18. KAPITEL
Sie zogen sich rasch und leise an, und Jane packte eine kleine Tasche mit dem Notwendigsten zusammen. Zum Beispiel das Buch – Nicolai war hocherfreut gewesen, es zu sehen –, einige Kleider, Proviant und einen Schlauch Wasser. Laila hatte keine Waffen für Odette mitgebracht, was Jane enttäuschte, aber nicht überraschte.
„Wie willst du in ihre Träume eindringen?“, fragte sie Nicolai.
„Ich werde dir alles darüber erzählen.“ Er stellte sich vor sie und griff ihre Schultern. Er trug wieder die Maske des Sklaven. „Wenn ich fertig bin.“
Sie wusste, was das bedeutete – er begab sich in Gefahr –, und sie war, verdammt noch mal, nicht einverstanden. „Ich komme mit dir.“
Er seufzte, als hätte er mit dieser Antwort schon gerechnet und sich damit abgefunden. „Ich möchte dich auch in den Traum mitnehmen, und ich werde es versuchen. Aber weil ich so etwas noch nie gemacht habe, weiß ich nicht, ob es funktioniert. Bis dahin will ich, dass du hierbleibst.“
„Warum?“
Er fuhr mit der Zunge über einen Schneidezahn. „Wenn ich sie nicht zwingen kann, sich selbst zu verletzen, muss ich all ihre Macht in mich aufnehmen. Alle Macht und alle Zauber, die sie auf sich selbst gelegt hat.“
Jane riss die Augen auf. „So was kannst du?“
Er nickte steif. „Wahrscheinlich werde ich diesen Weg gehen müssen. Ich habe schon versucht, in ihre Träume einzudringen, während du geschlafen hast, und bin auf unerwarteten Widerstand gestoßen. Wenn ich diesen Widerstand auch aus nächster Nähe nicht überwinden kann, muss ich etwas tun, um ihre Mauern zu durchbrechen und ihre Magie zu stehlen. Etwas … ohne Gewalt.“
Sie verstand, was er meinte, und wollte sich übergeben. Oder vielleicht jemanden schlagen. „Zum Beispiel … sie küssen?“ Oder mehr.
Noch ein Nicken, kaum merklich dieses Mal.
„Du kannst sie nicht einfach abstechen?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Nicht ohne selbst zu sterben. Sie hat einen Zauber auf sich gelegt, der jede Verletzung, die ich ihr zuzufügen versuche, auf mich selbst zurückfallen lässt.“
„Okay, dann kommt das nicht infrage.“ Jane kaute auf ihrer Unterlippe, spürte die Schnitte dort und merkte, dass sie in letzter Zeit sehr oft nervös daran gekaut hatte. „Das erklärt wahrscheinlich die Ausstrahlung von Macht, die ich bei ihr wahrgenommen habe.“
„Das hast du gespürt?“
„Jepp.“ Sie drückte ihre Schultern durch. „Und okay. Gut. Wenn du sie küssen musst, musst du sie eben küssen. Und glaub mir, ich beneide dich nicht darum. Das geht ein bisschen zu weit für das Wohl der Allgemeinheit. Ich meine, ich würde mich lieber selbst erdolchen, als sie zu küssen.“
Fast musste er lachen. „Das ist nicht lustig, Jane.“
„Ich weiß.“ Aber ihr war es lieber, dass er lachte, statt sich um ihre Reaktion zu sorgen. „Wenn du überlebst, bin ich mit dem Plan einverstanden. Bitte sag mir, dass du sie verletzen kannst, sobald du ihre Macht aufgenommen hast.“
„Ja.“ Er strahlte reine Entschlossenheit aus. „Das kann ich.“
„Dann hast du wenigstens was davon, dem Teufel deine Zunge in den Hals zu stecken.“ Sie boxte ihn spielerisch in die Seite. „Viel Glück, Tiger.“
Dieses Mal lachte er wirklich. „Danke. Bleibst du jetzt bitte hier?“
„Nein, tut mir leid. Ich kann vielleicht selbst keine Magie wirken, aber Laila glaubt immer noch, ich wäre Odette. Du könntest mich brauchen. Deswegen werde ich nicht von deiner Seite weichen.“
Ein Augenblick verging, ohne dass er etwas sagte, dann ein weiterer. Schließlich kniff er sich in die Nasenwurzel. „Also gut. Du kannst mit mir kommen. Falls etwas schiefgeht, machst du dich, so schnell es geht, auf den Weg nach Elden und suchst nach Prinz Dayn. Vertrau niemandem sonst. Sag ihm, du gehörst zu mir. Sag ihm, du bist meine Angetraute.“
Wie traurig er auf einmal klang. Beim Gedanken daran, sie zu verlieren? „Wird er mir glauben?“ Nicht dass sie vorhätte, wirklich zu gehen. Das bestimmt nicht, aus keinem Grund. Sie würden zusammen sein.
