7. KAPITEL
Aden betrat den Thronsaal. Mit nackten Füßen lief er lautlos über den flauschigen roten Teppich, der zu seinem Thron führte. In den Vorleger waren schwarze Schutzzeichen eingewebt, deren volle Kraft er zum ersten Mal spürte, als sie seine Füße umspielten. Bei jedem Schritt wanden sie sich höher, schlangen sich um seine Waden und Oberschenkel bis zum Bauch, schließlich bis zu Brust und Armen.
Er atmete tief durch, als das ständige Sirren in seinem Kopf endlich verklang. Wie ein Wirbel umspielte ihn die Energie und formte eine Art Heiligenschein, der ein paar Haarsträhnen zu Berge stehen ließ, als hätte er gerade in eine Steckdose gefasst.
Auf einen Schlag wurde sein Geist klar. Er empfand wieder Gefühle. Plötzlich war er wieder Aden, nicht der kaltherzige Vampirkönig, zu dem er irgendwie geworden war. Er empfand Schuld, Freude, Reue, Aufregung, Trauer … Liebe.
Er streckte die Hand nach hinten aus, weil er das Gefühl hatte, Victoria berühren zu müssen. Er wusste, dass sie hinter ihm war, mit jeder Faser spürte er ihre Bewegungen, ihren Atem. In jedem Augenblick.
Sie zögerte kurz, schnappte überrascht nach Luft. Dann ergriff sie sacht seine Hand. Eine warme, vertraute Geste.
„Aden?“
„Ja?“
Sie stolperte und fiel gegen ihn. Er blieb stehen und schlang einen Arm um sie. Ihr Körper schmiegte sich wunderbar an seine Seite, wie ein Puzzleteil, das ihm gefehlt hatte.
„Deine Augen sind wieder normal.“ Aus ihrer Stimme klang Hoffnung.
Normal? „Das ist gut, oder?“
„Sehr sogar.“
Er blickte sich um. Vor der Betontribüne reihten sich zu beiden Seiten schwarze Kandelaber aneinander. Dazwischen standen dicke Marmorsäulen. „Ich kann’s einfach nicht fassen“, sagte Aden, entsetzt, dass er wirklich hier war. „Vergiss die Gefahr, in die ich uns mit dem Horn gebracht habe. Ich habe alle hergerufen, um etwas zu beweisen, und das bringt sie jetzt vielleicht um.“
„Was wolltest du beweisen?“
„Das kann ich nicht sagen, es ist zu peinlich. Ich … ich muss mich setzen.“ Er ging weiter und ließ sich vorsichtig auf seinen Thron sinken.
Um ihn herum flackerten weitere Kerzen, von denen Rauch nach oben kräuselte.
Das Rauschen in seinem Kopf kehrte zurück. Im nächsten Moment verwandelte es sich in ein Grollen, gedämpft, aber umso wilder und brutaler. Und mit einem einzigen Schlag wurde der Schleier an Gefühlen hinweggeweht. Er spürte gleichzeitig beißende Kälte und brennende Hitze, aber noch stärker war der Wunsch, seine Vampire zum Sieg gegen Vlad zu führen.
„Ich bin so froh, dass ich heulen könnte. Ganz schön menschlich, was? Ich habe das Gefühl, dass ich mit jeder Sekunde menschlicher werde. Und das ist in Ordnung. Oder? Es ist doch gut, oder?“ Victoria hockte strahlend vor ihm, ihre Hände ruhten auf seinen Oberschenkeln. „Komm, wir gehen in mein Zimmer und reden. Wir …“ Langsam verschwand ihr Lächeln. „Deine Augen“, sagte sie matt.
„Was ist mit meinen Augen?“
„Sie sind wieder violett. Tot.“
Teilnahmslos zuckte er mit den Schultern. „Ist Scharfzahn in meinem Kopf?“ Das Grollen hatte ebenso abrupt aufgehört, wie es eingesetzt hatte, aber er wusste, dass etwas am Rande seines Bewusstseins wartete, lauschte … alles beherrschte?
Wenn nicht Scharfzahn, wer dann? Oder was?
