14. KAPITEL
Nicolai zerrte Jane durch den Wald. Zweige peitschten gegen sein Gesicht. Sie humpelte wieder, und er wollte sie tragen, aber Lailas Wachen mussten seine Spur aufgenommen haben, denn das Echo ihrer Schritte wurde lauter, und die Magie in der Nachtluft war immer stärker zu spüren.
Sie kamen näher.
Er hätte sich nur kraft eines einzigen Gedankens von einem Ort zum nächsten bewegen können. Von hier zurück in das verfallene, widernatürliche Königreich Elden. Sein Herz zog sich in seiner Brust zusammen, und er knirschte mit den Zähnen. Jetzt war nicht der richtige Moment, an seine Heimat zu denken. Oder an den Zustand seiner Heimat. Oder an seine Eltern und den Magier, den er bald vernichten würde.
Was, wenn er verschwand, Jane aber nicht mit ihm kam? Dann wäre sie allein in dieser unfreundlichen Umgebung, vom Feind umzingelt.
Verdammt noch mal. Er musste etwas unternehmen. Es war ihm gelungen, die Flut seiner Erinnerungen aufzuhalten, aber sie lauerten immer noch in seinem Verstand und verlangten, freigelassen zu werden. Wenn sie ihn wieder übermannten …
Er konzentrierte sich auf das Wesentliche. Jane und er hatten eine gemeinsame Vergangenheit, von der er immer noch so gut wie nichts wusste. Und sie erinnerte sich überhaupt nicht daran. Er wusste nur, dass er seine Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholen wollte.
Er brauchte das Buch, das sich immer noch in Delfina befand. Musste noch mehr hineinschreiben. Für den Fall, dass sie ihn verließ. Bei den Göttern. Ja, er setzte voraus, dass sie ihn lieben und damit verlassen würde. Er musste vom Schlimmsten ausgehen. Vielleicht, nur vielleicht, konnte er sie mit einem neuen Zauber zurückbringen.
Elden war nicht vom Schlimmsten ausgegangen, hatte sich nicht auf eine Niederlage eingestellt, und man sah ja, was geschehen war.
„Nicolai“, keuchte Jane. „Ich jogge zwar viel, aber das hier ist Extrem-Jogging in der Dschungel-Ausgabe, und ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Können wir eine Pause machen?“
Er hörte sie. Aus der Ferne. Versuchte sich auf sie zu konzentrieren, aber die Dunkelheit brach wieder über ihn herein, und noch eine Erinnerung erfüllte seine Gedanken.
Sein ganzes Leben lang hatte er die Kräfte und die Magie anderer in sich aufgenommen. Was sie tun konnten, konnte danach auch er tun. So war es ihm gelungen, im Palast eine Schutzmauer zu errichten. Die Königin der Herzen hatte es getan, deswegen hatte auch er es tun können. Und deshalb hatte Laila jedem verboten, in seiner Gegenwart Magie auszuüben.
Manche Fähigkeiten hielten Tage oder Wochen an, andere ein ganzes Leben.
Das wusste er bereits, also versuchte er, diese Erinnerungen zur Seite zu schieben. Er hoffte auf andere hilfreiche Erinnerungen. Etwas Neues.
„Nicolai. Bitte.“
Er konnte sich nicht auf Jane konzentrieren. Weitere Details breiteten sich vor ihm aus. Seine Fähigkeit, Illusionen zu erschaffen und mit nur einem Gedanken von einem Ort zum anderen zu wechseln, hatte er von einer Hexe. Einer Geliebten, die versucht hatte, ihn im Schlaf umzubringen. Sie hatte seine Braut werden wollen, er hatte nur den Sex gewollt. Sie hatte es mit verschiedenen Verkleidungen bei ihm versucht und ihn damit amüsiert.
Er hatte ihr nie gesagt, dass er jedes Mal gewusst hatte, wer sie war, und sie immer, wenn sie in seine Nähe kam, an ihrem Duft erkannt hatte. Er hatte sie weiter zu sich kommen lassen und ihr jedes Mal genau gesagt, was er von ihr wollte. Trotzdem hatte sie es weiter versucht, hatte geglaubt, seine Meinung ändern zu können. Als ihr schließlich klar geworden war, dass ihr das nicht gelingen konnte, egal wie sie sich präsentierte, hatte sie angegriffen.
