die Schultern und drehte sich zu den Menschen um. Dabei wirkte sie so begeistert, als handelte es sich um ein Erschießungskommando. „Ihr habt bestimmt ein paar Fragen.“
Alle drei legten gleichzeitig los.
„Ich habe g…geschlafen, und p…plötzlich war da dieser riesige V…Vampir …“
„… war gerade beschäftigt, und auf einmal sehe ich Fangzähne. Fangzähne! Ich habe mir fast in die Hose gemacht. Sie haben mich gezwungen …“
„… Gästezimmer oder so was für mich? Ich habe keine Lust mehr, ständig zu pendeln, und habt ihr die große Rothaarige gesehen, die mit den riesigen …“
„… w…was f…für ein Ding ist da aus A…Aden gekommen? Ein D…Drache? Es ist einfach aus ihm r…raus …“
„… von dem Seil aufgescheuert. Wenn ich Narben bekomme, verklage ich euch. Mache ich vielleicht sowieso. Dan wird mich umbringen. Wenn deine blutdürstigen Freunde nicht vorher an mir knabbern. Das ist meine letzte Chance, weißt du. Und dieses Mal bin ich überhaupt nicht schuld. Warum zum Teufel …“
„… oder wenigstens die Brünette. Du bist mir was schuldig. Du bremst mich total aus, so komme ich ja nie zum Stich.“
Schweigen.
Na schön. Wo sollte sie anfangen? Am besten beim Grundlegenden.
„Ich bin eine Vampirin.“ Es war seltsam, mit Menschen über ihr Volk zu reden. Und sogar unter Androhung der Todesstrafe verboten. Zumindest konnte einem die Ewigkeit im Kerker blühen, abgeschnitten vom Rest der Welt.
Dieses Schicksal hätte ihrer Mutter gedroht, wenn Victoria nicht für ihre Freilassung gesorgt hätte. Und was tut sie? Besucht mich nicht einmal. Das machte ihr jeden Tag mehr zu schaffen. Vielleicht weil sie sich immer neue Gründe dafür überlegte. Sie war nicht gut genug. Ihre Mutter mochte sie nicht mehr. Sie war eine Enttäuschung auf ganzer Linie.
Ob Aden sich auch so fühlte, wenn er an seine Eltern dachte? Verlassen, vergessen, ungeliebt? Wahrscheinlich. Damit hatten sie noch etwas gemeinsam.
„Das ganze Haus ist voller Vampire, das habt ihr ja gesehen“, fuhr sie fort. „Aber ihr wisst noch nicht, dass Aden unser neuer König ist. Er hat mit meinem Bruder gekämpft, um die Krone zu behalten. Und gewonnen.“
„Ja, geil!“ Seth hob die Hand, um bei jemandem abzuklatschen.
Die beiden anderen sahen ihn nur an.
„Was denn?“
„Das Monster, das ihr gesehen habt, ist …“ Wirklich schwer zu erklären. „So etwas tragen alle Vampire in sich.“
„Ach du Scheiße. Aden ist ein Vampir?“ Ryders Augen wurden groß wie Untertassen.
„Ja.“
Grinsend streckte Shannon ihm eine Hand entgegen. „Habe ich d…dir doch gesagt. Du sch…schuldest mir ’nen F…Fünfer.“
„Ihr habt darauf gewettet?“, fragte Victoria fassungslos.
„Nicht darauf. Ich habe g…geahnt, dass du anders b…bist. Wie du gehst und redest ist total verräterisch.“ Er grinste sie breit an. „Und vor allem, wie d…du dich nachts in unser Zimmer auf der Ranch schleichst.“
Das versetzte Victoria einen herben Schlag. Sie hatte sich so bemüht, sich anzupassen, und dabei grandios versagt. „Wie gehe ich denn? Und wie rede ich?“
„Du gleitest.“ Seth zuckte anerkennend mit den Augenbrauen. „Und du sprichst … mit Akzent.“
Mit Akzent. War das die höfliche Umschreibung für „gruslig“? „Wie geht es Dan?“, erkundigte sie sich. Ob er sich immer noch Vorwürfe machte?
„Er ist ziemlich schlecht drauf“, antwortete Seth.