Sie stand auf und runzelte die Stirn. „Nein, er ist bei mir.“
Aden musterte sie von oben bis unten. Sie trug ein langes schwarzes Kleid, das von schmalen verknoteten Stoffbändern gehalten wurde. Er müsste nur an ihnen ziehen, damit der Stoff zu Boden fiel, dann könnte er von ihrem Hals, ihrer Brust, sogar ihren Oberschenkeln trinken. Wo immer er wollte.
Er umklammerte fest die goldenen Armlehnen des Throns, um seine Hände unter Kontrolle zu halten. Woher kamen diese Gedanken? Vorhin hatte er nicht einmal gewusst, ob er das Mädchen mochte. Und jetzt zog er sie in Gedanken aus und trank von ihr?
„Bist du dir mit Scharfzahn sicher?“, fragte er mit rauer Stimme.
„Absolut. Ich trage vom Hals bis zu den Knöcheln Schutzzeichen, um ihn einigermaßen zu bändigen, aber ich kann ihn immer noch hören.“
Ein Wunder, dass er sich zurückhielt und nicht nach einem Beweis verlangte.
„Lass uns morgen darüber reden, wenn die Wirkung deiner Medikamente nachlässt“, sagte sie mit einem Seufzen. „In Ordnung?“
Während sie sprach, konnte er die Augen nicht von ihren Lippen abwenden. Sie waren rot und üppig, zum Reinbeißen.
Vielleicht hatte er nicht genug Blut von dem Menschenmädchen getrunken. Das Vielleicht konnte man streichen. Bestimmt hatte er nicht genug getrunken. Sonst würde ihm jetzt nicht das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sein Zahnfleisch würde nicht schmerzen, und seine Muskeln würden sich nicht verkrampfen.
„Aden?“
Beinahe wäre er aufgesprungen und hätte sich auf sie gestürzt. Wenn er sie noch weiter ansah, würde er es tun. „Stell dich hinter mich.“ Bitte.
Der Befehl klang grober, als er beabsichtigt hatte, trotzdem entschuldigte er sich nicht.
Sie wirkte eher überrascht als verletzt. Mit zusammengekniffenen Augen wandte sie sich um und stellte sich neben statt wie befohlen hinter ihn.
Er spürte immer noch die Hitze ihres Körpers, ihren warmen Atem, der über seine Haut strich. Also durfte sie ihm auch nicht zu nahe sein. Bevor er sie weiter weg schicken konnte, hörte er das Stöhnen einer Frau, gefolgt vom tiefen Ächzen eines Mannes. Instinktiv griff Aden nach den Dolchen an seinen Knöcheln.
Sie waren nicht da.
Egal. Er stand auf und sah sich in seinem Thronsaal um. Seine Untertanen waren noch nicht hereingekommen, er konnte hören, wie sie sich vor der Tür versammelten und darüber spekulierten, was er von ihnen wollte. Wie lange würden sie …
Durch die Tür hinten links stolperte ein Pärchen herein, das sich leidenschaftlich küsste. Der Mann hatte Aden den Rücken zugewandt, er trug die Frau weiter, bis sie an einer Säule lehnte. Sein dunkles Haar war zerzaust, das T-Shirt am Rücken zerfetzt. Seine schmalen Hüften steckten in weiten Jeans, die nur von den Beinen des Mädchens oben gehalten wurden.
Offenbar hatten sie von der Versammlung nichts mitbekommen.
Das blonde Mädchen hatte Aden noch nie gesehen, trotzdem kannte er es irgendwoher. Obwohl sie die Augen geschlossen hielt, wusste er, dass sie braun waren. Ihre Fangzähne bohrten sich in ihre Unterlippe, Blut tropfte ihr vom Kinn. Also hatte sie getrunken, bevor die beiden zu knutschen angefangen hatten.
So etwas in seinem Thronsaal. Ohne seine Erlaubnis.
Aden wurde zornig. Gleichzeitig amüsierte er sich insgeheim darüber. Und vielleicht war er sogar ein wenig neidisch.
Erst jetzt bemerkte Victoria, was sich da abspielte. Sie schnappte nach Luft. Auch ohne sich umzudrehen wusste Aden, dass ihr eine bezaubernde Röte ins Gesicht stieg. Sie strahlte noch mehr Hitze aus als zuvor, die ihn wie ein unsichtbares Band umschlang.
