20. KAPITEL
Orei Tage. Es dauerte drei Tage, bis Nicolai sein Gedächtnis vollkommen zurückerlangt hatte.
Und jetzt, da er seinen Zeitmesser in der Hand hielt, wusste er, was genau mit seinen Eltern geschehen war. Der Blutmagier hatte überraschend angegriffen. Zuerst hatte er sich auf König und Königin gestürzt und seinen Monstern gestattet, sie zu zerfleischen. Den schrecklichen Monstern aus Nicolais Albträumen, die er auf der Brücke zur Burg gesehen hatte und in seinem Schlafzimmer.
Laila hatte die Wahrheit gesagt. Als das Paar im Sterben lag, hatten sie beide einen Zauber gesprochen. Die Königin hatte ihre Kinder fortgeschickt. Der König hatte in ihnen den Durst nach Rache geweckt. Beide Zauber hatten sich in ihm vereint – und in seinem Zeitmesser. Ein Geschenk seiner Eltern. All ihre Kinder besaßen einen. Selbst Micah, der Jüngste.
Micah, der noch ein Baby war.
Jetzt waren zwanzig Jahre verstrichen. Micah war ein Mann. Außer er wäre auch in einer Zeitblase gefangen gewesen, so wie Nicolai. Oder er lebte nicht mehr.
Nicolai wusste, dass Dayn noch am Leben war. Jetzt, da seine Erinnerungen und seine Gaben zurückgekehrt waren, war er auch in Gedanken wieder mit dem anderen Bluttrinker in seiner Familie verbunden. Er konnte die Unruhe in den Gedanken seines Bruders spüren. Fühlte die Verzweiflung.
Breena war ebenfalls da draußen. Gerüchte besagten, dass sie bei den Berserkern lebte. Doch das konnte nicht sein. Die Berserker hatte man vor langer Zeit ausgerottet. Wo war sie also wirklich?
Und Jane … seine Jane. Manchmal konnte er sie hören, wie er Dayn gehört hatte. Weit entfernt, die Worte und Gefühle gedämpft. Denk jetzt nicht an sie. Du brichst sonst zusammen.
Er hatte sich nie von seinen geliebten Geschwistern verabschieden können. Auch nicht von seinen Eltern. Sein Vater hatte sich so sehr gewünscht, dass Nicolai heiratete, sich wenigstens verlobte, und Nicolai war einverstanden gewesen, sich an jemanden zu binden. Nur hatte er das nie getan. Nicht richtig. Er hatte sich endlich für die Prinzessin von Brokk entschieden, aber er hatte ihr nie ein förmliches Angebot unterbreitet. Wie verzweifelt sein Vater gewesen war!
Er konnte seinem Vater vielleicht keine Braut bieten – wenn er Jane nicht haben konnte, wollte er auch keine andere –, aber er konnte die Rache üben, die sein Vater ihm mit seinem letzten Atemzug auferlegt hatte.
Nicolai wusste, dass es noch nicht zu spät war, denn der Zeitmesser tickte weiter. Erst wenn die Zeiger sich nicht mehr bewegen sollten, und nur dann, war es zu spät. Aber die Zeiger bewegten sich schneller, als sie sollten, und das bedeutete, die Zeit wurde knapp.
Er würde nach Elden zurückkehren, den Blutmagier umbringen und seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron für sich beanspruchen. Nichts konnte ihn aufhalten. Morgen, fügte er in Gedanken hinzu. Morgen würde ihn nichts mehr aufhalten. Er konnte sich noch nicht dazu bringen, Lailas Zelt zu verlassen. Jetzt noch nicht. Es war der letzte Ort, an dem er Jane gesehen hatte.
Jane.
Du sollst doch nicht an sie denken.
Er hörte, wie vor dem Zelt der Rest des Lagers erwachte. Schritte kamen näher, und es war nur noch eine Frage von Minuten, ehe jemand hereinkam. Er stellte sich Prinzessin Laila vor, wie er es schon vorher getan hatte, und hüllte sich in ihr Abbild ein.
Tatsächlich, die Zeltklappen hoben sich, und zwei Wachen traten ein und erwarteten ihre Befehle.
„Verlasst diesen Ort“, hörte er sich selbst sagen. „Sammelt alle und jeden zusammen und kehrt nach Hause zurück.“
„Was ist mit Euch, Prinzessin?“
„Ich bleibe. Geht jetzt.“
An knappe Befehle gewöhnt, verneigten sie sich und verließen das Zelt. Er benutzte schon jahrelang Illusionen, hatte einst seine Brüder und Schwestern geneckt, indem er so tat, als wäre er sie – vor ihren Augen. Sie hatten gelacht und nach mehr gerufen.