„Ich habe dich gezeichnet, also ja. Ja, das wird er. Er ist ein Bluttrinker, so wie ich.“
Als er sich abwenden wollte, griff sie nach seinem Arm. Eine winzige Geste, aber sie zeigte Wirkung. „Du hast deinen Bruder gefunden?“
„Noch nicht. Aber ich habe das Gefühl, dir kann gelingen, worin ich versagt habe.“
Wieder drehte er sich um. Wieder hielt sie ihn fest. „Dann bist du wirklich ein Prinz?“
„Ja“, antwortete er wieder. „Der Kronprinz, dessen Schicksal es ist, ganz Elden zu regieren.“
Dieses Mal blieb er stehen und wartete auf eine Antwort. Sie ließ ihn los und zuckte mit den Schultern. „Das erklärt einiges.“
Er blinzelte zu ihr hinab. „Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
„Nein.“ Er war königlich. Na und? Jeder hatte Fehler.
Sie beugte sich vor, griff nach dem Riemen ihres Beutels und hob sich das schwere Ding auf die Schulter. Der Riemen schnitt in ihr Fleisch, aber sie gestattete es sich nicht, zusammenzuzucken. Nicolai würde ihr die Last dann abnehmen, und er musste beide Hände frei haben.
„Erwarte aber nicht von mir, dass ich brav danebenstehe und tue, was du sagst. Das läuft nicht. Also, gehen wir oder was?“
Seine Augen lagen hinter seinen Wimpern verborgen, als er sich vorbeugte, sie in seine Arme schloss und sie sanft und liebevoll küsste, ganz wie ein zärtlicher Liebhaber, der seine Dankbarkeit ausdrückte. Wofür, fragte sie sich, vergaß die Frage aber gleich wieder. Ihre Lippen kribbelten. Ihre Zungen berührten sich kurz, und sie konnte ihn schmecken. Wollte mehr. Immer, immer wollte sie mehr.
Er richtete sich auf und seufzte. „Ich will nicht, dass ihre Magie dich trifft, Jane. Wenn ich versage und sie sich gegen dich wendet …“
„Stock und Stein brechen mir das Bein, aber ich bin wahrscheinlich ein Vampir, also ist es mir egal. Ich heile gleich wieder.“
Er runzelte verwirrt und wütend die Stirn. „Niemand wird dir ein Bein brechen.“
Sie tätschelte ihm die Wange. „Ich habe dir bereits gesagt, dass ich mit dir komme, und das ist mein letztes Wort. Hör auf, mir das ausreden zu wollen.“
Vielleicht konnte er ihre Entschlossenheit spüren. Vielleicht hasste er den Gedanken, von ihr getrennt zu sein, genauso sehr wie sie selbst. Wie dem auch war, er ließ sie los und nickte. „Stures Stück.“
„Ich nehme an, damit meinst du eigentlich ‚anbetungswürdige Frau‘.“
„Stimmt.“ Er nahm ihre Hand und führte sie hinaus in die Nacht. Der Mond war hinter schweren dunklen Wolken verborgen, die Luft kühl und feucht. Ein Sturm schien aufzukommen.