Er wartete, bis das Pärchen fertig war – der Junge seine Hose zumachte und das Mädchen sein Kleid richtete. Es ähnelte Victorias Gewand. Lang, dunkel und leicht auszuziehen. Fang gar nicht erst an, daran zu denken. Die beiden konnten von Glück sagen, dass die anderen Vampire immer noch vor der Tür diskutierten.
Aden lehnte sich zurück und räusperte sich.
Als der Junge herumfuhr, bemerkte Aden als Erstes die beiden perfekt kreisförmigen Wunden an seinem Hals. Sie saßen in den Augen seines Schlangentattoos und bluteten noch.
Wieder wurde er durstig. Sabberte er etwa?
Auch das Mädchen erblickte ihn, keuchte erschrocken und kniete sofort mit gesenktem Kopf nieder. „Majestät, es tut mir sehr leid. Ich hätte ohne deinen ausdrücklichen Befehl nicht hereinkommen dürfen. Ich werde mich kahl scheren, meine Kleider zerreißen, von einer Klippe springen. Ein Wort von dir genügt. Ich hätte dich niemals absichtlich beleidigt.“
„Sei still.“ Blut … Trinken …
Er hatte wohl den Körper angespannt oder versucht aufzustehen, denn Victoria legte ihm eine Hand auf die Schulter, damit er sitzen blieb. Er hätte ihre Hand abschütteln können, aber er tat es nicht. Es war schön, sie dort zu spüren, leicht wie eine Feder. Und zu wissen, dass er nur ihr Handgelenk packen musste, um sie mit einem Ruck auf seinen Schoß zu ziehen. Ihr Hals wäre ganz nah, und dann … ihr Blut in seinem Mund.
Nach ein paar tiefen Atemzügen klang der Blutdurst ab, wenn auch nur leicht. Immerhin.
„He, Ad“, sagte der Junge.
Aden betrachtete das Gesicht, das er in den letzten Monaten jeden Tag gesehen hatte. Es war eher grobschlächtig und trug einige Narben. „Seth. Was machst du denn hier?“
Seth grinste schamlos. „Ich habe dich gesucht. Dan macht sich Sorgen. Machen wir uns alle.“
Gefühle stürzten auf Aden ein, allen voran Schuldbewusstsein, aber sie verpufften so schnell, wie sie kamen. „Wie hast du mich gefunden?“
„Durch Shannon. Er ist deinem Freund Riley gefolgt, als der ein paar Sachen aus deinem Zimmer geholt hat.“
Shannon wohnte auf der D&M-Ranch. Er hatte sich mit Aden das Zimmer geteilt und war wirklich in Ordnung. Und offenbar ein besserer Spürhund, als Aden gedacht hatte.
„Aber ich muss schon sagen, mit so was hätte ich nicht gerechnet.“ Seth umfasste mit ausladender Geste den gothicartigen Saal. „Mal ernsthaft, Vampire? Wie abgefahren ist das denn?“
Aden wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mädchen zu, das immer noch am Boden kniete. Sie weinte stumm und zitterte am ganzen Körper. „Hör jetzt auf. Du durftest hier sein. Ich habe alle zu einer Versammlung gerufen. Steh auf und such dir einen Platz.“
„Danke. Vielen Dank, Majestät.“ Sie richtete sich auf, wagte jedoch keinen direkten Blickkontakt. Dann wich sie zurück, um seinem Befehl zu gehorchen.
Einem Teil von ihm verschaffte das große Genugtuung. Der andere Teil fand es scheußlich. „Hat dich jemand zu seinem Blutsklaven gemacht?“, fragte er Seth.
„Nein, auf keinen Fall. Ich spiele für keinen den Sklaven.“ Seth schnippte sich ein eingebildetes Stäubchen von der Schulter. „Einer wollte das. Irgendein Kerl. Aber als ich erzählt habe, dass du ein guter Freund von mir bist, konnte er gar nicht schnell genug abhauen. Bei den Mädchen war es genau das Gegenteil. Die lassen gar nicht mehr die Finger von mir.“
Gute Freunde? Vor einer Weile hatte Seth ihn noch kleinhacken und die Stücke in der Ranch an die Wand nageln wollen.