„Und macht sich Sorgen“, fügte Ryder hinzu.
Shannon zuckte mit den Schultern. „Und er fühlt sich irgendwie schuldig.“
Klar, er machte sich noch Vorwürfe. „Wenn Aden euch zur Ranch zurückbringt, kann er vielleicht mit Dan reden.“ Sie wusste, dass Aden Respekt vor Dan hatte und wie wichtig es ihm gewesen war, die Highschool zu beenden. Das hatte er sich fest vorgenommen. Bis Victoria ihm das Leben gerettet und sein ganzes Wesen verändert hatte.
Ob er die Entscheidungen der letzten Tage irgendwann bereuen würde? Sie hoffte nicht. Mehr als alles andere wünschte sie sich, dass er glücklich war. Jetzt und für immer. Und wenn es sich weiter so entwickelte, wie sie annahm, konnte er sich auf ein langes „Immer“ freuen – oder sich davor fürchten.
„He, was ist da drüben los?“ Seth drückte sich die Nase am Einwegspiegel platt.
„Was meinst du?“ Im Ballsaal hinter dem Spiegel knieten alle nieder und senkten den Kopf. Das Gemurmel verstummte. Victoria wusste, was das bedeutete. „Aden ist gekommen.“ Jede Faser ihres Körpers war in Alarmbereitschaft. Und tatsächlich, im gewölbten Eingang standen hoch aufgerichtet Aden und Sorin.
Aden hatte sich das Haar zurückgestrichen, sodass Victoria seine geschwollenen Augen und die Blessuren in seinem Gesicht sehen konnte. Die Verletzungen hätten schlimmer sein können, viel schlimmer, vor allem, nachdem ihr Bruder so lange auf Aden eingeprügelt hatte. Wenigstens konnte er noch aufrecht stehen. Nach einer solchen Schlägerei würde das nicht vielen gelingen.
Aden sah sich um, sein Blick glitt über Vampire, Wölfe und Menschen hinweg, immer weiter. Hieß das … Suchte er nach ihr?
In letzter Zeit war er ihr gegenüber so launenhaft gewesen, dass sie es kaum zu hoffen wagte. Sie sollte lieber an etwas anderes denken. An etwas, das sie nicht so aufwühlte. Etwa an ihren Bruder, diesen Schwachkopf.
Bei Sorin hatte bereits die Heilung eingesetzt, aber er hatte genau wie Aden Platzwunden und Prellungen davongetragen. Besonders am Hals, wo das je la nune Haut und Muskeln verbrannt hatte. Ein Teil von ihr hätte am liebsten die Finger in diese Wunde gegraben und herzhaft darin herumgestochert. Er hatte sie benutzt. Weil er nicht gewusst hatte, dass sie sich nicht mehr teleportieren konnte, hatte er sie unter Drogen gesetzt. Er hatte sie zu einem Druckmittel degradiert. Sicher, damit hatte er einen Kampf bis zum Tod – bis zu Adens Tod – verhindern wollen, aber er hätte eine andere Möglichkeit finden können. Aden war es schließlich auch gelungen.
Das war schon mal der erste Grund, warum Aden den besseren König abgab.
„Ich fasse es nicht, dass ich so fies zu ihm war“, grummelte Ryder. „Er hätte mich fertigmachen können, aber richtig.“
„Du bist halt dämlich“, meinte Seth.
„Bin ich nicht.“
„Alter, du könntest höchstens eine Eins kriegen, wenn Mittagessen ein Fach wird.“
„Ach k…komm, Pause machen kann er auch g…gut.“
Ryder gab Shannon spielerisch einen Schubs.
Seth würgte. „Meine Augen! Meine armen Augen. Ein Vorspiel unter Kerlen ist echt eklig.“
Das vertrieb Ryders gute Laune. Er ballte die Faust und wollte schon ausholen, als Victoria sich zwischen sie stellte. „Das reicht.“ Aber was konnte sie schon machen, wenn die beiden sich unbedingt prügeln wollten? Gar nichts. Nicht mehr.
Wenn die Jungs sie schlagen würden, könnte sie sogar bleibende Verletzungen davontragen.
Über so etwas hatte sie sich noch nie Gedanken machen müssen.
