4. KAPITEL
Oie Federmatratze gab unter seinem Gewicht nach, als die Wachen Nicolai auf das Bett zwangen. Sie verankerten die Metallketten um seinen Hals an einem Stahlhaken in der Wand und nahmen ihm dann die Ketten von Hand- und Fußgelenken ab – nur, um ihn gleich danach an die Bettpfosten zu fesseln.
Jane stellte fest, dass Odette schon früher Sklaven hierher hatte bringen lassen. Die Pfosten waren mit tiefen Kerben vernarbt, die von ihrem Widerstand sprachen. Jeder Menge Widerstand. Wie oft hatte Nicolai diese Art von Erniedrigung durch die Prinzessin ertragen müssen?
Wenigstens versuchte er nicht, die Wachen zu beißen, und sie versuchten auch nicht, ihm wehzutun. Jane musste sich also nicht auf die Seite eines „Sklaven“ stellen und ihr Misstrauen wecken. Sie fühlte sich auch so bereits, als blinkte eine Leuchtreklame über ihrem Kopf, auf der groß „Betrügerin“ stand.
Gott sei Dank hatte Laila die Wahrheit nicht bemerkt. Und was für ein Schock war diese andere Prinzessin überhaupt? Klein, gedrungen und so gemein, dass man meinte, ihr müsse Schaum vorm Mund stehen. Wenn die böse Hexe aus dem Märchen sich mit Hannibal Lecter zusammentat und die beiden ein Kind bekamen, würde dieses Kind Laila heißen.
Pass auf, was um dich herum geschieht, Parker!
Ach ja. Jane konzentrierte sich. Sie sah fassungslos zu, wie einer der Wachmänner Nicolai von Kopf bis Fuß säuberte und der andere ihn einölte.
Sie legte ihr Buch auf den Nachttisch und überlegte sich, ob sie etwas dagegen einwenden sollte, wie man mit ihm umsprang, aber sie war sich nicht sicher, ob „Odette“ so etwas tun würde. Deswegen hielt sie den Mund. Die ganze Zeit blieb Nicolai stumm, sein Gesicht war ausdruckslos, aber sein Blick, oh, sein Blick klebte förmlich an ihr. Seine Pupillen waren riesig, und darin funkelte immer noch … Lust.
Auf sie oder auf ihr Blut? Seine Fangzähne waren scharf und lang und zeigten, wie groß sein Hunger war.
Im Augenblick war er das perfekte Aushängeschild für einen Fetisch für Fesseln, Blut und harte Kerle. Er war angekettet, das schon, aber er behielt trotzdem die Kontrolle. Er war stark, sowohl körperlich als auch geistig, und er strahlte etwas aus, Pheromone vielleicht, die in ihr den Wunsch weckten, sein Sklave zu sein. Jede Zelle ihres Körpers sehnte sich schmerzlich und wild nach seiner Berührung. Sie war noch nie einem Wesen begegnet, das einen so perfekten Körper hatte.
Einen so stolzen und starken Mann zu sehen, wie er auf einem Bett aus rosa Spitze und Rüschen gefesselt lag und dafür vorbereitet wurde, von ihr benutzt zu werden, sollte ihr eigentlich den Magen vor Übelkeit umdrehen. Aber sie begehrte ihn nur noch mehr.
Sie hatte ihn sich schon vorgestellt, ehe sie sich begegnet waren, aber ihre Vorstellung hatte ihm nicht gerecht werden können. Er war groß, mindestens einen Meter neunzig, mit breiten muskulösen Schultern, einem sehnigen festen Bauch und einer Haut wie Milchkaffee. Er hatte schulterlanges Haar, schwarz wie die Nacht, und Augen, deren Farbe an Mondlicht auf Schnee erinnerte, silbrig und von goldenen Fäden durchzogen.
Sie sah nicht ihren Tod in diesen Augen, wie das Buch ihr versprochen hatte. Sie sah ihre Verführung. Wie oft hatte sie sich selbst davon abhalten müssen, die Hand auszustrecken und sich von ihm „zeichnen“ zu lassen, was auch immer das bedeutete, nur um seine Haut auf ihrer zu spüren. Deshalb war sie von ihm fortgesprungen, als er die Hand nach ihr ausgestreckt hatte. Sie hatte Angst vor der eigenen Reaktion, Angst, dass die Begierde, die sie spürte, sie ihre Selbstbeherrschung vergessen ließ. Schon jetzt war das Bedürfnis, ihm nah zu sein, so wichtig und notwendig wie das, zu atmen.