Einige Schritte entfernt prasselte ein Lagerfeuer und beleuchtete sie mit goldener Wärme, aber es waren keine Wachen in der Nähe. Tatsächlich gab es nirgends ein Anzeichen von Leben. Nicht einmal vor Lailas Zelt. Jane wusste, dass die Männer in der Umgebung patrouillierten. Sie konnte ihre Herzen schlagen hören. Klopf-klopf. Klopf-klopf.
„Irgendetwas stimmt nicht“, sagte Jane.
„Ich weiß“, antwortete er mit tonloser Stimme.
„Vor ihrem Zelt sollten Wachen stehen. Warum hat sie die fortgeschickt?“
„Sie muss mich erwarten.“
Konnte denn nie etwas glattlaufen? „Wir sollten verschwinden. In ein paar Tagen wiederkommen. Wenn sie weiß, wer du bist, greift sie dich direkt an.“
„Oh ja, das wird sie.“ Seine Stimme war immer noch tonlos, aber die Entschlossenheit verlieh ihr einen gefährlichen Klang. „Vielleicht trauen wir ihr aber auch zu viel zu. Möglicherweise weiß sie es nicht, sondern vermutet es nur. Wie auch immer, heute Nacht wird sie sterben.“
Er sprach wie jemand, dem nicht mehr viel Zeit blieb. Jane erinnerte sich an seinen Drang, nach Elden zurückzukehren. Ein körperliches Bedürfnis, das ihn langsam umbrachte, hatte er gesagt. Vielleicht war das gerade der Fall.
Als er also auf das Zelt zuging und ohne zu zögern eintrat, versuchte Jane nicht, ihn aufzuhalten. Die Laternen brannten noch, und ihre Augen passten sich sofort an. Im Gegensatz zu vorher tanzten keine Sklaven mehr in der Mitte.
Sie stellte bestürzt fest, dass Laila nicht in ihrem Bett schlief. Stattdessen lag sie auf ihrer Liege und nippte an einem Kelch. Sie wartete.
„Endlich“, sagte sie gelassen. Sie streichelte den Zeitmesser, der um ihren Hals hing. Einen Zeitmesser, den sie eben noch nicht getragen hatte. „Und jetzt habe ich meine Antworten.“
„Worauf?“ Nicolai schob Jane hinter sich.
Sie legte ihre Hände auf seinen Rücken und spürte, wie die Muskeln dort sich anspannten.
Wut verzerrte Lailas Miene für den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie ihre Züge wieder glättete. „Du bleibst, wo du bist, Sklave. Und glaube mir, du wirst nicht in der Lage sein, dich nur kraft eines Gedankens von einem Ort zum anderen zu bewegen, versuch es also gar nicht erst.“
Hatte sie ihre Magie benutzt, um ihn an diesen Ort zu fesseln? Jane stellte sich neben ihn – und stellte fest, dass Laila genau das getan hatte. Sie merkte es daran, dass ihre Füße so schwer wie Mühlsteine wurden. Laila hatte sich nicht bewegt, sie hatte nicht einmal geblinzelt, und doch war es ihr irgendwie gelungen, Magie zu benutzen.
Angst machte sich in ihr breit wie kleine Pfeile, die ihr Gift schnell verteilten. „Mutter wird sehr enttäuscht von dir sein“, sagte sie.
„Wird sie?“ Laila lächelte und wendete ihre Aufmerksamkeit Jane zu. „Oder wird sie stolz auf mich sein, weil ich eine Hochstaplerin vernichtet habe?“
Atmen, einfach atmen.
„Vorhin, als ich die Menschenfrau habe umbringen lassen, konnte ich deine Verstörung und deinen Ekel spüren. Ich habe mich gefragt, warum. Das hat meine Schwester beides nie empfunden. Dann habe ich gespürt, wie jemand durch meine Gaben wühlt. Ich habe mich gefragt, wer, aber keinen Zauber gesprochen, um diese Person aufzuhalten oder zu verletzen, weil ich herausfinden wollte, was sie will. Stell dir vor, wie überrascht ich war, als sie – er – sich für meinen magischen Spiegel entschieden hat.“
Sie würde nicht nachfragen. Konnte nicht. Noch nicht.