Gerade hatte Nicolai seine Jane noch durch den Wald geführt, da fand er sich plötzlich in einem Schlafzimmer wieder. Seinem Schlafzimmer, wie er annahm. Das Schlafzimmer aus seiner Erinnerung, in dem er der mordlüsternen Hexe begegnet war. Er bemerkte die Veränderung nicht schnell genug und prallte gegen eine Wand, stolperte zurück. Mit einem Fluch auf den Lippen fiel er zu Boden.
Jane war nirgends zu sehen.
Nicolai richtete sich auf, und sein Blut begann zu kochen. Er würde in den Wald zurückkehren, jetzt, jetzt, verdammt, auf der Stelle, und wenn irgendwer Jane anfasste …
Er blieb im Schlafzimmer.
Mit gebleckten Fangzähnen wirbelte er herum und suchte nach einem Ausweg. Die Wände waren mit Blut befleckt, an allen vier sah er dunkelrote Spritzer. Den Boden verunstalteten tiefe Furchen, immer vier nebeneinander, als hätte man vier Schwerter gleichzeitig über den Boden geschleift.
Die riesigen, behaarten Kreaturen, ihre Beine – vier auf jeder Seite –, scharf und tödlich. Sie waren hier gewesen. Sie hatten nach ihm gesucht.
Nicolai hatte bei einer Frau gelegen, einem Dienstmädchen. Seine Tür war aufgestoßen worden, und er hatte Schreie gehört, die aus der großen Halle unter ihnen gekommen waren. Er hätte sie schon früher hören müssen, aber auch seine Geliebte hatte geschrien und ihn damit abgelenkt.
Nicolai hatte nach den Dolchen auf seinem Nachttisch gegriffen, um gegen die Monster zu kämpfen, hatte sich um seine Familie kümmern wollen, aber er war … verschwunden, war in ein wirbelndes schwarzes Loch gefallen.
Waren seine Geschwister mit seinen Eltern gestorben? Oder in das gleiche Loch gefallen? Er erinnerte sich, dass um ihn herum Flüche ertönt waren.
Sein Atem stockte. Er hatte sich daran nicht erinnern wollen, noch nicht, aber … war er sicher, dass seine Eltern tot waren? Gab es daran nicht den geringsten Zweifel mehr?
Er musste nicht einmal darüber nachdenken. Ja. Er war sicher. Sie waren tot. Das Wissen schien geradezu aus dem Schimmel zu quellen, der die Wände um ihn herum bedeckte. Er hatte sie nicht sterben sehen, aber er hatte gespürt, wie ihre Lebenskraft versiegt war. Sie waren nicht mehr.
Bei den Göttern. Und seine Geschwister?
Nein, nicht tot. Jetzt, wo er wusste, wonach er suchen musste, konnte er ihre Energie in sich spüren, aber diese Energie war … verändert. Waren auch sie irgendwo gefangen und konnten sich nicht befreien? Wahrscheinlich. Sonst hätte Dayn längst den Blutmagier vernichtet und den Palast zurückerobert.
Dayn und seine Fähigkeit, alles und jeden zu jagen. Micah mit dem niedlichen Kindergesicht wäre lachend die Korridore entlanggerannt. Breena hätte mit Magie experimentiert und ihre Zauber durcheinandergebracht.
Bei diesen Gedanken wollte er sich auf die Knie fallen lassen, in den Himmel brüllen, fluchen, toben, gegen alles und jeden kämpfen. Wie sollte er sie finden? Sie befreien?
Jetzt wurde ihm auch klar, dass es Dayns Stimme gewesen war, die er in seinen Träumen gehört hatte. Sein Bruder hatte ihn gerufen und ihm befohlen, gesund zu werden. Sie waren durch ihr Blut miteinander verbunden, eine Bindung, die nie zerstört werden konnte. Sie konnten wieder miteinander reden.
Wo bist du, mein Bruder?
Ein Augenblick verging. Keine Antwort. Nun gut. Er würde es später noch einmal versuchen.