Die gleiche Kraft, die sie hergebracht hatte, musste auch für diese seltsame Anziehung verantwortlich sein.
Obwohl er am ganzen Körper von Schnittwunden und blauen Flecken übersät war und seine Arme und Beine mit getrocknetem Blut verschmiert, hatte er keine einzige Narbe. Im Grunde hatte er keinen einzigen Makel, Punkt. Am ehesten kam daran noch die schmale Spur aus dunklen Haaren, die von seinem Nabel bis an den Saum seines Lendenschurzes führte – und das war kein Makel, sondern eher ein Pfad in den Himmel.
Und wo sie schon beim Ziel dieses verruchten Pfades war – unten in seinem Käfig hatte sie ihn erregt, und er hatte nicht versucht, es zu verbergen. Er hatte damit geprahlt und absichtlich die Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Aus gutem Grund. Außer in ihren Träumen und dem einen Mal, das sie es sich mit ihm vorgestellt hatte, war sie nur mit einem einzigen Mann im Bett gewesen. Und dieser Mann konnte dem Vergleich einfach nicht standhalten. Sie bezweifelte, dass irgendein Mann das konnte. „Groß“ war in Nicolais Fall eine Untertreibung.
Als er sich berührt hatte und mit seinen Fingern seine Länge auf und ab gefahren war, hatte ihr Körper geradezu geschmerzt. Sie hatte die Situation vergessen und sich vorgestellt, auf die Knie zu fallen. Sie wollte ihre Zunge nach ihm ausstrecken und ihn verschlucken.
Verstand, hör sofort auf, so versaut zu sein!
Endlich waren die Wachen fertig und gingen zur Tür. Ihr gebrüllter Befehl „Schlüssel hierlassen!“ brachte beide Männer zum Stehen.
Der kleinere der beiden drehte sich um und verbeugte sich. „Ihr habt den Schlüssel für diese Fesseln bereits, Prinzessin.“
Oh. Odette hätte das gewusst. „Na ja“, sagte sie und schluckte. „Der Fall … von den Klippen – ihr wisst von den Klippen, nicht wahr? – muss mein Gedächtnis beeinflusst haben. Ihr könnt, äh, uns allein lassen.“ Sie deutete auf die Tür, so prinzessinnenhaft, wie sie konnte. Liebe Güte, so zu tun, als wäre sie eine andere – jemand, dem sie noch nie begegnet war – machte überhaupt keinen Spaß.
Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken.
Sie drehte sich zu ihrem „Gefangenen“ um und verringerte den Abstand zu ihm, bis der Rand des Bettes sie dazu zwang, stehen zu bleiben. Wieder wollte sie ihn berühren, aber sie gestattete sich diesen Luxus nicht. Diese Zähne – er könnte ihre Halsschlagader als Souvenir mitnehmen.
„Der Schlüssel ist in der Nachttischschublade“, sagte Nicolai und durchbrach damit die Stille. „Benutz ihn.“
Selbst seine Stimme war ein Genuss. Ein sinnliches Gelage aus Tönen und Nuancen. Heiser, belegt, einen Hauch rauchig. Sie schauderte und leckte sich die Lippen. „Du hast mich vielleicht beschworen oder so ähnlich, aber du hast mir nichts zu befehlen. Also hör zu. Du sagst mir, was los ist – und danach hole ich den Schlüssel.“
„Du und dein ‚danach‘.“ Er starrte sie wütend an. Seine langen Wimpern verschmolzen miteinander, als seine Lider sich schützend über seine einzigartigen zweifarbigen Augen legten. „Das ist Erpressung.“ So genervt, wie er schien, da war auch so etwas wie … Stolz.
Warum Stolz? Sie atmete ein und aus und genoss seinen Duft nach Sandelholz. Jetzt war er viel stärker als in ihren Träumen oder beim Lesen des Buches. „Ja, das ist Erpressung, und ich gebe nicht nach.“
Grausam von ihr, aber sie befürchtete, wenn sie ihn befreite, würde er erst etwas essen und dann aus der Tür rennen und sie zurücklassen, ohne eine einzige Frage zu beantworten. Er hatte das Aussehen eines gefangenen Panthers, bereit, zuzubeißen und davonzurennen. Außerdem hatte er im Kerker nicht mit ihr reden wollen, und er hatte es nur getan, weil sie ihn gezwungen hatte. Deshalb würde sie ihn weiterhin zwingen.