„Kein Wunder, dass du von dem Laden hier nichts erzählt hast. Hier sind ja echt reichlich Tussis.“
„Wie lange bist du schon hier?“, fragte Victoria. Ihre Stimme klang so schneidend wie die Dolche, nach denen Aden gerade gegriffen hatte. „Und wie oft bist du gebissen worden?“
Seth sah sie an und konnte den Blick nicht mehr abwenden, er verschlang sie regelrecht mit den Augen. Aden musste sich an den Armlehnen festklammern, damit er nichts tat, was er später bereuen würde. Wie etwa seinem Kumpel die Augen aus dem Kopf zu reißen.
Quietschend öffnete sich eine Tür. Sie hörten Schritte von mehreren Personen, aber niemand sagte etwas. Schließlich kamen die Vampire und Blutsklaven herein und nahmen ihre Plätze ein, wie Aden befohlen hatte.
Seth blickte sich nach ihnen um und winkte begeistert, bevor er sich wieder Aden zuwandte. „Ich bin noch nicht lange hier“, antwortete er. „Und ich bin ziemlich oft gebissen worden.“
„Macht sich der Blutverlust bemerkbar?“, fragte Aden, während Victoria wissen wollte: „Willst du noch öfter gebissen werden?“
„Was soll das werden? Ein Frage-und-Antwort-Spiel? Nein, ich merke nichts. Und ja, ich will noch mehr. Wer hätte gedacht, dass spitze Zähne so geil sind?“
Aden hörte, wie sie schwer schluckte; sie war besorgt und ratlos. „Aber deine Augen sind gar nicht glasig.“
„Ich weiß“, meinte Seth. „Sie sind total umwerfend.“
„Aber …“ Victoria wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger.
„Wieso bist du kein Blutsklave, obwohl du gebissen worden bist?“
Seth machte ihr schöne Augen. „Vielleicht hat mich einfach noch nicht die Richtige gebissen. Willst du es mal versuchen?“
Victoria verdrehte die Augen, während Aden mit den Zähnen knirschte. Flirts mit der Prinzessin waren verboten. Immer. „Weiß Dan, wo du bist?“
Jetzt wurde Seth doch noch verlegen und trat von einem Fuß auf den anderen. „Nicht so richtig.“
„Also bist du einfach verschwunden, so wie ich? Und bereitest ihm noch mehr Sorgen?“
„Ich kann ihm ja schlecht sagen, was ich hier gefunden habe, oder?“
Immer mehr Vampire strömten in den Saal. Aden spürte ihre Blicke, neugierig gafften sie ihn an. Aber vor allem spürte er die Sehnsucht ihrer Monster. Sie wollten bei ihm sein und ihn berühren. Sie hatten ihn vermisst.
„Was ist mit den anderen Jungs?“, unterhielt er sich weiter mit Seth. Er war schließlich der König, er konnte machen, was er wollte. „Ist mit ihnen alles in Ordnung?“
„Na ja, Terry und RJ ziehen nächste Woche wie geplant aus. Ach, und Dan hat Shannon und Ryder zusammen erwischt.“
„Was?“ Dass Shannon schwul war, hatte Aden gewusst. Auch dass Shannon gehofft hatte, Ryder wäre ebenfalls schwul. Aber nach dem ersten Annäherungsversuch von Shannon hatte Ryder ihn wie einen Aussätzigen behandelt. „Und?“
„Dan hat es ziemlich locker genommen. Er hat den beiden gesagt, dass die anderen keine Beziehung haben dürfen, solange sie auf der Ranch wohnen, und dasselbe auch für sie gilt. Jetzt dürfen sie halt nicht mehr miteinander alleine sein und so.“
Dan war noch besser, als Aden gedacht hatte, und er hatte vorher schon viel von ihm gehalten. „Du musst zurückgehen.“
„Nein. Auf keinen Fall. Hier ist es einfach zu geil. Die Weiber stürzen sich auf mich wie Fliegen auf den Honig.“ Seth schürzte die Lippen. „Ich meine, wie Bären auf den Honig.“
Aden wollte gar nicht wissen, mit wie vielen Bären sich Seth schon vergnügt hatte. „Haben sie sich deinetwegen gestritten?“
Seth plusterte sich auf. „Ich will ja nicht angeben … aber wenn es stimmt, ist es kein Angeben, oder? Ja, es gab Streit. Sogar erst vor ein paar Stunden.“
Und die Verliererin lebte jetzt als Sklavin. „Du gehst zurück, das ist mein letztes Wort.“ Etwas aus seinem Inneren, eine Art Wärme, umhüllte seine Worte.
