7. KAPITEL

Jane verbrachte zwei Tage damit, Vorräte zu sammeln und Waffen zu bauen. Dabei entfernte sie sich nie weit von Nicolai, der noch bewusstlos war, für den Fall, dass er sie brauchte oder sie unerwarteten Besuch bekamen, also waren ihre Vorräte beschränkt. Es war ihr allerdings gelungen, einige essbare Früchte und Nüsse zu finden. Aus kleinen dünnen Zweigen und Pfefferminzblättern hatte sie erstaunlich effektive Zahnbürsten gebastelt, die sie großzügig bei ihm und sich selbst verwendete.

Weil sie in der Nähe eines Flusses waren, fiel es leicht, den Patienten zu baden. Tatsächlich hatte es wohl noch nie zwei sauberere Menschen gegeben, die in der Wildnis gefangen saßen. Nicolai war nicht mehr eingeölt, seine Haut war rosig geschrubbt, und doch duftete er stärker nach Sandelholz als je zuvor. Jedes Mal, wenn sie seinen Duft einatmete, begann ihr Körper zu kribbeln, ihr Blut erhitzte sich, und ihr lief das Wasser im Mund zusammen.

Dazu kam, dass sie beim Waschen ihre Hände über seinen ganzen Körper gleiten lassen musste. Und so schmutzig, wie er gewesen war – hust, hust –, hatte sie ihn oft waschen müssen. Diese Muskeln – so hart, prall gespannt und mit Sehnen verwoben. Diese Spur aus Haaren, die von seinem Nabel hinabführte … verlockte sie immer dazu, ungezogen zu sein.

Und Gott, sie schämte sich immer mehr.

Nicolai begehrte sie vielleicht, aber er brauchte wohl kaum eine weitere Frau, die nach ihm lechzte, während er hilflos dalag. Und erst recht keine grapschende Frau, die ihn ohne Erlaubnis anfasste, und Jane hatte sein Vertrauen bereits bis an die Grenzen strapaziert, indem sie ihn gewaschen hatte (und dann auch noch so oft).

Von jetzt an Hände weg, beschloss sie. Und eines Tages würde sie sich für ihr Verhalten entschuldigen. Vielleicht. Sie war sich nicht sicher, ob das glaubwürdig sein würde. Obwohl sie sich besser zurückhalten sollte – schließlich war er ein Missbrauchsopfer –, gefiel es ihr, ihn anzufassen. Böse Jane. Aber, na ja, ihm schien es auch zu gefallen, von ihr angefasst zu werden. Er warf sich immer herum und beruhigte sich erst, wenn sie in Reichweite war.

Nicolai sprach im Schlaf. Manchmal stellte er Fragen an einen Mann, der seine Hilfe brauchte, manchmal verfluchte er Laila für die schrecklichen Dinge, die sie ihm angetan hatte, und manchmal kämpfte er gegen hässliche Monster und zappelte mit Armen und Beinen. Nach den letzten beiden Vorfällen schwor er immer Rache. Schmerzhafte, langsame Rache.

Ein Schwur, den er jetzt mit Leichtigkeit in die Tat umsetzen konnte. Die Schwellungen in seinen Handgelenken und Fußknöcheln waren abgeklungen, seine Daumen hatten sich wieder eingerenkt, und seine Füße hatten sich vor ihren Augen wieder zusammengefügt. Selbst die Abschürfungen an seiner Haut waren verschwunden. Es war ein erstaunlicher Prozess, den sie da beobachtete.

Die Vampire, die sie erforscht hatte, waren auch schnell geheilt, aber nicht so schnell. Außerdem hatten sie auch nicht so lange am Stück geschlafen. Sie machte sich Sorgen um ihn.

Brauchte er Blut? Er hatte im Palast viel getrunken, und Überfütterung richtete genauso viel Schaden an wie Hunger. Vielleicht noch mehr, denn Überfütterung weckte einen unstillbaren Drang nach mehr, mehr, mehr. Nichts anderes zählte mehr, und Leiche um Leiche säumte den Weg von Vampiren, die es übertrieben hatten.

Sie dürfte so etwas nicht wissen. Sie hatte sich fast verraten, als sie zugegeben hatte, von der Sache mit dem In-Flammen-Aufgehen zu wissen. Und während sie sich selbst dafür hasste, an seinen Artgenossen Experimente durchgeführt zu haben, wünschte sie sich doch, sie hätte noch mehr geforscht, um jetzt mehr zu wissen. Alles, um Nicolai in diesem Augenblick zu helfen.