„Anscheinend riskiere ich es, ausgepeitscht zu werden, weil ich hier bei dir bin“, fügte sie hinzu. „Du schuldest mir also etwas.“
„Du würdest es nicht verstehen“, sagte er durch zusammengebissene Zähne.
Sie hatte die Highschool im Alter von fünfzehn Jahren abgeschlossen. Mit achtzehn hatte sie ihren Master gehabt. Und während sie auf ihren Doktortitel zuarbeitete, hatte sie sich einem streng geheimen Institut der Regierung angeschlossen, um unerklärliche Fähigkeiten und Phänomene zu erforschen und Wege zu finden, selbst das Unerklärliche zu erklären. Sie hatte nur aufgehört und sich auf Medizin spezialisiert, um zurück nach Hause zu ziehen und ihrer Mutter zu helfen, bei der Brustkrebs diagnostiziert worden war.
„Ich glaube, ich schaffe das“, sagte sie trocken. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und zog so den Stoff des Gewands über ihrer Brust straff.
Sein Blick blieb an ihren Brüsten kleben, und seine Lippen spannten sich über seine Zähne. „Na gut. Reden wir. Nachdem du dich auf mich gesetzt hast.“
Sie blinzelte über seinen sinnlichen Vorschlag, und noch währenddessen reagierte ihr Körper auf ihn und bereitete sich vor, ihn in sich aufzunehmen. „Was … Warum?“
„Du bekommst, was du willst, und ich bekomme, was ich will.“
„Erpressung?“, ahmte sie ihn nach, nicht halb so selbstsicher, wie sie klang. Das Blut rauschte in alarmierender Geschwindigkeit durch ihre Adern.
„Ja.“
Verlockend. So verlockend. Und wahrscheinlich sollte es sie einschüchtern. „Ich gebe aber nicht nach.“ Einer von ihnen musste versuchen, professionell zu bleiben.
„Bist du feucht?“
Der Atem stockte ihr in der Kehle. Offensichtlich würde Nicolai nicht derjenige sein, der professionell blieb. Und im Ernst, was war das bitte für eine Frage? „Ich … ich kenne dich nicht einmal, natürlich bin ich nicht … ich kann gar nicht … was du gesagt hast.“
„Jane. Ich habe gesehen, wie du mich angestarrt hast. Du kannst. Also. Bist du feucht?“
„Ja“, flüsterte sie und wurde rot. Das hatte sie heute schon oft getan. Offensichtlich würde auch sie nicht professionell bleiben.
„Ich bin hart wegen dir.“
Ich weiß. Und wie ich das weiß. „Das ist egal.“ Oh Gott, es war nicht egal. Sie wollte sich mit dieser Härte bekannt machen, wie es sich gehörte. Also mit einem schönen festen Händedruck. „Ich meine, äh, hast du vor, mir so wehzutun, wie du der echten Odette wehgetan hast?“
Einen Herzschlag lang Schweigen. „Odette habe ich gehasst. Jane begehre ich.“
So süße, verlockende Worte, noch wirksamer, weil sie ihm nicht vorwerfen konnte, nur das zu begehren, was ihm zur Verfügung stand. Auch Laila hatte ihn gewollt, aber er begehrte die Prinzessin überhaupt nicht. Logischerweise musste Jane also annehmen, dass er sich so zu ihr hingezogen fühlte wie sie zu ihm. Ja, sicher, logisch. Und nicht nur, weil sie zitterte und verzweifelt wollte, dass es stimmte.
Er versuchte vielleicht einfach nur, sie weichzukochen.
Oh, toll. Jetzt kam ihr so ein Gedanke, von dieser hässlichen Stimme tief in ihr. Einer Stimme, die nicht wollte, dass sie je glücklich war. Einer Stimme, die meinte, sie hatte es nicht verdient, glücklich zu sein. Sie stritt sich schon seit Monaten mit ihr und gewann langsam immer mehr dieser Kämpfe. Heute vielleicht nicht.
„Wenn ich dir wehtäte, würdest du mir nicht helfen“, sagte er mit seidiger Stimme. „Ich will, dass du mir hilfst, und ich bin nicht dumm.“
Nein, er war sexy. „Du bist gewalttätig. Ich weiß es.“ „Ja.“
Seine Ehrlichkeit entwaffnete ihr Argument, ehe sie es aussprechen konnte.