In der Erinnerung daran zog sich sein Herz zusammen. Er hätte auch Jane gern auf diese Weise geneckt.
Jane, dachte er wieder. Ihr Blut floss durch seine Adern, erhitzte ihn, erweckte in ihm eine schmerzliche Sehnsucht und ein Prickeln der Lust. Wie sollte er ohne sie leben?
Es war ihm egal, was sie in ihrer Vergangenheit getan hatte. Warum sollte es ihm etwas ausmachen? Sie hatte ihm ihre Vergangenheit bereits gestanden, als er noch gefangen gewesen und sie als Phantom vor ihm aufgetaucht war.
Sie glaubte, er mache ihr deswegen Vorwürfe, befürchtete sogar, dass er sie hasste. Kam sie deshalb nicht zurück? Hatte er sie nicht vom Gegenteil überzeugt, als sie sich in Gedanken unterhalten hatten?
Er hatte keine andere Möglichkeit gehabt. Er hatte Laila davon überzeugen müssen, dass er Jane wirklich umbringen wollte. Statt sie also zu umarmen und zu küssen und ihr zu sagen, wie sehr er sie liebte und dass nichts, was sie tat, ihn je dazu bringen könnte, sie zu hassen, hatte er sie nur wütend angestarrt und sie angefahren.
Sie war in ihre Welt zurückgekehrt. Um ihn zu retten. Und jetzt war bereits so viel Zeit vergangen, dass er befürchtete, dass sie die Fähigkeit, zu ihm zurückzureisen, nicht mehr besaß. Oder hielt der Fluch sie zurück? Der Fluch, von dem er geglaubt hatte, er wäre gebrochen. Oh ja. Das war die Antwort.
Mit steifen Schritten ging er zu Janes Tasche, wühlte darin und zog schließlich das Buch heraus. Tausende Male hatte er die leeren Seiten bereits durchblättert. Jedes dieser tausend Male hatte er sich vorgestellt, einen neuen Zauber zu wirken, einen, der sie zurück zu ihm brachte.
Doch was musste er tun, damit ein solcher Zauber wirkte? Wie konnte er den Fluch umgehen, der sie voneinander trennte? Bisher hatte er noch keinen …
Weg gefunden.
Mit wild klopfendem Herzen fand Nicolai einen Stift, setzte sich auf Lailas Liege und begann zu schreiben …
Als Jane zwei Wochen später von ihrem Mitternachtslauf zurückkam, entdeckte sie eine Schachtel auf ihrer Veranda. Die gleiche Schachtel, die sie schon einmal gefunden hatte. Sie wusste, was sich darin befand, und schluckte.
Kein Tag war vergangen, an dem sie nicht an Nicolai gedacht hatte, um ihn geweint, darum gebetet, ihn wiederzusehen. Sie raste die Verandastufen hinauf, packte das Paket und rannte in ihre Hütte.
Jeden Tag hatte sie sich ein wenig mehr verändert. Sie brauchte immer noch Nahrung, aber sie brauchte auch Blut. Ihre Mitternachtsläufe, die sie nicht mehr brauchte, um die Steifheit aus ihren Muskeln zu vertreiben, weil ihre Muskeln nicht mehr steif wurden, waren für sie jetzt Mahlzeiten. Das Rotwild rannte vor ihr davon, aber es gelang ihr jedes Mal, eines zu fangen, wie ein Löwe eine Gazelle fing.
Und die größte Veränderung von allen? Sie war schwanger. Sie wusste es erst seit ein paar Stunden, und seitdem war sie benommen vor Schreck. Sie hätte es sich schon vorher denken sollen, weil sie sich die letzten Tage jeden Morgen übergeben hatte. Außerdem, Nicolais Blut hatte ihre Wirbelsäule und ihre Beine geheilt, warum also nicht auch ihre Fortpflanzungsorgane?
Sie wollte Nicolai sehen, musste es ihm sagen. Musste bei ihm liegen, mit ihm lachen, sich an ihm festhalten und ihn nie wieder gehen lassen.
Der Buchrücken knarrte, als sie den Deckel aufschlug. Da war das zerrissene rosa Band – von einem ihrer Kleider, wurde ihr jetzt klar, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen, und sie las still, ihre Stimme zu unsicher, um zu sprechen.