Jane seufzte. Sie würde ihm noch einen Tag geben. Und was dann? fragte sie sich.

Sie müsste eine Art Trage für ihn bauen und ihn durch den Wald bis zur nächsten Stadt schleifen, dort einen Heiler finden und ihn untersuchen lassen. Wenn es in der Nähe überhaupt eine andere Stadt als Delfina gab.

Das Problem – abgesehen von ihrer geringen Kraft und ihrer mangelnden Ortskenntnis – war ihr Gesicht. Ihre magische Maske. Als Odette konnte sie nicht einfach in der Menge untertauchen, wie die Reaktion der Menschen vor dem Palast bewiesen hatte. Vielleicht würde Laila bald davon erfahren, wohin sie geflohen waren. Jemand könnte versuchen, Nicolai gefangen zu nehmen.

In dem Fall würde Jane die Person töten müssen, und sie war nicht bereit, zum Mörder zu werden.

Ihr entfuhr ein weiterer Seufzer, dieses Mal ein müder. Während ein goldener Mond sich an den samtschwarzen Himmel hängte, legte sie ihre gebastelten Waffen – Zweige, die sie an Steinen geschärft hatte, bis sie zu Dolchen und Speeren geworden waren – neben Nicolai. Dann legte sie sich selbst neben ihn.

Sie hatte vor einer Stunde ihr Gewand gewaschen und es über einen Ast gehängt, der in der Nähe herabhing. Bis auf ihren Slip war sie nackt. Es ging also nicht anders. Sie würde sich keine Selbstvorwürfe machen, weil sie Nicolais Wärme brauchte. Na ja, jedenfalls nicht viele. Die Bäder waren vielleicht überflüssig gewesen, sich an ihn zu schmiegen war es nicht.

Neben ihm zu liegen erweckte in ihr eine Fülle von wundersamen Empfindungen. Frieden, nach so vielen Monaten der Angst und der Trauer. Seelentiefe Zufriedenheit. Hoffnung auf die Zukunft, vor der sie sich bisher stets gefürchtet hatte. Er sollte nicht in der Lage sein, sie so schnell und so heftig zu beeinflussen, selbst mit Magie nicht.

Nachdem sie eine Weile darüber nachgedacht hatte, wurde ihr klar, dass Magie die Gefühle eines Menschen nicht verändern konnte. Er hatte seine Entführer nie an sich herangelassen, und wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, ihn zu zwingen, hätten sie es getan.

Obwohl sie erschöpft war, fiel es ihr schwer, einzuschlafen. Ihr Rücken war verschorft, und der Schorf spannte und platzte bei jeder Bewegung wieder auf. Und ihre Beine – ohne ihr morgendliches Jogging und die Krankengymnastik verkrampften ihre Beine immer öfter, schmerzten und pochten. Sie konnte praktisch spüren, wie ihre Muskeln verkümmerten.

Was gäbe sie nicht für eine Handvoll Schmerzmittel.

Wenigstens musste sie sich nicht vor dem Sonnenaufgang fürchten. In ihrer ersten Nacht hatte sie über ihrem kleinen Lager ein großes Dach aus Blättern gebaut. Nicolai hatte zwar behauptet, nicht in Flammen aufzugehen, sobald ihn ultraviolettes Licht berührte, aber sie wollte es nicht riskieren. Zugegeben, die Sonne hier war trüb und immer von Wolken verhangen und lange nicht so heiß, wie sie es von zu Hause gewöhnt war. Aber während ihrer Forschungen hatte sie gesehen, wie andere Vampire zu Asche verbrannten. Vielleicht war einer von ihnen sein Freund gewesen.

Ihr Magen verkrampfte sich. Darüber wollte sie lieber nicht nachdenken.

Außerdem tarnte das Dach sie auch vor dem Feind und verbarg sie vor neugierigen Blicken. So stolz sie auf ihre Bemühungen auch war, sie waren bisher alle unnötig gewesen. Laila und ihre Männer waren nicht vorbeigekommen.

Höchstwahrscheinlich suchten sie nicht einmal nach dem Flüchtigen, weil die Prinzessin erwartete, dass Nicolai direkt zurück in ihr Bett marschiert kam.