„Hast du Angst vor mir, Jane?“
„Vielleicht. Was, wenn du mich beißt? Oder dieses Zeichnen machst?“
„Es wird dir gefallen, das Beißen und das Zeichnen, aber ich werde beides nicht tun, solange du mich nicht anflehst. Darauf gebe ich dir mein Wort. Und jetzt setz dich auf mich“, wiederholte er. „Ich kann dir auch Lust bereiten. Geben und nehmen. Das werden wir jetzt tun. Wir werden einander Lust geben und nehmen, während wir uns unterhalten.“
Anflehen … Du lieber Himmel, dazu könnte es wirklich kommen. Denn tief in sich, im Herzen ihrer Weiblichkeit, wollte sie bei ihm sein. Als wäre sie für ihn geboren worden, und nur für ihn allein. Oder verzaubert. Aber selbst der Gedanke, dass er sie vielleicht mit einem Zauber belegt hatte, konnte ihr Verlangen nach diesem Mann nicht dämpfen. Dieses Verlangen war ihr aus irgendeinem Grund ebenso vertraut wie sein Duft.
„Ich ziehe mein Gewand nicht aus. Meine Unterwäsche auch nicht. Wir haben uns gerade erst kennengelernt. Das wäre, äh, billig.“ Idiotin. „Ich vertraue darauf, dass du dein Wort hältst. Und ich tue das nur, um Antworten zu bekommen“, log sie.
„Ist mir egal. Ich will dich fühlen.“
Langsam und unsicher kletterte sie auf ihn, ein Bein auf jeder Seite seiner Hüften. Ihr Gewand schob sich hoch, bis ihre Oberschenkel nackt waren. Genauso langsam senkte sie ihren Körper ab, bis sie sich an seiner Härte rieb. Sie keuchte, als sie sich berührten. Er stöhnte.
Das war so viel besser als in ihrer Fantasie. Er war heiß, so heiß. Hart, so hart.
„Rede“, sagte sie und breitete ihre Handflächen auf seiner Brust aus. Ehe sie das Gegenteil von dem tat, was sie gesagt hatte, und sich den Slip auszog.
Er bäumte sich auf und presste sich fester an sie. Sie stöhnten gemeinsam, und sein Herz schlug ebenso unregelmäßig wie ihres. Das gefiel ihr.
Ein Augenblick verstrich. „Du hast gesagt, du magst Rätsel“, bemerkte er heiser. Sein Blick richtete sich auf ihren Hals.
Ihr Puls flatterte, als würde er sich freuen, von ihm bemerkt zu werden. „Ja.“
„Wir passen sehr gut zusammen, findest du nicht?“
„Ja.“ Liebe Güte. Wie dämlich sie klang. Ja dies, ja das. Es war nur so, dass er ihre Schaltkreise durchgebrannt hatte. Sie saß tatsächlich rittlings auf ihm. Und sie sehnte sich. Sie sehnte sich wie ein Drogensüchtiger nach dem nächsten Schuss. Warum sonst hätte sie sich einem Vampir an den Hals werfen sollen?
Er wartete. Als sie nicht mehr sagte, hob er noch einmal die Hüften. „Was willst du wissen, Jane?“
Sie rieb sich an ihm. Aus Versehen, redete sie sich ein, und nur das eine Mal, aber es reichte aus, um sie zum Schwitzen zu bringen. „Ich will … mehr über … dich wissen. Warum hast du ausgerechnet mich herbeigerufen, um dich zu befreien?“ Da. Sie hatte ihre Stimme wiedergefunden und hechelte auch nicht, als würde sie einen Berg besteigen. Oder einen gut bestückten Mann.
„Das hast du nicht gesagt“, fuhr sie fort. „Sehe ich wie Prinzessin Odette aus oder so?“ Wenn dem so war, gaben Odette und Laila ein seltsames Paar ab. Die blonde Riesin neben dem brünetten Zwerg. Neidisch? „Ich meine, du hast gesagt, für alle anderen sehe ich aus wie ihre Prinzessin.“ Sie rieb sich noch einmal an ihm, fester diesmal, aber auch langsamer, ganz langsam, und dieses Mal konnte sie es unmöglich ein Versehen nennen. Sie brauchte es. „Aber als ich mich im Spiegel angesehen habe, war da nur, na ja, ich selbst.“
Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, während er sich ihr entgegenstreckte und sich mit ihr bewegte. „Du siehst ihr überhaupt nicht ähnlich. Ja, mach weiter so.“
„Und wie funktioniert dein Zauber dann?“ Seine Spitze stieß gegen ihre empfindlichste Stelle, und Jane stöhnte. „Warum glauben alle, ich wäre sie?“
„Als ich dich beschworen habe, habe ich meine Fähigkeit, Illusionen zu erschaffen, auf dich angewendet und Odettes Bild über deines gelegt.“ Seine Ketten rasselten, als er versuchte, die Arme zu senken. Als er merkte, dass es ihm nicht gelang, verzog er verärgert das Gesicht. „Für alle, die dich sehen, mit Ausnahme von mir, siehst du aus wie sie, und du klingst wie sie. Aber, bei allen Göttern, du riechst einfach himmlisch.“
„Du auch.“ Er hatte von Fähigkeiten gesprochen, die er besaß. So unglaublich heiß … äh, interessant. Während ihrer Ausbildung war es nie so eine herrliche Qual gewesen, Antworten zu bekommen. „Kannst du die Illusion von mir nehmen?“
Das Leder seines Lendenschurzes fühlte sich zwischen ihren Beinen weich an, ein starker Kontrast zu seiner Härte, der eine Spannung erzeugte, die ihr den Atem nahm. Ihr Herz hämmerte so kräftig, dass sie fast Angst hatte, ihre Knochen würden brechen.