„Mein Name ist Nicolai, und ich bin der Kronprinz von Elden. Ich werde König sein an dem Tag, an dem ich den Blutmagier vernichte. Und ich werde ihn vernichten. Nachdem ich meiner Frau gesagt habe, dass ich sie liebe.“
Sie wischte sich über die brennenden Augen.
„Ich werde meine Jane immer lieben, und es geht mir elend ohne sie. Sie denkt, ich verachte sie, aber zum ersten Mal in ihrem Leben liegt meine viel zu kluge Frau falsch. Ich habe getan und gesagt, was ich musste, um ihr Leben zu retten.“
„Ich weiß“, gelang es ihr, durch den Kloß in ihrer Kehle zu pressen.
„Ihr Leben ist mir wichtiger als mein eigenes.“
Die Worte verschwammen. Wieder wischte sie sich über die Augen.
„Aber sie ist verflucht. Verflucht, den Mann, den sie liebt, zu verlieren. Und das ist passiert. Sie hat ihn verloren. Vollkommen. Doch jetzt … jetzt kann sie ihn wiederfinden. Wenn nicht durch Magie oder Fähigkeiten, dann durch ihren Verstand.“
Jane wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen, zitternd vor Hoffnung und Freude, aufgeregt und verängstigt. Sie hatte Angst, weil Nicolai ihr die Welt zu Füßen legte und sie keine Möglichkeit hatte, es ihm zu sagen.
„Komm zurück zu mir, Jane. Bitte. Komm zurück zu mir. Ich warte auf Dich. Ich werde immer auf Dich warten.“
Die restlichen Seiten waren leer.
Oh Nicolai. Das will ich doch. Ich will es so sehr. Sie stand mit zitternden Beinen auf und ging wie in Trance unter die Dusche. Sie setzte sich hin und ließ das Wasser über sich laufen, voll bekleidet, wie sie war. Nicolai wollte sie sehen, aber sie konnte nicht zurückkehren. Jedes Mal, wenn sie es versuchte, zerstörte sie ein kleines Stück ihrer Seele.
Und doch versuchte sie es noch einmal.
Sie schloss die Augen und stellte sich das Zelt vor. Wie bei all den Malen zuvor geschah auch dieses Mal nichts. Genau wie sie es befürchtet hatte. Sie versuchte es wieder. Und wieder. Und wieder. Erst als das Wasser eiskalt geworden war, trat sie aus der Duschkabine. Gib die Hoffnung nicht auf. Es gibt noch einen anderen Weg.
Ja. Ja. Mit ihrem Verstand, hatte er gesagt.
Ihrem Verstand.
Am nächsten Abend hatte sie alle benötigten Werkzeuge für ihren Übertritt zusammengesucht. Grob und hastig konstruiert, aber hoffentlich ausreichend. Sie hatte ihr Kleid angezogen und die Sensoren der Maschine an ihren Bettpfosten angebracht. Zitternd streckte sie sich auf der Matratze aus, legte den Schalter um und schloss die Augen. Wenn sie dabei sterben sollte, dann war es eben so. Wenn sie sich verletzte, auch egal. Sie würde sich weder von Angst noch von irgendetwas sonst davon abhalten lassen, zu tun, was nötig war, um zu ihrem Mann zu kommen. Würde ihrem Kind nicht die Chance verweigern, die Liebe seines Vaters zu erfahren.
Ein leises Summen in ihren Ohren. Übelkeit in ihrem Bauch. Ihre Maschine würde funktionieren, rief sie sich in Erinnerung, sie hatte mit Plastik bereits funktioniert.
Ich bin nicht aus Plastik. Oh Gott. Jane versuchte Nicolais Gabe gemeinsam mit ihrer Erfindung zu benutzen und stellte sich ihr Ziel vor. Mehrere Sekunden verstrichen. Jede einzelne fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Endlich spürte sie, wie ihr Körper sich erhitzte … hörte, wie das Summen lauter wurde … spürte, wie das Bett unter ihr verschwand … Hitze … noch mehr Hitze …
Das Summen verstummte. Nichts. Sie war nichts.
„Jane. Mein Liebes.“
Nicolai. Da war seine Stimme, so nah. Schwer atmend öffnete sie ihre Augenlider und sah, dass sie auf dem Boden des Zeltes lag. Nicolai stand über sie gebeugt, hielt ihre Arme fest und schüttelte sie.
Sie hatte es geschafft. Sie war übergetreten. War nur durch ihre Gedanken geleitet zu ihm gereist.