Bett. Auch Jane wollte Nicolai genau dort. Eine weiche Matratze unter ihm, Jane auf ihm, ihre Nägel in seiner Brust vergraben, während sie sich auf ihm bewegte. Ein verlockender Schwall der Erregung ergoss sich in ihr, und sie stöhnte.

Nicolai war direkt neben ihr. Er könnte jeden Augenblick aufwachen und merken, wonach sie sich sehnte. Aber … vielleicht würde ihr ein weiterer Tagtraum helfen. Ihm zuliebe. Schließlich musste es ihn stören, wie sie sich so herumrollte. Und beim letzten Mal war sie sofort eingeschlafen, nachdem sie ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Ja, um Nicolais willen, dachte sie benommen, und ihre Hemmungen bröckelten, als sie sich vorstellte, wie er tief in sie eindrang …

Ein leises Stöhnen weckte Nicolai, und er setzte sich mit einem Ruck auf.

Aus Gewohnheit überprüfte er sofort seine Umgebung. Der Mond stand hoch am Himmel und schien golden, die Sterne waren hell und funkelten ihm zu. Gespenstisch schwarze Bäume wiegten sich in einer Brise, die die schwüle Luft abkühlte. Ein Fluss floss an einem Ufer voller Kieselsteine entlang.

Er runzelte verwirrt die Stirn. Er war eingehüllt in den süßen Duft der Leidenschaft … der verging … und den stechenden Geruch nach Schmerz … der sich verstärkte. Wer war …?

Ein weiteres tiefes weibliches Stöhnen erklang, abgebrochen und scharf. Seine Aufmerksamkeit richtete sich nach links und nach unten. Jane. Jane lag neben ihm. Und bei allen Göttern, sie war fast nackt, wurde lediglich von einem winzigen Fetzen weißen Stoffs zwischen ihren Oberschenkeln verhüllt.

Den sollte er ihr ausziehen. Mit den Zähnen.

Sofort fingen seine Fangzähne an zu schmerzen, wie schon so oft in ihrer Gegenwart. Für einen Augenblick konnte er nichts weiter tun, als ihren Anblick in sich aufnehmen und seinen Blick gierig über sie schweifen lassen. Ihre Brüste waren klein, die Spitzen so rot wie Beeren und prächtig aufgerichtet. Ihr Bauch wölbte sich nach innen, jede einzelne ihrer Rippen war zu sehen.

Sie war offensichtlich lange Zeit hungrig gewesen. Er würde sie füttern, überlegte er, und freute sich bei dem Gedanken daran. Es sollte ihr nie wieder an Nahrung mangeln. Sie würde ihm aus der Hand essen, und nur die besten Leckerbissen. Er sah vor sich, wie sie die Augen schloss, als sie den saftigen Geschmack erlebte, jeden Bissen genoss, vor Wonne stöhnte, wie er erst mit ihr eine Mahlzeit kostete, und dann von ihr …

Während Blut für ihn Quelle der Lebenskraft war, musste er auch essen. Vielleicht weil er nicht ganz und gar Vampir war. Seine Mutter war eine Hexe und …

Seine Mutter war eine Hexe?

Schmerz durchfuhr ihn, und er schlug fast mit der Faust auf den Boden. Nicht schon wieder. Die Frustration nagte an ihm.

Dann entdeckte er die Narben auf Janes Bauch, und sämtliche Gedanken, sie mit erlesenen Fleischstücken zu füttern, waren vergessen, genau wie die Gedanken an seine Familie. Hunger einer anderen Art bemächtigte sich seiner. Er sehnte sich danach, einen Mord zu begehen. Diese Narben … Beim dunklen Abgrund … Er hatte bereits von ihnen gewusst, aber nicht, wie viele es waren und wie tief sie einschnitten.

Vom Nabel abwärts sah es aus, als hätte man sie in Scheiben geschnitten und von einem blinden Schneider zusammensetzen lassen. Breite rote Narben wucherten in jede Richtung, Male eines Schmerzes, den die meisten Menschen wahrscheinlich nie erfahren würden.

Was hatte man ihr angetan, und wie hatte sie es überlebt?

Wer auch immer ihr so wehgetan hatte, musste sterben, genau wie die Wachen, die sie angefasst hatten, gestorben waren.