Sie musste langsamer machen, sonst explodierte sie, ehe das Gespräch vorüber war.
„Nein, das kann ich nicht. Nicht solange wir zusammen sind. Meine Macht … Sie haben mir etwas angetan. Meine Fähigkeiten irgendwie gebunden, so wie sie meinen Körper gefesselt haben.“ Er befeuchtete sich die Lippen, entblößte dabei seine Fangzähne und verbarg sie gleich wieder. So scharf, so tödlich. „Gefällt dir das, Jane? Bin ich gut?“
So sehr, dass es ihr Angst machte. „Ja.“
„Beug dich vor. Küss mich!“
Wieder der Drang, zu gehorchen … Stattdessen hörte sie auf, sich zu bewegen. Ja. Sie wollte ihn küssen. Aber sie wusste, auch wenn sie sich vorbeugte, wenn sie ihm den Atem aus den Lungen küsste, wie sie es wollte, dann würden sie Sex haben. Es ging nicht anders. Man sah doch, wie kurz sie davor war, ihn anzuflehen!
Sie konnte nicht mit ihm schlafen. Sie waren Fremde. Schlimmer noch, er war ein Vampir, ein Bluttrinker, und sie hatte an seiner Art Forschungen betrieben. Oh Gott. Das tötete die beste Stimmung. Wenn er es je herausfand, war die Stimmung nicht das Einzige, was sterben musste.
Sie vergewisserte sich, dass er es bestimmt nie herausfinden würde, ehe sie in Panik verfiel. Sie selbst hatte nicht vor, es ihm zu verraten, und wer wusste schon sonst davon? Niemand. Auch wenn er sich fragen könnte, warum sie mehr über seinen Körper wusste, als sie sollte. Zum Beispiel, dass er am Leben war, nicht tot, und seine Organe so angeordnet waren wie bei einem Menschen.
Außerdem würde sie irgendwann nach Hause zurückkehren. Das hoffte sie jedenfalls. Mehr noch, sie waren in Gefahr und unter Zeitdruck. Sie brauchte Antworten von ihm, keinen Sex. Keine Küsse.
Zögernd kroch sie von ihm herunter und stellte sich neben das Bett. Ihr gaben die Knie fast nach. Unglaublich, dass sie das Gleichgewicht halten konnte, denn ihre Muskeln schienen so weich zu sein.
„Jane?“
Sie durfte ihn nicht ansehen. Sie würde nicht nachgeben. Er war einfach so verdammt schön und sein Blick so hungrig. Nach ihr. „Unscheinbare Jane“ hatten die Kinder in der Schule sie genannt. Sie war jetzt schon versucht, sich wieder auf ihn zu werfen und sich bis zur Ekstase an ihm zu reiben. Sein Duft hing an ihr. Sandelholz. Köstlich. Jedes Mal, wenn sie einatmete, roch sie ihn, und ihre Entschlusskraft schwand.
„Kann jemand anders die Illusion nehmen?“, fragte sie und wendete ihm dabei nur ihr Profil zu. „Während wir zusammen sind?“
„Warum hast du mich verlassen?“
„Ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich habe nur …“
„An mich gedacht. Und an Sex.“
Ihre Wangen wurden warm, als sie nickte.
Er knurrte leise. „Wenn du schon nicht willst, dass ich dir Lust bereite, setz dich wenigstens neben mich. Ich möchte lieber nur einen Teil von dir als überhaupt nichts.“
Sagte die Spinne zu der Fliege. Er war anscheinend ein geborener Verführer. Nicolai wusste genau, wie man lockte und verlockte. Obwohl sie es besser wusste, setzte sie sich hin. Ihre Finger strichen über seine Rippen, und seine Hitze brachte sie erneut am ganzen Körper zum Zittern.