„Und stellt euch vor, wie überrascht ich war, als mein mehr als treuer Sklave aufgehört hat, mich zu begehren. Auf die gleiche Weise, wie ein anderer Sklave aufgehört hat, mich zu begehren.“
„Nicolai hat dich nie begehrt“, spie Jane aus.
Laila zuckte ungerührt mit den Schultern. „Er hat auch dich nie begehrt. Im Grunde war er, glaube ich, erleichtert, als ich angefangen habe, mich um ihn zu kümmern. Dann tauchst du plötzlich von den Toten auf, und er kann die Augen nicht mehr von dir lassen. Er sehnt sich nach dir, entführt dich sogar. Nicht um dich als Schild zu benutzen, sondern weil er es nicht ertragen kann, von dir getrennt zu sein. Irgendetwas stimmte da nicht, das wusste ich genau. Jetzt weiß ich auch, was nicht stimmt.“
„Und was genau weißt du?“, fragte Nicolai so gelassen, als würden sie sonntags beim Brunch sitzen und sich über das Wetter unterhalten.
Jane sah zu ihm auf. Er hatte die Maske fallen lassen. Dort waren sein dunkles Haar, seine silbernen Augen. Seine breiten Schultern, seine Muskeln, die den Stoff seiner dunkelblauen Robe spannten. Ein schöner Mann, den sie mit ihrem Leben beschützen würde.
„Die Frau neben dir ist nicht meine Schwester“, sagte Laila. „Ihr Name ist Jane, richtig?“
Atme. „Ich bin Odette. Du kannst mir nicht das Gegenteil beweisen.“
„Wirklich? Nun, vielleicht hast du recht.“ Wut schwang im Tonfall der Prinzessin mit, und ihre Worte waren so scharf wie Klingen. „Früher konnte ich durch die Augen von anderen sehen. Diese Fähigkeit hat man mir geraubt. Ist aber auch nicht wichtig. Ich weiß noch, dass Nicolai in seiner Zelle mit jemandem gesprochen hat. Einer Frau. Jane. Niemand sonst konnte sie sehen. Wir dachten, er ist verrückt geworden.“ Sie lachte selbstgefällig, und selbst ihre Belustigung war verletzend. „Aber dein Name ist Jane, darauf möchte ich wetten, und du bist ein Mensch.“
Jane konnte spüren, wie die Wut in Nicolai pulsierte. „Vielleicht bist du die Wahnsinnige.“
Laila richtete sich aus ihrem Sessel auf. Sie heftete ihren Blick auf Nicolai. „Oh nein, das wirst du lassen, Sklave. Wie du gemerkt haben dürftest, habe ich einen Zauber gesprochen, der dich daran hindert, weitere Gaben von mir zu stehlen. Während ihr zwei euch … vergnügt habt, habe ich meine Magie gestärkt.“ Hatte er es versucht?
„Bis auf die Tatsache“, sagte Nicolai mit einem Lächeln, das ganz sein eigenes war, weiß und tödlich, „dass ich alle Gaben, die du benutzt, auch gegen dich anwenden kann. Das kannst du nicht verhindern.“
„Nein, du kannst nicht …“, kreischte Laila. Sie hatte versucht, auf sie zuzutreten, aber ihr Fuß blieb mitten in der Luft hängen.
„Doch, das kann ich. Dich auf der Stelle festzuhalten fügt dir körperlich keinen Schaden zu, im Grunde rettet es dich sogar vor meinen Klauen. Du solltest dich also freuen. Dein Schutzzauber wirkt.“
„Lass mich frei, oder ich rufe die Wachen.“
Er hob spöttisch eine Augenbraue. „Und du meinst, sie werden dir glauben, was Odette betrifft? Werden sie nicht, das wissen wir beide. Deine einzige Chance ist, sie freizulassen. Tu es, und wir werden reden. Du und ich. Allein.“
„Klar. Denkst du, ich bin so dumm?“
„Na ja …“, sagte Jane.