Sie verdiente es, verwöhnt zu werden. Nicht nur das Essen von seiner Tafel sollte ihr gehören, auch Roben aus schwerem Samt und ein Bett aus weichsten Gänsedaunen. Sie sollte nie mehr arbeiten. Sie sollte sich entspannen, Spaß haben, ihre Tage vielleicht nackt verbringen, ausgestreckt in seinem Schlafzimmer, und ihre Nächte sollten sie schweißgebadet vor Leidenschaft zurücklassen.

Er wollte sich an ihrem Leib und an ihren Adern laben. Jeden Teil von ihr verkosten und zwischen ihren Beinen ein Festgelage abhalten. Sie hart und schnell reiten, sich von ihr langsam und hingebungsvoll reiten lassen. Sie in jeder Position nehmen, die ihm einfallen wollte, und dann vielleicht noch ein paar neue erfinden. Er wurde hart vor Sehnsucht nach ihr.

Sie braucht noch Zeit. Sie muss heilen. Tief einatmen, tief ausatmen. Aber bei allen Göttern, noch mehr von ihrem unglaublichen Duft, und er würde sie anfallen und vielleicht zu viel von ihrem Blut trinken. Sie war wie Morgentau auf den Blättern einer Rose, so schutzlos, und er würde immer auf sie achtgeben müssen.

Zitternd streckte er die Hand aus, um ihr das honigfarbene Haar aus der Stirn zu streichen … Als er seine Hand sah, erstarrte er. Drehte die Handfläche dem Mondlicht zu. Wackelte mit dem Daumen. Geheilt. Er war vollkommen geheilt; er spürte keine Schmerzen mehr.

Wie viel Zeit war vergangen?

Wie lange hatte er Jane schutzlos allein gelassen?

Er sah sich erneut um und war erstaunt über das, was er sah. Es war so viel Zeit vergangen, dass sie eine Hütte hatte bauen können, Waffen schnitzen, ihre Kleider und seinen Körper waschen. Er war der Mann, der Krieger, doch sie hatte sich um ihn gekümmert.

Mein. Würdig, eine Königin zu sein.

Sie hatte ihm gesagt, dass kein Mann auf sie wartete, und darüber war er froh. Gäbe es einen, hätte er ihn umgebracht. Nicht schmerzhaft, nicht solange der Mann ihr nicht wehgetan hatte, aber er hätte dennoch sterben müssen, sobald Nicolai einen Weg in ihre Welt gefunden hatte. Und er hätte ihn gefunden. Niemand außer ihm durfte diese Frau besitzen, zu keiner Zeit und an keinem Ort.

Und was, wenn auf dich jemand wartet? Jemand, den du vergessen hast? Er legte die Stirn in Falten. Der Gedanke gefiel ihm nicht. Treue war wichtig. Das hatte Jane gesagt. Er wusste nicht viel von sich selbst, doch er wusste, auch er glaubte daran.

Aber … er wollte Jane. In diesem Augenblick konnte er sich nicht einmal vorstellen, je eine andere zu wollen, je bei einer anderen zu liegen. Nie mehr. Es brannte wahrhaftig jede Zelle seines Körpers für Jane, und nur für Jane. Irgendwie war sie bereits ein Teil von ihm, war ihre Essenz tief in ihm verwurzelt. Er hegte den Verdacht, dass es immer ihr Schicksal gewesen war, sich zu begegnen und zusammen zu sein. Aber …

Wenn wirklich jemand auf ihn wartete, was dann? Trotz seiner schrecklichen Launen achtete er das Gesetz, und er nahm sein Wort niemals zurück. Oder doch?

Vielleicht. Aber … da war es wieder, dieses schreckliche, schreckliche Aber. Das Gesetz, seine Ehre, Treue, das alles spielte für ihn derzeit keine Rolle. Wenn er keine andere Frau wollte, würde er auch keine andere Frau akzeptieren. Er würde Jane nicht betrügen. So einfach war das.

Während er sich selbst, was das anging, für einigermaßen anständig hielt, glaubte er nicht, dass er auch ehrenhaft kämpfte. Er vermutete, dass er seine Schlachten gewann, auch wenn er zu unlauteren Mitteln greifen musste und seine Feinde ohne Gnade oder Reue bestrafte. Man brauchte sich ja nur einmal ansehen, was er mit den Wachen der Herzkönigin angestellt hatte.