Plötzlich starrte Aden von der anderen Seite so unverwandt auf den Spiegel, als könne er durch das rauchige Glas hindurchblicken. Sie hatte ihn gar nicht ansehen wollen, aber es war ihr schon zur Gewohnheit geworden, sie hatte es automatisch getan.
Als ihr bewusst wurde, dass sie sich direkt in die Augen sahen, erstarrte sie hilflos unter seinem prüfenden Blick. Konnte er sie sehen? Unmöglich. Andererseits …
„Erhebt euch“, gebot er der Menge.
Mit raschelnden Kleidern standen alle auf und versperrten ihr den Blick auf Aden. Ein Raunen ging durch den Saal. Sorin wurde mit Kichern und Buhrufen bedacht. Im Moment war er Zielscheibe von Spott und Hohn.
In hundert Jahren oder so würde sich das vielleicht legen. Vielleicht auch nicht.
Als sich die Menge plötzlich teilte wie das Rote Meer, gab sie den direkten Blick auf Aden frei. Er kam genau auf Victoria zu.
Hatte er sie doch gesehen?
Sorin stakste hinterher, ohne sich um die spitzen Bemerkungen zu kümmern.
Zarte weiche Hände streckten sich Aden entgegen, hielten ihn auf und streichelten ihn. Draven, erkannte Victoria in einem Anfall von Wut. Dafür würde sie ihre Rivalin umbringen. Wieder breitete sich Stille aus. Alle im Saal spitzten die Ohren.
„Ich gratulieren dir zu deinem Sieg“, sagte Draven mit samtener Stimme. „Mein König.“
„Danke. Und jetzt entschuldige mich …“ Er wollte an ihr vorbeigehen.
Sie sprang ihm erneut in den Weg. „Nur einen Augenblick, bitte.“
Erst wirkte er unentschieden, schließlich nickte er. „Aber wirklich nur einen Augenblick. Nicht länger.“
Das bösartige Funkeln in Dravens Augen verriet, was für ein Miststück unter der schönen Fassade steckte. „Na gut, dann komme ich gleich zur Sache. Ich weiß ja nicht, ob der Gestaltwandler Riley dir davon erzählt hat oder vielleicht sogar Victoria selbst, aber vor zwei Wochen habe ich Victoria deinetwegen herausgefordert.“
Er erstarrte. Mit zusammengekniffenen Augen warf er einen kurzen Blick auf den Spiegel, bevor er sich wieder Draven zuwandte. „Sprich weiter.“
Vielleicht war das Mädchen ja dumm und überhörte den warnenden Unterton. Vielleicht? Ha! Mit Sicherheit, denn sie sprach tatsächlich weiter. „Immerhin bist du ein Mensch, und …“
„Ich war ein Mensch“, korrigierte er scharf.
„Das ist mir klar“, stimmte Draven zu. „Mittlerweile.“ Dumm war noch freundlich ausgedrückt. Offenbar hatte sie den Verstand einer Kanalratte. „Aber die Herausforderung wurde schon vor Wochen ausgesprochen und angenommen, als du wie gesagt noch ein Mensch warst. Also greift das Gesetz noch. Victoria muss gegen mich kämpfen, so wie du gegen Sorin gekämpft hast. So läuft das bei uns. So ist es immer gelaufen.“
Wieder wurde getuschelt, wurden Theorien ausgetauscht. Wie war Aden zum Vampir geworden? Konnte man jetzt auch andere Menschen verwandeln?
Aden war bleich geworden. „Niemand wird versuchen, Menschen zu verwandeln“, rief er allen zu.
Nicht einmal Victoria wusste, wie und warum Aden und sie überlebt hatten. Schließlich war seit dem späten 15. Jahrhundert keine Verwandlung mehr gelungen. Bloody Mary – die ursprüngliche Bloody Mary, nicht die frühere Königin von England – war heute die Anführerin der schottischen Vampirsippe, und auch sie hatte sich etwa zu jener Zeit verwandelt.