Das Gefühl der Dringlichkeit war wieder in ihm entfacht, und Nicolai sah nach seinen Dolchen. Sie waren verschwunden, genau wie seine Kleider und die restlichen Waffen. Das ganze Zimmer war leer.
Er knirschte mit den Zähnen und stellte sich den Rest des Schlosses vor, was ihm überraschend leichtfiel. Es war ein sehr hohes Gebäude, mit mehr Zimmern, als er zählen konnte, gewundenen Korridoren und Geheimgängen. Er transportierte sich in jedes Schlafzimmer und jede Zelle im Kerker. Er sah Menschen dort, die er nicht erkannte, mehr Blutflecken und mehr Monster, die an den Toren Wache standen. Ihn übermannte die Wut. Der Drang, den neuen König, den Blutzauberer, zu vernichten, verstärkte sich. Aber seine Familie war nicht hier und der Zauberer auch nicht.
Er würde zurückkehren. Bald. Im Augenblick musste er Jane beschützen. Eine Aufgabe, die seine ganze Zeit in Anspruch nahm, wie ihm langsam klar wurde. Eine Aufgabe, die er gerne erledigte und nie eintauschen wollte.
Nach einem letzten Blick auf das Schloss, das er einst geliebt hatte, schloss er die Augen und stellte sich den Wald vor, die Stelle, an der er Jane zuletzt gesehen hatte. Eine Sekunde später war er dort – mit jedem Mal fiel es ihm leichter –, fand aber keine Spur mehr von seiner Frau. Auch kein Anzeichen von Laila und ihrer Armee.
Er atmete tief ein … schnüffelte … Dort! Er witterte Janes süßen Duft, der mit dem ekelhaften Aroma von Laila und ihren Männern vermischt war. Sie folgten ihr.
Er jagte ihnen nach.
Jane hörte Stimmen, noch ehe sie die Stadt entdeckte, und stolperte fast vor Erleichterung. Sie lief noch schneller, und endlich, endlich erreichte sie die Zivilisation. Die Sonne ging gerade auf und warf violettes Licht auf die Leute, die eben ihren Tag begannen. Sie wärmte Jane, brannte sogar. Ihre Haut juckte, kribbelte, als krabbelten Käfer durch ihre Adern.
Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, was das zu bedeuten hatte.
Irgendwer – Menschen? – ging die gepflasterten Straßen entlang. Einige von ihnen trugen geflochtene Körbe, in denen sich Kleidung stapelte, andere hatten Taschen voller – sie nahm den Duft wahr, stöhnte – Brot und Fleisch. Ihr Magen knurrte, und ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Sie fühlte sich schwindelig, hatte etwas zu wenig Blut in den Adern. Sie musste sich einfach stärken.
Jane blieb neben einem Baum stehen, beobachtete und dachte nach. Sie hatte zwei Möglichkeiten. Sie konnte weitergehen, sich alleine durchschlagen und riskieren, von Laila gefunden zu werden. Oder sie betrat die Stadt, aß etwas und riskierte es, von Laila gefunden zu werden. Wenigstens gab es bei der zweiten Möglichkeit etwas zu essen. Na dann. Keine Frage.
Das Problem war nur, dass sie immer noch wie Odette aussah. Wenn diese Leute sie erkannten, würde die Nachricht sich verbreiten, und man würde sie viel schneller finden. Andererseits, Laila würde ihr wohl kaum wehtun, und Nicolai war nicht mehr bei ihr. Er war außer Gefahr – glaubte sie zumindest –, und das war gut.
Er war innerhalb eines Herzschlags verschwunden und hatte sie damit furchtbar erschreckt. Sie hatte sich in der Nähe versteckt und gewartet, eine Ewigkeit, wie es schien, aber er war nicht wieder aufgetaucht, und schließlich war ihr nichts anderes übrig geblieben, als weiterzugehen. Er würde sie finden, egal wo sie war. Das musste sie einfach glauben.