„Jane.“ Er seufzte erleichtert. Es brauchte keine weiteren Worte. Nicht jetzt.
Einen Augenblick später küssten sie sich und rissen einander die Kleider vom Leib. Innerhalb von Sekunden fielen sie nackt zu Boden. Keine Umschweife. Nicolai drängte ihre Beine auseinander und drang tief in sie ein. Kam nach Hause.
Jane schrie auf, war schon bereit für ihn, brauchte ihn, wie sie die Luft zum Atmen brauchte. Er drang immer wieder in sie ein und trieb sie zu neuen Höhen auf, von denen sie in den letzten zwei Wochen nur geträumt hatte.
Ihre Brustspitzen rieben über seinen Oberkörper und entzündeten ein Feuer. Ein Inferno. Die Flammen breiteten sich in ihr aus, verschlangen sie, und sie kam, schrie, schrie, klammerte sich an ihn, zerkratzte ihm den Rücken. Und dann waren seine Fangzähne in ihrem Hals, und er trank von ihr, und sie kam wieder, senkte den Kopf und biss in seinen Hals.
Er brüllte, als sie von ihm trank, bäumte sich auf, drang noch tiefer in sie ein und ergoss sich in sie. Herrlich, notwendig, lebensbejahend.
Als er sich auf sie fallen ließ, hielt sie ihn fest. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein. Sie war bei ihrem Mann, ihrer Liebe, und die Zukunft war rosig.
„Du hast das Buch bekommen“, sagte er und verteilte kleine Küsse auf ihrem Gesicht.
„Oh ja. Danke, dass du es geschickt hast. Ich konnte nicht herkommen. Ich wollte so sehr zu dir zurückkommen, aber ich konnte nicht mehr einfach so von einem Ort an den anderen reisen.“
Er stützte sich auf die Ellenbogen und blickte zu ihr herab. „Danke. Danke, dass du zurückgekommen bist.“
„War mir ein Vergnügen.“ Sie legte eine Hand an seine Wange. „Es wird dich freuen zu erfahren, dass Laila jetzt in der gleichen Situation ist, in die sie dich gebracht hat.“ Sie hatte die Nachrichten gesehen. Man hatte Laila gefunden, ihr Bild gezeigt und alle, die sie erkannten, aufgerufen, sich zu melden. Und bis jemand sie für sich beanspruchte, hatte man sie in eine Anstalt für gewalttätige Geisteskranke gesteckt.
„Sie ist mir egal. Wie geht es dir?“
„Gut.“ Jetzt. „Ich muss dir etwas sagen.“
Ein Teil seiner guten Laune verflog. „Du siehst besorgt aus. Jane, du kannst mir alles sagen. Ich werde dich nie hassen. Mich nie von dir abwenden.“
„Ich … Weißt du noch, wie ich dir erzählt habe, ich kann keine Kinder bekommen?“
Er nickte und runzelte die Stirn.
„Na ja, jetzt kann ich es doch.“ Ein Lächeln breitete sich aus. „Und ich werde. Ich habe es vor ein paar Tagen herausgefunden. Wir werden Eltern.“
Er sperrte den Mund auf und schloss ihn mit einem Schnappen. Sperrte ihn wieder auf. „Jane … Ich … Jane!“ Mit einem Jubelschrei beugte er sich vor und küsste sie wieder. „Bist du sicher?“
„Ja.“
Noch ein Kuss. „Freust du dich?“
„Ja.“
„Ich mich auch.“ Sein Lächeln war strahlend. „Oh Jane.“ Er küsste sie wieder und wieder, und seine Hand rieb dabei über ihren immer noch flachen Bauch. „Ich liebe dich, und ich will, dass du bei mir bist. Sag, dass du bleibst. Sag, dass du bei mir leben willst. Heirate mich.“
„Ja, ja, ja!“ Sie lachte und drückte ihn fest an sich. „Falls du das nicht begreifen solltest, ja bedeutet ja.“
Er lachte an ihren Lippen. „Ich muss immer noch nach Elden zurückkehren.“
„Und das wirst du auch. Mit mir. Ich liebe dich über alles, Prinz oder König oder was auch immer du bist!“
„So wie ich dich liebe, Jane. Mein Herz und meine Königin.“
„Gut.“ Sie legte ihre Hände an seine Wangen und liebte ihn mit jeder Minute, die verstrich, noch mehr. „Dann lass uns nach Elden ziehen und denen in den Hintern treten.“
– ENDE–