Und vor vielen Jahren hatte er seine Armee durch das Reich Wolfyn geführt. Der Mond war hinter Wolken verborgen, die Bewohner des Königreichs schliefen friedlich in ihren Betten. Er und seine Männer hatten alles niedergemäht. Er hatte sich dafür gehasst, so etwas tun zu müssen, aber das hatte ihn nicht aufgehalten. Alles, um seinen Bruder zu retten …

Ein weiterer scharfer Schmerz beendete seinen Gedanken. Die Erinnerung war verloren. Zum größten Teil. Er hatte einst eine Armee geführt. Das hatte er schon früher vermutet, aber jetzt wusste er es. Er hatte. Er hatte sie geführt. Aber … was für eine Armee? Andere Vampire? Söldner? Oder war er im Auftrag des Königs unterwegs gewesen?

Die Antworten kamen nicht, und er knirschte mit den Zähnen, als seine Frustration ihn überwältigte.

Er konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Auf Jane. Er war bereit, für sie zu kämpfen. Er wollte sie in seinem Leben, und sie könnte durchaus etwas dagegen haben. Wenn dem so war, könnte es zu einem Streit kommen, und er würde alles tun, um sie zu behalten.

Endlich strich er ihr das Haar aus dem Gesicht und …

Sie hatte ein blaues Auge.

Nicolai erstarrte, und in ihm stieg noch stärkere Wut auf. Jemand hatte sie geschlagen. Wer hatte es gewagt, sie anzurühren?

Der animalische Instinkt in ihm kam brüllend an die Oberfläche, fauchte und lechzte nach Blut.

Ruhig, er musste ruhig bleiben. Vorerst. Hatte sie noch weitere Verletzungen? So sanft er konnte, rollte er sie auf den Rücken. In ihrem Gesicht waren keine weiteren Prellungen zu sehen. Ihre langen Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen, und er fuhr sie nach, nur um sicherzugehen. Sie waren zart, weich und warm. Ihre Lippen waren voll und rot, als hätte sie vor Sorge daraufgebissen.

Egal. Sie war wunderschön, ein unbezahlbares Kunstwerk.

An ihren Händen fand er mehrere Schnitte, aber die kamen vom Schärfen der Waffen. Er hatte selber oft solche Verletzungen gehabt. Noch eine Erinnerung, und dieses Mal ohne Schmerz. Er achtete nicht darauf. Jane war wichtiger.

Ihr ganzer Brustkorb war mit Prellungen überzogen, die von ihrem Rücken ausgingen, wo man sie ausgepeitscht hatte. Zum Glück trug sie keine weiteren Wunden aus der Schlacht davon. Wie also hatte sie das blaue Auge bekommen?

Sie bewegte sich im Schlaf und stieß noch ein schmerzerfülltes Stöhnen aus.

Ihr Rücken musste sie in dieser Stellung umbringen. Er hätte sie auf der Seite lassen sollen. Konnte er nie das Richtige tun, wenn es um diese Frau ging? Er schob ihr vorsichtig einen Arm unter die Schulter. Dann hob er sie hoch, bis sie fest an ihn geschmiegt lag und nichts mehr ihre Verletzungen berührte. Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Hals, fügte sich an ihn wie eines der Puzzleteile, von denen sie so viel hielt.

Sie legte ihre Hand auf sein Herz, als würde sie sein unregelmäßiges Schlagen gegen ihres messen. Sie war so vertrauensvoll, so vertrauenswürdig. Sie hatte ihn nicht verlassen, als sie die Gelegenheit dazu hatte. Und sie war so versöhnlich. Er hatte zugelassen, dass man sie auspeitschte, und doch kümmerte sie sich um ihn. Hatte sogar, bemerkte er erstaunt, seine Zähne gereinigt. Sein Mund schmeckte frisch, nach Minze.

Sie stöhnte wieder, aber dieses Mal, oh, dieses Mal war kein Schmerz in ihrer Stimme. Nur Verlangen. Ein so aufreizendes Geräusch. Sofort war er für sie bereit. Er biss sich auf die Zunge, und seine Fangzähne versanken tief in seinem Fleisch.

„Nicolai“, hauchte Jane schläfrig.