Seth richtete sich sofort auf, sein Blick wurde glasig. „Ja. Ich gehe zurück.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und marschierte ohne ein weiteres Wort über den roten Teppich hinaus.
Erschreckend.
„Warte“, rief Victoria ihm leicht panisch nach.
Er ging weiter.
„Du sollst warten!“, brüllte sie.
Immer noch keine Reaktion.
„Aden, halt ihn auf“, bat sie.
Ihre Verzweiflung drang zu Aden durch, und er gehorchte. „Seth, bleib stehen“, rief er mit der gleichen Wärme in der Stimme.
Seth blieb stehen, ohne sich umzudrehen.
„Sag ihm, er soll alles hier vergessen.“ Sie verkrampfte die Hand, die immer noch auf seiner Schulter lag, ihre Fingerspitzen gruben sich in seine Muskeln. „Sag ihm, dass es keine Vampire gibt.“
„Und das glaubt er mir? Einfach so?“
„Ja.“
Aden hatte seine Zweifel. Trotzdem dachte er darüber nach, weil er ihr den Gefallen tun wollte, auch wenn er nicht recht wusste, warum. Schließlich befahl er: „Seth, geh zurück zu Dan. Sag ihm, dass du mich gefunden hast, dass es mir gut geht und ich jetzt woanders wohne. Aber kein Wort über die Vampire.“
„Zurückgehen. Dan. Gefunden. Geht gut. Keine Vampire.“
Schlagartig ging Aden auf, was gerade geschah. Sein Herz hämmerte wild los. „Stimmen-Voodoo“ hatte Mary Ann diese Fähigkeit der Vampire genannt, andere mit Worten zu lenken. Er wusste nicht, warum er das nun konnte oder ob es anhalten würde, aber er würde es garantiert auskosten.
Du hast es immer schrecklich gefunden, wenn Victoria bei anderen ihr Stimmen-Voodoo benutzt hat.
Tja, das war früher.
Früher, als du noch kein Arsch warst? Die Macht steigt dir zu Kopf, und wenn du nicht dagegen angehst, bleibst du immer so.
Na super. Jetzt führte er schon Selbstgespräche. Wenn das mal keine tolle Entwicklung war. Seine eine Hälfte verachtete die andere. Wenn es so weiterging, würde er sich bald selbst verprügeln.
„Sag ihm, er soll uns vergessen“, bat Victoria. „Bitte.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Weil Aden einen menschlichen Verbündeten gut gebrauchen konnte. Weil es ein Vorteil war, draußen Augen und Ohren zu haben. Weil er es sagte. „Seth, geh jetzt.“
Seth ging und ließ Aden mit seinen Vampiren allein. Auf den Sitzen wogte ein Meer aus blassen Gesichtern, Männer und Frauen. Vorne saß Draven und bedachte ihn mit einem gekünstelten Lächeln.
Auch Victorias Schwestern Lauren und Stephanie saßen vorn. Ihre finsteren Mienen taten ihrer Schönheit keinen Abbruch. Beide waren blond, aber eine hatte blaue Augen, die andere grüne. Eine war eine Kriegerin, die andere benahm sich wie ein Mensch.
Und dort saßen die grauhaarigen Ratsherren, noch blasser als die anderen, weil sie schon viel länger lebten und die Sonne nicht mehr vertrugen.
Alle Vampire trugen schwarze Kleidung, alle Sklaven weiße. Weiß und Schwarz, Weiß und Schwarz, immer durchmischt, hypnotisierend.
Ganz unten saß eine Reihe von Gestaltwandlern, die in Wolfsgestalt ihre geliebten Vampire bewachten und sie aufmerksam beäugten. Die Vampire würden Aden vielleicht blind folgen, nicht aber die Wölfe. Sie würden dem gekrönten König zwar dienen, aber ihr Wohlwollen musste er sich erst erarbeiten.
Und ihr Wohlwollen war wichtig, da die Wölfe eine Substanz produzierten, mit der sie Adens Volk abschlachten konnten.