Im Laufe der Jahre hatte Victoria Gerüchte über eine leidenschaftliche Affäre zwischen Vlad und Mary gehört, die lange zurücklag. Angeblich hatte Vlad es vorgezogen, Mary zum Vampir zu machen, anstelle seiner Ehefrau. Und als er Mary wegen einer anderen Frau verlassen hatte, war sie mit ihren Anhängern weggegangen und hatte Rache geschworen.
Sie schlugen Schlachten, es gab Tote, aber keine Seite steckte zurück. Vampire aus beiden Clans bekamen die ständigen Feindseligkeiten satt. Um in Frieden zu leben, verließen sie ihr Heim und sagten sich von ihrem jeweiligen Anführer los. So entstanden auf der ganzen Welt viele weitere Sippen, jede mit einem König oder einer Königin. Manche wurden von einem Paar regiert, wenn der Mächtigere der beiden bereit war zu teilen.
Sorin hatte behauptet, er hätte Vlads Verbündete getötet. Da keiner von ihnen aufgetaucht war, als Aden ins Signalhorn geblasen hatte, war Victoria geneigt, ihm zu glauben.
Ihr kam ein beunruhigender Gedanke. Wenn sich das herumsprach – he, Leute, der neue Vampirkönig hat keine Unterstützung –, würde Aden noch mehr zur Zielscheibe werden.
„Als oberster Berater des Königs habe ich dazu etwas zu sagen“, mischte sich Sorin ein.
Verstimmt sah Aden ihn an. Er runzelte die Stirn. Victoria verbarg ihr Lächeln hinter vorgehaltener Hand. Oberster Berater?
„Mein Rat lautet, den Kampf noch für heute anzusetzen. Nachdem ich gerade Schläge einstecken musste, freue ich mich darauf, zu sehen, wie jemand anderes Prügel bezieht. Nämlich du, kleines Mädchen. Ich habe gesehen, wie meine Schwester kämpft …“
Wirklich?
„… und sie ist verdammt gut.“
Draven polierte ihre Fingernägel an ihrer Kleidung. „Der Zeitpunkt passt mir. Fehlt nur noch deine Zustimmung, Majestät.“
Victoria griff sich an die Kehle, die jetzt so verwundbar war. Ihr wurde kalt bis ins Mark.
„Wieso zitterst du denn? Die machst du doch fertig.“ Seth gab ihr einen Klaps auf den Hintern. „Sie ist ein echtes Biest, aber du hast eine dunkle Seite. Das sehe ich dir an.“
„Ähm. Danke.“ Früher hatte sie eine dunkle Seite gehabt, jetzt war sie nur noch ein Mensch. Draven würde sie in Stücke reißen. Sie wäre gerne hinausgelaufen und hätte dem Irrsinn ein Ende bereitet, aber dafür war es zu spät. Es stimmte, sie hatte in den Kampf eingewilligt. Wenn sie jetzt kniff, gestand sie ihre Niederlage ein.
Bald würde Aden herausfinden, dass der Verlierer einer Herausforderung alles an den Gewinner abtreten musste. Seinen Besitz … sein Leben. Deshalb wurden Herausforderungen so selten ausgesprochen. Sorin war jetzt Adens Eigentum. Für den Rest seines sehr langen Lebens.
Victoria wollte nicht Dravens Eigentum werden.
„Nein, heute geht es nicht“, sagte Aden. „Ich setze einen Zeitpunkt fest, nachdem ich meine Termine durchgesehen habe, dann wird der Kampf angekündigt. Bis dahin hältst du dich von ihr fern.“ Er schob Draven zur Seite und ging weiter. Sorin blieb neben ihm.
Aus zusammengekniffenen Augen sah das Mädchen ihm nach.
Aden blieb vor der Spiegelwand stehen und suchte nach einem Türgriff. „Victoria, lass mich rein.“
Es stimmte. Er wusste wirklich, dass sie in diesem Zimmer war. Dabei hatte sie selbst nie die Fähigkeit besessen, durch Gegenstände hindurchzusehen. Erschrocken öffnete sie ihm die Tür.
Ihre Blicke trafen sich, während sich die Jungs an Victoria vorbeidrängten und grinsend und jubelnd Aden umringten. Er ließ alles mit geröteten Wangen und ungläubiger Miene über sich ergehen.