Laila warf ihr einen wütenden Blick zu, fuhr aber fort: „Schwöre, dass du nicht versuchen wirst, mich zu töten, und keine Gaben stiehlst, die ich benutze, und ich werde darüber nachdenken.“
Nicolai öffnete den Mund, wahrscheinlich um zuzustimmen, aber Jane ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich gehe nirgendwohin. Egal, was ihr beiden ausmacht.“ Und sobald sie konnte, würde sie einen Schnellkurs in Magie belegen. Sie wollte die Regeln kennen. Was eine Hexe konnte und was sie nicht konnte. Sie wollte wissen, wie man sie aufhielt. Wie man sie vernichtete.
„Wie wäre es damit, Nicolai“, sagte Laila und lächelte wieder. „Wir finden heraus, welchen Schaden ich deiner Jane zufügen kann, ohne auch nur einen Schritt zu gehen.“
Einen Augenblick später hatte Jane das Gefühl, ihr Kopf explodierte. Sie schrie auf, legte ihre Hände an die Ohren und spürte, wie warmes Blut auf ihre Handflächen tropfte. Ihre ganze Welt bestand nur noch aus dem pochenden Schmerz, und sie nahm um sich herum nichts mehr wahr.
Ihre Knie gaben unter ihr nach, aber ihre Füße waren immer noch an den Boden gebunden. Sie konnte sich also nur krümmen, schreien und um ihren Tod beten. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen. Doch dann verging der Schmerz genauso schnell, wie er gekommen war.
Langsam wurde sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst, und ihr wurde klar, dass es jetzt Laila war, die schrie.
Nicolai, dachte Jane benommen. Nicolai musste sich ihre Fähigkeit angeeignet haben, anderen den Verstand zu zerquetschen – oder was auch immer sie da getan hatte –, und benutzte sie jetzt gegen die Prinzessin. Aber auch er stöhnte, als würde der Schmerz in ihm explodieren.
Lailas Schreie verstummten plötzlich. Nicolai war eine Sekunde später ebenfalls ruhig.
Es waren nur noch keuchende schwere Atemzüge zu hören. Jane versuchte sich aufzurichten, aber ihr fehlte die Kraft. Sie sah, dass ihre Tasche hingefallen war und ein wenig entfernt von ihr lag. Sie war so schweißgebadet, dass ihr Kleid hundert Pfund schwer zu sein schien.
Es gelang ihr, den Kopf zu wenden und zu Nicolai hinaufzusehen. Er sah nicht sie an, sondern Laila, mit zusammengekniffenen Augen. Er strahlte puren Hass aus.
„Du hast gesehen, was ich gesehen habe“, presste Laila hervor. „Dein kostbarer Mensch hat deine Art erforscht. Sie aufgeschnitten, sie gequält. Sag mir, waren sie deine Freunde?“
Oh nein, dachte Jane. Nein, nein, nein. Irgendwie hatte er zwar gewusst, dass sie Forschungen und Experimente an seiner Art durchgeführt hatte, aber er hatte nichts von ihren Opfern gewusst. Hatte sie einen seiner Freunde gefangen?
„Willst du sie immer noch beschützen?“, wollte Laila wissen. „Willst du immer noch ihr Geliebter sein?“
Stille.
Eine so bedrückende Stille.
Bitte sag mir, dass du keinen von ihnen kanntest. Wenn doch, würde er sie hassen.
„Was willst du, Prinzessin?“, fragte Nicolai, seine Stimme ohne jede Emotion.
In Janes Kehle entstand ein Kloß, der ihr fast die Luft abschnitt. Er tat es. Er hasste sie. Sie musste sich entschuldigen, sich erklären, aber hier und jetzt war das nicht möglich.
Er kann dich nicht hassen. Er liebt dich. Er wird dir vergeben. Irgendwann. Sie hoffte es.