„Ich habe euch aus zwei Gründen hergerufen“, sagte er, ohne aufzustehen. Seine Ankündigung wurde mit Schweigen quittiert. „Zum einen solltet ihr sehen, dass ich lebe und gesund bin.“
Jetzt ging ein Raunen durch den Saal. Aden konnte nicht deuten, ob es anerkennend oder enttäuscht war, aber es interessierte ihn auch nicht.
„Zum anderen will ich euch daran erinnern, was ich tun kann. Monster“, rief er, um es den Vampiren zu beweisen. „Kommt zu mir.“
Den Vampiren stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Jemand wimmerte, ein anderer stöhnte. Hinter Aden ertönte ein Schrei. Dann stiegen von den ersten Vampiren Schatten auf. Es wurden immer mehr, bis sich schließlich die ersten dunklen Flügel ausbreiteten.
Langsam wurden die Schatten zu festen Gestalten, die aussahen, als wären sie Albträumen entsprungen. Über Schnauzen glühten blutrote Augen. Wuchtige drachenartige Leiber erhoben sich, die auf Hufen die Stufen herunterstampften.
Die Vampire versuchten kreischend zu flüchten. Sie hatten diese Monster in sich getragen, aber sobald die Wesen befreit waren, besaßen die Vampire keine Kontrolle mehr über sie. Und normalerweise stürzten sich die Monster zuerst auf ihre Wirte, bissen und zermalmten sie, bis ihre Organe unter der angeblich unzerstörbaren Haut nur noch Brei waren. Doch nun stürzten die Monster auf Aden zu.
Er blieb ruhig stehen und warf nur Victoria einen kurzen Blick zu, um zu sehen, ob sie in Sicherheit war – sie presste sich an die Wand, die Augen ängstlich aufgerissen. Scharfzahn stand neben ihr und scharrte mit den Krallenfüßen über den Boden des Podests, während er sich mühsam zurückhielt. Seine Nüstern waren geweitet, er bleckte die Reißzähne und besprühte Victoria bei jedem Atemzug mit Speichel.
„Hierher“, wiederholte Aden.
Das Monster wandte den Kopf, ihre Blicke trafen sich. Wie ein Schoßhündchen, das eine leckere Belohnung erwartete, stampfte Scharfzahn treuherzig zu ihm. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, und er wedelte mit dem Schwanz. Im nächsten Moment war Aden von Monstern umringt, die ihn ableckten und die anderen wegstießen.
Scharfzahn drängte sich schnaubend vor. Er sah aus, als versuche er die Stirn zu runzeln.
„Was ist?“, fragte Aden ihn.
Nach kurzem Schnuppern und Schnüffeln setzte das Monster tatsächlich einen finsteren Blick auf.
„Rieche ich jetzt anders, Kleiner?“ Wie ein Vampir?
Scharfzahn nickte.
„Und das gefällt dir nicht?“
Wieder ein Nicken.
Adens neue, unterkühlte Hälfte war verstimmt. Der andere Teil von ihm, der tief begraben lag, wollte das in Ordnung bringen. „Kommt alle mit“, sagte er und kraulte Scharfzahn hinter einem Ohr. „Wir gehen raus spielen. Vielleicht wird es dann besser.“
Ohne jede Widerrede vonseiten der Vampire führte Aden die Monster aus dem Thronsaal und durch die Eingangshalle. Der Boden bebte, die Möbel wackelten. Kostbare Vasen und alte Sammlerstücke fielen herunter und zerbrachen.
Aden blieb nicht stehen und bat sie auch nicht, achtzugeben. Schließlich trat er in den trüben Morgen hinaus. Seine Armee folgte ihm und riss beinahe die Eingangstüren aus den Angeln, um ihn wieder zu umringen.
Er hob Äste auf und schleuderte sie weg. Sofort jagten die Monster hinterher, packten sie mit starken Kiefern und brachten sie zurück. Es war eine unwirkliche Szene, wie er hier draußen Stöckchen warf. So etwas würde einem keiner glauben.
Eine Zeit lang konnte er seine Probleme vergessen. Aber insgeheim ahnte er schon, dass sich sein Leben verändern würde, sobald er den Garten verließ – und wieder einmal nicht zum Guten.