Lailas Armee hatte sie fast entdeckt, als sie ganz dicht an ihrem Versteck vorbeimarschiert war. Aber sie hatten Nicolais Spur verloren und zurückgehen müssen, um sie wiederzufinden. Den Augenblick hatte Jane genutzt, um zu flüchten. Sie hatte ihren protestierenden Körper gezwungen, zu handeln, ehe sie vollkommen zusammenbrach und Laila zurückkehrte und sie hilflos vorfand.
Falls – wenn – man Jane entdeckte, wollte sie gut gestärkt und ausgeruht sein. Also wieder keine Frage. Sie humpelte vorwärts und betrat die Stadt. Sobald die Menschen sie erblickten, ließen sie alles stehen und liegen, starrten sie entsetzt an und knieten nieder.
Jepp. Man erkannte sie. Was zur Hölle hatte Odette ihnen angetan?
Sie näherte sich einer Gruppe, die Essen bei sich trug. „Bitte. Ich habe solchen Hunger. Darf ich …“
„Nehmt, was immer Ihr wollt, Prinzessin.“ Der Mann, der ihr am nächsten stand, streckte ihr seinen Korb entgegen.
„Ich habe kein Geld bei mir, aber ich werde es euch zurückzahlen, das schwöre ich.“ Der Duft von gebratenem Hähnchen stieg ihr in die Nase und versetzte sie direkt in den Himmel. Sie streckte eine zitternde Hand aus, griff in den Korb und bekam eine Schale mit cremigem Inhalt zu fassen. Tropfte ihr Speichel aus dem Mund? Du kannst dich nicht wie ein Tier darüber hermachen. „Wie heißt du?“
„Hammond, Prinzessin.“ Eine Spur Wut lag in seiner rauchigen Stimme.
„Danke für das Essen, Hammond.“
„Alles für Euch, Prinzessin.“ Die Wut wurde zu Hass.
Jane seufzte und sah sich um. „Bitte, steht auf. Ihr alle. Es gibt keinen Grund, sich zu verneigen.“
Mehrere Sekunden verstrichen, ehe man ihr gehorchte, als befürchteten alle, man würde sie angreifen, wenn sie aufgestanden waren, obwohl Jane es ihnen gestattet hatte. Jane wollte einfach davonhumpeln, eine einsame, schattige Ecke finden und sich mit dem Essen den Bauch vollschlagen, aber das konnte sie nicht tun. Man könnte sonst Verdacht schöpfen, dass sie nicht die war, als die sie sich ausgab.
„Ich brauche ein Zimmer“, verkündete sie. „Und Wasser. Und saubere Kleidung. Bitte. Wenn einer von euch mir die richtige Richtung zeigen könnte, wäre ich sehr dankbar.“
Zuerst trat niemand vor. Dann knickste, zurückhaltend, eine Frau mittleren Alters. „Wenn Ihr mir bitte folgen wollt, Prinzessin, kümmere ich mich um Euch.“
„Danke.“
Zehn Minuten später, die ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, war Jane in einem Schlafzimmer, endlich allein. Sie verschlang den Inhalt der Schüssel – eine Art Hähnchensalat –, ehe sie sich in die dampfende Wanne sinken ließ, die die Frau mit einem gemurmelten Zauberspruch gefüllt hatte. Also doch kein Mensch, sondern eine Hexe. Das Wasser beruhigte Janes gereizte Haut und linderte den Juckreiz. Nach dem Bad zog sie das saubere blaue Kleid an, das die Hexe ihr hingelegt hatte.
Jetzt fehlte nur noch Nicolai, dann wäre der Tag perfekt.
Wo war er?
Mit einem müden Seufzen streckte sie sich auf dem Bett aus. Es war hart und durchgelegen, aber trotzdem himmlisch für ihre immer noch schmerzenden Muskeln und Knochen. Wie sollte es jetzt weitergehen? Nicolai war tief im Herzen ein Beschützer. Wild und unerschütterlich. Er hätte sie niemals freiwillig verlassen.
Das bedeutete, dass entweder seine Fähigkeiten – wie auch immer die aussehen mochten – verantwortlich waren oder jemand anderes Magie benutzt hatte, um ihn von ihr zu trennen. Ersteres hielt sie für wahrscheinlicher. So stark, wie Nicolai mittlerweile geworden war, bezweifelte sie, dass man ihn einfach irgendwohin zaubern konnte. Denn wenn das möglich wäre, hätte Laila es schon vor Tagen getan.