Laila hob ihr Kinn, und ihre Augen leuchteten siegessicher. Diese grausamen grünen Augen. „Ich will, dass du dich an mich bindest. Für immer.“
Er schnaubte. „Nein. Was hätte ich davon?“
„Ich würde dir gestatten, das Mädchen umzubringen.“ Sie winkte in Janes Richtung.
Säure brannte ein Loch in Janes Bauch.
„Ich werde sie umbringen“, sagte er gefühllos, „aber ich muss mich nicht versklaven, um das zu tun.“
Oh Gott, Jane war zu einem seiner Feinde geworden, sie war ihm verhasst, er musste sie um jeden Preis vernichten. „Nicolai. Bitte. Es tut mir so, so leid.“
Er ließ sich nicht dazu herab, sie anzusehen. Er hob nur seine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Ich habe deine Erinnerungen genommen. Ich. Ich wollte, dass du mich rettest. Du siehst also, ich war nie wirklich an dir interessiert. Nur daran, was du für mich tun konntest. Spar dir deine Entschuldigungen.“
Er hatte … was? Warum sollte er …
Plötzlich brach alles wieder auf sie ein, als wäre in ihrem Kopf ein Glaskäfig zerplatzt. Sie hatten sich unterhalten, sie hatten Wissen ausgetauscht. Herausgefunden, dass sie verflucht war. Er hatte gewusst, dass es ihn in Gefahr bringen würde, wenn sie die Grenze übertrat, um ihn zu retten. Aus genau dem Grund hatte sie sich geweigert. Er hatte ihr die Erinnerung genommen und sie gezwungen.
Damals hatte sie gedacht, sie würde ihn dafür verachten. Stattdessen war sie froh, dass er es getan hatte. Froh, ihm geholfen zu haben, ihn befreit zu haben, ihn geliebt zu haben. Sie verstand sogar, was ihn dazu gebracht hatte. Als sie ans Krankenbett gefesselt gewesen war, hatte sie versucht, mit Gott einen Handel um ihre Freiheit zu schließen. In diesem Gemütszustand tat man Dinge. Dinge, auf die man nicht immer stolz war.
Warum war sie dann aber nicht für immer nach Hause zurückgekehrt, wie der Fluch es verlangte? Sie liebte ihn. Sie hätte ihn bereits verlieren sollen.
Oder war es sein Hass, der sie für immer trennen würde, nicht ihre Abwesenheit? Ihr Magen überschlug sich.
„Dann bringe ich sie eben um“, sagte Laila.
„Mit Magie?“ Nicolai lachte. „Bitte tu das. Dann habe ich die Macht, dich umzubringen.“
„Nicht wenn ich erst dich umbringe und dann das Mädchen.“
„Du willst mich nicht tot, Prinzessin. Du willst mich fügsam.“ Er legte den Kopf schief. „Warum hast du meine Erinnerungen vergraben? Nicht die über das Mädchen, sondern alle. Ich weiß, warum du meine Gaben blockiert hast, aber die Erinnerungen …“
Ein selbstzufriedenes Glitzern trat in ihre Augen. „Du willst es wissen? Na gut, dann sage ich es dir. Ich bin nicht das Monster, für das du mich hältst.“
Er verschränkte die Arme vor der Brust.
„Du bist auf dem Sklavenmarkt in Delfina aufgetaucht, und alle nahmen an, du wärst der Doppelgänger von Prinz Nicolai. Alle wollten dich kaufen. Ich, Odette. Die Reichen, die Armen. Nur Odette und ich wussten, dass du wirklich Prinz Nicolai von Elden bist, Kronprinz, Vampir und mächtiger, als man es sich vorstellen kann.“ Wieder streichelte sie den Zeitmesser. „Du hast wild gekämpft und mehrere Personen umgebracht, die sich dir einfach nur genähert hatten, um dich genauer zu betrachten. Dann bist du geflohen.“
Er riss seine Augen ein wenig auf, ungewollt, da war Jane sich sicher. Sie nahm an, er hatte sich an diesen Teil seines Lebens noch nicht wieder erinnert. Sie wollte die Hand nach ihm ausstrecken, fürchtete aber, von ihm zurückgewiesen zu werden.