„Die Antwort auf deine Frage lautet Ja“, sagte er noch grollender. „Wenn jemand größere Macht besitzt als ich, kann meine Illusion gebrochen werden. Aber wandere nicht umher und frag nach so jemandem. Du willst nicht, dass die Hexen hier erfahren, was ich mit dir getan habe.“
Sie wartete gespannt und stumm darauf, dass er fortfuhr. Er tat es nicht. Endlich stieß sie hervor: „Dabei kannst du es doch nicht belassen. Was, wenn sie die Wahrheit herausfinden?“
Es folgte nur weiteres Schweigen.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Was, wenn deine Magie versagt, während ich hier bin?“ Wieder wartete sie. Er beeilte sich nicht, ihr zu versichern, dass alles gut werden würde. Immer noch kein Grund zur Panik. Noch nicht.
„Füttere mich“, sagte er, und seine Fangzähne sprangen dabei über seine Unterlippe, „und ich werde kräftiger. Niemand wird dann mächtiger sein als ich.“ Am Ende wurden seine Worte undeutlich.
Eine Hälfte von ihr bebte vor Lust, die andere schauderte vor Angst. Die Vampire in ihrem Labor hatten sich von Plasmaspenden ernährt. Sie war noch nie gebissen worden. Sie hatte noch nie den Wunsch verspürt, sich beißen zu lassen. Bis jetzt. Wenn jemand dafür sorgen konnte, dass sie so etwas genoss, dann dieser Mann.
„Ich denke darüber nach. Und jetzt noch mal auf Anfang. Wenn du jeden wie die Prinzessin aussehen lassen kannst, warum hast du dann ausgerechnet mich beschworen?“ Warum hatte er ausgerechnet sie in Gefahr gebracht? Es war nicht so, als würde er sie wollen, und nur sie allein. Sie erinnerte sich an die Verachtung in seinem Blick, als er erfahren hatte, dass sie bloß ein Mensch war, erinnerte sich an seine Überraschung. „Das habe ich schon einmal gefragt, und du hast nicht geantwortet.“
Er beugte sich vor und zwang ihre Finger fest an seine Haut. Ein stummer Befehl – ein unnachgiebiger Befehl –, ihn zu berühren. „Ich habe nicht speziell dich beschworen.“
Das war ihr schon klar gewesen, nachdem sie die Frage gestellt hatte, aber es von ihm bestätigt zu hören deprimierte sie. Sie musste mit ihm auf Augenhöhe bleiben, doch selbst in Ketten war er ihr weit voraus.
„Wen wolltest du dann beschwören?“, fragte sie und malte neben seinem Bauchnabel ein X. Sie blinzelte. Seinem Nabel? Verdammt! Ihre Willenskraft konnte man vergessen. Sie hatte sich befohlen, ihn nicht anzufassen, also war natürlich das Erste, was sie tat, seinen Bauchnabel für sich zu beanspruchen.
„Jane?“
Seine tiefe Stimme erschreckte sie, und sie richtete sich kerzengerade auf. Einen Augenblick später sah sie Nicolai in die Augen. Ein Fehler. Augen wie flüssiges Silber, lodernd vor Leidenschaft. Eine träge Miene, hinter der sich ein Meer aus Verlangen verbarg.
„Ja?“ Gefahr, Jane Parker, Gefahr.
„Du hörst mir nicht richtig zu, obwohl wir dieses Gespräch nur führen, weil du es willst. Wir könnten …“
„Es tut mir leid“, sagte sie, ehe er fertig sprechen konnte. Es gab keinen Grund, herauszufinden, ob seine Idee, was sie stattdessen tun könnten, mit ihren Wünschen übereinstimmte, aber jede Menge Gründe, die dagegensprachen. Sie setzte sich auf ihre Hände, um sie mit ihrem Gewicht festzuhalten. Hoffentlich. „Ab jetzt passe ich auf.“
Er fuhr mit der Zunge über seine Fangzähne, und sie konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie er mit der Zunge zwischen ihre Beine fuhr. „Ich habe die Person beschworen, die mich retten kann.“
Oh, lieber Gott. Ihre Knochen schienen zu schmelzen. Ein zweites Mal auf ihn zu klettern ist vielleicht keine so schlechte Idee, überlegte sie. Dann konnte sie ihn besser hören. Ja, ja, weil sie Probleme damit hatte, ihn zu hören, und … Verdammt noch mal, dachte sie wieder. Du weißt doch, dass du ihn nicht einmal ansehen darfst!