Laila. Diese Schlampe war ein Problem. Ein großes. Solange sie da draußen war, würde Nicolai gejagt werden und sich in Gefahr befinden. Jane könnte sich vielleicht stellen und versuchen, die Prinzessin davon zu überzeugen, den „Sklaven“ in Ruhe zu lassen. Aber würde ihr das gelingen? Seit sie selbst eine Kostprobe von diesem Mann bekommen hatte, wusste sie, wie unmöglich es war, ihn zu vergessen.
Laila brauchte ihn wahrscheinlich wie die Luft zum Atmen. Allein der Gedanke ließ rasende Eifersucht in Jane aufsteigen. Sie ignorierte es; das würde ihr jetzt auch nicht helfen. Einige Gründe sprachen dagegen, sich selbst zu stellen. Erstens, Laila konnte zaubern, Jane nicht. Zweitens, Janes wahre Identität wurde vielleicht entdeckt. Und wenn die Königin schon die eigene Tochter auspeitschen ließ, was machte sie dann mit einem Feind, der sich als ihre Tochter ausgegeben hatte? Drittens, was, wenn Nicolai ihr nach Delfina folgte? Er würde vielleicht wieder gefangen genommen und seine Erinnerungen wieder gelöscht werden. Sein Körper missbraucht.
Sein Körper gehörte Jane. Niemandem sonst.
Sie drehte sich auf die Seite, presste das Kissen auf ihren Bauch und erinnerte sich plötzlich an den Tag, an dem sie Nicolais Buch erhalten hatte. Sie hatte einige Abschnitte gelesen und noch Stunden später an ihn gedacht. Sie war im Grunde besessen von ihm. Nachdem sie weitergelesen hatte, hatte sie sogar von einer Liebesnacht mit ihm fantasiert. Dann war sie auf einmal bei ihm gewesen.
Vielleicht konnte sie ihn wieder erreichen.
Sie schloss die Augen und stellte ihn sich in ihrer Hütte vor, wie er herumschlenderte, Dinge reparierte und sie dann ins Bett lockte. Dort würde er sie sinnlich berühren und ausziehen. Sie küssen, sie kosten. Sie verschlingen. Sie bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut. Sie konnte fast seinen warmen Atem spüren, seine glatte Haut.
„Nicolai“, hauchte sie.
Jane.
Seine Stimme, so tief, so vertraut. Für einen Augenblick wurde ihr schwindelig, und sie hatte das Gefühl, zu schweben. Dann war wieder die Matratze unter ihr, nur … kalt. Kalt? In weniger als einer Sekunde war die Matratze, die sie mit ihrem Körper angewärmt hatte, so sehr abgekühlt? Unmöglich. Es sei denn … Hoffnung keimte in ihr auf, und sie öffnete die Augen.
Die Hoffnung erstarb. Sie hatte sich nicht zu Nicolai gebracht. Sie war in ihrer Hütte. Im eigenen Bett.
Jane setzte sich mit einem Ruck auf und rang verzweifelt nach Atem. Ihr schnürte sich die Kehle zu. Nein. Sie konnte nicht hier sein. Nein, nein, nein. Sie stand auf und fiel fast hin, so sehr zitterten ihr die Knie. Sie eilte umher, stolperte ein paarmal, nahm einige Gegenstände in die Hand, um zu sehen, ob alles echt war oder ob sie es sich nur einbildete.
Bitte mach, dass ich mir das alles nur einbilde.
Die Gegenstände waren fest und so staubig, als wären sie seit Wochen nicht sauber gemacht worden. Aber echt. Sie schluckte ein Schluchzen herunter.
Nein! Tränen verschleierten ihr die Sicht. Sie wischte mit einem Arm über die Kommode und warf alles auf den Boden. Eine Vase zerbrach. Eine Haarbürste schepperte. Wie zur Hölle war sie hergekommen? Sie hatte zu Nicolai gewollt. Sie musste wieder bei ihm sein, musste zurückkehren. Sie würde zurückkehren.
Sie musste nur noch herausfinden, wie.