„Odette hat dich freigelassen, nachdem sie deine Macht blockiert hatte. Sie wollte, dass du vom Markt fortkommst, fort von den neugierigen Augen anderer. Gerade war die Nachricht aus Elden eingetroffen, dass man den König und die Königin hingerichtet hatte.“
Ein scharfes Einatmen war Nicolais einzige Antwort. Wie tat Jane das Herz um ihn weh.
„Wie du dir denken kannst, hätte Odette dich nicht freigelassen ohne eine Möglichkeit, dich hinterher wieder einzufangen. Doch du bist uns immer wieder entwischt. Sie hatte fast ein Dutzend Male Erfolg – immer wieder hast du versucht, nach Elden zurückzukehren –, doch dir sind jedes Mal neue Methoden eingefallen, ihr zu entwischen. Schließlich ist sie, als sie dich endlich gefangen hatte, tief in deinen Verstand eingedrungen. Du hast die Ereignisse damals vielleicht nicht selbst gesehen, aber du wusstest davon. Du hattest die Nachricht gehört, wie wir alle, und die Magie hat dir den Rest eingeflüstert.“
„Erzähl es mir“, krächzte er.
„Um das Land in seine Gewalt zu bringen, hat der Blutmagier angegriffen. Als deine Mutter und dein Vater im Sterben lagen, haben beide einen Zauber gesprochen. Deine Mutter, um dich in die Sicherheit zu schicken. Dein Vater, um dich mit dem Durst nach Rache zu erfüllen.“
Jane konnte spüren, wie Nicolais Wut anstieg … schärfer wurde …
„Odette konnte nicht zulassen, dass du immer wieder versucht hast, zurückzukehren“, fuhr Laila fort. „Und sie konnte dir auch nicht erlauben, nach deinen Geschwistern zu suchen. Wenn sie gewusst hätten, dass du noch am Leben bist, wären sie gekommen, um dich zu finden. Sie mussten also denken, dass du gestorben bist, zusammen mit deinen Eltern ermordet. So ist nie jemand gekommen, um dich zu retten.“
Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Und jetzt“, fügte Laila hinzu, „jetzt ist es zu spät.“
„Was soll das heißen?“, presste er hervor.
„Zwanzig Jahre sind vergangen, seit der Blutmagier den Palast angegriffen hat.“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Oh doch.“ Ein flüchtiges Lächeln. „Du warst dir des Verstreichens der Zeit genauso wenig bewusst, wie du es deiner Vergangenheit warst. Dafür hat Odette gesorgt.“ Laila hob ihr Kinn. „Also. Was hältst du von diesem Handel? Ich helfe dir, den Blutmagier zu besiegen, wenn du das Menschenweib umbringst. Hier und jetzt.“
„Und ich soll die Verbrechen, die du an mir begangen hast, einfach vergessen?“, wütete er.
Wenigstens hatte er nicht sofort eingeschlagen, dachte Jane düster und trocken. Wenn er sich derart wütend gegen sie wendete – das könnte sie nicht vergeben. Es sei denn, es wäre ein Trick. Es sei denn, er versuchte nur, Lailas Vertrauen zu erlangen.
Die Hoffnung starb zuletzt.
„Entweder das, oder ich lasse deine Erinnerung noch einmal von der Heilerin löschen. Das mussten wir schon ein paarmal tun, weißt du?“
Fester und fester ballten sich seine Hände zu Fäusten. „Du würdest mir vertrauen, dass ich dir nichts antue?“
„Nein. Du wirst einen Bluteid schwören, es nicht zu tun. Bevor ich dich freilasse und nachdem du das Mädchen umgebracht hast.“
Jane schluckte, und ihr Mund wurde trocken.
Dieses Mal zögerte Nicolai nicht. „Na gut. Erlöse uns aus deinen magischen Fesseln, und ich schwöre, dich nie zu töten oder dir zu schaden. Hilf mir, meinen Feind umzubringen, und ich … ich werde das Mädchen umbringen.“