Sie räusperte sich. „Dann befreie ich dich also, und danach?“ Gut. Das war die richtige Richtung.
„Ich bin … nicht sicher.“
Wahrheit oder Lüge? Das Zögern … „Komme ich wieder nach Hause?“
„Ich habe doch gesagt, ich weiß es nicht. Wartet ein Mann auf dich?“, fragte er durch zusammengebissene Zähne.
„Nein. Sonst hätte ich dich nicht geritten. Treue ist wichtig.“ Sie hatte nichts und niemanden, bis auf die Routine, an die sie sich gewöhnt hatte. Sechs Uhr dreißig aufwachen, fünf Meilen joggen. Duschen, anziehen, Frühstück machen. Ein paar Stunden lesen, meistens etwas über Mikropartikel, manchmal einen Liebesroman, danach Mittagessen. Noch ein paar Stunden lesen, online alles einkaufen, was sie brauchte, und auf dem Laufband laufen, um die Knoten in ihren Muskeln zu lösen. Baden, Abendessen. Fernsehen und dann schlafen. Aufregend.
Sie musste nicht arbeiten, denn zum einen hatte sie durch ihre Forschung so viel Geld verdient, dass sie unmöglich alles ausgeben konnte, und zum Zweiten hatte sie nach dem Autounfall so viel Schmerzensgeld bekommen, dass sie unmöglich alles ausgeben konnte. Das Problem war, dass sie sich nach etwas sehnte, das man mit Geld nicht kaufen konnte. Ihre Familie. Eine zweite Chance.
„Aber ich bin dort nicht in Gefahr“, fügte sie leise hinzu. „Also, sag mir: Was machst du, wenn ich dich befreit habe?“
Seine Gesichtszüge zeigten vollkommene Entschlossenheit. „Meine Folterknechte umbringen.“ Flach, kalt. Ein Schwur. „Danach reise ich nach Elden.“
Dass er jemanden umbringen wollte, sollte sie nicht in Fahrt bringen, aber das tat es. Und wie. Diese Wildheit … Er würde beschützen, was ihm gehörte, und um das kämpfen, was er wollte. Immer. Jeder, der ihm oder den Personen, die er liebte, etwas antat, musste leiden. Und bei ihm musste eine Frau sich nie mehr Sorgen machen. Außer um ihre Slips. Die dürften ein paarmal in Fetzen gehen.
„Wenn ich die Heilerin rufe und sie ihren Teil tut, und ich dich dann gehen lasse, nimmst du mich mit?“
Sie würde nicht hierbleiben, so viel war klar. Nicolai hatte vielleicht vor, alle umzubringen, aber er war nur ein einzelner Mann. Oder Vampir, egal. Es würde Überlebende geben. Überlebende, die darauf aus waren, die Person zu bestrafen, die den großen bösen Vampir auf sie losgelassen hatte.
Und je länger sie in diesem Palast blieb, desto mehr begab sie sich in Gefahr, hatte er gesagt. Sie konnte sich aber auch nicht allein auf die Flucht begeben. Sie wusste nichts über dieses Land. Dieses magische Land, wo Zauber ausgesprochen werden konnten, Erinnerungen gelöscht und mächtige Vampire versklavt.
Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann entspannte er sich und ließ seinen Körper in die Matratze sinken. Seine Miene wurde weicher, und er sah sie voll lodernder Hitze an. „Was würdest du denn tun, um bei mir zu bleiben?“, fragte er, und seine Stimme war wie Rauch, der sie umspielte und versuchte, sie wieder in seinen Bann zu ziehen.
Ihre Hand juckte danach, sich nach ihm auszustrecken, und der Drang, ihn zu berühren, erwachte erneut. Sie wollte die Beschaffenheit seiner Haut kennenlernen – sie hatte vorher nicht genug darauf geachtet. Sie wollte die Wärme seines Körpers wiederentdecken. Schon streckte sie die Hand nach ihm aus …
Sie sprang auf und wich vor ihm zurück. Neben ihm zu sitzen war ein Fehler gewesen. Sie konnte sich nicht konzentrieren, und sie konnte ihre blöden Hände nicht bei sich behalten.
„Jane“, sagte er genervt.