„Es ist alles gut, Jane. Schlaf weiter.“

„Nein, ich …“

„In Ordnung. Du kannst schlafen, nachdem du mir gesagt hast, wer dich geschlagen hat“, unterbrach er sie, ehe sie selbst etwas fordern konnte.

„Das warst du.“ Warmer Atem fuhr über seine Brust, kitzelte seine Haut.

„Was?“, brüllte er. „Ich?“

„Unfall. Mach dir keine Gedanken. Ich wollte mich auch nicht an dich kuscheln. Tut mir leid.“

Ihr tat es leid? „Jane. Mir tut es leid.“ Scham traf ihn, wie kein Gegner ihn je hätte treffen können. „Nenne mir eine Strafe, und ich werde sie sofort gegen mich anwenden.“

„Keine Strafe nötig, du dummer Mann. Ich habe doch gesagt, es war ein Unfall.“

Selbst das vergab sie ihm einfach so. Sie war so viel mehr wert als er. „Ich werde dir nie wieder wehtun, du hast mein Wort.“

„Du warst bewusstlos. Du konntest nichts dafür. Ich bin nur froh, dass du endlich aufgewacht bist. Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“

Sie will sich von mir wegrollen, dachte er, als er spürte, wie ihre Muskeln sich anspannten und auf Bewegung vorbereiteten. Er hielt sie fester. „Nein. Ich habe dich so hingelegt.“ Und du wirst so bleiben.

„Oh“, sagte sie, und er konnte sich nicht entscheiden, ob sie zufrieden klang oder verärgert. „Bist du, äh, durstig? Nach Blut, meine ich.“

Ja. „Nein.“ Sie war nicht dazu in der Lage, ihn zu füttern. Aber schon der Gedanke, sie zu kosten, ließ seine Fangzähne hervorschnellen, und sein Mund füllte sich mit Speichel.

„Okay. Gut, du fragst dich vielleicht, warum ich dich so oft gebadet habe, aber ich verspreche dir, ich habe dich nie mehr angefasst, als notwendig war. Okay, vielleicht schon, aber nicht viel. Und ich habe den Saum meines Kleides abgeschnitten, um daraus Waschlappen zu machen, damit du nicht ertragen musst, direkt von mir angefasst zu werden, während du bewusstlos bist.“

Ertragen? Der Gedanke an ihre zarten kleinen Hände auf seinem Körper brachte ihn an den Rand einer Explosion. „Danke, dass du dich um mich gekümmert hast.“

„War mir ein Vergn… ich meine, gern geschehen. Und, wie geht es dir jetzt?“

„Besser.“ Jetzt, da sie sich entspannt an ihn schmiegte. „Und dir?“

„Meine Beine tun weh.“

Ihre Beine, nicht ihr Rücken. Das war die erste Beschwerde, die sie je ausgesprochen hatte, und sie gab ihm nicht die Schuld dafür. Plötzlich und vollkommen wurde er von Entschlossenheit übermannt, die sich mit einem Gefühl der Dringlichkeit mischte. „Schmerzen vom langen Gehen?“

„Eine alte Verletzung.“

„Erzähl mir davon.“

„Autounfall.“ Sie hielt inne. „Ein Auto ist ein Fahrzeug, das man benutzt, um mit hoher Geschwindigkeit auf Straßen entlangzufahren. Nun, jedenfalls, zwei davon sind ineinandergerast. In einem davon saß ich. Meine Familie auch. Ich habe überlebt. Sie nicht.“

Er konnte sich nicht vorstellen, was sie beschrieben hatte, aber er konnte ihren Schmerz nachempfinden. „Ich kümmere mich um dich.“ Er legte sie vorsichtig auf den Boden und setzte sich auf.

„Kannst du nicht. Das kann nur die Zeit. Ich habe erst vor ein paar Monaten wieder angefangen zu laufen.“

„Du konntest nicht laufen?“ Als er sich umdrehte und durch die Bewegung genau zwischen ihren Beinen saß, wurden ihre Wangen heiß vor Scham, und sie bedeckte rasch ihre Brüste und ihren Bauch mit den Händen. Sie hielt ihren Blick starr auf die großen smaragdgrünen und weißen Blätter gerichtet, die ihnen die Sicht auf den Himmel versperrten.