Sie lächelte ihn an, und er erwiderte ihr Lächeln. In dem ganzen Chaos gehörte dieser Moment nur ihnen. Freude stieg in Victoria auf. Sie genoss jede Sekunde in dem Bewusstsein, dass sie sich lange an diesen Augenblick erinnern würde.
„So macht man das, ihr Säcke.“ Seth streckte einen Arm aus und zeigte Sorin den Stinkefinger.
Als Antwort warf Victorias Bruder ihm eine Kusshand zu.
Ryder boxte Seth kichernd gegen den Arm. „Na, wie war das noch mit dem Vorspiel unter Kerlen?“
„Stephanie“, rief Aden, ohne sich umzudrehen. „Ich brauch dich mal.“
Moment. Was war denn jetzt los?
Ihre Schwester löste sich aus der Menge, Kaugummi kauend und das Ende ihres Pferdeschwanzes um einen Finger gewickelt. „Da bin ich.“
„Tu mir einen Gefallen und bring die Jungs zurück zur Ranch.“
Stirnrunzelnd deutete sie auf sich selbst. „Ich?“
„Ja, du.“
„Klasse! Echt?“ Sie hüpfte auf und ab und klatschte in die Hände. „Ich kann doch von ihnen trinken, oder? Bitte, bitte, sag, dass ich von ihnen trinken darf.“
Aden war entsetzt. „Nein, darfst du nicht. Sie sollen zu Hause genau in dem Zustand ankommen, in dem sie jetzt sind.“
Stephanie hörte auf zu hüpfen. Sie ließ eine Kaugummiblase platzen. „Das ist alles? Ich soll sie nur nach Hause bringen? Das hat ja mal so gar keinen … Biss.“
Rat suchend sah er Victoria an. Sie zuckte mit den Schultern.
„Ja, bring sie einfach nach Hause“, sagte er und rieb sich den Nacken.
Als Nächstes zeigte Prinzessin Stephanie ihr patentiertes Schmollen. Sie machte ein finsteres Gesicht, stampfte mit dem Fuß auf und prustete. „Na schön. Aber das nächste Mal will ich einen wichtigen Auftrag. Du müsstest mich mal mit einem Nunchaku sehen.“
„Stimmt, ich habe sie trainiert“, warf Sorin ein. „Sie ist wirklich gut.“
„Wie beruhigend“, lautete Adens knapper Kommentar.
Stephanie legte Aden die Hände auf die Schultern, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass du meinen großen Bruder nicht umgebracht hast.“
Aden sah Sorin genauso Rat suchend an wie gerade noch Victoria. Das gefiel ihr. Es war schön zu sehen, dass die beiden an einem Strang zogen. „Das war vielleicht nicht gerade meine klügste Entscheidung, aber langsam gewöhne ich mich an ihn. Man kann sich wohl wirklich an alles gewöhnen.“ Stephanie lachte perlend. „Ist klar. Du magst ihn, das merke ich doch.“ Damit wandte sie sich zu den Jungs um und winkte sie näher. „Kommt mit, ihr lästigen Menschen. Ich bringe euch nach Hause.“
„Lebend“, erinnerte Aden sie.
„Ja, ja“, antwortete sie. Statt sich umzudrehen, warf sie nur die Hände in die Luft.
Shannon klopfte Aden auf die Schulter, bevor er ging, und Aden nickte ihm zu. Eine stumme Übereinkunft. Sie würden bald miteinander reden.
„Erst Pizza“, verlangte Seth, als die vier sich durch die gebannte Menge schoben, „dann nach Hause.“
„Und du musst Dan einreden, wir seien die ganze Zeit da gewesen“, sagte Ryder. „Seth meinte, ihr könntet mit eurer Stimme was anstellen.“
„Können wir, gar kein Problem“, antwortete Stephanie. „Ich könnte ihm aber auch eins mit dem Nunchaku überziehen, und er …“
„Benutz deine Stimme“, rief Aden ihr hinterher.
Ein genervtes Grummeln drang durch den Saal. „Du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben!“
Schmunzelnd wandte sich Aden zu Victoria um. „Nachdem das erledigt ist …“ Er streckte die Hand aus, sie verschränkten die Finger und verließen die Party. Zusammen.