„Was?“
Er kniff die Augen zusammen, und die goldenen Flecken darin leuchteten durch das Silber. „Vergiss es. Habe ich deine Fragen beantwortet?“
„Ja. Warte, nein, ich …“
„Zu spät. Du hast Ja gesagt. Die Meinung ändern gilt nicht. Jetzt ruf die Heilerin.“ Er hob den Arm, der ihr am nächsten war, so gut er konnte, und rieb mit der Handschelle gegen den eisernen Bettpfosten. „Und nimm mir die Ketten ab.“
Verdammter Kerl. Er hatte nicht versprochen, sie mitzunehmen. „In Ordnung. Zuerst die Ketten. Dann die Heilerin. Aber du schuldest mir etwas. Und wie. Und trink nicht von mir. Ich habe dich nicht angefleht.“
„Ist gut.“
„Ich vertraue dir. Wenn du dein Wort brichst, werde ich das nie wieder tun. Und wer erst einmal mein Vertrauen verloren hat, kann es nie wieder gewinnen.“ Sie drehte sich um und beugte sich über den Nachttisch, um die obere Schublade aufzuziehen. Tatsächlich lag darin ein langer dünner Schlüssel auf einem Bett aus purpurrotem Samt. „Sieh einer an. So einfach.“
„Odette!“ Scharniere quietschten eine Sekunde, ehe die Schlafzimmertür gegen die Wand prallte.
Jane wirbelte entsetzt herum. Eine kleine fettleibige Frau mit geröteten Wangen kam schwer atmend durch die offene Tür. Sie trug ein marineblaues Kleid mit goldenen Akzenten, das über ihrem runden Leib viel zu eng saß. Sie hatte pechschwarzes Haar, das von grauen Strähnen durchzogen und mit viel Öl streng an den Kopf gekämmt war.
Die Stadt ohne Zeit verlangte ihre Opfer.
„Du wagst es, dich mir zu widersetzen, Mädchen?“
Die Königin, dachte sie voller Furcht und mit einem Anflug von Panik. Ihre „Mutter“. Die mit der Peitsche. Vergiss nicht, du sollst Odette sein.
Angst pumpte in alarmierender Geschwindigkeit durch Janes Adern und gesellte sich zu Furcht und Panik. Gefahr, Gefahr, rief ihr Verstand, und es war nicht die köstliche Art, die Nicolai zu bieten hatte. Wenn es in dieser Welt auch nur ansatzweise so zuging wie in der eigenen, dann hatte diese Frau, diese Königin, die absolute Macht über alles und jeden in ihrem Königreich. Auch über Jane.
„Es … es tut mir leid.“ Janes Blick fiel auf Nicolai. Seine Miene war leer, seine Gesichtszüge vollkommen glatt. Und doch konnte er die Spannung in seinem Bizeps und seinem Bauch nicht verbergen. Er vibrierte fast. So unauffällig wie möglich warf sie ihm den Schlüssel zu. „Ich wollte Euch nicht verärgern, M… Mutter. Meine Königin.“
„Und doch hast du es getan. Du, meine Thronerbin, zu der mein Volk als Vorbild aufsehen sollte, hast mich wie einen Trottel dastehen lassen.“ Wenigstens war ihr der Schlüssel nicht aufgefallen. „Statt zu deiner dich liebenden Mutter zu kommen, hast du lieber einen Sklaven aufgesucht.“ Während die Königin sprach, kamen zwei Wachen hinter ihr in den Raum.
Jane erkannte sie nicht, sie waren größer und sahen gemeiner aus als die anderen.
„Jetzt sollst du bestraft werden.“
Die Männer kamen weiter auf sie zu.
„Aber … ich … Das könnt ihr nicht machen! Aufhören. Wagt es nicht, mich anzufassen. Loslassen!“
Nicolai entfuhr ein Knurren. Eines, das Schmerzen versprach. Jede Menge Schmerzen. Niemand außer Jane schien es zu bemerken. Die Wachen packten sie an den Armen und fingen an, sie aus dem Schlafzimmer zu zerren.
„Mein“, fuhr Nicolai sie an. „Nicht anfassen.“
Wieder wurde er ignoriert.
„Aufhören! Loslassen!“ Sie wehrte sich, trat um sich und brüllte, aber die Männer lockerten ihren Griff nicht.
Hinter sich hörte sie, wie Nicolai an seinen Ketten riss. „Mein!“
„Ich kann tun, was ich will“, sagte die Königin, so herablassend, dass Jane sie ohrfeigen wollte. „Vielleicht hast du das nach deiner kleinen Beule am Kopf vergessen. Aber keine Sorge, mein Schatz. Ich werde dich daran erinnern – und dafür sorgen, dass du es nie wieder vergisst.“