„Fast ein Jahr nicht. Also, hey, habe ich schon erwähnt, dass ich mein Kleid gewaschen habe und deshalb fast nackt bin? Der Stoff war noch nicht trocken, und ich wollte dich nicht aufwecken, indem ich dich aus Versehen berühre, solange das Kleid noch kalt und nass ist. Aber wahrscheinlich hätte ich es doch riskieren sollen“, plapperte sie. „Meine Narben, ich weiß schon, sie sind hässlich, und so perfekt, wie du bist, bist du wahrscheinlich auch perfekte Frauen gewohnt. Ich meine, nicht dass du bei Laila eine Wahl gehabt hättest und nicht dass sie perfekt wäre. Aber vor ihr hattest du bestimmt …“

„Jane.“

Sie leckte sich die Lippen. „Ja?“

„Eins nach dem anderen. Du glaubst, deine Nacktheit stört mich?“

„Na ja, schon. Nach dem, was Laila dir angetan hat, dachte ich …“

„Du bist nicht Laila.“ Und jeder Teil von ihm wusste das.

„Das weiß ich, aber du bist ein Opfer von sexuellem Missbrauch, und ich … ich wollte nicht an deine Grenzen stoßen und dich aufregen.“

Aufregen? Ihn? „Ich habe dir schon gesagt, wie sehr ich dich begehre, Jane.“

„Schon, aber du brauchtest mich, um dich zu retten. Du hast mir Honig ums Maul geschmiert, sozusagen.“ Als er sie verständnislos anstarrte, fügte sie hinzu: „Du weißt schon, mich weichgekocht, damit ich tue, was du willst.“

Das war tatsächlich der Plan gewesen. Allerdings hatte sich vom ersten Augenblick an, als er sie gesehen hatte, alles geändert. Er hatte sich nur noch auf seine Instinkte verlassen. „Du bist wirklich klüger, als dir guttut, und du redest dir die lächerlichsten Dinge ein.“

Sie kniff die Augen zusammen, aber nicht weit genug, um das Feuer in ihnen zu verbergen. „Noch was, worüber du dich beschweren willst, du fauler Vampir?“

Seine Lippen zuckten. Selbst wenn sie wütend war, machte es ihr nichts aus, wie nahe sie einander waren. Ihre Knie lagen neben seinen Hüften, und die Beule in seinem Lendenschurz berührte fast, was der süßeste Ort auf dieser und jeder anderen Welt sein musste. Trotz ihrer Unsicherheiten vertraute sie ihm vollkommen.

Ihre Nacktheit war ihr aus Gründen unangenehm, die nichts mit ihm zu tun hatten, und das konnte er nicht zulassen. „Du weißt, dass ich erst vor Kurzem … gekommen bin“, sagte er.

„Na ja, jetzt weiß ich es“, sagte sie skeptisch.

„Zuletzt am Morgen deiner Ankunft. Wenige Stunden zuvor sogar. Nicht nur einmal, sondern zweimal. Und jetzt sieh mich an, Jane. Sieh ihn an.“

Ein leises Gurgeln war die Antwort.

„Sieh genau hin“, forderte er sie auf.

Dieses Mal gehorchte sie. Langsam, ganz langsam senkte sie ihren Blick. Sie keuchte auf, als sie entdeckte, in welchem Winkel sein Lendenschurz abstand.

„Wenn ich dich nicht begehren würde, wäre ich nicht hart.“

„Ich weiß.“ Ein heißes Seufzen.

„Jedes Mal, wenn du an deiner Anziehungskraft zweifelst, musst du einfach nur hersehen.“ Er legte eine Hand um seine Erektion und bewegte sie auf und ab, auf und ab. Der schmerzhafte, aber notwendige Druck entlockte ihm ein Zischen. „Dann wirst du daran erinnert, wie verlockend ich dich finde. So sehr, dass du dich in ständiger Gefahr befindest, verschlungen zu werden.“

„Aber meine Narben …“

„Deine Narben beweisen nur, wie stark und fähig du bist. Sie beweisen, dass du einen schrecklichen Unfall überlebt hast. Sie sind bezaubernd.“

„Wirklich?“, quietschte sie, und ihre Wangen wurden noch röter.

„Wirklich. Und nur, damit du es weißt, zwischen uns gibt es keine Grenzen.“

„Gibt es nicht?“

Er hörte auf, Hand an sich zu legen, ehe er aus Versehen abspritzte. „Nein.“

„Aber … aber … es gibt immer Grenzen.“

„Ach wirklich? Gibt es etwas, von dem du nicht willst, dass ich es mit dir tue? Eine Stelle an deinem Körper, die ich nicht berühren soll?“ Er wartete angespannt auf ihre Antwort. Vielleicht irrte er sich. Er könnte falschliegen, was ihre Gefühle betraf.

Sie schluckte. „Nein.“

Er entspannte sich. „Für mich gilt das Gleiche. Deshalb gibt es keine Grenzen.“

„Okay, ich glaube dir. Aber ich … ich finde, wir haben noch nicht ausreichend über die möglichen Auswirkungen von dem hier nachgedacht.“

„Dem hier.“ Einer sexuellen Beziehung? „Und ich finde, du denkst und analysierst zu viel. Wir werden es tun. Eines Tages. Nicht heute, aber bald.“

Noch ein Seufzen, und ihr ganzer Körper sackte in sich zusammen. „Das weiß ich auch. Ich fühle mich zu sehr zu dir hingezogen, um nicht irgendwann nachzugeben.“

Es gefiel ihm, dass sie es so offen und ehrlich zugab. „Gut. Haben wir damit alles abgedeckt, was dir Sorgen bereitet hat?“

„Na ja.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, bis sich dort ein kleiner Tropfen Blut bildete. „Ich habe nachgedacht.“

„Ich sagte bereits, dass du das viel zu oft tust.“ Ehe er merkte, was er tat, streckte er den Finger aus, nahm den Bluttropfen mit der Spitze auf und leckte ihn ab. Ihr Geschmack, so süß wie ihr Duft, prickelte auf seinen Geschmacksknospen, und er stöhnte.

Dunkler Abgrund, nichts hatte ihm je so gut geschmeckt. Das Bedürfnis nach mehr wuchs … wuchs … bis er schwitzte, keuchte, um seine Kontrolle rang.

Er würde sie nicht anfallen. Das würde er nicht.

Er hatte gewusst, dass sie ihm schmecken würde, aber wie sehr, damit hatte er nicht gerechnet.

„Ich könnte jederzeit nach Hause zurückkehren“, sagte sie, ohne die Veränderung in ihm zu bemerken. „Ich meine, du bist jetzt frei, und das war doch der Grund, aus dem du mich beschworen hast? Also kann es doch sein, dass die Magie, die mich hergebracht hat, bald nachlässt, ob du es willst oder nicht.“

„Nein“, brüllte er fast. Die Angst, sie zu verlieren, ließ ihn seinen Hunger vergessen.

Sie riss die Augen auf. „Nein?“

„Ich werde es nicht zulassen. Jetzt nicht und niemals.“

Niemals? Ja, er würde sie für immer behalten. Würde sie nie wieder gehen lassen.

„Einfach so?“ Sie schnippte mit den Fingern. „Du lässt es nicht zu, deshalb geschieht es nicht?“

Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen, als er sich zurücklehnte. „Ich bin noch nicht in Sicherheit. Also hast du noch nicht alle deine Pflichten erfüllt.“ Er würde sich einfach ständig in Gefahr begeben, wenn es sein musste. Er hatte schon zu viele Menschen, die er liebte, verloren. Den Schmerz konnte er einfach nicht ertragen. Den Schmerz. Den verdammten Schmerz, der seine Erinnerungen löschte. „Das Thema ist hiermit beendet.“

„Na schön“, schmollte sie. „Bist du morgens immer so grantig?“

Nur, wenn du davon sprichst, mich zu verlassen. „Würde ein grantiger Vampir dir sagen, dass du die schönste Frau bist, die er je gesehen hat?“, fragte er, entschlossen, sie beide zu beruhigen.

Ihre Augen und ihr Mund wirkten mit einem Mal weicher, sinnlich. „Nein.“

„Dann bin ich nicht grantig. Jetzt schließ die Augen und entspann dich.“ Wenn ihr Bernsteinblick seinem begegnete, würde er sich vergessen. Dann würde er sich hinabbeugen, sie küssen, bis sie nach Atem rang, und dann zu ihren Adern vorstoßen. Und wenn er seine Zähne in sie versenkte, würde er auch zwischen ihren Beinen versinken müssen. „Ich werde deinen Schmerz lindern.“